Kitabı oku: «Die psychoanalytische Ambulanz»

Lothar Bayer Heinz Weiß (Hrsg.)
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036624-4
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036625-1
epub: ISBN 978-3-17-036626-8
mobi: ISBN 978-3-17-036627-5
Autorinnen und Autoren
Lothar Bayer, Dr. phil. habil., Dipl.-Soz., Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DPV/IPV)
Seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sigmund-Freud-Institut und stellvertretender Ambulanzleiter, tätig in eigener Praxis in Frankfurt a. M.
Veröffentlichungen zur Theorie der Psychoanalyse und zu deren Entwicklung nach Freud, insb. bei J. Lacan und J. Laplanche; Psychoanalytische Kulturtheorie, Psychoanalyse und Kunst, Metapsychologie ästhetischer Erfahrung.
Heinz Weiß, Prof. Dr. med., Psychoanalytiker (DPV, BPS, DGPT) und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin
Chefarzt der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart, sowie Leiter des Medizinischen Fachbereichs und der Ambulanz am Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt a. M. Chair der Education Section des International Journal of Psychoanalysis.
Zahlreiche Veröffentlichungen zur Theorie, Geschichte und Behandlungstechnik der Psychoanalyse, darunter »Das Labyrinth der Borderline-Kommunikation« (Stuttgart: Klett-Cotta 2009) sowie »Trauma, Schuldgefühl und Wiedergutmachung« (Stuttgart: Klett-Cotta 2017, engl. Übersetzung London, New York: Routledge 2020).
Ralph J. Butzer, Dipl.-Soz., Dipl.-Psych., Dr. phil.
Als Psychoanalytiker in eigener Praxis in Frankfurt/M. niedergelassen. Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter von Alfred Lorenzer am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der J. W. Goethe-Universität und Mitarbeit in der von Stavros Mentzos geleiteten Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik des Klinikums der Universität Frankfurt.
Dozent am Institut für Psychoanalyse, Fachbereich Psychologie, Goethe-Universität (Tilmann Habermas), freier Mitarbeiter an der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts.
Buchveröffentlichung zu Heinz Kohut; versch. Aufsätze (u. a. zum Triebbegriff Freuds und Lorenzers, der Aggression bei Mentzos, Freuds Psycholamarckismus).
Anna Lea Docter, Dr. med., Dipl.-Psych.
In Weiterbildung zur Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt a. M. In Weiterbildung zur Psychoanalytikerin am Frankfurter Psychoanalytischen Institut (DPV).
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Studie zur psychodynamischen Therapie bei Zwangserkrankungen sowie in der Ambulanz am Sigmund-Freud-Institut.
Carla Sophie Messmann, Dipl.-Psych.
Seit 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts, davor mehrjährige Tätigkeit in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Darmstadt. In der Ausbildung zur Psychoanalytikerin (DPV) und psychologischen Psychotherapeutin am Frankfurter Psychoanalytischen Institut.
Bernd Pütz, Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DPV/IPA, DGPT)
In Frankfurt als Psychoanalytiker und psychologischer Psychotherapeut niedergelassen in eigener Praxis. Lehranalytiker am Frankfurter Psychoanalytischen Institut. Seit 2002 freier Mitarbeiter in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts.
Sigrid Scheifele, Dr. phil., Dipl.-Soz., Dipl.-Psych., Psychoanalytikerin (DPV/IPA)
Langjähriger Schwerpunkt in der Arbeit mit aus dem nordafrikanischen bis vorderasiatischen Raum Stammenden sowie mit Opfern von Krieg und politischer Verfolgung. Seit Mitte der 1990er Jahre freie Mitarbeiterin in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts.
Von 1984 bis 1994 wissenschaftliche Mitarbeiterin von Alfred Lorenzer am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der J. W. Goethe-Universität.
Veröffentlichungen zu weiblichen Lebensentwürfen, Kulturanalyse und Migration.
Felix Schoppmann, Dipl.-Psych.
Seit 2018 Mitarbeiter in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Institutes und davor mehrjährige Tätigkeit in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Friedberg. In der Ausbildung zum Psychoanalytiker (DPV) und psychologischen Psychotherapeuten am Frankfurter Psychoanalytischen Institut.
Annabelle Starck, Psych. Msc.
In Weiterbildung zur Psychoanalytikerin am Frankfurter Psychoanalytischen Institut (DPV).
Seit 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Studie zur psychodynamischen Therapie bei Zwangserkrankungen sowie in der Ambulanz am Sigmund-Freud-Institut.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der psychosozialen Beratungsstelle für Flüchtlinge am Zentrum für Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt.
Inhalt
1 Autorinnen und Autoren
2 Vorwort der Herausgeber
3 1 Die Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts Theorie und Praxis psychoanalytischer Erstgespräche
4 Lothar Bayer
5 1.1 Einleitung – zur Geschichte des SFI
6 1.2 Die Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts
7 1.3 Das Erstinterview
8 1.3.1 Zur Anwendung der psychoanalytischen Behandlungsmethode in der diagnostischen Praxis
9 1.3.2 Widerstand und Übertragung
10 1.3.3 Das szenisch-situative Verstehen
11 1.3.4 Indikationsstellung, Behandlungsvorbereitung und Prognose
12 1.4 Abschließende Bemerkungen: zum Stellenwert der Subjektivität des Analytikers und der Gegenübertragung im Erstinterview
13 2 »Szenisches Verstehen« – zur Begriffs- und Konzeptgeschichte bei Lorenzer und Argelander
14 Ralph J. Butzer
15 2.1 »Szene« bei Freud
16 2.2 Das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut
17 2.3 Hermann Argelander
18 2.4 Alfred Lorenzer
19 2.4.1 Zum »Gegenstand« der Psychoanalyse
20 2.4.2 »Teilhabe an der Szene«
21 2.4.3 Das szenische Verstehen ist die via regia
22 2.4.4 Verstehen von Szenen
23 2.4.5 Die »lebenspraktischen Vorannahmen« und die Regression des Analytikers
24 2.5 Abschließende Bemerkungen
25 3 Idealisierungstendenzen in Theorie und Praxis des psychoanalytischen Erstinterviews, Skizzen zu einem dialektischen Modell von Erstinterview und Rahmen
26 Bernd Pütz
27 3.1 Normorientierte und dialektische Ansätze in der Behandlungstheorie
28 3.2 Das Dilemma des nicht existierenden Rahmens im analytischen Erstinterview
29 3.3 Die dialektische Spannung zwischen der Einmaligkeit und Besonderheit der Begegnung im Erstinterview einerseits und der Offenheit und Unverbindlichkeit der Situation andererseits
30 3.4 Die dialektische Spannung zwischen Entwicklung eines psychoanalytischen Denkraums und der Notwendigkeit des Handeln-Müssens des Analytikers
31 3.5 Der psychoanalytische Rahmen als gemeinsam geteiltes Übergangsobjekt
32 3.5.1 Was versteht man im Allgemeinen in der Psychoanalyse unter dem Rahmen?
33 3.5.2 Das Übergangsobjekt nach Winnicott
34 3.5.3 Rahmen als Übergangsobjekt für den Patienten
35 3.5.4 Rahmen als Übergangsobjekt für den Analytiker
36 3.5.5 Welche Folgen hat ein gemeinsam geteilter Rahmen?
37 3.5.6 Verschiedene psychoanalytische Konzepte des Rahmens
38 3.6 Zusammenfassung
39 4 Die (un-)erkennbaren Gesichter des Sturms – Typische Sackgassen in der psychoanalytischen Sprechstunde aufgrund von Schwierigkeiten in der Gegenübertragung
40 Felix Schoppmann
41 4.1 Übertragung und Gegenübertragung in der ersten Begegnung
42 4.2 Möglichkeiten und Gefahren bei der Übersetzung der äußeren Realität in die innere psychische Welt
43 4.3 Typische Sackgassen aufgrund der Gegenübertragung
44 4.3.1 Unterlegenheit
45 4.3.2 Hilflosigkeit und Ärger
46 4.3.3 Hoffnungslosigkeit und Angst
47 4.3.4 Verwirrung oder »Wo ist mein Denken? Was ist das in mir?«
48 4.4 Abschließende Bemerkungen
49 5 Gedanken zum psychoanalytischen »Zweitgespräch«
50 Carla Sophie Messmann
51 5.1 Einleitung
52 5.2 Die Besonderheiten von Erst- und Zweitgespräch
53 5.3 Der Analytiker als »permanenter Anfänger«? Verstehens- und Erkenntnisprozesse im psychoanalytischen Interview
54 5.4 Die Rolle der Ambulanzkonferenz
55 5.5 Die Bedeutung von Zeit und (Zwischen)räumen
56 5.6 Der Umgang mit Trennung und Wiederbegegnung – »Randphänomene« im analytischen Interview
57 5.7 Zusammenfassung
58 6 Die Choreografin – Klinisches Beispiel einer Diskussion in der Ambulanzkonferenz
59 Annabelle Starck
60 7 Innen und Außen – Zum analytischen Raum in Psychotherapien mit Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind
61 Sigrid Scheifele
62 7.1 Aus den erschütterten Leben
63 7.1.1 Erstes Fallbeispiel: Der Mangel an intimen Räumen und der Versuch, anzukommen
64 7.1.2 Zweites Fallbeispiel: Die Erschütterung des Geschlechterverhältnisses und verschiedene Versuche, damit zurechtzukommen
65 7.1.3 Drittes Fallbeispiel: Das Erkunden von Behandlungsmöglichkeiten mit Traumatisierten
66 7.2 Innere und äußere Realität in der Begegnung. Eine erste Annäherung
67 7.3 Innere und äußere Realität in der Begegnung und die Konstitution des analytischen Raums
68 7.3.1 Zur Bedeutung der Arbeit für die Geflüchteten
69 7.3.2 Die Arbeit mit Dolmetscherinnen – eine Veränderung der Intimität des psychotherapeutischen Gesprächs
70 7.3.3 Die Frage ärztlicher Stellungnahmen
71 7.4 Zwischenwelten – Heimatlosigkeit und das Ankommen im analytischen Raum
72 7.4.1 Realitätsprüfung
73 7.4.2 Die Sprache
74 7.4.3 Veränderungen in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und die Erschütterung der elterlichen Autorität
75 7.4.4 Veränderungen des Geschlechterverhältnisses
76 7.4.5 Damals und jetzt, hier und dort und die Hoffnung auf die Zukunft
77 7.5 Der Zeitpunkt, zu dem jemand Hilfe sucht, und seine Bedeutung für die Begegnung im analytischen Raum
78 7.6 Psychotherapien mit Extremtraumatisierten und die Bedeutung der offenen Tür
79 7.7 Ausblick
80 8 Studie zur Psychodynamischen Therapie von Zwangserkrankungen – Psychodynamic Therapy for Obsessive-Compulsive Disorder (PDT-OCD-Studie)
81 Annabelle Starck
82 8.1 Was verstehen wir unter Zwangserkrankungen?
83 8.2 Psychodynamische Therapie von Zwangserkrankungen
84 8.3 Diagnostik
85 8.4 Studientherapie
86 9 Die Ambulanzdokumentation – Auswertung der Daten eines Jahres
87 Anna Lea Docter
88 9.1 Anzahl der Patientinnen im Erhebungszeitraum und im zeitlichen Verlauf
89 9.2 Soziodemographische Daten
90 9.3 Krankheitsbelastung und Funktionsniveau der Patientinnen, Diagnosen
91 9.4 Vorbehandlungen und Einnahme von Psychopharmaka
92 9.5 Biografische Aspekte und Bewältigungskompetenz
93 9.6 Gegenübertragung und Prognose
94 9.7 Therapieempfehlung
95 9.8 Fazit
96 Anhang

Institutsneubau des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main.
Vorwort der Herausgeber1
Mit der Eröffnung des Sigmund-Freud-Instituts (SFI) im April 1960 durch Alexander Mitscherlich sollte die Freudsche Psychoanalyse nach ihrer Vertreibung durch die Nationalsozialisten in Deutschland wieder ansässig werden und in Frankfurt a. M. einen Ort finden, an dem sie ihren verlorengegangenen Anschluss an die internationale Psychoanalyse wiedererlangen konnte. Als Wissenschaft vom Unbewussten und Behandlungsmethode für bestimmte seelische Erkrankungen sollte die Psychoanalyse wieder öffentliche Beachtung und Anerkennung finden. Dieses Anliegen fand im Nachkriegsdeutschland der späten 1950er Jahre, jener »intellektuellen Nachkriegswüste«, wie Jürgen Habermas (vgl. Plänkers et al. 1996, S. 30; S. 337) den damaligen Zustand der BRD fasste, eine selektive, aber äußerst zugkräftige Unterstützung aus politischen wie universitären Kreisen. Hierbei spielten die damalige hessische Landesregierung unter Leitung von Ministerpräsident Georg-August Zinn sowie das renommierte Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS) eine wichtige Rolle, dem in den 1950er und 1960er Jahren namhafte Intellektuelle wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und Ludwig von Friedeburg, der später selbst Kultusminister Hessens wurde, angehörten. Die Unterstützung Mitscherlichs als designiertem Institutsgründer war mit gemeinsamen kultur- und wissenschaftspolitischen Interessen verknüpft. Als Reflexions- und Aufklärungswissenschaft sollte die Psychoanalyse zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte und zur Erforschung irrationaler, destruktiver sozialer Kräfte beitragen.
Auf diesem Gebiet hatte der 1908 geborene, fachübergreifend forschende Alexander Mitscherlich schon zum damaligen Zeitpunkt beachtliche wissenschaftliche Expertise erworben. Als habilitierter Neurologe setzte er sich in deutlicher Abgrenzung zur naturwissenschaftlich-positivistisch orientierten Ärzteschaft für eine an Sinnzusammenhängen, an biografischen und sozialen Prozessen ausgerichtete Medizin ein und konnte 1950 in Heidelberg die erste psychoanalytisch orientierte psychosomatische Klinik Deutschlands gründen, die er bis 1967 leitete.
In den 1947 und 1949 gemeinsam mit Fred Mielke veröffentlichten Büchern »Diktat der Menschenverachtung« und »Wissenschaft ohne Menschlichkeit« untersuchte er die Verflechtung der deutschen Mediziner mit dem Naziregime und zeigte auf, wie eine im Geist der Aufklärung und der Humanität entstandene Wissenschaft, aus ihren inneren objektivistischen Denk-Strukturen heraus, sich ins Verdinglichende, Dehumanisierende und letztlich Menschenverachtende verkehrte.
Genau an diesem Punkt konvergierten Mitscherlichs Arbeiten mit dem Denken von Adorno und Horkheimer, die in ihrem gemeinsamen Hauptwerk »Dialektik der Aufklärung« (1947) die Selbstzerstörungskräfte des abendländischen Rationalismus analysierten, die in den modernen, aufgeklärten Industriegesellschaften entlang ihrer instrumentellen Zielsetzungen wirksam werden. Die Autoren zeigten, wie der spezifische Rationalitätstypus der Aufklärung ins Gegenteil seiner selbst, ins Totalitäre und Irrationale umschlägt und in die Barbarei des Faschismus münden konnte.
Mitscherlich hatte diese Dialektik am Beispiel der Medizin in Nazideutschland erfasst und herausgearbeitet und damit einen wesentlichen Beitrag zu den Entstehungs- und Aufarbeitungsbedingungen totalitärer, faschistisch-rassistischer Systeme geleistet.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die führenden Mitglieder des Instituts für Sozialforschung – Horkheimer, Adorno und aus der jüngeren Generation Habermas – auf ihn aufmerksam wurden, Kooperationen mit ihm anstrebten und in ihm die geeignete Person sahen, die den Wiederaufbau der Psychoanalyse in Deutschland repräsentieren und die Verbindung von Soziologie und Psychoanalyse, die seit den 1930er Jahren ein zentrales Arbeitsfeld des IfS war, interdisziplinär weiterentwickeln sollte.

Abb.: Jürgen Habermas und Alexander Mitscherlich im Gespräch, anlässlich der Feier zu Mitscherlichs 60. Geburtstag, September 1968.
Mit freundlicher Genehmigung des Sigmund-Freud-Instituts
Aber nicht nur die Frankfurter Schule sondern auch einige wichtige Vertreter der Politik, so der damalige hessische Ministerpräsident Georg August Zinn, erkannten die politisch aufklärerische Bedeutung der Psychoanalyse und sprachen ihr prophylaktischen Wert gegen zivilisations- und freiheitsgefährdende soziale Kräfte zu. In seiner Rede zur Gründung des Instituts würdigte er den Beitrag der Psychoanalyse gegen ein erneutes Abrutschen der Gesellschaft in die Diktatur: »Ein Staat, in dem die Erkenntnis und das Verfahren der Tiefenpsychologie nicht nur bis tief in die Kliniken und ärztlichen Praxisräume, sondern auch in die Strafgesetze, in den Strafvollzug, in die Schulzimmer und die sozialen Berufe eindringen können, ist wahrscheinlich irgendwie immun gegen Diktatoren« (zit. nach Bareuther, S. 23). In dieser politisch verantwortungsvollen Funktion als Aufklärungs- und Reflexionswissenschaft erlebte die Psychoanalyse in den 1960er–1970er Jahren in Deutschland einen bislang einzigartigen Zuwachs an intellektueller Popularität, der nicht zuletzt durch Alexander Mitscherlich und das von ihm gegründete und bis 1976 geleitete Sigmund-Freud-Institut ermöglicht wurde.
Das »Institut und Ausbildungszentrum für Psychoanalyse und Psychosomatische Medizin«, so der ursprüngliche Name der 1964 in »Sigmund-Freud-Institut« umbenannten Einrichtung, war in drei wissenschaftliche Bereiche gegliedert: den sozialpsychologischen, den psychologisch-grundlagenwissenschaftlichen und den medizinisch-klinischen Bereich, zu dem eine psychotherapeutisch-psychoanalytische Institutsambulanz gehörte. Die Wahl dieser dreiteiligen Institutsform zeigt an, dass die Freudsche Psychoanalyse nicht »nur« als eigenständige Wissenschaft vom Unbewussten reetabliert und interdisziplinär weiterentwickelt werden sollte. Auch als Behandlungsmethode für seelische Erkrankungen sollte sie wieder Geltung erlangen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Mit der Einrichtung der Ambulanz trug der Institutsgründer zudem der Tatsache Rechnung, dass die Erforschung des Unbewussten in der psychoanalytischen Klinik gründet und diese als originäres Forschungsfeld unabdingbar voraussetzt. Wissenschaft als Suche nach Erkenntnis und psychotherapeutische Praxis bilden in der Psychoanalyse eine unlösbare Einheit.
Mit der damals schnell zunehmenden Popularität und Anerkennung psychoanalytischen Denkens im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs stieg auch die Nachfrage nach psychoanalytischen Behandlungen. Dadurch ergaben sich neue Anforderungen an die Institutsambulanz. Ihr damaliger Leiter Hermann Argelander schrieb 1967: »Das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut steht – wie auch andere poliklinisch tätige psychoanalytische Institute – vor der schwierigen Aufgabe, aus einer großen Zahl von Behandlungssuchenden die Patienten auswählen zu müssen, für die die vorhandenen psychotherapeutischen Verfahren2 geeignet und erfolgversprechend erscheinen« (Argelander 1967 S. 341).
Es ist wichtig, in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass die Psychoanalyse 1967 als analytische Psychotherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie in den Leistungskatalog der Krankenkassen, in die GKV-Richtlinien, aufgenommen wurde. Parallel zu diesen gesundheitspolitischen Veränderungen, denen weitere folgen sollten (z. B. die Einführung des Delegations- und Kostenerstattungsverfahren für Psychologen, das Psychotherapeutengesetz) traten die Aufgaben der Diagnostik und der Indikationsstellung in den Fokus der Ambulanztätigkeit.
Diese Ausrichtung prägt bis heute die klinische Arbeit der Institutsambulanz. Sie wurde in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich ausgebaut und auf unterschiedlichen Ebenen zum Gegenstand wissenschaftlicher Studien gemacht.
Mit ca. 500 Erstgesprächen, die wir pro Jahr mit Patienten mit unterschiedlichsten Störungsbildern durchführen, gehört die Ambulanz des SFI zu den bundesweit größten Einrichtungen ihrer Art. Sie weist gegenüber Ambulanzen im Klinikbereich als auch gegenüber Ambulanzen im Bereich psychoanalytischer Ausbildungsinstitute Besonderheiten auf, die in den folgenden Beiträgen zur Darstellung kommen sollen.
Es gilt hervorzuheben, dass das SFI in den 1960er–1970er Jahren mit der Begründung und Entwicklung eines spezifischen Verfahrens zur psychoanalytisch-psychotherapeutischen Erstuntersuchung von Patienten behandlungstechnisches Neuland betreten und wissenschaftliche Pionierarbeit geleistet hat. Das von Hermann Argelander, dem damaligen Leiter der klinischen Abteilung, begründete Erstinterview-Verfahren, in dessen Zentrum ein neu entwickeltes sinnverstehendes Verfahren, das »szenisch-situative Verstehen«, steht, stellt bis heute ein zentrales Untersuchungsinstrument dar und bildet die Grundlage unserer klinischen Arbeit. Es ermöglicht eine erweiterte Anwendung der von Freud entwickelten psychoanalytischen Methode und ist auf die initiale Begegnung zwischen Analytiker und Patient unter institutionellen Ambulanzbedingungen abgestimmt.
Das Verfahren geht in mehrfacher Hinsicht über Freuds Konzeption des Zusammenspiels von Behandlungstechnik, Übertragung und Gegenübertragung hinaus (
Kap. 1).
Hierbei geht es kurz gesagt um die Überschreitung der bei Freud angelegten intrapsychischen Perspektive hin zu einer interaktiv-interpersonellen Konzeption der Psychoanalyse. Diese akzentuiert in weitaus stärkerem Maß die Beziehungsvorgänge zwischen Analytiker und Patient und erklärt sie zum eigenständigen Gegenstand der Forschung.
Bei seiner Neuausrichtung des psychoanalytischen Verfahrens stand Argelander im wissenschaftlichen Austausch mit englischen Analytikern, vor allem mit Michael Balint und Paula Heimann. In seinen zahlreichen Studien zum szenisch-situativen Verstehen nahm er objektbeziehungstheoretische Konzepte auf (zur Bedeutung der Gegenübertragung, zur intersubjektiven Basis des analytischen Geschehens, zur Zwei-Personen-Psychologie etc.), die in England in den 1940er und 1950er Jahren entwickelt wurden und in den folgenden Jahren und Jahrzehnten die Weiterentwicklung der Psychoanalyse, auch am SFI, maßgeblich prägen sollten.
Der von Argelander eingeleitete Perspektivwechsel führte am SFI dazu, dass sich die klinische Forschung in der Institutsambulanz immer dezidierter dem interaktiven, oftmals averbal und aktional ablaufenden, affektiv geprägten Beziehungsgeschehen zwischen Patient und Analytiker, dem Hier und Jetzt der analytischen Situation, zuwendete.
Die minutiöse Erforschung der intersubjektiv strukturierten und unbewusst aufeinander bezogenen Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse, die sich, nach unserer Überzeugung, nicht nur in langwierigen Analysen, sondern auch schon im Erstinterview einstellen und seinen Verlauf prägen, begreifen wir als eine der Hauptaufgaben der Institutsambulanz.
Integraler Bestandteil der klinischen Arbeit ist deshalb die wöchentlich stattfindende Ambulanzkonferenz. Die als intervisorische Gruppensitzung angelegte Ambulanzkonferenz hat seit den Gründungstagen des Instituts »die wichtige Funktion (…) sowohl das angebotene Material wie auch die in der Gruppe während des Gesprächs auftauchenden emotionellen Konstellationen miteinander zu integrieren und daraus eine dynamische Hypothese über die Struktur des Patienten zu formulieren« (Argelander 1967, S. 342).
Die Gruppe erweist sich als ein außerordentlich sensibles Organ zur Wahrnehmung und Aufnahme jener ›emotionellen Konstellationen‹, die im Erstgespräch zwischen Analytiker und Patient unbewusst zur Wirkung kommen und dem Gespräch seine einzigartige Verlaufsgestalt geben. In der Fallbesprechung gilt der Grundsatz, dass der vorstellende Analytiker stets mehr von den aufgenommenen Beziehungs- und Austauschvorgängen, den Gefühlen und Reaktionen, die der Patient bzw. das Interview in ihm ausgelöst hat, vermittelt, als ihm selbst bewusst ist (»implizites Beziehungswissen«, vgl. Mertens 2013, S. 817). Die unbewusst gebliebenen emotionalen Reaktionen des Analytikers, seine Gegenübertragungsgefühle können im Gruppenprozess ins Vorbewusste, ins Denkbare und schließlich in Sprache gehoben werden. Der bewusst gemachten Gegenübertragung entnehmen wir entscheidende Einblicke in die innere Welt des Patienten. Damit wird die Gegenübertragung, die höchst subjektive Resonanz des Analytikers auf seinen Patienten, zum wesentlichen Werkzeug analytischer Erkenntnisprozesse. Aus unserer Sicht ist die Fallbesprechung in der Gruppe ein konstitutiver Bestandteil des analytischen Verstehensprozesses. Ihr entnehmen wir unsere psychodynamischen, diagnostischen, indikatorischen und prognostischen Schlussfolgerungen.
Parallel zu diesen behandlungstechnischen wie -theoretischen Neueinstellungen hat sich das Indikationsgebiet der Psychoanalyse in den letzten Jahrzehnten erheblich erweitert. Dieser Entwicklungstrend gilt nicht nur für die Ambulanzarbeit am SFI, sondern für die Entwicklung der Psychoanalyse überhaupt. Ihre klinische Anwendung ist heutzutage nicht mehr auf die klassischen Neurosen, die sog. Übertragungsneurosen, beschränkt. Mit weiter entwickelten Behandlungsmethoden und neuen Konzepten, vor allem aus dem Umfeld des kleinianischen und postkleinianischen Denkens, wendet sie sich verstärkt den sog. nicht-neurotischen Störungen, den Borderlinestörungen, den narzisstischen Störungen, den Psychosen, den schweren Traumatisierungen und dissoziativen Störungen zu. Bei der psychoanalytischen Erforschung und Behandlung dieser Erkrankungen stehen nicht mehr die klassischen Verdrängungsprozesse, das aufzudeckende Verdrängte und seine symbolischen Ersatzbildungen im Vordergrund der Psychodynamik, sondern ein seelisches Material, das sich auf andere und gravierendere Weise der symbolischen Repräsentation entzieht und nach anderen Gesetzmäßigkeiten individuelles Leiden verursacht und zum Ausdruck bringt: borderline-typische Zustände der Leere, der Dissoziation, der psychosenahen Verfolgungs-, Vernichtungs- und Ichverlustängste, der Verwirrung, der mehr oder weniger gravierenden Auflösung von Subjekt-Objekt-Grenzen usw. Innere Zustände dieser Art, das zeigen neuere Forschungen, kommen nicht im Medium »erzählenden Erinnerns«, der freien Assoziation und des Widerstands zum Ausdruck, vielmehr werden sie vom Patienten auf der Handlungs- und Verhaltensebene unbewusst inszeniert, agiert, werden aus dem Inneren ausgestoßen und projektiv in den anderen hineinverlagert.
Die sog. projektive Identifizierung (vgl. Frank, Weiß 2007) ist zum Schlüsselkonzept psychoanalytischer Behandlungstheorie geworden. In Abgrenzung zur Verdrängung, dem Leitmechanismus der Neurose, bezeichnet sie einen unbewussten Abwehrmechanismus, durch den eigene Anteile abgespalten und in den anderen, z. B. den Analytiker, hineinverlagert werden. Die projektive Identifizierung stellt einerseits einen archaischen Abwehrmechanismus dar, andererseits ein basales Interaktionsmodell zur Erfassung präsymbolischer, auf konkrete Entledigung bedrohlicher Gefühle ausgerichteter Austauschvorgänge zwischen Analytiker und Patient oder aber auch in entwicklungspsychologischer Perspektive zwischen Mutter und Säugling (kommunikative Funktion der projektiven Identifizierung). Durch das Konzept der projektiven Identifizierung wurde das psychoanalytische Verständnis nicht-verbaler Interaktions- und Austauschvorgänge außerordentlich erweitert und ein Zugang zu Patienten eröffnet, die früher als unbehandelbar galten.
Beim Erforschen und therapeutischen Bearbeiten dieser Vorgänge ist die Aufnahmefähigkeit des Analytikers, seine Fähigkeit die Gegenübertragung wahrnehmen, erkennen und bearbeiten zu können, besonders gefragt. Die Gegenübertragungswahrnehmung stellt das wichtigste Instrument dar, um die fraglichen, unzureichend repräsentierten inneren Zustände und Prozesse des Patienten zu erahnen, zu erfassen und ihnen im intersubjektiven Austausch eine Bedeutung verleihen zu können, die beim Patienten zum Ausgangspunkt seelischer Transformation werden kann. Neben den Arbeiten der kleinianischen Schule zur projektiven Identifizierung und zur Gegenübertragung ist die Container-Contained-Theorie des Denkens von Wilfred Bion zum wichtigen Referenzpunkt psychoanalytischer Theorie und Praxis geworden.