Kitabı oku: «Ignatianische Schulpastoral», sayfa 2
1.1.1.1Umgang mit inneren Veränderungen
Umgang mit dem Körper: Mitten in der Schulkarriere einer Schülerin bzw. eines Schülers verändert sich mit einem mal etwas, was bisher eher langsam und kontinuierlich gewachsen war. Der Körper zeigt Anzeichen einer selbst-beobachtbaren und massiv geschlechtsspezifischen Metamorphose vom Kind zum Erwachsenen. Jugendliche haben den Eindruck, in ihrem Körper gingen Dinge vonstatten, die ihnen bislang unbekannt waren, und sie beschleicht das Gefühl, ihr Körper habe mehr Macht über sie als sie über ihn. Was im Körper eines Jugendlichen genau vorgeht, lässt sich nicht simplizistisch beschreiben, sondern stellt vielmehr einen komplexen Vorgang dar, bei dem hormonelle Veränderungen einhergehen mit der Entwicklung der Geschlechtsmerkmale sowie der Entfaltung der Fortpflanzungsfähigkeit.
Ein interaktives Verarbeitungsmodell geht davon aus, dass Jugendliche puberale Prozesse wahrnehmen und zunächst subjektiv interpretieren. Je nachdem, in welchem Maße ein Jugendlicher über persönliche und soziale Ressourcen im Sinne von Selbstbewusstsein und sozialer Unterstützung verfügt, kann er ein mehr oder weniger positives Konzept der eigenen Attraktivität entwickeln, was sich wiederum auf sein emotionales Befinden auswirkt. Darüber hinaus versuchen die meisten Jugendlichen das eigene äußere Erscheinungsbild aktiv zu gestalten und sich zu „inszenieren“, um den eigenen Körper zur Kontaktaufnahme einzusetzen, was sich auf die soziale Stellung und Akzeptanz auswirkt. Gelingt dieser Prozess in den Augen des Jugendlichen, so wird dies sein Selbstbewusstsein stärken. Wenn nicht, so drückt sich dies in mangelnder Selbstakzeptanz aus und kann bis hin zu Depressionen führen.
In der Pubertät schenkt die Natur dem Heranwachsenden einen „neuen Körper“, den zu „bewohnen“ gelernt sein will. Dazu gehört, dass Jugendliche sich mit der eigenen Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit auf der einen sowie mit Schönheitsidealen und Allmachtsfantasien auf der anderen Seite auseinandersetzen. Sie stehen vor der Aufgabe, ein diszipliniertes und zugleich natürliches Ess-, Hygiene- und Gesundheitsverhalten einzuüben und sich genügend körperlich zu betätigen. Will der Heranwachsende bei der Verarbeitung seiner Pubertät selber Verantwortung übernehmen und will er diese rational und verantwortlich steuern und gestalten, so muss er lernen, auf verschiedene Ressourcen zuzugreifen und sich neue Fähigkeiten anzueignen: Er sollte sich von wohlwollenden Erwachsenen unterstützen lassen, statt sich zurückzuziehen und sich zu distanzieren. Er sollte sich nicht allein über meinungsmachende Medien aufklären lassen, sondern fundierte Informationen z. B. von Eltern oder aus dem Sexualkundeunterricht annehmen, sich in gesundem Maße disziplinieren (lassen), statt „herumzuhängen“ und sich treiben zu lassen, und er sollte die häufig dramatische Kluft zwischen äußerem Verhalten und innerer Stimmungslage aushalten, annehmen, ausdrücken und nach und nach überbrücken lernen.
Auch von Pädagogen, Erziehern, Lehrern und Eltern wird im Umgang mit den körperlichen Veränderungen bei Jugendlichen einiges verlangt: Sie sollen sich über die Inhalte der Aufklärungsangebote von Medien, an denen sich Jugendliche orientieren, informieren, Hilfreiches betonen und unterstreichen, Ungenügendes ergänzen sowie Falsches richtigstellen. Wichtig ist, dass sie die Probleme und Nöte von Jugendlichen kennen und ernst nehmen, vor allem in Bezug auf den Entwicklungsvorsprung bzw. Entwicklungsrückstand6 einzelner. Im Hinblick auf Schulklassen und noch mehr auf Jugendgruppen ist zu beachten, dass zwischen dem Einsatz der Pubertät von Frühentwicklern und Spätentwicklern bis zu sechs Jahre liegen können.
Umgang mit der Sexualität: „Liebe, Sex und Partnerschaft“ ist eine Thematik, die auf Besinnungstagen der Jahrgangsstufen 8 und 9 am häufigsten gefragt ist, wenn Jugendliche frei wählen können. Das ist für diese Altersgruppe nicht verwunderlich, sind doch die körperlichen Veränderungen eng mit der fortschreitenden Entwicklung der Sexualität verknüpft: die Intensität sexueller Bedürfnisse nimmt zu, Jugendliche werden reproduktionsreif und empfängnisfähig. Kaum etwas anderes ist in der Pubertät so interessant, als was man mit seinem Körper eben auch „machen“ kann. Kulturell unterliegt Sexualität normativen Regulierungen. War sie früher über Gebote und Verbote eher institutionell geregelt, so orientierte sie sich seit dem 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts immer stärker an persönlicher Zuneigung. In der modernen und postmodernen Gesellschaft sind Regulierungsnormen von Sexualität äußerst individualisiert, ihr moralischer Wertemaßstab ist die Selbstentfaltung der Person.
Zur Integration sexueller Potenz und kultureller Normen in einer selbstverantworteten Persönlichkeit gehört, dass Jugendliche ausgehend von den eher unverbindlichen Beziehungen und Freundschaften der Kindheit lernen, personale Intimbeziehungen zu einem konkreten gegengeschlechtlichen Gegenüber aufzubauen. Heranwachsende bewältigen die Entwicklungsaufgabe Umgang mit der Sexualität derart, dass sie ein Gespür dafür entwickeln, was für sie und den Partner gut und stimmig ist, was sie sexuell möchten und was sie zu geben bereit sind. Sie müssen sich um sexuelle Authentizität bemühen. Wenn Sexualität nicht auf „Sex“ reduziert werden soll, müssen sie fernerhin lernen, dass diese mit dem Bedürfnis zusammenhängt, geliebt und akzeptiert zu werden, mit Verantwortung und gegenseitigem Respekt sowie mit der Bereitschaft, eine soziale Bindung einzugehen, auch wenn diese in der Pubertät noch eher experimenteller Natur und in der Regel nicht auf Dauer angelegt ist.7 Auch der Umgang mit äußerst problematischen Aspekten der Sexualität will gelernt und eingeübt sein: Formen sexueller Gewalt, Verführung und Missbrauch8 dürfen nicht verschwiegen oder ausgeblendet werden; Kinder und Jugendliche müssen wissen, wie sie sich schützen und an wen sie sich verlässlich wenden können. Nach wie vor ein wichtiges Thema bleibt, dass Jugendliche sich ein Wissen um die Wirkung und Anwendung unterschiedlicher Verhütungsmethoden erschließen. Und schließlich müssen sie sich die Fähigkeit aneignen, darüber zu sprechen, wenn sie erniedrigt oder missachtet werden bzw. wenn eine Beziehung in die Brüche geht.
Aus pädagogischer Sicht ist es wichtig, dass neben der besten Freundin bzw. dem besten Freund auch Erwachsene als authentische und unaufdringliche Ansprechpartner zur Verfügung stehen, die Jugendliche bei der Entwicklung eines soliden Selbstvertrauens unterstützen, was wiederum Grundlage dafür ist, verantwortungsvoll mit der eigenen Sexualität umzugehen, sie in sozialen Bindungen zu verankern und in der Mitte des eigenen Selbstverständnisses zu platzieren. Nach wie vor sind die Eltern eine wichtige Vermittlungsinstanz in Sachen Aufklärung und Vertrauenspersonen für sexuelle Fragen. Über Verhütung wird meist im Schulunterricht informiert. Beratungsstellen sind zwar anerkannt, werden aber nur wenig genutzt. Nach wie vor besteht ein hoher Bedarf an Aufklärung, Beratung und Unterstützung.
1.1.1.2Umbau des sozialen Beziehungsgefüges
Bei der Entwicklungsaufgabe Umgang mit der Sexualität wurde deutlich, welche Rollen soziale Bindungen spielen und in welchem Maß gerade Eltern als Vertrauenspersonen zu Rate gezogen werden. Diese Beziehungen stehen in dem Maße, wie Kinder zu selbstständigeren und verantwortungsbewussteren Jugendlichen werden, vor einer Reorganisation, die bewältigt und gestaltet werden muss.
Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung im Jugendalter: „Pubertät ist, wenn Eltern kompliziert werden!“, so lautet ein verbreiteter Schülerspruch, der das auf den Kopf stellt, was Eltern gegenüber ihren Kindern im Jugendalter empfinden. Was hier umgangssprachlich als Alltagsweisheit formuliert wird, deutet an, dass es bei der Entwicklungsaufgabe des Umbaus des sozialen Beziehungsgefüges nicht um einen einseitigen Prozess geht, sondern um ko-konstruktive Interaktionen im Rahmen interner Vorgaben und kultureller Kontexte.
Das Eltern-Kind-Verhältnis hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Die traditionelle „Kommandofamilie“, in der Kinder eine Art Altersvorsorge darstellten, die Autorität allein bei den Eltern lag und der Generationenkonflikt ein schier unausweichliches Phänomen war, wandelte sich im Zuge des Autoritätsverlustes der Eltern und einer emotionalen Intimisierung zur „Verhandlungsfamilie“. Was Jugendliche wollen und dürfen, wird oft individuell und demokratisch ausgehandelt, wobei beide Seiten, Eltern und Kinder, sich gegenseitig beeinflussen und verändern. Mit Blick auf die strukturelle Situation, auf die legalen Verantwortlichkeiten, Ressourcen, Sanktionen und Rechte bleibt in der Familie oder zwischen Generationen dennoch ein asymmetrisches Verhältnis, welches auch in Aushandlungssituationen nicht ohne Konflikte abläuft. Wichtig ist, festzuhalten, dass Jugendliche vermehrt Eigenverantwortung für den Prozess ihres Selbstständigwerdens übernehmen und dass Eltern sie dabei begleiten, fördern und unterstützen.
Die hiesige Entwicklungsaufgabe zielt auf die Individuation der Heranwachsenden, bei der wachsende Selbstständigkeit und bleibende Verbundenheit mit der eigenen Herkunft Hand in Hand gehen. Wenn Jugendliche sich von ihren Eltern emanzipieren, beginnt ein Prozess von Interessenkonflikten9: Eltern wollen das Beste für ihre Kinder; Jugendliche dagegen wollen mehr Selbstbestimmung, mehr Freiheiten und mehr Rechte. Ausgehandelt werden diese Konflikte in einem familiären Diskurs, der von Elternseite nicht interesselos geführt wird und der aus individuell-persönlicher Sicht zumeist die optimale Entwicklung der Kinder zum Ziel hat. Aufgabe der Heranwachsenden ist es, Strategien zu entwickeln, um eigene Vorstellungen in diesen Diskurs einzubringen, sie durchzusetzen und umzusetzen. Dies gelingt ihnen umso besser, je mehr ihre Eltern das Gefühl haben, dass sich ihr Verhalten und die Ergebnisse, die sie damit erzielen, langfristig positiv auf ihre Entwicklung auswirken. Konfliktiv ist dieses Interaktionsgeschehen meist deswegen, weil ein großer Unterschied zwischen beiden Seiten besteht: Während Eltern ihre Lebenszufriedenheit davon abhängig machen, dass sie eine positive und emotional befriedigende Beziehung zu ihrem Kind haben, ist für Heranwachsende das Leben zusammen mit ihren Eltern alles andere als die Erfüllung ihres Lebensprojektes. Ihr Blick ist in die Zukunft gerichtet, sie streben nach neuen Bindungen, nach Beziehungen zum anderen Geschlecht. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass, wenn Kinder in die Pubertät kommen, sie und ihre Eltern die gegenseitigen Erwartungen und ihren Kommunikationsstil so reorganisieren, dass Verlässlichkeit und Anpassungsfähigkeit gleichermaßen gewährleistet sind. Als „normalverlaufend“ kann man eine Eltern-Kind-Beziehung in der Adoleszenz dann bezeichnen, wenn Jugendliche ihre sozialen Aktivitäten auch nach außerhalb der Familie verlagern, wenn sie Selbstständigkeit und Selbstverantwortung gerade durch Konflikte hindurch erobern, wenn sie weniger emotional in die Familie investieren und die Beziehung zu den Eltern „zurückfahren“ und wenn Eltern mit der Zeit immer weniger Einfluss auf ihre Kinder ausüben.10
Pädagogisch betrachtet ist dieser Ablösungsprozess ein notwendiger Teil der Individuation von Heranwachsenden. Aufgabe der Eltern ist es, diesen als Neusynchronisierungsprozess zu erkennen und sich auf ihn einzulassen. Sie sind aufgefordert, den Weg ihrer Kinder mitzugehen, wenn diese in der Pubertät das Verhältnis von Nähe und Distanz, Autonomie und Abhängigkeit, Freiheiten und Pflichten neu ausbalancieren. Sie unterstützen ihre Kinder dabei, wenn sie (1) in der Familie bei aller Streitkultur auch für konfliktfreie Zonen sorgen, wenn sie (2) die eigene Kommunikations- und Verhandlungsfähigkeit sowie die ihrer Kinder fördern und gleichzeitig von ihrer Führungskompetenz Gebrauch machen, wenn sie (3) gemeinsam mit ihren Kindern (bildungsintensive) Freizeit gestalten, weniger sanktionierend als vielmehr argumentierend vorgehen, einen Mittelweg finden zwischen Überbehütung und Desinteresse, wenn sie (4) ihre Kinder über Zwischenstufen in die Unabhängigkeit entlassen, an der Lebenswelt ihrer Kinder interessiert sind und diese umgekehrt – zumindest partiell – auch an ihrer eigenen teilnehmen lassen und wenn sie (5) den Jugendlichen vermitteln, dass auch deren Stimme Gehör findet und von Bedeutung ist. Wenn Eltern sich dabei Mühe geben und ihnen dies ansatzweise gelingt, dürfen sie sich zusammen mit ihren Kindern noch einmal jung fühlen und die Individuation der Jugendlichen als eigene Entwicklungschance nutzen. Auf diese Weise wird Familie zu einem Ort, an dem Eltern und Kinder aneinander und miteinander lernen können, dass man für gelingende Beziehungen etwas tun und daran arbeiten muss und dass man keine Angst haben muss, alles würde zerbrechen, wenn dabei einmal etwas danebengeht.
Entwicklung von Freundschaften und Partnerbeziehungen: „Ein Freund ist ein Geschenk, das man sich selbst macht.“ Auch beim Umbau von Freundschaften in der Jugendzeit geht es um – nun allerdings symmetrische und kooperative – ko-konstruktive Prozesse. Freunde wollen gewonnen und Freundschaften müssen gepflegt werden. Freundschaften kommen nicht mehr – wie noch in der Kindheit – über Altersgleichheit oder nachbarschaftliche bzw. bekanntschaftliche Nähe zustande. Heranwachsende wählen sich ihre Freunde verstärkt anhand von vermuteten Ähnlichkeiten hinsichtlich der Interessen und Einstellungen aus. Peer-Beziehungen sind Lernfelder gegenseitiger Achtung und Normen, der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, des Informationsaustausches, der Selbstinterpretation und der Identitätsfindung.
Interne Voraussetzung dafür, dass Freunde, Cliquen und Partnerschaften in der gesamten Jugendphase so wichtig werden, ist die Verschiebung der Libido; weg von den Eltern, hin zu Altersgleichen desselben Geschlechts und schließlich zu einem andersgeschlechtlichen Partner. Bestimmende Kontexte sind vor allem die Schulen und innerhalb derer die Schulklassen; diese bilden ein weites Kontaktfeld, das Jugendlichen erlaubt, sich in sozialen Beziehungen auszuprobieren – ausgedehnte Medien- und Freizeitangebote sowie die gestiegene Mobilität wirken verstärkend.
Die Entwicklungsaufgabe bezüglich des Umbaus sozialer Beziehungen im Hinblick auf Freundschaften und Partnerschaft lässt sich folgendermaßen beschreiben: Heranwachsende müssen lernen, Beziehungen zu Altersgleichen11 aufzubauen und aufrechtzuerhalten sowie diese gegebenenfalls auch wieder aufzugeben, um sich emotional wohl und nicht einsam zu fühlen. Dabei wird von ihnen gefordert, dass sie sich einüben, einander zu respektieren und die Perspektive anderer zu übernehmen, Interessen auszuhandeln und Meinungen auszutauschen. Sie müssen sich in gewissem Sinne von ihren Eltern ablösen und gleichzeitig das neu errungene Verhältnis von Eigenständigkeit und Gemeinschaftlichkeit immer wieder austarieren. In Beziehungen zu Gleichaltrigen haben sie zum Aufbau der eigenen Identität die Chance, provisorisch verschiedene Rollen auszuprobieren und sich die Fähigkeit anzueignen, soziale Beziehungen zu gestalten, in denen es um Bindung, Verantwortlichkeit, Fairness und Intimität12 geht. Diese Chancen müssen sie aktiv ergreifen und nutzen. Schließlich soll in diesem Lernfeld prosoziales Verhalten eingeübt und praktiziert werden, was sich wiederum positiv auf die Akzeptanz durch andere bzw. auf das Selbstwertgefühl auswirkt und eigenes Dominanzverhalten konstruktiv reguliert.
Bei alledem dürfen aber nicht die risikoreichen bzw. devianten Verhaltensweisen übersehen werden. So demonstrieren Meinungsführer – besonders wenn sie unbeliebt, sozial uninteressiert und aggressiv sind – häufiger Distanz zur Schule und allgemeine Disziplinlosigkeit, sie neigen eher zum Rauchen sowie zum Alkoholkonsum und haben eine tendenziell stärker belastete Beziehung zu ihren Eltern. Ebenfalls nicht zu vernachlässigen sind Phänomene sozialen Ausschlusses vor allem im Kontext der Schule. So gelten Schüler als randständig, die in der Klasse kaum auffallen, die ohne Freunde sind und zu keiner Clique gehören.13 Ihr Verhalten ist zumeist ambivalent: Auf der einen Seite sind sie schüchterner, fühlen sie sich wenig akzeptiert und es gelingt ihnen nicht, prosozial zu agieren, auf der anderen Seite sind sie eher „brav“ und angepasst. Problematisch wird dies für die Entwicklung von Jugendlichen dann, wenn sie auch außerhalb der Schule nicht integriert sind, dies wirkt sich langfristig negativ auf das Selbstbewusstsein aus.14
Jugendliche in Beziehungsstrukturen zwischen Eltern und Freunden: Wenn Jugendliche in ihrer Entwicklung vor der Aufgabe stehen, ihre sozialen Beziehungen einerseits zu den Eltern, andererseits zu den Freunden zu reorganisieren, lässt sich dies mit Hilfe von Gegensatzpaaren beschreiben: Ablösung–Aufbau, asymmetrisch–symmetrisch, gegeben–aufgegeben. Nicht mehr haltbar ist die These, dass Peers einen vornehmlich negativen Einfluss haben und in Konkurrenz zu den Eltern treten. Es scheint vielmehr so zu sein, dass je nach Art der Erfahrungen emotionaler Einbindung, die Kinder zu Hause machen, diese sich entsprechend auf die Beziehungsgestaltung zu Gleichaltrigen auswirken. Jugendliche lassen sich vier idealtypischen Beziehungskonfigurationen zuordnen:
– Sie sind in beiden Kontexten gut integriert. Konsequenz: Selbstbewusstsein, Sozialverhalten und Leistungsbereitschaft, positive Prognose.
– Sie sind überhaupt nicht integriert. Konsequenz: Mangelnde Beziehungs- und Integrationsfähigkeit, somatische Auffälligkeiten und Schulängste.
– Freundschaften kompensieren belastete Beziehung zu den Eltern. Konsequenz: Alterstypisches Risikoverhalten, um Prestige zu gewinnen, Distanzierung gegenüber schulischen Erwartungen.
– Außerhalb des Schutzraumes der Familie gelingt nur wenig Kontaktaufnahme. Konsequenz: Schulisch und gesellschaftlich angepasst, deutlich reduziertes Selbstwertgefühl, Neigung zu Depressionen.
Abschließend seien einige pädagogische Interventionsmöglichkeiten genannt, die Jugendlichen helfen können, ihre Beziehungen positiver zu gestalten. Aggressive Heranwachsende sollen lernen, keine vorschnellen und falschen Schlüsse zu ziehen, wenn sie sich angegriffen fühlen, sondern überlegen und problematische Situationen verstehen lernen. Bei Impulsivität gehört das Time-out zu den wichtigsten Strategien, um Gefühle zunächst zurückzuhalten, sie in Ruhe zu interpretieren und dann nach geeigneten Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Soziales, verantwortungsbewusstes und vertrauenswürdiges Verhalten, das sich beziehungsfördernd auswirkt, lernen Jugendliche am besten durch gutes beispielhaftes Vorleben. Ebenso können Jugendliche lernen, wie sie sich bei Kontaktaufnahme positiv einbringen und wie sie sich in Gruppen sinnvoll bewegen und klug verhalten. Auch bei dieser Aufzählung wird deutlich, welch wichtige Rolle beim Einüben und Erproben dieser Fähigkeiten Eltern spielen, an denen Jugendliche modellhaft lernen können, und was eine Familie mit Geschwistern ausmacht, die hierbei gleichsam als „Trainingslager“ fungiert.
1.1.1.3Umgang mit kulturellen Ansprüchen
Jugendliche sind in ihrer Entwicklung nicht nur mit Veränderungen in Bezug auf ihren Körper bzw. ihre sozialen Beziehungen konfrontiert. Sie müssen sich auch mit sehr konkreten Aufgaben auseinandersetzen, die die Gesellschaft vermehrt an sie heranträgt. Diese erwartet von ihnen, dass sie einen Schulabschluss machen, der sie dazu befähigt, eine Lehrstelle anzutreten oder zu studieren, um später einen Beruf zu ergreifen und ihre Existenz selbstständig zu bestreiten. Sie sollen sich so weit allgemein-bilden, dass sie sich in einer immer unübersichtlicheren Welt zurechtfinden und diese in Verantwortung für sich und für das Gemeinwohl mitgestalten. Die Entwicklungsaufgabe, die es zu bewältigen gilt, zielt auf einen selbstbewussten und eigenständigen Umgang mit Leistung, Ethik und Kultur.
Umgang mit Schule und Umbau der Leistungsbereitschaft: Jeder Schüler kennt das Sprichwort: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ In den höheren Klassen nimmt diese Volksweisheit immer plastischere Züge an, wenn dem Heranwachsenden bewusst wird, dass er sich mit seinen schulischen Leistungen und mit zu erwerbenden Fähigkeiten auf seinen Ausbildungs- und Berufsweg vorbereitet oder sich diesen eben verbaut. Dass schulische Ziele sich allerdings darin nicht erschöpfen, zeigt das Seneca-Zitat im Original: „Non vitae, sed scholae discimus.“ Vielleicht liegt in diesem Widerspruch ein kleines Körnchen dialektischer Wahrheit, dass Schule nicht allein eine Vorbereitungszeit auf das „Eigentliche“ ist, sondern zugleich ein Lernort, der einen Wert an sich hat und der Gelerntes nicht nur einübt, sondern auch ausübt und anwendet.
Zu den internen Rahmenbedingungen beim Umgang mit Schule und dem Umbau der Leistungsbereitschaft gehört neben den kognitiven Leistungskapazitäten eine Bedürfnisdynamik allgemein-menschlichen Handelns, die auch für das Lernen gilt: Der junge Mensch will lernen, will etwas können und Leistung erbringen, er strebt danach, immer selbstständiger und kompetenter zu werden. Kontextuell eingebettet ist die Entwicklungsaufgabe darin, dass Schule zu der Lebenswelt der Jugendphase geworden ist, in der Jugendliche nicht nur sehr viel Zeit verbringen und im Wesentlichen ihr Beziehungsnetz aufbauen, sondern in der sie lernen, diszipliniert zu arbeiten, sich Fähigkeiten anzueignen, Potentiale auszuschöpfen und Leistung zu erbringen, sich mit anderen zu vergleichen, bewertet zu werden und nicht zuletzt miteinander zu konkurrieren. Am Ende steht Schule also nicht nur im Kontext von Möglichkeiten und Einschränkungen produktiver Entwicklung, sondern vielmehr unter dem Druck der Selektion hinsichtlich des zukünftigen beruflichen Anspruchsniveaus.
Dennoch, auch der Schule ist ein Heranwachsender nicht wehrlos ausgeliefert, sondern er hat Möglichkeiten, die eigenen Lernprozesse aktiv zu beeinflussen und zu gestalten. Er steht vor der Aufgabe, schulische Lernangebote zunehmend selbstständiger, engagierter und effektiver zu nutzen. Selbstbestimmtes Lernen muss internalisiert werden; dazu bedarf es der Disziplin und der Fähigkeit, das eigene Potential zu reflektieren. Das Modell selbstregulierten Lernens zeigt, dass Lernverhalten bzw. schulische Aufgabenbewältigung von drei Faktoren abhängen: von Motivationen15, Attribuierungen16 und Lernstrategien17 der Schüler. Indem diese Faktoren zusammenspielen, berühren sie das Motivationssystem der sozialen und der individuellen Motivation. Entwicklungspsychologisch signifikant ist eine Wandlung der motivationalen Strukturen bei Heranwachsenden: Bis Klasse 5/6 kann man feststellen, dass Kinder allgemein Freude an Aktivität und am Lernen haben und ein Bedürfnis, dadurch auch sozial akzeptiert zu werden. Ab Klasse 6/7 verändern sich parallel zum Umbau der sozialen Beziehungen und zur Verringerung von Außenlenkungen auch die Einstellungen gegenüber schulischen Erwartungen und hinsichtlich der Lernorientierung.18 In dem Maße, wie Schüler eigenständiger werden (sollen), werden sie auch (selbst-)kritischer, wählerischer, differenzierter in ihren Interessen (in Bezug auf Lerninhalte sowie auf Lehrpersonen) und gegenüber allem Schulischen distanzierter. Diesen Umbauprozess müssen Heranwachsende als Entwicklungsaufgabe der Jugendphase annehmen und aktiv gestalten, indem sie sich zunehmend eigenverantwortlicher zeigen und sich selber regulieren, sich mit der Schule nicht mehr total identifizieren, Leistungsrückmeldungen ins eigene Selbst integrieren, schulischen (Miss-)Erfolg mit Selbstakzeptanz und Integrität zusammenbringen; indem sie weiterhin persönlichen Leistungseinsatz mit sozialen Haltungen in Einklang bringen, ihr konturierter werdendes Selbstbild zu einer Zielperspektive hin entwickeln, Interessenschwerpunkte setzen (mit Blick auf Berufsentscheidungen) sowie schulische Erfahrungen mit persönlicher Sinnorientierung verknüpfen.
Damit Jugendliche die Entwicklungsaufgabe Umgang mit Schule und Umbau der Leistungsbereitschaft positiv bewältigen können, ist es für die Stabilisierung der Anstrengungsbereitschaft pädagogisch hilfreich, wenn zwischen ihnen und ihren Eltern ein positives Verhältnis besteht, ihre Leistung reflektiert wertgeschätzt wird, in der Altersgruppe schulfreundliche Normen den Ton angeben, Lehrer ein hohes Schulengagement an den Tag legen und Schüler regelmäßig faktische Lernerfolge erzielen. Umgekehrt sind es am ehesten interpersonale Erwartungen und Haltungen, die den Aufbau eines positiven Selbstbildes der Leistungsfähigkeit und Begabungen beeinträchtigen können; wenn z. B. die Leistungsansprüche in einer Schule überhöht sind, die Lehrerschaft sich vorwiegend kühl-distanzierend verhält und Eltern mit den Leistungen ihrer Kinder permanent unzufrieden sind.19 Schließlich bleibt wiederholt anzumerken, dass es in der Schule nicht nur um Leistungen des Einzelnen geht, sondern auch um komplexe Interaktionen einer Schulklasse, die je nach ihrer Normstruktur Schulerfolge sozial entweder achten oder ächten kann. Genau aus diesem Grund müssen Jugendliche sich darum bemühen, das Verhältnis von Erwartungen der Mitschüler und Erwartungen der Schule immer wieder auszubalancieren.
Berufswahl: „Arbeite und lerne und du kannst gar nicht verhindern, dass du etwas wirst.“ Diese vielleicht etwas zu optimistische, jedoch weit verbreitete Einschätzung zeigt, wie eng Schule und Lernen mit Beruf und Arbeiten zusammenhängen. Insofern sich Heranwachsende in der Schule mit ihren Interessen und ihren Leistungen auseinandersetzen, bereiten sie sich auf eine individuelle Berufsentscheidung vor. Dabei besteht ein unübersehbarer Zusammenhang zwischen der besuchten Schulart bzw. dem erreichten Schulabschluss und dem Niveau zukünftiger Ausbildungs- und Berufswege. Obwohl moderne Gesellschaften jedem Individuum die freie Berufswahl zugestehen, finden sich auf dem Weg dazu nach wie vor viele erschwerende Zugangsbeschränkungen: Zum einen sind es die Weichenstellungen nach Klasse 4/6 bzw. 9/10, die in gewissem Maße Vorentscheidungen treffen, „was aus einem mal wird“, zum anderen spielt die Herkunftsfamilie bei der Berufswahl eine maßgebliche Rolle.
Die interne Entwicklung von Berufswünschen ist altersabhängig und wird gegen Ende der Schulzeit virulent. Welcher Art die Berufswünsche sind, ist dazu schularten- und noch mehr geschlechtsabhängig. Gegen Ende der Adoleszenz sind Jugendliche damit konfrontiert, ihren Berufswunsch in eine Berufsentscheidung zu transformieren und aktiv an der Umsetzung zu arbeiten. Dies geschieht idealtypisch in mehreren Schleifen: Abtasten von Präferenzen, Abschätzen persönlicher Ressourcen und Prüfen von Chancen und Angeboten. Hilfreich sind dabei ko-konstruktive Prozesse, also die Einbeziehung von Eltern, Freunden, Lehrern oder Berufsberatern. Indem Jugendliche diese Entwicklungsaufgabe zunehmend bewältigen, bahnen sie eine berufsbezogene Identitätsarbeit an, die sie noch länger begleiten wird.
Neben Politik und Wirtschaft, die die nötigen Rahmenbedingungen für deutlich mehr Lehrstellen und Arbeitsplätze schaffen müssen, sind Eltern, Lehrer, Berufsberater und die Arbeitsagentur gefordert, Heranwachsende auf vielerlei Weise zu unterstützen, mit ihnen entsprechende Ausbildungswege einzuschlagen bzw. sie in den Arbeitsprozess zu integrieren, ohne sie davon zu entbinden, bei der Suche und Umsetzung selbstverantwortlich zu bleiben und Eigeninitiative zu zeigen. Gute Ansätze dazu liefern z. B. berufsorientierende Schulpraktika sowie Informationsveranstaltungen bzw. persönliche Beratungen in Berufsinformationszentren.
Bildung: „Sich mitzuteilen ist Natur; Mitgeteiltes aufzunehmen, wie es gegeben wird, ist Bildung“ (s. GOETHE, Die Wahlverwandtschaften). In dieser Aussage kann man eine Entwicklung erkennen, die ihren Ausgang darin nimmt, die eigenen Erfahrungen und Anschauungen unmittelbar zu kommunizieren, wie es Jugendliche unter Ihresgleichen gerne tun, indem sie sich etwa per iPhone und über facebook ständig mitteilen, wo sie gerade sind, was sie tun, wer bei ihnen ist, wie es ihnen geht und wie sie sich fühlen. „Von der Natur zur Kultur“, so definiert GOETHE das Ziel menschlicher Entwicklung; der Mensch soll zur Kulturfähigkeit heranwachsen, indem er lernt, reflektierte und tradierte Erfahrungen aufzunehmen. Dabei ist Bildung mehr als Faktenwissen und mehr als Kommunikation. Sie geschieht vielmehr in einem Vermittlungs-/Aneignungs-/Verarbeitungs- und Artikulationsprozess und gipfelt in der allgemeinen Urteilskraft eines Menschen. Sie ist die Fähigkeit, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden und Ersteres ernst zu nehmen. Erst dies hilft dem Heranwachsenden, sich in dieser Welt zurechtzufinden, sie zu interpretieren und sie letztlich selber mitzugestalten.
Als Kontext von Bildungsprozessen gilt für Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer noch ein „Kanon kultureller Traditionen des Abendlandes“, wobei heftig gestritten wird, was Letzteres eigentlich ausmacht. Wichtige Linien kann man von jüdisch-christlichen Wurzeln über den Humanismus und die Aufklärung bis hin zur Postmoderne ziehen, zu deren Kennzeichen gehört, dass sie sich vor allem an der Vernunft orientieren und daran, dass ein friedliches Zusammenleben auf Toleranz und Konsens angewiesen ist. Die Auseinandersetzung mit Werken, Einsichten und Theorien, die daraus hervorgegangen sind, ermöglicht Jugendlichen, persönliche Daseinserfahrungen und individuelle Sinnsuche auch stellvertretend zu erleben. Obwohl die abendländische Kultur im europäischen Kontext der Bildungsvermittlung nach wie vor den Referenzpunkt darstellt, sind Heranwachsende heutzutage auch auf interkulturelles bzw. multikulturelles Lernen angewiesen, um sich in der weiten Welt bzw. im „global village“ zurechtzufinden.
