Kitabı oku: «Erik der Rote - Schiff und Schwert»
Preben Mørkbak
Erik der Rote
Ein Roman über Erik Torvaldsson, der von Axt-Torer abstammte und derjenige war, der Grönland entdeckte und ein guter Freund von Thor war.
Erstes Buch
Schiff und Schwert
Aus dem Dänischen von André Wilkening
Lindhardt & Ringhof
Er schlug sich für das Recht,
derjenige zu sein, der er war,
wenngleich es ihn sein gutes Leben kostete,
liebte er seine Zigeunerin,
und sie bekamen sieben Kinder.
Sein Name war Martin Lange,
und er war mein Großvater.
Ihm ist dieses Buch gewidmet.
Vorwort
Dieses Buch ist vor allem ein Roman, aber auch ein Versuch, das verfügbare Wissen über die Nordleute in Grönland und besonders über denjenigen Mann zusammenzutragen, der die Besiedlung einleitete, die vom Ende des 10. Jahrhunderts bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts dauerte.
Ich habe mich sowohl in schriftlichen Quellen und archäologischen Untersuchungen wie auch in Abhandlungen von Historikern, Ethnologen, Religions- und Mythenforschern auf Spurensuche begeben. Außerdem habe ich mit Begeisterung belletristische Literatur gelesen, die sich mit dem Thema befasst.
In diesem Buch gibt es keine Quellenangaben, da es keine wissenschaftliche Arbeit ist. Dennoch hoffe ich, dass das Buch den größten Teil der heutzutage bekannten Fakten über Erik den Roten enthält.
Was die unzähligen Ansichten betrifft, die es über die Nordleute, Erik den Roten und die Wikingerzeit gibt, steht es jedem frei, aus ihnen zu schöpfen, so wie ich es getan habe. Das Buch kann daher natürlich nicht als ein realistisches Bild der Person oder der Zeit gelesen werden, doch es war mein Wunsch, dafür einen angemessenen Beitrag zu leisten.
Deshalb findet sich in diesem Roman ebenso viel Fiktion wie exaktes Wissen. Keiner kann schließlich behaupten, die Gedanken eines wikingerzeitlichen Bauern oder dessen Beweggründe zu kennen, doch in dem Versuch, das bekannte Wissen und die vielen Mythen über Erik den Roten umzusetzen, habe ich eine Figur modelliert, die vor allem ein wenig lebendiger erscheinen sollte als in so vielen wissenschaftlichen Berichten.
Daher habe ich eine Reihe von Charakteren um ihn herum geformt. Ein Teil sind historische Personen, ein ebenso großer Teil ist meiner Phantasie entsprungen. Alles in dem Versuch, ein Deutungsangebot über einen Mann, eine Zeit und Denkart zu liefern.
Ich hoffe, dass meine Figur, Erik der Rote, mithelfen kann, eine Debatte sowohl über die Bewohner des Nordens wie auch über die Wikinger im Speziellen anzustoßen. Nicht weniger soll dieser Roman als Beitrag in der Diskussion über nordische Mythologie und vorchristlichen Glauben aufgefasst werden.
Da die Namensgebung in der Wikingerzeit besonderen Regeln folgte, kann es bei dem großen Personenkreis im Roman schwierig sein, nachzuvollziehen, wer wer ist. Um dies zu erleichtern, sind in den Registern Namen und Erklärungen aufgelistet, so wie auch die Ortsnamen aus den Registern und Karten hervorgehen.
Ein ziemlich großer Kreis an Menschen hat mich ermuntert und mir Geduld entgegengebracht in all den Jahren, die es gedauert hat, diesen Roman zu schreiben. Sowohl denjenigen, die etwas dazu sagten, als auch denjenigen, die sich still verhielten, bin ich zu großem Dank verpflichtet. Das gilt von meinem Bankberater bis zu meinem Physiotherapeuten, meinem Steuerberater und Tom Fisker. Ein besonderer Dank an Nina Keldsen, Torkil Dahl-Jeppesen und Nils Boesdal für ihren konstruktiven Rat und ihre Korrekturen. Ein spezielles Dankeschön gilt meiner Frau, Bente Bruun, die mit großer Nachsicht jahrelang die Tage und Nächte mit mir und Erik dem Roten geteilt hat.
Erstes Buch
Schiff und Schwert
„Dies sagte meine Mutter,
dass man mir ein Schiff und
farbige Ruder kaufen,
mit Wikingern fortreisen,
im Steven stehen,
die prächtige Knorr steuern,
in Häfen anlegen,
den ein oder anderen erschlagen sollte.“
Egil Skallagrimsson, Island
Im 13. Jahrhundert niedergeschrieben
„Von seiner Waffe
soll man sich auf dem Weg oder dem Feld
nicht einen Schritt entfernen;
denn man weiß nicht, wann die Zeit kommt,
da man ohne Türe
sein Schwert vermissen wird.“
Hávamál, Island, 10. Jahrhundert
Im 13. Jahrhundert niedergeschrieben
1
„Es war freudig, hinaus
in den Fjord zum Kampf zu fahren,
als Böen auf des Königs
Knorren die Segel aufblähten;
herrlich lief das Meerpferd,
durch aufgewühlte Wellen im kühlen Wind.
Die Schiffe ließen wir
aus der Meerenge stürmen.“
Skald Sigvat, Norwegen, 10. Jahrhundert
Im 13. Jahrhundert niedergeschrieben
„Ich heiße Hariuha,
der Unheilvolle.
Ich gebe Geborgenheit
Thor Thor Thor“
Übersetzung der Runen auf einem Goldbrakteat
Dänemark, um 500
Plötzlich war da überall nur Gebrüll.
Ein verzerrtes Geschrei, das durch Mark und Bein ging. Mit Schaum peitschte es hervor. Erfüllte Segel und Sinne mit Grauen. Dröhnte so zornig, dass die Wogen zurückwichen.
- Festhalten …!
Hinüber über das weißgrüne Wasser. Das Gebrüll drang durch Gischt, Seile und Spante. Trotzig und wild durchschnitt es den Sturm.
- Erik! Festhalten! Du wirst getroffen!
Wieder erklang der Ruf im Wind wie ein Fluch, der auf einen nach dem anderen danieder fuhr. Ein Feigling. Und dann traf es Erik. Wie ein Ochse einen Rammbock trifft, so prallte das Geschrei an sein Genick, als er bäuchlings dalag. Er schaukelte hin und her. Seine bleichen, ausgestreckten Arme sahen aus wie gespaltenes Holz. Die Müdigkeit war größer als die Angst vor dem Geschrei. Sein Wille war gebrochen.
Er wagte es nicht, die Hände aufzustellen und sich abzustützen. Mit dem Gebrüll im Nacken sank er hinab in die Feuchtigkeit. Er ließ sein Gesicht in das nasse Leder und den feuchten Stoff sinken, vernahm den Geruch von durchnässtem Holz und eingefetteten Seilen. Holte Atem durch die salzige Kleidung und ließ wieder die Trugbilder von ihm Besitz ergreifen.
Ein Gewimmel aus schreienden Ungeheuern und zischenden Schlangen tauchte in ihm auf. Sonderbare Körper und vielköpfige Wesen mit bunten Schuppen. Einige hatten Füße, andere Flossen. Sie kamen von Wasser und von Land. Rasend mit ihren rauchenden Mäulern und den sie umgebenden gelblichen Giftwolken. Weitere kamen hinzu. Noch greller. Immer näher. Einem riesigen Drachen lief eine schleimige Spur den Vorderkopf hinunter. Seine Augenränder brannten und tränten.
Wieder erfüllte das Gebrüll alles.
In großtuerischer Weise peitschte es hitzig-ermahnend durch die Gerüche und Halluzinationen. Die Worte verstand er nicht, aber der bittere Hieb des Lautes erfüllte seinen gesamten Kopf mit einer fürchterlichen Ahnung.
Er öffnete die Augen und schaute ausdruckslos auf die Bordwand. Vor ihm entblößte eine wilde, rötliche Fratze seine Zähne. Mit einem makaberen, munteren Grinsen. Der geflochtene rote Bart schüttelte sich vor höhnischem Lachen. Die dichte, rotgoldene Mähne leuchtete im Wind auf.
Erik trat zurück. Der Hüne hatte einen stechenden Blick. Zugleich fragend und höhnisch. Bedrohlich nah war der mächtige Mannskopf. Erik stütze die Hände am Rand einer Schlafkiste ab und zog die Schultern hoch. Versuchte, sich vor der Fratze zurückzuziehen.
Dann wurde er getroffen. Ob es der Atem des Roten war oder eine seitliche Welle, wusste er nicht. Die Wucht des Schlags warf seinen Kopf hin und her. Der Geschmack von Blut mischte sich mit Rotz und Salzwasser.
Dann erschall es wieder. Das Gebrüll.
- Erik! Steh auf!
Durch Schaum, Wind und die brechenden Wellen hallte der Ruf zu ihm. Der Rotbärtige schrie. Mit offenem Mund glotze Erik direkt auf die Bordwand. Er triefte vor Kotze und Blut. Stierte dümmlich vor sich hin. Die rote Mähne und die stechenden Augen waren weg. Nur das Wasser lief an den blanken Brettern ab.
Er blickte auf, gerade als der Wind nachließ und das gewölbte Segel in sich zusammenfiel. Das riesige Tuch sank. Doch im nächsten Augenblick blähte es sich mit einer flatternden Wölbung auf und riss das Schiff herum. Als hätte es kein Gewicht. Wie von einer mächtigen Hand getrieben, brausten erneut Wellen herein.
- Festhalten, Junge! So halt dich doch fest!
Er drehte seinen Kopf. Es war das Rufen seines Vaters. Er hing achtern halb über dem Steuerruder und klammerte sich an zwei Tauenden. Das Steuerruder klemmte unter einer seiner Achselhöhlen, während er mit dem freien Arm die Seile straff zog. Die Wellen wälzten sich herein. Mehrere von ihnen überrollten den stämmigen Mann, der aufrecht achtern stand. Mal umspülten sie ihn vollkommen. Dann zwangen sie ihn halb in die Knie.
Erik kannte das Lachen, das nun aus dem dunklen Bart zu hören war. Sein Vater schob das Kinn vor und machte den Mund breit, so dass der Unterkiefer hervortrat. Dann legte er den Kopf etwas zurück und schrie ein trotzig-heißes Lachen direkt in den Sturm. Aber es war zu hören, dass er sich nicht daran ergötzte, sondern dadurch vielmehr seine eigene Unsterblichkeit beschwor. Hektisch und drohend.
Ein neuerliches Gebrüll unterbrach das Lachen.
- Erik! Wir verlieren alles! Komm jetzt, Junge!
Erik wirbelte in der mit Fell ausgelegten Schlafkiste umher. Versuchte vor sich zu greifen, rollte aber stattdessen über die schmale Kante hinaus. Ein zischender Schmerz durchzog seinen gesamten Körper, als der Rücken die Bodenstangen rammte. Er war in den Laderaum des Mittelschiffs gefallen und zwischen festgezurrten Gütern, Vorrat, Tonnen, Gerät und aufgescheuchten Tieren gelandet.
Dort standen die Pferde mit angelegten Ohren, zurückgezogenen Lippen und Schaum vor den Nüstern und wieherten, als seien sie verletzt. Die beiden Kühe traten schwerfällig auf die Taue und taumelten zwischenzeitlich gegen die Reling. Die Schafe tippelten fieberhaft auf ihren dünnen Läufen im Wasser. Und über allem quietschte, schleifte und knirschte das Tauwerk seinen schneidenden Klagegesang in den heulenden Wind hinauf.
Erik hörte nichts.
Sein Gewand war aufgerissen und seine bleiche Brust lag offen in der Luft und den hereinstürzenden Wellen. Sein einziger Schutz schien ein zartes Amulett aus glänzender Bronze zu sein. Klebrig-nass hing es an einer Kette vor seinem Schlüsselbein.
Hinterrücks wurde er von zwei starken Händen gepackt und wie ein gefüllter Sack hinüber zum Kielschwein gezogen. Er lehnte mit dem Rücken am Mast, als Torhal ein Seil um seine Brust band. Auf seiner Haut spürte er das nasse Tau und wollte sich erheben. Aber er konnte nicht.
Das Gebrüll war nun über ihnen beiden. Wie eine Peitsche.
- Entfern das Tau! Steh auf, Erik!
Torhal ließ die Arme fallen. Erik saß erschöpft am Kielschwein. Das Tau lag neben ihm und plätscherte halb im Wasser, das allmählich einen Großteil des Rumpfes bedeckt hatte. Alles war in Auflösung begriffen. Ein Morast an Gütern lag verstreut auf Boden und Bodenstangen. Tonnen und Tröge rollten zwischen anderem Hausrat hin und her. Streu und Kuhfladen trieben im Wasser auf einen umher rollenden Getreidesack zu. Eine schmachvolle Niederlage.
Es strömte auf Erik zu. Schwappte zurück. Sein an den Mast gelehnter, baumelnder Kopf folgte den Bewegungen. Es plätscherte gegen seine kraftlosen Hände, die erschlafft im Wasser hingen. Es durchdrang ihn. Und er wollte weinen. Es stieg in ihm hoch wie Erbrochenes. Er wollte weinen. Er wollte weinen.
Er lachte.
Er war entsetzt und verloren und er lachte. Hysterisches Gelächter und heißes Schluchzen durchschüttelten ihn. Er hielt beide Hände vor das Gesicht und grinste gierig in die Handflächen.
- Wir verlieren alles, lachte er. Wir werden zerschellen. Wir verlieren alles. Wir werden zerschellen.
Er ließ die Hände an seinem befleckten Gesicht hinabgleiten. Hielt sie vor den Mund. So als wollte er das Lachen in den Hals hineinstopfen. Er schaffte es nicht. Mit aufgerissenen, wilden Augen setzte er sein hysterisches Lachen fort.
Um die Wette mit dem pfeifenden Wind, dem gewaltigen Krach des Segels und dem entsetzlichen Heulen der vertäuten Tiere wälzte sich sein groteskes Grunzen durch seinen ganzen Körper und sein Blick traf erneut den Rotbärtigen. Die stechenden Augen prangten mitten in der roten Fratze durch die grünweiße Gischt. Der Riesenkopf schnaubte vor Hohn und Hochmut.
- Steh auf, Erik!
Das Brüllen war wieder über ihm. Wilder als zuvor. Beinah gehässig.
- Die Kuh muss angebunden werden, Erik! Wir verlieren sie sonst.
Erik stemmte seinen Rücken gegen den Mast. Mit dem Seil in der Hand sprang er plötzlich auf. Das Gewand war um seinen Oberarm gewickelt, seitlich baumelten nasse Stofffasern. Stoff und Seil wurden ineinander gewickelt. Er watete ermattet durch das Durcheinander. Seine erschöpften Augen bemerkten nicht die gewaltige Welle, die über die Bordwand hereinstürzte.
Torhal schrie.
- Ein Wal!
Oben am Steven hing er über Bord und zeigte hinaus auf das Meer. Hinter ihm knieten zwei Mädchen und hielten einander fest. In ihren weißen, gequälten Gesichtern stand ihnen der drohende Untergang der beladenen Knorr geschrieben. Sie klammerten sich an den Körper der jeweils anderen. Als ob sie sich gegenseitig versichern wollten, nicht allein zu sein, wenn der letzte abschließende Windstoß gleich alles kurz und klein schlüge.
In Richtung von Torhals Zeigefinger, weniger als zweihundert Meter vom Schiff entfernt, tauchte eine mächtige Schwanzflosse auf. Glänzend, dunkel und riesig. Zwischen den Wellen erhob sie sich im Wind und ragte in den Himmel. Einen Augenblick lang ruhig und unbeeindruckt, während der Sturm das Wasser über die glatte Haut spülte. Mit einem mächtigen Sog versank sie wieder in den Fluten.
Dieser Anblick ließ Torhal ungläubig mit offenem Mund zurück. Er hing immer noch am äußersten Ende mit beiden Händen an der Reling. Klammerte sich an die weiche Kante und versuchte, seine fünf Sinne beisammen zu halten.
Erik stand wie festgenagelt auf den Bohlen des Bodens.
Wie ein angespitzter Holzpflock rammte sich das Omen in seine Trugbilder. Ein Zeichen, das jedes der grellbunten Seeungeheuer in die Flucht schlug. Die schleimigen und fauchenden Schuppentiere sprangen von ihm ab wie Flöhe, die einen Sterbenden verlassen, und zum ersten Mal an diesem turbulenten Nachmittag gehorchten seine Glieder wieder seinem Willen. Glaubte er.
Eine riesige Welle durchschüttelte die Knorr erneut. Er fiel vornüber und stieß sich den Kopf am Boden. Ein starker Schmerz pflanzte sich in seinem Kopf fort, und schon merkte er, wie süßlich das Blut im Mund schmeckte und dass er nicht durch die Nase atmen konnte. Es dauerte nur einen Moment und dann achtete er nicht mehr darauf. Erneut stützte er sich auf und setzte sich in Bewegung.
Er torkelte über das Deck und hielt erst an, als er ausrutschte und vor dem Schafbock auf die Knie fiel. Der Bock stand festgebunden zuvorderst den übrigen Tieren und schützte die Lämmer wie ein Schild. Er war so angebunden, dass er sich nicht die Läufe brach. Als sich Erik vor dessen blökenden Kopf erhob, verdrehte das Tier seine Augen, bis fast nur das Weiße zu sehen war. Er legte beruhigend seine linke Hand auf das gehörnte Tier, schob es beiseite und drängte sich zu den Lämmern vor.
- Erik! Bind die Kuh fest! Wir verlieren sie!
Er vernahm das Gebrüll nicht. Aus seinem Gurt zog er einen Dolch hervor. Seine Hände waren sicher. Er spürte, wie gut der Schaft in der Hand lag, als er den Dolch umdrehte, um damit besser auf das Tier einstechen zu können. Er schlitzte die Kehle auf und das Lamm stieß ein heißes, röchelndes Blöken aus. Das Blut spritzte auf ihn und das Tier. Ein warmer, klebriger Strom lief an ihm hinab, als er das umstürzende Tier packte und dessen Seil durchtrennte.
Dann stand er an der Reling. Aus dem Maul des sterbenden Tieres hing die Zunge heraus. Die Augen waren aufgerissenen, wie in Verwunderung. Erik stemmte das Tier über seinen Kopf. Das Blut tropfte aus der Kehle auf Eriks Kopf und zerstob im Wind.
- Rotbart. Himmel – und – Meer – Thor. Nimm das Tier! Und gib uns Frieden!
Seine Kräfte reichten nicht aus. Er wollte das Tier über die Bordwand werfen, schaffte es aber nur, es an den Armen hinabgleiten und über die Reling in das Meer plumpsen zu lassen. Das Platschen war nicht zu hören, weil es sich im Lärm des Windes und der Wogen verlor. Das Tier war weg.
Erik sank in die Knie.
Das Rufen seines Vaters war erneut über ihm, aber er bemerkte es nicht. Ein wildes Fieber durchzog seinen ganzen vierzehnjährigen Körper. Er ließ den Dolch hinabgleiten. Knetete beide Hände und spannte die Muskeln der Oberarme an. Saß da und wiegte sich vor und zurück. Stetig die Hände knetend murmelte er Laute, von denen er selbst nicht glaubte, dass er sie kannte.
Gewaltige Halluzinationen bemächtigten sich seiner. Während er die Zähne bis zum äußersten Schmerzpunkt zusammenbiss, pochte das Blut vom Hals bis zu den Fingerkuppen. Er schüttelte seine nasse Mähne. Peitschend und wild.
Dann fiel er vornüber, hinein in sein eigenes Blut und seine Ohnmacht.
2
„Sicher und fest glauben sie daran, wie ich früher gesagt habe,
dass diese Götter sie vor den Mächten der Unterwelt bewahren
und dass sie die Verbrechen, die sie selbst gegen sie begangen haben, sühnen werden.“
Bischof Thietmar von Merseburg
Deutschland, um 1000
„Keiner ist ganz elend
auch wenn die Gesundheit schwindet,
einer fand das Glück in seinen Söhnen,
einer in seiner mächtigen Familie,
einer in großem Reichtum,
einer in guten Werken.“
Hávamál, Island, 10. Jahrhundert
Im 13. Jahrhundert niedergeschrieben
Die Felle waren viel zu warm.
Der Mief des Schlafs hing in den geschmeidigen Haaren. Die Träume von mehreren Tagen hatten sie zu einem weichen Kokon geformt. Es waren gute, abgenutzte Felle. Viel zu warm, um sie zu verlassen.
Erik stützte sich auf einen Ellbogen und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Unterdrückte ein Gähnen und strich sich kurz danach durch die Haare. Wälzte sich herum und versuchte gleichzeitig, die Augen zu öffnen. Es gelang ihm nicht. Er ließ seinen mit blauen Flecken übersäten nackten Körper zurückfallen und glitt wieder unter das behagliche Fell. Einen seiner Arme schob er zwischen die Schenkel, drehte sich schwerfällig wie ein gemästetes Tier herum und legte das Kinn auf die Brust.
Er war vollkommen bereit.
Bereit, in der Wärme der Felle zu verweilen. Den Schlaf mit weiteren Erscheinungen und Bildern auszudehnen. Willens und zugleich heiter, wie ein Naseweis, der einen weniger Gewitzten genarrt hat und sich nun über seinen Sieg freut. Die Bilder tauchten bereitwillig wieder auf. Und mit ihnen kamen Düfte und Laute. Gesichter und Begebenheiten. Sein erstes Pferd. Der unsichere Ritt unten in der flachen Ebene. Das schwere Tier zwischen seinen Beinen. Das Fett in den Handflächen nach dem Striegeln. Das Heu. Ach, das Heu. Der Dolch, den er von seinem Onkel bekam. Der runde, reich verzierte Schaft der kurzen Waffe. Die kleinen Schlangen, die sich um den Schaftkopf wunden. Der Wetzstein im Sonnenschein, als ihm Torhal beibrachte, die Egge zu schärfen. Das schleifende Geräusch und der feuchte Duft des Steins im Wasser. Der Geschmack von Metall im Mund. Der stolze Blick. Der Schnitt in der Haut. Die Sicherheit der Waffe.
Rogaland im Winter. Sein gesamtes Land mit Schnee bedeckt. Beschlagener Atem und das knirschende Geräusch der Fellschuhe im Schnee. Dünne Rauchschwaden über der Dachöffnung. Das plumpe Geräusch von Brei im Topf. Die blasse Oberfläche im blanken Kessel. Tiefe Seufzer aus dem Inneren des Topfes, die träge und schwer in einer plätschernden Beredsamkeit ausgestoßen werden.
Die Trottellummen daheim in Jæren. Gryllteisten, die mit ihren roten Zehen komisch über das Wasser laufen. Der weiße Schimmer der flatternden Flügel. Der schlanke Vogel im schwerfälligen Flug. Die Hände seiner Mutter mit dem Vogel. Das rötlich-gelbe Brustfleisch. Der Geschmack.
Als er dort in den Fellen lag und die Bilder und Geräusche durch seinen Kopf wandern ließ, schlich sich ihm eine merkwürdige, langsame Wehmut ein. Er realisierte, dass sie aufgebrochen und in ein neues Land gezogen waren. Mit anderen Bergen, einem unbekannten und fremden Meer. Anderen Leuten und Tieren. Alles würde neuartig sein. Und er hatte bereits bei der Abreise geahnt, dass auch er ein anderer sein würde. Ein neuer Erik, von dem er noch nicht wissen konnte, wer er sein würde. Seine Welt hatte einem Stein geähnelt. Fest, sicher und rund. Sie war bekannt und unverrückbar.
Mit geschlossenen Augen lag Erik in den Fellen. Die Beine hatte er angezogen, beide Hände unter dem Kinn zusammengefaltet und seine Gedanken sprangen zwischen vielen Plätzen und Gesichtern hin und her. Und er gelangte zu der Einsicht, dass der Stein, der seine Welt gewesen war, nicht einfach nur ins Wanken geraten war. Er hatte sich mit dröhnendem Rollen in Bewegung gesetzt, war den Abhang mit rasender Eile hinunter in das Meer gerollt. Mit einem Plätschern war er verschwunden.
Wo waren das sichere, grasbedeckte Dach, die saftigen Hügel und die rollenden Kiesel? Hinfort.
Wo waren die schmalen Pfade der Berghänge und die drei Steine, die er immer auf dem Weg ins Gebirge berührte? Hinfort.
Wo waren die westlich vor dem offenen Meer gelegenen kleinen Inseln? Hinfort.
Wo waren der Thingplatz, der Ort der Götter, der Wald und das Lärmen der vielen Menschen? Hinfort. Und wo war der kleine, rothaarige Bursche, der draußen auf der Landspitze gelernt hatte, mit dem Bogen zu schießen? Wo war seine Mutter? Wie groß war die Kraft seines Vaters?
Nachdem seine Gedanken aufgekommen waren, kauerte sich Erik enger zusammen. Er lag nun dort wie eine kleine Kugel. Die wohlig-warme Fellhülle konnte jedoch nicht seine Unruhe dämpfen, die ihn durchzog.
Wie ein kleines Lager mit Wintervorrat lag er dort und wurde von seinem Verlangen und seiner Unruhe gepeinigt. Er kniff die Augen fester zusammen und versuchte, aus dem Dunkeln eine Art Gewissheit hervorzupressen. Ganz gleich über was. Hauptsache etwas, woran man sich festklammern konnte. Sein vergebliches Bemühen ließ ihn immer weiter verzweifeln. Neue Bilder schwirrten durch seinen Kopf. Er sah sich selbst in der Nacht an Klippen herumklettern. Mit blutigen Händen kletterte er immer weiter empor. Auf nassen, schwarzen Felsen voll mit scharfen Kanten und großen, glatten Flächen. Allein und trotzig kletterte er immer weiter. Kam nicht vorwärts. Wusste nicht, wohin er sollte. Kletterte weiter. Verlassen und einsam auf den nächtlichen Klippen torkelte er halb weinend, halb rasend nach oben, während der Abgrund ihn hinabziehen wollte. Und er merkte, dass sein Vater dort im Abgrund stand. Spürte das Unbehagen angesichts des vollbärtigen Kopfs. Er kroch tiefer in seine Dunkelheit hinein und flehte nur um festen Halt. Seine Hände schmerzten und seine Knie waren aufgescheuert. Und seine Lippen ausgetrocknet. Seine Zunge war so groß, dass sie den gesamten Mund ausfüllte. Und sein trotzig-verzweifeltes Rufen konnte nicht herauskommen. Er war zu einsam, viel zu einsam. Einsamer als irgendein Mensch jemals hätte sein können. Und wie ein weiterer Hohn wusste er kaum, wer er war. Er kannte weder Freund noch Feind. Auch keine Hindernisse. Oder deren Bedeutung. Auf dem Hof in Norwegen kannte er alles. Hier kannte er nichts.
Langsam kam er zu sich, während er mit zwei Fingern die schwere Bronzefigur an der Halskette leicht anhob. Er rieb den kleinen, schweren Kopf der Figur immer wieder, als ihm klar wurde, dass der Feind ein Gesicht hatte. Dass das Hindernis die Furcht war. Dass die Verwirrung umfassend gewesen war und die Flucht um ihrer selbst willen geschehen war. Dass der Feind das Gesicht seines Vaters besessen hatte.
Bei dem Anblick schauderte ihm. Seine Augen, die immer noch geschlossen, aber nicht länger zusammengekniffen waren, gestanden sich nicht ein, was sie sahen. Er bemühte neue Bilder hervor. Die großen Hände seines Vaters, die ihn eines Tages auf der Landspitze packten. Ihn mit johlendem Jubel in die Luft warfen. Aber es half nur kurz, denn die Fratze des Feindes konnte er nicht verdrängen. Er sah sie deutlich. Den enormen Bart und die leicht schiefen Augen. Die klumpige Nase und die Haare in den Nasenlöchern. Der Tränensack unter einem Auge, die Warze an der äußeren Wange. Torvald Asvaldsson. Der Urenkel des Anführers Axt-Torer. Eriks Vater. Eine hässliche und feiste Fratze. Die des Feindes.
Erik wollte von den Fellen aufstehen. Er wollte weg. Hinfort von diesem Ort. Weg von den Gedanken und Bildern. Hinfort von diesem fernen, fremden Platz. Er hatte nicht um diese Dinge gebeten. Er wollte seinen Vater wiederhaben. Wollte dessen mächtige Hände wiederhaben. Und er wollte seine Welt zurück. Wie einen runden, festen Stein.
Obwohl seine Augen geschlossen waren, waren seine Empfindungen deutlich. Der Raum um ihn herum verdunkelte sich. Eine Kühle streifte seine Stirn. Es war ein schwacher, behaglicher, kühler Wind, der kaum zu spüren war, bevor Erik ein kurzes, flatterndes Geräusch in die Kühle ausstieß. Mit einem Ruck wurden die Felle weggezogen, und er lag strampelnd auf dem Nachtlager und versuchte vergeblich, seine Nacktheit zu bedecken.
Sein Vater ließ die Felle fallen, die dann weich vor Eriks Füßen lagen. Der dunkle Mann blieb stehen und betrachtete den bleichen Jüngling, der sich krampfhaft mit beiden Händen bedeckte und gleichzeitig versuchte, mehr als nur die Füße in das vormals zu warme Fell zu stecken.
Die Kühle des Bekleideten und die Wärme des Nackten trafen aufeinander, als sich ihre Blicke kreuzten. Beide wussten, dass der Abstand groß war. Die Stille war ein Pakt, der dieses Wissen besiegelte.
Sein Vater brach sie.
- Der Tag ist schon lange über die Robbenklippen hereingebrochen. All diejenigen, die wach sind, sehen es. Die faulen Hunde und die Schlafenden sehen so etwas nicht.
Erik schaute prüfend zu seinem Vater hoch.
Die Schlafenden sehen so viel anderes, sagte er nach einem langen Anlauf. Er war sich nicht sicher, in welcher Laune sein Vater war. Zudem fühlte er sich durch seine Nacktheit gedemütigt. Verlegen, dass er zu lange geschlafen hatte. Verwirrt durch all die Bilder. Und fremd vor seinem Vater.
Woher er den Mut zum Sprechen hatte, wusste er nicht. Er wusste, dass es dem Alten missfiel, wenn jemand etwas ganz anderes tat als er selbst. Besonders, lange zu schlafen. Aber das schwache Licht im Raum fiel so, dass das Gesicht des Vaters meist im Dunkeln lag.
Erik hatte eine Notwehr hinausgeschleudert. Einen Satz, der Zeit und die Felle zurückgewinnen konnte. Er wusste, dass er den Alten mit den Bildern und Erscheinungen reizen konnte, und der Alte nun dastand und über eine passende Antwort nachgrübelte.
- Traumgesichter. Davon hast du viele, was, Söhnchen. Sie zeigen sich dir, wenn du schläfst. Vergiss aber nicht, dass Traumgesichter wie Tau sind. Mit dem ersten Lichtstrahl verschwinden sie.
Der mächtige Bart seines Vaters zog sich in die Breite und bahnte den Weg für ein gründliches, nachsichtiges Lächeln. Dann trat er einen Schritt näher und setzte den Fuß hart auf die Felle. Erik war gerade dabei gewesen, unter sie zu krabbeln, als die Bewegung seines Vaters ihn daran hinderte.
Erik krümmte sich vor der Ausstrahlung und Kühle des großen Mannes, der beinah bedrohlich über ihm stand. Und dann sprudelte in ihm hervor, was er zuvor gesehen hatte. Er spürte die Klippen unter seinen Händen. Bemerkte die aufgerissenen Knie und die Notwendigkeit, immer weiter hinaufkommen zu müssen.
Er erinnerte sich an das Gesicht des Feindes.
- Die heißen Erscheinungen, die dir im Schlaf begegnen, können einen Menschen von Zeit zu Zeit ereifern. Derart, dass er beim Erwachen glaubt, alles gewinnen zu können, was er möchte.
Selbst für Erik kam seine Aussage überraschend bestimmend. Er hockte auf seinem Nachtlager und während er sprach, griff er einen Zipfel des Fells und wickelte sich wieder in dessen Wärme ein, als sein Vater den Fuß anhob.
Immer noch in der Hocke sitzend hüllte sich Erik wieder in die Ausdünstungen und die Haare.
- Wenn du irgendwas gewinnen willst, solltest du zuerst aufstehen.
Es lag keine Drohung in der Stimme seines Vaters, vielmehr ein kleines Lächeln.
Ein Gedanke durchzog Erik.
- Ich habe doch gerade wieder meine Felle ergattert.
Doch er erlaubte dem Gedanken nicht, weiter zwischen ihnen beiden umherzuwandern. Stattdessen schlang er die Felle dichter um sich. Triumphierend über den Gewinn. Stierte danach hinauf in das dunkle Gesicht seines Vaters. Fokussierte direkt die Warze an der einen Wange. Heftete seinen Blick an den Tränensack unter dem Auge. Und ließ seine Verachtung schnaubend die Oberhand gewinnen.
- Die Notwendigkeit, vor der Sonne aufzustehen, ist für denjenigen am größten, der auf der Flucht ist.
- Das mag richtig sein. Aber ebenso richtig ist es, dass schlafende Bauern im Winter hungern. Und noch richtiger ist es, dass du damit rechnen kannst, den heutigen Tag mit leerem Magen zu beginnen, wenn du nicht in wenigen Augenblicken vor diesem Zelt stehst.
Die Heiterkeit war bereits aus der Stimme seines Vaters verflogen. Nun drehte er sich um und verschwand durch die Zeltöffnung. Zurück ließ er eine ausgeprägte Kühle und einen nackten, in Felle gehüllten Erik. Urteilte man nach dem schiefen, schmerzverzerrten Lächeln in Eriks Gesicht, war er nicht zu bedauern. Das lag vielleicht daran, dass er selbst nicht wusste, wie sein Gesicht aussah. Seine gebrochene Nase und die vielen blauen Flecken waren immer noch kein schöner Anblick.
Und dennoch. In einer Mischung aus Furcht und Trotz griff er nach seiner Hose. Geschwind schlüpfte er in die restlichen Kleidungstücke. Fuhr durch sein Haar. Pulte etwas mehr von dem Schorf auf der Wunde am Arm ab. Und trat, munter auf einem Fetzen seines eigenen getrockneten Blutes kauend, in die Helligkeit auf die kleine Landzunge hinaus.