Kitabı oku: «Fear Street 57 - Mondsüchtig»

Yazı tipi:


Inhalt

Prolog

Kapitel 1 – „Joey, bitte fahr …

Kapitel 2 – Der Wagen schoss …

Kapitel 3 – „Was ist das?“ …

Kapitel 4 – „Was soll das …

Kapitel 5 – Keuchend sprang Kit …

Kapitel 6 – Stille. Dann das …

Kapitel 7 – „Bad Moonlight!“ Die …

Kapitel 8 – „Hat irgendjemand Joey …

Kapitel 9 – Zwei Wochen später …

Kapitel 10 – „Ich war es …

Kapitel 11 – „Zieh doch wieder …

Kapitel 12 – „Neiiiin!“, schrie Sue …

Kapitel 13 – „Dee, was machst …

Kapitel 14 – Kit betrachtete sie …

Kapitel 15 – „Nicht Billy”, dachte …

Kapitel 16 – „Ich bin in …

Kapitel 17 – „Warum hat Tante …

Kapitel 18 – „Was redest du …

Kapitel 19 – Der Geruch des …

Kapitel 20 – An diesem Abend …

Kapitel 21 – Sue duckte sich …

Kapitel 22 – „Schlechte Nachrichten?“ Sue …

Kapitel 23 – „Hey, Leute!“ Billys …

Kapitel 24 – Dee fiel Sue …

Kapitel 25 – Sue spürte, wie …

Kapitel 26 – Das lang gezogene …

Kapitel 27 – „Vertrau mir, Sue“ …

Kapitel 28 – Die Scheinwerfer des …

Kapitel 29 – Sie musste sich …

Kapitel 30 – „Hallo Sue, wo …

Kapitel 31 – Kit kam ins …

Kapitel 32 – Obwohl Sue sich …

Kapitel 33 – Die Sekunden verstrichen …

Alle Einzelbände der Reihe Fear Street als eBook

Über den Autor

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Impressum

Prolog

Der Halbmond spiegelte sich verschwommen in der Schaufensterscheibe des Supermarkts, ein schwacher Widerschein des hellen Mondes hoch oben am dunklen Himmel. Die automatische Schiebetür summte, als Sue Verona in das gleißende Neonlicht im Inneren des Supermarkts trat.

Sie fröstelte und rieb sich die nackten Arme. Zu ihrem bauchfreien blauen T-Shirt trug sie weiße Shorts und Sandalen. „Die Klimaanlage leistet ganze Arbeit“, dachte sie und beschloss, sich wenigstens von der Tiefkühlabteilung fern zu halten.

Im Vorübergehen sah sie ihr Spiegelbild in einer silbrig glänzenden Vitrine. Große, dunkle Augen starrten sie an. Sie strich sich das braune, von blonden Strähnen durchzogene Haar aus dem Gesicht.

Ein plötzlicher, scharfer Schmerz in ihrem Rücken ließ sie herumfahren. „Cliff, hör auf damit!“, fauchte sie. „Musst du unbedingt deinen Kopf als Waffe benutzen?“

Ihr zehnjähriger Bruder grinste sie an. Es war sein neues Hobby, sie in einem unbeobachteten Moment mit gesenktem Kopf anzurempeln.

„Wegen dir krieg ich überall blaue Flecke“, zischte Sue wütend.

„Du bist ein Weichei!“, schnaubte Cliff. „Ich hab dich doch kaum berührt.“

„Lass deine Schwester in Ruhe“, schimpfte Tante Margaret, die mit dem Einkaufswagen auf sie zusteuerte. „Sue ist gerade erst nach Hause gekommen. Sie ist müde, und das Letzte, was sie jetzt braucht, ist ein nerviger Bruder.“

„Braucht sie wohl“, widersprach Cliff und machte ein unschuldiges Kindergesicht.

„Hier, nimm den Einkaufswagen, wenn du zu viel Energie hast“, sagte Tante Margaret und schob ihn Cliff zu. „Warum erwische ich eigentlich immer einen mit einem blockierten Rad?“

Cliff schnappte sich den Einkaufswagen und flitzte davon. Wie ein Wilder rannte er im Zickzack den Gang hinunter.

„Cliff, pass auf!“, rief Tante Margaret ihm hinterher. Sie drehte sich zu Sue um. „Er freut sich so, dass du wieder da bist“, vertraute sie ihr leise an.

Sue verdrehte genervt die Augen. „Er hat aber ’ne komische Art, es zu zeigen!“

Sie beobachtete, wie Cliff den Einkaufswagen herumwirbelte und unter lautem Klappern zu ihnen zurückgerast kam. „Er ist es eben nicht gewohnt, dass du zwei Wochen weg bist“, sagte Tante Margaret. „Aber ich freue mich, dass es so gut für dich läuft, mein Schatz.“

Sie legte Sue eine Hand auf die Schulter. „Du bist ja ganz kalt!“

Sue zuckte mit den Achseln. „Ich bin auch nicht für arktische Temperaturen angezogen.“

Sues Tante war eine zierliche, aber kräftige Frau mit scharfen Gesichtszügen. Sie hatte eine Hakennase und ein sehr spitzes Kinn. Mit ihrem gefärbten roten Haar, den stahlblauen Augen und dem dunkelroten Lippenstift sah sie ziemlich taff aus. Sie kümmerte sich um Sue und Cliff, seit ihre Eltern vor fast drei Jahren gestorben waren.

Sue und Tante Margaret gingen langsam den Gang hinunter. Auf der einen Seite war das Gemüse, auf der anderen das Obst. Ein junger Mann in einer weißen Schürze spritzte den Salat mit einem Wasserschlauch ab, damit er frisch blieb.

„Habt ihr eigentlich schon einen Namen für eure Band?“, fragte Tante Margaret und ließ einen Beutel Möhren in den Einkaufswagen fallen.

„Bäh, Möhren!“, meckerte Cliff.

„Noch nicht“, antwortete Sue. „Caroline fand, wir sollten uns die Musikalischen Analphabeten nennen. Das fanden wir alle ziemlich witzig. Aber Billy war es zu negativ.“

„Ist Billy der Manager der Band?“, fragte Tante Margaret, während sie einen Plastikbeutel abriss. Sie beugte sich hinunter, um Kartoffeln aus einem großen Korb auf dem Boden auszusuchen.

„Deine Band ist doof“, maulte Cliff.

Tante Margaret ignorierte ihn. Sie richtete sich auf und musterte Sue mit ihren kleinen, wachsamen Augen. „Du siehst müde aus.“

Sue seufzte. „Kein Wunder, wenn man zwei Wochen mit dem Kleintransporter durch die Gegend gondelt und in kleinen Musikclubs spielt.“

„Ich finde es gut, dass du dich entschieden hast, bei dieser Band mitzumachen, anstatt gleich aufs College zu gehen“, sagte ihre Tante. „Es ist toll, ein Jahr herumzureisen und ein bisschen Spaß zu haben, bevor du weiter zur Schule gehst.“

„Stimmt, Spaß hab ich wirklich“, sagte Sue. „Und Caroline und ich sind richtig gute Freundinnen geworden.“

„War Caroline die, die Klavier spielt?“, fragte Tante Margaret.

„Keyboard“, antwortete Sue. „Es ist schön, eine neue Freundin zu haben, und aus der Band ist eine super Clique geworden. Aber ich vermisse dein Essen. Die ganze Woche hab ich gedacht, wenn ich noch einen von diesen fettigen Hamburgern verdrücken muss, dann ...“

Tante Margaret lachte. Sie hatte ein leises, trockenes Lachen, das mehr wie ein Husten klang. „Okay, heute darfst du dir was aussuchen“, sagte sie. „Ich koch dir zum Abendessen alles, was du willst.“

„Hmmm ...“ Sue kniff ihre dunklen Augen zusammen und überlegte angestrengt. „Tja, worauf hab ich denn Appetit?“ Sie lächelte. „Oh, ich weiß. Auf dieses Hühnchen mit Ananas.“

„Gut. Geht in Ordnung“, sagte Tante Margaret. Sie sah sich um. „Wo ist eigentlich Cliff abgeblieben?“

Sue machte sich auf die Suche nach ihrem Bruder. Das grelle Neonlicht der Deckenbeleuchtung verlieh allem einen seltsamen Grünstich. Die Regale mit Gläsern und Dosen, die Auslagen, die Kunden – alles wirkte viel zu hell, viel zu scharf umrissen. Irgendwie unwirklich. Das harte Licht schmerzte richtig in den Augen. Sue begann zu zittern und spürte, wie sich eine Gänsehaut über ihren ganzen Körper ausbreitete.

„Warum ist es hier drinnen so kalt?“, fragte sie sich. „Kaufen die Leute mehr zu essen, wenn sie halb erfroren sind?“

„Sue, was machst du denn da?“, riss plötzlich Cliffs schrille Stimme sie aus ihren Gedanken.

„Was?“ Sie blickte verwirrt auf die Verpackung hinunter, die sie in der Hand hielt.

Eine Packung mit rohem Rindfleisch, die aufgerissen war.

Erst jetzt bemerkte Sue, dass sie mit einer Hand einen Klumpen rohes dunkelrotes Fleisch knetete.

Und was hatte sie da im Mund? Hastig schluckte sie das Fleisch, auf dem sie herumgekaut hatte, hinunter. Es fühlte sich widerlich kalt und glitschig an.

„Sue, warum isst du denn so ’n Zeug?“, rief Cliff erschrocken.

„Ich ... ich weiß nicht!“, stotterte sie, während sie spürte, wie ihr das Blut kalt das Kinn hinunterlief.

Kapitel 1

„Joey, bitte fahr langsamer“, bat Sue.

Der Kleintransporter holperte durch ein tiefes Schlagloch auf dem Highway. Die Taschen und Instrumente, die oben auf dem Van festgezurrt waren, knallten gegen das Dach.

„Ich fahr langsamer, wenn du zu mir nach vorne kommst und dich auf meinen Schoß setzt“, verkündete Joey.

Sue konnte ihn im Rückspiegel grinsen sehen. „Vergiss es!“, fauchte sie. „Hör auf, dich so idiotisch zu benehmen!“

Er lachte nur und trat aufs Gaspedal. Der Motor heulte auf, und der Van schoss ruckartig vorwärts, sodass Sue in den Sitz gedrückt wurde.

„Joey!“, rief sie empört und wollte schon einen Streit anfangen, doch dann überlegte sie es sich anders. Er fand es nun mal cool, so schnell zu fahren. Und wenn sie sich darüber aufregte, würde er nur noch mehr aufs Gaspedal drücken.

Joey stieß einen ausgelassenen Schrei aus. Seine lockigen schwarzen Haare flatterten im Luftzug, der durch das offene Wagenfenster hereindrang. Obwohl es dunkel war, fuhr er mit Sonnenbrille.

Sue saß zwischen Caroline und Mary Beth in der zweiten Sitzreihe. „Ich geb’s auf. Er ist einfach unmöglich“, flüsterte sie den beiden zu.

„Ihr müsst es da hinten doch mächtig eng haben, Mädels!“, rief Joey über das Brausen des Windes hinweg, während er den Van um eine scharfe Kurve lenkte. „Na, wer von euch will auf meinem Schoß sitzen?“

Sie ignorierten ihn.

Wie immer.

Die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Lastwagens strahlten genau in den Wagen. Sue beschattete ihre Augen mit der Hand. Als Joey den Transporter hart nach rechts riss, stieß sie unsanft gegen Caroline.

„Hey, pass doch auf!“, schimpfte Caroline und zog ihn an seinen flatternden Haaren.

„Caroline, flirtest du etwa mit mir?“, johlte er.

Sie lehnte sich abrupt zurück. „Von wegen“, sagte sie spitz. „Ich flirte nur mit Angehörigen meiner eigenen Spezies.“

Sue und Mary Beth lachten. Caroline war schlagfertig und hatte einen ziemlich bissigen Humor.

Hinter ihnen auf dem Rücksitz schliefen Billy und Kit. Sue fragte sich, wie sie das machten – bei dem Geholper und Gerüttel. Sie warf über die Schulter einen Blick auf die beiden. Billy war der Manager der Band und mit seinen zweiundzwanzig Jahren der Älteste von allen. Kit war zwei Jahre jünger als Billy. Als Roadie war er zuständig für die Ausrüstung und den Sound. Er sah so gut aus, dass die Mädchen im Publikum ihm normalerweise mehr Aufmerksamkeit schenkten als den Bandmitgliedern selbst.

Hinter der Leitplanke flitzten in der Tiefe dunkle Farmen und leere Felder vorbei. Die Luft, die durch das offene Fenster hereindrang, war heiß und feucht.

„Ich hab nochmal über einen Namen für unsere Band nachgedacht“, sagte Caroline. „Wir könnten uns doch vielleicht ...“

„Wir denken alle an nichts anderes“, schnitt Mary Beth ihr das Wort ab. Die Drummerin war ein kleines, hübsches Mädchen mit karottenfarbenen, sehr kurz geschnittenen Haaren und leuchtenden grünen Augen.

„Warum nennen wir uns nicht einfach Die Beatles und hören auf, uns noch länger den Kopf darüber zu zerbrechen“, witzelte Caroline.

Sue lachte. „Gab’s da nicht schon mal ’ne Band mit dem Namen?“

„Und die waren gar nicht so übel“, erwiderte Caroline. „Also wär der Name doch auch was für uns.“

„Könnt ihr nicht einmal ernst sein, Leute?“, fragte Dee Waters. Sie drehte sich auf dem Beifahrersitz um und sah die drei anderen Mädchen an. Ihr dunkles Haar hatte sie zu vielen kleinen Zöpfchen geflochten. Die langen, bernsteinfarbenen Ohrringe, die sie trug, hatten dieselbe Farbe wie ihre mandelförmigen Augen und passten wunderbar zu ihrer dunklen Haut.

Dee war so still gewesen, dass Sue völlig vergessen hatte, dass sie auch noch da war. Caroline, Mary Beth und sie hatten sich die ganze Fahrt über unterhalten, während Dee nur stumm aus dem Fenster gestarrt hatte, ohne sich am Gespräch zu beteiligen.

„Ob sie wohl irgendwann mal nett zu mir sein wird?“, fragte sich Sue. „Wird sie jemals darüber wegkommen, dass sie nicht mehr die einzige Sängerin der Band ist?“

Sue fiel plötzlich ihr Vorsingen wieder ein, das im Probenraum der Band stattgefunden hatte, einem Zimmer über der Garage von Carolines Familie.

Sie war furchtbar nervös gewesen, obwohl sie wusste, dass sie eine tolle Stimme hatte und ziemlich gute Stücke schreiben konnte. Aber würden die anderen ihre Sachen auch mögen?

Als sie ankam, wurde sie herzlich begrüßt. Billy war besonders nett zu ihr. Er stellte ihr alle vor und machte zu jedem eine witzige Bemerkung. „Nimm dich vor Kit in Acht“, warnte er sie. „Er beißt.“

Sues Hände zitterten richtiggehend, als sie ihren Gitarrenkoffer öffnete.

Der Raum war voll gestopft mit Verstärkern, Instrumenten und aufgerollten Kabeln. Joey, der zusammen mit Kit für den Sound zuständig war, schloss ihre Gitarre an einen Verstärker an und zeigte ihr dann den erhobenen Daumen.

Die anderen lächelten und ließen sie nicht aus den Augen, während Sue sich auf einen hohen Hocker setzte und ihre Gitarre stimmte.

Alle waren so nett zu ihr gewesen.

Alle, bis auf Dee. Sie hatte die ganze Zeit mit verschränkten Armen und düsterer Miene an der Wand gelehnt.

Sie rührte sich nicht mal, als Sue unter lautem Jubel und Applaus ihren ersten Song beendete, sondern starrte sie mit finsterer Miene an.

Nach dem zweiten Stück baten sie Sue, draußen zu warten. Aber sie brauchten nicht lange, um eine Entscheidung zu treffen. Billy kam die Treppe hinuntergestürmt. „Du bist dabei!“, rief er und umarmte sie begeistert. „Du und Dee, ihr seid in Zukunft zusammen unsere Leadsängerinnen. Und wir wollen den zweiten Song, den du gesungen hast, für die Band übernehmen. Der ist echt spitze!“

Das war ein echter Glückstag gewesen. Wenn nur Dee nicht versucht hätte, alles zu verderben. Sie war Sue zur Auffahrt gefolgt, als sie zu ihrem Wagen ging. Und obwohl sie flüsterte, konnte Sue sie doch ganz deutlich verstehen.

„Du hast in dieser Band nichts zu suchen.“ Das hatte sie gesagt. Mit einem heiseren Flüstern. Wie ein eisiger Windhauch.

Dann hatte Dee sich hastig umgedreht, um sich zu vergewissern, dass sie keiner der anderen gesehen hatte, und war ohne ein weiteres Wort mit großen Schritten zurück zur Garage gegangen.

Seit damals hatte Sue schon mehrfach versucht, sie umzustimmen. Aber Dee war weiterhin kalt und unfreundlich zu ihr.

„Ich weiß gar nicht, was ich überhaupt hier mache“, sagte Dee gerade und drehte sich wieder nach vorn. „Ich meine, eine Band ohne Namen. Das ist doch echt schlapp, oder?“

Joey drehte sich zu Sue, Caroline und Mary Beth um. „Ich weiß, wie ihr die Band nennen solltet!“, rief er grinsend.

„Joey, bitte!“, quietschte Sue. „Sieh auf die Straße! Neben uns geht’s ziemlich steil runter!“

„Wie wär’s mit Joeys Groupies?“, grölte er. Er warf den Kopf zurück, dass seine langen Locken nur so nach hinten flogen, und stieß ein lautes Heulen aus.

Es endete wie abgeschnitten, als der Van plötzlich ausbrach.

Sue schrie auf.

Die Reifen quietschten, als Joey auf die Bremse trat.

Zu spät.

Sue hörte das Knirschen von Metall, als der Wagen durch die niedrige Leitplanke brach.

Kapitel 2

Der Wagen schoss über die Kante des steilen Abhangs. Weit unter ihnen konnte Sue die gezackten Felsen am Fuß des Berges ausmachen. Sie glitzerten im Mondlicht wie scharfe Messer.

Dann neigte sich der Kühler des Vans nach unten.

Sue wurde in ihrem Sitz nach vorne geschleudert und schrie gellend, als sie den Transporter genau auf die Felsen zusteuern sah.

Sie spürte einen heftigen Ruck, gefolgt von dem entsetzlichen Knirschen von Metall. Die Vorderräder des Vans streiften die Felsen. Die Windschutzscheibe zersplitterte. Glas flog durch den Wagen.

„Nein!“, schrie Sue laut auf. Sie beugte sich vor und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Der Transporter überschlug sich. Trudelte wie ein Spielzeugauto durch die Luft.

„In ein paar Sekunden sind wir alle tot!“, schoss es Sue durch den Kopf. Sie hielt sich die Augen zu und wartete auf den tödlichen Aufprall.

Eine Hand berührte sie an der Schulter, hielt sie fest und schüttelte sie sanft.

„Sue!“

Carolines Stimme.

Langsam blickte Sue auf. Ihre Freundin betrachtete sie voller Sorge. „Es ist alles in Ordnung“, sagte Caroline leise. „Beruhige dich.“

„Aber der Wagen ...“ Sue unterbrach sich. Sie spürte, dass der Van gleichmäßig auf der Straße dahinfuhr. Die Reifen surrten leise auf dem Asphalt. Sie warf einen Blick zur Windschutzscheibe. Das Glas war heil.

„Wir hatten gar keinen Unfall“, wurde ihr bewusst. „Es ist überhaupt nichts passiert. Ich hab mir das alles nur eingebildet. Aber es war so real, so entsetzlich real.“ Sue holte zitternd Luft. Ihr Herz schlug immer noch wie verrückt.

„Was ist passiert?“, fragte Caroline. „Was war los, Sue?“

„Der Wagen ist über den Abhang gestürzt!“, keuchte sie. „Joey hat so komisch geheult, und dann hat er die Kontrolle über den Wagen verloren. Ich hab gesehen, wie wir durch die Leitplanke gekracht sind und wie die Windschutzscheibe zersplittert ist ...“

„Kein Wunder, dass du so geschrien hast“, sagte Mary Beth leise.

Sue atmete noch einmal tief durch und blickte sich um. Billy und Kit waren jetzt hellwach und starrten sie an. Dee musterte sie ebenfalls mit gerunzelter Stirn.

Als Sue sich abwandte, begegnete sie Joeys von Schatten verdunkelten Augen im Rückspiegel. Er hatte die Brille abgenommen und grinste ein wenig beschämt. „Tut mir echt Leid“, sagte er. „Ich wollte niemanden erschrecken.“

„Das sollte dir auch Leid tun“, fuhr Dee ihn an. „Wir haben Glück gehabt, dass du uns nicht tatsächlich den Abhang runtergestürzt hast.“

Joey zuckte mit den Achseln. „Hey, ich hab mich doch entschuldigt! Aber was soll’s. Eigentlich ist der Mond an allem schuld.“ Er zeigte aus dem Fenster. „Ist beinahe Vollmond, seht ihr? Das macht mich immer ein bisschen wild.“

Sue blickte zum Nachthimmel hinauf. Der Mond schwebte tief und leuchtend über ihnen. „Kalt sieht er aus“, dachte sie schaudernd. „Wie Eis.“

Von hinten ertönte Billys leises Lachen. „Um dich wild zu machen, braucht man keinen Mond, Joey. Das ist echt nicht mehr nötig.“

„Das kann man wohl sagen“, murmelte Dee.

„Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist, Sue?“, fragte Billy.

Sie drehte sich in ihrem Sitz um. Billy und Kit sahen sie aufmerksam an.

Kits dunkelbraunes Haar verschmolz mit dem schattenhaften Halbdunkel im hinteren Teil des Wagens. Seine wasserblauen Augen mit den dichten schwarzen Wimpern waren besorgt zusammengekniffen.

Billy machte sich offenbar auch Sorgen. Sue merkte es an seiner gerunzelten Stirn. Wieder einmal fiel ihr auf, wie unverschämt gut er aussah – dunkelblonde Haare, durchtrainierter Körper und dann dieses süße Grübchen, wenn er lächelte.

„Ich glaube, ich bin okay“, sagte Sue zu ihm. „Es ... es tut mir Leid. Ich wollte euch nicht erschrecken.“

„Hey, kein Problem“, versicherte ihr Billy. „Wir sind schließlich ’ne Rockband, oder? Da müssen wir doch ein bisschen Gekreische aushalten.“

„Also, ich fand deinen kleinen Schrei ganz bezaubernd, Sue“, mischte Joey sich ein.

„Fahr, Joey“, kommandierte Billy. „Fahr einfach nur.“ Er beugte sich vor. „Beachte ihn gar nicht“, flüsterte er Sue gut verständlich zu. „Wir haben ihn wegen seiner Muskeln in die Band geholt, nicht wegen seines Gehirns.“

„Das hab ich genau gehört!“ Joey tat so, als wäre er beleidigt.

Sue zwang sich zu einem Lächeln. Sie wusste, dass die anderen versuchten, sie aufzuheitern.

Es funktionierte.

Aber nicht hundertprozentig.

Wenn doch nur endlich diese furchtbaren Wahnvorstellungen aufhören würden.

Sue legte den Kopf zurück und schloss die Augen.

„Fühlst du dich besser?“, flüsterte Caroline ihr zu.

„Ein bisschen“, antwortete Sue. „Ich wünschte nur, ich wüsste, was mit mir los ist. Warum habe ich ständig diese schrecklichen Halluzinationen?“

„An dieser hier ist ganz klar Joey schuld“, sagte Caroline und strich sich eine Strähne ihrer langen blonden Haare hinter die Ohren. „Er ist viel zu schnell gefahren. Alle wissen, wie nervös du beim Autofahren bist. Ich meine ... seit dem Unfall deiner Eltern.“

Sue spürte einen Kloß in ihrer Kehle. Das passierte jedes Mal, wenn sie an ihre Mutter und ihren Vater dachte. Vor fast drei Jahren hatte Mr Verona nachts die Kontrolle über seinen Wagen verloren. Das Auto hatte eine Leitplanke durchbrochen, war über den Rand eines steilen Abhangs geschossen und auf die Felsen zwanzig Meter darunter geprallt.

„Es geschah auf einer Straße wie dieser“, dachte Sue. „Und in einer Nacht wie dieser. Klar und trocken. Bei hellem Mondlicht.“ Und das war keine Einbildung.

Ihre Eltern waren tatsächlich gestorben.

Sie waren aus dem Auto geschleudert worden, und die Felsen hatten sie wie scharfe Klingen aufgeschlitzt.

„Nein!“, verbesserte sich Sue im Stillen. „Tante Margaret hat nicht gesagt, dass sie aufgeschlitzt worden sind. Sie hat mir nie irgendwelche Einzelheiten erzählt. Diesen Teil muss ich mir ausgedacht haben.“

Sie hatte sich das Schlimmste ausgemalt.

„Ich kann immer noch nicht verstehen, wie das passieren konnte“, flüsterte Sue Caroline zu. „Dad war es gewohnt, nachts unterwegs zu sein. Und er war ein unheimlich vorsichtiger Fahrer.“

Caroline schüttelte mitfühlend den Kopf. „Deine Halluzinationen haben nach dem Unfall angefangen, oder?“

Sue nickte. Diese Halluzinationen waren wie schreckliche Albträume. Nur, dass sie dabei nicht schlief. Sie war hellwach – und wie gelähmt vor Entsetzen.

„Hast du mit Dr. Moore darüber gesprochen?“, fragte Caroline.

Sue seufzte. „Frag mich lieber, worüber ich nicht mit ihm gesprochen habe!“

Sie ging seit dem Unfall zu Dr. Moore. Der Psychologe versuchte, ihr dabei zu helfen, ihren Wahnvorstellungen auf den Grund zu gehen. „Sobald wir herausfinden, was die Ursache dafür ist, Sue“, hatte er zu ihr gesagt, „werden sie aufhören.“

Sue seufzte. Sie hatte eher das Gefühl, dass es immer schlimmer wurde. Immer realer. Immer grausamer.

„Ich bin sicher, dass er dir helfen kann“, sagte Caroline. „Gib dir ein bisschen Zeit.“ Sie lächelte Sue aufmunternd an.

Wenige Minuten später bog Joey auf den Hotelparkplatz ein. „Letzter Halt!“, verkündete er. „Das Luxushotel von Midland. Und gleich gegenüber: der Rocket Club. Und heute Abend präsentiere ich Ihnen: die Band ohne Namen. Schwingt die Hufe, Leute!“

Alle gähnten und reckten sich, bevor sie aus dem Transporter kletterten.

Mondlicht überzog die Straße mit einem schimmernden Glanz. Sue stieg nach Caroline aus. Ihr Lächeln verblasste. Sie fröstelte und presste ihre Reisetasche fest an die Brust.

„Irgendwas stimmt nicht“, dachte Sue. „Ich ... ich fühle mich so komisch ...“ Sie spürte, wie eine seltsame Kälte in ihr hochkroch. Irgendetwas passierte mit ihr. Irgendetwas Schreckliches.

Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Caroline sie geschockt anstarrte.

„Caroline!“, flüsterte sie, am ganzen Körper zitternd. „Was passiert mit mir? Was ist das?“