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Kitabı oku: «Briefe an Ludwig Tieck 4», sayfa 5

Various
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II

Berlin, 21. Mai 1836.
Verehrungswürdiger Freund!

Ich bin nach dem Tode meiner verewigten Frau von unsern Töchtern beredet worden, einen Theil meiner, ihr gewidmeten Gedichte, die sich ein halbes Jahrhundert hindurch schlugen, in handschriftlicher Form drucken zu lassen, und so ist die Sonetten-Samlung entstanden, deren beiliegendes Exemplar wohlwollend anzunehmen ich Sie freundschaftlich bitte. Entschuldigen Sie geneigt, daß es später geschieht, als billig. Es kam mir aber vor, als ob solche kunstlose Herzens-Ergießungen, die nur der bis zum lezten Hauch angebeteten Freundin gefallen wollten, in ihrer zum Theil veralteten Erscheinung sich unter die Augen von Kennern schicklich nicht wagen sollten. Auch haben die rühmenden Anzeigen in einigen Zeitblättern meine Scheu keineswegs beseitigt, da ich sehr wohl weiß, was davon zu halten ist, wohl aber hat ein Brief von Schlegel aus der neuesten Zeit mich ermuthigt, auch in Ihre Erinnerung durch diese Mittheilung mich um so mehr zurückzurufen, als meine selige Frau sich zu Ihren Freundinnen zählte, und dessen besonders würdig war. Ich habe von jeher eine Abneigung gehabt, von meinen poetischen Productionen etwas drucken zu lassen, weil ich die Stunden, die ich daran gewendet, fast jederzeit den drückendsten Amtsverhältnissen habe abringen müssen, woraus niemals etwas Rechts werden kann, und nur der Haß gegen die Napoleonische Zeit und der Widerwille gegen die konstitutionellen Himmelsstürmer hat mich, zu meinem eigenen, nachmaligen Aerger, in Bewegung bringen können, da mein Gemüth ganz andre Neigungen hat, wie ich unter den Gedichten an meine selige Frau noch aus dem December 1805 eines vorgefunden habe, worin es heist:

 
mein Kriegs-Lied ist ein zart Sonett
Auf Amors sanfte Macht;
mein Feldgeschrei: „Elisabeth“
Bei Tag’ und stiller Nacht.
 

Die Zeit hat es anders gefügt, bald nach jenem December.

Meine Tochter Hedwig empfiehlt sich mit mir Ihrem wohlwollenden Andenken. Unter Versicherung der treusten Verehrung und Ergebenheit

Staegemann.

Steffens, Henrik

Geboren am 2. Mai 1773 zu Stavanger in Norwegen, gestorben am 13. Febr. 1845 in Berlin.

Ueber die Idee der Universitäten (1809.) – Ueber geheime Verbindungen auf Universitäten (1835.) – Die gegenwärtige Zeit und wie sie geworden, 2 Bde. (1817.) – Die Carrikaturen des Heiligsten, 2 Bde. (1819–21.) – Anthropologie (1822.) – Von der falschen Theologie und dem wahren Glauben (1824.) – Wie ich wieder Lutheraner wurde (1831.) – Was ich erlebte, 10 Bde. (1840–45.)

Romane: Die Familien Walseth und Leith, 3 Bde. (1827.) – Die vier Norweger, 6 Bde. (1828.) – Malcolm, 2 Bde. (1831.) – Novellen &c. &c.

Daß der edle Norweger niemals ganz richtig deutsch lernte, und dennoch einer der begeisterndsten Redner in deutscher Sprache gewesen ist, wissen Alle die einst so glücklich waren, seine collegia zu hören. Was er für den Druck schrieb, ist durch nähere Freunde, oder durch den Hrn. Verleger von allerlei „physisch statt psychisch, Muscheln statt Muskeln, mir’s – mich’s – ihm’s – die’s“ &c. &c. gesäubert worden, wie’s recht und billig war. Seine Briefe, aus denen der Mensch zum Menschen aus der Ferne spricht, wollten wir nicht korrigiren. Mögen sie gedruckt werden, wie sie sind; mögen sie Lesern, die seine Hörer gewesen zu sein sich heute noch freuen, das lebendige Bild des theuren, edlen Verstorbenen recht lebhaft in’s Gedächtniß rufen, mit seinen Schwächen, – mit seiner Größe, seiner unwiderstehlichen Persönlichkeit; ja, mit all’ den Erinnerungen aus einer mit ihm begrabenen Zeit!

Hatte er sie – und sich doch fast schon überlebt, bevor er starb. Wohl ihm, daß er noch zu rechter Stunde die Augen schloß! Wir hätten sonst wohl gar auch hören können, wie der erste Freiwillige von 1813 fünfunddreißig Jahre später mit splendiden Katzenmusiken bedacht worden wäre! Derselbe Steffens, der im Jahre 1809 als Professor in Halle die Idee der Universitäten jener napoleonischen Zwingherrschaft in den Bart geworfen.

I

Tharand, d. 22. Jul. 1801.
Theuerster Freund!

Da das Wetter Ihnen kaum erlauben wird, sobald hier hinauszukommen, auch mir in Tharand gefangen hält, so muß ich nothwendig ein Mittel ersinnen, mir wenigstens, so gut es gehen will, von ihrem Treiben und von dem Befinden ihrer Familie kurze, jedoch gründliche Nachricht zu verschaffen. Ich kenne in der That nichts grausameres, als einen Mantel in solchem Wetter zu behalten, und schicke Ihnen daher den Ihrigen, mit dem verbindlichsten Dank (NB. Lebensart) zurück. – Auch drey Strausfedern folgen hiermit. Bitte mich gehorsamst ein paar Volksmärchen aus, welche richtig, nachdem ich sie consumirt habe, wieder zurückgeschickt werden sollen.

Uebermorgen erhalten Sie einen cabbalistischen Aufsatz. Mein Genius hat mir wieder angesprochen und mir – wahrlich sonderbare Dinge von 1–2–3–5 aus 7 zu 3–7 aus 2 zu 5 – das vernünftige Decimal- und das mystische Duodecimalsystem entdeckt. Ich glaube, daß sie selbst sich ergözen werden über das Zählen der Natur – das bedeutender ist, als man glaubt. – Ich werde recht zum Schreiben getrieben und bin jetzt, natürlich, nur wenig gestört. Wie wünschte ich bey Ihnen zu seyn. – Vieles würde sich in Gesprächen leicht entwickelt, was mir jetzt entgeht. —

Sie können – alle Tage – mit der Botenfrau, die diesen Brief bringt – ein paar Zeilen nach Tharand spediren. —

Diesmahl bitte ich mir wirklich aus, daß Sie mir mit ein paar Zeilen schreiben: wie Sie und Ihre Familie sich befindet: ob Gustav noch krank ist.

Grüßen Sie die Madem. Hanna, Dorothea, Elisabeth Reichard, und sagen Sie Ihr, daß mein Genius mich ihre Hand im Traume gezeigt hat, daß ich ihr ganzes zukünftiges Schicksal kenne und – daß Sie erstaunen wird – so wenig hilft es sich zu sträuben. – Ich freue mich darauf die Hände, die ich nicht sehen darf, wenigstens mit zugemachte Augen, küssen zu dürfen.

Leben Sie wohl und grüßen Sie Ihre Frau recht sehr.

Steffens.

II

Halle, d. 3. Junii 1802.
Bester Freund!

Ich muß Ihnen nothwendig von hier aus schreiben, und wähle dazu lieber einen jungen Menschen, der wenigstens nicht stören wird, wenn er einige Stunden in Ihrem Hause zubringt, und mancherley sagen kann, was zu schreiben zu weitläufig wäre. Die bewußte Sache, die ihm, wie ich glaube, unbekannt ist – (obgleich man hier in Halle feine Nasen zu haben scheint), erwähne ich nur, um Ihnen zu sagen – daß ich jetzt überaus glücklich bin. – In ein paar Tage reise ich weg, um Tag und Nacht nach Copenhagen zu eilen. Ich erwarte – wenigstens in Copenhagen ein paar Zeilen von Ihnen zu finden, um zu erfahren, wie Sie und Ihre Familie sich befindet. Sie werden mir verzeihen, wenn die neue Freude – die ich erst seit gestern kenne – mich verhindert weitläuftig zu seyn. Aus Hamburg schreibe ich einmahl einen Brief. Grüßen Sie Ihre Frau – Mamsel Alberti und Dorothea. Ich habe mir vorgesezt alles so in Ordnung zu bringen, daß ich in ein 5–6 Monathe wieder in Deutschland sein kann. Wie freue ich mich darauf, Sie und Ihre Familie dann wieder zu sehen. An den nordischen Sachen werde ich gleich Hand legen. Sie sollen mir in dem fremden Vaterlande in Ihre Gesellschaft bringen. Ihre Schwester und Bruder sind doch noch in Dresden – und kennen mich doch hinlänglich um einen Gruß von mir annehmen zu können?

Verzeihen Sie mir die Verworrenheit des Briefes und leben Sie nochmahls wohl.

H. Steffens.

Sie wissen wohl daß Fr. Schlegel die Aufführung des Alarcos noch abgewartet hat bey Goethe? – Der Teufel hole sonst die vornehme Art, mit welche man hier über Kunst urtheilt. – A. W. Schlegel ist wohl abgereist? Der Ueberbringer dieses Briefs heißt Rotte, ist aus Lübeck und ein Stiefsohn der Doctorin oder der Doctor Schlösser. —

III

Hildesheim, d. 24. December 1806.
Lieber Tieck!

Auf eine erfreulichere Weise konnte ich, in so bedrängten Zeiten nicht Nachricht von Dir erhalten. Ich gestehe, daß es mir leid that zu erfahren, daß Du mir so nahe vorbeigereist warst, indessen wußte ich wohl, daß Du mich nicht vergessen hättest, und die Art, wie Du Dir meiner wieder erinnerst, ist mir die angenehmste. —

Ich will Dir alles schreiben, und wirst sehen, daß es meine Absicht keinesweges ist, Deutschland zu einer Zeit zu verlassen, die vielleicht bedenklich ist, aber meine Thätigkeit und meinen Wirkungskreis doch nicht aufhebt. —

Als in Halle die Universität gestöhrt war und ich nun ohne Unterhalt war, schrieb ich an meine Brüder und bath sie sich zu erkundigen, ob ich in dem Falle, wenn alles hier unglücklich gienge, eine Anstellung in Dännemark erwarten konnte. Meine Brüder, über meine Lage nach meinen Nachrichten, und noch mehr durch das Gerücht erschrocken, wandten sich unmittelbar an den Kronprinzen, der wiederholt sagte: ich möchte nur zu Hause kommen, auch Schimmelmann ließ mich bitten zurückzukehren. Der Kronprinz both mir Reisegeld an und Schimmelmann schickte mir eine Summe. Das königliche Reisegeld nahm ich nicht an, um nicht gebunden zu sein. – Nach dem aber, was geschehen war, sahe ich es für nothwendig an, mich in Dännemark zu stellen. Kehrte ich nach einer solchen Aufforderung nicht zurück, so würde ich alle meine Aussichten in meinem Vaterland auf immer vernichten. Nun bin ich aber wirklich Däne, kann nie aufhören es zu sein, und bin der Regierung große Verpflichtungen schuldig, auch habe ich eine sehr große Neigung Norwegen zu untersuchen und ein Plan wissenschaftlicher Beobachtungen, den ich längst entworfen habe, von der Regierung unterstützt, dort zu realisiren. Ferner habe, wie es sich nicht leugnen läßt, in Dännemark mächtige Feinde, aber auch mächtige Freunde (wie der Kronprinz und Schimmelm.), beides aber macht meine Lage dort sehr interessant und wenn ich die gegenwärtige Umstände, die mir in einer unmittelbaren Verbindung mit dem Kronprinzen bringt, benützen wollte, so leidet es keinen Zweifel, daß ich mir ein schönes Loos in Dännemark bereiten könnte.

Dieses alles habe ich genau erwogen – auf der andern Seite aber fühle ich es wohl, daß ich zum deutschen Docenten gebohren bin, daß die Freiheit der Gesinnung, die tiefe Empfänglichkeit der Schüler in meinem Vaterlande nicht zu erwarten ist, daß ich wahrlich unglücklich sein würde, wenn ich nicht an dem, was jetzt geschehen soll, Theil nehmen könnte. Endlich finde ich es schlecht in so bedenklichen Zeiten seine Stelle zu verlassen – und dies hat bei mir entschieden. – Ich weise alle Anträge in Dännemark bestimmt ab, und habe dieses dem Massov schon geschrieben. Ich kann es thun, ohne den Kronprinzen zu beleidigen. Ich stelle ihm nur vor, daß sein Unterthan, daß ein Norweger, dessen Landsleute durch die Treue gegen ihren Fürsten berühmt sind, seinen Fürsten in der Noth nicht verlassen darf, und kenne unsern Kronprinzen genug, um zu wissen, daß er meinen Entschluß in Halle jetzt zu bleiben, sehr billigen wird. Schimmelmann, dessen große, wahrhaft deutsche Gesinnung, mich durchaus fassen wird, wird mich sicher unterstützen. – In Kopenhagen ist mir ein Oncle gestorben, der mir 800 Rthlr. hinterließ, diese hebe ich zwar erst nach dem Tode der Witwe, aber die Erbschaft ist gerichtlich gemacht, und werde wahrscheinlich Geld darauf heben können. Ich lasse dann Hanne und Clärchen mit hinlänglichem Gelde versorgt, bei Grosmutter in Hamburg, und gehe selbst wieder nach Halle, lebe da als Student und ernähre mich selbst. Das Aergste ist die Ungeduld meiner verarmten Creditoren, die mich entsetzlich peinigt.

Für Dein schönes Anerbiethen, mir im südlichen Deutschland nützlich zu sein, danke ich Dich sehr – wenn alle Stränge reißen, gehe ich doch lieber nach dem südlichen Deutschland als nach Dännemark, wenigstens in den ersten vorliegenden Jahren. An Schelling schreibe ich noch heute.

Daß Du jetzt wieder in Deutschland bist, ist mir unendlich lieb, und ich zweifle gar nicht daran, daß wir bald etwas schönes und großes von Dir erfahren werden, denn die poetischen Laffen haben einen in der letzten Zeit doch zu sehr mit der neuen Zeit zugesetzt. – Ich habe mich recht darnach gesehnt, Dich in Sandau zu besuchen, die süße Dorothee mit ihrer Mutter, und die kleine Agnes zu sehen, und halb war es schon beschlossen. Es ist mir recht lieb, daß Dir Oehlenschl. gefällt, wenn er seine unmäßige Eitelkeit bekämpft hat, wird gewiß etwas ungewöhnliches aus ihm – neben die krankhaften Figuren, die Sonetten fabriciren, ist seine gesunde und frische Natur wohlthuend. – Grüß Malchen, die Finkensteins und Burgsdorf recht sehr. Dein lieber Brief hat mir viele Freude gemacht, und ich hoffe, daß Du Wort halten und bald antworten wirst – Hanne schreibt noch etwas. Adieu.

H. Steffens.

Ich schreibe Euch bestimmt aus H. recht lang.

Hanne.

IV

Breslau, d. 23. Febr. 1812.

Liebster Tieck! und liebe, herrliche Tante! ihr müßt nicht zürnen, daß ich so lange nicht geschrieben. Deinen Brief zu beantworten erfordert eine Art von Ruhe, die ich hier nicht gefunden habe, wo mir alles nach außen treibt in zerstreuende Geschäfte. Ich habe leider etwas schlechtes, wenn auch nicht ganz Unnüzes angefangen, nehmlich ein mineralogisches Handbuch. Der erste Theil ist schon gedruckt, und der zweite und dritte Theil müssen noch in diesem Jahre fertig sein, denn ich habe Vorschüsse und die Verlegerin quält. Dann habe ich hier eine neue Professur und muß mich zu Vorlesungen vorbereiten, die ich nie hielt, dann nehmen mir meine jezige Vorlesungen viel Zeit weg – (Ich habe einige neunzig Zuhörer, bestehend aus Beamten und aus Bürgern der Stadt, für die Studenten muß ich abgesondert lesen) – dann ist meine Theorie der chemischen Erscheinungen, streng wissenschaftlich, nun so weit gediehen, daß es Zeit ist sie bekannt zu machen und einer ernsthaften Prüfung zu unterwerfen, auch meiner Stellung wegen – endlich muß ich das hiesige physikalische Institut einrichten, 1000 Rtlr., die mir zugestanden sind, in Instrumente u. s. w. verwandeln, mit Mechanici, mit Künstler aller Art, mit Glashütten, mit Handwerker mich umtreiben, mit Departement und Organisations-Commission correspondiren, den Bau des mir zugestandenen Locals leiten, den Senatsizungen beiwohnen (der Senat ist hier aus wenigen erwählten Mitgliedern zusammengesetzt), und zu diesem allem kömmt noch, daß ich Präsidial-Assessor einer hiesigen patriotischen Gesellschaft bin, was mir auch einige Zeit wegnimmt. Du glaubtest, daß ich hier im Anfange einsam leben würde. Das ist anders gekommen. Die häufigen Gesellschaften und Verbindungen, in die ich durch meine Vorlesungen gekommen bin, stören mich nicht wenig. Ich habe dieses alles so weitläufig entwickelt, weil es meine vollständige Entschuldigung enthält, und mich rechtfertigen mag, wenn Du auch in diesem Briefe Spuren der Zerstreuung finden solltest. Doch sind alle diese mannichfaltige, sich wechselseitig störende Geschäfte Folgen des Anfangs und werden bald aufhören.

Aber wie lebst Du in Deiner stillen poetischen Einsamkeit? Es freuet uns, daß Du weniger krank bist, wenn auch nicht ganz gesund. Aber die Hoffnung euch diesen Sommer noch zu sehen möchten wir ungern aufgeben. Es ist so schlimm, daß Hanne diesen Sommer nicht hier bleibt, und ich allein zurückbleibe. Wenn Du eine Badereise machen kannst, so würden sich doch einige Wochen für unser Zusammensein finden, hier oder ins Gebirge. Julii wird Hanne in Landeck zubringen, und im August und September, wenn meine Ferien anfangen, besuche ich mit ihr die Albertis in Waldenburg und Schmiedeberg. Lieber Tieck! wenn ihr es möglich machen könnt, so kommt doch her. Das Schreiben ist doch ein kärglicher Nothbehelf – Einen Platz für euch würden wir wohl finden. In der Zukunft zwar bequemer, denn ich erhalte eine recht bequeme Wohnung neben dem physikalischen Apparat, wo ich freilich auch eine wenn gleich mäßige Miethe bezahlen muß.

Reimer hat Recht, wenn er sagt, daß ich früher lieber nach Berlin, als nach Breslau gieng. Es waren nicht bloß meine Freunde, die mich hinzogen, vorzüglich die Sammlungen, die größern Bibliotheken, die lebendigere Verbindung mit der Welt, die einem Physiker immer wichtig ist. Indessen habe ich die Vortheile, die Du anführst wohl erkannt. Die größere Sicherheit, die größere Empfänglichkeit der Einwohner, der noch nicht erstorbene Glaube, die schönere Natur. Auch befinde ich mich hier recht wohl, und die Leute gefallen mir im Ganzen. Die Opposition gegen den Berlinismus ist nicht das Schlimmste hier und trete recht bestimmt gegen diesen auf. Die leere Einbildung dieser Leute war mir von jeher zuwieder, hier vo 4 , wo sie sich noch mehr wie in Berlin aufgeklärt gebildet dünken, und wo die red , etwas rohe , und naive Begierde die der Zeit zu fassen der gegenüber sich recht vornehm und tüchtig ausnimmt.

Dein Wunsch, daß ich an einer poetischen Bearbeitung unserer gemeinschaftlichen Natur-Ansichten denken möchte, und uns so vereinigen, hat mir recht lebhaft die alte herrliche Zeit zurückgerufen, in welcher Liebe und Poesie mein Leben verherrlichte. Ich werde in diesem Augenblick, kurz vor dem Abgang der Post auf eine so unangenehmen Weise gestört, daß es mir unmöglich, was ich eben darüber schreiben wollte, jezt zu schreiben, und länger darf ich Dich doch auch nicht warten lassen – aber gewiß Du wirst recht bald einen Brief von mir haben, Du Lieber! der mir gewesen ist, was keiner mir war, und dessen treue Anhänglichkeit an mich ich wahrlich nie vergesse. – Ich muß schließen.

Dein
Steffens.

V

Breslau, d. 11. September 1814.
Lieber Tieck!

Seit ich aus dem Kriege bin, habe wenigstens ein halb Duzend Briefe an Dich vollkommen fertig, die unter sich wenig Aehnlichkeit haben mögen – Du wirst aber schwerlich eins davon jemals erhalten, denn keine Zeile ist von allen diesen Briefen niedergeschrieben, und ich kann mir sogar leicht denken, daß wir lange Zeit zusammenleben könnten, ohne daß Du eine Sylbe davon erführst, so angelegentlich es mir auch schien, grade Dir das mitzutheilen, was mich in solchen Momenten lebhaft beschäftigte. Und so mag der Zufall auch über den Innhalt dieses Briefes walten – denn wozu hülfe die Ueberlegung? – Wenn man ununterbrochen in einer Reihe von Jahren in Verbindung geblieben, so führt ein jeder Moment eine bestimmte Richtung des Daseins herbei, den man nur zu ergreifen braucht, um Inhalt und Form der Unterhaltung zu finden.

Aber Du warst mir, durch Schriften und Leben vor langer Zeit überaus wichtig. So deutlich wie auch die alten Töne mir vorschweben, und was wir sprachen, uns dachten und träumten, so hat sich doch seitdem so manches zugetragen, und mich unruhig, oft in wilder Bewegung in so viele, entfernte Regionen des innern und äußern Lebens hingerissen, daß die Faden der bestimmten Unterhaltung alle zerrissen sind, und nur ein allgemeines, unendliches Sehnen, welches eben nichts faßt, nichts Bestimmtes, weil es das ganze grundlose Dasein, in allen seinen Richtungen, dem alten treuen Freunde hingeben möchte – übrig geblieben ist. —

Es war eine wunderliche, ahndungsvolle Zeit, in welcher ich Deine erste Bekanntschaft machte. Aus einem fernen Lande, früh schon durch große Hofnungen und sonderbare Wünsche getrieben, fand ich mich in der Mitte vieler bedeutender Männer, die mich gern aufnahmen, und mit einem großen kindlichen, recht eigentlich absichtslosen Muthwillen ließ ich alle meine Gedanken und Anschauungen, geschenkte und eigene ein loses, leichtes Spiel treiben. Ich denke oft mit inniger Freude daran, und diese Zeit, die mir an Liebe, Freundschaft, geistiger Anregung mancherlei Art so reich war, erscheint mir immer als die Blüthezeit meines Lebens. Was Du mir, wie so vielen, damals wardst, das weist Du – denn so verschieden unser äußeres Dasein auch erscheint, so stimme ich dennoch innerlich mehr mit Dir überein, als mit irgend einem andern, und nachdem die vielen Stüzen, die man mir als Systeme reichte, und die ich gutwillig annahm, und eine Zeitlang benuzte, nun alle in der Ecke gestellt sind, – trat das freiere und dennoch gebundenere innere Leben freudiger hervor.

So gewiß, wie es ist, daß die Zeit, in welcher Goethe und Fichte und Schelling, und die Schlegel, Du, Novalis, Ritter und ich, uns alle vereinigt träumten, reich an Keime mancherlei Art waren, so lag dennoch etwas ruchloses im Ganzen. Ein geistiger Babelsthurm sollte errichtet werden, den alle Geister aus der Ferne erkennen sollten. Aber die Sprachverwirrung begrub dieses Werk des Hochmuth unter seine eigene Trümmer – Bist du der, mit dem ich mich vereinigt träumte? fragte einer den andern – Ich kenne deine Gesichtszüge nicht mehr, deine Worte sind mir unverständlich, – und ein jeder trennte sich in den entgegengesetztesten Weltgegenden – die meisten mit dem Wahnsinn, den Babelthurm dennoch auf eigene Weise zu bauen.

Dann kam der politische Druck und riß mich zum Haß und Wiederstreben hin in einer Reihe von Jahren. Nun ist der riesenhafte Dämon verschwunden, der mich so lange leidenschaftlich gegen sich wafnete, wie das geistige Riesenbild, welches mich mit so unsäglichen Versprechungen lockte – und es liegt nun alles da, wie ein verschwundener Traum. —

Was wären wir, wenn nach einem solchen Traum, uns nichts übrig bliebe, als ein nüchternes Erwachen? ein Dünkel, der sich eben mit seiner Leerheit brüstet, als mit einem neuerworbenen, und ganz eigenen wunderbaren Schaz, dessen Werth zu schäzen nur den erfahrenen vergönnt ist. —

Aber Gottlob! ein Jeder Mensch ist, wie der erste, im Paradies geboren, in seinem Paradies, seine Natur. Ja mit einem jeden Menschen wird ein Gottessohn gebohren, obgleich nur der eine erschienen ist, und das Antliz Gottes in allen verzerrt wird. Der Herbst leistet nie, was der Frühling verspricht, der Mann nie, was das Kind hoffen ließ. – Der Mann will begreifen, nur das Kind kennt den Glauben. – Ja, was ist alle Religion anderes, als der Kinderglaube der Geschichte?

Und so, lieber Tieck! sind mir die Träume meiner Kindheit näher gerückt, und ich glaube an die Natur, und an das Leben, und forsche nach diesem Glauben, und wie er mirs gebiethet, und ich kann Dir kaum sagen, wie innerlich glücklich ich mich fühle in einer Beschäftigung, die wenig von der gewöhnlichen der Physiker sich unterscheidet. Seit ich wieder zu Hause bin, war ich sehr fleißig. Es ist als mahnten mich die Jahre, als triebe mich ein unsichtbarer Geist, der mir keine Ruhe läßt – Es ist ganz das Gefühl, was mir in den schönen Tagen der Freundschaft, der Liebe, der Begeisterung in Dresden belebte.

Und so habe ich nun manches, und nur von mir gesprochen. – Ueber Deinen Phantasus, über Deinen William Lovell möchte ich mit Dir sprechen – und überhaupt, das muß nun ehestens geschehen, denn ich halte es nicht länger aus, und habe noch nie eine solche Sehnsucht gefühlt mit Dir zusammen zu seyn. Meine Frau grüßt – und ich hoffe, daß Deine Frau mich noch so liebt wie in frühern Zeiten – Hanne schreibt Dir bald, und sagt mir, daß ich noch einmahl das Malchen, Dorothee und Agnes herzlich grüßen soll.

Dein
Steffens.
4.Die Lücken im Texte rühren von Brandflecken, wahrscheinlich beim Siegeln entstanden, her.

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01 kasım 2017
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