Kitabı oku: «Arme Kirche - Kirche für die Armen: ein Widerspruch?», sayfa 2

Yazı tipi:

Zeugnis der Heiligen Schrift

In manchen Perioden des Alten Testaments waren Reichtum, Wohlergehen und Macht Zeichen des Segens und der Zuwendung Gottes. Umgekehrt aber wurden Armut, Leiden und Machtlosigkeit nicht automatisch als Zeichen des Fluches Gottes gedeutet, wohl aber als Strafe Gottes für den Abfall des Volkes von Gott (bei den Propheten). Dagegen genossen die Armen, die Waisen, Witwen und Fremden immer einen besonderen Schutz Gottes und der Glaubenden (Ex 22,6; 25,35 und oft in den Psalmen). An der Achtung und Hilfsbereitschaft gegenüber den Armen erwies sich die Aufrichtigkeit des Glaubens. Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit waren wichtiger als Fasten (Jes 58,3–6). Eine besondere Deutung bekommen das Leiden und die Armut durch die vier Lieder vom Gottesknecht bei Jesaia (ab Jes 42). Die geheimnisvolle Gestalt des leidenden Gottesknechtes wird meist als die Personifizierung des Volkes Israel gedeutet, das mit Gott auch in seinem Leid und seiner Erniedrigung im Dialog steht, ja mit dem sich Gott tief identifiziert. Das vierte Lied (Jes 52,13–53,12) geht noch weiter: Der Knecht leidet für die Menschen, stellvertretend für alle. So wird er zur Botschaft, dass Gott den Menschen, den Armen und Leidenden, treu bleibt und sie in ihm einen Erlöser haben. Gott ist den Armen und Leidenden nicht fern, er ist ihnen nahe. Er folgt den Menschen auch in die Fremde (in die Deportation, ins Exil) und bleibt bei ihnen.

Die Zuwendung Gottes zu den Armen findet in der Botschaft der Evangelien ihren Höhepunkt. Matthäus und Lukas beginnen das Auftreten von Jesus in Galiläa mit der Ankündigung des Reiches Gottes für die Armen. „Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,1–3). Die folgenden Seligpreisungen bezeichnen alle Leidenden und Gequälten als „selig“. Ihnen wendet sich Jesus in besonderer Weise zu. Lukas beginnt die Beschreibung des öffentlichen Wirkens Jesu in Galiläa mit seinem programmatischen Auftritt in Nazareth: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ Eine ähnliche vorbehaltlose Bevorzugung der Armen und Leidenden beobachten wir im Evangelium nach Markus und bei Johannes. Besonders in der Gerichtsrede bei Mt 25 findet sich die Gleichsetzung von den Armen mit Jesus selbst: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,31 ff.). Wie ist diese Gleichsetzung zu verstehen? Die Identifikation Jesu ist nicht im Sinne eines „als ob“ zu verstehen (als ob ihr es mir getan hättet), sondern er identifiziert sich mit den Armen und Verfolgten, gleichsam lückenlos. In ihnen begegnen wir ihm direkt. Diese wiederholte Identifizierung Jesu mit den Armen in den synoptischen Evangelien ist auffällig und darf uns nicht unberührt lassen.

Paulus verankert die Zuwendung der Kirche zu den Armen in der Inkarnation Jesu selbst: „Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8,9). Im Hymnus des Briefes an die Philipper legt Paulus das christologische Fundament für die Einstellung der Glaubenden: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,5–11). Im Jakobusbrief finden wir eine Anwendung dieser theologischen Aussagen auf das Leben in der Gemeinde. „Wenn in eure Versammlung ein Mann mit goldenen Ringen und prächtiger Kleidung kommt, und zugleich kommt ein Armer in schmutziger Kleidung, und ihr blickt auf den Mann in der prächtigen Kleidung und sagt: Setz dich hier auf den guten Platz! und zu dem Armen sagt ihr: du kannst dort stehen! oder: Setz dich zu meinen Füßen! – macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und fällt Urteile aufgrund verwerflicher Überlegungen? Hört, meine geliebten Brüder: Hat Gott nicht die Armen in der Welt auserwählt, um sie durch den Glauben reich und zu Erben des Königreiches zu machen, das er denen verheißen hat, die ihn lieben?“ (Jak 2,2–5). Die Botschaft der Evangelien und der Apostel sind Ausdruck für Jesu Liebe zu den Armen und seine Aufforderung an die Jünger, dasselbe zu tun.

Erneuerungsbewegungen

In der Geschichte der katholischen Kirche gab es im Mittelalter und in der Neuzeit zahlreiche Erneuerungsbewegungen. Sie begannen meist mit der Hinwendung zur Armut und mit der Identifizierung mit den Armen, mit dem Teilen der Güter und mit der Praxis eines einfachen Lebensstils. Im Mittelalter galten die Armen als die Vikare Christi auf Erden. Erst im 12. Jahrhundert hat Innozenz III. den Titel „Vicarius Christi“ auf das Papsttum übertragen. Die Inspiration zur Armut hat sich in bestimmten Personen und in bestimmten Formen konkretisiert. Im Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen fanden sie Hoffnung und Erlösung in ihrem Leid und ihrer Armut. Franziskus von Assisi, Ignatius von Loyola, Luise Marillac, Vinzenz von Paul, Johannes von Gott, Charles de Foucault und Mutter Teresa von Kalkutta und viele andere. Das findet eine starke Bestätigung in der Tatsache, dass in den geistlichen Traditionen Asiens die persönliche Armut der sogenannten Religiösen Menschen als eine Garantie für die Echtheit ihrer religiösen Tiefe erscheint, die nicht durch persönliches Erwerbsstreben verdunkelt und unglaubwürdig wird.

„Kirche für die Armen“ – „Arme Kirche“

Papst Franziskus fordert uns mit dem Ausruf heraus: „Wie sehr möchte ich eine Kirche für die Armen und eine arme Kirche!“ Er schickt die Kirche auf den Weg, neu zu entdecken, was es bedeutet, eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen zu werden. Wir wollen über diese Frage nachdenken und uns von den Gestalten helfen lassen, zu denen Papst Franziskus in besonderer Beziehung steht: dem hl. Franziskus von Assisi, dessen Namen er gewählt hat, und dem hl. Ignatius, von dessen Spiritualität er kommt und dessen Geist sein Tun atmet.

–Eine Kirche, die sich an den Armen orientiert – an den wirklich Armen und nicht an den nur Nicht-Reichen (wie der Dichter Rainer Maria Rilke unterscheidet) – ist geprägt von der Grundhaltung, auf der alle anderen beruhen, nämlich vom Vertrauen auf Gott allein. Dieses Vertrauen hat Ignatius von Loyola eingeübt und es den Brüdern mitgegeben, die er zum apostolischen Dienst in verschiedene Länder sandte. Das Vertrauen gibt Freiheit und lässt kreativ neue Wege suchen. Das größte Hindernis für eine Kirche der Armen und für das Bild einer armen Kirche ist die Angst vor Ausgesetztheit, Ungesichertheit, Machtlosigkeit und Verwundbarkeit. Vielleicht sind wir noch zu sehr „mit Netzen und Ketten“ an das „Haben“, an Reichtum (Geistliche Übungen Nr. 142) gebunden. Vom Reichtum geht Sicherheit aus, von der Sicherheit Macht und von der Macht alle Gefahren ungerechter Beziehungen zu Dingen und Menschen. Das lässt sich leider auch in der Kirche beobachten. Wie soll dem anders abgeholfen werden als dadurch, dass die Kirche selbst wieder arm und einfach wird?

–Eine Kirche für die Armen ist eine Kirche, die aus dem Bewusstsein lebt, dass ihr Reichtum nicht Geld, politische oder wirtschaftliche Position und nicht Beziehungen sind. Ihr Reichtum ist Gott und der Glaube an Christus. Sie hat mit dem arm gewordenen Herrn nichts zu verlieren, sondern mit ihm nur zu gewinnen.

–Eine arme Kirche ist eine frohe Kirche, eine, die Freude ausstrahlt, die staunen und die – wie der hl. Franziskus – auf zwei Hölzern Geige spielen kann. Sie ist eine Kirche, die in ihrem Vertrauen auf Gott lachen und feiern kann, weil der Reichtum im Herzen und nicht im Geld liegt. Die Kirche ist sehr ernst geworden. Dafür gibt es auch Gründe. Viele Instanzen der Kirche wachen über die Geschicke und Vorgänge der Welt und der Kirche selbst. Aufmerksamkeit ist nötig. Die Aufmerksamkeit auf die gute Entwicklung in die Zukunft darf nicht mit Angst um Position und Macht verwechselt werden. Freude an der guten Sache ist stärker als die Angst vor bösen Entwicklungen. Die Angst vor Bösem führt das Böse mitunter erst herbei. Die Kirche wird Kirche der Armen, wenn sie die Haltung des Staunens und der Fröhlichkeit der Armen lebt und teilt.

–Im Sonnengesang hat Franziskus alle Geschöpfe – sogar den Tod – seine Geschwister genannt. Welche Gelassenheit, welche Offenheit und Freiheit sich da ausdrückt! Dieses Lied soll Franziskus im Augenblick des Todes angestimmt haben, in der Situation letzter Gott- und Weltoffenheit. Ist nicht das das tiefste Zeugnis, das ein Armer zu geben hat?

–In der asiatischen wie auch in der christlichen Tradition wird Armut als eine Quelle innerer Freiheit gesehen, die nötig ist, um den Willen Gottes überall und in allen Dingen zu finden. So gibt es in diesen Traditionen viele inspirierende Geschichten, die oft mit einem Guru, einem geistlichen Lehrer zu tun haben. Etwa: Ein Räuber bestahl den geistlichen Meister. Der Dieb aber ist beeindruckt und beschämt von der Armut des Bestohlenen. Dieser überlässt dem Räuber willig seinen ganzen Besitz. Der Räuber aber merkt, dass ihm der geistliche Meister viel mehr geschenkt hat, als er selbst zuerst sah. Der Arme übergibt mit seiner Armut seinen ganzen Reichtum (vgl. Lk 21,1–4).

–Eine Kirche der Armen setzt nicht Interessen jeglicher Art ins Zentrum, sondern im Zentrum, als Anfang und Ende, steht Gott. „Primo Deum“ („Zuerst Gott“) hat Ignatius von Loyola gesagt. An Gott orientiert sie sich. Ihn sieht sie im „Mensch gewordenen“ Herrn, im „armen Christus“. Dieser aber fordert die Kirche auf, sich ihm anzugleichen, ein „alter Christus“ (ein anderer Christus) zu werden. Das fordert von der Kirche, die wie er werden will, Mut zu einer Freiheit, die nicht an Äußeres gebunden ist, an Dinge und Traditionen, sondern offen ist für Neues und für Überraschungen.

–Eine Kirche für die Armen muss selbst arm und bescheiden werden. Die Exerzitien des hl. Ignatius lehren, dass Gott in allem sich gibt, in allem wirkt und lebt, in allem von oben herabsteigt wie das Wasser von der Quelle und die Strahlen von der Sonne (Geistliche Übungen Nr. 340 f.): Gott ist in allem zu finden. Das gilt nicht nur innerhalb der Grenzen des katholischen Glaubens, sondern universell. Die Kirche hat gelernt, dass der Dialog mit den Religionen und Kulturen nicht mehr aus dem Bewusstsein der abendländischen Superiorität geführt werden kann. Die Kirche kann in ihrem Dialog den anderen Kulturen und Religionen nur auf Augenhöhe begegnen. Sie muss das Evangelium verkündigen, aber im dialogischen Ringen um die Wahrheit. Sie wird den Reichtum der Kulturen respektieren und bereit sein, auch von der Wahrheit und von den Werten, von den menschlichen Haltungen und vom Geist Gottes, der auch in anderen Religionen und Kulturen waltet, zu lernen. Sie ist nicht mehr das „signum elevatum inter populos“, wie das Erste Vatikanische Konzil sagte, ein herausragendes Zeichen unter den Völkern, sondern die Dienerin der Wahrheit und die Zeugin der Liebe.

–Eine solche Kirche kann schließlich vor der modernen Gesellschaft glaubwürdig bezeugen, dass ein menschliches, liebevolles und in großer Freude gelebtes Leben auch mitten in der Armut möglich ist, ohne alle die guten Dinge zu haben, die für ein frohes Leben so wesentlich erscheinen. Es gibt in dieser Hinsicht zahllose Zeugnisse christlicher und nicht-christlicher Heiliger.

Die Rede von der Kirche für die Armen als einer armen Kirche löst Angst und Unsicherheit aus. Auf theoretischer Ebene und mit Argumenten kann man Ängsten kaum begegnen. Wir werden uns in immer neuen Begriffsklärungen und endlosen Definitionen verfangen. Die Sprache von Gleichnissen und Zeichen, wie sie Papst Franziskus in großer Zahl setzt, führt weiter, rüttelt auf und schafft Raum zum Denken – und Beten.

Martha Zechmeister

Theologische Einführung: Jorge Mario Bergoglio – der Papst der Befreiungstheologie?

Dr. Martha Zechmeister CJ ist Professorin für Theologie an der Universidad Centroamericana in San Salvador 3

Seit ich den Beitrag zu diesem Buch zugesagt habe, habe ich mich tausende Male deshalb verwünscht. Denn von einem Moment zum anderen kam ich nicht damit nach, die widersprüchlichsten Emotionen zu verarbeiten, die dieser neue Papst seit seiner Wahl am 13. März 2013 in mir auslöste. Mein Beitrag soll redlich sein – und so kann ich nichts anderes anbieten als eine Chronik dieses Wechselbades der Gefühle. Sicher ist eines: Der Rhythmus, in dem dieser Papst zum Umdenken zwingt, ist atemberaubend.

Ich arbeite an jener Universität, an der 1989 am Ende des zwölfjährigen Bürgerkriegs sechs Jesuiten und zwei Frauen von den Militärs und der faschistoiden Regierung umgebracht wurden. El Salvador gehört weltweit zu den Spitzenreitern in Sachen Ungleichverteilung und Gewalt: die Schere zwischen extrem Armen und extrem Reichen klafft dramatischer auseinander denn je – und gerade die Armen werden von gewalttätigen Jugendbanden terrorisiert. Diese sind selbst Opfer der hohen Jugendarbeitslosigkeit, der Perspektivenlosigkeit und des organisierten Verbrechens großen Stils, das sich ihrer als billige Handlanger und Tarnung bedient. Aus dieser Perspektive habe ich bis jetzt dieses Pontifikat wahrgenommen.

Die Schatten der Vergangenheit

Es war ein scharfer Kontrast. Als der neue Papst in Rom auf die Loggia trat, saß ich mit meinen Hausgenossinnen – Studentinnen, die aus Situationen extremer Armut kommen – beim Mittagessen und verfolgte die Ereignisse im lokalen Fernsehen. Als der Kardinaldekan den Namen Bergoglio aussprach, erstarrte ich zur Salzsäule. Denen um mich herum sagte der Name zunächst nichts, doch als ihnen klar wurde, dass es sich um einen Lateinamerikaner handelt, erschallte euphorischer Jubel: im Esszimmer, aus dem Fernsehgerät, aus den Fenstern der Nachbarn – und es wurde um die Wette geböllert, ganz so, als ob die Nationalmannschaft gerade ein wichtiges Tor geschossen hätte.

Ich jedoch fühlte in diesem Augenblick alles bedroht, was ich mir vom Weg meiner Kirche in die Zukunft erhoffe und ersehne, gerade und vor allem die Vision einer „Kirche der Armen“, deren glaubwürdigste Repräsentanten für mich Oscar Romero und Ignacio Ellacuría sind. Denn das Einzige, was ich in diesem Moment mit dem Namen Bergoglio verband, war, dass er unter Verdacht stand, als Provinzial der Jesuiten in Argentinien seine eigenen Mitbrüder während der Zeit der brutalen Militärdiktatur verraten zu haben. Als junge Ordensfrau hatte ich bei Exerzitien von dem gehört, was die beiden Jesuiten Franz Jalics und Orlando Yorio durchgemacht hatten. Sie lebten als Seelsorger in einem Elendsviertel, wurden als Terroristen verdächtigt und haben die fünf Monate Folter, Haft und Todesangst nur durch das Jesus-Gebet überlebt. In mir weckte damals diese Erzählung die Sehnsucht, wie sie die Nähe zu Jesus in den Armen zu suchen – und sie konfrontierte mich damit, wohin konsequente Nachfolge führen kann. Der Name Bergoglio fiel in diesen Exerzitien nicht, ebenso wenig wie in dem Buch von Jalics,4 das mir ein Jahrzehnt danach half, mich wieder auf meine „erste Liebe“ zurückzubesinnen. Doch später hörte ich von argentinischen Freunden, dass mit der „Person“, von der Jalics schreibt, dass sie mit ihrem Leben spielte und es unterließ, sich für sie einzusetzen, sein damaliger Provinzial Jorge Mario Bergoglio, der spätere Erzbischof von Buenos Aires, gemeint war.

Wenn ich etwas von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie gelernt habe, dann dies: Die Opfer haben ein unbedingtes Recht auf Wahrheit und Gerechtigkeit. Sosehr der Ausruf des neuen Papstes bei seiner ersten Pressekonferenz „Ach, wie sehr möchte ich eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen!“ mich faszinierte und Hoffnung in mir weckte, so unerträglich war für mich der Gedanke, dass dieses Programm mit einem solchen Schatten belastet sein könnte. Seitdem habe ich viel gelesen, von verbissenen Enthüllungsjournalisten und voreiligen Apologeten – und von glaubwürdigen Zeugen, die dennoch dieselben Ereignisse in ganz verschiedenen Versionen beschreiben. Klar wurde mir vor allem eines: Wie wenig aufgearbeitet die Zeit der Diktatur ist und wie offen die Wunden heute noch sind.

Aufatmen ließ mich schließlich das Zeugnis des argentinischen Friedensnobelpreisträgers Adolfo Pérez Esquivel. Ihn konnte ich als unbestechliche Autorität anerkennen, weil er selbst die Gräueltaten der Militärs, die insgesamt 30 000 Menschen „verschwinden“ ließen, mutig angeklagt hatte und deshalb durch die Hölle der Folter gegangen war. Seine knappe Aussage im Interview mit der BBC lautet: „Es gab Bischöfe, die Komplizen der Diktatur waren, Bergoglio nicht.“ Er fügt hinzu, dass Bergoglio, der in dieser Zeit noch gar kein Bischof war, vielleicht „der Mut fehlte, um sich in den schwierigen Momenten dem Kampf für die Menschenrechte anzuschließen“, doch „ein Komplize der Diktatur“ sei er nicht gewesen.5 Damit stimmt überein, wenn Franz Jalics heute sagt, dass ihm seit Ende der 1990er-Jahre in zahlreichen Gesprächen klargeworden sei, dass Orlando Yorio und er nicht von Bergoglio angezeigt wurden.6

Die Aussagen von Pérez Esquivel und Jalics machen für mich auch glaubwürdig, wie Bergoglio in seiner Autobiographie von 2010 die Dinge selbst sieht: „Ich habe getan, was ich konnte, um mich für die Entführten einzusetzen, mit dem Alter, das ich hatte, und den wenigen Verbindungen, auf die ich zählen konnte.“7 Bergoglio intervenierte persönlich beim Diktator Jorge Videla und bei Admiral Emilio Massera, dem führenden Vertreter des „schmutzigen Krieges“ – ein Vorgehen, das ihn ins Zwielicht brachte und ihm den Vorwurf der Nähe zur Junta eintrug. Die Liste derer, die angeben, dass ihnen Bergoglio damals entscheidend zum Überleben geholfen hat, wird immer länger,8 doch das, was mir wirklich hilft, diesem Papst zu vertrauen, ist, dass er sich selbst nicht zum Helden hochstilisiert. Er gesteht ein, dass er Fehler gemacht hat und dass sein autoritärer und schroffer Leitungsstil viele Probleme verursachte.9

Der Erzbischof von Buenos Aires

Das Erste, was mich aufhorchen und vermuten ließ, dass Jorge Mario Bergoglio seit seinen Jahren als Provinzial einen weiten Weg gegangen ist und inzwischen ein ganz anderes Persönlichkeitsprofil entwickelt hat, war eine E-Mail eines meiner Schüler, eines kritischen, linken argentinischen Theologiestudenten in El Salvador. Er verkündete über die digitalen Medien: „Bergoglio ist nicht die schlechteste Nachricht“ – und sprach begeistert von dessen Zeit als Erzbischof von Buenos Aires seit 1998. Es zeichne ihn vor allem seine Empathie und Nähe mit den Opfern und Marginalisierten aus. Als 2004 in Buenos Aires fast 200 Jugendliche wegen völlig unzureichender Sicherheitsmaßnahmen durch einen Brand bei einem überfüllten Rockkonzert starben, war Bergoglio der Mann der ersten Stunde in den Krankenhäusern an der Seite der Verbrannten und begleitete die Familien in ihrer Trauer und in ihrer Anklage der für diese Tragödie Verantwortlichen. Am 7. August 2009 gründete er in seiner Diözese ein eigenes Vikariat „de los curas villeros“, „der Priester in den Elendsvierteln“, genau in dem Moment, als diese Todesdrohungen erhielten, weil sie die tödlichen Machenschaften der Drogenmafia publik machten. Die Elendsviertel („villas“) sind heute in Argentinien nach der Wirtschaftskrise von 2001 eine noch dramatischere Realität als in der Zeit der Militärdiktatur. Auch klagte Erzbischof Bergoglio den modernen Menschenhandel immer wieder mit harten und klaren Worten an. In Argentinien werden vor allem Migranten aus Bolivien und Peru in illegalen Werkstätten und unter unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgebeutet. Bergoglio spricht Klartext nach der Art der biblischen Propheten: „Sie sagen, das Parlament hätte 1813 die Sklaverei abgeschafft. Doch das ist Rotz von Truthähnen. In diesem eitlen und stolzen Buenos Aires gibt es noch immer Sklaven und Sklaverei, das Produkt der Kaine und Herodesse von heute.“10

Zeitungsberichte, Videos, persönliche Zeugnisse über den Erzbischof Bergoglio machten mir immer klarer: Das, was jetzt mit Papst Franziskus ans Licht der Weltöffentlichkeit tritt – wenn er jungen Strafgefangenen die Füße wäscht und in Lampedusa die Gleichgültigkeit der Europäer gegenüber dem Flüchtlingselend anprangert –, sind keine Augenblickseingebungen, sondern die konsequente Weiterführung einer in Buenos Aires lange eingeübten Praxis. Dieser Mann vereint in idealer Weise zwei Elemente: Auf der einen Seite ist er selbst der „Hirte, der nach Schafen riecht“11. Seine Herzlichkeit, Empathie, Aufmerksamkeit gegenüber den Opfern, den Ausgegrenzten und den von der Gesellschaft Getretenen, das ist keine Mache für die Medien. Da ist er zutiefst er selbst. Und auf der anderen Seite ist jede seiner Gesten hochpolitisch, konfrontiert er die Gesellschaft mit ihrem Spiegelbild und deckt ihre menschenverachtenden Machenschaften auf.

In meinem Prozess der persönlichen Annäherung an Bergoglio befahl ich mir selbst, kritisch und nüchtern zu bleiben – und es drängten sich mir doch zwei Analogien auf. Ich konnte nicht anders, als mir einzugestehen: Dieser Mann hat etwas von Oscar Romero, der als konservativ und reaktionär galt und sich dann gegen alle in ihn gesetzten Erwartungen bedingungslos mit dem „gekreuzigten Volk“ identifizierte. Ich begann zu vermuten, dass Bergoglio wie Romero durch einen echten Prozess der „Bekehrung“ gegangen ist, dass seine Selbstdefinition („Ich bin ein Sünder, den der Herr anschaut“) keine fromme Phrase ist, sondern dass sein heutiges Sein und Tun nicht ohne die „Sünden“ in seiner Lebensgeschichte zu verstehen sind.

Und dieser Mann hat etwas Jesuanisches. Wie in den Wundern Jesu wird die ganz und gar echte persönliche Begegnung, die genau diesem konkreten Menschen zärtliche Nähe schenkt, zugleich zur prophetischen Zeichenhandlung, die schonungslos „die Sünde der Welt aufdeckt“. Wenn Franziskus seine erste „Auslandsreise“ ins Auffanglager von Lampedusa macht, so hat sich das nicht ein „Publicitystratege“ ausgedacht, sondern es entspringt seinem natürlichen Bedürfnis. Und wenn er den Menschen dort die Hände schüttelt, dann instrumentalisiert er sie nicht für „übergeordnete Ziele“, dann ist er mit ungeteilter Aufmerksamkeit und Zuwendung ganz bei ihnen. Doch genau dies wird zur scharfen Anklage eines narzisstischen Europa, das gleichgültig die Tragödie an seiner Südgrenze ignoriert und höchstens darüber nachdenkt, wie es sich noch wirksamer abschotten kann.