Kitabı oku: «Das Schiff der Fremden»

Yazı tipi:

Peter Seeberg

Das Schiff der Fremden

Aus dem Dänischen von Lothar Schneider

Saga

Ebook-Kolophon

Peter Seeberg: Das Schiff der Fremden. Aus dem Dänischen von Lothar Schneider. © 1993 Peter Seeberg. Originaltitel: Den sovende dreng. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.

ISBN: 9788711512616

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

1

Noch bevor er den Bach der Biber erreicht hatte, war er umgekehrt. Die Trauer bohrte in ihm, er mußte zurück: Die Trauer war nicht fertig mit ihm, er mußte heim, wo kein Daheim mehr war.

Der Zaunkönig begrüßte ihn mit einem wilden Tschip, Tschip, Tschip, als sich der Junge der Hütte beim See näherte. Der Vogel flog um ihn herum, blieb schwirrend in der Luft stehen, sah ihn an, sah, ganz aufgeregt, daß sich der Junge weder Kraft noch Mut zusprechen ließ. Aber schließlich setzte sich der Vogel auf einen Zweig und beruhigte sich und blieb dort abwartend hocken. Sein Schatten schwankte in dem hohen Gras unter dem Baum. Der Junge kauerte sich nieder und betrachtete seinen Freund, er hätte ihn gerne um Rat gefragt, aber noch ein Rat war ihm zuviel.

Plötzlich erhob sich der Vogel und flog davon, schwirrte hinaus über den See. Der Junge folgte ihm mit den Augen, bis der Vogel so klein wie eine Mücke war, und er dachte nur:

›Kleine Maus, liebe kleine Maus, du mußt zurückkommen zu mir. Wenn du zurückkommst, werde ich sicher bereit sein zum Aufbruch.‹ Er mußte jetzt vor allem schlafen, am besten mehrere Mondwechsel lang.

Eine Ecke der Hütte war nicht abgebrannt und noch nicht eingestürzt. Da konnte er einen Pfosten herausziehen, sich hineinzwängen und sich ein Lager aus Gras und Moos bereiten. An dieser Ecke hatte nie etwas gestanden, nie etwas gehangen, war nie etwas gewesen. Da konnte er bleiben. Das Gras stand hoch am Ufersaum, es wogte im Wind und glänzte in der Sonne. Noch war es warm, aber in der Wärme lag schon die Kälte verborgen und wartete. Der erste Frost würde mit dem nächsten Mond kommen. Er mußte viel Gras sammeln. Er riß es aus der Erde und schüttelte den Sand ab. In den weichen Büscheln wimmelte es von kleinen Tierchen, er würde nicht allein schlafen. Er brachte einen Armvoll Gras zur Hüttenecke und legte es auf den Boden, brach einen Pfosten aus der Wand, zog ihn heraus und versuchte, sich hineinzuzwängen, aber er war nicht schmal genug, er mußte noch einen Pfosten herausziehen, dann schaffte er es. Er stieg hinein ins Dunkel, es roch verbrannt.

Er sah, daß das Dach auf den Aschehaufen und die halbverkohlten Pfosten gefallen war, aber nur eine kleine Öffnung war entstanden, wo der Schnee hineintreiben würde, und das war nicht zu ändern.

Er holte das Gras herein und breitete es auf dem Boden aus, mit den Wurzeln nach oben und den Spitzen nach unten, wo der Kopf liegen sollte, damit er nicht niesen mußte. Die Mutter hatte das hohe, wogende Gras als Niesgras bezeichnet.

Dann ging er zur Böschung am Bach, wo es trockenes Moos und Flechten gab. Er löste sie mit der flachen Hand vom Untergrund, sammelte einen Haufen und trug alles zu seinem Lagerplatz. Er legt Moos und Flechten an die Wand und über den Aschehaufen, dichtete damit die Ritzen ab und machte sich ein Polster für den Kopf. Ihm fehlte ein Fell zum Zudecken, wenn es wirklich kalt wurde. So lange konnte er schlafen, bis er vor Kälte klapperte, dann mußte er aufstehen und herumgehen, um sich warm zu halten, bis es Morgen wurde und die Sonne kam.

Er kroch ins Freie und lief hinunter zum See, wo das halb verkohlte Boot aus dem Wasser ragte. Graugänse schwammen in der seichten Bucht, fischten geruhsam nach kleinen Schnecken am Grund und watschelten am Ufer entlang, um überreife Preiselbeeren zu schnabulieren.

Überall sah man die wachsamen, klugen Köpfe der Gänse. Kein Vogel konnte so gut Geschichten erzählen wie die Gans. Und in der Ferne über dem See sah man lange Keile von Vogelschwärmen, die vor dem Winter davonflogen, niemand wußte wohin, hatte der Vater einmal gesagt.

Er näherte sich den Beeren schlemmenden Gänsen, ihr Kot war von den Schalen der schwarzen Krähenbeeren und der roten Preiselbeeren gesprenkelt. Überall leuchteten die Beeren, er erinnerte sich an eine Mulde, nicht weit vom Waldrand, die seine Mutter Sonnenbauch genannt hatte, weil es dort so warm und feucht war, und gerade zu dieser Jahreszeit, kurz vor dem Winter, strotzte sie vor Moosbeeren, die die Mutter sammelte und in einem Rindengefäß hatte gären lassen. Diesen Saft tranken der Vater und sie am Abend, es sei ein Bauerngetränk, sagte der Vater, wurde aber recht fröhlich davon.

Die Mulde war voller eiförmiger und runder Moosbeeren, die nichts anderes im Sinn hatten, als groß und rot und saftig zu werden. Obwohl ihm die Trauer die Kehle zuschnürte, mußte er die Hand öffnen und sich mit ausgestreckten Fingern eine Handvoll abstreifen, so wie es ihm die Mutter beigebracht hatte.

Er aß einige Hände voll, mehr als er Finger an einer Hand hatte, aber dazwischen besann er sich und rülpste, und er mußte zugeben, daß es gut war. Wenn auch nicht so gut, wie wenn Schwester und Mutter zusammen in der Mulde plauderten und er zusammen mit dem Vater im Boot vor dem Wind trieb und nach großen Zandern angelte, die unten am Grund standen. Zander ist einer der besten Fische, roh oder gebraten. Das, was sich am Grund aufhielt, war am besten. So war es mit allem.

Er sammelte ein großes Häufchen Beeren, nahm es in beide Hände und ging damit vorsichtig, um nichts zu verlieren, zur Hütte zurück. Er legte die Beeren vor die Tür, und um das Häufchen herum legte er kleine Steine. Falls nun jemand vorbeikommen sollte, ob es nun ein irdisches, ein überirdisches oder ein unterirdisches Wesen war, ob Mensch oder Tier, jeder konnte sehen, daß jemand in der Hütte wohnte, und er konnte sich davon nehmen und würde weder gegen ihn noch gegen andere böse Gedanken und schlimme Absichten hegen.

Ihm fiel ein stärkeres Mittel als Moosbeeren ein. Er dachte an Haselnüsse. Die waren dieses Jahr erst spät reif geworden. Sie waren sicher heruntergefallen und lagen unter den Büschen im Laub. Es gab viele, das hatte er festgestellt, und die Eichhörnchen konnten sie noch nicht alle gegessen haben. Auch wenn ihnen dabei einige Waldmäuse geholfen hatten, mußten an dem Platz, den er kannte, reichlich Nüsse sein. Dort hatte er sich jedesmal übergessen, wenn er mit der Mutter für den Winter viele Körbe voll gesammelt hatte.

Viele Körbe für viele Abende, an denen die Mutter für die Schwester und ihn Nüsse knackte und der Vater für sich selbst. Bei Haselnüssen ist es unmöglich, aufzuhören: Die Nuß, die eigentlich die letzte sein sollte, rief sofort nach der nächsten. Das wärmte den Bauch, so daß man in der Nacht schwitzte.

Er ging zum Waldrand, wo sich die Haselnußsträucher bis in den lichten Wald ausbreiteten, und da lagen sie, eine richtige Schicht Nüsse zwischen Zweigen und Blättern, braun und an der Spitze noch ein bißchen grün, einige von Eichhörnchen und Mäusen geknackt, aber die meisten noch heil. Vielleicht waren die Nüsse den Eichhörnchen noch nicht süß genug; zur Zeit fraßen sie nur das Beste und sammelten Vorrat, aber sie holten nicht alles von einer Stelle. Sie suchten aus, waren wählerisch.

Er stopfte sich ein paar Hände voll unter das Lederwams und knackte sie auf dem Rückweg. Sie waren süß und groß, er würde den ganzen Winter Nüsse unter dem Schnee finden.

Er legte die Nüsse in einem Häufchen neben die Moosbeeren, und er legte kleine Steine außen herum. Jetzt bestand kein Zweifel mehr, daß sich hier in der Nähe ein Mensch aufhielt, ein Mensch, der sich nicht versteckte; wenn sie genau hinhörten, konnten sie den Menschen im Schlaf schnarchen hören, auch am Tag, außer, wenn der Mensch hervorkam und sich zu erkennen gab, obwohl er seinen Namen nicht sagen konnte.

Sollten die Bauern noch einmal kommen – was sie vermutlich nicht taten, weshalb auch – dann müßte er in den Wald fliehen. Aber er würde sie von weitem hören. Sie liefen trampelnd über die Erde und glaubten, niemand würde das merken. Er lag mit seinem Ohr dicht am Boden, und die Erde würde ihm erzählen, wenn sie kämen. Auch wenn er tief im Schlaf lag, um den Träumen zu begegnen, würde die Erde in sein Ohr sagen, wenn sich die feindseligen Bauern in böser Absicht näherten. Die anderen Menschen würde er vielleicht nicht hören. Ihr Gang war vorsichtig, sie waren vielleicht freundlich gesinnt, wurden aber zornig, wenn sie feststellten, daß an der Tür keine Gaben für sie bereitstanden. Das durfte nicht geschehen. Deshalb hatte er sich so vorbereitet, wie es ihm sein Vater und seine Mutter geraten hätten. Fremde sollten jederzeit willkommen sein und mit den besten Vorräten bewirtet werden.

Nun hatte er alles geordnet, und er kroch durch die Öffnung hinein; zuerst saß er da und wartete auf den Schlaf, dann legte er sich hin, um zu schlafen und zu sehen, ob die Trauer für immer bei ihm bleiben würde.

2

Bevor ihn der Schlaf in die Arme nahm, dachte er an die Mutter, den Vater und die Schwester, ein wenig von ihrer Kraft steckte noch in dem Aschehaufen, aber meistens waren sie im Gildenhaus der Baummarder, wo sie sicher satt und fröhlich lebten. Vielleicht konnte er im Traum dorthin gelangen, bei ihnen sein und einen guten Rat bekommen.

Er dachte auch an das Bauernmädchen, das er eines Tages rauben wollte, und der Gedanke, daß er zu spät kommen könnte, beunruhigte ihn. Daß ein anderer sie raubte, bevor er einen Namen hatte und einen Ort, wohin er sie bringen konnte.

Dazu würde es vielleicht gar nie kommen.

Er merkte, wie ihn die Verzweiflung packte, und er drehte sich zur Wand. Durch die Dachöffnung schien das Dämmerlicht auf ihn herab, und bald würden die Sterne aufgehen.

Er schlummerte ein und träumte zuerst nichts, aber dann kam der alte Baummarder durch seinen Gang zu ihm, schaute ihn an, sagte, daß er ihm nichts zu sagen habe und verschwand. Sein buschiger Schwanz schleifte über den Boden des Ganges, der Marder hustete und lachte über ihn und sich selber. Er war es gewesen, der am Anfang der Welt aus einem hohlen Baum gekrochen war und alle Dinge der Welt gesehen und ihnen Namen gegeben hatte, damit sie Bestand hätten, auch wenn er nicht mehr wäre.

Der Junge verzweifelte im Traum, er schnappte nach Luft, und er erwachte bereits einen Tag später. Er kroch ins Freie und blinzelte unwillig in die Sonne, die auf der anderen Seite des Sees hoch über den Wäldern stand. Er hörte die Kraniche schreien, und er mußte sich nach ihnen umsehen, obwohl er gar nicht wollte. Dann kroch er wieder hinein zu seinem Schlafplatz und versuchte, richtig einzuschlafen, aber die Augen fielen ihm erst gegen Abend zu.

Er schlief, ohne zu träumen, obwohl er es wollte. Er schlief zwei volle Tage, es war Abend, als er wach wurde; er hörte den Wind in den Bäumen rauschen, hörte das Plätschern der Wellen am Ufer und das Gluckern des Baches. Im Wald bellte ein Fuchs, so daß es widerhallte, und auf einem Baum rief eine Eule. Er schlüpfte ins Freie, er sah alles in der Dunkelheit, und er ging zur Quelle, um zu trinken. Er sah seine Augen im Wasser, und darunter leuchtete der Sandgrund, von wo das Wasser in kleinen Wirbeln heraufströmte. Er schlüpfte wieder hinein zu seinem Lager, durch die Dachöffnung sah er einen blaßblauen Himmel leuchten und in der Mitte der Öffnung drei Sterne im Zeichen des Jägers. Da wußte er, daß er jederzeit mit dem Winter rechnen mußte.

Er war hungrig, aber nicht sehr. Vielleicht schickte ihn der Hunger tiefer hinein in die Träume.

Er schlief ein und träumte, daß alles so war wie damals, bevor er die Mutter, den Vater und die Schwester verlassen hatte. Aus der Tür der Hütte drang Rauch, die Mutter saß am Feuer und kochte, er und der Vater kamen vom Fischen heim. Es war hungrig im Schlaf, und der Fisch, den die Mutter über der Glut briet, sättigte ihn nicht. Das sagte er der Mutter, und sie gab ihm mehr, aber auch das machte ihn nicht satt, und bald war kein Fisch mehr da.

»Du wirst langsam erwachsen, kleiner Mann«, sagte die Mutter, holte den Lederbeutel hervor, öffnete ihn und zeigte ihm lachend die drei Federn des Kranichs.

Er schaute den Vater an und wollte, daß er ihm einen Namen gab. Aber er durfte nicht danach fragen.

»Was bedrückt dich«, fragte die Schwester, »du siehst so traurig aus. Hast du auf deiner Wanderung etwas Schreckliches erlebt?«

Und später am Abend sagte der Vater:

»Ich finde keinen Namen für dich, wie sehr ich mich auch ablenke und an andere Dinge denke, er kommt nicht von selbst. Ich könnte dir einen verdrehten Namen geben, den ich selbst erfunden habe, aber den sollst du nicht tragen. Du mußt warten.«

Es war keine Freude, sich zurückzuträumen. Sogar im Traum war alles leer und sinnlos geworden.

Er erwachte nach vielen Tagen und Nächten. Es war Morgen, als er erwachte, und seine Glieder waren steif. Durch das Loch in der Wand sah er, daß draußen Reif auf den Grashalmen glitzerte. Sein Atem war sichtbar. Er hatte Hunger, einen Bärenhunger. Er mußte sich etwas zu essen beschaffen.

Er schlüpfte ins Freie, tief über dem See hing der Nebel, aber über dem Waldrand erschien bereits die Sonne. Er schüttelte sich, er gähnte, er rieb sich die Augen und ging zum Bach, der von der Quelle kam. In dem tiefen Kiesloch nicht weit vom Seeufer entdeckte er die schwarzen Rücken der Forellen, sie standen gleich unter der Waseroberfläche. Er schlich lautlos, mit dem Schatten hinter sich, wartete, und packte dann mit einem raschen Griff eine Forelle, drehte sie und biß ihr in den Nacken.

Er aß sie roh, sie schmeckte nach Quellwasser, sie hatte wohl nie etwas anderes gekannt als Quellwasser. Sie war gut zu ihm. Alle ihre Brüder und Schwestern würden gut zu ihm sein, sich fangen lassen und ihn im Winter ernähren, bis er ausgeschlafen hatte.

Er ging auch zur Mulde und versorgte sich mit Moosbeeren. Sie waren noch süßer als vorher. Der Frost hatte sie berührt. Der Frost machte alle Dinge süßer.

Er saß in der Sonne, er dachte an das Bauernmädchen, er dachte so verrückt, daß er ihre Stimme hörte. Er hörte sie lachend mit ihren Schwestern oder Freundinnen aus dem Wald laufen, und sie lief ihm entgegen, er brauchte sie nicht zu entführen. Dieser Gedanke ließ ihn nicht einschlafen, ließ ihn nicht ruhig liegen. Er wanderte den See entlang, aber bei der Gänsebucht hielt er inne und kehrte zurück, um die Gänse nicht unnötig aufzuschrecken, wenn er nichts von ihnen wollte. Er ging zur Quelle und trank Wasser, und er sah sein Gesicht und unter dem Gesicht den gewölbten Sandgrund der Quelle, und unter dem Sandgrund sah er ihr Gesicht, das ihn durch seines anlachte. Er verbarg sein Gesicht in den Händen, um sie nicht zu sehen.

Aber er hörte sie reden, und sie redete zu ihm. Sie sagte, er solle kommen, aber davon wollte er nichts wissen. Er mußte durch die Trauer hindurch.

Er schlummerte einige Tage, verdrossen über sich selbst, weil er richtig schlafen und sich ein Zeichen erträumen wollte, damit die Trauer deutlich wurde und sichtbar wie ein Vogel, mit dem er reden konnte.

Der Frost verschwand nicht mehr, das Eis auf dem See wuchs von den Ufern der Buchten zur Mitte hin; dann setzte der Wind ein. Das Krachen des zerbrechenden Eises hielt ihn nachts wach, er mußte aufstehen und sich bewegen. Er überlegte, ob er einen Fuchs oder Luchs jagen sollte, um ein Fell zum Wärmen zu haben. Tagsüber aß er viele Forellen, damit das Loch im Magen nicht zu groß wurde. Er legte auch eine Forelle in den einen Steinring vor der Hüttentür, und in den anderen legte er immer, wenn er für sich Moosbeeren holte, ein neues Häufchen. Und jedesmal, wenn er nachsah, waren die Ringe leer. Jemand kam vorbei, der seinen Gruß bemerkte und ihm nichts zuleide tat.

Das mußte einer von denen sein, die eines Morgens den Aalspeer des Vaters und seinen Eishammer an die Reste des Türpfostens gelehnt hatten. Beides stand da, als hätte es immer dagestanden. Vielleicht hatte der Vater selbst für eine Weile den Aschehaufen verlassen, in der Absicht, sein Bestes weiterzugeben.

Jetzt wurde der Junge froh und munter, er mußte ein paar Luftsprünge tun, er mußte ein Lied singen, das mit aj-aj-aja endete wie alle guten Lieder, und obwohl das Eis, das sich wiedergebildet hatte, dünn war, wagte er sich darauf. Er machte sich leicht, wie es ihm der Vater gezeigt hatte. Er ließ den Blick übers Eis schweifen, um eine Stelle zu finden, wo Luftblasen aufstiegen.

An einer Stelle atmete der Aal gerade aus, als er kam. Er klopfte ein Loch, hob den Speer ganz hoch und stieß ihn hinein. Er spürte deutlich, wie sich der Aal an dem Speer wand.

Er holte die Beute heraus, ein dicker, gelbgrüner Kerl, genug für eine ganze Familie. Er löste den Fisch von der Spitze, trug ihn an Land und schnitt den Nacken durch. Der Aal war ihm sehr freundlich gesinnt.

Er legte ihn in den kleinen Steinring, wanderte ziemlich weit den See entlang, und als es dunkel wurde und er sein Nachtlager aufsuchte, überprüfte er den Steinring nicht. Er schlief traumlos und voller Erwartungen.

Noch vor Sonnenaufgang erwachte er, frierend vor Kälte, aber er nahm sogleich den Rauchgeruch wahr, nicht aus dem Aschehaufen, sondern lebendigen Rauch, wie er gehofft hatte. Er schlüpfte ins Freie, und da fand er den Aal in dem Steinring, gebraten und nach Fett duftend, so, als hätte die Mutter ihn zubereitet.

Er tat einen Luftsprung vor Freude und sang ein Lied, noch ein Lied, das mit aj-aj-aja endete.

Jetzt sollte ihn die Trauer nicht mehr in Versuchung bringen.

Aber er wollte den Rest des Winters bleiben und fischen und jagen.

3

Kurz nach dem zweiten Mondwechsel seiner Wanderung kam lautlos der Winter.

Der Schnee reichte ihm bis über die Knöchel, es war trockener Schnee, der nicht schmolz und nicht durch die zerschlissenen Lederlappen drang, die er an den Füßen trug. Auf der bläulich-weißen Schneedecke zeichneten sich überall Spuren ab. Zwischen verschneiten Grasbüscheln saßen Hasen und beobachteten ihn. Sie konnten warten, bei Gelegenheit würde er sie schon überlisten.

Die Gänse waren fast alle aus der Bucht weggeflogen, nur die fettesten waren zurückgeblieben, er bekam Lust auf Gans.

Er schlich sich hinter einen Weidenstrauch in der Nähe der Anlegestelle, wo das Quellwasser in den See mündete und wo noch einige Gänse im Eisloch tauchten und fischten. Er sprach zu ihnen und sang ihnen ein kleines Lied, dem sie nicht widerstehen konnten. Die Fetteste reckte sich aus dem Wasser und schlug mit den Flügeln. Er sang weiter, sie wandte sich in seine Richtung und versuchte vergeblich, ihn zu entdecken. Dann plusterte sie sich auf und schwamm ans Ufer, wo sie horchte und guckte. Jetzt sang er so leise er konnte, wie es ihm der Vater beigebracht hatte, er sah die Betörung in den Augen der Gans, die nun zwei Schritte auf einmal machte. Jetzt erblickte sie ihn, fürchtete sich aber nicht vor ihm. Sie watschelte näher, bis sie vor ihm stand und ihn verwundert anstarrte.

Er packte sie am Hals, und sie sagte nichts. Sie war zu verwundert.

Er konnte eine Gans nicht ohne Feuer essen, das hatte er gewußt, ehe er sie schlachtete. Er würde sich bei den Bauern verraten, wenn sie überhaupt auf den Gedanken kamen, den Himmel anzuschauen, denn riechen konnten sie den Rauch jedenfalls nicht.

Er trug dürre Zweige und Äste zusammen, damit die Flamme möglichst klar wurde, und er ließ das Feuer so lange brennen, bis genügend Holzkohle und Asche entstanden waren, um die gehäutete Gans darin zu braten. Das Herz und die Leber legte er in den Steinring für den, der offenbar vorbeikam, ihn aber in Frieden ließ.

Er ging zur Mulde, scharrte den Schnee weg, streifte Moosbeeren ab und nahm eine große Handvoll mit, damit er sich daran laben konnte, wenn die Gans gar war.

Er hängte den Balg der Gans zum Trocknen auf, und auch den Schnabel hängte er auf, genau wie es seine Mutter getan hätte. Die Eingeweide legte er ans Seeufer, die Därme aber reinigte er, wendete sie, wusch sie im Seewasser aus und hängte sie unter einem Weidenbaum auf. Wenn sie trocken waren, konnte er daraus vielleicht eine Sehne für den Bogen winden, den er sich bauen wollte, sobald er einen Namen hatte. Mit Fett mußten sie eingerieben werden, damit sie sich hielten, eingerieben und geknetet mußten sie werden, damit sie weich und schmiegsam wurden. Er benötigte eine Schale, um das Fett aufzufangen, falls er nochmals eine Gans in seinen Bann ziehen konnte.

Er aß die ganze Gans, so daß er nach Luft schnappen mußte. Er lachte über seinen überfüllten Magen. Dann rieb er den Kopf mit dem Fett ein, wusch sich danach mit Schnee, und die Haut wurde weich und warm. Jetzt fühlte er sich wie im Gildenhaus der Baummarder: vollgegessen und quicklebendig, aber niemand war da, mit dem er hätte teilen können.

Etwa um die Zeit, als die Nacht am längsten war und die Sonne nur einen kurzen Augenblick über dem Wald erschien, entdeckte er eine große Spur und neben der Spur kurze Haare. Es bestand kein Zweifel, ein Hirsch hatte die Ebene beim See durchquert, vielleicht auf der Flucht vor den Bauern.

Er lauschte auf ihr Johlen und Schreien, er wartete, sie lärmend aus dem Wald brechen zu sehen, aber alles blieb still. Dann machte er sich auf über die bläulich-weiße Schneedecke und folgte der Spur in den Wald.

Gleich nach dem Waldrand hatte das Tier angehalten, die Spuren bildeten ein Muster kreuz und quer im Schnee, es hatte nach Gras und Pilzen gescharrt, gefressen und einen großen Kothaufen hinterlassen.

Der Hirsch war langsam durch den Schnee gelaufen, vielleicht, um eine Wasserstelle zu finden und von den Kräutern und dem Gras zu fressen, die dort wuchsen und vom Schnee nicht bedeckt waren. Er folgte der Spur, ohne hineinzutreten, wie er es von seinem Vater gelernt hatte, es gab sogar Gelegenheiten, da mußte man rückwärts gehen, das verwirrte das Tier und machte es neugierig.

Der Hirsch mußte erst vor kurzem hier gewesen sein, mußte im Bogen gegangen sein, gegen den Wind. Er roch ihn schon, ein eigenartiger Geruch, der ihm nicht vertraut war. Von den Spuren dagegen hatte der Vater oft geredet, immer dann, wenn er erzählte, wie er einmal einen Hirsch gejagt und erlegt hatte.

Da widerhallte der Wald von Lärm und lauten Rufen, der Junge hörte das Platschen von Wasser, und durch das Unterholz sah er Gestalten, die wild durcheinanderliefen. So hatten die Bauern aus dem Dorf den Hirsch doch bemerkt und vorausgesehen, daß er wahrscheinlich zur Wasserstelle kommen und seinen Durst löschen würde.

Er schlich von Baum zu Baum. Sie waren mit Bogen bewaffnet, der Hirsch lag, von ihnen umringt, mitten in der Quelle, und war von fünf Pfeilen getroffen. Von jedem Mann einer. Jetzt standen sie da und redeten laut, als wären sie allein auf der Welt. Einer von ihnen deutete auf den Hirsch, der den Kopf etwas gehoben und einen Hinterlauf bewegt hatte. Sie redeten darüber, wer von ihnen dem Tier den Todesstoß geben sollte. Einer, der nichts sagte, erhielt die Aufgabe. Er hatte ein langes Eisenmesser. Er führte seine Aufgabe in der Quelle stehend aus, ihm war offensichtlich nicht recht wohl zumute dabei.

Dann zogen sie das Tier an den Hinterläufen heraus, banden Hinter- und Vorderläufe zusammen, und einer, der eine Axt hatte, fällte einen kleinen Ahornbaum und schnitt die Äste ab. Der Stamm wurde zwischen den verschnürten Läufen durchgeschoben, zwei der Männer schulterten die Last und machten sich auf den Weg ins Dorf. Die Atemluft stand in kleinen Wolken um die Männer. Sie redeten laut und brachen manchmal in ein Gelächter aus, das seine Mutter immer als das böse Lachen bezeichnet hatte.

»Eines Tages«, sagte der Vater, »eines Tages wirst du einen Hirsch erlegen, aber nicht mit deinem kleinen Messer. Wenn du Pfeil und Bogen hast, wird es für dich auch einmal soweit sein.«

Der Junge ging in der Dämmerung heimwärts.

»Hirschfleisch ist so kräftig, daß einem davon schwindlig wird«, hatte sein Vater gesagt, »man bekommt Kraft und großen Mut davon, mehr als vom Wildschwein.«

»Wildschweinfleisch macht schwermütig«, hatte die Mutter gesagt, »Hirschfleisch dagegen fröhlich. Von Hirschfleisch wird die Welt rot wie die Sonne.«

»Es ist das Fleisch unserer Vorfahren«, sagte der Vater. »Das Fleisch der Bauern ist die Grütze. Unsere Vorfahren haben einmal jeden Tag Hirschfleisch gegessen.«

Er ging zu seinem Bach und holte sich drei Forellen heraus. Die Kraft, die er hatte, stammte vor allem von Fischen, Vögeln, Beeren und Pilzen. Er war bereits anders als seine Vorfahren.

Nach dem Tag, an dem sich die Sonne am kürzesten zeigte und die Nacht so lang war, wie der Tag im Sommer, nahm die Kälte zu, und er begann nachts zu frieren, so daß er in der Dunkelheit herumlaufen mußte, um sich mindestens ein bißchen zu erwärmen. Er brauchte dringend ein Fell.

Da wollte es der Zufall, daß ein Wolf über den See gelaufen kam, das war noch nie passiert. Der Wolf lief mit dem Wind, obwohl das Tier groß war, schien es ziemlich schwach zu sein.

Er rief den Wolf an, wie der Vater es ihm beigebracht hatte, und er nannte ihn lieb, das hörten die Wölfe gern: »Lieber Wolf, willkommen bei mir. Ich bin hungriger als du, du brauchst mich also nicht zu fressen. Ich friere auch mehr als du, deshalb könntest du mir dein Fell geben.«

»Was gibst du mir dafür?« fragte der Wolf, ein altes Männchen, verstoßen vom Rudel.

»Ich werde dir erzählen, wo es Schafe und Lämmer gibt.«

»Schafe und Lämmer, die sind um diese Zeit in den Häusern der Menschen«, brummte der alte Wolf.

»Nicht in dieser Gegend«, sagte der Junge ohne Namen, »hier scharren die Schafe den Schnee beiseite und fressen das gefrorene Gras. Du kannst dich selbst davon überzeugen.«

»Dann nimm das Fell«, sagte der Wolf, »der Hunger plagt mich tatsächlich mehr als die Kälte, deshalb mache ich den Tausch gerne mit.«

Der Junge forderte den Wolf auf, sich hinzulegen, damit er mit seinem Messer herankommen könne, und der Wolf legte sich bereitwillig hin.

»Jetzt muß ich dir erst den Hals aufschneiden«, sagte der Junge, »anders geht es nicht.«

»Mach das nur«, sagte der Wolf, »ich werde es ja gewiß nicht spüren.«

Der Wolf spürte es natürlich schon, aber da war es zu spät, und der Junge konnte dem Wolf das Fell abziehen, aber den Körper rührte er nicht an, so, wie er es versprochen hatte.

Am gleichen Tag noch schabte er die Haut, scheuerte sie mit Seewasser, und obwohl sie der Frost steif werden ließ, hatte er ein Wolfsfell und brauchte nicht zu frieren.

»Danke, lieber Wolf«, sagte der Junge, nachdem er sich in das Fell gehüllt hatte, »du bist sehr gut zu mir. Und du, Vater, was sagst du dazu?« fragte der Junge, zum Aschehaufen gewandt, »sagst du gar nichts dazu?«

Aber der Vater hatte nichts zu sagen. Er hielt sich wahrscheinlich meistens im Gildenhaus auf.

Jetzt konnte der strenge Winter, an dem die Tage länger wurden, ruhig kommen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺223,69
Yaş sınırı:
0+
Hacim:
110 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711512616
Yayıncı:
Tercüman:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar