Kitabı oku: «Fear Street 54 - Tödliche Liebschaften»

Inhalt
Prolog
Kapitel 1 – Crystal Thomas fuhr …
Kapitel 2 – Hastig trat Crystal …
Kapitel 3 – „Das ist er!“ …
Kapitel 4 – „Ich habe es …
Kapitel 5 – Scott stieß mit …
Kapitel 6 – „Hi, Scott.“ Während …
Kapitel 7 – Crystal versuchte zu …
Kapitel 8 – „Drei Tage“, dachte …
Kapitel 9 – Ich fuhr zu …
Kapitel 10 – Ein Mann starrte …
Kapitel 11 – Würde Scott sich …
Kapitel 12 – Wer war das? …
Kapitel 13 – Ich starrte in …
Kapitel 14 – „Hast du Lust …
Kapitel 15 – „Wie seltsam, so …
Kapitel 16 – Ich sah, wie …
Kapitel 17 – Beim Hinausfallen riss …
Kapitel 18 – Geschockt beobachtete Crystalt …
Kapitel 19 – „Ja, so werde …
Kapitel 20 – Crystal raste zur …
Kapitel 21 – Als ich einen …
Kapitel 22 – Mit zitternden Beinen …
Kapitel 23 – Ich betrat den …
Kapitel 24 – „Jetzt hab ich …
Alle Einzelbände der Reihe Fear Street als E-Book
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Impressum
Prolog
Ich starrte in das offene Grab meiner Freundin.
„Liebe Gemeinde, wie können wir über einen solchen Verlust hinwegkommen?“, fragte Pfarrer Morrissey. „Ein junges Mädchen, das sein ganzes Leben noch vor sich hatte, ist uns durch einen sinnlosen Unfall genommen worden.“
Mir stiegen Tränen in die Augen. Ich wollte nicht weinen, nicht vor meinen Eltern, Danas Eltern und all unseren gemeinsamen Freunden.
Ich zwang mich, den Pfarrer anzusehen, während er über Dana redete.
„Was weiß der schon von ihr?“, überlegte ich. „Ich bin der Einzige, der Dana wirklich gekannt hat.“
Die Worte des Pfarrers verschwammen, und seine Stimme wurde immer leiser. Was sagte er? Ich konnte ihn nicht mehr verstehen.
„Jetzt verliere ich den Verstand“, dachte ich. „Es ist einfach zu viel. Ich kann nicht mehr.“
Ich ließ mich neben dem Grab auf den Boden sinken.
„Warum, Dana? Warum bloß?“
Ich sah in das tiefe Loch. Es war so dunkel da unten. So schrecklich dunkel. Unwillkürlich fröstelte ich und zog meine Jacke enger um mich.
Es erinnerte mich an die Nacht, in der Dana starb …
Es war ein heißer Abend gewesen – über vierzig Grad und unheimlich schwül. Ich hatte Dana überreden können, sich mit mir in den Garten unserer Nachbarn zu schleichen, die einen Swimmingpool hatten. Das Haus war leer, der Garten still und dunkel.
Wir zogen uns bis auf die Badesachen aus. Dann nahm ich Dana an der Hand und führte sie zum Pool – einem schwarzen Loch in der Dunkelheit.
Dana stieg die Leiter zum Sprungbrett hinauf. Oben drehte sie sich um und winkte mir zu. Ich konnte zwar kaum ihr Gesicht erkennen, doch ich sah, dass sie lächelte. Ich winkte zurück.
Das Brett knarrte laut, als sie drei Schritte machte und hoch in die Luft sprang, um zu einem perfekten Kopfsprung anzusetzen.
Ihr Kopf schlug zuerst auf dem Betongrund des Pools auf.
Ungefähr eine Minute lang blieb ich stehen und lauschte. Dann kletterte ich vorsichtig in den Pool hinunter und kniete mich neben Dana auf den harten Boden.
Sie atmete noch. Ihre Augen waren weit aufgerissen und schimmerten in der Dunkelheit. Sie starrten mich fassungslos an.
Langsam breitete sich eine dunkelrote Blutlache um ihren Kopf herum aus.
Ich beobachtete Dana.
Ich wartete, bis sie ihren letzten Atemzug gemacht hatte.
Dann schrie ich um Hilfe.
Nun starrte ich in Danas offenes Grab. Jemand packte mich an den Schultern und zog mich hoch. Ich hörte die Trauernden hinter mir schluchzen.
Ich wischte die Erinnerungen an jene Nacht weg und beobachtete die Friedhofsarbeiter, die Danas Sarg mit einer großen Eisenkurbel in der Grube versenkten.
„Ach, Dana! Warum hast du mich gezwungen, dich umzubringen?“
„Nein“, ermahnte ich mich. „Das ist nicht wahr!“
Ich hatte sie nicht umgebracht. Ich hatte zwar gewusst, dass in dem Pool kein Wasser war – aber ich hatte Dana nicht hineingestoßen. Sie war von sich aus gesprungen.
Ich betrachtete die Trauergäste, die sich um das Grab versammelt hatten.
„Niemand verdächtigt mich“, beruhigte ich mich. „Alle haben Mitleid mit mir. Es ist der perfekte …“
Fast hätte ich Mord gedacht. Doch es war kein Mord.
Ich hatte es tun müssen, denn ich hatte keine andere Wahl gehabt. Darin würde mir jeder Recht geben.
Am Anfang unserer Beziehung wirkte Dana unheimlich süß. Sie war ein echt nettes Mädchen, und ich liebte sie sehr. Doch dann fing sie an, es zu übertreiben.
Sie begann, superkurze Miniröcke zu tragen und sich Make-up ins Gesicht zu schmieren. Sie benahm sich einfach unmöglich.
„Ach, Dana! So sollte man sich wirklich nicht aufführen! Wie konntest du so etwas tun?“
Die Arbeiter schaufelten Erde und Kies auf den Sarg und füllten das Grab auf.
„Das nächste Mal weiß ich es besser“, beschloss ich. „Das nächste Mal lasse ich die Finger von Mädchen wie Dana Potter.“
Ich will nämlich nie mehr dabei zusehen müssen, wie meine Freundin stirbt.
Wirklich nicht.
1
Crystal Thomas fuhr sorgfältig mit dem Lippenstift über ihre volle Unterlippe. Dann lächelte sie sich im Badezimmerspiegel an.
Sie griff wieder nach ihrem schnurlosen Telefon. Das Gespräch dauerte schon über eine Stunde. „Okay, jetzt habe ich ihn drauf“, sagte sie zu ihrer besten Freundin Lynn Palmer.
„Den Todeskuss?“, erkundigte sich Lynn.
„Ja.“
„Und? Wie wirkt er?“
Crystal grinste zufrieden.
„Super, was?“, fragte Lynn, als könnte sie Crystals Lächeln sehen. „Ich habe dir doch gleich gesagt, dass es eine heiße Farbe ist.“
Die Mädchen kicherten.
Gestern hatten die beiden Freundinnen je drei Lippenstifte im Einkaufszentrum erstanden. Lynn war fest davon überzeugt gewesen, dass der Todeskuss Crystal gut stehen würde. Sie hatte behauptet, der Farbton würde Crystals rotbraune Locken erst richtig zur Geltung bringen.
Also hatte Crystal ihn ausprobiert. Und er gefiel ihr.
Sie ging zurück in ihr Zimmer. „Hey, ist dir eigentlich klar, was morgen für ein Tag ist?“
„Lass mich raten, vielleicht Montag?“, lachte Lynn ins Telefon.
„Unser erster Tag in der Highschool“, antwortete Crystal und ließ sich auf ihr Bett fallen.
Vielleicht war es kindisch, aber sie war unheimlich aufgeregt. Es würde ein wichtiges Jahr für sie werden, das spürte sie.
„Ja, ich weiß. Junior High“, erwiderte Lynn missmutig.
„Na, du klingst aber begeistert.“ Crystal schubste einen Stapel Zeitschriften auf den Boden, um sich auf dem Bett ausbreiten zu können.
Lynn seufzte.
„Was hast du?“, fragte Crystal.
„Nichts.“
„Lass den Quatsch!“, sagte Crystal.
Sie kannte Lynns Launen – und Lynn kannte ihre. Die beiden Freundinnen konnten einander nichts vormachen.
Sie waren seit der dritten Klasse befreundet. Seit dem Jahr, in dem Crystals Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Im selben Jahr war Crystals Mutter mit ihr und ihrer älteren Schwester Melinda nach Shadyside gezogen. Sie wohnten nun in einem kleinen Haus in der Fear Street.
Am allerersten Tag in ihrer neuen Schule hatte Crystal einsam auf dem Spielplatz gestanden und sich sehnlichst gewünscht, mit jemandem quatschen zu können. Plötzlich hatte Lynn sie angerempelt. Sie war irgendeinem Jungen hinterhergerannt, wie Crystal sich noch erinnern konnte.
„Manche Dinge ändern sich nie“, dachte sie nun.
An jenem Tag waren sie gemeinsam im Krankenzimmer der Schulschwester gelandet, denn Crystal hatte von dem Zusammenstoß eine blutige Nase davongetragen und Lynn eine große Beule. Seitdem waren sie beste Freundinnen.
„Komm schon, Lynn. Sag mir, was mit dir los ist“, drängte Crystal und hielt sich den Hörer ans andere Ohr.
„Ach, ich glaube, ich werde niemals einen Typen treffen, der mich ernsthaft interessiert. Jemanden, mit dem ich wirklich zusammen sein will“, jammerte Lynn.
„Das Gefühl kenne ich nur zu gut“, dachte Crystal betrübt. Auch sie wollte endlich einem Jungen begegnen, der was Besonderes war. „Dein Date mit Kyle gestern Abend war wohl nicht der Hit“, sagte sie.
„Irgendwie stimmt die Chemie zwischen uns nicht“, versuchte Lynn zu erklären.
„Aber er ist doch echt nett“, erwiderte Crystal.
„Schon“, gab Lynn zu. „Aber er küsst bescheuert.“
„Was? Komm, erzähl schon!“, drängte Crystal.
„Ach, sein Mund fühlt sich an wie ein Waschlappen. Er sabbert beim Küssen!“
Die Mädchen kreischten gleichzeitig los. Crystal wippte entsetzt mit den Füßen auf und ab. Igitt, wie eklig!
„Und dann wäre da noch Jake“, fuhr Lynn fort. „Der ruft mich bestimmt hundert Mal am Tag an.“
„Aber Jake ist doch total lieb!“, protestierte Crystal.
„Ja, ich weiß“, erwiderte Lynn düster.
„Ach, dir gefällt aber auch gar keiner, der dich mag“, sagte Crystal vorwurfsvoll.
„Würdest du mit Jake ausgehen?“, fragte Lynn schrill zurück.
Crystal überlegte. Sie war gern mit Jake zusammen, und sie mochte sogar seine doofen Witze. Doch, Jake war ein guter Kumpel. Aber sie konnte sich nicht vorstellen, ihn als Freund zu haben. „Nein“, gab sie zu. „Ich glaube nicht.“
„Jeder zweite gut aussehende Typ in Shadyside würde alles darum geben, mit mir auszugehen. Aber irgendwie öden sie mich alle an“, stöhnte Lynn.
Crystal verdrehte die Augen. Lynn liebte es, zu jammern und gleichzeitig anzugeben. Jeder zweite gut aussehende Typ? Wohl kaum!
„Du wirst dem Richtigen mit Sicherheit noch begegnen“, versprach Crystal ihr.
„So wie du?“, spottete Lynn.
Crystal richtete sich auf und wackelte mit den Zehen. „Tolle Farbe“, dachte sie und betrachtete den frisch aufgetragenen Nagellack. „In diesem Jahr werde ich meinem zukünftigen Freund begegnen“, verkündete sie.
„An der Highschool von Shadyside? Na, viel Glück“, erwiderte Lynn ironisch.
Die Zehennägel waren fertig. Jetzt waren die Fingernägel dran. Suchend sah Crystal sich im Zimmer nach ihrem Lieblingsnagellack um.
Ihr Zimmer war wie gewöhnlich ein Schlachtfeld. Klamotten, Bücher, alte Puppen, die sie schon lange wegräumen wollte, Briefe, Zeitschriften und diverse andere Gegenstände häuften sich auf dem Boden, dem Bett, dem Stuhl und dem Schreibtisch.
„Demnächst wird hier mal für Ordnung gesorgt“, versicherte sie sich. „Bald.“
„Hey“, fragte Lynn, „hast du schon einen Blick auf deine neuen Nachbarn geworfen?“
Crystal ging mit dem schnurlosen Telefon ans Fenster. „Nein. Bislang habe ich nur die Umzugsleute und massenweise Möbel gesehen. Den armen Jungs läuft der Schweiß herunter; sie müssen das ganze Zeug bei dieser Hitze ins Haus schleppen.“
„Ist ein Süßer dabei?“, wollte Lynn wissen.
„Warte mal“, entgegnete Crystal. „Da unten tut sich was.“
„Sind es die Nachbarn?“
„Ein neuer blauer Kombi“, berichtete Crystal. „Er parkt in der Einfahrt. Jetzt gehen die Türen auf … die Mutter steigt aus. Jetzt der Vater. Beide sind ziemlich groß. Sie sehen gut aus. Und ihr Sohn ist … ist …“
„Los, sag schon!“, drängte Lynn.
„Oh, wow“, flüsterte Crystal in den Hörer.
„Crystal! Was ist los? Sag es mir endlich!“, befahl Lynn.
„Der ist einfach umwerfend“, schwärmte Crystal.
„Komm schon, ich will Einzelheiten hören“, drängte Lynn.
Crystal beugte sich aus dem Fenster, um ihn besser sehen zu können. „Er ist ungefähr in unserem Alter. Groß. Sieht muskulös aus. Kurzes braunes Haar. Erinnert mich etwas an Keanu Reeves.“
Sie beobachtete, wie der Junge lächelte und sich angeregt mit den Umzugsleuten unterhielt. Dann ging er über den Rasen und verschwand im Haus.
„Die Show ist vorbei“, verkündete Crystal. „Er ist reingegangen. Aber er ist echt – wow!“
„Okay“, meinte Lynn trocken, „du kannst jetzt mit dem Unsinn aufhören. Ich glaub dir kein Wort. Er ist zum Abgewöhnen, stimmt’s?“
„Du wirst es nicht glauben“, flüsterte Crystal.
„Warum flüsterst du eigentlich?“, erkundigte sich Lynn. „Er kann dich doch nicht hören. Es sei denn, er hat Röntgenohren.“
„Du wirst es nicht glauben“, wiederholte Crystal aufgeregt. „Rate mal, welches Zimmer der Typ hat!“
„Das gibt’s doch nicht!“, kreischte Lynn schrill.
„Doch. Sein Zimmer liegt genau gegenüber von meinem!“ Crystal wich vom Fenster zurück und spähte verstohlen durch den Vorhang.
Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren neuen Nachbarn ausspionierte. Aber sie konnte einfach nicht widerstehen.
„Kannst du ihn immer noch sehen?“, fragte Lynn.
„Mhm.“ Crystal beobachtete, wie der Junge einen Karton auf sein Bett hob. Sie konnte sehen, wie sich die Muskeln unter seinem Hemd anspannten.
„Oh Gott, jetzt zieht er sein T-Shirt aus!“, stellte Crystal aufgeregt fest und ließ den Vorhang los.
„Erzähl’s mir!“, forderte Lynn sie auf.
„Nein, ich schaue nicht mehr hin“, protestierte Crystal. „Ich fühle mich schon wie ein Voyeur.“
„Ach, komm. Das ist doch bloß sein T-Shirt“, sagte Lynn verdrossen.
Crystal spähte wieder durch den Vorhang. Der Junge saß auf seinem Bett und holte Klamotten aus dem Karton heraus. „Er hat einen richtigen Waschbrettbauch“, berichtete sie. „Sicher macht der dauernd Fitnesstraining. Und – huch!“
Plötzlich stand der Junge auf und ging ans Fenster.
Er starrte hinaus.
Hatte er sie etwa gesehen?
2
Hastig trat Crystal vom Fenster zurück und stolperte über die Zeitschriften auf dem Fußboden. Sie streckte die Arme aus, um sich abzufangen, und ließ dabei das Telefon fallen. Als sie es wieder aufhob, war die Verbindung unterbrochen.
„Was ist passiert?“, kreischte Lynn, nachdem Crystal sie erneut angerufen hatte.
„Tut mir Leid“, sagte Crystal und schloss die Augen. Ihr war ein bisschen mulmig zu Mute.
„Was macht er jetzt?“, rief Lynn in den Hörer. „Sag schon, was macht er?“
Crystals Gesicht brannte vor Scham. „Ich weiß nicht. Aber ich bin ziemlich sicher, dass er mich gesehen hat.“
„Na und? Schau hin! Schau rüber!“
„Warte.“ Crystal linste aus dem Fensterwinkel zum Nachbarhaus hinüber. Der Junge hatte das Rollo ganz heruntergelassen.
„Er hat das Rollo runtergemacht“, stellte Crystal betrübt fest. „Das beweist es. Er hat mich gesehen.“
„Na und?“
„Na und?“, wiederholte Crystal aufgebracht. „Was soll ich jetzt sagen, wenn ich ihm begegne? ,Ach, hallo, ich bin Crystal – die, die du neulich dabei erwischt hast, als sie dich beobachtet hat!‘ Na toll, damit mache ich einen guten Eindruck bei ihm!“
„Warum musste ich ihn bloß ausspionieren?“, dachte Crystal. „Ein Supertyp zieht gegenüber ein, und ich habe es vermasselt!“
Lynn schnaubte verächtlich. „Wenn er wirklich so toll ist, muss er daran gewöhnt sein, dass die Mädchen ihn anstarren.“
„Er ist wirklich so toll!“, erwiderte Crystal ernst.
„Vielleicht ist er ja der Junge, dem ich dieses Jahr begegnen soll“, dachte sie. „Der Junge von nebenan.“
Das Mädchen von nebenan. Für wen hielt es sich eigentlich? Einfach in mein Zimmer zu starren! Und dann das enge T-Shirt mit dem tiefen Ausschnitt und die Jeans! Und der Mund mit knallrotem Lippenstift angeschmiert!
Ätzend.
Ich beobachtete sie, während sie kichernd telefonierte. Ich musste zugeben, dass sie hübsch war. Sie hatte so hohe Wangenknochen wie ein Fotomodell. Und rotbraunes, lockiges Haar, das ihr auf die Schultern fiel.
Sah aus, als wüsste sie genau, dass man ihr nicht widerstehen kann. Ganz schön eingebildet!
Meine Familie war gerade aus Harris weggezogen. Weg aus der Stadt, in der Dana Potter gewohnt hatte. Und was geschah? Wir zogen in ein Haus, in dem gleich nebenan ein Mädchen wohnte, das ihr ganz ähnlich sah! Aber ich würde die Finger von der Rothaarigen lassen. Ich würde nicht zulassen, dass etwas Schreckliches passierte.
Nein, auf gar keinen Fall!
Was mit Dana geschehen war … war einmalig. Ein Unfall.
Ich würde mich von dem Mädchen einfach fern halten. Und dieses Mal …
Ich starrte auf meine Hände. Sie zitterten. Ich steckte sie rasch in meine Hosentaschen.
„Dieses Mal werde ich mich vorbildlich benehmen“, sagte ich mir.
Es würde keine Unfälle geben.
Niemand müsste sterben.
3
„Das ist er!“
Crystal zuckte voller Panik zusammen, als ein Klopfen an ihrer Haustür ertönte. Was sollte sie sagen? Wie sollte sie sich verhalten?
„Was würde Lynn an meiner Stelle machen?“, fragte sie sich, während sie die Treppe hinunterrannte.
Lynn würde mit ihrer verführerischen heiseren Stimme reden, die sie sich aus den Demi-Moore-Filmen abgeschaut hatte. Und sie würde sich ganz nah vor ihn stellen.
„Aber ich bin nicht Lynn“, dachte Crystal. „Ich würde mir wie ein Idiot vorkommen.“
Sie holte tief Luft und öffnete die Haustür.
Auf der Veranda stand Lynn. Sie hatte sich sorgfältig zurechtgemacht und ihr blondes Haar in hunderten von winzigen Zöpfen geflochten.
Sie schob sich die Sonnenbrille auf die Nasenspitze und blinzelte Crystal über ihren Rand hinweg an. „Gefällt’s dir?“, fragte sie und schüttelte ihre Zopfmähne.
„Super!“, bestätigte Crystal.
„Warum wirkst du dann so enttäuscht?“
„Ich hatte eigentlich gehofft, es sei jemand anders“, gab Crystal zu.
„Ach so.“ Lynn nickte und warf einen Blick auf das Nachbarhaus. „Ich weiß, wen du meinst.“
Crystal kicherte. „Komm rein.“
„Mann, hast du ein Glück, so nahe neben ihm zu wohnen“, sagte Lynn.
„Ja, klar.“ Crystal verdrehte die Augen und ging mit Lynn in die Küche. „Ich habe ihn erst fünfmal gesehen und vielleicht sechs Worte mit ihm gewechselt.“
„Und das war ja wohl nicht gerade ein großer Fortschritt“, dachte Crystal. Bisher hatte sie nur seinen Namen herausgefunden: Scott. Scott Collins.
Crystal nahm eine Packung Schoko-Eiscreme aus dem Gefrierschrank und holte zwei Löffel aus der Schublade.
„Du kannst wohl Gedanken lesen“, freute sich Lynn und ging ans Fenster, um einen Blick auf Scotts Haus zu werfen.
„Er wird wieder denken, ich würde ihn ausspionieren“, sagte Crystal, als sie sich mit der Eisschachtel neben Lynn ans Fenster stellte.
„Und – tust du das etwa nicht?“, zog die Freundin sie auf.
Sie starrten auf Scotts Haus und löffelten die Eiscreme. „Rate mal, was Jake mir erzählt hat“, flüsterte Lynn.
„Warum flüsterst du?“, flüsterte Crystal zurück.
Lynn lachte. „Keine Ahnung“, gab sie zu. „Scott wird Stürmer im Football Team. Jake sagt, mit Scott könnten die Tigers Meister werden.“
Schweigend sahen sie aus dem Fenster.
„Lynn, wie nett, dich zu sehen!“
Crystal zuckte zusammen. Sie drehte sich um. Ihre Mutter war in die Küche gekommen.
„Hallo, Mrs Thomas“, sagte Lynn. „Wie geht es Ihnen?“
Mrs Thomas füllte Wasser in den Teekessel und zündete einen Gasbrenner auf dem Herd an. Sie warf den beiden Mädchen einen musternden Blick zu.
„Ihr habt euch ja richtig fein gemacht“, bemerkte sie. „Findet etwa eine Party statt, von der ich nichts weiß?“
Crystal und Lynn lachten.
„Nein, keine Party“, antwortete Crystal und sah Lynn an. Das enge Kleid der Freundin war neu. Wahrscheinlich hatte Lynn extra Klamotten gekauft, um Scott auf sich aufmerksam zu machen.
Mrs Thomas lächelte die Mädchen an. „Ist wohl ein Geheimnis, wie?“
Crystal nickte. Ihre Mum war manchmal richtig cool. Sie musste nicht dauernd alles wissen, so wie die Mütter ihrer Freundinnen.
„Was machst du heute, Mum?“, fragte sie.
„Ich?“, erwiderte Mrs Thomas erstaunt. „Ich weiß nicht. Das Übliche.“
Crystal wusste, was das bedeutete: Mum würde zu Hause bleiben. Allein.
Das machte sie wie immer traurig. Sie wünschte, ihre Mutter würde einen Freund finden. Mrs Thomas war seit dem Tod von Crystals Dad nicht ein Mal – nicht ein einziges Mal – mit einem Mann ausgegangen.
„Dabei ist sie so hübsch“, dachte Crystal. Ihre Mutter hatte strahlend grüne Augen und lockiges rotbraunes Haar – wie Crystal. „Ich wette, viele Männer würden gern mit ihr ausgehen. Wenn sie bloß ein bisschen Interesse zeigen würde!“
Mrs Thomas unterhielt sich mit den Mädchen, während sie ihren Tee aufgoss; dann ging sie ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein.
„Alle Mädchen in Shadyside reden schon über Scott“, bemerkte Lynn, als sie sich wieder vor das Küchenfenster stellten. „Alle fragen sich, wen er wohl um ein Date bitten wird.“
Crystal hörte ein Knarren auf der Treppe. Einen Augenblick später schlurfte ihre Schwester Melinda in die Küche.
„Ach, hallo“, sagte Melinda, überrascht, Lynn zu sehen.
„Hi, Mel“, entgegnete Crystal freundlich. „Komm doch rein.“
Melinda ging zur Spüle, nahm ein Glas aus dem Geschirrständer und füllte es mit Wasser.
Lynn hatte sich noch nicht mal die Mühe gemacht, Melindas Begrüßung zu erwidern. Crystal sah sie finster an.
„Hi, Melinda“, sagte Lynn.
Ein unbehagliches Schweigen erfüllte den Raum, während Melinda ihr Wasser trank. „Wie geht’s?“, wollte sie schließlich von Lynn wissen.
„Ach, fast hätte ich es vergessen“, warf Lynn ein und wandte sich wieder Crystal zu. „Rate mal, wem ich heute Vormittag in der Turnhalle begegnet bin! Das errätst du nie – Todd Warner.“
„Oje“, dachte Crystal bestürzt und warf einen Blick auf Melinda. Ihre Schwester runzelte düster die Stirn.
„Es ist doch nicht meine Schuld, dass Lynn Todd erwähnt“, dachte Crystal unglücklich.
„Ach, du hast Todd gesehen?“, fragte Crystal und bemühte sich, gelangweilt zu klingen. Sie wünschte, Lynn würde das Thema wechseln.
„Er geht jetzt in Warfield aufs College“, fuhr Lynn fort. „Aber du hättest echt hören sollen, wie er nach dir gefragt hat, Crystal! Der hat dich mit Sicherheit noch nicht vergessen.“
Im vergangenen Jahr war Melinda ernsthaft in Todd verliebt gewesen. Nicht, dass sie ihm die leiseste Andeutung gemacht hätte. Und dann hatte Todd sich mit Crystal verabredet … und Melinda war total ausgerastet.
„Habe ich was Falsches gesagt?“, fragte Lynn. Nervös drehte sie an einer Haarsträhne und sah erst Crystal und dann Melinda an.
„Nein“, antwortete Melinda verkrampft. „Es ist Crystal bloß peinlich, weil sie mir Todd weggeschnappt hat.“
„Das ist nicht wahr, Melinda!“, widersprach Crystal heftig. „Ich habe ihn dir nicht weggeschnappt. Ich bin ihm ein paarmal im Einkaufszentrum begegnet, und dann hat er sich mit mir verabredet. Was hätte ich tun sollen?“
„Du warst doch gar nicht an ihm interessiert. Du hast doch bloß –“ Melinda unterbrach sich. Sie nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. „Vergiss es einfach, okay?“
„Okay“, stimmte Crystal rasch zu.
Ein langes, angespanntes Schweigen entstand.
„Also, Melinda“, ergriff Lynn schließlich das Wort. „Wie findest du euren neuen Nachbarn?“
Melinda wurde rot.
„Wie traurig!“, dachte Crystal. „Melinda wirft mir vor, ich hätte ihr Todd weggeschnappt. Aber bei Jungs wird sie so schüchtern, dass sie noch nicht mal über sie reden kann, ohne verlegen zu werden. Und dann ihre Klamotten! Wie kann sie erwarten, dass ein Junge sich für sie interessiert, wenn sie ständig diese grauenhaften braunen Pullis und ausgeleierten Jeans trägt? Als hätte sie Angst davor, hübsch zu sein.“
„Scott sieht ziemlich gut aus“, musste Melinda zugeben.
„Mel geht in dieselbe Englischklasse wie Scott“, informierte Crystal ihre Freundin.
Lynn riss die Augen weit auf. „Du gehst in dieselbe Klasse wie er? Echt wahr? Dann siehst du ihn ja fast jeden Tag! Wie ist er denn?“
Melinda zuckte mit den Schultern. Sie trank einen großen Schluck Wasser, bevor sie antwortete. „Er wirkt nett. Ich weiß nicht. Er ist ziemlich still. Eher zurückhaltend.“
„Also, ich sag euch was“, meinte Lynn. „Ich werde mit dem Typen ausgehen.“
Crystal schüttelte den Kopf. „Dann wirst du mit Scott und mir mitkommen müssen – und mit allen anderen Mädels von der Shadyside Highschool!“ Sie lachte.
„Okay. Wir sind also beide auf ihn scharf!“, rief Lynn.
Crystal merkte, dass Melinda wieder rot wurde. Sie wandte sich Lynn zu. „Dann müssen wir ein paar Regeln aufstellen, um unsere Freundschaft nicht zu gefährden. Du weißt schon, von Anfang an.“
„In Ordnung“, stimmte Lynn fröhlich zu. „Was zum Beispiel?“
„Regel Nummer eins: Egal, wer von uns mit ihm ausgeht – du oder ich … oder Melinda –“
„Hör bloß auf“, stöhnte Melinda. „Bei so einem Typen habe ich doch nicht die geringste Chance!“
„Das ist nicht wahr“, widersprach Crystal. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn Melinda sich selbst heruntermachte. Klar war ihre Schwester nicht unbedingt attraktiv, dazu auch noch schüchtern und etwas langweilig. Aber wenn sie sich bemühen würde, hätte auch sie bei den Jungen Chancen.
„Es ist wahr“, beharrte Melinda und starrte ins Wasserglas. Sie drehte sich um und stellte es im Spülbecken ab, wo es scheppernd umfiel.
Erbost funkelte Crystal sie an. „Du versuchst es ja noch nicht mal! Darf ich dir eine Kleinigkeit verraten, die einen großen Unterschied machen würde? Ich sag ja nicht, du sollst dir die Fingernägel lackieren. Aber du könntest sie doch wenigstens mal feilen und –“
„Crystal, bitte –“, sagte Melinda warnend.
Ihre Schwester seufzte. „Okay. Tut mir Leid.“
Crystal wandte sich wieder an Lynn. „Egal wer von uns mit ihm ausgeht, du, ich oder Melinda –“, dabei grinste sie Melinda schielend an, und ihre Schwester musste lachen, „die anderen beiden versprechen hoch und heilig, dass sie sich für diejenige ehrlich freuen. Was meint ihr dazu?“
„Abgemacht“, sagte Lynn.
Melinda konnte sich nicht zu einer Antwort aufraffen.
„Regel Nummer zwei“, fuhr Crystal fort und streckte zwei Finger in die Höhe. „Keine schmutzigen Trikks. Keine Versuche, die anderen auszustechen.“
Lynn klatschte in die Hände. „Au ja, wie unser eigener kleiner Wettbewerb!“
„Also dann“, verabschiedete sich Melinda. „Ich geh wieder mein Buch lesen.“
„Was liest du denn?“, rief Crystal ihr hinterher. Melinda sollte nicht glauben, sie müsste verschwinden.
Ihre Schwester antwortete, ohne sich umzudrehen: „Stolz und Vorurteil.“
Lynn folgte Melinda aus der Küche. „Ich bin gleich wieder da“, rief sie Crystal zu. „Ich muss auf die Toilette.“
Sie blieb im Türrahmen stehen und wandte sich um. „Ach, das habe ich fast vergessen. Ich hab dir ja was mitgebracht. Hier – teste ihn mal.“
Sie warf Crystal einen kleinen Gegenstand zu. Es war ein neuer Lippenstift – Mokka Glanz.
„Danke“, rief Crystal ihrer Freundin hinterher. Die glänzende Kaffeefarbe wirkte so appetitlich, dass sie am liebsten reingebissen hätte. Crystal malte ihre Lippen an und betrachtete ihr Spiegelbild in der Tür des Backofens.
Plötzlich hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie warf einen Blick über die Schulter. „Lynn?“, rief sie.
Niemand antwortete.
Sie spähte aus dem kleinen Fenster über dem Spülbecken.
Scott stand in seinem Garten – und starrte sie durch das Fenster an! Er hielt eine Hacke in der Hand. Anscheinend wollten die Nachbarn den Garten neu bepflanzen.
Crystal zwang sich zu einem Lächeln. „Vielleicht gefalle ich ihm ja“, dachte sie.
Zu ihrer großen Bestürzung machte Scott ein angewidertes Gesicht.
Er hob die Hacke mit beiden Händen hoch über den Kopf.
Dann schlug er damit auf die Erde ein. Immer wieder.
Crystal keuchte vor Schreck. „Was ist denn mit dem los?“, murmelte sie verdutzt.
Irgendwas stimmte hier nicht.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.