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Berliner Zielbestimmung

Dyno Loewenstein erinnerte sich am 29. Oktober 1976 in einem Gespräch mit Joseph Persico an den ersten Eindruck, den er an diesem Tag, 32 Jahre früher, von Fred Mayer gewonnen hatte: Er ist sehr direkt. Er ist sehr angenehm. Er ist sehr hartnäckig und willensstark. Es ist ihm ernst. Er würde alles tun. Er würde sich opfern – ohne es anzustreben –, aber er würde, wenn nötig, nicht weniger als alles tun, wenn es hilft.139

Dass es ihnen mit der Sache ernst war, um die es ging, verband Dyno Loewenstein mit Fred Mayer, Hans Wijnberg, Alfred Rosenthal, George Gerbner und Robert Steinitz. Als Loewenstein im Mai 1943 das Bewerbungsformular für das OSS ausfüllte – er war 29 Jahre alt –, kam er zu Punkt 26c: »Führen Sie alle Sportarten und Hobbys an, die Sie interessieren.« Loewenstein schrieb in dieser Reihenfolge: Ökonomische Forschung, Arbeiterorganisation, soziale Gesetzgebung, Bildung, Jugendprobleme. Mit diesen Themen setzte er sich mit einer Ernsthaftigkeit auseinander, die ein in Arbeit und Freizeit, in Beruf und Hobby eingeteiltes Leben nicht kannte.140 Man denkt unweigerlich an Adornos Feststellung »Ich habe kein Hobby« und seine Erklärung, es sei ihm ohne Ausnahme mit allem, mit dem er sich außerhalb des offiziellen Berufs abgebe, so ernst, dass es kein Extra gebe.141

Adorno sprach den Satz 1969 in einem Vortrag im Deutschlandfunk zu einem Zeitpunkt, als die Arbeiterbewegung zum integralen Funktionsgetriebe der kapitalistischen Produktions- und Konsumationsprozesse geworden war und die Freizeit zwar streng von der Arbeitszeit getrennt wurde, aber ebenso wie diese zur Warenwelt gehörte. Sich seinen tatsächlichen Interessen mit aller Aufmerksamkeit widmen zu können war in der durchökonimisierten Gesellschaft der späten 1960er-Jahre ein Luxus für wenige.

Dreißig Jahre früher war es für Dyno Loewenstein kein Luxus, sondern dringlich und notwendig gewesen, kein Hobby zu haben. In mehrfacher Hinsicht. Sein Vater, der Berliner Sozialdemokrat und Pädagoge Kurt Löwenstein, widmete sein Leben (1885–1939) vollständig der Frage, wie in der kapitalistischen Gesellschaft Freiräume geschaffen werden können, um Arbeiterkindern die Entwicklung zu freien Menschen zu ermöglichen, zu Menschen, die so weit wie möglich sinnentleerten Tätigkeiten ökonomischer Reproduktion entsagen können, um Zeit zu haben, eine friedliche Gesellschaft ohne Ausbeutung und Ungleichheit praktisch zu erproben. Das hatte Kurt Löwenstein im Sinn, als er 1924 die größte freipädagogische Organisation der Weimarer Republik, die ›Kinderfreunde‹, gründete, als er als Stadtrat für die Einführung einer reformpädagogischen, weltlichen Gesamtschule ohne Religionsunterricht eintrat und von 1920 bis 1933 als sozialdemokratischer Abgeordneter im deutschen Reichsrat saß. Wenn die Kinder den bürgerlichen ›Drillschulen‹ nicht entkamen, sollten sie zumindest am Nachmittag bei den Kinderfreunden und in den Ferien in ›Kinderrepubliken‹, Sommerlagern, die er noch im Exil in Frankreich und Belgien organisierte, Selbstachtung, Selbstbewusstsein, Kritikfähigkeit, demokratische Umgangsformen, genossenschaftliche Arbeit und internationale Solidarität erlernen. Jede Art von Kriegsspielen und militärischem Spielzeug war verpönt, Friedensgelöbnisse und Antikriegskundgebungen gehörten stattdessen zu den Ritualen der Kinderfreunde. Die Verwirklichung dieser Visionen in der Gegenwart beschäftigte Kurt Löwenstein rund um die Uhr, wie Dyno, der selbst bei den Kinderfreunden und der Arbeiterjugend aktiv war, in einer biografischen Skizze über seinen Vater schrieb. »Jeder anständige Mensch ist müde!«, soll er einem Mitarbeiter gesagt haben, der über zu wenig Schlaf klagte.142 Das war das eine, Emanzipation, um das es umfassend zu kämpfen galt.

033 Dyno, Mara und Kurt Löwenstein, 1934.

Das andere, das abzuwehren war, der Hass der Antisemiten, trat Kurt Löwenstein entgegen, seit er sich öffentlich engagierte. Er hatte eine Rabbinerschule für die Ausbildung zum jüdischen Theologen besucht, diese aber abgebrochen, weil ihm Zweifel an seinem religiösen Weltbild gekommen waren, blieb aber seinem Studienfreund Immanuel Lewy zufolge stark beeinflusst von der humanitären und sozialen Ethik des biblisch-rabbinischen Judentums.143 Der ›rote Jude Löwenstein‹ war ein beliebtes Ziel der bürgerlichen und katholischen Presse, und als die Nationalsozialisten im Jänner 1933 an die Macht kamen, zerfiel der staatliche Schutz für die Familie schnell. Am 27. Februar 1933 drangen uniformierte SA-Männer gewaltsam in ihre Wohnung in Neukölln ein und demolierten sie. Kurt Löwenstein konnte sich mit seiner Frau Mara und Dyno im Schlafzimmer verbarrikadieren. Die Angreifer schossen mehrfach durch die geschlossene Tür in den Raum. Als die Polizei erschien, ließen sie ab. Das Leben von Kurt Löwenstein war in Gefahr. Er flüchtete in die Tschechoslowakei, seine Familie folgte ihm einige Wochen später.

Kurt Löwenstein hatte für den Sommer 1933 eine internationale Kinderrepublik in Ostende in Belgien organisiert, das war die nächste Station der Familie. Alle drei, auch Dyno, arbeiteten dann im Exil in Paris am Aufbau einer sozialdemokratischen Internationale für Kinder- und Erziehungsorganisationen weiter. Dyno konnte an der Sorbonne studieren und schloss mit einem Diplom in Statistik ab, danach arbeitete er im Auftrag einer internationalen Lehrerföderation als Bildungsforscher für den Völkerbund. In dieser Zeit lernte er neben deutschen Sozialisten im Exil führende Funktionäre der Arbeiterbewegung in Frankreich, der Schweiz, Dänemark, Belgien und England kennen. Anfang August 1939 starb Kurt Löwenstein mit 54 Jahren an einem Herzinfarkt. Wenige Wochen später, mit Kriegsbeginn, wurde Dyno wie die meisten Deutschen in Frankreich zunächst interniert und trat dann als Arbeitssoldat der französischen Armee bei. Nach der deutschen Invasion flüchtete er nach Südfrankreich, wo er in Montauban mit seiner Mutter Unterschlupf fand – der sozialistische Bürgermeister der Stadt bot tausenden durch Südfrankreich irrenden Flüchtlingen zumindest ein Dach über dem Kopf.

Da er über sehr gute Kontakte verfügte, fließend Französisch sprach und es verstand, sich unter restriktiven Bedingungen im Land zu bewegen, konnte Dyno 1940 dem amerikanischen Journalisten Varian Fry bei dessen Arbeit für die Fluchthilfeorganisation ›Emergency Rescue Committee‹ (ERC) wertvolle Hilfe leisten. Das ERC hatte Fry nach Frankreich geschickt, um die Flucht prominenter Politiker und Künstler in die USA zu organisieren, nachdem die französische Regierung im Waffenstillstandsabkommen mit Deutschland der Aufhebung des Asylrechts zugestimmt hatte. Damit oblag es der Willkür der französischen Polizei, ob sie Flüchtlinge an die Gestapo auslieferte. Umgekehrt bedeutete es, dass die Fluchthelfer sich zum Teil illegaler Techniken und Methoden bedienen mussten, um bedrohte Personen außer Landes zu bringen. Entlassene Polizisten, Schmuggler, Fälscher, Geldwäscher und Gangster wie Raymond Couraud, später eine wichtige Figur im französischen Widerstand, beherrschten das Nötige, um Leben zu retten. Auch Dyno Loewenstein tat, was er konnte, etwa beim Schleusen von Flüchtlingen über die französisch-spanische Grenze.144

Viele scheiterten an der Abriegelung der Grenze am Festland und in den Häfen, die bereits von der Gestapo kontrolliert wurden. Nicht nur Juden waren betroffen, auch politische Gegner der Nationalsozialisten. An der Grenze bei Sain-Jean-de-Luz, einer kleinen Stadt am Atlantik, war Ende Juni 1940 Endstation für den 22-jährigen Tiroler Monarchisten Karl Niederwanger. Zwei Jahre zuvor war es ihm gelungen, der Innsbrucker Gestapo zu entkommen. In Paris nahmen ihn Otto Habsburg und der Diplomat Ernst Fuchs, welche die Exilorganisation ›Ligue Autrichienne‹ betrieben, unter ihre Fittiche. Niederwanger übernahm die Sektion für Tirol, Vorarlberg und Salzburg sowie die Jugendgruppe.145 Nach dem deutschen Einmarsch 1940 gelang ihm noch einmal die Flucht aus einem Internierungslager. Den Razzien der deutschen Polizei in der baskischen Hafenstadt entkam er nicht mehr. Konkret ging er der Geheimen Feldpolizei (GFP) 611 in die Fänge, deren Aufgabe die Unterdrückung von Widerstand in den besetzten Ländern war. Dazu gehörten die Verfolgung des politischen Exils und die Jagd auf Saboteure und Spione der Alliierten. Bei einem Verhör in Bordeaux traf er auf einen Landsmann, der ihm väterlich begegnete. Die GFP 611 leitete in Bordeaux nämlich der Südtiroler Otto Begus, der in Innsbruck Jura studiert und bereits eine bewegte Polizei- und Geheimdienstkarriere hinter sich gebracht hatte. Im österreichischen Polizeidienst arbeitete er zunächst offiziell für die demokratische Republik, zugleich verdeckt für die Nationalsozialisten, dann für die Austrofaschisten und die Nationalsozialisten, schließlich in Abessinien für Kaiser Haile Selassie und dann für das NS-Regime in Österreich, Deutschland, Holland und Frankreich; Jugoslawien, Griechenland und Italien sollten noch folgen, bis er im Juli 1945 vom amerikanischen Counter Intelligence Corps (CIC) in Nordtirol verhaftet wurde.146 Er vermittelte Karl Niederwanger den Eindruck, dass er selbst ein Regimegegner sei und ihm das Leben retten könne. Wenn er mit ihm kooperiere, könnte er eine Gerichtsverhandlung wegen Hochverrats und damit die sichere Todesstrafe abwenden. Niederwanger griff nach dem Strohhalm und gab preis, was Begus wissen wollte: Ottos Beziehungen zu französischen und britischen Geheimdiensten, Ottos österreichische Mitarbeiter in Paris, englische Agenten, die er in Paris getroffen hatte. Begus war zufrieden und verwendete Niederwanger als Mitarbeiter zur Aufrollung des legitimistischen Exils in Paris, wo umfangreiche Akten beschlagnahmt worden waren.147

Als Begus in Jugoslawien für ähnliche Aufgaben gebraucht wurde, schickte er Niederwanger der Gestapostelle in Salzburg, wo er selbst bereits Dienst versehen hatte. Dort setzten die Gestapo und die NS-Justiz Niederwanger zur Vorbereitung von Prozessen gegen die Monarchisten in Tirol und Paris ein. »Ich rettete sein Leben, und im Gegenzug begann er für mich zu arbeiten«, erklärte Otto Begus im Juli 1945 in britischer Kriegsgefangenschaft seinem Zellengenossen Constantin Canaris, einem SS-Standartenführer und leitenden Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamts, sein Verhältnis zu Niederwanger. Begus und Canaris saßen in einem Speziallager in der Cinecittà in Rom, wo ihre vermeintlich vertraulichen Gespräche vom britischen Nachrichtendienst abgehört wurden.148

Mara und Dyno Loewenstein entgingen einer derart schwierigen Situation, in die Karl Niederwanger geraten war. Sie befanden sich auf einer kurzen, von Gewerkschaften zusammengestellten Liste von Deutschen, für die Präsident Roosevelt ausnahmsweise noch Besuchervisa unterzeichnete, obwohl die Einreisequoten ausgeschöpft waren. Am 25. März 1941 verließen die beiden den Hafen von Marseille auf dem Frachtschiff Capitaine Paul-Lemerle mit Kurs auf die Karibikinsel Martinique. Ein Foto zeigt Dyno Loewenstein an Deck mit anderen deutschen Sozialdemokraten, Emil und Katrin Kirschmann, Peter Grossmann und dem Maler Karl Heidenreich. Im Juni 1941 schließlich, nach mehr als einem Jahr auf der Flucht, erreichten die Loewensteins New York. Dyno Loewenstein fand schnell Beschäftigung als Statistiker, zunächst in einem Gesundheitsamt, dann als Entwickler und Analyst psychologischer Fragebögen.

034 Flüchtlingstransport des Emergency Rescue Committee im März 1941 mit dem Frachtschiff Capitaine Paul-Lemerle von Marseille nach Martinique. V. l.: Ernst Rossmann, Karl Heidenreich, Dyno Loewenstein, Katrin und Emil Kirschmann, Peter Grossmann.

Durch die Arbeit für das ERC und sein politisches und gewerkschaftliches Engagement in Europa lernte Loewenstein schnell Menschen kennen, die ihm den Weg in die amerikanische Gesellschaft, zu den Gewerkschaften und zum OSS ebneten. Die amerikanischen Gewerkschaften halfen den europäischen Genossinnen und Genossen mit speziellen Kursen dabei, in New York Fuß zu fassen. Als enge Freunde gab Loewenstein im OSS-Bewerbungsformular die Schauspielerin und Fluchthelferin Mary Jane Gold an sowie die Gewerkschafterin Lilian Herstein, deren Schüler Arthur Goldberg die Gewerkschaftsabteilung des OSS leitete. Goldberg selbst lernte er ebenfalls bei einer Gewerkschaftsveranstaltung kennen. Er befreundet sich mit dem deutschen Gewerkschaftsjuristen und Politikwissenschaftler Franz Neumann, der in der Forschungsabteilung des OSS die große Analyse des nationalsozialistischen Unstaats, Behemoth, verfasste. David Seiferheld, der die Geldmittel für das ERC organisierte und einer der engsten Berater von OSS-Chef Donovan wurde, sollte Loewenstein dann zum OSS holen. Das ist der soziale Hintergrund, der es Loewenstein ermöglichte, seine Ernsthaftigkeit gegen den Nationalsozialismus zu richten.

Das Handwerk der geheimen Nachrichtensammlung und -analyse lernte Loewenstein nach seinem Eintritt in die Armee im November 1942. Eine Rekrutierung zum OSS lehnte er zunächst ab, weil er zuvor eine militärische Grundausbildung hätte absolvieren müssen. Stattdessen wurde er in das Camp Ritchie aufgenommen, ein geheimes Ausbildungszentrum in den Bergen Marylands, das der Historiker Florian Traussnig treffend als einen »Tummelplatz der exileuropäischen Intelligenz« bezeichnete, die hier zu nachrichtendienstlichen Schlüsselkräften für den Kampf gegen die Wehrmacht ausgebildet wurden.149 Diese Schulung umfasste nicht nur ein akribisches Studium des vorhandenen Wissens über die Struktur, Gliederung, Ausrüstung und die Monturen der deutschen Streitkräfte und eine Lehre der Methoden, dieses Wissen zu überprüfen, zu erweitern und zu vertiefen, sondern auch eine Ausbildung mit dem Ziel, Kriegsgefangene der Wehrmacht effizient zu befragen. Gleich nach entschlüsselten Feindnachrichten waren diese Verhöre die wertvollste Quelle der Informationsgewinnung. Aufgrund der Sprachkenntnisse waren Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich für diesen Job äußerst gefragt, sie machten etwa 13 Prozent der insgesamt 20.000 ›Ritchie Boys‹ aus.150 Sie erlernten ein großes Arsenal an psychologischen Strategien, um Kriegsgefangenen gezielt Informationen zu entlocken, sei es taktisches Wissen von unmittelbarem militärischem Nutzen an der Front, seien es wichtige Hinweise, die bei der Vorbereitung von Spezialeinsätzen hinter den feindlichen Linien hilfreich sein konnten, sei es, um NS-Gegner unter den Gefangenen zu identifizieren, die bereit wären, die Seiten zu wechseln. Letzteres wurde in Bari zu einer wichtigen Aufgabe Loewensteins. In seinem Personalakt ist eine Beschreibung persönlicher Eigenschaften enthalten, die ihn zu einem idealen Kandidaten für die operativen Aufgaben der Gewerkschaftsabteilung beim OSS machten: analytisches Denken, scharfer Verstand, absolute Verlässlichkeit und Verschwiegenheit, kombiniert mit einem ausgesprochen aktivistischen Naturell. Seiferheld eiste Loewenstein aus Camp Ritchie heraus. Auf Mitarbeiter wie ihn konnte das OSS nicht verzichten. 750 Männer hatte die Gewerkschaftsabteilung bis Jänner 1944 für Aufnahmeinterviews ausgewählt, aber nur 55 genommen – 130 Agenten für Einsätze in Europa waren das Ziel.151

Als Loewenstein in Bari ankam, erfuhr er, dass die acht oder neun Agenten, die er auf Einsätze vorbereiten sollte, noch in Algier warteten und ihr Kommandant Schwierigkeiten mit ihnen hatte. Er flog hin, sammelte sie ein und transferierte sie nach Bari, wo er für sie am Stadtrand die Villa Suppa mietete, ein größeres Landhaus in einem umzäunten Park. Die Gruppe bestand aus einigen Jugoslawen, Deutschen und Österreichern. Zu seiner Überraschung war ein Mann dabei, den er aus Frankreich kannte: Walter Haass, Sohn des deutschen Gewerkschafters und Antifaschisten Nikolas Haass. Walter und Nikolas Haass hatten ebenfalls mithilfe des ERC New York erreicht. Walter Haass war 23 Jahre alt und hatte bei seiner Einberufung zur Armee angegeben, bevorzugt gegen Deutsche kämpfen zu wollen.152 Er war nicht als Jude verfolgt worden, hatte aber mehr als eine Rechnung mit den Nazis offen. Seine Mutter war außerdem auf der Flucht in Belgien zurückgeblieben. Walter Haass wurde Loewensteins rechte Hand. Er trainierte die Agenten an den Morsefunkgeräten und wurde ›Dispatcher‹ – er begleitete sie im Flugzeug zu ihrem Zielort und beförderte sie durch das Absprungloch in die Tiefe: Go! Da die Flugzeuge massiv von der deutschen Flak beschossen wurden, ging er ebenfalls ein hohes Risiko ein – im April 1945 wurde sein Flugzeug über Österreich getroffen, doch er überlebte seine Fallschirmlandung und die Kriegsgefangenschaft, fiel also keinem der Lynchmorde an notgelandeten alliierten Flugzeugbesatzungen zum Opfer, die auch in den Donau- und Alpengauen häufig vorkamen.153

035 Der deutsche Flüchtling Walter Haass bereitete die OSS-Agenten auf ihre Fallschirm-Absprünge vor.

Dyno Loewenstein ging ganz unmilitärisch an die Planung der Einsätze heran. Seine Beziehung zu den meist jüngeren Agenten erinnert an die sozialistische Reformpädagogik seines Vaters. Joseph Persico erklärte er seinen Ansatz so: »Ich dachte, wenn es mein Job war, diese Männer zu trainieren, hatte ich als Erstes herauszufinden, wie sie ticken. Waren sie geeignet oder nicht geeignet für den Job? Was hatten sie selbst für Vorstellungen? […] Die vorherrschende Tendenz war ja die militärische Denkweise. Der Kommandant sagt dem Mann, was zu tun ist, und er führt es aus. Mein Gefühl war, mit einer Gruppe von hauptsächlich politisch motivierten Menschen kannst du das nicht machen.«154 Loewenstein drehte die Sache um, er animierte seine Leute dazu, sich selbst Gedanken zu machen, die Situationen, in die sie sich begeben würden, auf dem Papier zu entwerfen.

Von einem frühen Gespräch mit Fred Mayer behielt er, dass dieser ein starkes Bedürfnis nach Rache hatte für alles, was den Juden in Deutschland angetan worden war. Egal was, er wolle etwas tun. Loewenstein erwiderte ihm, dass er sich bei ihm daran gewöhnen müsse, nicht gesagt zu bekommen, was er zu tun habe. Aber wenn er sein Leben einsetzen wolle und so intensiv davon erfüllt sei, solle er sich darüber klar werden, was genau er tun wolle. Mayer kam mit einem Plan, den er mit seinen Freunden besprochen hatte. Sie wollten mit Waffen über dem Konzentrationslager Dachau abgeworfen werden, Gewehre und Pistolen an die Häftlinge verteilen und mit ihnen einen Aufstand im Lager beginnen.

Loewenstein hielt nichts von diesem Plan. Das Vorhaben erschien ihm als eine sinnlose Aufopferung, die außer zum Tod zu nichts führen würde. Er könne eine solche Aktion nicht unterstützen, erklärte er den jüdischen Agenten. Fred Mayer habe ihn entgeistertert angesehen und sich wohl gedacht, alles Idioten beim OSS, erinnerte sich Loewenstein.

Joseph Persico hat Fred Mayer zehn Monate später, im Juli 1977, leider nicht gefragt, wie sein Vorschlag, im KZ Dachau einen Aufstand auszulösen, entstanden war. Möglicherweise hatte Mayer die wenigen Berichte wahrgenommen, die über den ohne Hilfe von außen sehr schnell hoffnungslos gebliebenen Aufstand der Juden im Ghetto von Warschau im April 1943 in die Welt gedrungen waren. Seit der polnische Widerstandskämpfer Jan Karski 1942 Informationen aus Polen über die systematische Verfolgung und Ermordung von Juden in den Westen gebracht hatte, wusste man davon: Nicht das ganze Ausmaß der Todesfabriken, aber dass in den Ghettos Menschen massenhaft verhungerten und an Krankheiten starben, dass in Konzentrationslagern systematisch gemordet wurde, war bekannt.

Die Alliierten verurteilten im Dezember 1942 in einer öffentlichen Erklärung die »bestialische Politik der kaltblütigen Ermordung der Juden« und erklärten, dass diese Ereignisse die Entschlossenheit aller freiheitsliebenden Völker noch verstärken würden, die barbarische Hitler-Tyrannei zu überwinden.155 Darüber hatten alle westlichen Medien berichtet. Doch dann war wieder wenig von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören und zu lesen. Im Juni 1944 berichtete die BBC über die Ermordung von Juden durch Gas im Konzentrationslager Auschwitz, im Juli 1944 verwarfen die britische und die amerikanische Regierung das Ersuchen jüdischer Organisationen, die Eisenbahnlinie von Ungarn nach Auschwitz zu bombardieren. Der Leiter der Rettungsabteilung des Jüdischen Weltkongresses, Leon Kubowitzki, schlug dem Leiter des amerikanischen War Refugee Board und stellvertretenden Finanzminister der Roosevelt-Regierung, John Pehle, vor, die Todesanlagen durch sowjetische Fallschirmjäger oder polnische Untergrundeinheiten zerstören zu lassen – was vom Kriegsministerium abgelehnt wurde.156 Allein war Fred Mayer mit seinen Gedanken also nicht, und vielleicht beunruhigte ihn gerade das Fehlen jeglicher Berichte über ein militärisches Vorgehen der Alliierten gegen die Konzentrationslager so sehr, dass er sich selbst dafür zur Verfügung stellen wollte.

Doch Dyno Loewensteins Antwort spiegelte die damals auch unter Funktionären jüdischer Organisationen in den USA und Großbritannien vorherrschende Ansicht wider, die bereits in der Erklärung der Alliierten enthalten war: An erster Stelle standen nicht Überlegungen, wie der Massenmord sofort behindert oder gestoppt werden könnte. Oberste Priorität hatte das Ziel, NS-Deutschland militärisch zu besiegen. Dafür waren die begrenzten Ressourcen möglichst effektiv einzusetzen. Das OSS unternahm keine einzige Studie zur deutschen Vernichtungspolitik gegenüber den Juden.157 Fred Mayer hingegen dürfte nichts so absurd erschienen sein wie die Vorstellung, nicht augenblicklich etwas gegen die Konzentrationslager zu unternehmen.

Als Joseph Persico 1976 mit Dyno Loewenstein über Mayers Dachau-Plan sprach, erschien ihm der Vorschlag absurd, das legt ein ungläubiges Lachen nahe, das im Gespräch zu hören ist. Damals stand die Erinnerung an den Holocaust noch nicht im Zentrum der amerikanischen Öffentlichkeit, wenn es um den Zweiten Weltkrieg ging. Die Wahrnehmung des Judenmords als des zentralen negativen Ereignisses der Kriegsjahre entstand erst, als die Vernichtung der europäischen Juden mit der Fernsehserie Holocaust 1978 zum Medienereignis wurde.158 Fragen nach dem Wissen der Alliierten über die Vernichtungspolitik des NS-Regimes und dem Verhalten der Alliierten wurden erst jetzt von Historikern bearbeitet und breiter diskutiert – Fragen nach dem Ausbleiben von Bombardierungen oder anderen Maßnahmen gegen das KZ-System der Nationalsozialisten erschienen nun keineswegs mehr absurd, sondern berechtigt und hochmoralisch. Die Antworten, die Historiker in den Archiven fanden, lösten Scham aus: Die Alliierten hatten trotz immer klarer werdender Informationen über den Massenmord an den Juden in den Jahren 1943 und 1944 keine gezielten Anstrengungen unternommen, die Gleise nach Auschwitz zu zerstören oder andere Maßnahmen gegen das KZ-System zu ergreifen.

In der Perspektive der militärischen Geheimdienste spielten Rettungs- und Hilfsaktionen für Verfolgte so gut wie keine Rolle. Ihre Aufgabe war es, durch das Sammeln von militärisch nützlichen Nachrichten und die Unterstützung von Widerstand einen Beitrag zum militärischen Sieg zu leisten. Was Widerstand ausmachte, war relativ klar definiert und in der Bedeutung hierarchisch geordnet. An der Spitze stand der bewaffnete militärische Kampf organisierter Partisanen und die gezielte Sabotage militärisch relevanter Infrastruktur, dann kam die konkrete Unterstützung dafür etwa durch die Weitergabe lohnender Bombardierungsziele, die Kooperation mit den Alliierten. Auf der untersten Stufe stand oppositionelles Verhalten im Sinn von passivem Widerstand, unauffälliger und alltagsbezogener Sabotage, dem Verbreiten regimekritischer Nachrichten und Gerüchten oder dem Abhören alliierter Radiosender. Zivile und humanitäre Formen des Widerstands, etwa das Verstecken von Juden und Jüdinnen und Hilfe für KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter, spielten in dieser Perspektive eine geringe Rolle. Rettungs- und Hilfsaktionen westlicher Geheimdienste blieben eine seltene Ausnahme. Die SOE führte mit der Jewish Agency, der Interessenvertretung der Juden in Palästina, einige Einsätze in Osteuropa durch. Das OSS lehnte entsprechende Anfragen jedoch ab.159 Der einzige Maßstab des Handelns blieben der Nutzen für die alliierte Kriegsführung und die Loyalität dazu. Je eher die Alliierten siegten, desto eher war das Grauen in den Konzentrationslagern zu Ende. Diese Prioritäten machte Dyno Loewenstein Fred Mayer irgendwann im September 1944 mit wenigen Sätzen klar. Mayer blieb nicht viel anderes übrig, als es zu akzeptieren.


036 Karte mit den Eisenbahnlinien, die das ns-Regime für die Deportationen nach Auschwitz nutzte (nach: Martin Gilbert : Atlas of the Holocaust, Jerusalem 1982).

Zu überlegen war nun, auf welche Weise kleine Einsatzgruppen einen möglichst effektiven Beitrag zu einem raschen Sieg über Deutschland leisten konnten. Der Aktionsradius wurde auf Österreich und Süddeutschland eingeschränkt – Einsätze weiter nördlich wurden von der OSS-Zentrale in London und in Bern geplant. Dann wurden Teams gebildet: Hans Wijnberg und Fred Mayer, bereits eng befreundet, verständigten sich darauf, gemeinsam in Aktion zu gehen. Wijnberg war ein exzellenter Funker, damit waren die Aufgaben festgelegt. Mayer würde das Team führen, Wijnberg die Kommunikation übernehmen.

In Loewensteins Augen ergänzten sich die beiden gut. Wijnberg erschien ihm als ein mitfühlender Charakter, der auf den ersten Blick sogar kindlich wirkte. Er war sicher bereit, notfalls zu töten, würde es aber vorziehen, möglichst wenig Gewalt anzuwenden – ein Ausgleich zu Mayers stürmischem, furchtlosem und grenzüberschreitendem Wesen, das er auch in Bari an den Tag legte. Er schnappte sich von der Militärpolizei einen Jeep, organisierte irgendwo einen Generator, um die Villa Suppa mit Strom auszustatten, und brachte einen Filmprojektor zuwege, um sich nach den Besprechungen mit Dyno Loewenstein und den Trainingseinheiten ein wenig Unterhaltung zu verschaffen.

037 Fred Mayer und Hans Wijnberg, Bari, Herbst 1944.

Die Villen, die OSS und SOE in Bari und Umgebung zur Vorbereitung von Spezialeinsätzen in Italien, Österreich und Jugoslawien nutzten, waren gut geschützt – die Villa Suppa bewachten zunächst italienische Wachmänner, Anfang Dezember wurden sie durch fünf Chinesen ersetzt. Auch wenn es in manchen Darstellungen den Anschein hat – um eine süditalienische Idylle handelte es sich in Bari gewiss nicht: Der in Verona stationierte Befehlshaber des deutschen Sicherheitsdiensts, SS-Gruppenführer Wilhelm Harster, setzte Agenten auf die alliierten Schulen an. Die Operationen unter dem Codenamen ›Zypresse‹ leitete SS-Sturmbannführer Otto Begus, der uns bereits in Frankreich begegnet und nach Einsätzen in Griechenland nach Verona beordert worden war. Begus war ein Spezialist für die Infiltration von Agenten in feindliche Widerstandsorganisationen. Doch seine italienischen und deutschen Agenten, gekleidet in britische und amerikanische Uniformen, gingen der britischen Spionageabwehr in die Fänge. Einer ihrer Aufträge war, die alliierten Sabotageschulen in Bari und Brindisi auszuspionieren, die Namen der deutschen und italienischen Rekruten herauszufinden und Widerstandsführer zu ermorden.160

Von alldem bekamen Fred Mayer und Hans Wijnberg nichts mit. Was ihnen für einen Einsatz fehlte, war ein konkretes Ziel und jemand, der aus Österreich kam oder in den letzten Jahren dort gewesen war, unter dem NS-Regime gelebt hatte, den Alltag und die Leute kannte. Viel Auswahl gab es da nicht – die ehemaligen Flüchtlinge in den Reihen des OSS hatten Deutschland oder Österreich bereits in den 1930er-Jahren verlassen, kaum einer hatte mehr als einige Monate unter dem Regime gelebt, niemand während des Krieges. Nach Jahren der Abwesenheit Bekannte zu suchen und zu finden war kaum möglich, im Fall von Juden noch weniger. Infrage kam im Grunde nur ein österreichischer oder deutscher Kriegsgefangener – jemand, der bis vor kurzem für die Nazis gekämpft hatte. Um sich damit anzufreunden, musste sich Mayer Zeit nehmen und nachdenken. Schließlich verständigte er sich mit Loewenstein auf diese Vorgangsweise: Der richtige Mann würde das Ziel mitbringen.

Im Oktober 1944 gestalteten Ulmer und Loewenstein die unmittelbare technische, nachrichtendienstliche und körperliche Vorbereitung der Agenten auf ihre Einsätze von Grund auf neu. Sie bestellten Lieutenant Jules Konig zum Stationskommandanten für die Villa Suppa und die Villa Pasqua, wo die Agenten untergebracht waren.161 Konig war aus Belgien geflohen, von Beruf ursprünglich Diamantenschleifer und seit mehr als einem Jahr Ausbildner an OSS-Schulen in den USA. Er war erst kürzlich in Bari eingetroffen. Konig kannte die Gefahr des Übertrainierens der Agenten. So klopfte er als Erstes ab, was die Agenten bis zum Überdruss geübt hatten und wo es Mängel gab. Seinem Eindruck nach waren sie durchwegs hartgesottene, in vielen Kriegstechniken ausgebildete Soldaten. Mängel sah er in der Praxis der geheimen Nachrichtensammlung und -übermittlung. Den Schwerpunkt legte er daher auf die Identifikation militärisch und politisch relevanter Daten und die Verwendung eines kompakten und unmissverständlichen Wortlauts für die Übermittlung der Informationen an die Funkstelle in Bari. Um das praktisch zu üben, zog Konig einen Offizier der OSS-Funkstelle in Bari hinzu, der den Agenten genaues Feedback zu ihren Übungsmeldungen gab. Auch Konig vermied Frontalunterricht, ließ die Agenten vormittags in den gebildeten Teams üben. Zudem wurden für jedes Team die fallspezifischen Modalitäten der Funksendungen erarbeitet und festgelegt. Aufgefrischt wurde das Erkennen von militärischen Geräten, von Flugzeugen und Fahrzeugen, dafür war Dyno Loewenstein ein Experte. Nachmittags übten sie Orientierung mit Karten und Luftaufnahmen, Messerkampf, Schießen.

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