Kitabı oku: «Arme Kirche - Kirche für die Armen: ein Widerspruch?», sayfa 3
Franziskus und die Frauen
Meine Achterbahn der Gefühle ist damit jedoch noch nicht an ihr Ende gekommen. Anfang Mai 2013 war ich von der internationalen Generaloberinnenkonferenz (UISG) als Referentin zu ihrer Vollversammlung eingeladen. Diese stand unter dem Motto: „Bei euch soll es nicht so sein (Mt 20,26). Leitungsdienst im Lichte des Evangeliums“. Mein eigener Beitrag hatte die „Autorität der Leidenden“ zum Thema, und ich schloss ihn mit Bergoglios inzwischen berühmt gewordenem Appell aus seiner Rede im Vorkonklave, mit dem ich mich voll identifiziere: gegen eine Kirche, die um sich selbst kreist – für eine Kirche, die aus sich selbst herausgeht, an die Ränder der menschlichen Existenz, die Ränder der Sünde, des Schmerzes, der Ungerechtigkeit, jeglichen Elends.
Zum Abschluss der Konferenz konnte ich an der Audienz teilnehmen, zu der der Papst die 800 Generaloberinnen in der „Aula Paul VI“ empfing. Ich ging mit hohen Erwartungen hin – und wurde herb ernüchtert. Oben auf der „Bühne“ die agierenden Männer, der Präfekt und der Sekretär der Religiosenkongregation, die im Namen von 800 Generaloberinnen, tief unter ihnen, den Papst um sein Wort bitten. Und dieser hält dann eine Katechese. Zuvor wurde uns Frauen eingeschärft, uns nicht von den Plätzen zu erheben und nicht ungefragt das Wort zu ergreifen. Dies alles unter dem Motto „Bei euch soll es nicht so sein“. Kierkegaard hätte wohl gesagt: „Und keiner lacht …“
Dass die Katechese mit dem Aufruf zum „Fühlen mit der Kirche“ und zur „Treue zum Lehramt“ endete, hatte offensichtlich die Spannung mit der Vereinigung der US-amerikanischen Ordensfrauen (LCWR) zum Hintergrund. Im Rahmen einer Untersuchung hatte die Glaubenskongregation im April 2012 bei ihnen „lehrmäßige Defizite“ bei Themen wie Abtreibung und Frauenordination festgestellt. Danach wurden sie unter bischöfliche Aufsicht gestellt. Bei einem Treffen mit dem Präfekten der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, teilte dieser den Vertreterinnen des LCWR mit, dass ihm Papst Franziskus bestätigt habe, hinter dem „Reformprogramm“ seines Vorgängers für das US-amerikanische Ordensleben zu stehen.
Nach der Audienz fragte ich mich hilflos: Warum ist dieser Papst, der mit solch souveräner Freiheit das Protokoll zu durchbrechen weiß und so ausdrucksstarker Gesten fähig ist, nicht einfach hinuntergestiegen und hat auf Augenhöhe das Gespräch und den Erfahrungsaustausch gesucht – mit den Frauen, deren Positionen nicht vom Himmel fallen, sondern Konsequenz ihres redlichen Engagements für die Ärmsten und Verletzlichsten der US-amerikanischen Gesellschaft sind? Wenn sie im Gegensatz zu den Bischöfen die Gesundheitsreform Obamas bejahen, dann nicht, weil hier aufmüpfige Emanzen gegen das Lehramt und die „heilige hierarchische Mutter Kirche“ (so das letzte Wort der Ansprache des Papstes) revoltieren – sondern weil hier eine Gruppe älterer Frauen, die sich im Dienst der Kirche und der Armen verbraucht haben, die Lebenswirklichkeit der Amerikaner aus dem täglichen Umgang kennt und weiß, welches Elend es bedeutet, auf notdürftige medizinische Grundversorgung monatelang warten zu müssen. Wen zeichnet hier der „Geruch nach Schafen“ aus? Es sind diese Frauen, die der Kirche in den USA trotz aller Skandale noch immer Glaubwürdigkeit verleihen.
Einen Monat später traf sich der Papst mit dem Leitungsgremium der CLAR, dem Verband aller Männer- und Frauenorden in Lateinamerika und der Karibik. Dies war eine Sensation in doppelter Hinsicht. Aufgrund der schwierigen Beziehungen der lateinamerikanischen Ordensleute zum Vatikan war es die erste Begegnung mit einem Papst nach 35 Jahren – und dann mit diesem Papst. Bergoglios Geschichte mit der CLAR war in der Vergangenheit, um das Mindeste zu sagen, spannungsreich gewesen. Franziskus tat bei dieser Gelegenheit all dies, was ich mir für die Begegnung mit den Generaloberinnen erträumt hatte. Es war eine echte Begegnung – unter Brüdern und Schwestern auf Augenhöhe. Er disziplinierte nicht, sondern im Gegenteil, er machte Mut: „Ihr werdet Fehler machen, ihr werdet anderen auf die Füße treten. Das passiert. Vielleicht wird sogar ein Brief der Glaubenskongregation bei euch eintreffen, in dem es heißt, dass ihr dies oder jenes gesagt hättet. … Macht euch darüber keine Sorgen. Erklärt, wo ihr meint erklären zu müssen, aber macht weiter. … Macht die Türen auf. Tut dort etwas, wo der Schrei des Lebens zu hören ist. Mir ist eine Kirche lieber, die etwas falsch macht, weil sie überhaupt etwas tut. …“ Im Mund eines Papstes sind das wahrhaft revolutionäre Worte.12
Warum aber dieser scharfe Kontrast zwischen den beiden Situationen, der Begegnung mit der Konferenz der Generaloberinnen und der Begegnung mit den Vertretern des lateinamerikanischen Ordenslebens? Vielleicht, weil sich Franziskus unter Lateinamerikanern, bei allen Spannungen der Vergangenheit, freier und „zu Hause“ fühlt?
Meine Gebete für diesen Papst
Das Erste ist der Dank. Auch wenn ich es noch mit angehaltenem Atem sage, so drängt sich mir auf: Was mit und durch diesen Papst passiert, „ist von Gott“: Dass er die Kirche aus ihrer sklerotischen Verbissenheit in sich selbst stößt – dorthin, wo gelebt, gelitten und gestorben wird. Er stellt klar, was zuerst kommt und was sekundär ist: zuerst der Mensch und das Evangelium – und erst dann die Doktrin und die moralischen Normen. Und dass er denen klar den Marsch bläst, die massenhaftes Elend und den vorzeitigen Tod so vieler zu verantworten habe. Dazu scheut Bergoglio, der Kritiker jeder „linken Ideologie“, auch nicht eine „marxismusverdächtige Sprache“: „Die Anbetung des alten Goldenen Kalbes (vgl. Ex 32,15–34) hat ein neues und grausames Bild gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur der gesichtslosen Wirtschaft ohne wirklich menschliche Ziele und Zwecke.“13
Und das Zweite ist das Gebet um Kraft und Mut. Dieser Papst bewegt sich mit traumwandlerischer Sicherheit – dieser Mann lebt aus tiefen Quellen. Das macht ihn jedoch auch gefährlich und verführerisch. Nach allen Enttäuschungen und Frustrationen mit kirchlichen Autoritäten bietet er sich geradezu an als der starke und zugleich liebevolle Übervater. Jesuanische Autorität jedoch hält nicht in infantiler Abhängigkeit, sondern lässt wachsen. Ich wünsche Jorge Mario Bergoglio viel Kraft und Mut, der Papsteuphorie und dem Personenkult die Stirn zu bieten – nicht um die Kirche in eine „bürgerliche Demokratie“ zu transformieren, sondern um mit der Autorität Jesu eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern zu formen, in der die Ausgegrenzten und Getretenen dieser Erde vollen Sitz und Stimme erhalten.
Immer wieder wird die Frage laut, ob dieser Papst ein „Papst der Befreiungstheologie“ ist oder nicht. Ich halte die Frage für völlig irrelevant, denn solche kranke Selbstbezogenheit ist der Befreiungstheologie, die ich als authentisch anzuerkennen bereit bin, von ihrem Wesen her völlig fremd. Es geht hier nicht um das Durchsetzen einer theologischen Schule gegenüber einer anderen. Das einzig wirklich Interessante ist, ob dieser Papst ein „Papst nach dem Herzen Jesu“ ist – und ob er der Kirche als Ganzes hilft, mehr das Antlitz Jesu widerzuspiegeln.
Und das Dritte und Letzte ist ein Wunsch: Dieser Papst kann erfrischend unbefangen und frei sein. Die Präsidentin Argentiniens, Cristina Kirchner, hat Kardinal Bergoglio, der ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik hart anprangerte, in den letzten Jahren vierzehn Mal die erbetene Audienz verweigert. Franziskus jedoch empfing sie wenige Tage nach seiner Wahl und bedankt sich für ihren Besuch mit einem Küsschen auf die Wange. Dieser Papst definiert die Begegnung und den Dialog als seine „Weise des Vorangehens“: „Man muss sich kennenlernen, sich zuhören und das Wissen um die Welt um uns vermehren. … Neue Ideen entstehen und man entdeckt neue Bedürfnisse. Das ist wichtig: sich kennenlernen, sich gegenseitig zuhören, seinen Gedankenhorizont erweitern.“14
Ich träume davon, dass sich Franziskus mit derselben Unbefangenheit, mit der er Cristina Kirchner küsst und sich mit dem Atheisten Eugenio Scalfari und dem Rabbiner Abraham Skorka freundschaftlich unterhält, sich eines Tages mit feministischen Theologinnen zusammensetzt, zum Beispiel mit Ivone Gebara, aber auch mit jungen Theologinnen aus Lateinamerika und allen anderen Kontinenten – und dazu noch einige Ordensfrauen aus den USA einlädt. Um meiner Kirche und ihrer Zukunft willen träume ich davon, dass Franziskus den Frauen aufmerksam zuhört – und die Frauen Franziskus – mit dem Verdacht, dass sie voneinander zu lernen hätten. Dass sie gemeinsam die Ängste vor den ganz verschiedenen Sprachwelten und Kulturen überwinden und sich gegenseitig ganz neue Welten und Erfahrungen erschließen. Dass sie ihre tiefe Verbundenheit im Traum von der „armen Kirche für die Armen“ entdecken und konspirativ Strategien entwickeln, um ihn effektiv umzusetzen.
Sichtweisen aus Deutschland
Ludwig Schick
Konkretion des Ideals für Deutschland – Der „Katakombenpakt“ und die „Solidarwerke“
Dr. Ludwig Schick ist Erzbischof von Bamberg und Vorsitzender der Kommission „Weltkirche“ der Deutschen Bischofskonferenz 15
Als jemand, der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil groß geworden ist, erinnere ich mich in den Jahren des Konzilsjubiläums 2012–2015 an die Radioansprache des seligen Papstes Johannes XXIII., vier Wochen vor der Eröffnung des Konzils am 11. September 1962, die den Begriff „Kirche der Armen“ zu einem „Leitwort“ für die Zukunft machte. Ich erinnere mich an den „Katakombenpakt“ in den Domitilla-Katakomben Roms von 40 Bischöfen am 16. November 1965, denen sich dann weitere 500 anschlossen,16 und selbstverständlich auch an die Konzilstexte, die sich bezüglich Armut und des Einsatzes für die Armen an die ganze Kirche und speziell an die Bischöfe und Priester richten. Diese Texte sind alle nach wie vor maßgebend und harren der Umsetzung. Manche Kirchenkritiker wird diese Feststellung wieder zum Vorwurf verleiten: „Seit 50 Jahren wird von der ‚Armen Kirche und der Kirche für die Armen‘ gesprochen und immer noch ist nichts umgesetzt.“
Aber schon seit 2000 Jahren steht die Forderung nach der „Armen Kirche und Kirche für die Armen“ im Raum! Jesus Christus hat sie selbst erhoben und sie harrt immer der Umsetzung: „Selig die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (vgl. Mt 5,3/Lk 6,20). „Kirche der Armen und Kirche für die Armen“ ist seit Jesus ein „Dauerbrenner“ und muss ein „roter Faden“ sein, an dem sich die Christen stets neu orientieren müssen, „ein Stachel im Fleisch“, der die Kirche immer wieder „anstachelt“, sich und ihr Tun zu überprüfen. Die Forderung nach „Armer Kirche und Kirche für die Armen“ gehört zu „Ecclesia semper reformanda“. Im Laufe der Kirchengeschichte war die Kirche immer wieder „Kirche der Armen und Kirche für die Armen“, weil sie sich dazu bekehrte oder dazu bekehrt wurde. So zeigte z. B. der Diakon Laurentius, der Kaiser Valerian die Schätze der Kirche ausliefern sollte, auf die Armen der Stadt Rom, die zur Christengemeinde gehörten, mit den Worten: „Das sind die Schätze der Kirche.“
Die Kirche wurde auch von außen zur Armut gezwungen und zur „Kirche der Armen“ gemacht, z. B. in den Vandalenstürmen am Ende der Römerzeit und in der Säkularisation 1802/1803, was ihr aber für ihre wesentlichen Aufgaben fast immer mehr genützt als geschadet hat. Es muss zu allen Zeiten Ziel der Christen sein, nach einem evangeliumsgemäßen Leben zu streben und so eine lebensdienliche Kirche zu bilden. Dafür sind Entschiedenheit und Anstrengung nötig. In dieser Weltzeit ist uns aufgetragen, uns immer wieder zur „Kirche der Armen und Kirche für die Armen“ zu bekehren. Endgültig wird dieses Ziel erst in der Ewigkeit erreicht.
Das Ideal muss konkretisiert werden
Um der biblischen und daher unabdingbaren sowie immer gültigen Forderung „Kirche der Armen und Kirche für die Armen“ zu entsprechen, sind ein positiver Realismus, Geschichtsbewusstsein, großer Weitblick und entschiedenes Handeln nötig. „Kirche der Armen und Kirche für die Armen“ ist in jedem Land und in jeder Nation anders. Kirche muss sich inkulturieren; die Kulturen sind auch hinsichtlich der materiellen Güter sehr unterschiedlich. „Kirche der Armen und Kirche für die Armen“ bedeutet in Deutschland etwas anderes als z. B. im Tschad oder in der Erzdiözese São Paulo, in der die Unterschiede zwischen Reich und Arm hautnah aufeinanderprallen. „Kirche der Armen und Kirche für die Armen“ ist sodann auf die jeweiligen Personen hin zu adaptieren. Ein Franziskaner muss anders arm sein als ein Bischof – ein verheirateter Christ anders als ein zölibatärer Priester. „Arme Kirche und Kirche der Armen“ ist des Weiteren von der jeweiligen Zeit und ihren Umständen mitbestimmt. So ist zum Beispiel ein Zurück in die Jerusalemer Urgemeinde oder in die Katakombenzeit ungeschichtlich und unrealistisch. Eine generelle und undifferenzierte Forderung „Arme Kirche und Kirche für die Armen“ führt zu nichts. Bei all diesen Verschiedenheiten muss der Ruf des Evangeliums nach stetigem Bemühen um „Kirche der Armen und Kirche für die Armen“, der sich an jeden Christen richtet, aber ernst genommen werden. Deutlich ist schließlich, dass „Kirche der Armen und Kirche für die Armen“ eng zusammenhängen. Nur eine „Kirche der Armen“ kann eine „Kirche für die Armen“ sein, nur wer bereit ist, abzugeben und zu teilen – arm zu werden –, kann „Kirche für die Armen“ sein, nur eine solche Kirche ist Reich-Gottes-tauglich.
Arm mit dem armen Christus
„Arme Kirche und Kirche der Armen“, entsprechend den örtlichen Gegebenheiten und dem Personenstand in der Kirche, setzt das Bemühen voraus, sich zunächst die entsprechende Geisteshaltung anzueignen. Christsein und Kirche gibt es nur mit Jesus Christus. „Arme Kirche und Kirche der Armen“ gibt es in der Kirche Jesu Christi nur, wenn sich der einzelne Christ und die Kirche als Ganzes mit dem „armen Christus“ verbinden. „Arm mit dem armen Christus“ beschreibt das Armutsideal der franziskanischen Bewegung, das aber für die ganze Kirche gelten muss. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Armut funktionalistisch und damit unkirchlich wird. Dieser Gefahr ist z. B. die Armutsbewegung der Katharer zur Zeit des heiligen Franziskus verfallen. „Arme Kirche und Kirche der Armen“ soll zu Jesus Christus hinführen und von ihm ausgehen. „Christsein ohne Christus“ kann nur zur Farce und sogar zum Deckmantel für Böses werden. „Arm im Geiste“ (Mt 5,3) als Voraussetzung für gelebte Armut kann nur bedeuten, in Beziehung mit Jesus leben, sich mit ihm, dem Armen für die Armen, verbinden.
Das hat auch das Zweite Vatikanische Konzil so gesehen. In der Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“ heißt es: „Wie aber Christus das Werk der Erlösung in Armut und Verfolgung vollbrachte, so ist auch die Kirche berufen, den gleichen Weg einzuschlagen, um die Heilsfrucht den Menschen mitzuteilen“ (Nr. 8). Der ganze Abschnitt 8 weist deutlich darauf hin, dass die Kirche nur arme Kirche und Kirche für die Armen sein kann, wenn sie dem Beispiel Jesu folgt: „So ist die Kirche, auch wenn sie zur Erfüllung ihrer Sendung menschlicher Mittel bedarf, nicht gegründet, um irdische Herrlichkeit zu suchen, sondern um Demut und Selbstverleugnung auch durch ihr Beispiel auszubreiten.“ Im Priesterdekret „Presbyterorum Ordinis“ wird diese Forderung an die ganze Kirche hinsichtlich der Bischöfe und Priester konkretisiert: „Sie werden vielmehr zur freiwilligen Armut ermuntert, in der sie Christus sichtbarer ähnlich und zum heiligen Dienst verfügbarer werden. Denn Christus ist für uns arm geworden, obwohl er reich war, damit wir durch seine Armut reich würden.“ Daraus folgt, dass „die Priester und ebenso die Bischöfe alles vermeiden, was den Armen irgendwie Anstoß geben könnte, indem sie, mehr als die anderen Jünger des Herrn, jeden Schein von Eitelkeit in ihrer Lebenshaltung ausschließen. Ihre Wohnung sei so eingerichtet, dass sie niemand unzugänglich erscheint und dass niemand, auch kein Niedriggestellter, sich scheut, sie zu betreten“ (Nr. 17).
Die Bischöfe und Priester in der „Kirche der Armen und der Kirche für die Armen“
Für uns Bischöfe ist sicher der erwähnte Katakombenpakt von 1965 auch heute richtungsweisend. Er enthält Konkretionen, die wir umsetzen können und müssen. Die zwölf Punkte sind heute so aktuell wie damals. Sie fordern von uns Bischöfen:
–Wir sollen uns bemühen, so zu leben wie die Menschen um uns herum, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel und allem, was sich daraus ergibt.
–In unserer Amtskleidung und den Insignien sollen wir dem Evangelium entsprechen: keine kostbaren Stoffe, keine edlen Metalle, nicht Gold und Silber.
–Wir sollen keine Immobilien und kein Mobiliar besitzen. Was wir haben und nicht zum Leben brauchen, soll sozialen und caritativen Werken zukommen.
–Über die Finanzen und Vermögen der Diözese sollen Kommissionen von Laien befinden, damit wir Apostel und Hirten statt Verwalter sein können.
–Wir sollen uns nicht mit Titeln und Bezeichnungen ansprechen lassen, die uns von den Menschen trennen.
–Die Mächtigen und Reichen dürfen von uns niemals den Armen und Geringen vorgezogen werden.
–Wir sollen jede Eitelkeit ablehnen.
–Für die wirtschaftlich Bedrängten, Benachteiligten oder Unterentwickelten sollen wir uns mit allen Mitteln einsetzen.
–Die Werke der „Wohltätigkeit“ sollen in „soziale Werke“ umgewandelt werden, die Frauen und Männer in gleicher Weise im Blick haben.
–Wir sollen Lobbyisten in der Politik für Gerechtigkeit, Gleichheit, Frieden, Menschenwürde und Menschenrechte sein. Wir sollen bei den internationalen Organisationen unsere Stimme erheben, damit unsere gesamte Welt eine gerechtere und friedlichere Welt wird.
–Mit unseren Priestern, Ordensleuten und Laien sollen wir ständig überprüfen, ob wir dem Ideal „Arme Kirche – Kirche der Armen“ entsprechen. Wir sollen jedem präsent, offen und zugänglich begegnen, egal auch welcher Religion der angehört, mit dem wir gerade zusammenkommen.
–Diese Grundsätze sollen in den Diözesen veröffentlicht werden.
Dieser Katakombenpakt kann uns Bischöfen heute helfen, der Forderung „Arme Kirche – Kirche für die Armen“ zu entsprechen. Er ist kein „Dokument“ neben dem Konzil und geht auch nicht inhaltlich über das Konzil hinaus, sondern gibt wieder, was die Dokumente des Konzils über Leben und Wirken der Bischöfe enthalten. Er kann daher als eine Umsetzung des Konzils verstanden werden.
Armut und Partizipation – kirchliche Hilfswerke
Die Trias: Der arme Christus – die arme Kirche – Kirche für die Armen, will natürlich auch konkrete Solidarität und Partizipation bewirken. „Arme Kirche und Kirche für die Armen“ darf niemals als Verelendung, nicht einmal als Verarmung missverstanden werden. Dieses Leitwort enthält vielmehr die Aufforderung, alle durch Partizipation „reich zu machen“. Alle sollen an den Gütern der Natur, des Geistes, der Bildung, der Gesundheit, der Arbeitsmöglichkeiten und des Kapitals teilhaben. Dieses Programm der Solidarität verwirklicht die deutsche Kirche durch ihre Werke Misereor, missio, Renovabis, Adveniat, Kindermissionswerk, Frauenmissionswerk sowie Caritas internationalis und nationalis, aber auch durch die Partnerschaften von Diözesen und Pfarreien mit Bistümern und Gemeinden in Übersee; ebenso pflegen die Orden, Kongregationen und kirchlichen Vereine partnerschaftliche Beziehungen zu Ortskirchen, Orden und Gemeinschaften in Afrika, Asien und Lateinamerika.
Den Bischöfen wurde solche Partnerschaft vom Konzil aufgetragen. In Lumen Gentium heißt es: Die Bischöfe sollen „in umfassender Liebesgemeinschaft den anderen Kirchen, besonders den benachbarten und bedürftigeren, gern brüderliche Hilfe gewähren“ (Nr. 23). Die Werke, Diözesen und Orden Deutschlands haben sich zur Aufgabe gesetzt, den Armen zu Hilfe zu kommen, indem sie den bekannten Dreischritt umsetzen: „Umeinander wissen, füreinander beten, solidarisch sein“. So soll sich die Kirche in Deutschland, jedes Bistum und jede kirchliche Institution immer wieder die Frage stellen: Sind wir noch auf dem rechten Weg bezüglich einer „armen Kirche und Kirche für die Armen“? Es besteht immer die Gefahr, wieder nachlässig zu werden und vom Ideal abzufallen. Im Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Kirche wichtige und tiefgreifende Umdenk- und Umstrukturierungsprozesse eingeleitet. Viele Texte des Konzils, der Katakombenpakt, aber auch die Enzykliken „Pacem in terris“ von Papst Johannes XXIII. und „Progressio populorum“ von Papst Paul VI. enthalten die Forderung: Weg von der Wohltätigkeit, hin zur Solidarität. Die Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ fordert auf, alle spirituellen, personellen und materiellen Güter brüderlich zu teilen. Das Ziel davon ist, die einzelnen Ortskirchen weltweit eigenständig zu machen. Die Begriffe „Ermächtigung“, „Hilfe zur Selbsthilfe“ und „Aufbau der Kirche vor Ort“ sind die entsprechenden Stichworte. Deshalb muss auch in Deutschland erneut darüber nachgedacht werden, ob nicht der Terminus „Hilfswerk“, der für Misereor, Adveniat etc. gebraucht wird, durch „Solidarwerk“ ersetzt wird. De facto sind die Hilfswerke schon längst Solidarwerke, die Begrifflichkeit hinkt aber noch hinterher.
Eigenständigkeit, Selbsthilfe und Entwicklung erfordern Freiheit, das Leben und Wirken der eigenen Kirche selbst in die Hand zu nehmen. Die Freiheit wird einerseits verhindert durch Armut, andererseits durch Selbstherrlichkeit. In „Gaudium et Spes“ heißt es: „Die menschliche Freiheit ist oft eingeschränkt, wenn der Mensch in äußerster Armut lebt, wie sie umgekehrt verkommt, wenn der Mensch es sich im Leben zu bequem macht und sich in einer ‚einsamen Selbstherrlichkeit‘ verschanzt“ (Nr. 31). Im Hinblick auf eine internationale Ordnung für Gerechtigkeit und Frieden bedeutet das: „Zum Aufbau einer internationalen Ordnung, in der die rechtmäßigen Freiheiten aller wirklich geachtet werden und wahre Brüderlichkeit bei allen herrscht, sollen die Christen gern und von Herzen mitarbeiten, und das umso mehr, als der größere Teil der Welt noch unter solcher Not leidet, dass Christus selbst in den Armen mit lauter Stimme seine Jünger zur Liebe aufruft. Das Ärgernis soll vermieden werden, dass einige Nationen, deren Bürger in überwältigender Mehrheit den Ehrennamen ‚Christen‘ tragen, Güter in Fülle besitzen, während andere nicht genug zum Leben haben und von Hunger, Krankheit und Elend aller Art gepeinigt werden. Denn der Geist der Armut und Liebe ist Ruhm und Zeugnis der Kirche Christi“ (Nr. 88). Für diesen gerechten Ausgleich weltweit sollen in den reichen Ländern Organisationen aufgebaut werden, die all das befördern: „Das Sammeln und Verteilen von Mitteln muss, zwar ohne starre und einförmige Organisation, jedoch ordnungsgemäß, in den Diözesen, den Ländern und in der ganzen Welt durchgeführt werden, und das in Zusammenarbeit der Katholiken mit den übrigen Christen, wo immer es angebracht erscheint“ (Nr. 88).
Papst Franziskus hat als Erzbischof von Buenos Aires beim Treffen lateinamerikanischer Bischöfe 2007 Folgendes gesagt: „Die ungleiche Verteilung der Güter schafft eine Situation sozialer Sünde, die zum Himmel schreit – und so vielen Brüdern und Schwestern die Möglichkeit eines erfüllteren Lebens vorenthält.“17 Diesbezüglich ist noch ein Aspekt wichtig: Auch die so genannten Geber müssen sich so arm wissen, dass sie die eigene Bedürftigkeit spüren und bewusst zeigen, dass sie die jungen Kirchen mit ihrer Jugend, ihrer Man/Woman-Power, mit ihren Priestern, Ordensleuten und engagierte Laien, ihrer Spiritualität und Lebendigkeit brauchen. Partizipation bedeutet Partnerschaft auf Augenhöhe; jede Patenschaft oder Paternität muss ausgeschlossen werden. Partizipation und Solidarität sind die Schlüsselworte für eine „Kirche der Armen und eine Kirche für die Armen“, die eine Kirche sein wird, in der alle reicher werden.




