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Kitabı oku: «Der Held von Garika», sayfa 15

Adolf Mützelburg
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III. Die Tage der Wonne

Wer sich hineinzudenken vermag in die Lage eines hochbegabten und feinfühlenden jungen Mannes, dessen ganzes Leben auf einen einzigen Zweck gerichtet gewesen ist und der, so freundlich und herzlich ihm auch seine Beschützer entgegengekommen sein mochten, doch niemals vergessen hat, dass er das Brot der Fremde und des Mitleids aß, der wird das Entzücken verstehen, von welchem Georges Herz geschwellt war, als er sich Mr. Hywell und Mary auf dem Boden der Heimat im Glanze seines alten Namens und in dem schöneren Glanze eines mutigen Führers seines Volkes zeigen konnte. Fast die ganze Nacht verging dem erregten jungen Manne, als er nach Garika zurückgekehrt war, im Gespräch mit Mr. Hywell, Wiedenburg und Mary, die sich freilich früher als die Männer zurückzog. Indessen, so erfüllt Georges Seele auch von den Ereignissen des Tages war, so vergaß er doch nicht, den innigsten Anteil an den Schicksalen seiner Freunde zu zeigen und sich genau berichten zu lassen, wie es diesen ergangen.

Urmiah, woher die Reisenden kamen, ist, wie früher erwähnt worden, eine bedeutende persische Stadt im Osten des Gebirges, das Persien und die Türkei trennt, bekannt durch eine Ansiedlung nordamerikanischer Missionäre, die es sich zum Zweck gemacht haben, die Sekte der Nestorianer zum Protestantismus zu bekehren und überhaupt das Christentum in jenen Gegenden zu kräftigen, eine schwierige und bis jetzt fast erfolglos gebliebene Aufgabe, da der räuberische, unbändige Charakter der dortigen Christen und Mohammedaner derartigen Werken des Friedens sehr schroff, ja fast feindlich gegenübertritt. Jedenfalls aber hatten Mr. Hywell und seine Tochter dort eine sichere Zufluchtsstätte und dasjenige gefunden, was Mary in jenen traurigen Tagen das Notwendigste war: Ärzte, Arzneien und eine sorgsame Behandlung. Wir wissen, dass schon bei der Abreise Georges Marys Zustand außer Gefahr war. Vierzehn Tage der Ruhe hatten seitdem hingereicht, sie soweit wiederherzustellen, dass die Ärzte es für unbedenklich erklärten, wenn sie die Weiterreise unternehme. Durch das kurdische Gebiet wollte Mr. Hywell nicht mehr ziehen. Es erschien sicherer und bequemer, den Weg durch die russischen Provinzen zu nehmen, die auf der persischen Seite von den Türken nicht angegriffen wurden. Bedenken bot freilich auch dieser Weg, da man nicht wissen konnte, welche Ausdehnung der Krieg auf dem russischen Gebiet am Kaukasus gewinnen werde. Aber er schien immer der zweckmäßigste von allen. Die Nordamerikaner, denen der Name des Engländers nicht unbekannt war, sorgten für eine zahlreiche Begleitung und Empfehlungsbriefe, und mit dankerfülltem, etwas erleichtertem Herzen hatte Mr. Hywell Urmiah Anfang Mai verlassen.

Wenn Edmund Wiedenburg bei der englischen Familie geblieben war, auch nachdem sein Oheim nach Sinope zurückgekehrt, so mochte dies vielleicht einen inneren Grund haben, die täglich wachsende Zuneigung, die er zu der sanften Mary fühlte. Aber es gab auch einen äußerlichen Grund dafür, den Wunsch Mr. Hywells. Der sonst so energische Engländer war durch die Unglücksfälle der letzten Zeit so entmutigt, dass er sich nicht in den Gedanken finden konnte, allein mit seiner Tochter in einem fremden Lande und in einer so bedenklichen Lage zu bleiben. Wiedenburg hatte ihm so viele Beweise von Anhänglichkeit, Aufopferung, Mut, Umsicht und Geistesgegenwart gegeben, dass Hywell ihn als seine Stütze, seinen rechten Arm betrachtete und in Trübsinn verfiel, als Wiedenburg einmal von der Notwendigkeit seiner baldigen Abreise sprach. Er hatte freilich nicht den Mut, den jungen Mann offen um sein Bleiben zu bitten. Wiedenburg aber, der selbst nichts sehnlicher wünschte, als bleiben zu können, vermochte leicht den Grund der Trauer seines älteren Freundes zu erraten und erfüllte denselben mit der größten Freude, als er erklärte, er halte es vielleicht doch für besser, noch einige Wochen zu bleiben und dann den Rückweg im Verein mit Mr. Hywell und Mary anzutreten. Wie es nach solchen Erlebnissen nicht anders sein konnte, hatte sich zwischen diesen drei Menschen ein Band der innigsten Zuneigung geknüpft, sodass es schien, als ob sie nur eine Familie bildeten, und wenn Wiedenburg trotzdem wegen Mary niemals den vertraulichen Ton anschlug, den ihm dieses Verhältnis gestattet hätte, so geschah es nur, weil er sehr wohl fühlte, dass er nicht zu weit gehen durfte, wenn er sich nicht verraten wolle. Mary gegenüber behielt er dieselbe achtungsvolle Zurückhaltung, die er ihr seit den ersten Wochen ihrer Abreise von Kalkutta erwiesen. Aber Mary wusste recht gut, dass dies keine Kälte sei; Wiedenburg war ein erprobter Freund, der sein Leben für sie gewagt. Vielleicht liebte sie diese Zurückhaltung; vielleicht fand dieselbe einen Widerhall in ihrem eigenen Herzen. Mary fühlte, dass sie Wiedenburg gegenüber nicht den vertraulichen Ton einer Schwester anschlagen könne, wie es ihr George gegenüber so natürlich schien.

Aber wenn sie hätte sagen sollen, weshalb sie das nicht könne, so wäre es ihr gewiss schwer oder unmöglich gewesen. Wenn sie vielleicht zufällig bemerkte, dass Wiedenburg in einem unbewachten Augenblick sie aufmerksam und mit einer gewissen Träumerei betrachtete, so versuchte sie entweder zu tun, als habe sie es nicht bemerkt, oder sie errötete. Aber ihn zu fragen, wie sie es bei George getan haben würde: »Was sehen Sie mich an? Was denken Sie?« das wäre ihr unmöglich gewesen.

Es war ein Zufall, dass Mr. Hywell mit seiner Tochter gerade an dem Tage auf Garika eintraf, an welchem dort ein so wichtiges Ereignis stattgefunden. George hatte seinem Pflegevater natürlich keine Nachricht senden können, da er nicht wusste, wo sich derselbe befand. Mr. Hywell war ohne jede Anfechtung nach Tiflis gelangt, aufgrund der Empfehlungsbriefe aus Urmiah überall mit Zuvorkommenheit behandelt. In Tiflis selbst hatte man ihm gesagt, dass es unmöglich sei, ihm ein sicheres Geleit durch den Kaukasus zu geben, denn man sah einen Angriff Schamyls voraus. Man riet ihm deshalb, durch Georgien und Mingrelien, über Kutais nach Poti oder einem andern Punkt der Küste zu reisen und sich von dort aus mit einem Schiffe der englischen Flotte in Verbindung zu setzen. Im Übrigen behandelte man den alten Herrn mit großer Artigkeit. Noch hatte ja·die russische Marine nicht die empfindlichen Verluste erlitten, die Russland später so bitter gegen England stimmten; noch glaubte man in Tiflis so gut wie in Petersburg, dass die Demonstration für die Türkei so ernst nicht gemeint sei.

Natürlich nahm Mr. Hywell seinen Weg über Garika, das nur wenige Stunden von der großen Straße nach den westlichen Provinzen entfernt lag. Er hoffte dort entweder George selbst zu treffen oder etwas von ihm zu erfahren Im Falle George jedoch noch nicht in Garika eingetroffen war, wollte sich auch Mr. Hywell dort nicht aufhalten. Er sehnte sich nach Ruhe, nach dem Aufenthalt in Gegenden, die ihm erlaubten, daran zu glauben, dass Mary nun endlich in Sicherheit sei; denn sein aufgeregtes Gemüt sah noch überall Schrecknisse.

Da er in Tiflis gar nichts über Garika vernahm, so vermutete er, George sei dort noch nicht angekommen. Er wollte jedoch den Versuch machen und sich in Garika erkundigen und war, von einem Dutzend Kosaken begleitet, dorthin aufgebrochen. Der kriegerische Empfang, der ihm und seinen Begleitern zuteilgeworden, die Flintenläufe, die sich ihnen entgegenstreckten, hatten ihn nicht wenig überrascht. Glücklicherweise hatten die Kosaken, die nicht weniger erstaunt waren, sich ohne Widerstand ergeben, da ihre Pistolen nicht einmal geladen waren, und wenige Augenblicke später hatte Mr. Hywell ein donnerndes Hurra gehört und Johnny war ihm mit glühendem Antlitz entgegengestürzt gekommen. Das alles erzählten sich die Männer in dieser ersten Nacht ihres Wiedersehens. George, vor Freude und Stolz glühend, schilderte die Erlebnisse des Tages in den rosigsten Farben, und da Mr. Hywell und Wiedenburg in Tiflis eine gedrückte Stimmung und unruhige Aufregung gefunden hatten, so waren sie geneigt zu glauben, dass ein allgemeiner Aufstand im Lande – und von einem solchen sprach George – unterstützt von den Türken und Schamyl, zur Vertreibung der Russen führen könne. Doch wollte Mr. Hywell nichts davon hören, länger als einige Tage zu bleiben.

Während dieser Unterredung ging Alia Wassi, der vielleicht trotz seiner weißen Haare noch erregter war als George, ab und zu, um George Nachrichten zu bringen oder zu hören, was er zu dieser oder jener Maßregel meine. In allen Dörfern und Weilern war, wie der heißblütige Greis meldete, das Banner von Garika mit Jubel begrüßt und Zuzug in Masse verheißen worden; der kluge Feind der Russen hatte nämlich schon wochenlang vorher garikanische Banner nach dem Muster dessen, das sich in Garika befand, anfertigen lassen, überzeugt, dass dasselbe überall einen mächtigen Eindruck hervorrufen werde. Daniel hatte sich früh zurückgezogen. Das einfache, schlichte Wesen Mr. Hywells und Wiedenburgs schien ihm keine hohe Meinung von den Freunden seines Bruders gegeben zu haben; er liebte den Pomp und äußern Schein. Auch die Schönheit Marys war ihm gar nicht aufgefallen. Er bedurfte glühender Augen und verlockenden Lächelns, um angeregt zu werden.

Der Morgen war nicht fern, als die Männer sich trennten. Es war vorher zwischen ihnen bestimmt worden, dass sich Mr. Hywell und Mary unter der Führung eines ergebenen Dieners nach Dari begeben sollten, denn Garika war kein Aufenthalt für Mary, da es zu einer Festung eingerichtet werden sollte, während Dari dazu bestimmt war, neutral zu bleiben. Wiedenburg sollte an dem Zuge nach Kureli teilnehmen. Mr. Hywell, vorsichtig besorgt für die Sicherheit seines jungen Freundes, hatte davon abgeraten; es schien, als traue er dem Frieden nicht recht und wolle Wiedenburg nicht den Russen gegenüber kompromittieren. Aber George bestand darauf, einen Zeugen seiner ersten Waffentat zu haben, und Wiedenburg, der Georges Pläne mit dem Eifer einer jugendlichen, der Freiheit ergebenen Seele auffasste, willigte gern ein.

Es war in aller Frühe des andern Tages – George hatte nur die Augen geschlossen, nicht geschlafen, als das Signal alle diejenigen, die Alia Wassi zur Teilnahme an der Expedition nach Kureli bestimmt hatte, auf dem Schlosshofe von Garika vereinigte. Es war eine Schar von vierzig Reitern, gut bewaffnet, in gewissem Sinne das Elitecorps der Garikaner. Daniel übernahm das militärische Kommando der ganzen Truppe; George führte die eine Hälfte, Alia Wassi die andere an. Ehe der Zug den Schlosshof verließ, hatte George die Freude, Mary an dem Fenster ihres Zimmers erscheinen zu sehen.

Er grüßte hinaus und legte die Hand aufs Herz. Wiedenburg beobachtete ihn aufmerksam, und sein Gesicht wurde ernst. Er sah noch, wie Mary, als sie ihn bemerkte, ihrem Vater, der neben ihr stand, ein lebhaftes Zeichen machte, als wolle sie ausdrücken, er möge Wiedenburg zurückhalten. Aber der Zug verließ das Schloss.

Wiedenburg blieb lange ernst. Wieder trat die alte Frage an ihn heran, ob Mary George liebe, und er glaubte sie mit Nein beantworten zu müssen. Er fragte sich auch, ob Mary in diesem Lande glücklich sein würde. wenn Georges kühnste Pläne in Erfüllung gingen und er der Bruder eines Königs und der Gatte Marys würde. Er vermochte sich keine Antwort darauf zu geben. Aber es war ihm doch in seinem tiefsten Innern, als könne das nicht sein, als müsse Mary in einem Lande leben, in welchem so viel Reiz und so holde Anmut nach ihrem ganzen Werte gewürdigt würden. Doch legte er sich aufs Neue das Gelübde ab, jetzt umso, vorsichtiger zu verbergen, was er selbst für sie fühlte. Wenn Georges Pläne gelangen, wenn Mary das glänzende Los, das George ihr dann anbieten konnte, annahm, weshalb sollte er sich denn nicht freuen, Mary glücklich zu wissen?

»Sie haben doch nicht Furcht?« rief George, als er das ernste Gesicht Wiedenburgs sah.

Dieser lächelte.

»Verzeihen Sie!« fügte George sogleich hinzu. »Ich brauche mich nur an die Kurden zu erinnern, um zu wissen, was Ihre Hilfe wert ist! Bleiben Sie hier! Sie sollen mit mir General der Garikaner sein!«

»Wenn dies meine Heimat wäre, so würde ich handeln wie Sie«, sagte Wiedenburg, ernst in das Antlitz Georges blickend, das von Mut und Zuversicht strahlte. »Aber meine Heimat hat auch ein Recht an mich. Dieser Zug soll, so Gott will! die Abenteuer beschließen. Ich muss zurück nach Wien; wo mich ein Leben voll einförmiger und angestrengter Arbeit erwartet. Ich betrachte diesen Zug als den Schluss einer bewegten Jugend. Nun beginnt der ganze raue und bittere Mannesernst!«

»Wir werden ihn hier auch noch nötig haben!« sagte George. »Aber jetzt heißt es mit vollen Segeln in das Meer der Zukunft hineinsteuern, um hier abermals das goldene Vlies zu finden, das die Argonauten auf diesem Boden entdeckten. Was halten Sie von meinem Bruder, Wiedenburg? Ich gebe viel auf Ihr Urteil!«

Wiedenburg zuckte die Achseln. Daniel, der bald mürrisch, bald stolz war, wenig mit George und ihm selbst sprach und darüber zu schimpfen begann, dass dieser Garikaner den Säbel zu hoch, jener zu niedrig geschnallt, war allerdings nicht ein Mann nach seinem Sinne. George erzählte ihm darauf ebenso leise, wie er seine Frage getan, und in englischer Sprache, die Daniel nicht verstand, das Verhältnis seines Bruders zu Sophia. Wiedenburg schüttelte den Kopf.

»Seien Sie an Ihrer Hut, George!« sagte er: »Nach allem, was ich sehe, sind Sie diesem Bruder nicht willkommen, und seit ich weiß, dass nur Eifersucht und beleidigte Eitelkeit ihn zu diesem Kampfe auf Leben und Tod gedrängt, fürchte ich, dass er in einem gefährlichen Momente die Farbe wechseln wird. Versprechen Sie mir, dass Sie die Augen offenhalten und dieses Land verlassen wollen, sobald Ihnen der Ausgang bedenklich erscheint.«

»Nimmermehr!« rief George. »Ich siege oder ich sterbe! Ich sollte diese Männer verlassen, die ich zum Aufstande angefeuert? Das können Sie mir nicht im Ernst raten!«

»Doch! Es war Ihr Bruder, der das Signal zum Ungehorsam gegen die Russen gegeben«, sagte Wiedenburg. »Mit den Russen mögen Sie kämpfen. Aber wenn nun Verrat im Innern sich gegen Sie wendet, wollen Sie dann töricht genug sein, an dem Unmöglichen festzuhalten? Das wäre nicht mehr Mut, sondern die Tollkühnheit der Verzweiflung. Wenn hier nichts mehr zu hoffen ist, können Sie anderswo noch wirken!«

»Sprechen wir nicht davon!« rief Georg hastig. »Verrat im Innern! Unmöglich! Nein; ich bleibe auf jeden Fall! Ich will nicht schwarzsehen, ich will es nicht. Ich bin glücklich und will es bleiben! Mein Herz soll nur mit dem Tode aufhören, diese Wonne zu genießen.«

Der schöne und an mannigfaltigen Reizen reiche Weg nach Kureli wurde in wenigen Stunden zurückgelegt, da die guten Pferde der Reiter wacker ausgriffen.

Kureli, eine kleine Stadt, einst zum Gebiet der Herrscher von Garika gehörig, lag auf einem Hügel. Sie war früher befestigt gewesen, aber schon seit einem Jahrhundert lagen die Umfassungsmauern in Trümmern. An eine dieser Mauern, die etwas weniger gelitten, lehnte sich die neue russische Dragonerkaserne, deren Vorhof durch eine Mauer von der Stadt getrennt war. Die kleine Reiterschar hielt vor der Stadt im Walde; man überlegte. Alia Wassi teilte mit, dass er bereits gestern einen Boten nach Kureli gesandt, mit dem Auftrag die waffenfähigen Männer möchten sich so gut als möglich bewaffnen und auf das erste Zeichen eines Angriffs herbeieilen.

Diejenigen, denen Alia unbedingt vertrauen konnte, hatten außerdem noch die Weisung erhalten, sobald sie die Reiterschar herannahen sähen, sich auf den Hof der Kaserne zu begeben und das Schließen des Tors im Notfall mit Gewalt zu verhindern. Es waren nur wenige Dragoner zurückgeblieben. Selbst wenn sie Widerstand leisteten, durfte man hoffen, sie bald zu bewältigen, und insgeheim wünschten Alia und George diesen Widerstand, um zu erproben, wie die Garikaner kämpfen würden.

Übrigens hatte diesen die Entwaffnung der Kosaken am vergangenen Abend bereits Mut gemacht.

Die erste Waffentat! Man sah es an dem Erbleichen und Erröten Georges, wie aufgeregt er war. Auch Daniel schien unruhig zu sein, und selbst Alias Mienen wurden ernster. Nachdem man eine Zeit lang die Stadt und die Kaserne genau beobachtet und nichts Auffälliges bemerkt, setzte sich die Schar in Bewegung und näherte sich auf einer Seite, auf welcher sie von der Kaserne aus nicht gesehen werden konnte, der Stadt. Die Einwohner von Kureli kamen ihnen, sobald die Schar sichtbar geworden, mit Jubelgeschrei entgegengestürzt, und der Ruf: »Es lebe Daniel, der König von Garika! Es lebe Prinz Giorgi! Nieder mit den Russen!« ertönte auch hier so enthusiastisch wie in Garika und Dari. Viele trugen bereits Waffen. Alia wechselte einige Worte mit denen, die er genauer zu kennen schien.

»Nun, wir haben leichtes Spiel!« rief er dann. »Von dem Dutzend Dragoner, das zurückgeblieben ist, ist die Hälfte ausgezogen, um zu furagieren. Wir wollen ohne weiteres auf den Hof sprengen!«

Und er galoppierte voraus. Die Schar folgte. Ein einziger Schrei schien ganz Kureli zu erschüttern. Vor allen Häusern standen Männer, Frauen, Greise, Kinder und riefen ihr Lebehoch. Der Dragoner, der mit gezogenem Säbel vor dem Tor der Kaserne auf und ab ging, stutzte, trat zurück und wollte das Tor schließen.

Aber in demselben Augenblick warfen sich einige Männer, die sich schon lange in seiner Nähe gehalten, auf ihn und wanden ihm den Säbel aus der Faust. Das Banner von Garika entfaltend, sprengte Alia Wassi auf den Hof, auf dem kein Soldat zu sehen war. In der nächsten Minute war der Hof von der Reiterschar und den Bewaffneten von Kureli gefüllt.

»Ergebt Euch!« rief Alia den wenigen Dragonern zu, die an die Fenster der Kaserne geeilt waren. »Widerstand ist nicht möglich. Das ganze Land ist im Aufstand! Tod jedem, der die Hand gegen uns erhebt!«

Dennoch fielen zwei Schüsse aus der Kaserne, und einer von den Garikanern, ein junger schöner Mann, stürzte mit einem Schrei vom Pferde. Aber sein Fall war nur das Zeichen zum wildesten Wutausbruch. Die Garikaner schossen ihre Pistolen gegen die Fenster ab, die Bewaffneten von Kureli drangen durch die Tür. Andere, die von hinten in die Fenster der Kaserne eingedrungen, vereinten sich mit ihnen. Nach einigen Minuten waren die wenigen Dragoner gefangengenommen.

Nur einer, der verzweifelten Widerstand leistete und sich rühmte, den jungen Garikaner erschossen zu haben, wurde niedergemetzelt. Es war ein Sergeant und in Abwesenheit des Majors und der andern Offiziere der Kommandant der Kaserne. Die Gefangenen wurden gebunden; man suchte nach Waffen. Die Kaserne enthielt nicht unbedeutende Vorräte an Säbeln, Karabiner, Pistolen und Munition.

Außerdem befand sich auf dem Hofe ein kleines leichtes Feldgeschütz, zu welchem die vollständige Munition vorhanden war. Alia Wassi jubelte namentlich über diese letztere Beute. Ein Geschütz! Er wusste, welchen Eindruck dies auf die Garikaner machen würde. Bald darauf sah man die Fourrageurs langsam aus dem Tal nach der Stadt herauskommen. Auch sie wurden umzingelt und entwaffnet. Wiedenburg bemerkte, dass Alia Wassi hierbei und bei allen seinen Anordnungen eine Klugheit und einen Scharfblick zeigte, die einem erfahrenen Militär Ehre gemacht haben würden.

So war diese erste Waffentat glänzend beendet. Ein Geschütz, zahlreiche Waffen und Munition waren erbeutet, zwölf Gefangene gemacht worden! Auf der Kaserne wehte das Banner von Garika, und Alia·Wassi traf Vorkehrungen, dieselbe besetzen und befestigen zu lassen. Denn Kureli bildete im Falle eines ersten Misslingens einen vortrefflichen Stützpunkt für den Rückzug nach dem westlichen Teil des Landes. Der Hauptvorteil aber war, dass der Ruhm dieser Waffentat sich mit Blitzesschnelle durch das ganze Land verbreiten würde. Die Einwohner von Kureli hatten gezeigt, dass sie die Russen hassten, die Enkel ihrer frühern Könige liebten und Mut besaßen. Mehr als hundert ihrer Männer erklärten sich bereit, Daniel Garika überallhin zu folgen; fünfzig schlossen sich sogleich der rückkehrenden Schar an. Den getöteten Garikaner trug man im Triumph nach seiner Heimat.

Ein Bote, der die Nachricht brachte, dass auf Garika nichts Besonderes vorgefallen sei, begegnete den Rückkehrenden und meldete, dass die Fremden sich nach Dari begeben hätten. Daraufhin beschlossen George und Wiedenburg, nach Dari zu reiten und Mr. Hywell und seine Tochter dort zu begrüßen. Daniel erbot sich, ihnen den Weg zu zeigen; vielleicht wollte er auch nur Sophia wiedersehen. Man ritt scharf nach Dari und langte wenige Minuten nach der Ankunft Mr. Hywells, seiner Tochter und Johnnys dort an. Daniel und George baten Nina, sich Marys anzunehmen. Auch Sophia zeigte sich. Sie zuckte spöttisch die Achseln, als Daniel, nicht ohne Übertreibung, ihr die Waffentat von Kureli mitteilte. Doch war sie aufmerksam gegen Mary und freundlich gegen George.

Die nächsten Tage vergingen für George in einer Aufregung und Spannung, wie nur so außerordentliche Verhältnisse sie erzeugen konnten. Es schien in der Tat, als ob alles den Aufstand begünstige. Täglich kamen Hunderte von Streitern aus allen Teilen des Landes, namentlich aus den westlichen Gegenden. Die Türken sendeten die Botschaft, dass sie Waffen schicken und so bald als möglich ein Corps detachieren würden, das mit den Garikanern gemeinschaftlich handeln solle. Von den Russen hörte man nichts. Auf allen Punkten bedrängt, mussten sie für den Augenblick zufrieden sein, sich in ihren Stellungen zu behaupten. Schon waren über zwei tausend Streiter in Garika versammelt, und die herbeiziehenden Scharen verkündeten, dass sie nur einen Vortrab für diejenigen bildeten, die nachkommen würden.

Die Inspektion dieser Streiter, die Sorge für Bewaffnung und Unterhalt nahmen Alias und Georges ganze Kraft und Zeit in Anspruch. Daniel war zu solchen Dingen unbrauchbar. Er verbrachte seine Tage damit, von einem Ort zum andern zu reiten und·sich huldigen zu lassen. Einzelne seiner eigenmächtigen Anordnungen konnten Alia und George nur mit Mühe rückgängig machen.

Es zeigte sich mehr und mehr, dass er ein Despot sei. Er brauste auf und drohte mit dem Degen, wenn nicht augenblicklich alles nach seinem Willen geschah. Es war also dem Bruder und Alia ganz recht, wenn sich Daniel von Garika fernhielt. Die größte Sorge des neuen Königs war, seine Truppen womöglich zu uniformieren. Aber das ließ sich nicht tun. Daniel, sonst ziemlich mäßig, trank jetzt viel. Er schien sich betäuben zu wollen. Es fehlte ihm die Begeisterung, die den Sieg erwartet und im Falle einer Niederlage den Tod für ein Glück hält. Gegen George blieb er kalt; es verdross ihn, dass man diesem ebenso viel, ja mehr Ehre erwies als ihm.

Alia schien er zu fürchten. Er fügte sich den Anordnungen desselben, aber nur grollend. Seine Miene verriet, dass er den Augenblick herbeisehne, in welchem er sich dieses lästigen Dieners entledigen könne.

Vom Sonnenaufgang bis zum Spätnachmittag inspizierte George die Truppen und übte sie im Waffendienst. Mr. Hywell und Wiedenburg leisteten ihm oft dabei Gesellschaft. Dann aber, pünktlich um dieselbe Zeit, ritt George hinüber nach Dari, um Mary und seine Schwester zu besuchen.

So unruhig es in Garika geworden, so still und friedlich war es in Dari geblieben. Sophia hatte ihren Wunsch, nach Tiflis geleitet zu werden, zuweilen wiederholt, doch ohne drängen. Die Anwesenheit Marys brachte Abwechslung in das bis dahin einförmige Dasein, und Sophia zeigte sich der jungen Engländerin von ihrer liebenswürdigsten Seite. Es schien, als wolle sie auf die Fremden einen möglichst guten Eindruck machen, und da ihr Wille von einem Geiste unterstützt wurde, der blendete, ohne freilich tief zu sein, so gelang ihr dies, wenigstens bei Mary, die viel zu unbefangen war, um den Charakter Sophias von vorneherein durchschauen zu können. Auch war Mary froh, endlich einmal wieder in der Umgebung von Wesen zu sein, die wenigstens im Allgemeinen den Ansprüchen genügten, die sie an Frauen stellte, dass sie unwillkürlich manches übersah, was ihrem feinen Gefühl sonst missfallen haben würde. Eigentümlich war es für den Beobachter, die einfache, seit den letzten Tagen sehr traurige Nina, die sanfte, anmutige Mary mit ihren schönen und regelmäßigen Zügen und die lebhafte, aufmerksame und gesprächige Sophia auf der Terrasse sitzen oder promenieren zu sehen. Offenbar fühlte Sophia in Mary die edlere, die feinere Natur und bemühte sich, dieselbe durch Geist und Lebendigkeit wenigstens für Minuten zu überflügeln. War Daniel nicht zugegen, in dessen Gegenwart Sophia gewöhnlich einen bitteren und verletzenden Spott über die »neuen Könige und Weltverbesserer« anstimmte, so entwickelte sich meist zwischen Sophia und Mary auf der einen und Wiedenburg und George auf der anderen Seite eine lebhafte und angenehme Unterhaltung. Dann ließ Sophia ihren Geist sprühen und wusste auch Mary zum Scherz mit fortzureißen. Sie schien nicht übel Lust zu haben, Wiedenburg und George in ihre Fesseln zu schlagen, und verriet, als ihr dies trotz der Aufmerksamkeit, die ihr die Herren bezeigten, nicht recht gelingen wollte, ihren Unmut durch feinen Sport über die Männer, die nur Idealen nachjagten. Mit ihrem scharfen Blick schien sie bemerkt zu haben, was Mary selbst vielleicht nicht wusste, dass diese für Edmund Wiedenburg mehr fühlte als für George, und sie deutete einmal an, dass es lächerlich sei, den Phantomen von Ruhm und Glanz nachzujagen und sich inzwischen das irdische Paradies einer schönen Frau durch einen anderen rauben zu lassen. Aber George war zu einfachen Sinnes, und darauf zu achten, ja, es muss gesagt werden, auch in ihm, dem Manne von so edlem Geiste, schlummerte etwas von jenem orientalischen Selbstbewusstsein und aristokratischen Stolze, der an keinen Nebenbuhler denkt. Zwar achtete er Wiedenburg sehr hoch, aber ob er im Ernst glaubte, dass Mary den einfachen Kaufmann ihm, dem Enkel von Königen, der jetzt im Glanze seiner Abstammung und der ersten Erfolge prangte, vorziehen könne, wir bezweifeln es. Wenn er schüchtern, befangen, unsicher gegenüber Mary war, so erklärte sich dies einfach aus dem Verhältnisse, in welchem er bisher zu ihr gestanden, und aus der ungemeinen, schwärmerischen Verehrung, die er für sie fühlte. Mary schien ihn zu schön, zu hoch für jeden Mann. Die Nähe eines Nebenbuhlers würde ihm vielleicht eher Mut gegeben, sein Selbstbewusstsein gereizt haben. Gerade jetzt aber war das Betragen Wiedenburgs so ruhig, so zurückhaltend, dass Georges Eifersucht vollkommen in den Schlaf gewiegt wurde. Ob ihn Mary liebe, daran zweifelte er. Dass sie ihm Wiedenburg vorziehen könne, daran dachte er nicht.

Am liebsten war er mit Mary allein, führte sie durch den Park, sprach mit ihr von der Vergangenheit, mehr noch von den Plänen für die Zukunft. Mary lauschte ihm mit Aufmerksamkeit und ging mit aufrichtiger Teilnahme, mit schwesterlicher Innigkeit auf seine Pläne ein. Sie wusste, wie sehr sie von ihm geliebt wurde, aber sie dachte an keine andere Liebe als diejenige des Knaben, mit dem sie in England auf dem väterlichen Landgut durch Feld und Wald gestreift war. Sie kannte sein treues, aufrichtiges Gemüt, und sie wusste, dass sie lange von ihm getrennt würde, vielleicht für immer, denn wer konnte voraussehen, welchem Schicksal George entgegenging! Das gab ihrem Wesen, wenn sie mit ihm allein war, eine hingebende Weichheit und Innigkeit, die George mit Entzücken und Zuversicht erfüllte und selbst Wiedenburg, wenn er sie zuweilen aus der Ferne beobachtete, täuschte. Es schien dem jungen Deutschen jetzt, als ob er das Gefühl Marys für George doch nicht richtig beurteilt habe, oder als ob das, was früher nur Freundschaft gewesen, jetzt allmählich in ein innigeres Gefühl übergehe. Aber so schwer diese allmählich wachsende Überzeugung auf ihm lastete – denn jetzt erst recht fühlte er, wie teuer ihm Mary war – so zeigte sich der Druck, der sein Herz beschwerte, doch nur in seinen mehr als gewöhnlich ernsten Zügen und in dem Wunsche, den er jetzt öfter als früher gegen Mr. Hywell aussprach, dass er nun bald in Wien sein und über unablässiger Arbeit dieses bunte, schillernde Wanderleben vergessen möge. Wiedenburg gehörte zu den seltenen Naturen, die von Grund des Herzens bescheiden sind und bei anderen zuerst die Vorzüge, bei sich selbst die Schwächen sehen. Wenn George Pläne glückten, was war er dann im Vergleich mit dem schönen, von der Natur so reich begabten George? War ihm George nicht ohnehin schon überlegen? Wie nun erst, wenn ihn Reichtum, Glanz und der Lorbeer des Sieges schmückten? Sein Herz flüsterte ihm wohl zuweilen zu, dass dies alles für ein Wesen wie Mary keinen Reiz habe, aber sein Verstand sagte ihm immer wieder, dass George auch an und für sich liebenswürdig sei, und dass nur die Eifersucht ihm einflüstern wolle, sie werde hier nicht glücklich sein, sich nicht in diese ihr so fremden Verhältnisse finden können.

Indessen sollte das, was diesen Tagen in Georges Augen den höchsten Reiz verlieh, die Anwesenheit Marys, nicht mehr lange währen. Mr. Hywell bestand zu Georges Verzweiflung fest auf seinem Vorsatze, an einem bestimmten Tage nach der Küste aufzubrechen. Es war allgemein bekannt, dass einige englische Schiffe dort fortwährend kreuzten. Mit diesen war eine Verständigung leicht möglich, und Mr. Hywell sehnte sich zu sehr danach, wieder auf englischem Grund und Boden – und darunter verstand er auch ein englisches Schiff – zu sein, um nicht an seinem Entschlusse festzuhalten. Die Möglichkeit eines russischen Überfalls konnte George, sosehr er auch von seinem Siege überzeugt war, nicht in Abrede stellen. Und welchen Gefahren waren dann die Damen und namentlich Mary, die Tochter eines Engländers, den man jetzt gewiss für einen Bundesgenossen Georges hielt, ausgesetzt! George sah ein, dass er Mr. Hywell und Mary nicht länger zurückhalten könne.

Es war an einem Sonnabend. Am nächsten Montag sollte Mary mit ihrem Vater und Wiedenburg Dari verlassen. Eine starke Schar Garikaner sollte sie bis Kutais, im Notfall bis zur Küste geleiten. Jetzt gerade war Georges Anwesenheit in Garika durchaus notwendig. Es hieß allgemein, dass die Tschetschenzen, nachdem sie heiß mit den Russen gefochten, sich den Karassu hinaufzögen. Man konnte also die Ankunft einer Schar von Tschetschenzen täglich erwarten, und noch wusste man nicht, wie dieselben sich zu den Garikanern stellen würden. George musste also auf die schmerzliche Freude verzichten, Mary am Montag noch eine Strecke weit zu geleiten. Die Minuten, die er in Marys Nähe zubringen konnte, wurden kostbar. Und sollte er sie nicht benutzen? Sollte er das entscheidende Wort nicht wagen?

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
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546 s. 27 illüstrasyon
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