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Kitabı oku: «Ferdinand Lassalle», sayfa 12

Bernstein Eduard
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Gewiß ist die Tatsache, daß die Presse heute ein Geldgeschäft ist, ein großer Übelstand, ein mächtiger Faktor der Korruption des öffentlichen Lebens. Dem ist aber, solange überhaupt das kapitalistische Privateigentum besteht, schwerlich abzuhelfen, – am allerwenigsten durch beschränkende Gesetze des selbst noch kapitalistisch geleiteten Staates. Soweit heute Abhilfe geschaffen werden kann, wird sie durch die Freiheit der Presse ermöglicht. Davon aber wollte die preußische Regierung nichts wissen, und Lassalle unterstützte ihren Widerstand noch, indem er zwar für volle Preßfreiheit eintrat, aber zugleich erklärte, daß diese ohnmächtig sein würde, das Wesen der Presse umzuwandeln, wenn nicht zugleich der Presse das Recht entzogen würde, Annoncen zu bringen. Mit letzterem würde die Presse nämlich aufhören, eine lukrative Geldspekulation zu sein, und würden wieder nur solche Männer Zeitungen schreiben, welche für das Wohl und das geistige Interesse des Volkes kämpfen.

Braucht es noch eines besonderen Nachweises, wie absolut wirkungslos dieses Mittel wäre? Lassalle hätte nur seine Blicke über den Grenzbereich des preußischen Staates hinaus nach England und Frankreich zu richten brauchen, um sich von der Verkehrtheit seiner Idee zu überzeugen. In England bildete und bildet heute noch das Annoncenwesen eine sehr wesentliche Einnahmequelle der Presse, während in Frankreich den Blättern die Aufnahme von Anzeigen zwar nicht direkt verboten, aber durch eine hohe Steuer fast unmöglich gemacht, auf ein Minimum reduziert war. War deshalb die französische Presse besser als die englische? Weniger im Dienst des Kapitalismus, weniger korrumpiert als jene? Mit nichten. Die Abwesenheit der Annoncen hatte es im Gegenteil dem Bonapartismus sehr wesentlich erleichtert, die Presse für seine Zwecke zu korrumpieren, und sie hatte anderseits die politische Presse Frankreichs nicht verhindert, der hohen Finanz in viel höherem Grade dienstbar zu sein, als es die politische Presse Englands war.

Immerhin berührte Lassalle in diesem Teil seiner Rede wenigstens eine Frage, die in der Tat ab ein wunder Punkt des modernen öffentlichen Lebens bezeichnet werden muß. War der Zeitpunkt auch schlecht gewählt, war das Heilmittel auch von problematischem Wert, an und für sich bleibt die Tatsache, daß die Presse, ob mit oder ohne Annoncen, immer mehr ein kapitalistisches Institut wird, ein Krebsschaden, auf den die Aufmerksamkeit der Arbeiterklasse gelenkt werden muß, soll sie sich vom Einfluß der Kapitalistenorgane befreien. Ganz und gar unzutreffend aber war, was Lassalle über die Feste sagt, welche die Fortschrittler 1863 Bismarck zum Trotz abhielten. Er wußte doch wohl, daß die Feste weiter nichts waren, als Agitationsversammlungen, als Demonstrationen gegen die Regierung, wie sie in Frankreich und England unter ähnlichen Verhältnissen auch veranstaltet worden waren. Wollte er sie kritisieren, so mußte er hervorheben, daß mit den Festen allein noch nichts getan war, daß, wenn es bei ihnen blieb, die Sache des Volks gegen die Regierung um keinen Schritt gefördert wurde. Statt dessen beschränkte er sich darauf, die Redensarten der Regierungspresse über die Feste zu wiederholen, den Hohn, unter dem diese ihren Ärger zu verbergen suchte, noch zu überbieten. Niemand, der die Geschichte der preußischen Verfassungskämpfe des Jahres 1863 genauer kennt, wird diese Stelle der Lassalleschen Rede lesen können, ohne sie zu mißbilligen.

Der dritte Teil der Rede, die Kritik des im Sommer 1863 zu Frankfurt a. M. zusammengetretenen Deutschen Abgeordnetentages, wäre berechtigt gewesen, wenn Lassalle sich nicht in demselben Augenblick, wo er den Fortschrittlern einen Vorwurf daraus machte, daß sie mit den deutschen Fürsten liebäugelten, um Herrn von Bismarck bangezumachen – wir haben gesehen, wie er ihnen im „Offenen Antwortschreiben” das „Dogma von der preußischen Spitze” vorgeworfen und Preußen als den reaktionärsten der deutschen Staaten hingestellt hatte – wenn Lassalle nicht in demselben Atemzuge seinerseits ein gleiches Spiel getrieben hätte, wie die Fortschrittler, nur daß er nach der andern Seite hin liebäugelte. Seine ganze Rede enthält keine Silbe gegen Bismarck und die preußische Regierung, wohl aber eine ganze Reihe direkter und indirekter Schmeicheleien an deren Adresse. Er läßt sie „mit dem ruhigen Lächeln tatsächlicher Verachtung” über die Beschlüsse der Kammer hinweggehen, und er stellt Bismarck das Zeugnis aus, er sei „ein Mann”, während die Fortschrittler alte Weiber seien. Noch ein Passus der Rede zeugt von der veränderten Frontrichtung Lassalles.

Der Führer des Nationalvereins, Herr von Bennigsen, hatte den Abgeordnetentag mit folgenden Worten geschlossen, und es ist ganz gut, wieder einmal daran zu erinnern: „Die Leidenschaft der Volkspartei und die Verstocktheit der Regierenden habe schon oft zu revolutionären Umwälzungen geführt. Aber das deutsche Volk sei nicht bloß einmütig, sondern auch so gemäßigt bei seinen Ansprüchen, daß die deutsche nationale Partei, die keine Revolution wolle und keine machen kann, keine Verantwortung dafür habe, wenn nach ihr eine Partei kommen sollte, welche, weil keine Reform mehr möglich, zu der Umwälzung greife.”

Für jeden, der lesen kann, ist diese Erklärung eine zwar recht lendenlahme Drohung, aber doch eine Drohung mit der Revolution. „Wir wollen keine Revolution, o Gott behüte, wir waschen unsere Hände in Unschuld, aber wenn ihr nicht nachgebt, dann wird sie doch kommen, und dann habt ihr es euch selbst zuzuschreiben.” Eine, wenn man wirklich die ganze Nation hinter sich hat, sehr feige Art zu drohen, aber leider zugleich auch sehr gebräuchliche Art zu drohen – so gebräuchlich, daß, wie gesagt, über den Sinn der Erklärung gar kein Mißverständnis möglich war. Was aber tut Lassalle? Er stellt sich, als ob er die Drohung nicht verstanden habe, und er stellt sich so, nicht etwa, um die Fortschrittler zu einer entschiedeneren Sprache herauszufordern, sondern um ihnen zu drohen für den Fall, daß es zu einer Revolution oder einem Staatsstreich kommen sollte. Er zitiert den obigen Ausspruch des Herrn von Bennigsen und läßt ihm das nachstehende Pronunziamento folgen: „Erheben wir also unsere Arme und verpflichten wir uns, wenn jemals dieser Umschwung, sei es auf diesem, sei es auf jenem Wege käme, es den Fortschrittlern und Nationalvereinlern gedenken zu wollen, daß sie bis zum letzten Augenblicke erklärt haben: sie wollen keine Revolution! Verpflichtet euch dazu, hebt eure Hände empor.”

Und „die ganze Versammlung erhebt in großer Aufregung ihre Hände”, heißt es in dem, von Lassalle selbst redigierten Bericht über die Rede.

Was sollte diese Drohung, dieses „Gedenken” bedeuten? Es war kaum eine andre Auslegung möglich, ab daß man die Fortschrittler, wenn nicht direkt angreifen, so doch im Stich lassen wollte, wenn es „auf diesem oder jenem Wege” zum gewaltsamen Zusammenstoß kommen sollte. Eine solche Drohung in diesem Moment konnte aber nur die eine Wirkung haben, die Fortschrittler, statt sie vorwärtszutreiben, erst recht kopfscheu zu machen.

In einer der Versammlungen, in Solingen, kam es zu blutigen Konflikten. Eine Anzahl Fortschrittler, die versucht hatten, Lassalle zu unterbrechen, wurden von exaltierten Anhängern desselben mit Messerstichen bedacht. Auf Grund dieser Vorkommnisse löste der Bürgermeister eine halbe Stunde später die Versammlung auf, worauf Lassalle, gefolgt von einer, ein Hoch über das andere ausbringenden Menge zum Telegraphenbureau eilte und das bekannte Telegramm an Bismarck aufgab, das mit den Worten beginnt: „Fortschrittlicher Bürgermeister hat soeben an der Spitze von zehn mit Bajonettgewehren bewaffneten Gendarmen und mehreren Polizisten mit gezogenem Säbel von mir einberufene Arbeiterversammlung ohne jeden gesetzlichen Grund aufgelöst”, und mit der „Bitte um strengste, schleunigste, gesetzliche Genugtuung” schloß.

Auch wenn man alles in Betracht zieht, was zu Lassalles Entschuldigung angeführt werden kann: seine Erbitterung über die ihm von seiten der Fortschrittler widerfahrenen Angriffe, seine Enttäuschung über die verhältnismäßig geringen Erfolge seiner Agitation, seinen tiefen Widerwillen gegen die feige Taktik der Fortschrittler, seine einseitige, aber doch aufrichtige Gegnerschaft gegen die liberale Wirtschaftslehre – kurz, wenn man sich noch so sehr in seine damalige Lage hineindenkt, so geht doch aus diesem Telegramm, in Verbindung mit der vorstehend geschilderten Rede, eines unbestreitbar hervor – daß Lassalle, als er nach Deutschland zurückkam, bereits seinen inneren Halt – wenn ich mich so ausdrücken darf: seinen Standpunkt verloren hatte. Ein solches Telegramm hätte man keinem Konservativen verziehen, geschweige denn einem Mann, der sich mit Stolz einen Revolutionär genannt, und der seiner inneren Überzeugung nach sicherlich sich noch für einen solchen hielt. Wenn nicht andre Erwägungen, so hätte das einfachste Taktgefühl Lassalle verbieten müssen, sich zu einem Appell an die Staatsgewalt herbeizulassen, der mit einer politischen Denunziation begann.

Und wenn man selbst dieses Telegramm noch mit der durch die Auflösung der Versammlung hervorgerufenen Erregung entschuldigen könnte, so folgten ihm bald andre, bei kältester Überlegung unternommene Schritte, die ebenfalls den politischen Grundsätzen, als deren Vertreter Lassalle auftrat, schnurstracks entgegenstanden. Hier nur ein Beispiel, das zudem in enger Verbindung mit den vorerwähnten Vorkommnissen steht.

Einige Arbeiter, die in der Solinger Versammlung vom Messer Gebrauch gemacht haben sollten, waren im Frühjahr 1864 zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Und da war es Lassalle, der allen Ernstes und wiederholt den Vorschlag machte, die Verurteilten sollten, unterstützt durch eine allgemeine Arbeiteradresse, ein Gnadengesuch an den König von Preußen richten. Man denke, Lassalle, der noch einige Jahre zuvor geschrieben hatte (vgl. S. 88 dieser Schrift), er habe zu seinem Leidwesen erst in Berlin gesehen, „wie wenig entmonarchisiert” das Volk in Preußen sei, Lassalle, der in Frankfurt am Main ausgerufen hatte: „Ich habe keine Lust und keinen Beruf, zu andern zu sprechen, als zu Demokraten”, er, der als Führer der neuen Bewegung doch vor allem die Pflicht hatte, seinen Anhängern das Beispiel demokratischen Stolzes zu geben, ermuntert sie, vom König von Preußen Begnadigung zu erbetteln. Indes, die Arbeiter zeigten sich hier taktfester als ihr Führer. Am 20. April 1864 meldet der Solinger Bevollmächtigte Klings, daß gegen Lassalles Vorschlag allgemeine Abneigung herrsche. Sämtliche Hauptmitglieder des Vereins hätten sich dagegen ausgesprochen. „Die beiden von hier Verurteilten gehören zu der entschiedensten Arbeiterpartei und würden, selbst wenn es vier Jahre wären, nicht zu bewegen sein, ein Gnadengesuch einzureichen, weil es ihren Gesinnungen widerstreitet, Sr. Majestät verpflichtet zu sein.”

Dieser Widerstand erweckte das demokratische Gewissen Lassalles, und er schrieb an Klings, die Weigerung der Leute erfülle ihn mit großem Stolz. Aber den Gedanken der Adresse an den König gab er noch immer nicht auf, sondern suchte nachzuweisen, daß diese auch ohne das Gnadengesuch der Verurteilten von großem Nutzen sein könne. Es kann, heißt es wörtlich, „vielleicht auch noch folgender Nutzen eintreten, daß, wenn die Adresse von mehreren tausend Arbeitern unterschrieben ist, man diesem Schritte oben eine – für uns ganz unverbindliche – Auslegung gibt, durch welche man sich um so mehr ermutigt fühlt, bei kommender Gelegenheit an die Oktroyierung des allgemeinen und direkten Wahlrechts zu gehen: ein Schritt, den man, wie Ihnen der beigefügte Leitartikel der ministeriellen Zeitung (die damals veröffentlichte Sternzeitung) zeigt, oben jetzt gerade wieder hin und her überlegt”. Indes auch diese Perspektive vermochte die Solinger nicht von der Richtigkeit des empfohlenen Schrittes zu überzeugen, und so blieb der Bewegung diese Bloßstellung erspart.

Als Lassalle anfangs Oktober 1863 nach Berlin zurückkehrte, ging er zunächst mit allem Eifer daran, die Hauptstadt für seine Sache zu erobern. Er verfaßte einen Aufruf „An die Arbeiter Berlins”, ließ ihn in 16000 Exemplaren abziehen und einen Teil davon unentgeltlich unter den Arbeitern Berlins verbreiten. Obwohl der Aufruf sehr wirksam geschrieben ist und namentlich geschickt an die entstellten Berichte der Berliner fortschrittlichen Presse („Volkszeitung” und „Reform”) über die rheinischen Versammlungen anknüpft, war der Erfolg doch zunächst ein sehr bescheidener. Die ersten Versammlungen Lassalles in Berlin fanden in kleineren Sälen statt und gaben zu allerhand Gespött Anlaß, und als in der ersten größeren Versammlung Lassalle auf Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft verhaftet wurde, klatschten fanatisierte Arbeiter sogar dazu Beifall. Die Mehrheit der Personen, die sich als Neugierige oder unter dem Eindruck der Vorträge Lassalles in die Listen hatten einzeichnen lassen, fielen bald wieder ab, so daß der Verein, der Anfang Dezember 1863 es bis auf über 200 Mitglieder in Berlin gebracht hatte, im Februar 1864 kaum noch drei Dutzend Mitglieder zählte, wovon obendrein ein großer Teil Nichtarbeiter waren.

Neben der Agitation beschäftigten Lassalle auch sehr stark seine Prozesse und sonstigen Kämpfe mit den Behörden. Denn so angenehm dem Ministerium Bismarck auch seine Agitation war, soweit diese sich gegen die Fortschrittspartei kehrte, so wußte es doch sehr gut, daß es in Lassalle keinen Helfer hatte, der sich als willfähriges Werkzeug gebrauchen ließ. Es konnte ihm also nur angenehm sein, wenn die unteren Behörden fortfuhren, Lassalle mit Prozessen usw. zu überschütten. Dadurch kam es in die Lage, entweder zur rechten Zeit einen unbequemen Dränger loszuwerden oder vielleicht gar ihn doch „mürbe” zu bekommen. Wie dem jedoch sei, die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf ließ die Rede „Die Feste, die Presse usw.” konfiszieren und erhob gegen Lassalle Anklage auf Verletzung der §§ 100, 101 des Preußischen Strafgesetzbuches (Aufreizung und Verbreitung erdichteter Tatsachen behufs Herabsetzung von Anordnungen der Obrigkeit). Der Prozeß verursachte Lassalle unendlich viel Scherereien und endete, nachdem Lassalle in erster Instanz in contumaciam zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war, mit seiner Verurteilung in zweiter Instanz zu sechs Monaten Gefängnis. Wegen der Flugschrift „An die Arbeiter Berlins” erhob die Staatsanwaltschaft in Berlin Anklage wegen Hochverrats gegen Lassalle und ließ auch, wie bereits erwähnt, Lassalle in Untersuchungshaft nehmen, aus der er jedoch gegen Kaution freigelassen wurde. Beides, Anklage wie Verhaftsbefehl, mochten indes der persönlichen Rachsucht des Staatsanwalts von Schelling entflossen sein, den Lassalle ein Jahr vorher in seiner Verteidigung vor dem Stadtgericht so bös zerzaust hatte. In der Gerichtsverhandlung, die am 12. März 1864 vor dem Staatsgerichtshof in Berlin stattfand, beantragte der Staatsanwalt nicht weniger als drei Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Polizeiaufsicht gegen Lassalle; das Gericht erkannte jedoch, soweit die Anklage auf Hochverrat lautete, auf Freisprechung und überwies die Behandlung der untergeordneteren, von der Staatsanwaltschaft behaupteten Verstöße gegen das Strafgesetz der zuständigen Gerichtsabteilung.

Die Verteidigungsrede in diesem Prozeß ist ein wichtiges Dokument für die Geschichte der Lassalleschen Agitation. Bevor wir jedoch auf sie eingehen, haben wir noch der großen sozialpolitischen Arbeit Lassalles zu erwähnen, die Ende Januar 1864 die Presse verließ und als sein propagandistisches Hauptwerk bezeichnet werden muß. Es ist dies die Streitschrift „Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian, oder Kapital und Arbeit”.

Es wurde gelegentlich bereits der Vorträge erwähnt, die Schulze-Delitzsch im Frühjahr 1863 im Berliner Arbeiterverein hielt und unter dem Titel „Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus” als Gegenschrift gegen die Lassallesche Agitation veröffentlichte. Diese, aus den plattesten Gemeinplätzen der liberalen Ökonomie zusammengesetzten Vorträge nun boten Lassalle eine willkommene Handhabe, den auf der Höhe seines Ruhms stehenden Schulze und mit ihm die Partei, die in ihm ihren ökonomischen Heros verehrte, jetzt auch theoretisch zu vernichten. Berücksichtigt man, daß Lassalle zu systematischen ökonomischen Arbeiten nicht gekommen war, sondern gerade in dem Moment, wo er sich an die Vorarbeiten zu seinem ökonomischen Werk machen wollte, durch die praktische Agitation davon abgelenkt wurde, und zieht man außerdem in Betracht, daß Lassalle, während er den „Bastiat-Schulze” schrieb, durch seine Prozesse und die Arbeiten für die Leitung des Vereins fortgesetzt in Anspruch genommen war, so kann man nicht umhin, in diesem Buch einen neuen Beweis für das außergewöhnliche Talent, die staunenswerte Vielseitigkeit und Elastizität des Lassalleschen Geistes zu erblicken. Freilich trägt der „Bastiat-Schulze” daneben auch aufs deutlichste die Spuren seines Entstehens. So sehr die Form der Polemik der Popularität der Schrift zugute kommt, sind die Umstände, unter denen diese Polemik erfolgte, die hochgradige Gereiztheit Lassalles, die um so größer war, als Lassalle wohl selbst fühlte, daß er immer mehr in eine falsche Position geriet – die Enttäuschung einerseits, und das Bestreben, sich über diese Enttäuschung selbst hinwegzutäuschen, andererseits, dem Ton der Polemik sehr verhängnisvoll gewesen. Aber auch inhaltlich ist sie keineswegs immer auf der Höhe des Gegenstandes, sondern verliert sich oft in kleinliche Wortklauberei, die obendrein nicht einmal immer in der Sache zutrifft31. Dazu ist der sachliche und theoretische Teil, so brillant die Einzelheiten vielfach sind, nicht frei von Widersprüchen. Als Ganzes genommen hat der „Bastiat-Schulze” jedoch das große Verdienst, den historischen Sinn und das Verständnis für die tieferen Probleme der Ökonomie unter den deutschen Arbeitern in hohem Grade gefördert zu haben. Stellenweise erhebt sich die Darstellung auf die Höhe des Besten, was Lassalle je geschrieben hat, an diesen Stellen leuchtet sein Genius noch einmal in seinem hellsten Glanze auf.

Lassalle und Bismarck

Was Lassalle nach dem „Bastiat-Schulze” gesprochen und geschrieben hat, trägt immer deutlicher die Züge der inneren Ermattung, der geistigen Abspannung. Die Energie ist nicht mehr die ursprüngliche, das natürliche Produkt des Glaubens an die eigene Kraft und die Stärke der verfochtenen Sache, sondern nur noch eine erzwungene. Man vergleiche das „Arbeiterprogramm” mit der Ronsdorfer Rede, die Verteidigungsrede „Die Wissenschaft und die Arbeiter” mit der Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß, und man wird das hier Gesagte verstehen. Die innere Kraft ist gewichen und Kraftausdrücke treten an ihre Stelle, logisches Blendwerk ersetzt die zwingende logische Beweisführung, und statt zu überzeugen, verlegt sich Lassalle immer mehr auf das Überschreien. Was er vor kurzem noch den Fortschrittlern vorgeworfen, tut er jetzt selbst – er berauscht sich in erdichteten Erfolgen.

Im Hochverratsprozeß braucht Lassalle zu seiner Verteidigung gegen die Behauptung der Anklage, daß der Hintergedanke seiner Agitation die schließliche Anwendung der physischen Gewalt sei, mit großem Geschick das Bild des Schillerschen Wallenstein am Vorabend von dessen Übertritt zu den Schweden und zitiert die Verse des Monologs im ersten Akt von „Wallensteins Tod”:

„Wär's möglich? – könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte?

Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt?”

Es ist merkwürdig, wie sehr diese Verse auf Lassalles eigene Situation um jene Zeit passen, wie sehr seine Lage der Wallensteins, als dieser jene Worte sprach, ähnlich war. Auch er hatte, wie der Friedländer – um sein eigenes Bild zu brauchen – „Dinge getan, welche er à deux mains verwenden konnte”. Er hatte sich nicht damit begnügt, die Vorgänge in der inneren und äußeren Politik objektiv zu studieren, um den günstigen Moment zur Aktion für seine Pläne auszunützen, er war bereits dazu übergegangen, mit dem Vertreter der einen der Mächte, gegen die er kämpfte, zu verhandeln, er war mit Herrn von Bismarck in direkte Unterhandlung getreten. Sicherlich konnte auch er noch wie Wallenstein sagen:

„Noch ist sie rein – noch! das Verbrechen kam

Nicht über diese Schwelle noch!”

Noch war er keine Verpflichtungen eingegangen. Aber war er auch innerlich noch frei? Konnte nicht auch ihn die Logik der Tatsachen dazu treiben, die „Tat” zu vollbringen, weil er „nicht die Versuchung von sich wies”?

Daß Lassalle im Winter 1863/64 wiederholte und eingehende Besprechungen unter vier Augen mit dem damaligen Herrn von Bismarck hatte, ist heute über jeden Zweifel sichergestellt. Die langjährige Vertraute Lassalles, die Gräfin Sophie von Hatzfeldt, hat es im Sommer 1878, als Bismarck sein Knebelungsgesetz gegen die deutsche Sozialdemokratie einbrachte, aus eigner Initiative Vertretern derselben unter Hinzufügung der näheren Umstände mitgeteilt, und als August Bebel in der schon erwähnten Sitzung vom 16. September 1878 die Sache im deutschen Reichstag zur Sprache brachte, gab Bismarck tags darauf zu, Zusammenkünfte mit Lassalle gehabt zu haben, und suchte nur in Abrede zu stellen, daß es sich dabei um politische Verhandlungen gedreht habe. Bebel hatte, gestützt auf die Mitteilungen der Gräfin Hatzfeldt, gesagt: „Es drehte sich bei diesen Unterhaltungen und Unterhandlungen um zweierlei, erstens um Oktroyierung des allgemeinen Stimmrechts, und zweitens um die Gewährung von Staatsmitteln zu Produktivgenossenschaften. Fürst Bismarck war für diesen Plan von Lassalle vollständig gewonnen, er weigerte sich nur, wie Lassalle verlangte, sofort mit der Oktroyierung des allgemeinen Stimmrechts vorzugehen, bevor nicht der schleswig-holsteinische Krieg glücklich zu Ende geführt worden sei. Infolge dieser Meinungsverschiedenheit entstanden tiefe Differenzen zwischen Lassalle und dem Fürsten Bismarck, und es war nicht etwa der letztere, welcher die Unterhandlungen abbrach, sondern es war, wie ich ausdrücklich konstatieren muß, Lassalle, der den Bruch herbeiführte und erklärte, auf weitere Unterhandlungen sich nicht einlassen zu können.” Darauf antwortete nun Bismarck: „Unsre Unterhaltungen drehten sich gewiß auch um das allgemeine Wahlrecht, unter keinen Umständen aber jemals um eine Oktroyierung desselben. Auf einen so ungeheuerlichen Gedanken, das allgemeine Wahlrecht durch Oktroyierung einzuführen, bin ich in meinem Leben nicht gekommen.” Er habe es „mit einem gewissen Widerstreben”, als „Frankfurter Tradition” akzeptiert. Was die Produktivgenossenschaften anbetreffe, so sei er „von deren Unzweckmäßigkeit noch heute nicht überzeugt”. Nur hätten die damals eingetretenen politischen Ereignisse die Fortführung der in dieser Hinsicht angebahnten Versuche nicht gestattet. Übrigens habe nicht er, sondern Lassalle diese Zusammenkünfte gewünscht, ihn brieflich darum gebeten, und er, Bismarck, habe sich aus reiner Liebhaberei dazu herbeigelassen, Lassalles Wünschen zu willfahren. „Was hätte mir Lassalle bieten und geben können? Er hatte nichts hinter sich. In allen politischen Verhandlungen ist das do ut des (ich gebe, damit du gibst) eine Sache, die im Hintergrunde steht, auch wenn man anstandshalber nicht davon spricht. Wenn man sich aber sagen muß, was kannst du armer Teufel geben? – Er hatte nichts, was er mir als Minister hätte geben können.”

Es liegt auf der Hand, daß der Mann, der „offiziell noch nie gelogen” hat, hier mit der Wahrheit sehr unoffiziell umsprang. Um einer bloßen Unterhaltung willen wäre Lassalle nicht zum Minister gegangen, und würde dieser nicht den „revolutionären Juden” wiederholt – er selbst gesteht, daß es viermal gewesen sein könne, während Sophie Hatzfeldt behauptet hatte, daß es wiederholt drei- bis viermal in einer Woche gewesen sei – zu sich gebeten und mit ihm stundenlang disputiert haben. Weiter braucht man nur die Reden der Regierungsvertreter in der Kammer und die Artikel in der Regierungspresse aus jener Epoche nachzulesen, um sich zu überzeugen, wie stark sich das Ministerium Bismarck damals mit dem Gedanken trug, das allgemeine Wahlrecht einzuführen, und dazu gab es unter den obwaltenden Umständen kaum einen anderen Weg, als den der Oktroyierung. Lassalle selbst zitiert in der Verteidigungsrede vor dem Staatsgerichtshof einige derartige Äußerungen und knüpft daran im weiteren Verlauf die bekannten Erklärungen, die nun erst, nachdem seine Zusammenkünfte mit Bismarck bekannt geworden, richtig gewürdigt werden können:

„Der Staatsanwalt beschuldigt mich, das allgemeine und direkte Wahlrecht herstellen und somit die Verfassung stürzen zu wollen!

Nun wohl, meine Herren, obwohl ein einfacher Privatmann, kann ich Ihnen sagen: ich will nicht nur die Verfassung stürzen, sondern es vergeht vielleicht nicht mehr als ein Jahr, so habe ich sie gestürzt!

Aber wie? Ohne daß ein Tropfen Blutes geflossen, ohne daß eine Faust zur Gewalt sich geballt hat! Es vergeht vielleicht nicht ein Jahr mehr, so ist in der friedlichsten Weise von der Welt das allgemeine und direkte Wahlrecht oktroyiert.

Die starken Spiele, meine Herren, können gespielt werden, Karten auf dem Tisch! Es ist die stärkste Diplomatie, welche ihre Berechnungen mit keiner Heimlichkeit zu umgeben braucht, weil sie auf erzene Notwendigkeit gegründet sind.

Und so verkündige ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird vielleicht kein Jahr mehr vergehen – und Herr von Bismarck hat die Rolle Robert Peels gespielt, und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist oktroyiert!”

Lassalle sagt freilich hierzu, er habe das von Anfang an gewußt, „schon an dem ersten Tage, an welchem ich durch den Erlaß meines Antwortschreibens diese Agitation begann, und es konnte niemand entgehen, der mit klarem Blick die Situation auffaßte”. Aber wenn es auch zweifelsohne richtig ist, daß man schon im Winter 1862/63 in Regierungskreisen die Frage in Betracht zog, ob es möglich sei, durch eine Änderung des Wahlgesetzes die fortschrittliche Kammermehrheit zu sprengen, und zu diesem Behufe in sozialer Frage zu machen begann32, so würde Lassalle doch schwerlich mit dieser Bestimmtheit von einer bevorstehenden Oktroyierung des allgemeinen Wahlrechts gesprochen haben und immer wieder darauf zurückgekommen sein, wenn er nicht aus seinen Unterhaltungen mit Bismarck die Überzeugung gewonnen hätte, daß, ob nun vor oder nach Beendigung des dänischen Feldzuges, diese Oktroyierung beschlossene Sache sei.

Mehr glaubwürdig ist es dagegen, wenn Bismarck bestreitet, daß es zwischen ihm und Lassalle zu einem Bruch gekommen sei. Die Verhandlungen schliefen ein, als Lassalle sich nach vielem Drängen überzeugt hatte, daß Bismarck noch abwarten wollte, ehe er den immerhin gewagten Schritt unternahm – und darum spricht Lassalle auch immer nur von einer möglicherweise binnen Jahresfrist erfolgenden Oktroyierung. Aber daß die Verbindung noch nicht endgültig abgebrochen war, geht schon daraus hervor, daß Lassalle fortfuhr, von allen seinen Veröffentlichungen usw. durch das Sekretariat des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins” ein Doppelexemplar in verschlossenem Kuvert und mit der Aufschrift „persönlich” an Bismarck übersenden zu lassen.

Ebenso kann man Bismarck auch glauben, daß seine Verhandlungen mit Lassalle wegen des „do ut des” zu keinen bestimmten Abmachungen führen konnten. Zwar stand die Sache nicht so, wie Bismarck sie nachträglich protzenhaft mit der Phrase abtut: „Was kannst du armer Teufel geben? Er hatte nichts, was er mir als Minister hätte geben können.” Bismarck hatte es zu jener Zeit gar nicht so üppig, daß er nicht jede Hilfe brauchen konnte, und etwas konnte Lassalle ihm immerhin geben. Die Sache war nur die, daß es nicht genug war, um Bismarck zu bestimmen Lassalles Drängen nachzugeben. Vielleicht ist das auch mit einer der Gründe, daß Lassalle, der noch am 25. Juli 1863 an Vahlteich geschrieben hatte: „Sie können unsre Bevollmächtigten keine Unwahrheiten sagen lassen. Sie können sie also nicht auffordern, von 10000 Mitgliedern zu sprechen, während wir vielleicht nicht 1000 haben. Man kann schweigen über diesen Punkt, aber lügen schickt sich für uns nicht” – nach seiner Rückkehr nach Berlin in geradezu krankhafter Weise seine Erfolge übertrieb. Er wollte um jeden Preis eine Macht scheinen, wenn es ihm nicht gelang, mit wirklichen Massen aufzumarschieren. Aber Bismarck war durch andre Berichterstatter wahrscheinlich hinreichend darüber informiert, wie es in Wirklichkeit mit der Bewegung stand.

Und dann hatte es mit dem „Geben” auch sonst seine eigne Bewandtnis. Bismarck war sich schwerlich auch nur einen Augenblick im unklaren darüber, daß er an Lassalle nur so lange und nur insoweit einen politischen Verbündeten haben würde, solange dieses Bündnis im Interesse Lassalles und seiner politischen Zwecke lag – mit andern Worten, daß Lassalle genau so mit ihm verfahren würde, wie er mit ihm, d. h. sich unbarmherzig gegen ihn wenden würde, sobald er das von ihm erreicht hatte, was er brauchte. Davon mußte ihn die erste Unterredung mit Lassalle überzeugt haben, daß dieser nicht, wie Rodbertus einmal sehr gut von Bucher sagt, „ein Fisch ohne Gräten” war, sondern ganz gehörige Gräten und Stacheln hatte. Mit der Aussicht auf ein Pöstchen – von Geld gar nicht zu reden – war da nichts zu machen. Einmal das Wahlrecht gegeben, konnte Lassalle leicht sehr unbequem werden, also warum sich übereilen? Die Agitation Lassalles kehrte ihre Spitze ohnehin immer schroffer und einseitiger gegen die liberale Partei, und das war vorderhand alles, was Bismarck brauchte.

In seiner Verteidigungsrede „Die Wissenschaft und die Arbeiter”, gehalten am 16. Januar 1863, hatte Lassalle erklärt:

„Kann man bei uns selbst nur sagen, daß die Einführung des Dreiklassenwahlgesetzes den besitzenden Klassen, daß sie dem deutschen Bürgertum zur Last falle?.. Die preußische Regierung ist es, nicht die besitzenden Klassen in Preußen, welche für alle Zeiten und vor allem Volk die Schuld und Verantwortlichkeit des oktroyierten Dreiklassenwahlgesetzes tragen wird.” Und: „Bourgeoisie und Arbeiter sind wir die Glieder eines Volkes und ganz einig gegen unsre Unterdrücker” – d. h. also gegen die Regierung.

31.So ist z. B. gleich der erste Einwurf Lassalles gegen Schulze-Delitzsch, „Bedürfnis” und „Trieb nach Befriedigung” seien „nur zwei verschiedene Wortbezeichnungen für dieselbe Sache” falsch. Beides fällt in der Regel zusammen, ist aber keineswegs dasselbe. Einige Seiten darauf macht sich Lassalle darüber lustig, daß Schulze-Delitzsch den Unterschied zwischen menschlicher und tierischer Arbeit darin erblicke, daß die erstere Arbeit für künftige Bedürfnisse sei, verfällt aber seinerseits in den noch größeren Fehler, diesen Unterschied einfach darin zu sehen, daß der Mensch mit Bewußtsein, das Tier ohne solches tätig sei. Und ähnlich an anderen Stellen.
32.Es sei hier noch einmal an das Auftreten Eichlers erinnert. Ferner ist interessant folgende Stelle aus dem Schlußwort einer Ansprache des Herrn Herm. Wagener, Vertrauten des Herrn von Bismarck und tonangebenden Leiter der „Kreuz-Zeitung”, in einer Sitzung des konservativen preußischen Volksvereins vom 2. November 1862: „Meine Herren, täuschen wir uns nicht, lernen wir von unsern Gegnern, denn sie sagen mit Recht, wenn es Euch nicht gelingt, die soziale Frage zu lösen, so ist all Euer Laufen und Mühen umsonst. Ich schließe deshalb mit der Aufforderung, treiben wir das, was wir als die Aufgaben und Bedürfnisse der nächsten Zukunft erkennen, treiben wir das mit noch mehr Energie, treiben wir es nicht bloß für die Zeit der Wahlen.”
Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 haziran 2017
Hacim:
271 s. 2 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain