Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.
Kitabı oku: «Der Held von Garika», sayfa 17
IV. Bei Schamyl
Alia Wassi und Daniel waren herbeigekommen. Die wenigen Worte, die Edmund Wiedenburg ihnen zurief, genügten, auch sie in starre Bestürzung zu versetzen. Das Schweigen dieser fünf Männer, ihre bleichen Mienen bildeten einen seltsamen und unheimlichen Gegensatz zu dem freudigen Lärm, der auf dem Hügel von Garika ertönte. Im Vergleich zu den unruhig hin und her wogenden Massen der Garikaner bildeten diese fünf erstarrten Männer eine Gruppe des Entsetzens; es war, als ob sie stumm und blind seien für das, was um sie herum vorgehe, als ob sie versteinert worden.
In Georges Zügen vor allen zeigte sich eine vollkommene Lähmung des Schreckens. Er wagte nicht aufzublicken; sein Auge starrte auf den Boden. Konnte sein Blick jemals wieder demjenigen Mr. Hywells begegnen? War nicht sein väterlicher Freund mit Mary nur um seinetwillen hierhergekommen? Wären nicht beide längst in Sicherheit gewesen, wenn er sie nicht durch seine dringenden Bitten bewogen, noch einige Tage zu bleiben? Er hätte sich freilich sagen können, dass keine menschliche Voraussicht derartige Fälle zu berechnen imstande sei, aber in seinem augenblicklichen Entsetzen fühlte er sich als den alleinigen Urheber dieses Unglücks.
»Warum hat mich nicht eine Kugel getroffen!« murmelte er dumpf vor sich hin.
»Und auch Sophia ist fortgeführt?« fragte Daniel, als könne er es noch nicht glauben.
»Ja, die drei Damen. die Kinder und, wie es scheint, die Mehrzahl der Dienerinnen«, antwortete Wiedenburg.
»Wir haben nicht so genaue Nachforschung halten können, es genügte uns, das Schloss verheert zu finden und die Räuber in weiter Ferne zu sehen, wie sie ihre Beute nach dem Norden entführten. Glücklicherweise waren wir zu Pferde. Wir hatten den Hirsch, der uns leider von Dari fortgelockt, zu Pferde verfolgt. Ich wende mich an Alia Wassi, als denjenigen, der dieses Land am genauesten kennt. Fragen Sie ihn, George, was er uns zu tun rät.«
George richtete die Frage mechanisch und ohne aufzublicken an den alten Mann.
»Den Tschetschenzen in ihre Berge zu folgen, scheint mir unmöglich und unzweckmäßig, da wir bis zu diesem Augenblick noch gar nicht wissen, wohin sich die Tschetschenzen gewendet haben können«, antwortete Alia Wassi. »Für das Leben der Gefangenen ist nicht das Geringste zu fürchten, wenn ihnen nicht irgendein Unfall auf den Gebirgswegen zustößt. Die Tschetschenzen haben ohne Zweifel noch nicht gewusst, dass Garika im Kriege mit den Russen ist; sie haben geglaubt, die Frau, die Schwester und die Kinder Michael Brazows seien eine gute Beute und sie werden ein hohes Lösegeld fordern. Derartige Fälle sind mehrfach vorgekommen; alles, was wir jetzt tun können, ist, einen Boten abzusenden, der es versuchen soll, Schamyl selbst aufzufinden und ihm die Lage der Dinge so vorzustellen, wie sie in Wirklichkeit ist. Die Tochter des englischen Herrn wird dann mit ihren Dienerinnen ohne Zweifel sehr bald und gegen ein sehr geringes Lösegeld freigegeben werden; anders wird es mit Nina und der Schwester Michael Brazows sein. Sage Deinem englischen Freunde, Giorgi, dass er weder für das Leben, noch für die Sicherheit und Ehre seiner Tochter etwas zu fürchten hat. Die Tschetschenzen rauben solche Frauen nur um des Lösegeldes willen. Sie sind zu klug und auch zu gleichgültig gegen vornehme Frauen, um mehr von ihnen zu verlangen, als dass sie ihnen gutwillig folgen und keinen Versuch zur Flucht machen.«
George zögerte, ehe er es wagte, Mr. Hywell anzureden, und als er es tat, zitterte seine Stimme.
»Mein Vater«, sagte er, »das Leben hat für mich keinen Wert, wenn ich nicht Mary in Sicherheit weiß. Selbst mein Vaterland steht mir fern, wenn ich die Freiheit desselben auf Kosten der Ruhe Marys erringen soll; alle meine Bemühungen werden sich darauf richten, Ihnen Mary wieder zuzuführen. Ich fühle die Verpflichtung dazu; ich muss es tun, denn ich weiß, dass ich schuld an diesem Unglück bin.«
»Hier ist niemand schuld, George«, sagte Mr. Hywell tonlos. »Das Schicksal will mich prüfen. Sage mir nur, was der alte Mann geantwortet hat, und ob ich zittern muss, oder ob ich hoffen darf.«
Georg berichtete schnell die Ansicht Alias Es leuchtete ein, dass sie die richtige sei. Seit Menschengedenken hatte man nicht gehört, dass ein Fall roher Gewalttätigkeit gegen fremde Frauen von Seiten der Tschetschenzen sich ereignet. Sie wollten Lösegeld erpressen, das lag klar auf der Hand. Aber ist deshalb das Herz eines Vaters weniger bewegt, wenn er seine zarte Tochter in den Händen von Männern weist, deren Sitten man ebenso wohl roh als rau nennen kann? Welche Möglichkeiten des Unglücks bietet eine solche gewaltsame Entführung und Gefangenschaft dar! Und was die düstere Verzweiflung noch erhöhte: bis jetzt war er der Genosse Marys in ihren Leiden gewesen, hatte er ihr zur Seite gestanden, war er entschlossen gewesen, sie eher zu töten, als verderben zu lassen. Jetzt aber war sie allein, sich selbst überlassen, ohne die hohe moralische Unterstützung, welche die Gegenwart eines Vaters verleiht. Kaum hergestellt von einer fast tödlichen Krankheit, war sie imstande, diese neuen geistigen und körperlichen Anstrengungen zu ertragen?
Mr. Hywell fühlte, um wie viel schwerer dieser Schlag ihn traf als alle frühern, weil Mary von ihm getrennt war. Musste nicht Mary ebenfalls jetzt heftiger als je erschüttert werden?
Und was er fühlte, fühlten auch George und Edmund, nur dass bei ihnen der heimlich bohrende Schmerz des Vaterherzens durch die glühende, eifersüchtige, selbst rachdürstige Aufwallung der Liebe ersetzt wurde, bei Wiedenburg in scheinbar geringerem Maße, da seine Natur ernster und zurückhaltender war, bei George lebhafter, denn die unruhige Beweglichkeit, die seine Züge jetzt angenommen hatten, zeigte bereits den Kampf, der in seinem Innern stattfand.
Indessen, so viel und so eingehend jetzt auch beratschlagt wurde, auf eins kamen alle Überlegungen hinaus: eine augenblickliche Verfolgung konnte nicht stattfinden. Jeder einzelne von den Männern, mit Ausnahme Alia Wassis, würde sehr gern einen Zug in das Gebirge unternommen haben. Auch an Daniels Unruhe bemerkte man, dass ihm Sophias Schicksal nicht gleichgültig war. Aber alle mussten sich den Einreden Alia Wassis fügen, der das Hilfsmittel, einen Kundschafter zu Schamyl zu senden, für das einzig zweckmäßige und mögliche erklärte. Er schlug zu diesem Zwecke einen Mann vor, den er freilich sehr ungern entbehrte, da er tüchtig, gewandt und tapfer war, der sich aber vortrefflich zu diesem Zweck eignete, da er einige Jahre in der Gefangenschaft bei den Tschetschenzen gelebt hatte. George erbot sich, denselben zu begleiten. Davon aber wollte Alia Wassi nichts wissen, und seine Miene wurde düster, als George nicht sogleich von seinen Bitten abstand.
»So groß das Unglück auch ist«, sagte er in der Landessprache zu George, »so ist es doch eine Kleinigkeit im Verhältnis zu dem Schaden, den Deine Abwesenheit uns bringen würde. Was sollten die Garikaner von ihrem Führer denken, wenn er einem jungen Mädchen nachliefe, das sich in keiner andern Gefahr befindet, als einige Monate bei den Tschetschenzen zubringen zu müssen! Die Fremde ist Deine Schwester, gut, aber die Garikaner sind Deine Brüder, und es sind ihrer Tausende, während jene nur eine ist. Sei unbesorgt; wenn Dein Pflegevater reich ist, so wird seine Tochter in wenigen Wochen oder Monaten frei sein. Aber Garika wird nur frei, wenn wir alle auf Tod und Leben kämpfen. Oder glaubst Du, die Russen und namentlich der Major würden ihre heutige Niederlage vergessen? Der Kampf hat erst begonnen, Du am wenigsten darfst fehlen!«
George beugte sein Haupt vor diesen schwerwiegenden Gründen, aber sein Herz zuckte deshalb nicht weniger schmerzlich. Er beruhigte sich auch nicht, als Mr. Hywell ungefähr in demselben Sinne sprach und nichts davon wissen wollte, dass George seine Garikaner auch nur auf eine Stunde verlassen solle. Sein Herz war nun einmal zerrissen. Auf der einen Seite bestürmten es die Pflichten gegen sein Vaterland, auf der andern verzehrte es die Sehnsucht, Mary zu befreien und Mr. Hywell wieder glücklich zu sehen. Es begann für ihn ein fortdauernder qualvoller Kampf, der nur mit der Befreiung Marys oder mit seinem Tode enden zu können schien.
Gehen wir schnell hinweg über die nächsten Ereignisse. Der Kundschafter, namens Kalursi, wurde noch an demselben Tage ausgeschickt, vorher genau instruiert von Alia Wassi und versehen mit einem Briefe an Schamyl, den der sprachenkundige Alia Wassi verfasst hatte. Mr. Hywell und Wiedenburg siedelten nach Garika über. Der erstere hielt es im Interesse seiner Tochter, die möglicherweise von einem russischen Corps bei der Verfolgung der Tschetschenzen gefangen werden konnte, für seine Pflicht, an den Generalgouverneur von Kaukasien zu schreiben und ihm die Sachlage, sowie sein Verhältnis zu George Garika genau auseinanderzusetzen. Auf diese Weise konnte auch Michael Brazow, dessen augenblicklichen Aufenthalt man nicht kannte, durch den Gouverneur von dem Vorgefallenen unterrichtet werden.
Die Lage auf Garika änderte sich nicht. Die Zuzüge wurden spärlicher. Von der Annäherung russischer Truppen hörte man bis jetzt nichts. Unbestimmte Gerüchte von Siegen und Niederlagen der Türken oder Russen drangen bis nach Garika. Alia Wassi erhielt von einem Freunde aus Tiflis die Mitteilung, dass die Russen alle ihre Streitkräfte gegen die Türken verwenden müssten und überhaupt auf den Aufstand bis jetzt kein großes Gewicht legten, da derselbe noch keine große Ausdehnung gewonnen. Von Schamyl sah und hörte man nichts mehr. Sein Zug schien nur einer seiner gewöhnlichen Raubzüge gewesen zu sein. Hatte er die Absicht gehabt, Tiflis zu nehmen, so war dieselbe vereitelt worden. George war nicht gut auf den Tschetschenzenführer zu sprechen, der die günstige Gelegenheit, die Russen zu vernichten, unbenutzt vorübergehen ließ und sich damit begnügte, zu plündern und zu schrecken. Alia Wassi sagte ihm wiederholt, dass von Schamyl nicht eher etwas zu erwarten sei, als bis ihm auch von den Türken und Franken die Unabhängigkeit garantiert worden und Russlands Kraft gebrochen sei.
So verstrichen ungefähr vierzehn Tage in banger, unheimlicher Erwartung. Garika und Kureli waren von Alia Wassi stark befestigt, die Schar der Garikaner, die sich jetzt auf ungefähr dreitausend belief, so gut als möglich bewaffnet worden. Mr. Hywell hatte nach Sinope an Wiedenburg und nach Konstantinopel Briefe gesandt, in welchen er seine Freunde bat, ihm möglichst viel bares Geld bereit zu halten. Diese Briefe nebst einem andern an den englischen Gesandten in Konstantinopel wurden von einem geschickten Boten in das türkische Lager getragen, um von dort aus weiterbefördert zu werden.
Nach Ablauf jener vierzehn Tage kehrte Kalursi zurück. Er erzählte viel von den Fährlichkeiten, die er überstanden, und brachte ein Schreiben Schamyls an Alia Wassi. In diesem wünschte der Tschetschenzenführer dem Greise Glück zu seiner siegreichen Erhebung gegen die Russen, bedauerte die Gefangennehmung der Engländerin, fügte aber hinzu, dass er für sie ein Lösegeld von zwanzigtausend Rubeln in Silber beanspruchen müsse, da seine Kasse erschöpft und der Vater der Engländerin, wie er gehört, ein reicher Mann sei. Kalursi berichtete, dass ein anderer Brief nach Tiflis gesendet worden sei, in welchem der Graf Brazow aufgefordert wurde, für seine Frau, seine Schwester und seine Kinder eine Summe von fünfzigtausend Rubeln in barem Silber zu zahlen, eine Summe, die, wenn man bedenkt, wie selten das bare Silber zur Kriegszeit sein musste, fast unerschwinglich schien. Mr. Hywell war natürlich gern bereit, alles zu geben, was Schamyl verlangte. Die Schwierigkeit bestand nur darin, zwanzigtausend klingende Silberrubel schnell herbeizuschaffen. Kalursi wurde abermals abgesendet, mit der Anfrage, ob Schamyl nicht wenigstens einen Teil der Summe in Anweisungen auf Konstantinopel und Erzerum nehmen wolle. Abermals vergingen vierzehn Tage. Die Antwort Schamyls lautete ablehnend. Für den Tschetschenzenführer hatte nur das bare Geld Wert, Anweisungen waren für ihn sehr schwer zu realisieren. Dagegen brachte der Bote etwas anderes, was Mr. Hywell mit hoher Freude erfüllte: ein Päckchen Papierblätter, beschrieben von Marys Hand und von ihr selbst dem Kundschafter zugestellt. Es war in der Absicht geschrieben, ihrem Vater, wenn sich Gelegenheit dazu biete, Nachricht von ihrem Schicksal zu geben, zuweilen in Form eines Tagebuchs, zuweilen in Briefform, teils mit Bleistift, teils mit Tinte. Wir teilen den Inhalt dieser Blätter mit wenigen Auslassungen mit, da sie ein aus unmittelbarer Anschauung gewonnenes Bild der häuslichen Verhältnisse Schamyls und zum Teil auch der innern Einrichtungen der Tschetschenzen bieten.
»Es war acht Uhr morgens. Ich hatte soeben nach meiner Uhr gesehen und verließ mein Zimmer, um nach der Terrasse zu gehen, auf der ich gemeinschaftlich mit der Comtesse Sophia und der Gräfin Brazow, auch, wie ich hoffte, gemeinsam mit meinem Vater und Mr. Wiedenburg den Kaffee trinken wollte. Es war ein schöner Morgen. Sophia und Nina saßen unter der Laube am Kaffeetisch. Die erstere sagte mir, dass sie gesehen, wie mein Vater und Mr. Wiedenburg ihre Pferde bestiegen, und dass sie gehört, dieselben wollten einen Hirsch verfolgen. Ich hatte mich soeben niedergesetzt, als eine Dienerin über uns ein Fenster öffnete und mehrmals ein Wort rief, das mir klang wie Modiane, Modiane. Sophia und Nina erhoben sich schnell; es wurden hastig einige Worte zwischen ihnen und der Dienerin gewechselt. Dann rief mir Sophia zu, dass die Dienerin behaupte, die Tschetschenzen seien über den Karassu gegangen und kämen auf Dari zu, dass sie es aber noch nicht glauben könne. Beide eilten darauf in das Innere des Schlosses, und da ich meinerseits nicht wusste, was ich beginnen sollte, so folgte ich ihnen auf dem Fuße. Wir gelangten auf diese Weise bis zu einem turmähnlichen Teile des Schlosses, von dessen Plattform aus wir Dari und das Tal des Karassu ganz deutlich überschauen konnten. Schon der erste Blick verriet uns, dass die Dienerin mit ihrem Rufe: ›Modiane!‹ (Sie kommen!) Recht gehabt. Eine Schar von vielleicht zweihundert Reitern kam den Berg herauf; eine andere Schar war in Dari zurückgeblieben, um es zu plündern. Die Tschetschenzen, denn dass es solche und nicht russische Reiter seien, ließ sich sogleich erkennen –, waren kaum noch fünf Minuten vorn Schlosse entfernt. Kein Wunder also, wenn wir alle im ersten Augenblick wie erstarrt standen.
›In den Wald! Retten wir unsere Kostbarkeiten und flüchten wir in den Wald!‹ rief die Comtesse Sophia.
›Meine Kinder, meine Kinder!‹ rief Nina Brazow. ›Ich bleibe bei ihnen.‹ –
›Nun, wir nehmen sie mit uns!‹ rief Sophia. ›Nur schnell! In den Wald werden sie uns nicht folgen!‹
Ich zweifle nicht daran, dass der Rat, welchen uns die Comtesse gab, der einzig vernünftige war. Wenn wir in einen unzugänglichen Teil des Waldes flohen, so hätten wir, wenn wir auch einen Teil unserer Habe den Plünderern preisgaben, gewiss unsere Freiheit gerettet. Aber dieser Entschluss hätte unmittelbar, nachdem er gefasst, ausgeführt werden müssen. Noch zögerten wir jedoch. Auch die Comtesse Sophia schien nur ungern zu fliehen. Vielleicht hatte sie dieselbe Idee, die auch mir durch den Sinn fuhr, dass wir nämlich die Tschetschenzen durch die Erklärung, Garika und Dari seien im Kriege mit Russland, von Plünderung und Gewalttätigkeiten abhalten könnten. Inzwischen hörten wir bereits das Jammergeschrei der Dienerinnen. Diener, welche Widerstand hätten leisten können, befanden sich fast gar nicht auf dem Schlosse, da sie nach Garika beordert worden. Auch hätte ihr Widerstand nichts genützt. Mit dem Rufe: ›Meine Kinder!‹ eilte Nina Brazow zuerst fort. ›Nehmen Sie in Eile, was Sie finden können‹, rief mir die Comtesse zu, ›und treffen Sie mich dann auf der Terrasse!‹
Damit verschwand auch sie. Ich suchte mein Zimmer zu erreichen, was mir aber nicht leicht ward, da ich mich aus diesem Teile des weitläufig und winklig gebauten Schlosses gar nicht herauszufinden wusste. Endlich fand ich meine Tür. Ich nahm; was mir das Wichtigste schien: ein Bild meiner Mutter, meine Börse, mein Notizbuch. Dann aber wurde ich zweifelhaft, was ich nun noch weiter nehmen solle. Alles schien mir gleich wichtig. Plötzlich fiel mir ein, dass es vielleicht besser sei, das Bild nicht zu nehmen, da man es mir gewiss rauben würde, wenn man mich gefangen nähme, und ich schob es unter einen Schrank. Mein Reiseetui mit allerlei Kleinigkeiten stand gerade vor mir. Ich nahm es, da mir in den Sinn kam, dass man gerade die Kleinigkeiten des Lebens oft am schwersten entbehrt. So eilte ich der Terrasse zu. Dort fand ich bereits Sophia, die verschiedene Gegenstände, unter ihnen einen großen Schal und ein Terzerol trug. Sie rief mit lauter Stimme nach Nina. Wir hörten die Kinder schreien. Sophia stampfte mit dem Fuße auf die Erde. ›Kommen Sie!‹ rief sie. ›Wir können auf meine Schwägerin nicht warten. Ich kenne die Gegend gut genug.‹ Sie eilte über die oberste Terrasse und ich folgte ihr. Aber plötzlich sahen wir einige Reiter am Fuß der Terrasse im Park. Die Tschetschenzen hatten vermutlich unsere Flucht vorausgesehen und sie verhindern wollen. Wir standen erschreckt still. ›Nun hilft’s nicht mehr‹, sagte Sophia. ›Wir müssen bleiben und, was uns lieb ist, verbergen. Denn vielleicht ist es nur auf eine Plünderung abgesehen, obwohl die Tschetschenzen in neuerer Zeit auch die Frauen mit fortführen.‹
›Wie? Die Frauen? Uns?‹ rief ich tödlich erschreckt.
›Ja. Man gibt sie dann nur gegen Lösegeld zurück‹, antwortete die Comtesse. ›Seien Sie auf alles gefasst. Im Übrigen, sagt man, täten die Tschetschenzen den Frauen nichts zuleide!‹
Der Gedanke, von meinem Vater getrennt zu· werden, erfüllte mich mit entsetzlicher Angst. ›Vater, mein Vater‹ –rief ich, so laut ich konnte. Aber schon nahm die Comtesse meinen Arm und zog mich mit fort.
›Kommen Sie hinein‹, sagte sie. ›Es ist besser, wir empfangen diese Gäste im Innern und gemeinschaftlich.‹
Im Erdgeschoss des Schlosses ist auf der Gartenseite ein großer Raum, früher wahrscheinlich eine Waffenhalle, jetzt zum Aufenthalt der Diener bestimmt, welche die fremden Gäste begleiten. Aus diesem Raume hörten wir Ninas Stimme und Sophia eilte dorthin. Ich konnte ihr kaum folgen, da der Gedanke an die Möglichkeit, von hier fortgeführt zu werden, mich fast gelähmt hatte. An dieser Lähmung fühlte ich, dass ich meine Kräfte nach der Krankheit doch noch nicht in ihrem ganzen Maße wiedergewonnen, denn niemals hatte ich während all der traurigen Abenteuer bei den Kurden eine solche körperliche Schwäche gefühlt. Doch währte dieselbe nicht lange. Ich habe immer gefunden, dass die Furcht vor der Gefahr mich mit größerem Schrecken erfüllt als der Anblick der vorhandenen Gefahr. Die letztere erfordert Widerstand und stählt dadurch meine Kraft.
Als wir in jenen Raum eintraten, fanden wir die hintere Hälfte desselben angefüllt mit unsern Dienerinnen, den eingeborenen Dienern und einigen Kindern. Unsere englischen Diener und Mr. Wiedenburgs Diener standen mit ihren Gewehren im Arm an der Tür. Sobald Sophia sie erblickte, rief sie ihnen in englischer Sprache, die sie gut spricht, zu, sie möchten um Himmels willen·die Gewehre wegstellen. Widerstand sei ganz vergebens und würde uns nur in größere Gefahr bringen. Die Diener gehorchten schweigend und widerwillig. Auch Nina bemerkten wir jetzt. Sie hatte in jedem Arm eins ihrer Kinder. Die Dienerinnen hatten sich vor sie gestellt, gleichsam um sie zu schützen, ein neuer Beweis, dass sie ein gutes Herz hat und die Liebe ihrer Untergebenen besitzt. Sie trat jetzt vor und fragte Sophia, was zu tun sei. Es schien mir, als sei sie ruhiger und gefasster geworden, seit sie ihre Kinder so nahe bei sich sah.
›Schließen wir die Tür!‹ sagte Sophia. ›Vielleicht haben wir Zeit, einige Worte mit den Tschetschenzen zu sprechen. Sagen Sie ihnen, Nina, dass dieses Land im Augenblick kein russisches mehr ist. Im Kriege gilt jede List.‹
Die Tür wurde von innen verriegelt. Die Diener schoben einige Bänke und Schemel vor dieselbe. Dann trat eine tiefe Stille ein. Ich stand neben Nina und Sophia, in banger Erwartung dem Ausgang oder vielmehr dem Beginn dieses Abenteuers entgegensehend. Plötzlich wurde es im Schlosse lebendig. Es widerhallte von Schritten und Rufen. Es mochten nicht viel über hundert Tschetschenzen in dem Schlosse sein, aber es war, als ob Tausende ihr Wesen trieben. Einige Männer mit spitzen Mützen und Flinten in den Händen erschienen an den Fenstern. Man wusste also, wo wir waren, und bewachte uns. Das Gefühl der Gräfin und das ihrer Schwägerin mochte noch düsterer sein als das meine. Wenn man mir meine Habe raubte, so war dies ein Unglücksfall, der mir bereits einmal bei den Kurden widerfahren, den ich mit Ruhe ertragen und dessen Nachteile leicht wiedergutgemacht werden konnten. Aber für Nina und Sophia Brazow handelte es sich um die Plünderung und vielleicht Zerstörung ihrer Heimat, um den Verlust von hundert Gegenständen, die ihnen durch die tägliche Gewohnheit lieb geworden. In diesem Wanderleben, das ich nun schon fast seit einem Jahre führte, hatte ich auf das Heimatsgefühl verzichten gelernt, wenn ich mich auch umso stärker nach meiner wirklichen Heimat sehnte. Es gab in meinem Herzen etwas, das einer dumpfen Resignation nahekam. Dieser Himmel war mir überhaupt fremd; was lag also daran, ob er fünfzig Meilen näher oder ferner über mir glänzte! Nur der Gedanke der Trennung von meinem Vater durchschauerte mich; das war ein Elend, das ich bis dahin noch nicht kennengelernt hatte. Die Sehnsucht, er möge kommen und mein Schicksal teilen, kämpfte in mir mit dem Wunsche, dass er frei bleiben möge von dem Anblick und den Folgen dieses Auftritts. Aber wenn es vielleicht auch Unrecht war, so behielt jene erstere Sehnsucht doch das Übergewicht in meinem Herzen. Ich wusste ja auch, dass mein Vater unglücklicher sein werde, wenn er mein Schicksal nicht teilte, als wenn er gezwungen würde, mich zu begleiten.
Im Übrigen vertraute ich der Versicherung, die mir Sophia gegeben, und demjenigen, was ich über die Tschetschenzen gelesen. Ich wusste, dass sie die Freiheit der Person nicht achteten, wenn sie glaubten, aus einem Raube Nutzen ziehen zu können; aber ich hatte nie vernommen, dass sie den Herzen der Frauen hatten Gewalt antun wollen.
Diese Ungewissheit dauerte wohl eine halbe Stunde, vielleicht länger. Plötzlich näherte sich der Lärm unserer Tür. Man wollte sie öffnen und als man sie verriegelt fand, stieß man so heftig dagegen, dass sie aufsprang. Nun sahen wir eine verworrene Masse von Köpfen, spitzen Mützen und Flinten in der Tür erscheinen. Nina und Sophia waren auf die Tür zugetreten, wichen je doch bestürzt zurück, als die Bänke und Schemel mit Gewalt fortgeschleudert wurden. Die wenigen Worte, die zwischen Nina und den Tschetschenzen gewechselt wurden, verstand ich natürlich nicht. Ich erfuhr jedoch später ihren Inhalt.
›Was wollt Ihr?‹ rief Nina. ›Weshalb überfallt Ihr das Haus Eurer Freunde?‹
Und indem sie ihre Kinder an sich presste, versuchte sie mutig zu scheinen und würde auch den Eindruck einer mutigen Frau gemacht haben, wären nicht ihre sonst so frischen Wangen blass gewesen.
›Freunde?‹ rief ein junger Krieger. ›Seit wann sind denn die Russen unsere Freunde?‹
›Die Russen nicht, wohl aber die Garikaner!‹ antwortete Nina. ›Eure Verbündeten sind doch auch Eure Freunde?‹
›Wir haben davon gehört‹, rief derselbe junge Mann, der einer von den Führern zu sein schien. ›Aber wir wären Narren, daran zu glauben, und auf jeden Fall gehört dieses Haus einem Russen. Wir haben nicht viel Zeit, Männer. Lasst Euch nicht aufhalten!‹
Die Szene; die nun folgte, will ich nicht einmal mir in die Erinnerung zurückrufen, noch weniger mag ich sie schildern. Sie übertraf die schlimmsten Befürchtungen. Wie eine Schar Wilder stürzten sich diese Männer, deren zum Teil edle Gestalten und Gesichter mich Besseres hatten erwarten lassen, in den Saal und auf uns zu. In wenigen Minuten waren wir geplündert. Nie habe ich entsetzlichere Minuten erlebt. Ein Schrei der Verzweiflung aus dem Munde aller Frauen und Kinder erschütterte den Saal und ging dann über in ein wildes Jammern und Schreien. Meine Halskette, meine Uhr, meine Börse, mein Kästchen waren mir im Nu entrissen. Zum Glück schützte mich mein einfacher grauer Anzug vor dem viel traurigern Schicksal Ninas und Sophias, die nach einigen Minuten ihrer seidenen Kleider beraubt waren und sich vor Scham und ohnmächtiger Wut auf dem Boden niedergekauert hatten, um sich vor den fremden Männern und vor sich selbst zu verbergen. Es schien mir, als hätten wir alle nach diesem Beginn das Schlimmste zu fürchten. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich in jenen Minuten gedacht habe. Aber bei der Erinnerung an die unsägliche Qual, die mich ergriffen, ist es mir, als ob selbst jetzt noch mein Herz von einem Krampfe ergriffen werde. Ich weiß nicht, ob mir meine Besinnung geblieben, wäre, wenn diese Szene lange gedauert hätte. Ich war wie betäubt.
Zum Glück aber trieben die Barbaren ihr schmähliches Handwerk mit solcher Schnelle und Geschicklichkeit, dass sie schon nach drei oder vier Minuten nichts mehr zu rauben hatten. Wer nur irgendein kostbares oder auffälliges Kleidungsstück trug, verlor auch dieses. Meine Dienerinnen waren jedoch so glücklich wie ich. Ihre einfachen englischen Anzüge verlockten das Auge der Tschetschenzen nicht. Diese Plünderung war gleichsam ein Sturmwind, der alles vor sich niederwirft und jedes Gefühl des Widerstandes durch die plötzlich hervorgerufene Betäubung erstickt. Gesprochen war wenig worden. Jeder von den Tschetschenzen hatte genommen, was ihm zunächst war.
Die Menschen schienen gleichsam Puppen, die man plünderte. Jetzt ertönten einige schärfere Rufe. Gleich darauf ergriff mich einer von den Männern bei der Hand und zog mich mit sich fort. Da ich sah, dass man auch Nina und Sophia emporriss, so folgte ich freiwillig; allein wäre ich nicht gegangen. – Mein Führer ging so schnell, dass ich ihm kaum folgen konnte. Als wir im Freien waren, bildete man einen Kreis um uns und trieb uns mit Worten und Schlägen wie eine Herde Vieh vorwärts. Nina erhob jammernd ihre Stimme. Aber man rief ihr zu, sie möge schweigen; wenn ihr Mann sie lieb habe, so werde er sie bald auslösen. Nina wiederholte mir dies in französischer Sprache, und es beruhigte mich, da es meinen bereits wankend gewordenen Glauben, dass es nur auf eine Erpressung abgesehen sei, wiederherstellte. Die Tschetschenzen, mit allerlei nützlicher und unnützer, wertvoller und wertloser Beute beladen, erinnerten mich jetzt lebhaft an die Kurden nach unserer ersten Plünderung. Selbst in jenem Augenblicke, obwohl von ganz andern Empfindungen erfüllt, ging mir der Gedanke durch den Kopf, wie sehr verschieden diese Menschen in der Wirklichkeit von dem Bilde seien, welches wir uns gewöhnlich von ihnen entwerfen. Was ich später erfahren und gesehen, hat meine ersten Eindrücke im Allgemeinen nur bestätigt. Allerdings besteht ein Unterschied zwischen den Kurden und den Kaukasiern. Während jene nichts als ein Räubervolk sind, ohne eine andere Anhänglichkeit an ihre oft wechselnde Heimat als diejenige, die auch das Tier besitzt, das sein Nest verteidigt, handeln die Tschetschenzen nach einem bestimmten Plane und verteidigen ihre Freiheit und Unabhängigkeit mit einer Ausdauer, die ihnen die Bewunderung Europas erworben hat. Auch ist ihr Äußeres edler und freier; man findet unter ihnen wahre Heldengestalten, Männer von ritterlichem Anstand, die Königen zum Muster dienen könnten. Ihre Züge tragen fast den Stempel der reinsten Schönheit. Aber lieb habe ich sie nicht gewinnen können; selbst achten kann ich sie nicht. Die guten Eigenschaften, welche die meisten Naturvölker besitzen, werden bei ihnen aufgewogen durch ihren Hang zur Räuberei, ihren Eigennutz, ihre an Falschheit grenzende Schlauheit. Sie sind so, wie sie vor tausend Jahren gewesen sein mögen; zuweilen musste ich sie mit den alten Deutschen vergleichen, die ihre Unabhängigkeit gegen die Römer verteidigten. Aber so sehr ich auch die guten Seiten ihres Charakters, ihre Kraft und Entschlossenheit anerkennen muss, so fehlen ihnen doch diejenigen Eigenschaften, die nach unsern Begriffen den Helden machen, die Großmut nach dem Siege, die Milde des Herzens, der Adel des Gemüts. Sie hassen den Fremden; die Gastfreundschaft, die sie untereinander üben, die Treue, mit der sie aneinander hängen, sind gleichsam ererbte Eigenschaften, die sie ohne wahres Bewusstsein dessen, was sie tun, üben. Denn wären sie sich ihrer guten Handlungen bewusst, so würden sie auch die schlechten vermeiden lernen. Sie tun die letztern wie die erstern aus Gewohnheit und Instinkt. Der Politiker mag die Wichtigkeit dieser Kämpfer zu würdigen wissen; sie beschäftigen Russland im Süden und ihre Vernichtung würde gewiss zu beklagen sein, da sie ein von der Natur reich begabtes Volk in die Arme einer verderbten Zivilisation, wie die russische ist, führen würde, anstatt sie der wahren Kultur, der Ausbildung des Geistes und des Herzens zugänglich zu machen. Aber ich kann mich nicht für sie begeistern. Selbst wenn ich von dem persönlichen Missgeschick absehe, das mir widerfahren, muss ich erklären, dass sie rücksichtslos, roh und oft hinterlistig sind. Ihre geistigen Eigenschaften stehen auf einer niedrigen Stufe, und sie empfinden nicht das geringste Bedürfnis, sich über ihren jetzigen Standpunkt zu erheben. Davon sind vielleicht nur einige der Führer, wie Schamyl selbst, ausgenommen.
Ich glaube kaum, dass die Tschetschenzen den Vergleich mit den Hindus und selbst mit den Beduinen aushalten können. Sie stehen ungefähr auf gleicher Stufe mit den Indianern und eingeborenen Mexikanern. Vielleicht irre ich mich, vielleicht ist es mir nicht gelungen, tief genug in das Wesen dieses Volksstammes einzudringen, aber die Schilderung meiner Erlebnisse wird beweisen, dass ich zu meinen Ansichten von meiner Seite aus berechtigt bin.
Also man trieb uns vorwärts wie eine Herde Vieh. Wie gern hätte ich Nina oder Sophia irgendeinen Schal oder eine Decke gereicht! Aber selbst wenn ich eine solche besessen hätte, würde man sie ihnen doch wieder abgenommen haben. Ich dachte daran, als wir so den Berg hinabgetrieben wurden, dass diese Menschen die Bundesgenossen Georges werden sollten, und konnte nicht anders, als ihn und die Prüfungen, denen er entgegenging, beklagen. War es möglich, dass George mit seinem empfänglichen und empfindlichen Herzen, mit seinem feinen Gefühl hier auf die Dauer glücklich sein konnte? Ich weiß wohl, dass er die Absicht hat, wenn nicht diese, doch ihnen ähnliche Menschen auf eine höhere Stufe der Kultur zu erheben, aber im besten Falle wird er die Früchte nicht mehr ernten. Wie kann das, was Jahrtausende lang Wurzeln geschlagen hat, in einem einzigen Menschenalter ausgerottet werden! Schon nach einer halben Stunde waren wir am Ufer des Karassu. Die Weiber und Kinder von Dari erhoben ein Jammergeschrei, als sie uns erblickten. Eine von den Frauen kam aus dem Haufen auf uns zugeeilt und rief einige Worte, indem sie eine schmutzige, zerrissene Decke, fast ihr einziges Kleidungsstück, emporhob. Die Tschetschenzen warfen es Nina zu und diese hüllte sich in die Decke ein. Sie sagte mir später, dass jene Frau früher auf dem Schlosse gedient habe. Ich fragte sie, warum sie die Tschetschenzen nicht um eine Decke für Sophia bitte. Nina wollte es tun, aber eine neue Prüfung stand uns bevor. Wir sollten den Karassu überschreiten, und die Tschetschenzen dachten nicht daran, uns den Übergang zu erleichtern. Glücklicherweise war der Fluss, obwohl reißend, doch sehr seicht, und die Einwohner von Dari hatten durch denselben eine Reihe von Steinen gelegt, die eine natürliche Brücke bildeten. So kamen wir hinüber, ohne uns mehr als die Füße zu benetzen. Ich will die Mühseligkeiten des Marsches, der nun folgte, nicht genauer beschreiben, sondern nur einige der bedeutenderen Ereignisse erwähnen. Wir gingen nicht, wir liefen. Die Tschetschenzen zwangen uns, gleichen Schritt mit ihren Pferden zu halten, und sie hatten Eile, da sie das Herannahen eines russischen Corps befürchten mochten. Erst nach ungefähr zwei Stunden machten sie auf einem steilen Berge Halt. Von diesem aus konnte man das ganze Tal des Karassu deutlich überschauen. Ich war so ermattet und wohl auch geistig so erschöpft, dass ich auf die Felsen niedersank, und der Gedanke, ich könnte krank werden, erfüllte mich mit Schrecken. Es gelang mir jedoch bald, mich zu sammeln, und die Überzeugung, dass ich wieder kräftig genug sei, Anstrengungen und Aufregungen zu ertragen, flößte mir ein gewisses Selbstvertrauen ein und trug mehr als alles andere dazu bei, mich aufrechtzuerhalten. Die Tschetschenzen begannen nun eine Musterung. Offenbar war es nicht ihre Absicht, sich mit wertlosen Gefangenen zu belästigen. Sie hielten untereinander Rat. Eine Zeit lang hoffte ich, dass man mich wegen meines einfachen Anzugs für eine Dienerin halten und zurückschicken werde. Aber die Erkundigungen, die sie bei einem Burschen aus der Dienerschaft einzogen, und die Antworten, die der vor Furcht zitternde Bursche gab, mochten sie darüber aufgeklärt haben, dass ich ein wertvoller Gegenstand sei. Ich gehörte nicht zu denen, die seitwärts geführt wurden. Die letztern bildeten die bei weitem größere Zahl. Unsere Diener und die ganze männliche und weibliche Dienerschaft des Schlosses wurden freigegeben. Es blieben außer Nina mit ihren beiden Kindern, Sophia und mir nur meine beiden englischen Begleiterinnen und eine einzige Dienerin zurück.
