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Kitabı oku: «Ferdinand Lassalle», sayfa 13

Bernstein Eduard
Yazı tipi:

Vor dem Staatsgerichtshof aber – am 12. März 1864 – ist ihm der Verfassungskonflikt in Preußen nur noch der Kampf zwischen dem Königtum und einer „Clique”. Dieser „Clique” könne das Königtum nicht weichen, „vollkommen wohl” aber könne es „das Volk auf die Bühne rufen und sich auf es stützen. Es brauche sich hierzu nur seines Ursprungs zu erinnern, denn alles Königtum ist ursprünglich Volkskönigtum gewesen.”

„Ein Louis-Philippsches Königtum, ein Königtum von der Schöpfung der Bourgeoisie könnte dies freilich nicht; aber ein Königtum, das noch aus seinem ursprünglichen Teige geknetet dasteht, auf den Knauf des Schwertes gestützt, könnte das vollkommen wohl, wenn es entschlossen ist, wahrhaft große, nationale und volksgemäße Ziele zu verfolgen.”

Das ist die Sprache des Cäsarismus, und im weiteren Verlaufe seiner Rede steigert Lassalle sie noch, indem er die bestehende Verfassung als eine vom Königtum der Bourgeoisie erwiesene Gunst hinstellt. Niemand lasse aber „gern aus seiner eigenen Gunst ein Halsband drehen, an welchem er erwürgt wird, und das ist niemand zu verdenken, und daher auch dem Königtum nicht”. Beständig auf das angebliche „Recht” hingedrängt, habe sich das Königtum „erinnert, daß es mehr in seiner Stellung läge, sich auf das wirkliche Recht zurückzuziehen und das Volk auf die Bühne zu führen, als einer Clique zu weichen und von einer Handvoll Personen sich aus seiner eignen Gunst ein Halsband winden zu lassen, an dem es erwürgt wird”. So würde er, Lassalle, sprechen an dem Tage, wo das Königtum die Verfassung gestürzt und das allgemeine Wahlrecht oktroyiert haben werde, wenn man ihn der intellektuellen Urheberschaft dieses Verfassungsumsturzes anklagte.

Lassalle war bereits so weit, daß er nicht nur durch die Tatsache seiner Agitation – was unter Umständen nicht zu vermeiden ist – der Reaktion vorübergehend einen Dienst erwies, er verfiel auch immer mehr darin, die Sprache der Reaktion zu sprechen. Gewiß konnte er noch immer mit Wallenstein ausrufen:

„Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht

Mein Ernst, beschlossene Sache war es nie!”

Er spielte mit der Reaktion, glaubte sie seinen Zwecken dienstbar machen, sie selbst aber im gegebenen Moment mit einem Ruck abschütteln zu können. In diesem Sinne nannte er auch einmal der Gräfin Hatzfeldt gegenüber Bismarck seinen „Bevollmächtigten”. Aber er vergaß, daß es eine Logik der Tatsachen gibt, die stärker ist als selbst der stärkste individuelle Wille, und daß, indem er überhaupt um den Erfolg spielte, statt auf die eigne Kraft der Bewegung zu vertrauen und ausschließlich ihr seine Energie zu widmen, er nach seiner eignen Theorie die Bewegung selbst zum Teil bereits aufgab.

In der Tat, um noch einmal auf den schon zitierten Aufsatz Lassalles über die Grundidee seines „Franz von Sickingen” zurückzugreifen: mit der seit seiner Rückkehr aus den Bädern vollzogenen Schwenkung war Lassalle genau zu derselben Taktik gelangt, die er in jenem Aufsatz als die „sittliche Schuld” Franz von Sickingens hingestellt hatte. Es ist merkwürdig, wie genau Lassalle dort sein eignes Schicksal vorgezeichnet hat. Auch er war auf die „sich realistisch dünkende Verständigkeit” verfallen, revolutionäre Zwecke durch diplomatische Mittel erreichen zu wollen, er hatte eine Maske vorgenommen, seinen Gegner – die preußische Regierung – zu täuschen, aber er täuschte tatsächlich nicht diese, sondern die Massen des Volkes, ohne die er nichts war; die Bewegung selbst blieb auf einen kleinen Trupp persönlicher Anhänger beschränkt. Und wie Lassalle von Sickingen schreibt, daß „dieser große Diplomat und Realist, der alles sorgsam vorherberechnet und den Zufall ganz ausschließen will, gerade dadurch zuletzt gezwungen ist, dem zufälligsten Zufall alles anheim zu geben”, und, „während die Rechnung auf jene Täuschung durch den Anschein des Zufälligen und Unwesentlichen an der bewußten Natur des Bestehenden zugrunde gehen muß, die Entscheidung, statt wie er wollte, aus den Händen des vorbereiteten, vielmehr aus denen des ersten unvorbereiteten Zufalls entgegennehmen muß”33 – so sieht auch er, Lassalle, sich gezwungen, nunmehr bloß noch mit dem Zufall zu rechnen, alles von zufälligen Konstellationen in der inneren und äußeren Politik abhängig zu machen. Im Vertrauen auf seine realistische Gewandtheit spielte er, aber er bedachte nicht, daß beim Spiel derjenige die meisten Aussichten hat seinen Mitspieler lahmzulegen, der die meisten Trümpfe in der Hand – beim politischen Spiel, der über die meisten tatsächlichen Machtfaktoren zu gebieten hat. Und da das in diesem Falle nicht er, sondern Bismarck war, konnte es nicht ausbleiben, daß er schließlich mehr Bismarcks, als dieser sein „Bevollmächtigter” wurde.

Dies die Situation, in der Lassalle die Ronsdorfer Ansprache, „die Agitation des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins und das Versprechen des Königs von Preußen” hielt. Es ist seine letzte und zugleich seine schwächste Agitationsrede, ausschließlich auf den äußeren Effekt berechnet. Wie sehr sich Lassalle der Schwäche dieser Rede bewußt war, zeigt ihre von ihm selbst redigierte gedruckte Ausgabe mit den überall eingestreuten Vermerken über den Effekt der einzelnen Sätze – Krücken, deren ein Vortrag, der an Hand und Fuß gesund ist, durchaus entbehren kann, und die den Eindruck einer inhaltsvollen Rede sogar beeinträchtigen würden. Aber die Ronsdorfer Rede weist keinen der Vorzüge der ersten Agitationsreden Lassalles auf, potenziert dagegen deren Fehler.

Die Rede ist nicht bloß inhaltlich schwach, sie ist auch ihrer Tendenz nach tadelnswerter als alle Mißgriffe, die Lassalle bis dahin begangen.

Schlesische Weber hatten, durch die Not getrieben und durch die Sozialdemagogie der Feudalen ermuntert, eine Deputation nach Berlin geschickt, um beim König von Preußen um Abhilfe gegen die Übelstände, unter denen sie litten, zu petitionieren. Sie waren auch schließlich, da es sich um die Arbeiter eines fortschrittlichen Fabrikanten handelte, auf Veranlassung Bismarcks vom König empfangen worden und hatten auf ihre Beschwerden die Antwort erhalten, der König habe seine Minister angewiesen, „eine gesetzliche Abhilfe, soweit sie möglich ist, schleunig und mit allem Ernst vorzubereiten”.

Daß Lassalle diesen Schritt der schlesischen Weber und den Empfang der Deputation von Seiten des Königs als einen Erfolg seiner Agitation hinstellt, wird ihm, so übertrieben es tatsächlich war, niemand zum besonderen Vorwurf machen. Wie andere Übertreibungen in der Ansprache, erklärte sich auch diese aus der Situation Lassalles. Indes Lassalle blieb dabei nicht stehen. Er gab dem Empfang der Deputation durch den König und den Worten des letzteren eine Auslegung, die zunächst nur als eine Reklame für jenen und dessen Regierung wirken konnte. Er verliest den Arbeitern einen Bericht der offiziösen „Zeidlerschen Korrespondenz” über den Empfang der Deputation beim König und liest gerade die dem Königtum günstigste Stelle daraus, wie er in der gedruckten Rede ausdrücklich verzeichnet, „mit dem höchsten Nachdruck der Stimme und begleitet sie mit der eindringlichsten Handbewegung”34.

In den Worten des Königs liege, erklärt er, „die Anerkennung des Hauptgrundsatzes, zu dessen Gunsten wir unsere Agitation begonnen” – nämlich, daß eine Regelung der Arbeiterfrage durch die Gesetzgebung notwendig sei – ferner, „das Versprechen des Königs, daß diese Regelung der Arbeiterfrage und Abhilfe der Arbeiternot durch die Gesetzgebung erfolgen soll”, und drittens, da „eine Fortschrittskammer, eine nach dem oktroyierten Dreiklassenwahlgesetz erwählte Kammer, dem Könige niemals die zu diesem Zwecke erforderlichen Gelder bewilligen und ebensowenig, selbst wenn die Sache ohne Geld zu machen wäre, auch nur ihre Zustimmung zu einem solchen Gesetz erteilen würde”, so sei in dem königlichen Versprechen, „innerlich durch die Kraft der Logik eingeschlossen” auch „das allgemeine und direkte Wahlrecht versprochen worden”.

Bei diesen Worten läßt der Bericht „die Versammlung, welche diesem ganzen letzten Teil der Rede in einer unglaublichen Spannung … zugehört” habe, in einen „nicht zu beschreibenden Jubel” ausbrechen, der immer wieder von neuem begonnen habe, sobald Lassalle weiter zu sprechen versuchte.

War der Jubel wirklich so groß, so bewies er, daß die Arbeiter Lassalles Auslegung des königlichen Versprechens für bare Münze nahmen, das schlimmste Zeugnis, das dieser Rede ausgestellt werden konnte.

Kein Zweifel, es sollten mit dieser Rede, soweit die Arbeiter in Betracht kamen, diese nur durch möglichst glänzende Ausmalung der bisher erzielten Erfolge zur höchsten, begeisterten Tätigkeit für den Verein hingerissen werden. Aber die Rede ist noch an eine andere Adresse als die der Arbeiter gerichtet. In seiner Erwiderung auf eine in der „Kreuzzeitung” erschienene Rezension des „Bastiat-Schulze”, die nach Lassalle „von zu beachtenswerter Seite” kam, als daß die in ihr an Lassalle gerichteten Fragen hätten unbeantwortet bleiben dürfen, verweist Lassalle den Herrn Rezensenten des Regierungsblattes ausdrücklich auf die Ronsdorfer Rede und läßt die Erwiderung und zwei Exemplare der Rede unter Kuvert „persönlich” an Bismarck senden. Beide, Rezension und Rede, sind berechnet, auf die Regierung Eindruck zu machen – ad usum delphini geschrieben. Der „unbeschreibliche Jubel” sollte Köder für Bismarck und den König sein. Aber niemand kann zwei Herren dienen, und das Bestreben, die Rede so zu gestalten, daß sie den gewünschten Effekt nach oben mache, bewirkte, daß sie tatsächlich einen durch und durch cäsaristischen Charakter erhielt. Sie ist ein doppeltes Pronunziamento des Cäsarismus: Cäsarismus in den Reihen der Partei, und Cäsarismus in der Politik der Partei.

„Ja, es gibt nichts Organisations- und Zeugungsunfähigeres, nichts Unintelligenteres,” heißt es in der Einsendung an die „Kreuzzeitung”, „als der unruhige, nörgelnde liberale Individualismus, diese große Krankheit unserer Zeit! Aber dieser unruhige, nörgelnde Individualismus ist keineswegs Massenkrankheit, sondern wurzelt notwendig und naturgemäß nur in den Viertels- und Achtels-Intelligenzen der Bourgeoisie.

Der Grund ist klar: Der Geist der Massen ist, ihrer Massenlage angemessen, immer auf objektive, auf sachliche Zwecke gerichtet. Die Stimmen unruhiger, persönlichkeitssüchtiger Einzelner würden hier in diesem Stimmenakkord verklingen, ohne nur gehört zu werden. Der oligarchische Boden allein ist der homogene, mütterliche Boden für den negativen, ätzenden Individualismus unserer liberalen Bourgeoisie und ihre subjektive, eigenwillige Persönlichkeitssucht.”

Ähnlich hatte es in der Ronsdorfer Rede geheißen:

„Noch ein anderes höchst merkwürdiges Element unseres Erfolges habe ich zu erwähnen. Es ist dieser geschlossene Geist strengster Einheit und Disziplin, welcher in unserem Vereine herrscht! Auch in dieser Hinsicht, und in dieser Hinsicht vor allem, steht unser Verein epochemachend, und als eine ganz neue Erscheinung in der Geschichte, da! Dieser große Verein, sich erstreckend über fast alle deutschen Länder, regt sich und bewegt sich mit der geschlossenen Einheit eines Individuums! In den wenigsten Gemeinden bin ich persönlich bekannt oder jemals persönlich gewesen, und dennoch habe ich vom Rhein bis zur Nordsee, und von der Elbe bis zur Donau noch niemals ein ‚Nein’ gehört, und gleichwohl ist die Autorität, die ihr mir anvertraut habt, eine durchaus auf eurer fortgesetzten höchsten Freiwilligkeit beruhende!.. Wohin ich gekommen bin, überall habe ich von den Arbeitern Worte gehört, die sich in den Satz zusammenfassen: Wir müssen unserer aller Willen in einen einzigen Hammer zusammenschmieden und diesen Hammer in die Hände eines Mannes legen, zu dessen Intelligenz, Charakter und guten Willen wir das nötige Zutrauen haben, damit er aufschlagen könne mit dem Hammer!

Die beiden Gegensätze, die unsere Staatsmänner bisher für unvereinbar betrachteten, deren Vereinigung sie für den Stein der Weisen hielten, Freiheit und Autorität, – die höchsten Gegensätze, sie sind auf das innigste vereinigt in unserem Verein, welcher so nur das Vorbild im kleinen unserer nächsten Gesellschaftsform im großen darstellt. Nicht eine Spur ist in uns von jenem nörgelnden Geiste des Liberalismus, von jener Krankheit des individuellen Meinens und Besserwissen-Wollens, von welchem der Körper unserer Bourgeoisie durchfressen ist …”

Es liegt diesen Sätzen formell ein richtiger Gedanke zugrunde, der nämlich, daß in der modernen Gesellschaft die Arbeiter unter normalen Verhältnissen viel mehr als irgendeine andere Gesellschaftsklasse auf die gemeinsame Aktion angewiesen sind, und daß in der Tat schon die Existenzbedingungen des modernen industriellen Proletariers den Geist der Gemeinschaftlichkeit in ihm entwickeln, während umgekehrt der Bourgeois nur unter anormalen Verhältnissen, nicht aber durch die bloße Art seiner gesellschaftlichen Existenz, zur gemeinschaftlichen Aktion sich veranlaßt sieht. Dieser richtige Gedanke empfängt aber durch die obige Verallgemeinerung eine total falsche Deutung. Die Massenaktion heißt noch lange nicht die persönliche Diktatur; wo die Masse ihren Willen aus der Hand gibt, ist sie vielmehr bereits auf dem Wege, aus einem revolutionären ein reaktionärer Faktor zu werden. Die persönliche Diktatur ist in den Kämpfen der modernen Gesellschaft jedesmal der Rettungsanker der in ihrer Existenz sich bedroht sehenden reaktionären Klassen gewesen, niemand ist mehr geneigt, den „negativen, ätzenden Individualismus” aufzugeben, als der moderne Bourgeois, sobald sein Geldsack, sein Klassenprivilegium, ernsthaft gefährdet erscheint. In solchen Momenten wird das Schlagwort von der „einen reaktionären Masse” zur Wahrheit und blüht, sobald die Strömung sich verallgemeinert, der Bonapartismus. Die zur Selbstregierung sich unfähig fühlenden Klassen tun das, was Lassalle oben den Arbeitern unterstellt: sie treten ihren Willen an eine einzelne Persönlichkeit ab und verdammen jeden Versuch, etwaigen Sonderinteressen dieser Persönlichkeit entgegenzutreten, als „unruhigen, nörgelnden Individualismus”. So beschuldigte die deutsche Bourgeoisie in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts immer wieder gerade die Partei, die tatsächlich am konsequentesten deren Klassenforderungen vertritt – die deutschfreisinnige Partei – des Verrats an ihren Interessen, weil sie durch ihre „Nörgelei” die staatserhaltende Tätigkeit der Regierung beeinträchtige, und so griff im Jahre 1851 die französische Bourgeoisie ihre eigenen parlamentarischen Vertreter jedesmal, wenn diese daran gingen, dem Louis Bonaparte die Mittel zum Staatsstreich zu verweigern, solange als Unruhestifter, Anarchisten usw. an, bis Napoleon stark genug war, sich zum Diktator der Bourgeoisie aufzuwerfen, statt sich mit der Rolle des bloßen Hüters der Ruhe und Ordnung für die Bourgeoisie zu begnügen.

Eine aufsteigende, revolutionäre Klasse hat absolut keinen Anlaß, ihren Willen aus der Hand zu geben, auf das Recht der Kritik, auf das „Besserwissen-Wollen” ihren Führern gegenüber zu verzichten. Und wir haben bei der Solinger Affäre gesehen, daß, wie sehr auch Lassalle den Arbeitern gegenüber auf seine höhere Intelligenz pochte, er gerade aus den Reihen der Arbeiter heraus ein sehr deutliches und kräftiges „Nein” hatte hören müssen, und sicherlich nicht zum Schaden der Bewegung. Auch in Berlin hatte er bei einem bestimmten Anlaß ein ebensolches „Nein” gehört – er sprach, wenn er sich rühmte, in dem von ihm geleiteten Verein „Autorität und Freiheit” in der oben geschilderten Weise verwirklicht zu haben, mehr einen Wunsch, als eine bereits verwirklichte Tatsache aus.

Zur Ehre Lassalles muß gesagt werden, daß er von Anfang an die persönliche Spitze für unerläßlich gehalten hatte. Zu diesem bloßen Glauben kam nun jedoch das wirkliche Bedürfnis hinzu. Die Politik, die er jetzt eingeschlagen hatte, war nur durchzuführen, wenn die Mitglieder und Anhänger der Bewegung kritiklos dem Führer folgten und ohne Murren taten, was er von ihnen verlangte. Wie Lassalle selbst das Versprechen des Königs von Preußen gegenüber den schlesischen Webern in einer Weise behandelte, daß nur noch ein kleiner, ganz beiläufiger Vorbehalt den Demokraten – man möchte sagen, vor seinem Gewissen – salvierte, das übrige aber auf den reinen Cäsarismus hinauslief, so mußten auch sie bereit sein, auf Kommando das Loyalitätsmäntelchen umzuhängen. Wenn eines die Ronsdorfer Rede wenigstens menschlich zu entschuldigen vermag, so ist es die Tatsache, daß sie für Lassalle unter den gegebenen Verhältnissen eine Notwendigkeit war. Er brauchte die Diktatur, um die Arbeiter je nach Bedürfnis für seine jeweiligen Zwecke zur Verfügung zu haben, und er brauchte die Bestätigung der Diktatur, um nach oben hin als eine bündnisfähige Macht zu erscheinen. Die Rede war der notwendige Schritt auf der einmal betretenen Bahn – ein Halt war da nicht mehr möglich.

Lassalles letzte Schritte und Tod

Die ihr folgenden Schritte Lassalles, sowohl was die innere Vereinsleitung als auch was die geplante nächste äußere Aktion des Vereins anbetrifft, bewegten sich denn auch in der gleichen Richtung. Im Verein drang er auf die Ausstoßung Vahlteichs, der in bezug auf die Organisation in Gegensatz zu ihm getreten war, und er stellte dabei nicht nur die Kabinettsfrage: er oder ich, so daß den Vereinsmitgliedern kaum etwas anderes übrig blieb, als den Arbeiter Vahlteich dem Herrn Präsidenten aufzuopfern, er verfuhr auch sonst in dieser Angelegenheit höchst illoyal, indem er z. B. Anweisungen gab, sein gegen Vahlteich gerichtetes, sehr umfangreiches Anklageschreiben in solcher Weise zirkulieren zu lassen, daß Vahlteich selbst den Inhalt des Schreibens erst kennenlernen mußte, nachdem die übrigen Vorstandsmitglieder bereits gegen ihn beeinflußt waren.

Wie man nun auch über Vahlteichs Vorschläge zur Abänderung der Organisation denken mochte, die Art, wie Lassalle schon den Gedanken an eine Reformierung des Vereins quasi als Verrat an der Sache hinstellte, war um so weniger gerechtfertigt, als er, Lassalle, selbst bereits halb entschlossen war, den Verein fallen zu lassen, wenn sein letzter Versuch, „einen Druck auf die Ereignisse auszuüben”, mißglücken sollte.

Dieser Versuch oder „Coup”, wie Lassalle ihn selbst genannt, sollte in Hamburg in Szene gesetzt werden. Er betraf die Angelegenheit der soeben von Dänemark eroberten Herzogtümer Schleswig-Holstein.

Als im Winter 1863 der Tod des Königs von Dänemark die schleswig-holsteinische Frage in den Vordergrund gedrängt hatte, hatte Lassalle, der in jenem Moment bereits mit Bismarck in Unterhandlung stand und deshalb ein großes Interesse daran hatte, je nach derjenigen Politik, für die die preußische Regierung sich entschloß, den Verein Stellung nehmen zu lassen, bei dessen Mitgliedern gegen den „Schleswig-Holstein-Dusel” Stimmung gemacht35 und eine Resolution ausgearbeitet und überall annehmen lassen, in der erklärt wurde:

„Die einheitliche Gestaltung Deutschlands würde die schleswig-holsteinische Frage ganz von selbst erledigen. Dieser großen Aufgabe gegenüber erscheint die Frage, ob, solange in Deutschland 33 Fürsten bestehen, einer derselben ein ausländischer Fürst ist, von verhältnismäßig sehr untergeordnetem Interesse.”

Im übrigen enthält die Resolution nur mehr oder weniger allgemeine Wendungen; alle deutschen Regierungen seien verpflichtet, die Einverleibung der Herzogtümer in Deutschland „nötigenfalls mit Waffengewalt” durchzusetzen, aber das Volk wird aufgefordert, auf der Hut zu sein; es „lasse sich durch nichts von seinen gewaltigen zentralen Aufgaben abziehen”. Gegen die Fortschrittler und Nationalvereinler wird der Vorwurf erhoben, daß sie „Schleswig-Holstein als eine Gelegenheit benutzen zu wollen scheinen, um die Aufmerksamkeit von der inneren Lage abzulenken und der Lösung eines Konfliktes, dem sie nicht gewachsen sind, unter dem Schein des Patriotismus zu entfliehen”. Dies im Dezember 1863.

Jetzt waren die Herzogtümer erobert, und es handelte sich um die Frage, was mit ihnen geschehen solle. Ein großer Teil der Fortschrittler trat für die legitimen Ansprüche des Herzogs von Augustenburg ein, während man in maßgebenden Kreisen Preußens auf die Annexion der Herzogtümer in Preußen hinarbeitete. So wenig Interesse nun die demokratischen Parteien hatten, zu den vorhandenen 33 souveränen Fürsten in Deutschland noch einen 34sten zu schaffen, so hatten sie andrerseits auch keine Ursache, der zur Zeit reaktionärsten Regierung in Deutschland einen Machtzuwachs zuzusprechen. Lassalle aber hatte bereits so sehr sein politisches Taktgefühl verloren, daß er allen Ernstes beabsichtigte, in Hamburg eine große Volksversammlung abzuhalten und von dieser eine Resolution beschließen zu lassen, des Inhalts, daß Bismarck verpflichtet sei, die Herzogtümer gegen den Willen Österreichs und der übrigen deutschen Staaten an Preußen zu annektieren. Es braucht nicht durch Worte bezeichnet zu werden, welche Rolle Lassalle damit auf sich nahm und zu welcher Rolle er die sozialistisch gesinnten Arbeiter Hamburgs gebrauchen wollte, die ihm so warme Dankbarkeit und Verehrung entgegenbrachten. Indes ist es nicht zur Ausführung des Vorhabens gekommen, es blieb den Hamburger Arbeitern der Konflikt zwischen ihrer demokratischen Überzeugung und der vermeintlichen Pflicht gegen ihren Führer glücklicherweise erspart.

Lassalle war, nachdem er in Düsseldorf noch einen Prozeß ausgefochten, in die Schweiz gegangen. Er nahm zunächst Aufenthalt auf Rigi Kaltbad, und dort besuchte ihn gelegentlich eines Ausfluges Fräulein Helene von Dönniges, deren Bekanntschaft er im Winter 1861/62 in Berlin gemacht und der er, nach ihrer Darstellung, schon damals seine Hand angetragen hatte. Es entwickelte sich im Anschluß an den Besuch jene Liebesaffäre, deren Schlußresultat der frühzeitige Tod Lassalles war.

Die Einzelheiten der Lassalle-Dönniges-Affäre sind heute so bekannt und die für Lassalle bezeichnenderen Schritte desselben in dieser Affäre so über alle Zweifel sichergestellt, daß auf eine Wiedererzählung des ganzen Verlaufs der Sache hier verzichtet werden kann. Lassalle zeigte sich bei diesem Anlasse auch durchaus nicht in einem neuen Lichte; er entwickelte vielmehr nur Eigenschaften, die wir bereits bei ihm kennen gelernt haben – man kann sagen, daß die Dönniges-Affäre im kleinen und auf einem andern Gebiet lediglich ein Abbild der Lassalleschen Agitationsgeschichte darstellt. Lassalle glaubt in Helene von Dönniges das Weib seiner Wahl gefunden zu haben. Die einzige Schwierigkeit ist, das Jawort der Eltern zu erlangen. Aber Lassalle hegt nicht den mindesten Zweifel, daß es dem Einfluß seiner Persönlichkeit gelingen muß, diese Schwierigkeit zu überwinden. Selbstbewußt, und zugleich mit umsichtiger Berechnung aller in Betracht kommenden Momente, entwirft er seinen Operationsplan. Er wird kommen, die Zuneigung der Eltern erobern und ihnen die Einwilligung abringen, ehe sie noch recht wissen, was sie mit ihrer Genehmigung tun. Da stellt sich plötzlich ein kleines, unvorhergesehenes Hindernis in den Weg: durch eine Unvorsichtigkeit der jungen Dame erfahren die Eltern früher als sie sollen von der Verlobung und erklären, Lassalle unter keinen Umständen als Schwiegersohn annehmen zu wollen. Indes noch gibt Lassalle seinen Plan nicht auf, sein Triumph wird nur um so größer sein, je größer der Widerstand der Eltern. Von diesem Selbstbewußtsein getragen, begeht er einen Schritt, der die Situation so gestaltet, daß jede Hoffnung, auf dem geplanten Wege zum Ziele zu gelangen, ausgeschlossen ist, ja, der sogar das Mädchen selbst an ihm irre werden läßt. Indes, ist's nicht dieser Weg, so ist's ein anderer. Und ohne Rücksicht darauf, was er sich und seiner politischen Stellung schuldig ist, beginnt Lassalle einen Kampf, bei dem es für ihn nur einen Gesichtspunkt gibt: den Erfolg. Jedes Mittel ist recht, das Erfolg verspricht. Spione werden angestellt, die die Familie Dönniges beobachten und über jeden ihrer Schritte rapportieren müssen. Durch die Vermittlung Hans von Bülows wird Richard Wagner ersucht, den König von Bayern zu veranlassen, zugunsten Lassalles bei Herrn v. Dönniges zu intervenieren, während dem Bischof Ketteler von Mainz der Übertritt Lassalles zum Katholizismus angeboten wird, damit der Bischof seinen Einfluß zugunsten Lassalles geltend mache. Lassalle machte sich nicht die geringsten Gedanken darüber, wie wenig würdig es der geschichtlichen Mission war, die er übernommen hatte, bei einem Minister von Schrenk zu antichambrieren, damit dieser ihm zu seiner Geliebten verhelfe, noch kümmerte er sich darum, wie wenig er sich seines Vorbildes Hutten würdig erwies, wenn er bei einem eingefleischten Vertreter Roms um Hilfe zur Erlangung eines Weibes petitionierte. Hier, wo er hätte stolz sein dürfen, wo er stolz sein mußte, war er es nicht.

Trotzdem blieb der Erfolg aus. Der Bischof von Mainz konnte gar nichts tun, weil Helene von Dönniges protestantisch war, und der Vermittlungsversuch, den ein vom bayerischen Minister des Auswärtigen an den Schauplatz des Konfliktes entsandter Vertrauensmann unternahm, führte nur dahin, Lassalle den Beweis zu liefern, daß er durch die Art seines Vorgehens sich und das Weib, für das er kämpfte, in eine total falsche Position gebracht hatte. Obwohl er gewußt hatte, daß Helene jeder Willensenergie entbehrte und darin gerade einen Vorzug für sein zukünftiges Zusammenleben mit ihr erblickt hatte – „erhalten Sie mir Helene in den unterwürfigen Gesinnungen, in denen sie jetzt ist”, hatte er am 2. August an die Gräfin Hatzfeldt geschrieben – , hatte er ihr jetzt eine Rolle zugemutet, welche die höchste Willensstärke erforderte, und war empört darüber, daß das junge Mädchen sich ihr zu entziehen suchte. Getragen von seinem Selbstgefühl und gewohnt, die Dinge ausschließlich unter dem Gesichtswinkel seiner Stimmungen und Interessen zu betrachten, hatte er ganz außer Erwägung gelassen, daß gerade die unterwürfigsten Menschenkinder am leichtesten ihre Empfindungen ändern, und sah den „bodenlosen Verrat” und das „unerhörteste Spiel” einer „verworfenen Dirne”, wo weiter nichts vorlag, als die Unbeständigkeit eines verwöhnten Weltkindes.

Indes, er war nervös total heruntergekommen und besaß längst nicht mehr die Energie eines gesunden Willens. Das rasche Zugreifen zu Gewaltmitteln, das Bestreben, um jeder Kleinigkeit wegen Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, die Unfähigkeit, Widerspruch zu ertragen oder sich einen Wunsch zu versagen, sind nicht Beweise geistiger Kraft, sondern eines hochgradigen Schwächezustandes. Auch der schnelle Wechsel von Zornesausbrüchen und Tränen, der sich nach den übereinstimmenden Berichten der Augenzeugen bei Lassalle damals zeigte, deutet untrüglich auf ein stark zerrüttetes Nervensystem.

In dieser Verfassung war es ihm unmöglich, die erlittene Niederlage ruhig zu ertragen, und er suchte sich durch ein Duell Genugtuung zu verschaffen für die ihm nach seiner Ansicht angetane Schmach. So töricht das Duell an sich ist, so begreiflich war es unter den obwaltenden Verhältnissen. In den Gesellschaftskreisen, in denen die Affäre spielte, ist das Duell das reinigende Bad für allen Schmutz und allen Schimpf, und wenn Lassalle nicht die moralische Kraft besaß, sich im Kampf um irgendeine Sache auf solche Mittel zu beschränken, welche sich für den Vertreter der Partei der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft schicken, so war es auch nur konsequent, daß er für den vermeintlich erlittenen Schimpf sich in der Weise seiner Umgebung Genugtuung zu verschaffen suchte. Wer sich dem Bojaren Janko von Rakowitza im Duell gegenüberstellte, das war nicht der Sozialist Lassalle, sondern der verjunkerte Kaufmannssohn Lassalle, und wenn mit dem letzteren auch der erstere, der Sozialist, im Duell erschossen wurde, so sühnte er damit die Schuld, daß er jenem die Macht über sich eingeräumt hatte.

33.Der Aufsatz ist in unserer Gesamtausgabe der Lassalleschen Schriften dem für das große Publikum bestimmten Vorwort Lassalles zum Franz von Sickingen angefügt (vgl. Bd. I).
34.Die Stelle lautet: „Mit dem Trost einer möglichst baldigen gesetzlichen Regelung der Frage und dadurch Abhülfe ihrer Not entließen Seine Majestät die Deputation. Das königliche Versprechen wird erhebend und ermuthigend in allen Thälern des Riesengebirges widerhallen und vielen hundert duldenden redlichen Familien neue Hoffnung und neue Kraft zum muthigen Ausharren geben.”
35.In einen Brief Lassalles an den Vize-Präsidenten Dr. Dammer, an den Lassalle in der ersten Aufregung zwei sich durchaus widersprechende Telegramme gesandt, hatte es wörtlich geheißen: „Die erste Depesche … erließ ich sofort, weil mir der ganze Schleswig-Holstein-Dusel in vieler Hinsicht höchst unangenehm ist.” Der Widerspruch in den Telegrammen erklärt sich jetzt durch die widerspruchsvolle Situation, in die Lassalle geraten war. Er war, ohne es selbst zu wissen, nicht mehr frei.
Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 haziran 2017
Hacim:
271 s. 2 illüstrasyon
Telif hakkı:
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