Kitabı oku: «Briefe an Ludwig Tieck 4», sayfa 6
VI
Breslau, 20t. Januar 1816.
Hochzuverehrender, Wohlgebohrner,
Sehr berühmter Herr!
Es ist mir der angenehme Auftrag geworden, Ew. Wohlgebohrnen zu benachrichtigen, wie die hiesige philosophische Facultät, bei Gelegenheit des Friedens- und Krönungsfestes am 18t. Januar h. a., theils um die Veneration öffentlich kund zu thun, mit welcher sie, wie ganz Deutschland, die hohen Verdienste Ew. Wohlgebohren um die Wissenschaft und um die Poesie, zu schäzen wissen, theils und vorzüglich, um sich selber zu ehren, durch die genauere Verbindung mit einem so berühmten und von Gott hochbegabten Manne, einstimmig beschloß Ew. Wohlgeboren durch ein Ehrendiplom die höchste Würde in der Weltweißheit mitzutheilen, daß Dieselben durch den Redner der Universität, Herrn Consistorialrath Wachler, an dem feierlichen Tage als artium liberalium Magister nec non philosophiae Doctor öffentlich sind proclamirt worden, und daß Sie diese Anzeige als eine vorläufige zu betrachten haben, da möglicherweise, das Ehrendiploma später, als die öffentliche Zeitung, die die Creation publicirt, in Ihre Hände kommen könnte. Wir wünschen nichts mehr, als daß dieser Beweis unserer Hochachtung und Anerkennung Ihrer Verdienste von Ihnen eben so gern möge angenommen werden, als gerne wir ihn dem berühmten und hochbegabten Manne geben.
Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ew. Wohlgebohren
ganz ergebensterH. Steffens.
Nachschrift
Lieber Tieck! es war mir unmöglich Dir die Doctorpromotion anders als feyerlich bekannt zu machen. Es sollte uns aber sehr lieb sein, wenn Dir dieser kleine Beweis, daß Du unter uns viele Verehrer hast, nicht ganz unangenehm wäre. —
Wir hoffen täglich auf die Möglichkeit nach Berlin zu reisen. Für Hanne wäre das etwas sehr Erwünschtes. Sie würde unter ihren Verwandten, in einem frischen Leben recht eigentlich aufleben. Vor allem wäre es uns deßwegen äußerst angenehm, weil wir dann, wie sich von selbst versteht, mehrere Tage in Zibingen zubrächten. Wie sehr ich mich darnach sehne, kann ich Dir nicht sagen. – Die geschriebenen Worte können uns, nach so langer Trennung unmöglich näher bringen. In Halle kamen wir uns gar nicht nahe. – Zwei trauliche Stunden sind mehr werth als alles. Es müßte wunderlich sein, wenn wir die alte Zeit nicht wiederfänden, wenn Du sie nicht auch in mir erkennen solltest. Etwas dümmer zwar bin ich wohl, wie das die Leute mit den Jahren immer werden.
Hanne grüßt und erwartet einen Brief. Deine Familie befindet sich doch wohl? Grüß Deine Frau und Deine Hausgenossen recht herzlich.
Steffens.
VII
Breslau, d. 3. Jan. 1818.
Lieber Tieck!
Ich kann Dir leider nur einen sehr kurzen Brief, und Du wirst mir in der That entschuldigen, daß ich überhaupt im Briefschreiben so träge bin. Ich habe diesen Winter ungeheuer viel zu thun. Ich liefere zur Ostermesse zwei Bände, den 3ten Theil meines mineralogischen Handbuchs und die Carricaturen, außerdem lese ich täglich 3 Stunden. Wenn ich des Morgens um 5 Uhr aufgestanden bin, muß ich ununterbrochen bis 4 Uhr Nachmittags arbeiten, nach dem Essen habe ich bis um 7 Uhr Stunden, und dann bin ich so erschöpft, daß in der That ein Brief eine große Anstrengung ist. Ich muß arbeiten, theils weil der Gegenstand der Carricaturen meine ganze Seele in Bewegung setzt, theils, weil ich Geld verdienen muß. – Jetzt bin ich ein paar Tage auf dem Lande gewesen bei einem Freund, komme eben zurück, habe noch eine Vorlesung und schicke die verlangten Bücher mit einem sehr guten Freund, den ich vorzüglich lieb habe, und der Deine Bekanntschaft zu machen wünscht. Es ist Major v. Kanitz, der schon Deiner Familie bekannt ist.
Was Reinegys betrifft, so ist das Buch aus einer hiesigen Leihbibliothek, und ich denke, daß Du mir es wohl nach Verlauf eines Monates wieder zuschicken kannst. Was ich noch von ihm weiß ist nur, daß ich mich erinnere, von Dr. Mackensen gehört zu haben, daß er mit Beireis in geheimer Verbindung war, und daß Mackensen im Leipziger gelehrten Anzeiger Beireis aufforderte, Aufschlüsse über ihm zu geben. Wenn ich das Blatt aufzutreiben vermag, werde ich Dir’s schicken. Auch erzählte er mir, daß Reinegys mit dem Schauspieler Reinicke verwandt wäre.
Die Schriften überschickt Kanngießer Dir und bittet Dich, sie als ein Geschenk anzunehmen. Er hat uns verlassen und ist jezt Professor in Greifswalde.
An Koreff kann ich leider nicht eher schreiben, als nach Hardenbergs Zurückkunft. Er ist jezt, wie Du weißt, in den Rheinprovinzen, ohne allen Zweifel um sich seiner Gesundheit wegen von allen Geschäften loszureißen.
Meiner Reise nach München wegen, lieber Tieck, kannst Du unbesorgt sein, denn es wird gewiß nichts daraus. – Indessen thust Du uns beiden – Schelling und mir – irre ich mich nicht, sehr unrecht. – Schelling ist in den letzten Jahren eben auf einer Stufe gelangt, die äußerlich schwankend, unsicher, ja widersprechend erscheinen müßte; aber redlich ist er im höchsten Grade, und eine tiefe vornehme Natur, fleißig, tiefforschend wie wenige, und wird uns mit dem, was er still sinnend geschauet hat, überraschen. Ich aber bin, bei scheinbarer äußerer Beweglichkeit, leider nur zu unveränderlich, ja ich wollte Gott danken, wenn ich leichter mich in fremde Individualität zu versezen vermöchte.
Lieber Tieck! wie herrlich würde es sein, wenn ich jezt wieder so schöne Tage mit Dir zu verleben vermöchte, wie im Frühling! – Noch immer erscheinen mir die wenigen Tage als die schönsten seit langen Jahren und mit den herrlichsten meines Lebens vergleichbar. – Daß Du mit meinem Buch sowohl zufrieden bist, freuet mich ungemein. Hoffentlich soll das Zweite Deinen Beifall auch erhalten. – Wenigstens denke ich recht oft an Dich, indem ich schreibe, und Du kannst es immer als einen weitläufigen Brief ansehen. Denn über alle Erscheinungen der Gegenwart weiß ich keinen, dessen Ansichten ich so unbedingt huldige, gar keinen, dessen Beifall mir wichtiger wäre.
Ich muß leider schließen. Grüße Deine Frau, die Gräfin Henriette, Dorothea und Agnes recht herzlich. Hanne grüßt.
Steffens.
Ein glückliches Neujahr.
VIII
Breslau, d. 3. Sept. 1819.
Lieber Tieck
Indem ein tüchtiger und braver junger Mann, Doctor Müller, der als Professor der griechisch-römischen Archäologie nach Göttingen geht, vorher sich aber einige Wochen in Dresden aufhalten will, verreist, dachte ich Dir recht Vieles zu schreiben. Was soll ich aber machen? Die Zeit läuft so schnell, daß sie den Athem verliert, sie stolpert über ihre eigne unnüze Thaten, die sie immer wegwerfen muß, wenn sie kaum fertig sind, daher kann sie kaum zu Worte, viel weniger zu Gedanken kommen. – Und ich werde nur mit gehezt, weil ich mir mit der albernen Dirne gemein gemacht habe. Mir macht es freilich Spaß, wenn das Volk schreiet wie besessen, besonders ergözt mir ihr Anathema. – Aber etwas schreiben und darstellen für einen Freund in einen Brief, das ist unmöglich. – Du bist jezt in Dresden und gebe Gott, Du bliebst noch ein Jahr da, dann hoffe ich gewiß hinzukommen. – Der Ueberbringer aber ist ein junger Mensch, der mich recht beschämt hat, denn vor 5 Jahren war er noch ein hoffnungsvoller Primaner. In der Zeit wohne ich in derselben Stube, sitze auf dieselben Stühle, ja schnaube die Nase in dieselben Schnupftücher und weiß recht gut, wie ich alle Jahre dümmer geworden bin und mehr und mehr verlernt habe, und in der Zeit ist der junge Mann – immer unter meinen Augen – nur ein Jahr in Berlin, immer gelehrter, immer kenntnißreicher geworden, und die Kenntnisse und die Gelehrsamkeit sind am Ende bis ins Unermeßliche angeschwollen, daß ein Professor in Göttingen hat aus ihm werden können, was mir ganz ungeheuer vorkömmt. So ein Göttinger Professor kömmt mir wie ein alter Rector vor, ich fühle mich gegen ihn wie ein Junge, der seine Lection nicht weiß. – Du wirst Deine Freude haben an dem jungen Mann, der so Vieles in so kurzer Zeit gethan und gelernt hat.
Ich bitte Dich, Gräfin Henriette, Deine Frau und Kinder zu grüßen, ich lebe in der That in der Hoffnung, Dich und den guten Waagen in Dresden zu sehen.
Dein FreundSteffens.
Und die Berliner haben noch nichts für Dich gethan? Es sieht dem Volke ähnlich.
IX
Breslau, d. 8. Sept. 1819.
Lieber Tieck!
Ich habe mit vieler Freude erfahren, daß Du jezt in Dresden lebst. Ich denke mirs immer viel leichter dahin zu kommen, als nach Ziebingen, auch würde ein gemeinschaftlicher Aufenthalt mit Deiner Familie, Hanne, Waagen und Hartmann, mich auf eine täuschende Weise in glücklichere Zeiten zurückversezten. Schon diesen Herbst dachte ich nach Dresden zu reisen, aber man läßt mich in Berlin so lange warten, daß ich in große Verlegenheit versezt bin. – Der Grund nun, warum ich diesen Brief schreibe, ist der: Du bist von Max eingeladen Theil zu nehmen an einer kleinen Sammlung Erzählungen u. s. w., die Hagen mit mir ausgeben will. Von mir wird etwas, was Dir vielleicht bekannt ist, über dorische Sagen, was in Büschings Wochenschrift steht – Sagen von Rübezahl, die ich für den Kronprinzen zusammenschrieb – und die Geschichte von der Trauung um Mitternacht erscheinen. Es ist Max viel darum zu thun, Dein Name auf den Titelblatt zu haben, und ich zweifle gar nicht daran, daß Du irgend etwas liegen hast, was Du dazu benutzen kannst. Da ich in diesem Augenblick den Max nöthig habe, der mich aus einer großen Verlegenheit reißen muß, habe ich ihm versprochen, Dich zu bitten, und Du siehst also ein, daß ich die Bitte gewissermaßen in meinem Namen wage. Er wollte die kleine Sammlung zu Weihnachten herausgeben und damit dieses möglich wird, müßte er freilich das Manuscript bald haben. Wolltest Du mir durch ein paar Zeilen wissen lassen, was wir erwarten dürfen und wann? – Er bezahlt gewiß so gut, wie irgend ein anderer.
Grüß die Gräfin Henriette angelegentlichst, ferner Frau, Kinder und Waagens.
DeinSteffens.
X
Breslau, 14. Sept. 1819.
Was sagst Du dazu, daß Du nun, in wenigen Tagen drey Briefe von mir erhältst? Max, durch welchen Du diesen Brief erhältst, wünscht nehmlich, daß Dein Beitrag zu unserer kleinen gemeinschaftlichen Unternehmung, nicht zu karg ausfallen mag – wie viel, wird er Dir selbst schreiben. Er glaubte, daß eine Bitte von mir einigen Einfluß haben möchte und ich wage es, dasselbe zu glauben. Du wirst aus allen sehen, daß meine Lage mich gegen ihm in einer Stellung gesetzt, die mir die Erfüllung der Bitte wichtig macht und ich bin so unverschämt, Deine Freundschaft in Anspruch zu nehmen. Grüß alle.
DeinSteffens.
XI
Breslau, d. 17. Junii 1821.
Lieber Tieck!
In großer Eile empfehle ich Dir den Ueberbringer – den Schauspieler Löwe5 den jüngern aus Prag – nicht zu verwechseln mit dem carricaturmäßigen ältern Bruder. – Er ist in der That ein liebenswürdiger Mensch und Du wirst, irre ich nicht, auch den Künstler, wenigstens gewiß sein schönes Streben und seine Bescheidenheit ehren. Er wünscht Dich lesen zu hören. – In der That nicht aus müßiger Neugierde. Ich habe ihm zwar nur wenig gesehen, aber er hat für mich etwas außerordentlich einnehmendes.
Noch hoffe ich Dich im Herbst zu sehen. Grüß alle.
Steffens.
XII
Breslau, d. 14t. April 1822.
Lieber Tieck
Ich befürchte fast, daß Du böse bist – und zwar mit Recht. – Was konnte mich dazu bringen, einen solchen elenden Sudler mit seinen Marktschreiereien zu empfehlen? – Ich würde mich sehr freuen, wenn Du diese Zeilen nicht verstündest. – Es wäre ein Zeichen, daß der Mensch den Brief nicht abgegeben hätte.
Dieser soll Dich dafür wieder mit mir versöhnen. Ich bin überzeugt, daß Du diesen meinen Landsmann, Hrn. Nilsen, sehr lieb gewinnen wirst. Ich kenne wenige Menschen, die mir in kurzer Zeit so lieb wurden. Er ist ein Freund von Möller – ohne seinen anachoretischen Starrsinn zu theilen – wie von Dahl, und obgleich Kaufmann ein sehr vielseitig gebildeter Mann mit einer seltenen Empfänglichkeit und er versteht einem, was immer seltener wird.
Ich gebe ihm ein Exemplar meiner Anthropologie mit. – Ich soll ein Schellingianer seyn, behaupten die Leute und die Recensenten haben schon den Titel gesehen und geschimpft. Ich möchte wohl wissen, ob Du mich auch so nennen willst. Ueberhaupt meine übrige Schriften gebe ich Dir preis. – Dieses möchte ich eben in Deinen Augen gerettet wissen.
Daß ich nicht nach Dresden kommen kann, ist mir unbeschreiblich fatal.
Ganz vertraulich kann ich Dir sagen, daß die philos. Facultät hier Dich dem Ministerio zu einer Professur der englischen, italienischen, spanischen u. s. w. Literatur vorgeschlagen hat. – Noch haben wir keine Antwort. Ich würde mich über alle Maßen freuen, wenn nicht eine doppelte Besorgniß da wäre. – Erstens, daß das Ministerium kaum einen großen Gehalt bestimmt hat, und zweitens – daß Du selbst in diesem Falle die Stelle nicht annimmst. Habe ich mich in beiden geirrt – wer wäre glücklicher als ich. – Grüß Gräfin Henriette, Malchen, Dorothea, Agnes von mir und Hanne recht herzlich.
DeinSteffens.
XIII
Breslau, d. 9t. Juni 1822.
Lieber Tieck!
Ich schreibe Dir wieder ein paar Zeilen durch einen Freund. Es ist der Dr. Loebell, der Dich schon aus Heidelberg kennt. Es ist ein sehr gescheuter Mensch und wirklich gründlicher Geschichtsforscher. Ueber mein Leben und Verhältniß kann er Dir Vieles mittheilen, denn er gehört seit 8 Jahren zu meinem vertrautesten Umgang. Er ist genöthigt Preußen zu verlassen und eine, freilich äußerlich günstige Lage als Redacteur des Conversationsblattes anzunehmen, um leben zu können. Obgleich man ihm, als ein kenntnißreichen und vielfältig gebildeten Mann kennt und schäzt, kann er dennoch keine Anstellung hier erwarten, nicht etwa wegen demagogischer Gesinnung, vielmehr umgekehrt, weil das demagogische Consistorium hier, während Untersuchungen gegen ihre Umtriebe, Cabinetsordre die dem Minister eine unerhört willkührliche Gewalt giebt, sich jagen, allein alle Stellen vergiebt und das Ministerium trozt. – Eine Verwirrung die einen verrückt machen kann.
Von Berlin ist keine Antwort auf unsern Antrag Dich hier anzustellen gekommen. Loebell weiß von Allem und kann Dich über alle hiesige Verhältnisse völlig orientiren. So auch über die Lage des Theaters. Vertrauen verdient er durchaus.
Grüß die Gräfin Henriette, Deine Frau, Dorothea, Agnes. – Könnte ich Euch nur besuchen! Vier Monathe dauert das unglückliche Rectorat noch.
DeinSteffens.
XIV
Breslau, d. 5t. Sept. (Keine Jahreszahl.)
Du nimmst mir nicht übel, lieber Tieck! daß ich Dir einen jungen Mann auf seiner Durchreise nach Göttingen zu empfehlen wage. Ich werde es gewiß sehr selten thun und habe es bis jetzt immer ausgeschlagen. Dieser junge Mensch, Hermann Frank, ist aber in der That brav, gescheut und weiß recht viel und sein Vater hat mir Geld geliehen. Er gehört zu denen, die mich öfters besuchen. Morgen reise ich nach Berlin; weil ich muß. Wieder eine Reise, die wenn auch Gottlob! nicht so unangenehm, doch auch mich einer seltsamen Lage versetzt. Ich hoffe mit dieser Reise auf immer mit der verfluchten politischen Welt abzuschließen. Alles ekelt mir darin an.
Die Frau und Clärchen grüßen alle – und wenn Gott will hoffen wir gewiß Euch künftigen Sommer in Dresden zu sehen.
DeinSteffens.
XV
Berlin, d. 6t. Octbr. 27.
Lieber Tieck!
Nachdem ich Dir solange nicht geschrieben habe, nehme ich die Gelegenheit wahr, indem ich Dir einen jungen Mann empfehle, dessen Bekanntschaft Dir ohne allen Zweifel sehr angenehm seyn wird. Es ist Hr. Ampère aus Paris, der eine sehr genaue Bekanntschaft unserer ganzen Literatur besizt, und sich ihr mit großer Neigung, ja mit Leidenschaft widmet. Er wird, wie ich denke, Dir schon bekannt seyn.
Ueber dasjenige, was uns – hoffentlich doch nur scheinbar – in der letzten Zeit getrennt hat – schreibe ich Dir jetzt nicht. Daß eine solche Aeußerung die erste war, die von Deiner Seite über mich laut ward, mir nicht angenehm seyn konnte, doch, besonders was meine Ansicht der Religion betrifft, ein seltsames, mir völlig unbegreifliches Mißverständniß von Deiner Seite stattfand, und daß, besonders in Breslau, Dummheit und moderne Verfolgungssucht, als Deine Kritik erschien, triumphirend über mich herfiel – ist leider nur zu gewiß. Indessen gehören Dinge der Art, wie man sie auch betrachten mag – zu den vorübergehenden Erscheinungen des Lebens und dürfen das Unveränderliche, was allein einen Werth hat, Freundschaft und Vertrauen nicht berühren. Daß ich Tadel verdiente, weiß ich sehr wohl – Genug davon.
Ich behalte Dich und die Deinigen unveränderlich lieb, wenn ich auch, wenn diese Seite berührt wird, manchmahl, nach meiner, eben nicht lobenswerthen Art, in einer Art von Wuth gerathe und das albernste Zeug mit bewunderungswürdiger Beredsamkeit schwazte.
Grüß alle – vor Allem Dorothea, die sich meiner so freundlich erinnert hat.
DeinSteffens.
XVI
Berlin, d. 10t. Apr. 1833.
Lieber Tieck!
Ich grüße Dich durch den Ueberbringer dieses Briefs, den Herrn Cand. Kreis aus Strasburg, der erste bedeutende Zuhörer, der sich hier innig an mich anschloß. Ich trenne mich mit Schmerzen von ihm und er wird, ich darf es mit Zuversicht erwarten, auch Dir lieb werden.
Es war meine Absicht in diesen Osterferien nach Dresden mit Frau und Kind zu reisen. Aber leider muß ich es jetzt bis Pfingsten aussetzen. Dann aber komme ich gewiß, wenn gleich nur auf wenige Tage – vor Allem freue ich mich dann Dich, lieber alter Freund zu sehen. – Du glaubst – ich wäre Dir feindlich gesinnt – glaube es nicht. – Ich habe mich nie von einem Freund getrennt, der es einmahl im wahren Sinne war. Ich kann es nicht, wenn ich auch wollte und die Mißverständnisse, die mir bis jetzt noch unbegreiflich, uns getrennt haben, werden, ich weiß es gewiß, verschwinden, wenn wir uns sehen. Grüß Gräfin Henriette, Deine Frau und Töchter. Ich hoffte immer, wenn auch nicht Euch alle, was freilich das Schönste wäre, so doch Dorothea hier zu sehen.
DeinSteffens.
XVII
Berlin, den 3. Julii 33.
Lieber Tieck!
Auf Deinen freundlichen Brief, der mir viele Freude gemacht hat, muß ich Dich doch, wenn auch nur mit einige Zeilen antworten. Das Fest war mir höchst angenehm und ich habe mir allerdings aus Gründen, die Du gewiß nicht verkennen wirst, angebothen Deine Gesundheit auszubringen. Da die Versammlung sehr zahlreich und ausgezeichnet war und eine größere Anzahl durch den beschränkten Raum ausgeschlossen, sich gemeldet hatte, so hast Du hier in Deiner Geburtsstadt eine laut ausgesprochene Anerkennung erhalten, die Dir nicht unangenehm seyn kann und da es darauf ankam diese zu veranlassen; so kann es Dir gleichgültig seyn, wenn wir uns ein wenig prostituirten.
Du wünscht den Inhalt meiner kleinen Rede zu erfahren. Was ich wollte war folgendes: Ich wünschte auf den großen und ausgebreiteten Wirkungskreis eines bedeutenden Dichterlebens aufmerksam zu machen. So wollte ich die Belebung der Mährchenwelt erwähnen, und wie, aus einen wahren Naturgrund, durch diese, die Mythenwelt in einem jeden Gemüth wieder hervorrücke, nicht blos als ein abgetrocknetes Exemplar der geschichtsforschenden Herbarien, vielmehr lebendig und productiv, wie sie die hohle Lüge der Erziehung, wenn auch nicht ganz überwand, doch verdrängte – wie sie die alte Mythenwelt verständlich machte, der Geschichte der deutschen Poesie Bedeutung gab, einen neuen Zweig der Gelehrsamkeit, kaum dürftig angefangen, in allen Richtungen belebte und ausbreitete, in die Forschungen der frühern Geschichte der Deutschen eingriff und so, was durch Dich angeregt war, eine ausgedehnte geschichtliche Bedeutung gab. Die Menge der Schauspieler und Schauspielerinnen, die zugegen waren, was mir freilich in einer Rücksicht erfreulich war, verhinderte mich auf eine entschiedene Weise zu erwähnen, wie Dein Lehnsessel das einzige übriggebliebene Theater in Deutschland wäre, welches bereichert durch Goethe – Calderon – Shakspeare – Holberg – an die schöne verschwundene Zeit erinnerte. Ich nannte ihm aber nur Deine Kritik und Deinen Shakspeare und nun noch Manches – Wie Deine Novellen, was uns ängstigt und quält und in Verzerrungen mancherley Art krankhaft ausartet in der heitern Mitte der Dichtung ausgleichen wie Dein Prosa – aus dem Metrum erzeugt – den klaren Rythmus durchscheinen läßt, der reine Erguß, das „apte dicere“ das einfachste und klarste, als das höchste festhält und alle Manier verbannend, wohl erzeugend wirkt auf jeden Empfänglichen, aber nie nachgeahmt werden kann, wie Deine Person, mächtig, wie Deine Schriften, durch die Gastfreiheit und den freundlichen Zutritt, die Du der Jugend verstattest, in weiten Kreisen thätig war, wie keiner in Deiner Nähe traht, der nicht durch Dich erregt, befruchtet, Dich wieder verließ, wie viele Deiner Ideen, wissentlich und ohne Wissen, gut oder schlecht, immer merkwürdig und reich, wenn auch nie das was gewesen wären, wenn Du sie ausgesprochen hättest – seit so vielen Jahren, in so vielen Schriften – in weiten Kreisen ausgebreitet sind, und selbst in den geselligen eingedrungen auf den Ton der geistigen Unterhaltung einen bedeutenden Einfluß gehabt haben. Ich habe dieses Alles gesagt – und mehr – aber meine Rede taugte nicht. Ich muß freilich frey sprechen, wenn ich erträglich sprechen soll. – Aber der Gegenstand muß mich ganz durchdringen – in bestimmten Umrissen, in sicherer Gestaltung mir vorschweben. So aber war Allerlei vorangegangen – Du hast das Zeug von den eingesalzenen Heering gelesen – denn es ist gedruckt und als nun die Bühnenhelden und Grazien diesseits und jenseits der Spree die Romanze und ihre hingehauchte Begleitung mit plumpen Zungen zertrampelten, trat ich völlig zerstreut auf – und sagte zwar Alles, aber nicht so, daß das früher Gedachte ein neues Leben erhielt, wie ich es sonst wohl vermag, vielmehr mit großer Anstrengung, als eine dunkle Erinnerung. —6
Nur noch dieses. Was ich jetzt that würde ich, zu jeder frühern Zeit grade so und unter günstigern Umständen, viel besser gethan haben. Ich bin – was man so nennt – böse gewesen – weil ich unzufrieden war, weil Du mich entschieden mißverstanden hast und weil Dein erstes öffentliches Wort über mich – eben dieses Mißverstandene laut werden ließ und die ganze Heerde der Gemeinheit nun sich mit Dir verbunden glaubte. – Ich sprach das, wie ich pflege, heftig und wenn Du willst, übertrieben aus. – Aber nicht bloß solche Sachen, die für heute und morgen sind, gelten mir nichts, auch was man Literatur nennt, und wir leider wohl auch so nennen müssen – gilt mir in Innersten nichts – wo die Geschichte, der Geist, die unsterbliche Persönlichkeit allein das Recht haben zu reden. Hast Du, weil ich einmahl die Sprache einer Gemeinde führte, ein andermal ein Confession schrieb, weil mir die Religion – eben Religion ist – alles – oder nichts, geglaubt daß diese nach allen Richtungen reinigende, keine ausschließende Persönlichkeit in mir nach einer dummen Ecke hingeschleppt sey, und da so zusammengepreßt, daß ihr der Geist aus der Brust entschlüpfte – so kann ich das nur bedauern, aber es kann nichts ändern in meiner Ansicht von Deiner Person, denn eben, daß ich das Unveränderliche in Dir erkannte hat mich an Dich gefesselt.
Es ist glaube ich gut – daß dieses ausgesprochen ist – ehe wir uns sehen. Es hat mich innig gerührt, daß Du den scheinbaren Zwiespalt so ernsthaft genommen hast – Dein Zorn war doch Liebe und ich muß Dir doch wichtiger seyn, als Deine öffentliche Aeußerungen errathen lassen. – Verständigen werden wir uns gewiß und mit Gottes Hülfe sehen wir uns im Herbst.
Grüß Deine Frau, Dorothea und Agnes und die Gräfin Henriette von mir und meine Frau und Tochter.
Dein treuerSteffens.