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Kitabı oku: «Der Held von Garika», sayfa 11

Adolf Mützelburg
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II. Die Brüder

Um die vorhergehende Szene zu verstehen, ist es nötig, einen Blick auf die Schicksale und Pläne Georges zu werfen und zu erfahren, dass es kein Zufall, kein Missverständnis war, das David dem Major entgegenführte.

George verließ die genesende Miss Mary, ihren Vater und Wiedenburg im Monat April. Ob er gern ging, ob er, der Leidenschaftliche und oft Eifersüchtige, dessen Zuneigung zu Mary noch gewachsen war, als er ihren Tod befürchten wusste, ob er sie gern in der Nähe Wiedenburgs zurückließ, das wusste er wohl nur allein zu sagen. Denn er musste seine Liebe in sein Inneres verschließen. Es gab für ihn während der Krankheit Marys begreiflicherweise weder eine Gelegenheit, noch auch später während ihrer Genesung eine Anregung, diese Liebe zu offenbaren. Auch mochte er in der Nähe des ruhigen, besonnenen und mehr gereiften Wiedenburg fühlen, dass er noch zu wenig getan habe, zu wenig Mann sei, um den Versuch machen zu dürfen, einen so kostbaren Schatz zu erringen. Jedenfalls war es keine Zeit zur Liebeswerbung. Ihn rief die Pflicht, für ihn die heiligste, die Pflicht, sein Vaterland zu befreien.

In Urmiah, der Stadt, in welcher die Flüchtlinge mit ihrer Kranken eine gastliche Aufnahme gefunden, waren die amerikanischen Missionäre ziemlich genau von allem unterrichtet, was in der Nähe und Ferne vorging. Man kannte die Bewegungen der Truppen; man berechnete, wie gefährlich der Krieg für Russland werden könne, wenn England und Frankreich sich ernstlich an demselben beteiligten und alle alten Feinde des Zarenreichs sich erhöben. George schwelgte in Hoffnungen und Träumen, und da die Genesung Marys nur sehr langsam vor sich ging und Mr. Hywell über den Weg, den er später einzuschlagen hätte, noch nicht mit sich einig war, so hielt es George für unvereinbar mit seiner Pflicht, noch länger in Urmiah zu weilen.

Wieder von Johnny begleitet, mit allem, was er bedurfte, auch mit barem Geld gut versehen, brach er nach dem Norden auf.

Vielleicht schlummerte in seinem Herzen die Hoffnung, dass er in wenigen Wochen, wenn Mary mit ihren Begleitern die Rückreise antrat, bereits an der Spitze eines Volksstammes stehen, von ihm als Herrscher anerkannt sein werde, und dass er sich Mary in dem vollen Glanze seiner neuen oder vielmehr der alten, neu auflebenden Herrlichkeit werde zeigen können. Es war nicht Eitelkeit, die ihn so denken ließ. Die Liebe hebt jede edle Natur über sich hinaus; man möchte sich der Geliebten so groß, so edel, so glänzend zeigen als nur möglich. Wie viele der besten Herzen zu allen Zeiten glühten zugleich von Vaterlandsliebe und von der flammenden Sehnsucht, der Geliebten die Kränze eines glorreichen Siegs zu Füßen zu legen!

George ritt zuerst in das türkische Lager an der russischen Grenze und besprach sich mit einigen Führern.

Man war dort infolge einiger kleinen Siege fast trunken von Siegeshoffnung, und Georges Begeisterung entflammte sich zum Rausch, als er die zahlreichen Kriegsscharen sah und die kühnen Versprechungen der Führer vernahm. Schwierig erschien es nur, das Vaterland selbst zu betreten. Eine Truppenschar wollte man ihm nicht anvertrauen, und Garika lag auch zu tief im Innern, als dass man hätte hoffen können, es ohne heiße Kämpfe zu erreichen. Über Daniel Garika wusste man nichts, als dass er sich bis jetzt unempfänglich für die einzelnen Lockungen gezeigt habe, die man ihm zugesendet. Es wäre also ein verzweifeltes Wagstück von Seiten Georges gewesen, sich seinem Bruder ohne weiteres anzuvertrauen. Er konnte selbst im bestens Fall erwarten, mit einem gewissen Misstrauen empfangen zu werden; freilich zweifelte er mit seinem stürmischen Mute nicht daran, dass er bald alle Hindernisse besiegen, alle Herzen mit sich fortreißen werde.

Doch fand sich bald ein Mittel, in die frühere Landschaft von Garika zu gelangen. Einer der türkischen Führer, der es unternommen, geheime Verbindungen mit den früher unabhängigen Völkerschaften des südlicheren Kaukasus anzuknüpfen, kannte den Aufenthalt eines Mannes, dessen Herz noch jetzt von tiefem Hasse gegen Russland entflammt war und der den Vermittler zwischen den Türken und einzelnen Völkerschaften Georgiens spielte. Sobald der Name desselben, Alia Wassi, genannt wurde, erinnerte sich George, dass er diesen Namen noch als Kind gehört, und es stellte sich auf seine Fragen heraus, dass Alia Wassi einer der vornehmeren Diener des entthronten Herrschers von Garika gewesen, der mit dem Vater Georges in die Verbannung gegangen und dann in die Gegend von Garika zurückgekehrt war, wo er einsam in einem kleinen Dorfe lebte, ungefähr zwischen Dari und Garika. Wenn es irgendeine Person gab, bei welcher George Sympathie für seine Pläne erwarten durfte, so war es diese. Ein georgischer Führer war bald gefunden, denn es gab genug Leute im türkischen Heere, welche die Russen hassten und die aus den nahen Ländern herübergekommen waren, um gegen die Soldaten des Zaren zu fechten oder wenigstens als Führer und Spione zu dienen. Mit diesem und Johnny brach George an einem der letzten Tage des April auf, nach Nordosten, der Heimat zu.

Was der junge Mann fühlte, als der georgische Führer sich nach mehrtägigem, vorsichtigem Ritt zu ihm wandte und ihm sagte: »Dies ist die alte Grenze von Garika! Dieser Wald erstreckt sich bis nach Kureli, nach Dari und noch darüber hinaus! Dieser Bach fließt in den Karassu!« wer vermag es in seiner ganzen Heftigkeit zu schildern? Erbleichend und erglühend vor innerer Bewegung warf er sich vom Pferde auf die Erde, umfasste den Boden und küsste ihn mit Tränen in den Augen. Dann umarmte er Johnny und sagte dem erstaunten, gutmütigen Manne vielmals:

»Das ist meine Heimat, Johnny! Hier bin ich geboren! Hier lebten meine Vorfahren und waren Könige!«

Und Johnny drückte seinem jungen Herrn stumm die Hand und schien eine größere Ehrerbietung für denselben zu fühlen. Der nachdenkliche Zug auf seinem Gesicht war vielleicht nur durch die plötzlichen Zweifel hervorgerufen, ob er Mr. George von jetzt ab nicht wenigstens Mylord nennen müsse.

Von nun an ging der Ritt viel langsamer. George schien alles sehen, alles durch das Auge in sein Herz aufnehmen zu wollen. Die Landschaft in ihrer paradiesischen Schönheit erschien ihm in der Tat wie der Garten Eden; die Männer, die ihnen begegneten, betrachtete er mit aufmerksamen und innigen Blicken, denn sie erschienen ihm wie alte Bekannte.

Der Führer musste Vorsicht empfehlen. George besaß zwar für sich und Johnny einen englischen Pass, aber nach der Kriegserklärung Englands war auch dieser eine sehr gefährliche Legitimation, und das mindeste, was George zu erwarten gehabt hätte, falls er auf einen misstrauischen russischen Beamten gestoßen wäre, würde seine zwangsweise Zurücksendung oder seine Abführung nach Tiflis gewesen sein. Sie ritten deshalb nur auf geheimen Waldwegen, welche der Führer kannte.

Es war fast Abend, als sie eine Lichtung erreichten, an deren Rande einige Hütten lagen. George und Johnny mussten im Walde warten; der Führer ritt voran, um zu hören, ob Alia Wassi in seiner Wohnung sei.

Nicht lange darauf kehrte er zurück mit einem alten Manne in der einfachen Kleidung der Landleute, mit langem weißen Haar und mit Augen, die trotz des hohen Alters noch scharf und klug leuchteten. George stieg vom Pferde und ging dem Alten entgegen. Dieser stand still, beobachtete George aufmerksam, nahm dann seine Mütze ab und; sagte:

»Jener Mann hat mir berichtet, dass Du ein Sohn Daniel Garikas, meines gnädigen Herrn seiest, und jetzt, da ich Dich sehe, glaube ich ihm. Du kannst kein anderer als Giorgi sein, den wir dort, in der Stadt des Zaren ertrunken glaubten.«

»Und Du bist Alia Wassi!« rief George, der die Sprache des Alten, wenn auch mit einiger Mühe, verstand. »Du warst sein Begleiter, als ihn unsere Feinde nach Sibirien schickten. Du sahst ihn sterben, damals, als ich noch ein Kind war.«

»Ich sah es und ich gelobte ihm, sein Gedächtnis in Ehren zu halten, und mehr als das!« antwortete der Alte.

George war so bewegt, dass er sich kaum zu fassen vermochte. Der große, der einzige Gedanke seines Lebens, solange er denken konnte, jetzt war er erfüllt.

Er stand auf vaterländischem Boden, er sprach mit einem Manne, der seinen Vater gekannt! Er ergriff die Hände des Alten. Der Greis küsste die Hand des jungen Mannes.

»Nicht so, Alia!« sagte George, seine Bewegung bemeisternd. »Ich komme nicht hierher als der Enkel eines Königs, dem man seine Krone geraubt, als der Sohn eines Fürsten, dessen kühne Pläne im Entstehen scheiterten. Ich komme als ein Kind dieses Landes, um den Versuch zu wagen, das Volk von Garika an alte Zeiten zu erinnern und es zum Kriege zu führen gegen den alten Feind. In dem Lande der Freiheit, in dem ich bis jetzt gelebt, kennt man die blinde Unterwürfigkeit des Volkes nicht. Wenn ich auch Dein Herrscher würde, Alia, durch Recht und Geburt, so würde ich doch in einem so treuen Diener, wie Du es bist, nur den Freund, nicht den Untergebenen sehen. Betrachte mich als Deinen Sohn, als Deinen Schützling und lass mich Dich als meinen Freund betrachten.«

»Ich verstehe nur schwer Deine Worte und schwer den Sinn Deiner Rede«, sagte der Alte, dessen Blicke mit der größten Aufmerksamkeit auf George ruhten und dessen Augen mehr und mehr zu glänzen begannen, »aber ich sehe, dass Du mit dem Herzen sprichst und dass das Blut Deines Vaters und Deiner Mutter und Deiner Großmutter in Dir fließt.«

»Ich bin glücklich, dass Du mich überhaupt verstehst«, antwortete George. »Ich war ein Knabe von zwölf Jahren, als ich aus Petersburg entfloh. Und wie lange hatte ich schon damals die Sprache meines Landes nicht mehr sprechen hören! Ich habe sie mit Mühe in meinem Gedächtnis festzuhalten versucht, und sie wird neu in mir aufleben, wenn ich einige Tage bei Euch weile. Kannst Du mir ein Obdach gewähren, Alia?«

»Was ich habe; ist Dein, Giorgi Garika!« antwortete der Alte. »Gott sei gelobt! Ich habe in meinen alten Tagen noch die Freude, zu sehen, dass mein Herr und Fürst einen Sohn besitzt; der seiner würdig sei. Komm mit mir. Diese Hütten sind sicher. Bis hierher kommt selten ein Russe, und wenn er kommt, so werde ich Dich zu verbergen wissen, bis die Zeit da ist, in der wir nicht mehr gezwungen sind, Dich zu verbergen.«

Sie gingen nach der Wohnung Alia Wassis. Die einzelnen Hütten gehörten ihm; er wohnte in der einen, ganz allein, denn er besaß weder Frau, noch Kind; – in den andern wohnten Landleute, die ihm die Äcker bewirtschafteten, denn er besaß noch immer einen beträchtlichen Teil des umliegenden Landes. Seine Wohnung zeigte manche Erinnerung verschwundener Tage, Bücher, Geräte, Schmucksachen. An der Wand; hing ein schlecht gemaltes Bild, das einen Mann in reicher georgischer Tracht darstellte. George fühlte sein Herz klopfen; als er es erblickte. –

»Mein Vater!« stammelte er.

»Dein Vater!« antwortete Alia. »Wenn Du zu Deinem Bruder Daniel kommst, so wirst Du bessere Bilder von Deinem Vater sehen. Aber – doch still davon! Hier ist noch etwas für Dich!«

Und erholte aus einem Schranke ein kleines Medaillon und öffnete es. George sah das Porträt einer schönen Frau mit entschlossenen, edlen Zügen.

»Das ist Deine Mutter, meine Herrin!« sagte der Alte leise. »Dein Vater gab es mir. Aber es ist Dein wie alles, was Du siehst!«

George setzte sich in eine Ecke, mit dem Medaillon in der Hand, dem Bilde des Vaters gegenüber. Dort saß er bis in die Dämmerung hinein. Tiefe Wehmut erfüllte sein Herz, und ohne, dass er es wusste, flossen ihnen die Tränen schwer und langsam über die Wangen. Seine ganze Seele ruhte in der Vergangenheit; für die Hoffnungen der Zukunft hatte sie in dieser Stunde keinen Raum. Erst allmählich erhob sich aus dem Gram über die so früh ihm geraubten Eltern die flammende Idee der Rache gegen diejenigen, die das Leben seiner Eltern verkürzt. Dieser Gedanke führte ihn in die Wirklichkeit zurück und erinnerte ihn, wo er war. Er rief nach Alia und der Alte kam.

Es begann nun, während Alia das Beste, was er besaß, Brot und Fleisch und einen Wein von unvergleichlicher Güte, seinem jungen Freunde auftrug, ein Gespräch, das sich bis tief in die Nacht hineinzog. George machte den Zuhörer und unterbrach den Alten nur zuweilen mit Fragen. Alia schilderte die Verhältnisse des Landes in den letzten fünfzig Jahren, die Gegenwart, die Stärken und die Schwächen der Russen, die Absichten der Tschetschenzen, die Aussichten für den gegenwärtigen Kampf. Dann sprach er von Nina und Daniel. Letzteren schilderte er als einen Schwächling, dem die russischen Epauletten lieber seien als eine Fürstenkrone. Er kannte die Neigung Daniels für Sophia und schilderte sie genau. Er wusste auch, dass Sophia den Major Ombrazowitsch den Vorzug gab. George wollte das alles ausführlich wissen. Es waren ja die ersten Nachrichten über seinen Bruder. Alia sagte, er habe dem Prinzen einige Schriftstücke, die von den Türken ausgegangen und an die Georgier gerichtet, zukommen lassen, ohne dass Daniel wisse, von wem sie gekommen; man sei auch in Tiflis der Ansicht, als dürfe man Daniel nicht ganz trauen. Aber er selbst hoffe nichts von ihm. Eine einzige Möglichkeit sei vorhanden, ihn zum Hasse gegen die Russen und zur Tatkraft aufzureizen, wenn nämlich Sophia sich offen gegen ihn erkläre. Aber das lasse sich nicht erwarten; jedenfalls werde Brazow bei der jetzigen Lage seiner Schwester Vorsicht predigen.

»So glaubst du, dass es jetzt gefährlich wäre, mich meinem Bruder zu offenbaren?« fragte George.

»Ja!« antwortete Alia. »Daniel ist schwach, und ein schwacher Mensch kann leicht ein schlechter werden. Du bleibst bei mir, bis die Lage der Dinge eine klare geworden ist. Eher könntest Du Nina sehen, wenn Du es wünschest. Sie ist gutmütig und wahrscheinlich Frau genug, um ein Geheimnis zu verbergen. Doch ist es sicherer, Du bleibst auch ihr jetzt fern. Sie liebt ohne Zweifel ihrem Gatten mehr als einen Bruder, dessen sie sich nicht erinnern kann und den sie längst gestorben glaubte. Bedenke, dass alles, was für uns gut wäre, dem Grafen Brazow Verderben bringen müsste.«

Er schilderte dann den Charakter und die augenblickliche Stimmung der Garikaner und der benachbarten Völkerschaften. Die Schilderung fiel ungünstiger aus, als George erwartet hatte. Die Garikaner, einst ein tapferer Volksstamm, waren durch einen langen Frieden, durch die von Russland ausgehende systematische Fernhaltung vom Waffendienst erschlafft. Viele hatten sich daran gewöhnt, die Russen als die bleibenden Herren des Landes zu betrachten. Die Söhne mancher reichern Familien waren dem Beispiele Daniels gefolgt und hatten die russische Uniform angelegt. Die Landleute verhielten sich in träger Gleichgültigkeit, bauten ihre Äcker und bezahlten ihre Steuern. Von den Älteren, welche den Vater Georges und Daniels gekannt hatten, lebten nur noch wenige. Dennoch glaubte Alia Wassi, dass man die Befreiung von der russischen Herrschaft mit Freuden begrüßen werde, denn schon hatten die Aushebungen zum Militär, mit denen Russland auch hier in neuerer Zeit strenger verfahren war, Missmut hervorgerufen. Auch unterhielten die Kämpfe des tapfern Schamyl eine gewisse Gärung im Volke. Wenn also die Türken siegreich vorgingen, wenn Schamyl Siege errang, so war es wohl möglich, dass ein Teil der Garikaner sich erhob und sich um die Enkel seiner frühern Könige scharten; noch lebten hier und dort Erinnerungen an die frühere Größe und Blüte des Reichs. Aber Alia verbarg dem jungen Manne die Schwierigkeiten der Lage nicht. Es bedurfte eines mächtigen Anstoßes, um die trägen Gemüter zu entflammen. Ob das Erscheinen Georges allein hinreichen werde, diese Wirkung zu üben, schien zweifelhaft.

Bewegt und erregt suchten die Männer in später Nacht ihr Lager. Johnny schlief bereits so tief, als ab er sicher im Schutze Englands ruhe. Aber George sah den Morgen dämmern, ehe er die Augen schloss. Es war ja die erste Nacht in der Heimat!

Die ersten Tage vergingen ruhig. Alia Wassi war viel außer dem Hause; er durchwanderte die Gegend, um Erkundigungen einzuziehen, die Nachricht von dem Vorrücken der Türken zu verbreiten und die einzelnen, denen er vertrauen konnte, davon zu unterrichten, dass große Dinge im Werke seien. Zuweilen begleitete ihn George in einfacher Tracht. So sah er Garika und Dari, einst die Stammsitze der Herrscherfamilie, der er entsprossen. War er allein zu Hause, so hatte er freilich Muße genug, über seine Lage nachzudenken, und es erging ihm wie allen heißblütigen, jugendlichen Männern, er musste sich gestehen, dass die Schwierigkeiten, in der Nähe betrachtet, größer seien, als er in der Ferne geglaubt. Wohl war er in der Heimat, aber diese Heimat war ihm fremd geworden. Zuweilen beschlich ihn das Gefühl, als ob eigentlich England sein Vaterland sei. Er sprach viel mit Johnny, der ebenfalls seine Tracht hatte ändern müssen, um nicht, wenn er zufällig erblickte werde, Aufsehen zu erregen, und der sich wahrscheinlich herzlich langweilte, es aber seinem Herrn zuliebe nicht verriet. Johnny hörte geduldig alles, was ihm George über das Land und seine Hoffnungen erzählte.

»Ein Regiment Hochländer, Sir!« war seine gewöhnliche Bemerkung, begleitet von einem leichten Achselzucken. »Ein Regiment Hochländer, ein paar Kanonen – dann ließe sich alles machen. Und die werden schon kommen!«

Und dann legte er gewöhnlich eine so gründliche Verachtung der Russen an den Tag, dass selbst George es für nötig hielt, ihn an die russischen Kriegsschiffe vor Sinope zu erinnern und darauf aufmerksam zu machen, dass die Russen denn doch nicht so verächtliche Gegner seien.

Eines Tages, als Alia Wassi nach Hause zurückkehrte, begleitete ihn ein alter Mann mit weißem Haar, aber von fast riesigen Körperformen. Es war David, ein jüngerer Bruder Wassis, der noch im Dienste Ninas auf Dari stand, da er der Sterbenden Fürstin Garika versprochen, ihr Töchterlein nicht zu verlassen. David war ruhiger als Alia, aber ebenfalls der Familie Garika treu zugetan und ein Feind der Russen. Alia hatte ihm deshalb ohne Besorgnis das Geheimnis Georges oder Giorgis, wie er hier genannt wurde, mitteilen können. David bestätigte alles, was Alia über Daniel und sein unmännliches Verhältnis zu Sophia Brazow gesagt. Auch er hielt es für durchaus notwendig, dass Daniel durch eine Abweisung Sophias gereizt werden müsse, wenn er sich entschließen solle, gegen Russland aufzutreten. Aber die beiden Männer, obgleich in Herzensangelegenheiten und Frauenintrigen wenig erfahren, durchschauten dennoch den Charakter Sophias gut genug, um zu befürchten, dass diese noch lange ihr Spiel mit Daniel treiben werde, wenn nicht ein plötzlicher Zwischenfall irgendeine Entscheidung herbeiführe.

Als darauf George den Wunsch äußerte, seine Schwester zu sehen, berieten die beiden Männer sehr lange, ob das möglich und rätlich sei. Ihre Beratungen und Beschlüsse waren folgende: George sollte zuerst einen Brief an Nina und später an Daniel schreiben, worin er sie benachrichtigte, wie es ihm ergangen und dass er, von Sehnsucht, sein Vaterland wiederzusehen, getrieben, nach Garika gekommen sei. Er sollte hinzufügen, dass er der Pflegesohn eines reichen Mannes und in guten Verhältnissen sei. Denn die alten Männer, genau mit dem Charakter der beteiligten Personen bekannt, fürchteten, dass Daniel, Nina und Brazow, wenn sie die Rückkehr Georges erfahren, an die Möglichkeit denken könnten, er wolle ihnen einen Teil ihres Besitztums entziehen. George sollte in diesem Briefe schreiben, dass er es nicht gewagt, sich öffentlich zu zeigen, weil er fürchte, von der russischen Regierung wegen seiner Flucht bestraft zu werden; auch sollte er seinen Aufenthalt nicht nennen und sie bitten, gegen jedermann zu schweigen, da er nur einen englischen Pass habe und England mit Russland im Kriege sei. Er sollte die Bitte um eine Unterredung hinzufügen. Dann wollte man sehen, welchen Eindruck die Briefe auf Nina und Daniel machen würden. Letzterem sollte der Brief erst dann übergeben werden, wenn Nina bereits in eine Unterredung eingewilligt, damit er nicht im entgegengesetzten Sinne auf sie wirken könne.

Eine Unterredung zwischen Nina und Daniel über diesen Gegenstand sollte dadurch vereitelt werden, dass David es übernahm, die Gräfin noch an demselben Tage, an welchem sie den Brief erhielt, für die Unterredung mit George zu gewinnen. Man nahm an, dass Daniel an diesem Tage wohl nicht nach Dari kommen werde; geschah es, so wollte David versuchen, Nina zu überreden, nicht mit Daniel, der dann seinen Brief noch nicht erhalten, über George zu sprechen, weil die Überraschung des letztern von dem Grafen bemerkt werden und auffallen konnte.

Bei der Unterredung mit Nina sollte George dann seine politischen Pläne vollkommen verbergen, zugleich aber zu erfahren suchen, ob sich ihr Gatte über die Lage des Landes und Russlands geäußert und was Nina über die Absichten und Neigungen Sophias erfahren.

Denn darüber wusste David nicht mehr, als was er mit den Augen erraten konnte, da die Gespräche im Schlosse fast ausschließlich französisch geführt wurden und David diese Sprache nicht verstand. Wenn dann auch später Nina und Daniel das Geheimnis Georges gegen Brazow verrieten, so waren sie doch bereits gewissermaßen Georges Mitschuldige und mussten die Partei desselben nehmen, ihn zu schützen suchen. Inzwischen konnte sich manches ereignen. Der Hauptgrund, der die beiden Männer veranlasste, auf Georges Plan einer Unterredung mit Nina einzugehen, war übrigens die Rücksicht auf das Gefühl Georges, der nicht als ein Feind Brazows und dadurch auch seiner Schwester auftreten wollte, ohne sie nicht vorher einmal gesehen und ihr gezeigt zu haben, dass er sie liebe. Zwangen ihn dann später auch die Verhältnisse zur einem feindlichen Auftreten, so lag doch in der Erinnerung an diese erste, rein verwandtschaftliche Unterredung etwas Versöhnendes für Bruder und Schwester.

George schrieb die Briefe in französischer Sprache, einfach, aber mit der Wärme des Gefühls, die ihm einigen war. Alia übergab sie David, der es übernahm, der Gräfin den Brief an dem Tage zu übergeben, der ihm geeignet schien, und etwas später den andern an Daniel zu senden. George sollte sich dann bereithalten, seine Schwester zu besuchen.

Dies war die Lage der Verhältnisse an dem Tage, an welchem Paul Ombrazowitsch die Comtesse Sophia um jene heimliche Unterredung gebeten hatte. An dem selben Tage, am Vormittag, hatte David seiner Herrin; den Brief Georges gegeben. Sobald sie ihn gelesen, hatte sie sich, erschüttert und erregt, in ihr Kabinett zurückgezogen und jenes Unwohlsein vorgeschützt, um allein zu sein.

Nur David hatte Zutritt zu ihr erhalten, was nicht auffiel, da er ihr ältester und teuerster Diener war.

Nina in ihrer Gutmütigkeit dachte nicht einen Augenblick daran, die Wahrheit dessen im Zweifel zu ziehen, was ihr George schrieb, oder seine Scheu vor Entdeckung einem anderen Grunde zuzuschreiben, als der Furcht vor der mächtigen und gefürchteten russischen Regierung. Sie sehnte sich danach, George zu sehen, und überließ im vollkommensten Vertrauen David die Anordnung der Zusammenkunft. Als Daniel am Nachmittag kam, ließ sie auch ihn sich krankmelden, da sie den Grund Davids, dass die Überraschung Daniels bei einer so seltsamen Nachricht Aufsehen erregen könne, ganz natürlich fand. Im Übrigen hatte ihr ja David gesagt, dass Daniel ebenfalls im Laufe des Tages einen Brief von George erhalten werde, und dass sie dann später mit ihm darüber sprechen könne, wie diese Nachricht am besten ihrem Gemahl mitzuteilen und was überhaupt zu tun sei. David sollte am Abend George zu ihr führen. Alle Vorbereitungen waren getroffen, dass Michael nicht plötzlich bei ihr eintreten könne. Im schlimmsten Falle erschien ihr auch eine solche Überraschung nicht als ein Unglück, da ja der Gräfin jeder Gedanke an politische Rücksichten fern lag und Michael, wie sie annahm, sich mit ihr freuen musste, den totgeglaubten Bruder wiederzusehen.

George und Alia Wassi erhielten am Nachmittag die Nachricht, dass Nina gegen zehn Uhr abends bereit sein werde, George zu sehen. Die Wohnung Alias war ungefähr drei Stunden von Dari entfernt. Die Männer brachen also, von einem Diener begleitet, bei guter Zeit auf und waren vor neun Uhr an der verabredeten Stelle. Bald darauf erschien David, um mitzuteilen, dass alles in Ordnung sei, und George nach Dari zu führen. Alia blieb mit dem Diener zurück. Auf dem Wege dorthin, in der Nähe des Schlosses war es, wo sie das Geräusch der Schritte des Majors hörten.

»Ich kann nicht ahnen, wer das ist«, flüsterte David. »Fragt man uns, so antworte Du, damit man meine Stimme nicht erkennt. Es wird vielleicht ein Diener sein, der zu seinem Liebchen schleicht. Sowie ich Deinen Arm drücke, Giorgi, hörst Du auf zu antworten und folgst mir.«

Wir wissen, wie die Begegnung stattfand und wie es den beiden gelang, sich zu entfernen, ohne dass der Major ahnen konnte, wer mit ihm gesprochen. Anders· war es mit David.

»Seltsam!« flüsterte er, als sie in der Nähe des Schlosses waren.

»Die Stimme kenne ich. Es geht etwas vor. Daniel war am Nachmittag auf dem Schlosse, der Graf sprach mit seiner Schwester, der Major ist hier im Dunkeln, vielleicht hören wir noch mehr. Giorgi, was auch geschehen möge, Du bleibst ruhig bei Deiner Schwester. Da bist Du sicher. Niemand kommt zu ihr, und ich hole dich, sobald ich es für Zeit halte.«

»Aber was kann denn geschehen?« fragte George. »Wenn du einen Verrat fürchtest –«

»Keinen Verrat – nur still!« unterbrach ihn David. »Ich glaube, ich fasse heute Abend den Fuchs. Aber rühre Dich nicht, was Du auch hören mögest. Du wirst alles erfahren, wenn ich erst selbst weiß, was ich ahne.«

Sie gingen noch vorsichtiger als vorher, bis sie das Schloss erreichten. David führte den jungen Mann durch eine sonst verschlossene Tür in das Kabinett seiner Schwester und entfernte sich, als sich George und Nina noch in der Verwirrung des ersten Anblicks gegenüberstanden, mit der Entschuldigung, dass er sehen wolle, ob alles sicher sei.

Der schlaue Alte schlicht vorsichtig wie eine Katze nach dem Flügel, in welchem Sophia wohnte. Er ahnte die Wahrheit. In dem Moment, in welchem Paul Ombrazowitsch der Comtesse auf der Treppe entgegenging, langte David auf der Terrasse an.

Er lauschte eine Minute lang, dann schlich er zurück in das Schloss, um einem Diener, der in der großen Küche die Wache hatte, zu sagen, dass nicht alles in Ordnung sei und dass er ein Scheit Holz anzünden, seinen Säbel nehmen und unter dem großen Tor warten möge.

Darauf schlich er zurück. Er verstand nichts von der französisch geführten Unterhaltung, aber er fürchtete, sie werde nicht lange währen. Deshalb eilte er zurück und rief zuerst unter dem Fenster Michael Brazows:

»Diebe! Licht! Hilfe!«

Was weiter geschah, haben wir in dem letzten Abschnitt geschildert, Sobald Paul Ombrazowitsch die Worte gesprochen: »Ich komme von der Gräfin Sophia!« wandte sich Michael Brazow zu den Dienern und sagte kalt:

»Was steht Ihr hier? Macht, dass Ihr wegkommt! Wie könnt Ihr solche Esel sein und den Herrn Major anfallen, der nach Hause zurückkehren will? ·Fort!«

Die Diener gingen. David entfernte sich scheinbar tief beschämt und eine Entschuldigung murmelnd.

»Der gnädige Herr befehlen, dass ich zur Herrin gehe und ihr mitteile, dass es nichts gewesen?« fragte er demütig.

»Jawohl, tue das und sage nichts als, es sei ein blinder Lärm gewesen. Hörst Du? Weiter nichts!« rief Michael.

David entfernte sich ehrerbietig und trieb die Diener und Dienerinnen, die sich scheu und neugierig am großen Tor versammelt hatten, mit strengen Worten in das Schloss zurück. Dann eilte er nach dem Kabinett Ninas.

»Es ist nichts!« rief er den beiden zu, die in banger Erwartung mitten im Zimmer standen. »Es war ein blinder Lärm. Alles ist ruhig. In spätestens einer halben Stunde hole ich Dich, Giorgi.«

Inzwischen gingen Michael Brazow und der Major schweigend nebeneinander nach dem Arbeitszimmer des Grafen. Für den letztern war diese Szene so unerwartet, so plötzlich gekommen, dass· er in der Tat nicht zu sprechen vermocht hätte, selbst wenn er gewollt hätte. Der Major sah bleich; aber ruhig aus, als er in das Zimmer des Grafen trat. Sein Plan war gefasst.

Es handelte sich nur darum, wie Sophia ihn aufnehmen werde. Wusste sie, dass er nicht entkommen? Hatte sie gehört, was vorgegangen? Er vermutete es. Der Graf deutete auf einen Sessel; Ombrazowitsch setzte sich aber nicht. Der·Graf ging langsam und nachdenklich im Zimmer auf und ab. Er überlegte; was er in einem so außerordentlichen Fall zu tun habe.

»Sie haben mir die Wahrheit gesagt?« fragte er dann den Major.

»Jawohl, Herr Graf!«

»Und Sie würden in Gegenwart meiner Schwester Ihre Aussage wiederholen?« fragte Brazow.

»Gewiss, ·Herr Graf!« antwortete der Major, und dann, als er sah, dass Brazow nach dem Klingelzug griff und klingelte, fügte er hinzu: »Wäre·es nicht, besser, Herr Graf, wenn wir in dieser Angelegenheit so wenig Aufsehen als möglich machten?«

»Gewiss!« antwortete der Graf. »Ich will auch nur meine Schwester sprechen!« –

Es erschien ein Diener. Der Schlossherr sagte ihm, er möge zu der Comtesse gehen, eine ihrer Dienerinnen wecken und der Comtesse sagen lassen, dass er, ihr Bruder, sie in einer sehr dringenden Angelegenheit sogleich zu sprechen wünsche. Wenn es ihr irgend möglich sei, so möge sie kommen.

Als der Diener gegangen war, begann Michael Brazow wieder seine langsame Promenade durch, das Zimmer. Paul Ombrazowitsch stand bleich auf den Sessel gestützt.

Wie würde Sophia seine Kühnheit aufnehmen? Er kannte solche Naturen; sie waren unberechenbar. Möglicherweise imponierte ihr seine Keckheit und sie gestand, dass sie ihn liebe. Möglicherweise fühlte sie sich beleidigt und gab dieser Angelegenheit eine Wendung zu ihren Gunsten, trennte sich für immer von ihm.

Es waren entscheidende Minuten, denen der Major entgegensah.

Fast eine Viertelstunde verging. Sollte Sophia nichts gesehen haben, nichts ahnen? Würde sie sagen, dass sie sich schon in ihrem Schlafzimmer befunden, dass sie sich erst habe ankleiden müssen? Endlich erschien sie.

Sie war in einen weiten Nachtmantel gehüllt, dessen Kapuze fast ihr Gesicht verbarg. In der Tür blieb sie stehen, wie es schien, überrascht davon, dass sie ihren Bruder nicht allein finde. Dann trat sie näher. Der Graf ging ihr entgegen und reichte ihr einen Sessel. Sie lehnte ihn mit einer Handbewegung ab.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
546 s. 27 illüstrasyon
Telif hakkı:
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