Kitabı oku: «Empörung, Revolte, Emotion»

Oliver Baisez / Pierre-Yves Modicom / Bénédicte Terrisse
Empörung, Revolte, Emotion
Emotionsforschung aus der Perspektive der German Studies
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Umschlagabbildung: Käthe Kollwitz, Losbruch
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DOI: 10.24053/9783823394921
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ISSN 1861-3934
ISBN 978-3-8233-9492-1 (Print)
ISBN 978-3-8233-0298-8 (ePub)
Inhaltsverzeichnis
Revolte, Empörung, Emotion. Emotionsforschung aus der Perspektive der German StudiesEinführung1 Revolte, Empörung und Emotion in der neueren geisteswissenschaftlichen Forschung2 Emotionen und Empörung als Gegenstand der Sprachwissenschaft3 Emotionen und Geschichte4 Literaturwissenschaft: Empörung, Revolte, Emotion5 Literaturangaben
1. Emotionen und Empörung als Gegenstand der SprachwissenschaftEmotionen in expressiven Sprechakten: Das Beispiel des Dankens1 Einleitung2 Was drücken expressive Sprechakte aus?3 Expressive Sprechakte im Spannungsfeld zwischen Intention und Konvention4 Konventionalisierte Emotionen: Der Fall der Dankbarkeit5 Fazit6 BibliographieAufforderung und Emotion im DaF-Unterricht aus pragmatischer und didaktischer Sicht1 Einleitung2 Aufforderung und Emotion3 Einblick in einige Aufforderungsvarianten4 Überlegungen zu einer Didaktik der Aufforderung5 Emotionen, (Auf-)Forderungen und Studierende in der Corona-Krise6 Fazit und Ausblick7 Quellen„Das ist doch alles Bullshit, du Troll!“1 Einleitung2 Unwahre Sprechakte3 Emotionalisierung durch Unwahrheiten4 Zusammenfassung: Sprechakttheoretische Definitionen5 BibliographieEinschränkende Faktoren zum Emotionsausdruck in offiziellen KorrespondenzenEinleitung1 Begriffsbestimmung2 Emotionen im Sprachgebrauch3 Zwingende Faktoren bei Emotionsausdruck in öffentlichen Korrespondenzen4 Positionierung in der Korrespondenz5 Beispielfall zweier emotions- und positionierungsgeprägter offizieller Korrespondenzen6 Schluss7 LiteraturWarum Superstaus nicht super und Biowaffen nicht bio sind: Empirische Untersuchungen zum Wandel vom gebundenen Morphem zum freien, expressiven Wort1 Einleitung2 Hintergrund3 Morphologischer Wandel – Ja oder Nein?4 Semantischer Wandel5 Fazit und Ausblick6 Bibliografie
2. Emotionen und GeschichteEmotionen in der Techno-SzeneEinführungDas Berghain als emotionale GemeinschaftResist-danceRebellion der RaverLiteraturFehlende oder verdächtige Emotionen?„Emotionen“ bei den SPD-Bundestagsabgeordneten. BegrifflichkeitenEmotionen in der Bundesrepublik: die Karriere eines negativ konnotierten BegriffesEmotionen und GenerationalitätSPD-Bundestagsabgeordnete und die „Emotionen“ der Studenten: eine homogene Gesinnungsgemeinschaft?Emotionen und Technokratisierung des parlamentarischen Betriebs in der SPD-BundestagsfraktionKurzfristige Emotionen und langfristige ParlamentsarbeitWie repräsentativ war die SPD-Bundestagsfraktion im Parlament?SchlussBibliografie„Camarade déporté, revêts ta tenue de bagnard et parcours le pays!“Der Kampf für den Frieden (1949–1953)Der Kampf gegen die „deutsche Wiederbewaffnung“ (1950–1955)Der Kampf gegen Hans Speidel (1957)Der Kampf gegen Manöver der Bundeswehr in Frankreich (1960–1961)FazitBibliografie„Sieg der Frechheit“: der Eingang von Affekten in die Sozialwissenschaften als empörte Abwehr gegen die Hegemonie der instrumentellen Vernunft1 Einleitung2 Zum historischen Hintergrund der Opposition der deutschen Rechtsphilosophie zu einem als westlich empfundenen Rationalismus: der Moment Savigny3 “Der Zweck im Recht.” Die Widerlegung des Utilitarismus Rudolf von Jherings als Ausgangspunkt von Tönnies’ Rechtsphilosophie4 Die Beleuchtung der Spannung zwischen aufgeklärtem Individualismus und stillschweigenden kollektiven Normen aus den Lebenserfahrungen von TönniesBibliografieZorn im mittelalterlichen deutschsprachigen Sündendiskurs des 14. und 15. Jahrhunderts1 Einführung: Zugriffe auf ‚Zorn im Mittelalter‘2 ‚Zorn‘ im mittelhochdeutschen Bihte buoch3 ‚Zorn‘ in den rheinfränkisch-lothringischen Übersetzungsfassungen der Pilgerfahrt des träumenden Mönchs4 Fazit5 Bibliografie
3. Empörung, Revolte, Emotion in der LiteraturwissenschaftEnites Emotionen in Hartmanns Roman ErecEinleitung1 Enites Emotionen2. Die Leidenschaft als AskeseLiteratur„Aber der Zorn stellt die Welt bloß.“Ein „gesteigertes Realitätsbewusstsein“?Zwischen Ohnmacht und entfesselten KräftenPolemisches/politisches Denken?SchlussbemerkungenBibliografie„Weil ich so ganz vorzüglich blitze / Glaubt ihr, daß ich nicht donnern könnt!“1 Der verbissene Zorn der Ausgebeuteten2 Gewaltphantasien gegen die Restauration in Deutschland. Ein Wintermärchen3 Heines Selbstdarstellungen als zorniger politischer Dichter in den „Zeitgedichten“BibliografieTrauer, Wut, Empörung, Hass: zu deutschen Afrika-Reisebüchern der ZwischenkriegszeitWehmut und Nostalgie – Die verlorene SpracheTrauer und Hoffnungslosigkeit – Das sterbende AfrikaLiebe und Treue – ‚Unserer Neger‘Hass und Schande – Die koloniale ‚Schuldlüge‘Ehre und Leidenschaft – Handlungsmotor EmotionBibliografie
Revolte, Empörung, Emotion. Emotionsforschung aus der Perspektive der German Studies
Einführung1
Olivier Baisez, Pierre-Yves Modicom, Bénédicte Terrisse
1 Revolte, Empörung und Emotion in der neueren geisteswissenschaftlichen Forschung
Seit einigen Jahren kommt die geisteswissenschaftliche Emotionsforschung wieder in Schwung: Neben den traditionellen, immer noch aktuellen Herangehensweisen der Kulturgeschichte, der Anthropologie, der praktischen Philosophie, der Psychologie, der literarischen Rezeptionstheorie und der Rhetorik haben sich neue Herangehensweisen entwickelt, die einerseits das Erbe der poststrukturalistischen Kulturforschung antreten, und sich andererseits auf die neuen Erkenntnisse der kognitiven Psychologie berufen, die unser Verständnis von Emotionen verändern. Für Brian Massumi (1995) ist Affektforschung die Chiffre zu einer neuen allgemeinen Theorie der Semiotik und der gesellschaftlichen Kommunikation überhaupt. Wie umstritten die Parole der „emotionalen Wende“ der Geisteswissenschaften auch ist (s. Leys 2011 für eine grundlegende Kritik), sie hat dennoch zur Entstehung einer neuen Reihe von Forschungen über Gefühle und Emotionen wesentlich beigetragen (für einen Überblick, s. etwa Greco & Stenner 2008 oder Lemmings & Brooks 2014). Ob in der Sprachwissenschaft, in der Literaturwissenschaft oder auch in der kulturellen, intellektuellen, politischen und sozialen Geschichte: Das erneute Interesse für Emotionen stellt die Forschung vor die Wahl, die neuen Ansätze mit traditionellen Paradigmen des Einzelfachs zu kombinieren, oder sich von diesen traditionellen disziplinären Mustern abzugrenzen.
Die intrinsisch interdisziplinäre Herangehensweise der Emotion Studies stößt zudem auf die bestehende disziplinäre Vielfalt der kulturwissenschaftlichen und neuphilologischen Ansätze im Bereich der Germanistik – ob man diese als Einzelbereich der Areal Studies betrachtet, oder auf dem Fokus auf diskursives bzw. philologisches Material besteht. Die mutmaßliche „emotionale Wende“ gestaltet sich also unterschiedlich in der Germanistik, als in einem Einzelfach wie etwa Ethik oder der vergleichenden Literaturwissenschaft. Dies gilt insbesondere für die nationalen Traditionen der Germanistik, die sich seit Längerem mit geschichtlichen, soziologischen und anthropologischen Fragestellungen auseinandersetzen. Dazu zählt die französische Germanistik.
Auf Betreiben des französischen Verbandes für Hochschulgermanistik (Association des Germanistes de l’Enseignement Supérieur, AGES) wurden 2019 die Germanistinnen und Germanisten weltweit dazu eingeladen, sich mit den Herausforderungen der Emotionsforschung auseinanderzusetzen. In freundlicher internationaler Zusammenarbeit mit der Universität des Saarlandes und besonders mit Prof. Dr. Nine Miedema war ursprünglich eine internationale und interdisziplinäre Tagung für 2020 in Saarbrücken geplant. Die – emotionsreichen – coronabedingten Wechselfälle der folgenden Monate haben es anders entschieden. Es wurde dennoch beschlossen, die Weichen für weitere Gespräche und Forschungen zu stellen, indem eine Auswahl aus den geplanten Beiträgen herausgebracht und veröffentlicht werden sollten.
Um trotz der Vielfalt der untersuchten Emotionen einen Leitfaden zu behalten, wird ein bestimmter Emotionskomplex besonders berücksichtigt: Zorn und Empörung. Empörung wird hier als individueller und als kollektiver Affekt definiert. Diese Emotion ist nicht nur ein Gefühl, sondern auch ein Ereignis, das im Phänomen der individuellen und kollektiven Revolte gipfeln kann. Empörung und Revolte wurden schon von den traditionellen Herangehensweisen der Emotionsforschung gründlich behandelt und eignen sich daher für den gewünschten Dialog gut. Das Spannungsverhältnis zwischen Behauptung und Zerstörung (bzw. Positivität und Negativität) bei Empörung und Revolte gibt zumindest Anlass zur Besprechung von zwei Grundthemen der Affekttheorie Massumi’scher Prägung: den komplexen Verbindungen zwischen persönlichen Werturteilen und emotionaler Intensität, und dem Verhältnis zwischen Emotionen und der „Virtualität“, d.h. der Menge aufkeimender, emergierender und unvollkommener Entwicklungen, durch welche die „Futurität“ in der Gegenwart verankert aber auch teilweise gefangen ist.
Gesammelt werden Beiträge aus historischer, geistesgeschichtlicher, literarischer und linguistischer Perspektive zu den Phänomenen Revolte – Empörung – Emotion im deutschsprachigen Raum. Zu den rekurrierenden Motiven der Beiträge gehören die Sozialgeschichte der Empörung, die kulturellen und diskursiven Aspekte von Revolte, die literarische Behandlung von Revolte, Empörung und benachbarten Emotionen sowie die Rhetorik der Empörung und die Rolle von Empörung und Emotionen in der Sprachtätigkeit selber.
2 Emotionen und Empörung als Gegenstand der Sprachwissenschaft
Diskursiv lassen sich Emotionen, und vor allem Empörung, als Haltungen der Sprecher:innen bezüglich vorgestellter Sachverhalte fassen. In diesem Sammelband wird aber auch Empörung als Ereignis begriffen, das über eine auszudrückende innerliche Haltung hinausgeht: Empörung kann auch dieser Ausdruck selbst sein, oder die Reaktion darauf. Emotionen sind daher ein wichtiger theoretischer Gegenstand für die Sprechakttheorie. Welche Regelmäßigkeiten treten in diesen Interaktionen zutage, die die Grice’schen Kooperationsmaximen (vor allem die „Modalitätsmaxime“) oft missachten? Was ist das Zusammenspiel zwischen Emotionalität und illokutiver Kraft? Die Grundsprechakte, die von Searle (1969) definiert worden sind, beinhalten entweder keine intrinsischen emotionalen Komponenten (Aussage, Frage, Befehl), oder werden sehr allgemein als emotional definiert (Exklamation, in vielen Hinsichten ein Stiefkind der klassischen Sprechakttheorie, s. Danon-Boileau & Morel 1995, Krause & Ruge 2004, d’Avis 2016, Larrory-Wunder 2016). Die neuere Sprechaktforschung liefert aber ein differenzierteres Bild, die auf eine feinkörnigere Beschreibung der emotionalen Merkmale verschiedener Illokutionssorten hoffen lässt, auch in formaler Hinsicht: Mehrere formale Ansätze versuchen jetzt, die Semantik und Pragmatik der Empörung und der Emotion modellieren (Potts 2007, Gutzmann 2015). Wahrheits- und gebrauchskonditionale Semantik werden miteinander artikuliert, um die Glückensbedingungen (felicity conditions) emotionaler und insbesondere empörerischer Sprechakte zu bestimmen. Eine wichtige Frage dabei ist, wie sich die emotionalen, empörerischen Illokutionen in die Landschaft der Sprechakte verorten lassen. Gibt es eigene emotionale Sprechakte, oder soll man eher Emotion, etwa Empörung, als eine zusätzliche illokutionäre bzw. expressive Verfärbung basaler Sprechaktsorten verstehen? Oder soll der Expressivitätsbegriff kritischer betrachtet werden (Blakemore 2015)?
Diese Frage wird in den ersten zwei Beiträgen des Bandes erörtert. In ihrem Beitrag „Emotionen in expressiven Sprechakten. Das Beispiel des Dankens“ nimmt Urszula Topczewska diese Frage nach dem Platz der Expressivität in der Sprechakttheorie zum Ausgangspunkt. Die Vermittlung von Emotionen durch Sprechakte lässt sich nicht auf eine pauschale Ausdrucksfunktion reduzieren und inkludiert immer eine teilweise diskursive Herausbildung der Emotion durch den Sprechakt selbst. Sie unterliegt somit den sozialen Konventionen, die dem Rückgriff auf spezialisierte Untertypen von Sprechakten entsprechen. Diese theoretischen Stellungnahmen werden anschließend am Beispiel der emotionalen Bestimmungen des Sprechaktes „Danken“ veranschaulicht. Auch der Beitrag von Anne-Kathrin Minn und Nathalie Schnitzer, „Aufforderung und Emotion im DaF-Unterricht aus pragmatischer und didaktischer Sicht“, befasst sich mit diesem Themenbereich der Emotionsvermittlung innerhalb von konventionalisierten Illokutionen. Diesmal geht es um die Aufforderung als Illokution (eher als um den Imperativsatz als Satzmodus). Berücksichtigt wird das Spannungsfeld von Emotionalität und (Auf)forderung am Beispiel von Äußerungen aus dem Umfeld der Corona-Pandemie. Dieser Beitrag kennzeichnet sich auch durch eine didaktische Perspektive aus der Sicht des Deutschen als Fremdsprache: Veranschaulicht wird die Aneignung pragmatischer Strategien durch fortgeschrittene Sprachlernende anhand von fünf praktischen Aufgaben.
Nach dieser Standortbestimmung rückt Empörung durch den Beitrag von Daniel Gutzmann und Katharina Turgay in den Vordergrund. Unter dem Titel „Das ist doch alles Bullshit, du Troll! Eine sprechakttheoretische Betrachtung von Unwahrheit und Emotionalisierung in den sozialen Medien“ befassen sie sich mit unwahren Assertionen, die auf Empörung abzielen („Trolling“, „Bullshit“, s. Stefanowitsch 2020). Unter Berücksichtigung der neueren theoretischen Forschung zur Lüge (s. u.a. Meibauer 2015) versuchen Sie, solche Wortmeldungen sprechakttheoretisch zu verorten, und von anderen konventionalisierten Illokutionstypen abzugrenzen.
Sprechakttheorie erschöpft aber das Feld der pragmatischen Emotionsforschung nicht. Auch die interaktive Dimension emotionaler Diskurse soll auch in Betracht gezogen worden, sowohl in mündlichen als auch in schriftlichen Interaktionen: Wie laufen footing- und face-taking-Strategien in emotionbeladenen Kontexten (Brown & Levinson 1987)? Welche sprachlichen Phänomene kann die korpusbasierte Erforschung emotionaler Diskurse an den Tag legen? Werden Emotionen vermittelt oder verheimlicht, je nach den Requisiten einer bestimmten Tradition? Und wie? Erste Angaben sind aus den neueren Studien zum Ausdruck der expressiven Funktion der Sprache (Bühler 1934, Jakobson 1960) zu erwarten (s. schon Traverso, Plantin & Doury 2000 sowie Schwarz-Friesel 2007 oder Micheli et al. 2013, und die Sammelbände von Paulin 2007, Gautier & Monneret 2011, Chauvin & Kauffer 2013, Gutzmann & Gärtner 2013, d’Avis & Finkbeiner 2019, Mackenzie & Alba-Juez 2019). Erste Ansätze haben sich erfolgreich mit mündlichen und multimodalen Korpora beschäftigt (s. u.a. Mondada 2016, Pfänder & Gülich 2013, Quignard et al. 2016, sowie aus germanistischer Sicht König 2017), wie auch mit den Eigenschaften der Emotionsvermittlung in neuen Medien (Bucher 2020, Fladrich & Imo 2020). Im Geiste der Unterschung von Nähe- und Distanzsprache (Koch & Oesterreicher 1985) ließe sich fragen, inwieweit der Ausdruck von Emotionen genremäßig mit konzeptioneller Mündlichkeit verbunden ist (über Emotionen in schriftlichen Texten, s. dennoch Fries 2009). Der Beitrag von Roland Lakyim „Einseitigkeit und institutioneller Rahmen (Öffentlichkeit) als einschränkende Faktoren zum Emotionsausdruck in offiziellen Korrespondenzen“ widmet sich diesem Methodenbereich der interaktionalen korpusbasierten Emotionsforschung und nimmt bewusst schriftliche Diskurse zum Ausgangspunkt. Ausgehend von den konventionalisierten diskursiven Eigenschaften eines konzeptionell und medial schriftlichen Genres, der offiziellen Korrespondenz, erforscht Roland Lakyim die Art und Weise, wie pragmatisch-kontextuelle Regelmäßigkeiten den Ausdruck von Emotionen erschweren können. Dabei zeigt er auch, dass Emotionalität sich trotzdem an den Tag legen lässt, und isoliert er erste Formen und Strategien der schriftlichen, öffentlichen Emotionsvermittlung.
Insgesamt lässt sich Emotionalität nicht als ein getrenntes Feld der Sprachwissenschaft absondern. Ob man sie als allgegenwärtige Belebungskraft gegen die Grammatik hervorhebt, oder sie umgekehrt als Quelle von Irregularitäten bzw. Performanzunfällen abtut: Emotionen liegen genausowie Illokutionen zumindest teilweise im Lexikon und in der Grammatik. Emotionalität unterliegt somit dem Prinzip der sprachlichen Arbitrarität und muss mit den Instrumenten der Morphologie, der Phraseologie (Schmale 2013) und der Syntax erfasst werden können. Auf lexikalisch-semantischer Ebene dürfte hier der Begriff der Intensivierung in den Vordergrund rücken. Wie lassen sich morphologische Intensivierungsmarker rekrutieren? Sind sie Fälle von Grammatikaliserung (Traugott 1995)? Von Pragmatikalisierung? Inwieweit kann man von einem Kontinuum zwischen intensivierenden und nicht-intensivierenden Lesarten sprechen? Im vorliegenden Sammelband wird diese Frage im Hinblick auf intensivierende Wortbildung gestellt. In seinem Beitrag „Warum Superstaus nicht super und Biowaffen nicht bio sind – Empirische Untersuchungen zum Wandel vom gebundenen Morphem zum freien, expressiven Wort“ nimmt Fabian Ehrmantraut die beiden Präfixoide super- und bio- unter die Lupe. Das erste hat eine konventionelle affektive und eine intensivierende Bedeutung entwickelt. Emotionalität und Werturteil schwingen sehr oft im Gebrauch des zweiten mit. Der Beitrag befasst sich mit den verschiedenen Gebrauchsweisen der beiden Formen und weist nach, inwieweit der morphologische Wandel mit einer Bedeutungsänderung und einer Konkretisierung einhergeht.
3 Emotionen und Geschichte
Die Geschichtswissenschaft hat schon relativ früh die sogenannte emotionale Wende (emotional turn) zur Kenntnis genommen und integriert. Die Erkenntnis, dass der Ausdruck und das Empfinden von Emotionen und Gefühle nicht ewig naturgegeben, sondern dem Wandel der Zeit unterworfen sind, ist nicht zuletzt der Historiker*innen zu verdanken. Sie sind den Fragen „Haben Emotionen eine Geschichte?“ und „Machen Emotionen Geschichte?“ nachgegangen und stellten mit Lucien Febvre, der bereits 1941 zur Beschäftigung mit dem „Affektleben von einst“ aufrief, erneut fest, dass sozial und kulturell konstruierte Emotionen ein ertragreicher Forschungsgegenstand der Gesellschaftsgeschichte darstellen können. Seit dem Ende der 2000er Jahre bildet die Emotionsgeschichte bzw. die Geschichte der Gefühle ein expandierendes Forschungsfeld, dem zum Beispiel das Max-Planck-Institut in Berlin ab 2008 ein eigenes Forschungsbereich widmete. Sowohl in Deutschland als auch Frankreich wurden in den letzten Jahren Standardwerke zur Geschichte der Emotionen veröffentlicht (Frevert 2011 und 2016, Plamper 2012; Corbin, Courtine, Vigarello 2017), die sich unter anderem mit der Frage auseinandersetzen, welche Emotionen angestrebt und kultiviert, welche Vorstellungen vermittelt, welche Anforderungen gestellt, welche emotionalen Reaktionen in verschiedenen Sinn- und Kulturhorizonten erwartet wurden (Stalfort 2013). Besonders in der Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts lassen sich Emotionen häufig mit Empörung bzw. Revolte verbinden – man denke nur an das weltweit gelesene und rezipierte Pamphlet von Stéphane Hessel: „Empört Euch!“ (2010). Im Kontext der Historisierung der deutschen Geschichte artikulierten sich Tagungen und Werke um die DDR-Geschichte oder die 68er Revolution sowie linke Bewegungen oder auch um Krisenzeiten, Kalten Krieg, Kapitalismus (Illouz, Benger 2017) und Kampf um Umweltschutz (Radkau 2011). Unterschiedliche Herangehensweisen wurden bevorzugt: Diskursgeschichte, Geschichtspolitik, Didaktisierung in Museen oder an Schulen (Brauer 2016). Wesentliche Impulse kamen auch aus der Politikwissenschaft, so konnte der Einfluss von Emotionen auf die Politik des 19. und 20. Jahrhunderts thematisiert werden (Aschmann 2005) oder auch durch Medienwissenschaftler mit der doppelten Funktion der Medien, Kaptation und Beeinflussung (Bösch, Borutta 2006).
In seinem Beitrag veranschaulicht Guillaume Robin am Beispiel der Kundschaft des Berghain-Clubs auch aus der soziologischen Perspektive die Schlüsselrolle der Beherrschung von Emotionen und deren Somatisierung bzw. Nicht-Somatisierung als Stütze des Zugehörigkeitsgefühls in einer Subkultur. Die Emotionen, die diese „emotionale Gemeinschaft“ (in Anlehnung an den von Barbara Rosenwein eingeführten Begriff der emotional communities) der Techno-Szene zusammenhalten, können auch für politische Zwecke mobilisiert werden, nämlich im Kampf um die Nutzung des urbanen Raums.
Auch Nicolas Batteux orientiert sich an Rosenwein und führt eine Umkehrung gewöhnlicher emotionsgeschichtlicher Untersuchungen durch, indem er in der 68er Bewegung nicht die protestierenden Studenten, sondern Parlamentarier der SPD-Bundestagsfraktion unter die Lupe nimmt. Er zeigt im Besonderen, wie der Begriff „Emotionen“ von den Abgeordneten in Abgrenzung zum Begriff „Gefühle“ verwendet wurde, um das als negativ empfundene Verhalten der demonstrierenden Jugend als übermäßig affektbetont anzuprangern.
Henning Fauser kehrt den Blick nach Frankreich und beleuchtet in seinem Beitrag ebenfalls das Verhalten einer Gruppe sowie die Signalfunktion, die bestimmte Handlungen beim Ausdruck von Emotionen haben können, und zwar am Beispiel des öffentlichen Tragens der gestreiften Häftlingskleidung durch französische KZ-Überlebende im Zeitraum 1945–1961. In diesem Fall sollte ein gestreiftes Stück Stoff, das auf Demonstrationen am Leib getragen wurde, auf vergangenes Leid verweisen, beim Betrachter Emotionen wecken und eine Stigma-Umkehr von negativer Ausgrenzung zu positiver Abhebung vollziehen. Gezeigt wird außerdem, dass nur kommunistisch gesinnte ehemalige Häftlinge ihre KZ-Kleidung auf diese Art und Weise als visuelles Mittel politischer Kommunikation einsetzen.
Viel weiter zurück in der Zeit geht Niall Bond bei seiner Untersuchung der Rolle von Emotionen und Empörung in der formativen Phase der Rechts- und Sozialwissenschaften in Deutschland. In der Auseinandersetzung zwischen der romantischen Rechtsauffassung eines Savignys und dem von Rudolf von Jhering vertretenen Utilitarismus wurde dem Vorwurf der übertriebenen Rationalität (Gefühlsleere, Emotionslosigkeit, zweckorientiertes Kalkül) bzw. Irrationalität (Sentimentalität bis zur Gefühlsduselei) vorgeworfen. Bei Ferdinand Tönnies und in der frühen deutschen Soziologie finden sich Spuren beider Richtungen, die sich im Begriffspaar Gemeinschaft-Gesellschaft niederschlagen. Dahinter sieht Bond den strukturellen Gegensatz zwischen Normen der Bewusstheit und Normen der Unbewusstheit.
Dem Beitrag von Matthias Rein über Zorn im geistlichen Sündendiskurs des Mittelalters kommt nicht nur in chronologischer Hinsicht ein besonderer Platz zu, handelt es sich doch um den einzigen Text zur vorneuzeitlichen Geschichte in diesem historischen Teil. Er steht auf Grund seines metasprachlichen Ansatzes auch an der Nahtstelle zwischen Geschichts- und Literaturwissenschaft und bemüht sich um eine differenzierte Thematisierung der Grundemotion Zorn. Über die narrative Ebene hinaus werden auch die psychischen, physischen und sozialen Auswirkungen von Zorn berücksichtigt und anhand von drei Beispieltexten eingehend untersucht.
4 Literaturwissenschaft: Empörung, Revolte, Emotion
Seit der antiken Rhetorik gehören Emotionen zu den Wesensmerkmalen der Literatur. Sie wurde als Kunst aufgefasst, die durch sprachliche Mittel eine gewisse Macht auf Zuhörer- bzw. Leserschaft ausüben kann und soll (cf. die von der aristotelischen Tragödie auszulösende Reaktion von eleos und phobos). Den Leser und den Zuhörer zu „erschüttern“ (movere) gehört bekanntlich neben den anderen Funktionen des Belehrens (docere) und Unterhaltens (delectare) zu den Hauptaufgaben der antiken Redekunst. Die Literatur des Barocks stand diesem rhetorischen Modell noch nahe. Zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert wurde Literatur u.a. als Instrument der Seelenerkundung begriffen. In dieser psychologischen Auffassung der Literatur spielen Emotionen, Gefühle und Empfindungen eine große Rolle. Literarische Bewegungen des 18. Jahrhunderts wie die „Empfindsamkeit“, der „Sturm und Drang“ oder auch der Pietismus lassen sich sogar als Reaktionen auf das Modell der antiken Rhetorik im Bereich der Emotionen interpretieren: als „Gegenmodell emotionaler Kommunikation“, das „das erlebnisästhetische“ gegen das rhetorische ausspiele, indem sie behaupteten, „Emotionen können nicht nur nachgeahmt, sondern faktisch erlebt werden“ (Anz 2006). Gerade gegen dieses rhetorische und psychologische, als traditionell wahrgenommene, Verständnis der Literatur lehnte sich die Literatur der Moderne auf. Die Revolte der modernen Kunst richtete sich gegen den Vorrang der Emotionen in der Literatur und befürwortete dagegen eine Kunst des sprachlichen Experiments, der Selbstreflexion und des Kalküls. Nun lässt sich seit den 2000er Jahren eine Art Rückkehr zu den noch vor kurzem verpönten Emotionen in der Literaturwissenschaft beobachten. Der Erfolg der amerikanischen Moralphilosophie (Nussbaum 1990, 2013, 2017), die der Literatur und ihrer Art, Emotionen darzustellen und einzusetzen, einen Erkenntniswert beimisst, da bestimmte Konzepte der Ethik dadurch neu gedacht werden können, mag dazu beigetragen haben. Die Frage nach der Macht der Literatur, die von der der Affekte nicht zu trennen ist (Bouju/Gefen 2012), steht im Mittelpunkt der aktuellen theoretischen Reflexionen der Literaturwissenschaft. Emotionen dienen der Neubeschreibung von Gattungen (Meyer-Sickendiek 2005) dank dem Begriff des „emotionstypischen Schlüsselszenarios“; sie werden in der Erzähltheorie eingesetzt, Empathie bzw. Sympathie etwa gehören zu den wichtigen Begriffen in der Analyse der Figuren in fiktiven Erzählungen. Die inter- bzw. transmediale Wende mag ein weiterer Grund sein für das neu erweckte Interesse an Emotionen, so stark emotionalisierend Bild und Sound im Film sein können (Grau/Keil 2005).
Unter den neu berücksichtigten Affekten kommt Empörung, in der Doppelbedeutung des Wortes als „Entrüstung bzw. Indignation“ und „Aufstand“, an der Schnittstelle also zwischen „Emotion“ und „Handlung“, eine Schlüsselrolle zu. Sie lässt sich dem Zorn zuordnen, wobei zwischen „thumos“ und „nemesis“ unterschieden werden soll. Während „thumos“ Zorn als einen individuellen Affekt bezeichnet, verweist „nemesis“ auf eine „legitime Indignation“ (Boyer-Weinmann 2015), die dem Anderen zugewandt ist und auf das Zusammenspiel von Individuum und Kollektivum hinweist. Zorn kann verschiedene literarische Formen und Textsorten in Anspruch nehmen, wie die Satire (Kraus, Tucholsky, Jelinek), der Sarkasmus (Bernhard), das Pamphlet, das Flugblatt (Büchner) oder das Manifest, die Brand- und Streitschrift, das Kampflied oder die Hymne (Heine, Brecht, Biermann). Empörung rückt also das Verhältnis von Literatur und Politik, die Fähigkeit der Literatur, „die Welt zu verändern“ (Marx), in den Vordergrund, wobei die Parallelisierung von politischer und literarischer Avantgarde immer wieder in Frage gestellt wird (Enzensberger 1962). Dass Protest mit formalästhetischen Mitteln durchaus wirksam – und vielleicht mit größerer Schlagkraft als mit einer pathetischen, gefühlsbeladenen Sprache – ausgedrückt werden kann, gehört zu den brisantesten Erkenntnissen der modernen Literatur, zudem der Widerspruch bzw. die Diskrepanz zwischen empfundenen, nachgeahmten Emotionen und kontrolliertem Schreibakt der Literatur innewohnt. Die Lyrik der angry young men Thomas Brasch oder Rolf Dieter Brinkmann, das Theater des jungen Handke lassen sich nicht unbedingt mit dem Stichwort „Emotion“ beschreiben, aber sie provozieren und skandalisieren, rufen Empörung bei der Leserschaft hervor und werden als eine Form von Gewalt wahrgenommen (s. den Film Brinkmanns Zorn von Harald Bergmann). Auf welcher Seite des Schreibakts steht also Zorn? Fungiert Zorn bzw. Empörung bei manchen Schriftstellern als Triebkraft des Schreibens? Wenn Zorn ein historischer Affekt ist, wie Michelet im Hinblick auf die Französische Revolution behauptete, was ist der Affekt der Literatur nach der geschichtlichen Katastrophe der Judenvernichtung? Kann Empörung neben der Melancholie mit den Texten Sebalds oder Celans in Verbindung gebracht werden, wie über Primo Levi oder Chalamov geschrieben wurde (Boyer-Weinmann 2015)? Ist literarische Empörung männlich codiert, wobei Jelineks Schriften als prominente Ausnahmen firmieren würden?
Der Beitrag von Emmanuelle Terrones im vorliegenden Sammelband lotet am Beispiel des Romans einer Schriftstellerin, Olga Grjasnowa, Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012), und der Erfahrungen seiner Ich-Erzählerin die Paradoxen und Widersprüche der Wut aus, die sie im Lichte der Reflexionen von Hannah Arendt untersucht. In diesem Beispiel für weibliche Empörung wird die Frage nach dem Geschlecht der Wut allerdings nicht thematisiert. In Farah El Abeds Aufsatz hingegen steht das Geschlechtsstereotypische im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit der Figur der Enite aus dem Roman Erec von Hartmann von Aue aus dem Ende des 12. Jahrhunderts. Der Artikel beleuchtet einerseits die Rolle der Emotionen und Wahrnehmungen in der Konstruktion der Geschlechterverhältnisse im Mittelalter, wo die Frau als „Sensorium“ des Mannes fungiert und somit ihre Funktion als Vermittlerin erfüllt und ihren Status als frowe erreicht. Andererseits wird die Ambiguität der Position des Autors ans Licht gebracht, der die tradierten Rollen und Codes zwar inszeniere, sich aber möglicherweise davon kritisch distanziere.
In ihrer Auseinandersetzung mit der Empörung stellen die Texte von Emmanuelle Terrones, Leslie Brückner und Sonja Malzner die politische Dimension dieser Emotion in den Vordergrund. Ausgehend von Arendts Verständnis des Zorns als „gesteigertes Realitätsbewusstsein“ wirft Terrones‘ Beitrag die Frage nach der politischen Tragweite der Empörung auf, indem er das Verhältnis dieser Emotion zur Macht bzw. Ohnmacht aber auch zur Notwendigkeit bzw. Unmöglichkeit des Austauschs erörtert. Gegenstand des Zorns der Protagonistin des Gegenwartsromans von Grjasnowa sind die „Diskriminierungen und Demütigungen, denen Flüchtlinge zum Opfer fallen“. Leslie Brückner widmet sich dem „Verhältnis von revolutionärer Empörung, von verbaler Gewalt und tatsächlicher revolutionärer Gewalt“ in Heinrich Heines politischer Lyrik der 1840er Jahre. Dabei erweist sich die Position des Autors, der Ironie und Pointe als „Gegengewicht“ in seinen Texten verwendet, als besonders komplex, was Tendenzdichtung angeht. Die Emotion des Zorns und deren Darstellung durch die konventionelle Metapher des Donnerns dienen dem Selbstverständnis des Autors als „zorniger politischer Dichter“, gleichzeitig scheint der Blitz der Ironie seine Eigenart geradezu zu kennzeichnen und den Wunsch nach der Umsetzung der revolutionären Tat zu relativieren. Sonja Malzner untersucht die Art und Weise, wie Emotionen (vornehmlich Trauer, Wut, Empörung und Hass) in deutschen Afrika-Reisebüchern der Zwischenkriegszeit durch verschiedene rhetorische Strategien auf textueller, peritextueller, kartographischer und bildlicher Ebene vermittelt werden. Dabei gebraucht sie den Begriff „politisch motivierte Emotionalität“, und zeigt auf, wie diese Form von „Erinnerungsliteratur“ als „Emotionsort“ fungiert, der zur „Konstruktion eines nationalen kolonialen Gedächtnisses“ beiträgt und das „Projekt Revisionismus“ fördert. Eng verwoben mit dem politischen Aspekt der Empörung ist die Frage nach der Wirkung des Schreibens. Wird die Wut als „begrenzt wirksam“ in Grjasnowas Roman beschrieben, denn sie verhelfe der Protagonistin weder dazu, „Akteurin ihrer eigenen Existenz“ zu werden, noch die Umstände zu ändern, so ist die „Appellfunktion an den Leser“ in den politischen Gedichten Heines und den Afrika-Reisebüchern gemeinsam. In beiden Fällen soll sich der Rezipient bzw. die Rezipientin engagieren: für die Revolution bzw. im Sinne des Kolonialrevisionismus.
Ob der Leser tatsächlich handelt, wie die emotional aufgeladenen Bücher und Gedichte es sich wünschen würden, bleibt dahingestellt. Festzustehen scheint aber, dass Empörung als wirksamer Impetus des Schreibens fungiert.
5 Literaturangaben
1 Emotionen in den zeitgenössischen Sozialwissenschaften
Greco, Monica/Steiner, Paul, Emotions: a Social Science Reader, London, Routledge, 2008 (Neuauflage 2013).
Lemmings, David/Brooks, Ann (ed.), Emotions and Social Change. Historical and sociological Perspectives, London, Routledge, 2014.
Leys Ruth, „The turn to Affect: a Critique”, in: critical inquiry, 37/3, 2011, 434–472.
Massumi, Brian, „The autonomy of affect”, in: culturalcritique, 31, 1995, 83–109.
Wetherell, Margaret, Affect and Emotion. A new Social Science Understanding, New York, Sage Publications, 2012.
2 Emotionen und Empörung in der Sprachwissenschaft
D’Avis Franz, „Exclamatives, Normalcy Conditions and Common Ground“, In: Themenheft Exclamation et Intersubjectivité, Revue de Sémantique et Pragmatique, Nr. 40, 2016, 17–34.
D’Avis, Franz/Finkbeiner, Rita (ed.), Expressivität im Deutschen, Berlin, De Gruyter, 2019.
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1. Emotionen und Empörung als Gegenstand der Sprachwissenschaft
Emotionen in expressiven Sprechakten: Das Beispiel des Dankens
Urszula Topczewska (Uniwersytet Warszawski)
Abstract
Emotionen sind nicht nur physiologisch bedingt, sondern auch persönlichkeits- und kulturabhängig. Die Kultur stellt sozial anerkannte Verhaltensmuster bereit, die jeweils als situationsangemessen gelten und insofern die Entstehung bestimmter Emotionen fördern. Sprachlich werden Emotionen z.B. in denjenigen Sprechakten ausgedrückt, die Searle (1969) zu den Expressiva zählt, z.B. im Loben, Bewundern, Spotten, Beschimpfen, Danken. Im vorliegenden Beitrag wird der Frage nachgegangen, inwiefern expressive Sprechakte den beim Sprecher tatsächlich vorhandenen Emotionen Ausdruck verleihen und inwiefern sie deren Herausbildung steuern. Zunächst wird die Searle’sche Definition expressiver Sprechakte diskutiert, und anschließend wird die sich daraus ergebende These, dass expressive Sprechakte sozialen Normen folgen und in diesem Sinne von sozialen Regeln geleitet sind, anhand des Sprechakts der Danksagung veranschaulicht.
1 Einleitung
Die moderne Neurobiologie definiert Emotionen als größtenteils automatisch im Gehirn ablaufende Vorgänge, die menschliche Kognitionen und Handlungen begleiten und somatosensorisch gefühlt werden können:
Emotionen treten auf, wenn im Gehirn verarbeitete Bilder emotionsauslösende Regionen anregen, beispielsweise die Amygdala oder besondere Abschnitte der Stirnlappen. Sobald eine dieser Auslöseregionen aktiviert wird, scheiden endokrine Drüsen und subkortikale Gehirnkerne chemische Substanzen (bei Angst beispielsweise Cortisol) aus, die sowohl ins Gehirn als auch in den Körper gelangen. Darüber hinaus werden bestimmte Handlungen eingeleitet (zum Beispiel wiederum im Fall der Angst, Flüchten oder Stehenbleiben sowie Kontraktionen des Darms) und bestimmte Ausdrucksweisen (beispielsweise von Angst geprägte Gefühlsausdrücke oder Körperhaltungen) gezeigt. Zumindest für den Menschen gilt, dass auch bestimmte Gedanken und Pläne im Geist auftauchen. […] Die Gesamtheit all dieser Reaktionen stellt den «emotionalen Zustand» dar, der sich recht schnell entfaltet und dann wieder nachlässt, bis neue Reize, die ebenfalls Emotionen verursachen können, im Geist hinzukommen und eine erneute Kettenreaktion anstoßen. (Damasio 2011: 123)
Emotionen sind aber nicht nur physiologisch bedingt, sondern auch persönlichkeits- und kulturabhängig. Sie basieren auf Normen- und Wertesystemen, die von Kultur zu Kultur unterschiedlich ausgeprägt sein können. Die Kultur stellt jeweils sozial anerkannte Verhaltensmuster bereit, die als situationsangemessen gelten und insofern die Entstehung von Emotionen fördern.
Aus philosophischer Sicht bilden Emotionen eine sehr heterogene Klasse von mentalen Zuständen, die von einfachen, reaktiven bis zu hochkomplexen, menscheneigenen animi motus reichen:
At first blush, the things we ordinarily call emotions differ from one another along several dimensions. For example, some emotions are occurrences (e.g., panic), and others are dispositions (e.g., hostility); some are short-lived (e.g., anger) and others are long-lived (e.g., grief); some involve primitive cognitive processing (e.g., fear of a suddenly looming object), and others involve sophisticated cognitive processing (e.g., fear of losing a chess match); some are conscious (e.g., disgust about an insect in the mouth) and others are unconscious (e.g., unconscious fear of failing in life); some have prototypical facial expressions (e.g., surprise) and others lack them (e.g., regret). Some involve strong motivations to act (e.g., rage) and others do not (e.g., sadness). Some are present across species (e.g., fear) and others are exclusively human (e.g., schadenfreude). And so on. (Scarantino/de Sousa 2018)
Das am wenigsten kontroverse Merkmal von Emotionen scheint ihre Intentionalität zu sein. Ob sie aber deskriptiv oder präskriptiv zu interpretieren ist, bleibt in der philosophischen Diskussion nach wie vor unentschieden. Fest steht nur, dass Emotionen im Rahmen einer sozialen bzw. moralischen Ordnung als angemessen bzw. unangemessen in Bezug auf ihr intentionales Objekt angesehen werden (ebd.).
Sprachlich werden Emotionen z.B. in Sprechakten des Lobens, Bewunderns, Spottens, Beschimpfens, Dankens, Sich-Ängstigens usw. ausgedrückt, also in denjenigen Sprechakten, die Searle (1969) zu den Expressiva zählt und die nach seiner Definition den illokutionären Zweck haben, psychische Zustände des Sprechers auszudrücken (cf. Searle 1976: 12; Searle/Vanderveken 1985: 211–216; Vanderveken 1990: 213–219). Mit Expressiva will also ein Sprecher etwas von seinen subjektiven Erlebnissen mitteilen:
They may express very general propositional attitudes such as belief or intention, or affectively coloured inner states such as hope, desire, and the like. We say that the expression of inner states is upgraded when the speech act foregrounds the speaker’s inner states, sometimes emphasising their intensity. The expression of inner states is downgraded if linguistic and textual devices hinder the foregrounding of the speaker’s inner states where the context and/or the discourse topic would make it appropriate to expect its occurrence. (Bazzanella et al. 1991: 67)
Hermanns (1995) unterscheidet emotionsausdrückende und emotionsbezeichnende Äußerungen. Diejenigen, die Emotionen ausdrücken (z.B. in Form von Exklamativsätzen wie Was für ein Genie!), benennen sie nur sekundär, und umgekehrt: Äußerungen, in denen Emotionen diagnostiziert werden (z.B. Er liebt sie bzw. Ich habe Angst), dienen nur sekundär zum Ausdruck von Emotionen. In diesem Sinne stellt Hermanns fest: „Ich finde auch, der Satz Ich liebe dich drückt das Gefühl der Liebe in der Regel gar nicht aus“ (Hermanns 1995: 145). Emotionsbezeichnende Sätze drücken nach Hermanns nicht die genannte Emotion aus, sondern die Intention des Sprechers, den Adressaten glauben zu lassen, dass der Sprecher ihm gegenüber diese Emotion empfindet1. Noch weiter geht Motsch (1995: 149), der der gesamten Klasse von Expressiva den intentionalen Modus des Glaubens, dass p, zuschreibt, indem er die expressiven Sprechakte auf Bewertungen reduziert.
Schwarz-Friesel (2007) hält dagegen die von Hermanns vorgeschlagene Unterscheidung zwischen emotionsausdrückenden und emotionsbezeichnenden Äußerungen für artifiziell und findet den Satz Ich liebe dich nicht weniger expressiv als eine spontane Liebesbekundung mit einem Exklamativsatz wie Oh mein süßer Hase. Sie behauptet ihrerseits: „Auch Äußerungen mit emotionsbezeichnenden Wörtern drücken selbstreferenziell den inneren Zustand des Sprechers aus“ (Schwarz-Friesel 2007: 147).
Vor dem Hintergrund dieser Diskussion lokutionärer und illokutionärer Bedeutungen von Expressiva ist der vorliegende Beitrag ein Versuch, folgenden Fragen nachzugehen: Inwiefern verleihen expressive Sprechakte unseren Emotionen Ausdruck? Geht die Ausdrucksfunktion der Expressiva mit einer Darstellungsfunktion einher? Steuern Expressiva als formelhafte, kollektive Orientierungsmuster die Herausbildung von Emotionen?
Zunächst werde ich die Searle’sche Definition expressiver Sprechakte diskutieren und in diesem Zusammenhang soziale Aspekte von expressiven Illokutionen2 herausstellen. Die sich daraus ergebende These, dass expressive Sprechakte sozialen Normen folgen und in diesem Sinne von sozialen Regeln geleitet sind, wird anschließend anhand des Sprechakts der Danksagung veranschaulicht.
2 Was drücken expressive Sprechakte aus?
Sprechakte werden als grundlegende Einheiten zwischenmenschlicher Kommunikation angesehen (Searle 1976: 1). Darunter sind Äußerungen zu verstehen, die nicht nur etwas bedeuten bzw. für eine Bedeutung stehen, sondern auch etwas in der sozialen Welt leisten bzw. bewirken. Austin (1962) ist der Meinung, dass in jedem Sprechakt drei verschiedene Handlungen vollzogen werden, die er Lokution, Illokution und Perlokution nennt. Die Illokution sieht er als denjenigen Akt an, der den kommunikativen Zweck einer Lokution bzw. ihre „Kraft“ (force) deutlich macht und somit anzeigt, wie die gegebene Äußerung zu verstehen ist. Die illokutionäre Kraft ist diejenige Bedeutung einer Äußerung, die unabhängig von ihren Wahrheitsbedingungen dank der Konvention realisiert wird, dass mit der Äußerung bestimmte illokutionäre Zwecke erreicht werden, z.B. kann die Äußerung Befehl, Behauptung oder Begrüßung zum Zweck haben (cf. Austin 1962: 98–99).
Während Lokutionen reale oder fiktive Sachverhalte in einem Satzmodus ausdrücken, wird mit Illokutionen die soziale Wirklichkeit gestaltet bzw. verändert. Austin (1962) nennt drei Folgen einer gelungenen Illokution: ein uptake seitens des Rezipienten, normative Sachverhalte und eine Folgehandlung. Eine gelungene Behauptung wird z.B. der Sprecherintention gemäß verstanden, verändert den normativen Kontext, indem sie den Sprecher zur Wahrheit des Gesagten verpflichtet, und wird in einer Antwortäußerung akzeptiert oder abgelehnt. Die normativen Folgen einer Illokution liegen dann vor, wenn sie verbindlich für die Interaktionspartner ist, d.h. ihnen Verpflichtungen auferlegt bzw. Rechte erteilt. Der normative Kontext wird der externalistischen Interpretation zufolge durch Glückensbedingungen eines Sprechakts bestimmt; die internalistische Interpretation macht sein Glücken von den mentalen Zuständen, d.h. den Intentionen des Sprechers abhängig (cf. Harnish 2009).
Austin (1962) berücksichtigt in seinem sprechaktheoretischen Modell, dass sprachliche Äußerungen neben Intentionen sowie deskriptiven Kognitionen auch Emotionen der Sprecher ausdrücken. Sie werden vordergründig bei der Charakterisierung der sog. konduktiven Sprechakte (Behabitives) behandelt, die emotionale Einstellungen der Sprecher zum Ausdruck bringen. Emotionen können zwar in jedem Sprechakt ausgedrückt werden, z.B. durch expressive Wörter, Topikalisierungen, Wiederholung sprachlicher Einheiten, Interjektionen, Intonation, brüchige bzw. misstrauische Stimme u.ä., denn potenziell können jedem Sprechakt alle drei Bühlerschen Funktionen zugeschrieben werden: neben einer appellativen und einer referentiellen auch eine expressive Funktion. Was aber sonst eher symptomatisch mittels Sprache ausgedrückt wird, kommt in den expressiven Sprechakten im symbolischen Modus zum Ausdruck1.
Die Spezifik der Behabitiva im Vergleich zu anderen Sprechakten liegt nach Austin (1962) auch darin, dass sie weder eine Veränderung der Welt durch Worte bewirken (wie Behauptungen, die Emotionen beschreiben) noch Worte an die Welt anpassen (wie etwa Kommissiva), sondern den Empfindungen (feelings) des Sprechers Luft machen, und zwar auch dann, wenn sie die Empfindungen zugleich beschreiben. Auch in diesem Fall steht der Ausdruck von emotionalen Einstellungen nicht im Dienste einer anderen Intention, sondern macht den eigentlichen Zweck der gegebenen Illokution aus.
Nach Searle (1969) sind Illokutionen regelgeleitete Handlungen, die kommunikative Intentionen von Sprechern den geltenden Konventionen gemäß ausdrücken. Die Intentionen werden dabei als mentale Zustände verstanden, die auf außerhalb ihrer selbst liegende Sachverhalte ausgerichtet sind. Sie entscheiden über die illokutionäre Kraft einer Äußerung und sind auch für die Benennung von Sprechakten ausschlaggebend, zugleich ist aber ihr kommunikativer Einsatz konventionell geregelt. Man kann nicht sagen Hier ist es kalt im Sinne von ‚Hier ist es warm‘ „ohne einen entsprechenden Bühnenhintergrund“ (Searle 1973: 71), denn auch eine illokutionäre Bedeutung (z.B. der Gebrauch von Ironie) „ist zumindest manchmal auch eine Sache der Konvention“ (ebd.).
Die Struktur eines illokutionären Akts beschreibt Searle (1973: 51) mit der allgemeinen Formel F (p) und nimmt somit an, dass sich die illokutionäre Kraft einer Äußerung als Funktion ihres propositionalen Gehalts beschreiben lässt2. Um grundsätzliche Formen von Sprechhandlungen zu identifizieren, bedient sich Searle (1976) insgesamt dreier Definitionskriterien: des Kriteriums des illokutionären Zwecks (illocutionary point bzw. purpose), der Anpassungsrichtung (direction of fit bzw. propositional content condition) und des Ausdrucks eines psychischen Zustands (expression of a psychological state). Weder die Eingangsregel noch die Aufrichtigkeitsregel, die Searle (1969) für seine Beispiele von Sprechakten nach der Bedingung des propositionalen Gehalts angibt, werden von Searle (1976) bei den Definitionskriterien für Illokutionen berücksichtigt. Nur die wesentliche Regel bzw. die wesentliche Bedingung wird mit dem illokutionären Zweck identifiziert:
If we adopt illocutionary point as the basic notion on which to classify uses of language, then there are a rather limited number of basic things we do with language: we tell people how things are, we try to get them to do things, we commit ourselves to doing things, we express our feelings and attitudes and we bring about changes through our utterances. (Searle 1976: 22–23)
Searles klassifikationstheoretischer Ansatz wurde unter verschiedenen Gesichtspunkten kritisiert. Einer davon betrifft die Frage der zuverlässigen Ermittlung von illokutionären Zwecken, die konstitutiv für die einzelnen Sprechaktklassen sind und in der wesentlichen Regel für den Vollzug des jeweiligen Sprechakttyps angegeben werden. Es ist jeweils derjenige Zweck, der im korrekten Vollzug eines Sprechaktes notwendigerweise realisiert wird und somit den wichtigsten Bestandteil der illokutionären Kraft einer Äußerung darstellt. Bei seiner Deskription werden aber von Searle stellvertretend für die Sprechakte selbst die Bedeutungen von sprechaktbezeichnenden Verben untersucht. Aus diesen Bedeutungen schließt Searle auf den illokutionären Zweck und folglich die illokutionäre Kraft entsprechender Sprechakttypen. Dass dieses Vorgehen eine verkürzte Sichtweise bedingt, hat z.B. Marten-Cleef (1991: 99–122) gezeigt. Die Autorin weist darauf hin, dass die illokutionäre Kraft von Beschimpfungen wie in Beispiel (1) – (2) nicht unbedingt mit der Bedeutung des Verbs verachten zusammenfällt, sondern auch Enttäuschung, Bewertung und ggf. sogar Scherz beinhalten kann, wenn die Äußerung z.B. von einem freundlichen Lachen begleitet wird.
| (1) | Ich Trottel! |
| (2) | Du Idiot! |
Im Anschluss an Bühlers Sprachtheorie könnte man argumentieren, dass hier nicht nur der Satztyp und nicht in erster Linie ein expressiver Ausdruck (Trottel, Idiot) als Illokutionsindikator angenommen werden soll, sondern die gesamte Äußerung, die dem Sprechhandlungsmuster (3) folgt, Träger der Illokution ist. Bühler (19652: 32) führt als Beweis dafür, dass es bei solchen Äußerungen nicht so sehr auf das Schimpfwort selbst ankommt, sondern auf den „Ton“ der Gesamtäußerung, das Beispiel vom Bonner Studenten an, der „im Wettkampf das schimpftüchtigste Marktweib mit den Namen des griechischen und hebräischen Alphabetes allein (῾Sie Alpha! Sie Beta! …’) zum Schweigen und Weinen gebracht haben“ soll.
| (3) | Du X! |
Searle (1969) weist bei seiner Besprechung einiger Beispiele für Sprechakte, die er später der Klasse der Expressiva zurechnet, darauf hin, dass die psychischen Zustände, die in diesen Handlungen ausgedrückt werden, im Grunde emotionale Zustände (feelings) sind, z.B. Dankbarkeit beim Danken, Freude über die Ankunft des Hörers beim Willkommenheißen, Freude über das Glück des Hörers beim Beglückwünschen. Andere Sprechakttypen bringen andere Typen von Intentionen zum Ausdruck, z.B. Glauben (Assertiva), Wünsche (Kommissiva), Verlangen (Direktiva). Während aber die anderen Sprechakttypen die jeweiligen mentalen Zustände zusätzlich zu ihrem illokutionären Zweck zum Ausdruck bringen, ist deren Ausdruck im Falle von Expressiva der illokutionäre Zweck schlechthin (cf. Searle 1976: 23). Damit eng verbunden ist ihre Eigenschaft, keine Anpassungsrichtung zu haben und die Wahrheit der ausgedrückten Proposition zu präsupponieren (Searle 1976: 12, cf. auch Kissine 2013: 181). Da Searle zugleich davon ausgeht, dass beinahe allen Sprechakten eine Proposition zugrunde liegt, beschreibt er die Expressiva mit der symbolischen Formel (4), wo E für den illokutionären Zweck, das Nullsymbol ø für das Fehlen der Anpassungsrichtung, die Variable P für die möglichen psychologischen Zustände und die Variablen S/H für den Sprecher bzw. Adressaten stehen, dem eine Eigenschaft (property) auf der Ebene der Proposition zugeschrieben wird.
| (4) | E ø (P) (S/H + property) |
Auf die in der gegebenen Proposition dargestellte Sachlage soll sich die emotionale Einstellung des Sprechers beziehen, die dem Hörer kommuniziert wird (cf. Searle/Vanderveken 1985: 58). Diese Auffassung der Proposition wird von Hanks (2018) entschieden zurückgewiesen. Hanks rechnet Expressiva zu den „non-propositional speech acts“, wofür nicht zuletzt die Unmöglichkeit spricht, ihre Anpassungsrichtung zu bestimmen. Ähnlich wie Austin den Behabitiva konnte auch Searle den Expressiva keine Anpassungsrichtung zuweisen, was damit zusammenhängt, dass ihnen keine Glückensbedingungen zugewiesen werden können. Expressiva können weder wahr noch falsch sein, weder kann die jeweilige Sprecherintention vom Hörer erfüllt werden, noch kann der Hörer den Sprecher für Ihre Erfüllung verantwortlich machen. Wenn also der propositionale Gehalt Ausgangspunkt für die Bestimmung von Erfüllungsbedingungen der Sprechakte sein soll, verfehlt seine Annahme ihren Zweck bei Sprechakten, die keine Erfüllungsbedingungen besitzen (cf. Hanks 2018: 141)3.
Auf die Unmöglichkeit, Glückensbedingungen für Expressiva anzugeben, verweist auch Sander (2013): „[W]eder sind hier die Wörter ‚deskriptiv‘ auf die Welt ausgerichtet, noch soll sich im ‚präskriptiven‘ Modus die Welt nach dem Wort richten“ (Sander 2003: 12). Im Unterschied zu Deskriptionen stellen sie keine Berichte über innere Zustände dar, und im Unterschied zu Versprechungen und Aufforderungen entbehren sie einer sozialen Verpflichtung. Der soziale Aspekt spielt dabei dennoch eine wichtige Rolle. Was mit ihnen ausgedrückt wird, sind sozialisierte Emotionen bzw. Kognitionen davon, und erst sekundär individuelle emotionale Einstellungen (cf. Sander 2003: 22).
An dieser Stelle muss Searles Konzeption sekundärer und ggf. unbewusster bzw. unbeabsichtigter Intentionen erwähnt werden, die sich auf Austin zurückführen lässt. Austin (1962) lässt z.B. bei seinen Exercitiva die Möglichkeit zu, dass der Sprecher eine Illokution vollzieht, ohne die entsprechende Intention zu haben, lediglich deshalb, weil seine Äußerung im gegebenen Kontext mit guten Gründen als diese Illokution wahrgenommen werden kann. Sie verändert den sozialen Kontext unabhängig von Sprecherintentionen, wenn der Sprecher bestimmte Befugnisse besitzt und die erforderliche Formel vor entsprechendem Auditorium äußert. In Bezug auf expressive Sprechakte kann in diesem Zusammenhang die Frage gestellt werden, ob ihr Glücken von emotionalen Einstellungen bzw. Empfindungen des Sprechers oder von ihrer Rezeption abhängt. Besteht ferner ihr illokutionärer Zweck lediglich darin, Einstellungen zu einem Sachverhalt auszudrücken, „ohne dass weitere Konsequenzen intendiert sind“ (Liedtke 2016: 61)? Können schließlich Expressiva nur tatsächlich beim Sprecher vorhandene innere Zustände ausdrücken, oder sind sie eher Ausdruck sozialer Verpflichtung zu diesen Zuständen? Mit Sander (2003) lässt sich die letztere Frage wie folgt formulieren:
Liegt der ‚Witz‘ solcher Sprechakte wie dem Danken und dem Gratulieren wirklich nur im bloßen Ausdruck von ‚feelings‘, oder wäre hier nicht eher an die soziale Funktion solcher Vollzüge zu denken? (Sander 2003: 12)
Rolf (1997) versucht dieses Dilemma zu lösen, indem er den Expressiva „die regulative Beeinflussung der emotionalen (Gesamt-)Lage des Adressaten“ (Rolf 222–223) als ihren illokutionären Zweck zuschreibt. Eine kommunikative Beeinflussung des Adressaten lässt sich nach Austin (1962) allerdings nicht mit der Äußerung von Worten, sondern nur durch die geäußerten Worte erreichen, sie betrifft also den perlokutionären Zweck einer Äußerung. Rolf begründet seinen Verweis auf die perlokutionären Folgen der Expressiva bereits in der wesentlichen Regel für ihren Vollzug damit, dass die meisten expressiven Sprechakte „essentiell Hörer-gerichtet“ sind (cf. Searle/Vanderveken 1985: 211). Mit anderen Worten, und zwar im Anschluss an Austins Charakterisierung der Behabitiva, lässt sich Rolfs Vorschlag damit begründen, dass alle Expressiva direkt die Beziehung zwischen Sprecher und Adressat betreffen.
Eine auf die Beeinflussung des Adressaten ausgerichtete Sichtweise attestiert Searle (1969) dem Grice’schen bedeutungstheoretischen Ansatz, der zwar nicht zwischen illokutionären und perlokutionären Akten differenziert, aber perlokutionäre Intentionen bei der Bestimmung der Sprecherbedeutung im Blick hat, wenn er die Wirkung des Gesagten auf den Hörer bzw. seine Reaktion auf das Gesagte zum kommunikativen Ziel des Sprechers erklärt. Die Grice’sche Bestimmung der Bedeutung beziehe sich demnach nicht auf die Absicht, einen illokutionären Akt zu vollziehen, obschon gerade diese Absicht das vom Sprecher Gemeinte definieren soll:
Grob gesehen läuft Grice’s Bestimmung [des Bedeutungsbegriffs] darauf hinaus, daß Bedeutung unter dem Gesichtspunkt der Absicht, einen perlokutionären Akt zu vollziehen, definiert werden muss. Aber etwas zu sagen und es zu meinen, ist nicht notwendig mit der Absicht verknüpft, einen perlokutionären Akt zu vollziehen; dagegen ist es untrennbar mit der Absicht verknüpft, einen illokutionären Akt zu vollziehen. (Searle 1973: 69–70)
Als Beispiel für illokutionäre Akte, die keine perlokutionären Effekte zum Ziel haben, nennt Searle Begrüßungen wie „Hallo“, bei denen es nur darauf ankommt, dass der Hörer weiß, dass er gegrüßt wird, d.h. das Verstehen der illokutionären Intention soll keine weiteren Folgen bewirken (cf. Searle 1973: 73). Die Frage, ob mit Grüßen dieser Art tatsächlich keine perlokutionären Effekte beabsichtigt werden und man nur höflich wirken will, kann an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden. Festhalten möchte ich nur: Auch wenn Searle die Rolle der Perlokutionen im Vollziehen von Sprechakten marginalisiert, wird von ihm die Möglichkeit einer Reduktion des Illokutionären auf das Perlokutionäre erwogen (cf. Searle 1973: 113)4. Beim Aufstellen seiner Sprechaktklassifikation kommt er allerdings zu dem Schluss, dass perlokutionäre Effekte nicht systematisch mit Illokutionen einhergehen und daher nicht in die konstitutive Regel eines Sprechakttyps aufgenommen werden können:
For many, perhaps most, of the most important illocutionary acts, there is no essential perlocutionary intent associated by definition with the corresponding verb, e.g. statements and promises are not by definition attempts to produce perlocutionary effects in hearers. (Searle 1976: 3)
Alston (2000) folgt Searle (1976) und Searle/Vanderveken (1985) darin, dass er als Ausgangspunkt für seine Behandlung von Expressiva das Vorhandensein entsprechender mentaler Zustände beim Sprecher annimmt. Alston zufolge gibt es keine objektiven Erfüllungsbedingungen für den gelungenen Vollzug eines expressiven Sprechakts, sondern es ist lediglich die Verpflichtung des Sprechers erforderlich, sich in einem bestimmten mentalen Zustand zu befinden. Es kann sich dabei um beliebige mentale Zustände handeln. Da sie aber auch in anderen obligationenerzeugenden Akten (Kommissiva und Direktiva) ausgedrückt werden, erübrigt sich aus Alstons Sicht die Searle’sche Annahme einer eigenen Klasse von Expressiva (cf. Alston 2000: 103–109).
Finkbeiner (2019a: 352) spricht sich für die Beibehaltung der Expressiva als gesonderter Sprechaktklasse aus, findet aber die Searle’sche Definition expressiver Sprechakte insofern problematisch, als die meisten Sprechakte, die Searle dieser Klasse zuordnet, „in bestimmten Situationen sozial hochgradig erwartet sind und deshalb zu Routinisierung neigen“. Sie findet selbst den Terminus „expressiver Sprechakt“ irreführend für Danken, Gratulieren oder Kondolieren, wo das Ausdrücken individueller Emotionen „ein Stück weit gegenüber der Erfüllung einer sozialen Konvention verloren[geht]“ (ebd.). Finkbeiner führt im Anschluss an Bach/Harnish (1979) aus, dass der illokutionäre Zweck dieser Sprechakte in vielen Fällen nicht darin besteht, eigene Emotionen zum Ausdruck zu bringen, sondern darin, die soziale Erwartung zu erfüllen, dass diese Emotionen ausgedrückt werden. Ähnlich wie Austins Behabitiva sind Expressiva diejenigen Sprechakte, mit denen der Sprecher eine Einstellung ausdrückt, auch wenn er sie nicht unbedingt verspürt, sondern lediglich für angemessen hält (cf. Bach/Harnish 1979: 51). Sie sollen in bestimmten Situationen ausgedrückt werden, auch wenn man sie nicht hat, denn ihr Vorhandensein wird konventionellerweise vom Sprecher erwartet bzw. bei ihm vorausgesetzt (cf. Finkbeiner 2019: 131). Die Konvention allein scheint sicherzustellen, dass die gemeinte Illokution vom Adressaten auch im Falle einer unaufrichtigen, ironischen, elliptischen o.ä. Kommunikation verstanden wird.
3 Expressive Sprechakte im Spannungsfeld zwischen Intention und Konvention
In der aktuellen Auseinandersetzung zwischen internalistischen, auf Intentionen basierenden Betrachtungen von Illokutionen und externalistischen, sich auf Konventionen bzw. wesentliche Regeln berufenden Ansätzen zur Interpretation dieser Sprechakte können im Anschluss an Sbisà (2013) drei grundsätzliche Positionen identifiziert werden:
Illocution may be viewed as the production of conventional effects, as the carrying out of a rule-governed activity, or as the expression of a communicative intention and therefore of a psychological attitude of the speaker. (Sbisà 2013: 63)
Die erstere ergibt sich direkt aus dem Austinschen Verständnis von Sprechakten, die zweite lässt sich auf Searle zurückführen und die dritte auf Grice. Im Folgenden wird Searles Ansatz eingehender diskutiert und als Grundlage für eine im Austinschen Sinne externalistische Interpretation expressiver Illokutionen genutzt.
Searle hat mehrmals die Unterscheidung zwischen intentionalen und konventionellen Aspekten eines Sprechakts und die Untersuchung ihrer wechselseitigen Beziehungen zum Ziel seiner Analyse illokutionärer Sprechakte erklärt. Dabei schreibt er Konventionen institutionalisierte bzw. sekundäre Intentionen zu, die auch unabhängig von primären, individuellen Intentionen Handlungen hervorbringen können. Der wichtigste Unterschied zwischen ihnen ist folgender: Soziale Konventionen können auch unbewusst angewendet werden, wie etwa Konventionen der deutschen Sprache in Searles (1969) Beispiel vom amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, der des Deutschen nicht mächtig ist, sich aber mit einem Goethe-Zitat als Deutscher zu erkennen geben will. Der nach sprachlichen Konventionen Handelnde muss auch nicht wissen, dass er regelgeleitet handelt oder wie sich die Regeln ausformulieren lassen (cf. Searle 1973: 67). Aber nur weil es Sprache gibt, können Sprechakte vollzogen werden; genauso wie eine Banknote nur ein Stück Papier wäre, wenn es nicht die Institution des Geldes gäbe, die dem Papier einen konventionell festgelegten Wert verleiht.
Soziale Konventionen, die institutionelle Tatsachen konstituieren und in Form von „X gilt als Y im Kontext C“ erfasst werden, unterscheidet Searle von sozialen Regeln bzw. Regelmäßigkeiten, die nur aufgrund der Kenntnis von Präzedenzfällen wiederholbar sind (cf. Searle 1973: 67). Letztere kommen als regulative Regeln vor und lassen sich mit der Formel „Tue X“ bzw. „Wenn Y, tue X“ umschreiben (Searle 1973: 57). Sie dienen als Bewertungsgrundlage menschlicher Handlungen (und sind somit für die Herausbildung sozialer Emotionen verantwortlich); diese Handlungen können allerdings auch ohne solche Regeln vorkommen, z.B. kann freundliches Verhalten auch ohne entsprechende Anstandsregeln existieren (Searle 1973: 58).
Sprechakte, die in einer Sprache vollzogen werden, behandelt Searle als institutionelle Tatsachen, denn „es [ist] eine Sache der Konvention […], daß die Äußerung der und der Ausdrücke unter bestimmten Bedingungen als ein Versprechen gilt“ (Searle 1973: 60). Als Beweis dafür, dass Sprechakte kein regelmäßiges, sondern regelgeleitetes Handeln sind, benutzt Searle ein translatorisches Argument: „Verschiedene menschliche Sprachen können in dem Maße, in dem sie ineinander übersetzbar sind, als verschiedene auf Konventionen beruhende Realisierungen der gleichen zugrundeliegenden Regeln betrachtet werden“ (Searle 1973: 63–64). Dieses Argument stellt eine Konkretisierung des Prinzips der Ausdrückbarkeit dar, das besagt, dass alles, was man meinen kann, auch sprachlich ausdrückbar ist. Das genannte translatorische Argument wird in diesem Sinne von Searle (1973: 109) fortgesetzt: Auch wenn eine Sprache noch nicht erlaubt, alles zu sagen, was ihre Sprecher meinen, „bestehen keine grundsätzlichen Hindernisse, um sie entsprechend zu bereichern“. Searle spielt auch mit dem Gedanken, dass illokutionäre Akte zwar mithilfe sprachlicher Konventionen ausgeführt werden, aber nicht von Regeln geleitet sind. In diesem Fall müsste man aber imstande sein, sie auf natürliche Tatsachen zurückzuführen und ihre Wirkung mit natürlichen (z.B. kausalen) Folgen zu erklären. Dies ist für soziale Normen wie Höflichkeitskonventionen möglich (z.B. um höflich einen Vorschlag abzulehnen, wird der Grund für die Ablehnung genannt, anstatt dass der Vorschlag direkt abgelehnt wird), nicht aber für einzelne Typen von Illokutionen (z.B. Ablehnung als direkter Sprechakt).
Soziale Normen, die den sprachlichen Ausdruck von Emotionen steuern, werden von Searle zu den nicht institutionellen Tatsachen gerechnet. Kemmerling (2001) weist allerdings nach, dass illokutionäre Sprechakte auch dann erfolgreich vollzogen werden, wenn ein unbeabsichtigtes Sprecherverhalten kraft sozialer Regeln als entsprechender Sprechakt gilt. Diese Fälle deuten darauf hin, dass es soziale Konventionen gibt, die für die vollzogene Illokution verbindlicher als eine soziale Regelmäßigkeit sind, wenn sie selbst beim Fehlen der erforderlichen Intention die den Umständen entsprechende illokutionäre Bedeutung von Äußerungen in Kraft setzen. Für den Vollzug von Expressiva bedeutet dies, dass sie nicht nur Höflichkeitsregeln involvieren, sondern sich auf Umgangsformen berufen, die die soziale Identität der Sprecher stiften. Der Sprecher gibt durch ihren Vollzug seine soziale Zugehörigkeit, etwa seine Gewohnheiten bzw. sozialen Rituale, zu erkennen. Sprechakte wie (5) oder (6) sind kontradiktorisch, weil Sich-Bedanken Anerkennung und Tschüß-Sagen Verabschiedung bedeutet, beide könnten nur dann vorkommen, wenn die sozialen Rituale außer Kraft gesetzt worden wären, z.B. „if the social ritual had been effectively disengaged from the spontaneous expressing“ (Alston 2000: 113).
| (5) | I don’t feel my appreciation for the gift, but thank’s a lot (Alston 2000: 112). |
| (6) | Tschüß. Das war keine Verabschiedung, im Gegenteil (Finkbeiner 2019a: 355). |
Searle gibt zu, dass eine Emotion ausdrücken und eine emotionale Einstellung haben zwei verschiedene Sachverhalte sind, und auch der Gedanke, dass für den Vollzug expressiver Sprechakte die soziale Norm, was „gut“ und was „schlecht“ ist, eine Rolle spielt, wird von ihm ausdrücklich erwogen (cf. Searle 1976: 8). Er subsumiert aber diesbezügliche Bewertungen unter die gesamten psychischen Einstellungen und schreibt ihnen keine besondere Rolle in seiner Sprechaktklassifikation zu. Sander (2003) hebt dagegen hervor, dass der Vollzug von Expressiva jeweils ein konventionell geregeltes Urteil darüber enthält, was sozial angemessen ist und was nicht. Expressiva sollen sich dadurch auszeichnen, dass die mit ihnen ausgedrückten Emotionen stets durch evaluative Urteile des Sprechers begleitet sind (Sander 2003: 25). Es ist gerade die Bewertung von emotionalen Zuständen, die im Hinblick auf ihre soziale Angemessenheit dazu führen kann, dass bestimmte Emotionen vom Sprecher gefordert werden, „was im Falle bloßer ‘feelings’ aufgrund ihres Widerfahrnischarakters offensichtlich sinnlos wäre“ (Sander 2003: 21). Aus diesem Grund hält Sander die kollektiv geteilte evaluative und nicht die individuell-affektive Komponente einer Einstellung für ausschlaggebend bei expressiven Sprechakten. Die letztere bildet lediglich eine phänomenale Begleiterscheinung und spielt keine wesentliche Rolle beim Ausdruck der jeweiligen Einstellung.
4 Konventionalisierte Emotionen: Der Fall der Dankbarkeit
Dankbarkeit als Teil sozialer Relationen ist weitgehend eine kulturell geformte Emotion (cf. z.B. Sommers 1984). Sie wird in vielen Alltagssituationen zur sozialen Pflicht, z.B. beim Empfang von Geschenken, bei einer Einladung oder als Reaktion auf Komplimente. Undankbarkeit wird in solchen Situationen als Charakter- bzw. Erziehungsmangel sozial stigmatisiert (cf. Alston 200: 112). Interkulturelle Studien zeigen allerdings, dass die Dankbarkeit in informellen Gesprächssituationen viel häufiger implizit oder schweigend als verbal ausgedrückt wird.
For speakers of Lao (Southeast Asia) or Siwu (western Africa), saying ‘thank you’ is so rare that it may be perceived as bizarre or out of place, whereas English speakers in foreign contexts sometimes find it rude when gratitude is left unspoken. Languages like Cha’palaa (South America) have no conventional way to say ‘thank you’ at all, and while some speakers know the Spanish word ‘gracias’, they are unable to translate it. (Floyd et. al. 2018: 8)
Die Dankbarkeit als emotionale Einstellung zum Adressaten wird explizit im Sprechakt des Dankens ausgedrückt. Searle bringt dies in seinem Kommentar zu diesem Sprechakttyp folgendermaßen auf den Punkt: „Danken bedeutet nur, Dankbarkeit auszudrücken“ (Searle 1973: 103). Der illokutionäre Zweck dieses Sprechakts und somit seine wesentliche Regel wird von ihm vorher als „Ausdruck der Dankbarkeit oder Anerkennung“ (Searle 1973: 102) beschrieben. Searle bemerkt außerdem, dass sich die Aufrichtigkeitsregel beim Danken weitgehend mit der wesentlichen Regel deckt: Aufrichtiges Danken kommt dann zustande, wenn der Sprecher gegenüber seinem Adressaten Dankbarkeit empfindet.
Aus der wesentlichen (konstitutiven) Regel des Dankens, dass Danken als Ausdruck der Dankbarkeit oder Anerkennung gilt, ergibt sich die Einleitungsregel hierfür: „Wenn ich jemandem danke, impliziert das für mich, daß das, wofür ich mich bedanke, mir geholfen hat.“ (Searle 1973: 108). Die Dankbarkeit kann man außerdem nur für etwas Vergangenes empfinden1 (Regel des propositionalen Gehalts) und nur für etwas, was einem vorteilhaft bzw. nützlich ist und als solches erscheint (Einleitungsregel).
Betreffs der Regel des propositionalen Gehalts hat sich in der sprechakttheoretischen Forschung bereits die Meinung durchgesetzt, dass der Sachverhalt, auf den man mit einer Danksagung Bezug nimmt, stets als gegeben vorausgesetzt und nicht erst mit dem Sprechakt behauptet wird (cf. Brandt et al. 1992: 55, Hanks 2018: 140, Finkbeiner 2019: 143–145). Selbst wenn in eine expressive Äußerung eine Proposition wie in (7) eingebettet ist, benennt sie nicht den Inhalt des Akts des Dankens, sondern den Anlass, zu dem die expressive Illokution vollzogen wird. Beim Fehlen des expliziten Nennens dieser Angabe in (8) und (9) wird die Sprechhandlung einer Danksagung nicht weniger korrekt als in (7) vollzogen, denn die Illokution wird allein durch das Verb danken bezeichnet.
| (7) | He thanked her for opening the door (Hanks 2018: 140). |
| (8) | Oh, vielen Dank! |
| (9) | Vielen, vielen Dank! |
Sander (2003: 10) unterstreicht die Subjektivität der entsprechenden Überzeugung eines Sprechers, der kaum über die objektive Vorteilhaftigkeit des Dankanlasses urteilen kann. Z.B. ist die Danksagung für ein geschenktes Motorrad auch dann berechtigt und geglückt, wenn der Sprecher „am nächsten Tag in einen Unfall verwickelt wird, der ihn für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl fesselt“ und „die Handlung des Schenkens von außen und retrospektiv“ (ebd.) kaum als Vorteil angesehen wird. Aus diesem Grund formuliert Sander die Searle’sche Einleitungsregel wie folgt um: Ein Sprecher ist der Überzeugung, dass eine Handlung des Hörers für ihn von Vorteil war (ebd.). Im Hinblick aber auf z.B. das misstrauische Danken scheint mir die subjektive Überzeugung des Sprechers als Einleitungsbedingung nicht auszureichen, sondern vielmehr die Searle’sche Formulierung „A benefits S and S believes A benefits S“ (Searle 1969: 67) zu gelten, die auch die Perspektive „von außen“ mit berücksichtigt, darunter etwa die Überzeugung des Hörers, dass er eine dem Sprecher vorteilhafte Handlung ausgeführt hat.
Sander weist allerdings zurecht auf eine weitgehende Redundanz in der Searle’schen Definition des Akts des Dankens hin, insofern die in der wesentlichen Regel geforderte Dankbarkeit des Sprechers nicht nur bereits in der Aufrichtigkeitsregel gefordert wird, sondern sich begrifflich auch mit der Einleitungsbedingung weitgehend überlappt: „Gehört es nicht zu einem […] Begriff der Dankbarkeit, daß der Dankbare die ausgeführte Handlung als vorteilhaft betrachtet?“2 (Sander 2003: 11). Wie bereits in Abschnitt 3. bemerkt, spricht sich der Autor dafür aus, dass die Dankbarkeit sprechakttheoretisch nicht nur als „eine Art von Empfindung“ (ebd.)3 behandelt wird, sondern als innerer Zustand, der zugleich eine evaluative Überzeugung des Sprechers beinhaltet, die wiederum das Vorteilhafte als Formalobjekt hat.
Für den geglückten Vollzug einer Danksagung ist es dementsprechend prinzipiell unerheblich, ob der Sprecher beim Sagen einer Dankformel dankbar gestimmt ist. Solange der Sprechakt im gegebenen Kontext Höflichkeitserwartungen und andere soziale Normen erfüllt, wird er korrekt vollzogen. Dies wird auch von Searle zugegeben:
In den Fällen, in denen durch die Aufrichtigkeitsbedingung ein psychischer Zustand bestimmt wird, gilt der Vollzug des Aktes als Zum-Ausdruck-Bringen jenes Zustandes. Dieses Gesetz gilt unabhängig davon, ob der Akt aufrichtig oder unaufrichtig vollzogen wird, d.h. unabhängig davon, ob der betreffende psychische Zustand bei dem Sprecher wirklich besteht oder nicht. (Searle 1973: 107)
Searle zufolge ist also ein Danke! auch dann ein gelungener expressiver Sprechakt, wenn die Aufrichtigkeitsbedingung nicht erfüllt wird, z.B. wenn der Sprecher keine Dankbarkeit empfindet, sondern nur das Bedürfnis verspürt, einer sozialen Konvention zu folgen oder ihr nachzugeben4. Wenn also in diesem Sinne unaufrichtige Danksagungsakte immer noch gelungene, obschon für manche Forscher defekte (cf. Kissine 2013: 184) Sprechakte sind, dann müsste ihr illokutionärer Zweck eigentlich nicht im Ausdruck der vorhandenen oder nicht vorhandenen Emotion liegen – wie es Austin und Searle wollen – sondern eher in der Erfüllung der sozialen Norm, diese Emotion in bestimmten Situationen ausdrücken zu sollen. Da der Emotionsausdruck durch Konvention zur sozialen Pflicht geworden ist, muss man in der Regel zu weiteren verbalen – z.B. mehrmaliger Wiederholung des Danke! oder zusätzlichen Exklamationen wie in (10) – (13) – bzw. nonverbalen, z.B. mimischen, gestischen, kinetischen Mitteln greifen, um die tatsächlich vorhandene Emotion der Dankbarkeit auszudrücken.
| (10) | Das ist genau das, was ich gebraucht habe! |
| (11) | Das ist so eine Erleichterung für mich! |
| (12) | Das war so eine große Hilfe! |
| (13) | Das werde ich dir nie vergessen! |
Noch deutlicher wird die Rolle des Konventionellen beim Ausdrücken von Emotionen der Dankbarkeit im Falle von misstrauischem, missmutigem bzw. ironischem Dank. Was in diesen Sprechakten als eigentlich ausgedrückter innerer Zustand gelten kann, ist weniger Dankbarkeit als Misstrauen, Missmut, Unzufriedenheit bzw. Verärgerung, also innere Zustände, die die Dankbarkeit entweder begleiten oder auch gänzlich verdrängen können, so dass die Äußerung im Extremfall nur eine Kritik am Adressaten statt Dankbarkeit ausdrückt.
Vor dem Hintergrund der oben dargestellten Definition einer Danksagung könnte man sich mit guten Gründen fragen, ob insbesondere ein ironischer Dank – wie etwa die Danksagung in (14) als Reaktion auf eine Auskunftsverweigerung – immer noch die illokutionäre Kraft des Dankens hat.
| (14) | A: | Wo finde ich die Garderobe? |
| B: | Hier jedenfalls nicht. | |
| A: | Vielen Dank, dass Sie mir so freundlich Auskunft erteilt haben. |
Dem Äußern des Danks liegt hier ein Vermissen von adressatenseitiger Hilfsbereitschaft, also nichts Vorteilhaftes für den Sprecher und keine Dankbarkeit seinerseits zugrunde. Die Dankformel ist zwar den Höflichkeitskonventionen gemäß gebraucht, kann aber nicht in ihrem konventionellen Sinne gemeint sein5. Der ausgedrückte psychische Zustand des Sprechers hat hier mit dem Danken als sog. sekundärer Illokution nur soweit zu tun, als die Äußerung indirekt auf die mangelnde Bereitschaft des Sprechers zur emotionalen Einstellung der Dankbarkeit verweist. Die letztere müsste eventuell wie z.B. in (15) ausgedrückt werden. Das Danken in (14) kann also wütend, verärgert, tadelnd, missmutig, sich distanzierend, aber kaum noch dankend gemeint sein, so dass (16) unmöglich gesagt werden kann, denn in der Äußerung würde es sich um zwei kontradiktorische Evaluationen derselben Situation handeln wie in (5).
| (15) | Danke trotzdem. |
| (16) | # Vielen Dank, dass Sie mir so freundlich Auskunft erteilt haben, ich danke Ihnen trotzdem. |
Die Rolle des Konventionellen bei einer ironischen Danksagung kann man wie folgt zusammenfassen: Auf der lokutionären Ebene werden sprachliche Konventionen eingesetzt, während auf der illokutionären die konventionelle, kulturell bedingte Bewertung einer Auskunftsverweigerung stattfindet. Die sekundäre Illokution in (14) fällt mit der lokutionären Bedeutung des geäußerten Satzes zusammen, aber bedankt hat man sich mit dem Satz nicht einmal annähernd.
5 Fazit
Searle (1969) verweist im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit der pragmatischen Bestimmung des Bedeutungsbegriffs von Grice (1957) darauf, dass eine Analyse illokutionärer Sprechakte sowohl die von Grice hervorgehobenen intentionalen als auch die von ihm heruntergespielten konventionellen Aspekte des Sprechens mit berücksichtigen muss. Die illokutionäre Kraft einer Äußerung bestimmt denjenigen Aspekt ihrer Bedeutung, der als sog. illokutionäre Bedeutung auf soziale Konventionen zurückzuführen ist. Eine illokutionäre Bedeutung bezieht sich auf individuelle Einstellungen, insofern die letzteren eine Bedingung für aufrichtige Illokutionen darstellen. Die wesentliche Bedingung bezieht sich aber nicht auf die Einstellungen selbst, sondern auf ihren Ausdruck.
Gerade im Falle von emotionalen Einstellungen wird ihr sprachlicher Ausdruck weitgehend von sprachlichen und anderen sozialen Konventionen geregelt. Auf solche Konventionen bezieht sich die kollektiv geteilte Bewertung einer vorgefundenen Situation, auf deren Grundlage sich emotionale Einstellungen herausbilden, die in expressiven Sprechakten ausgedrückt werden. Sprachlich ausgedrückt werden also in diesen Sprechakten nicht beliebig entstandene, sondern durch die sozialen Regeln geförderte Emotionen. Sie sind vor allem evaluative Reaktionen auf Sachverhalte, deren affektive Komponente mit den jeweils individuellen Intensitätsgraden letztendlich nicht mehr als eine Variante des gewählten sozialen Handlungsmusters darstellt. Dafür spricht auch die Tatsache, dass die Anzahl expressiver Sprechakttypen durch die Anzahl konventionell ausdrückbarer Emotionen und nicht durch die Anzahl individueller Empfindungen bestimmt wird.
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Aufforderung und Emotion im DaF-Unterricht aus pragmatischer und didaktischer Sicht
Anne-Kathrin Minn & Nathalie Schnitzer (Université Bordeaux Montaigne & Aix-Marseille Université)
Aux jeunes, je dis: regardez autour de vous, vous y trouverez les thèmes qui justifient votre indignation – le traitement fait aux immigrés, aux sans-papiers, aux Roms. Vous trouverez des situations concrètes qui vous amènent à donner cours à une action citoyenne forte. Cherchez et vous trouverez!1
(Hessel 2010a: 16).
Abstract
„Hände waschen“, „Abstand halten“, „Maske tragen“ – in Krisenzeiten wie der aktuellen Corona-Pandemie stehen diverse Forderungen zum Einhalten von Hygienevorschriften auf der Tagesordnung, auf Twitter liegen Hashtags mit Appellen an den Gemeinsinn wie #BleibtZuhause oder #SocialDistancingNow im Trend. Die sanitären Maßnahmen der Gesundheitsbehörden stoßen auf heftigen Widerstand mancher Bürgerinnen und Bürger, die mit Forderungen wie „Corona-Diktatur stoppen“ oder „Maske weg“ gegen Einschränkungen ihrer Grundrechte lautstark protestieren. An diesem Beispiel wird ersichtlich, wie spannungsreich Aufforderungen und emotionale Zustände in manchen Kommunikationssituationen verknüpft sind, etwa wenn die Produktion der Aufforderung auf Empörung zurückzuführen ist. Der Beitrag setzt sich zum Ziel, das Wechselspiel von Emotion und Aufforderung aus pragmatischer und didaktischer Perspektive näher zu beleuchten. Dabei werden nicht nur sprachliche Merkmale und Realisierungsmöglichkeiten von Aufforderungen jenseits der „klassischen“ Imperativsätze betrachtet, sondern es wird auch der Frage nachgegangen, wie dieser wichtige Sprechakt im Sinne einer „lebensweltbezogenen“ Auffassung von Grammatik zum motivierenden Lerngegenstand eines aufgabenorientierten Fremdsprachenunterrichts werden kann. Am Beispiel eines in der Praxis mit französischen Studierenden erprobten, kompetenzorientierten Unterrichtsmodells im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wird das grammatische Thema „Aufforderung“ in eine aktuelle, landeskundlich fundierte DaF-Einheit eingebettet. Darin erarbeiten die Lernenden zunächst den kommunikativen Kontext rund um den gesellschaftlichen Corona-Diskurs anhand authentischer Materialien, bevor sie sprachliche Merkmale emotionaler (Auf-)Forderungen rezipieren, analysieren und aus ihrer Sicht selbst kreativ anwenden. Damit zeigt der Beitrag auf, wie ein Thema, das an lebensnahe Diskurse anknüpft, gerade für fortgeschrittene Deutschlernende in besonderem Maße weiterführendes inhaltliches und sprachliches Lernpotential bietet.
1 Einleitung
In unserem täglichen Leben werden wir mit den unterschiedlichsten Aufforderungen konfrontiert, ohne dass es uns sonderlich auffällt oder gar stört. Kaum haben wir die Wohnung verlassen und wollen ins Freie, steht ein „Ziehen“-Aufkleber an der Eingangstür. Die Straße ist mit Werbeplakaten gesäumt, die uns zum Kauf von Konsumgütern anregen: „Sei frei für Momente in Fake-Fur oder Fleece. Shoppe Weihnachts-Outfits, die du liebst“. In den öffentlichen Verkehrsmitteln werden wir gebeten, uns vorschriftsgemäß zu verhalten: „Wollen Sie aussteigen? Bitte rechtzeitig Druckknopf betätigen“. In der Bibliothek einmal angekommen, können wir kaum einen Schritt machen, ohne von verbotenen Handlungen abgehalten zu werden: „Die Mitnahme von eingeschalteten Mobiltelefonen in die Lesesäle ist untersagt. Die Mitnahme des Garderobenschlüssels außer Haus ist nicht erlaubt. Das Reservieren von Leseplätzen in den Lesesälen ist nicht gestattet […]“ (Schild im Eingangsbereich der Österreichischen Nationalbibliothek)1.
Auch in der mündlichen Kommunikation sind Aufforderungen allgegenwärtig, ob wir sie bewusst zur Kenntnis nehmen oder nicht, und zwar aus dem einfachen Grund, dass es in fast jeder zwischenmenschlichen Situation einen Anlass gibt, sein Gegenüber verbal dazu bringen zu wollen, etwas zu tun oder zu lassen.
Ziel des Beitrags
Dass wir es in unserer von Normen und Vorschriften durchdrungenen Gesellschaft gewohnt sind, mit den verschiedensten mehr oder weniger ritualisierten Aufforderungen relativ emotionslos umzugehen, bedeutet noch lange nicht, dass Emotionen und Aufforderung nichts miteinander zu tun hätten. In diesem Beitrag setzen wir uns zum Ziel, das wechselseitige Verhältnis zwischen Emotionen und Aufforderung genauer zu beleuchten und einige Aufforderungsvarianten im Zusammenhang mit dem emotionalen Zustand der Gesprächsbeteiligten näher zu beleuchten: Werden in Aufforderungen Emotionen preisgegeben, bewusst eingesetzt bzw. intensiviert oder gar geweckt? Haben die unterschiedlichen Formen von Aufforderung mit dem emotionalen Zustand der sprechenden Person etwas zu tun? Welche Emotionen können wiederum bei der adressierten Person ausgelöst werden? Dabei sollen die Äußerungssituationen besondere Beachtung finden, in denen die Produktion der Aufforderung auf Empörung zurückzuführen ist. Wie werden diese Emotionen sprachlich umgesetzt? Gibt es hierfür bevorzugte sprachliche Merkmale?
Im empirischen Teil wollen wir uns mit der didaktischen Umsetzung der zuvor dargestellten Überlegungen zum Wechselspiel von Emotion und Aufforderung befassen. Ausgehend von einer Auswahl konkreter Kommunikationssituationen sollen Studierende über die prototypischen Imperativsätze hinaus mit der Pragmatik der Aufforderung vertraut gemacht werden und dadurch nicht nur ihre kommunikative Kompetenz erweitern, sondern auch eine andere, ‚lebensorientiertere‘ Auffassung von Grammatik entwickeln, in der Emotionen auch eine Rolle spielen.
2 Aufforderung und Emotion
Für Dieter Wunderlich „[sind] Aufforderungen wohl mit als die elementarsten Sprechhandlungen anzusehen“ (Wunderlich 1984: 100), für die es stammesgeschichtliche Vorformen gibt (wie Drohgeste, Warnruf, Lockruf). Aus psycholinguistischer Sicht kann Auffordern (engl. to request) „dadurch charakterisiert werden, dass in einer kommunikativen Situation seitens eines Sprechers der Versuch unternommen wird, einen (oder mehrere) Kommunikationspartner zu einer vom Sprecher intendierten Handlungsweise zu veranlassen“ (Graf/Schweizer 2003: 432 / siehe auch Herrmann 2003: 713). Nicht selten werden auch negative Aufforderungen formuliert, die die adressierte Person dazu bringen wollen, eine Handlung zu unterlassen oder bestimmte Zustände nicht zu akzeptieren (cf. Wunderlich 1984: 110–111).
Der direktive Sprechakt „Auffordern“ fungiert also als Oberbegriff für eine breite Palette von Sprechhandlungen: „Die Benennung ‚Aufforderung‘ ist […] in einem weiten Sinne zu verstehen, der neben Befehl, Bitte, Anordnung, Weisung, Ersuchen und Auftrag z.B. auch Ratschlag, Vorschlag, Erlaubniserteilung, Verbot, Anweisung und Instruktion/Anleitung einschließt“ (grammis / letzte Änderung am 18.09.2018)1.
Von der Emotion zur Sprache (und zurück)
Aus psycholinguistischer Sicht definiert Monika Schwarz-Friesel Emotionen als „interne und damit absolut subjektive Eigenschaften des Menschen […], die nicht direkt, sondern nur über ihre Ausdrucksmanifestationen beobachtbar sind“ (Schwarz-Friesel 2007: 44). Dabei keimen Angst, Freude, Traurigkeit, Wut usw. nicht spontan in der Tiefe unserer Psyche auf, sondern entstehen in der Interaktion mit anderen Menschen. Emotionen sind also nicht nur Elemente unseres privaten Innenlebens, von unserer Umwelt scharf getrennt. Sie sind vielmehr innere Reaktionen auf Impulse von außen, die uns so aufwühlen können, dass sie wiederum Auslöser für nicht sprachliche bzw. sprachliche Handlungen werden, die sich auf unsere Mitmenschen beziehen. Fiehler bezeichnet sie als „öffentliche Phänomene in sozialen Situationen interpersoneller Interaktion“ (1991: 11). Somit spielen Emotionen eine nicht zu unterschätzende Rolle in der sprachlichen Kommunikation, auch wenn das emotionale Erleben nicht explizit zum Thema der Interaktion gemacht wird, sondern sich allein in der Form des Ausdrucks manifestiert (cf. Fiehler 1991: 12).
Wenn wir uns zum Beispiel über private bzw. gesellschaftliche Missstände so sehr aufregen, dass Empörung in uns wächst, eine Emotion, „die sich an der Verletzung des Gerechtigkeitssinns entzündet […]“ (Millner/Oberreither/Straub 2015: 7), müssen wir irgendwann dem angestauten Unmut Luft machen. Die Empörungsenergien vieler können sich zu einem kollektiven Aufruhr verdichten, bei der konstruktive wie auch destruktive Kräfte freigesetzt werden. Demonstrationen bieten eine Gelegenheit, individuelle Entrüstung bzw. kollektiven Aufruhr sprachlich zu verarbeiten. Zum Beispiel in der Form von Ausrufen mit mehr oder minder beleidigendem Charakter: „Lügenpresse!“, „Corona-Diktatur!1“, die sowohl mündlich (evtl. durch Megafon verstärkt) als auch schriftlich (auf Transparenten) vermittelt werden.
Unserer Empörung freien Lauf zu lassen ist der erste Schritt auf dem Weg zur Revolte. Der zweite Schritt besteht darin, konkrete Ansprüche zu stellen, um die Sachlage zu verändern, die für unsere Empörung verantwortlich ist: „Rettet das Klima!“, „Kinder an die Macht!“. Insofern befindet sich der direktive Aufforderungsakt ein Stück weiter auf dem Weg zum Handeln als der expressive Sprechakt Exklamation. So bieten zum Beispiel Hausfassaden für militante Anarchisten willkommene Flächen, um ihren Unmut über die bestehenden Verhältnisse zu äußern und gleichzeitig ihre Forderungen zugunsten einer herrschaftsfreien Gesellschaft bekannt zu geben: „Lebe wild!“, „Wählt das Leben, nicht die Urne!“, „Die Häuser denen die drin (sic) wohnen …“2.
Mit Sprache werden Gefühle und emotionale Einstellungen nicht nur ausgedrückt und benannt, sondern auch „geweckt, intensiviert sowie konstituiert“ (Schwarz-Friesel 2007: 361). Dass der Weg auch von der Sprache zur Emotion gehen kann, zeigt uns Stéphane Hessel mit seinem Pamphlet Indignez-vous! (Empört Euch!) (Hessel 2010a/b), indem er seine Leserschaft dazu aufruft, emotional wach zu werden und sich dann für eine gute Sache zu engagieren:
C’est vrai que les raisons de s’indigner peuvent paraître aujourd’hui moins nettes ou le monde trop complexe. Qui commande, qui décide? […] Mais dans ce monde, il y a des choses insupportables. Pour le voir, il faut bien regarder, bien chercher. Je dis aux jeunes: cherchez un peu, vous allez trouver. La pire des attitudes est l’indifférence, dire "je n’y peux rien, je me débrouille". En vous comportant ainsi, vous perdez l’un des composantes essentielles qui fait l’humain. Une des composantes indispensables: la faculté d’indignation et l’engagement qui en est la conséquence.3 (Hessel 2010a: 14)
Wenn sich Empörung in Engagement verwandelt, werden auch (Auf-)Forderungen laut. Inwiefern die emotionale mit der sprachlichen Ebene zusammenhängt, soll im Folgenden näher untersucht werden.
Pragmatik der Aufforderung
Als Oberbegriff für eine ganze Reihe von direktiven Sprechhandlungen (befehlen, bitten, vorschlagen, abraten …) lässt sich die Aufforderung relativ gut definieren. Schwieriger gestaltet sich die Aufgabe, wenn es darum geht, die Vielfalt ihrer sprachlichen Realisierungsmöglichkeiten pragmatisch zu erklären.
In der einschlägigen Literatur werden verschiedene Faktoren genannt, die bei der Wahl der Formulierung eine entscheidende Rolle spielen (cf. Weigand 1984; Wunderlich 1984; Herrmann 2003; Graf/Schweizer 2003). So sollte genau darauf geachtet werden, welches hierarchische Verhältnis zwischen den Kommunikationsbeteiligten besteht, ob sie auf Kooperation oder Konkurrenz eingestellt sind, in wessen Interesse die intendierte Handlung ausgeführt werden soll, inwiefern die besagte Handlung einen dringenden, bindenden Charakter hat, ob die Aufforderung explizit an eine bestimmte Person adressiert ist oder sich an ein breiteres Publikum wendet usw. Werden die genannten Faktoren miteinander kombiniert, ergibt sich ein extrem komplexes Bild. Es kann zum Beispiel sein, dass Sprecherin X angesichts ihres Alters oder ihrer sozialen Stellung über eine höhere Position verfügt, die es ihr erlaubt, wenig Rücksicht auf Adressaten Y zu nehmen, und sich trotzdem für eine diplomatischere Vorgehensweise entscheidet, ohne Imperativmodus. Direkte Aufforderungen können nämlich leicht „Reaktanz“, d.h. „aversive Reaktionen“ auslösen (cf. Herrmann 2003: 725) und sind keine Garantie für eine höhere Effizienz. Differenzierte sprachliche Mittel sind umso mehr angesagt, als die Aufforderung für beide Beteiligten ein Risiko bedeutet, schließlich setzen sie ihr „Gesicht“ aufs Spiel:
Bei einer expliziten Aufforderung kann der Sprecher sein Gesicht verlieren, wenn der Adressat ihr nicht folgt; und der Adressat kann sein Gesicht verlieren, wenn er seine Handlungen nicht mehr selbst bestimmt. Daher folgen die Sprecher in der Wahl der Äußerung einer Strategie, die die Effektivität so groß wie möglich und den Gesichtsverlust so niedrig wie möglich macht. (Wunderlich 1984: 112)
Laut Fandrych und Thurmair hat sich sogar das besondere Risiko, das mit diesem im zwischenmenschlichen Austausch unumgänglichen Sprechakt prinzipiell verbunden ist, auf die Sprachentwicklung ausgewirkt:
Das große formale Spektrum für Aufforderungshandlungen ist vermutlich deshalb entstanden, weil eine Aufforderung, die ja vom Angesprochenen eine Handlung verlangt, immer potenziell gesichtsbedrohend ist. Also haben sich sehr viele unterschiedlich direkte (und unterschiedlich höfliche) Formen herausgebildet. Welche Form im konkreten Fall adäquat ist, hängt vom Kontext, den an der Kommunikation Beteiligten und insbesondere von der Textsorte ab. (Fandrych/Thurmair 2018: 276)
Seit Mitte der 1970er Jahre ist die Pragmatik der Aufforderung ins Interesse der Forschung gerückt und in ihrem Facettenreichtum untersucht worden. Dennoch ist die emotionale Komponente bis jetzt kaum explizit herangezogen worden, wenn auch die immer wiederkehrende Frage des Höflichkeitsgrads der Aufforderung ein Zeichen dafür ist, dass Empfindungen hier eine besondere Rolle spielen. Dass eine sprachliche Handlung, die so tief im menschlichen Zusammenleben verankert ist, nicht nur distanziert und emotionslos realisiert werden kann, scheint in der Tat naheliegend. Dabei kann es sich um den nicht intentionalen Ausbruch eines realen Affekts handeln (emotional communication), oder aber um das intentionale, strategische Signalisieren einer wahren bzw. gespielten Empfindung (emotive communication)1.
3 Einblick in einige Aufforderungsvarianten
In den Publikationen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Thema auseinandergesetzt haben, herrscht Konsens über die grammatische Heterogenität der Aufforderungssätze. Was die aufforderungsgeeigneten Sätze betrifft, sind sie „kaum exhaustiv angebbar. Deshalb sollte auch nicht versucht werden, solche Sätze zusammenhängend darzustellen“ (Wunderlich 1984: 113). Diese Ansicht findet ihre Bestätigung in einer etwa zum gleichen Zeitpunkt erschienen Studie von Edda Weigand, in der sie über 100 Varianten zusammenträgt, um jemanden aufzufordern, den Rasen zu mähen. Angesichts der Menge von möglichen Varianten kommt Weigand zu dem Schluss, dass sich die Einheit des Sprechakts nicht grammatisch definieren lässt: „Die Vielfalt der Äußerungsmöglichkeiten macht deutlich, dass sich kein sprachlicher Nenner finden lässt, der diese Äußerungsmenge intensional definieren könnte“ (Weigand 1984: 83).
Für das Erlernen der deutschen Sprache bildet diese Vielfalt eine Herausforderung, denn die Lernenden müssen zunächst erkennen, dass es sich bei Sätzen ohne Imperativmodus überhaupt um Aufforderungen handelt, dann sollten sich Fortgeschrittene unter ihnen mit diesem Formenreichtum besser vertraut machen. So kommen wir nicht umhin – Wunderlichs Warnung zum Trotz – uns der Schwierigkeit zu stellen und zumindest einen Teil der aufforderungskompatiblen Sätze hier zusammenzutragen.
| Tabellarische Übersicht der Hauptvarianten | |
| Imperativsatz1 | Fang an! Fangen wir an! Fangt an! Fangen Sie an! |
| Verbzweitsatz im Indikativ Präsens | Du gehst jetzt ins Bett! |
| Verbzweitsatz im Indikativ Präsens mit Modalverb | Du sollst nicht töten. |
| Verbzweitsatz im Indikativ Futur2 | Du wirst erst mal schön ruhig sein! |
| Verbzweitsatz mit Konjunktiv 1 | Man nehme zwei Eier, etwas Sahne […]. |
| Subjektloser Passivsatz | Jetzt wird geschlafen! |
| Interrogativsatz (+/- Modalverb; +/- Konj. 2) | Kannst du mir bitte das Salz reichen? |
| Infinitivsatz | Einsteigen bitte! Nicht hinauslehnen! |
| Infinitivsatz (mit zu + haben/sein) | Du hast zu gehorchen! |
| Selbständiges Partizip 23 | Aufgepasst! Stillgestanden! Hiergeblieben! |
| Selbständiger dass-Satz im Indikativ4 | Dass du mir nicht wegläufst! |
| Verbloser Satz | Tür zu! Hände hoch! Auf die Plätze, fertig, los! |
Wie umfangreich die Palette der eingeführten Varianten sein soll, hängt vom Sprachniveau der Betroffenen ab und bleibt dem Ermessen der Lehrperson überlassen (siehe als mögliche Umsetzung Punkt (3) des Unterrichtsvorschlags im didaktischen Teil dieses Beitrags).
Aufforderungsvarianten werden gewöhnlich als „Ersatzformen“ des Imperativsatzes bezeichnet, ein Terminus, der dem Phänomen nicht ganz gerecht wird: „Aufforderungssätze dürfen nicht mit dem Sonderfall Imperativsatz gleichgesetzt werden. Aufforderungen können syntaktisch ganz unterschiedlich realisiert werden, Imperativsätze sind nur eine von vielen Möglichkeiten“ (Duden 4 2016: 904). Da die meisten Grammatiken aber semasiologisch (von der Form zum Inhalt) aufgebaut sind, führt die Formenvielfalt zu einer zersplitterten Darstellung dieses sprachlichen Phänomens. Der pragmatische Reichtum der Aufforderung, und damit auch die emotionale Komponente, wird jedoch erst wahrgenommen, wenn mehrere Ausdrucksweisen zur Auswahl stehen, andernfalls bleibt diese Dimension weitgehend unberücksichtigt. Die seltenen onomasiologischen Grammatiken, die von den Redeabsichten bzw. von den sprachlichen Inhalten zu den sprachlichen Mitteln ausgehen, widmen der Aufforderung auch viel mehr Aufmerksamkeit. Die Kommunikative Grammatik Deutsch als Fremdsprache verfügt über ein eigenes Kapitel „Aufforderungen“ (Engel/Tertel 1993: 64–74). Die Grammatik in Feldern, in zehn Kapitel („Felder“) unterteilt, widmet der Aufforderung ein ganzes Feld (Buscha et al. 1998: 239–294). Im Rahmen einer aufgabenorientierten Fremdsprachendidaktik bieten solche Grammatiken wertvolles Material für den Aufbau einer Unterrichtseinheit (siehe Teil 4 dieses Beitrags „Überlegungen zu einer Didaktik der Aufforderung“).
Im Folgenden wollen wir uns auf zwei Varianten mit sehr unterschiedlichen syntaktischen Merkmalen konzentrieren und ihr Verhältnis zur Emotion näher beleuchten: zum einen die Infinitivformen, in denen das (ungebeugte) Verb im Vordergrund steht, zum anderen die „Reduktionsformen“, bei denen gar kein Verb vorkommt. Beide Satzformen sind auf Transparenten (Spruchbändern auf Demonstrationen) sehr beliebt: „CORONA-DIKTATUR STOPPEN“5. „Maske weg“6. „Freiheit Grundrechte“7.
Aufforderungen im Infinitiv
Diese Formen haben im Deutschen eine besonders breite Palette von möglichen Anwendungen – von dem emotionslosen Vorschriftendeutsch bis zum emotionsgeladenen „Alarm-Infinitiv“. Aufforderungen im Infinitiv richten sich formal nicht an eine spezifische Person oder Gruppe und haben damit den Vorteil, dass sie sich grundsätzlich an alle wenden, die mit ihnen, sei es mündlich oder schriftlich, in Berührung kommen. Deshalb sind sie insbesondere in schriftlichen Kontexten mit längerer Gültigkeitsdauer besonders geeignet, um Vorschriften bzw. Anweisungen zum Ausdruck zu bringen: „Aufzug im Brandfall nicht benutzen“. „Bitte Ladefläche freihalten“.
Im Deutschen sind solche Konstruktionen aber auch in der mündlichen Kommunikation üblich, unter anderem, wenn es darum geht, jemanden vor einer akuten Gefahr zu warnen: Der Ausruf „Nicht essen!“ kann z.B. erfolgen, „wenn man an der Unterseite des Löffels beim Nachbarn am Tisch eine Wespe bemerkt“ (Albertsen 1970: 116). Der Auslöser der Aufforderung ist hier eindeutig die Angst vor dem lebensgefährlichen Stich im Mund oder Rachen. Im Gegensatz zum emotionslosen „Vorschriften-Infinitiv“, steht der „Alarm-Infinitiv“ ziemlich hoch auf der Emotionsskala. Bemerkenswerterweise ist diese Aufforderungsvariante im Französischen zwar im Schriftlichen bei Vorschriften auch üblich, aber nicht im Mündlichen und nicht bei konkreten, mehr oder weniger „akuten“ Situationen. So wäre z.B. die von den selbsternannten „Querdenkern“ geäußerte Forderung „Corona-Diktatur stoppen“ ins Französische nicht mit einer Infinitivform übersetzbar. Mögliche Äquivalente wären etwa: Stop / Non à la dictature du Coronavirus1.
Verblose Aufforderungen
Obwohl sie eine Handlung intendieren, brauchen Aufforderungen nicht unbedingt ein Verb, um als solche gedeutet zu werden. Sie können z.B. auf eine Nominalgruppe reduziert werden (mit oder ohne das Wort „bitte“ als Höflichkeitsmarker und Zeichen der Aufforderungsintention): „Einbau von Luftfiltern!“, „Flexible Prüfungsmodalitäten!“, „Pauschalverlängerung bei Prüfungsfristen!“ lauten z.B. Forderungen der Studierendenschaft der Universität Heidelberg vor dem Hintergrund der Corona-Krise.1 Diese kurz gefassten Aufforderungen reflektieren die große Unzufriedenheit der Studierenden in Anbetracht ihrer prekären Lage und sind ein dringender Appell an die Universitätsleitung – die sich vielleicht einen milderen Ton gewünscht hätte. Reduzierte Aufforderungen dieser Art können, je nachdem ob sie ritualisiert sind oder nicht, „als adäquat und nicht unhöflich angesehen werden (z.B. ‚Salat!‘ bei der Essensausgabe in der Mensa) – während dieselbe Konstruktion in einer weniger schematisierten Situation als unhöflich gelten würde“ (Graf/Schweizer 2003: 435). Der Umgang mit solchen Konstruktionen erfordert also ein gewisses Sprachgefühl und sollte von Nichtmuttersprachlern entsprechend geübt werden.
Bei verblosen Aufforderungen ist auch das Muster „Verbpartikel + Präpositionalgruppe“ besonders gut vertreten: „Ab ins Bett!“, „Raus aus dem Alltag!“, „Her mit dem Geld!“. Das Muster „Nominalgruppe + Verbpartikel“ scheint auch ziemlich produktiv zu sein: „Geld her!, Ausländer raus!“, „Bauch weg!“ (Bertrand 2019: 42). Diese knappen Wendungen sind für erfahrene Sprachbenutzerinnen und -benutzer leicht verständlich, da die Verbpartikeln einen wichtigen Hinweis auf die intendierte Handlung geben, sie lassen sich leicht einprägen und sind in vielen Kontexten aufzufinden, unter anderem in der Werbesprache: „Alltag raus, Österreich rein!“2. Die Dynamik und die Knappheit der Formulierung lassen keinen Platz für Zweifel, der zur Schau gestellte Enthusiasmus soll geradezu ansteckend wirken. Ob diese etwas reißerische Art, das Publikum anzuwerben, immer von Erfolg gekrönt ist, sei allerdings dahingestellt.
Im Rahmen des DaF-Unterrichts können diese reduzierten Formen allerdings Schwierigkeiten bereiten, insbesondere bei der Produktion, da sie eine sichere Kenntnis von trennbaren Verben und Verbpartikeln voraussetzen. Im frankophonen Kontext stellt sich außerdem die Frage der französischen Äquivalente für solche Sätze. Da das Französische im Unterschied zum Deutschen keine trennbaren Verbpartikeln besitzt, und erst recht keine, die auch ohne Verb auftreten könnten, gibt es für diese Wendungen keine direkte Entsprechung. Bei der Übersetzung ins Französische muss also eine Lösung von Fall zu Fall gefunden werden: „Hände weg!“/„Bas les pattes!“; „Her mit dem Geld!“/„Par ici la monnaie“, „Ab ins Bett“/„Au lit!“ (cf. Bertrand 2019: 51). Bei der Übersetzung ins Deutsche treten andere Schwierigkeiten auf: Mit dem Ausruf „La porte!“ kann nämlich sowohl „Tür auf!“ als auch „Tür zu!“ gemeint sein. Hier muss der Kontext herangezogen werden, um die Bedeutung zu klären. Fest steht, dass mit dem Gebrauch dieser Wendung eine gewisse Gereiztheit mitschwingt.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die verblosen Aufforderungsvarianten in ihrer Knappheit besonders gut geeignet sind, um starke Emotionen auszudrücken, die aus dem Sprechenden herauszubrechen scheinen. Ob dieser Emotionsausbruch spontan oder intentional geschieht, ist nicht immer leicht zu erkennen. Dabei können sich sowohl positive Emotionen wie Enthusiasmus, Begeisterung, Tatendrang als auch negative Emotionen wie Gereiztheit, Ärger, Wut manifestieren und die Intensität des direktiven Sprechakts verstärken.
4 Überlegungen zu einer Didaktik der Aufforderung
Wie wir aus pragmatischer Perspektive gesehen haben, sind Aufforderungen mehr als nur Imperativsätze und haben zahlreiche Realisierungsmöglichkeiten, wobei die Wahl der Formulierung zum Teil auf den emotionalen Zustand der Kommunikationsbeteiligten zurückzuführen ist. In ihrer Formvielfalt sind sie in der alltäglichen Kommunikation allgegenwärtig und in vielen Textsorten vertreten. Wie können die Lernenden das erkennen? Welche authentischen Materialien sind zu Unterrichtszwecken relevant? Wie kann dieser wichtige Sprechakt im Rahmen eines aufgabenorientierten Unterrichts behandelt werden?
Das Grammatikthema „Aufforderung“ wird im folgenden Unterrichtsvorschlag im kommunikativen Zusammenhang erarbeitet und gemäß einem realitätsbezogenen, handlungsorientierten Unterricht anhand authentischer Materialien in den Blick genommen. Im Sinne eines aufgabenorientierten Fremdsprachenunterrichts sollen neben der Inhaltsdimension die Bedeutung und Funktion der Sprache im Zentrum stehen und die Lernenden als Sprachanwender und potenzielle Diskursteilnehmer gesehen werden. Aufgrund ihres Weltwissens, ihrer bisherigen Sprach- und Lebenserfahrungen verfügen viele Lerner über die Fähigkeit, hintergründige Sprech- und Redeabsichten zu entschlüsseln, und diese Fähigkeit sollte in einem modernen, auf Kommunikation angelegten Fremdsprachenunterricht genutzt und weiterentwickelt werden: Denn Kompetenz in einer (Fremd-)Sprache heißt nicht nur, das Gesagte zu verstehen, sondern auch, das Gemeinte zu erkennen und darauf entsprechend zu reagieren (cf. Nieweler 2006: 167–168). Dabei gilt zu bedenken, dass nicht nur Kalkül, sondern auch (nicht rationale, weniger bewusste, spontane usw.) Emotionen in der Kommunikation eine entscheidende Rolle spielen. Schließlich ist für Emotionen ihr „gefühlter“ Kern charakteristisch – Emotionen spürt man, sie sind keine reinen Gedankeninhalte, es braucht affektives Erleben (cf. Frenzel/Stephens 2017: 20). Hierfür sollten die Lernenden sensibilisiert werden, etwa, indem sie ihre eigenen emotionalen Reaktionen auf bestimmte Äußerungen formulieren (siehe hierzu auch Punkt (2) im Unterrichtsvorschlag).1
Die Tatsache, dass es keine Eins-zu-eins-Zuordnung von Sprechabsichten zu korrespondierenden Redemitteln gibt, stellt eine potenzielle Schwierigkeit dar, sodass im Unterricht thematisiert werden sollte, dass ein Sprechakt wie die Aufforderung mit mehreren Redemitteln (in unterschiedlicher grammatikalischer Form, z.B. als Aussage, Frage, Imperativ, Infinitiv) wiedergegeben werden kann. Die Lernenden werden so dafür sensibilisiert, dass die Wahl der Redemittel von den Begleitumständen der Äußerung (Kommunikationssituation, sprechende Person, Ort, Zeit, Medium) abhängig ist.2 Mit Blick auf die Lernermotivation sind dabei von Anfang an Zweck und kommunikativer Nutzen der grammatischen Strukturen transparent zu machen – schließlich sollen diese nicht um ihrer selbst willen erlernt werden, sondern einem besseren Verständnis von Diskursen in der Fremdsprache und der Befähigung zu eigenen intentionalen Sprechhandlungen dienen.
Spracharbeit im aufgabenorientierten Fremdsprachenunterricht
In der Fremdsprachendidaktik herrscht heute fachübergreifend Konsens, dass im Zeitalter der Kompetenzorientierung grammatikintegrierende Konzepte gefragt sind, die ein kommunikationsorientiertes, funktionales und anwendungsbezogenes, ganzheitliches Lernen fokussieren.1 Der Lehrperson kommt bei der Konzeption entsprechender Einheiten die Aufgabe zu, einen Schwerpunkt auf die für Lernende interessanten Themen und Kommunikationszusammenhänge mit lebensweltlichem Bezug zu legen, denen Redemittel und Grammatikphänomene zugeordnet werden.
Hieran besonders anschlussfähig ist das ‚task based language learning‘-Konzept, das v.a. darauf abzielt, den konkreten und persönlichen Lebensbezug beim Fremdsprachenlernen durch authentische Aufgaben herzustellen, bei denen Lernende als sie selbst agieren. Obschon kein detaillierter Konsens über die Lernaufgabe besteht, gibt es etliche Übereinstimmungen hinsichtlich ihrer Charakteristika, die hier zusammenfassend genannt werden sollen: lebensweltlicher Bezug, Handlungsorientierung, Komplexität, Outcomeorientierung, Transparenz, Inhaltsorientierung (bei gleichzeitiger Berücksichtigung formaler Aspekte der Sprache), Problemorientierung, Lernerorientierung und Offenheit (cf. Fäcke 2010: 82). Damit unterscheidet sich dieses Aufgabenverständnis deutlich von herkömmlichen Übungsaufgaben (z.B. Einsetzübungen von Verben) im Fremdsprachenunterricht. Authentische Lernaufgaben so zu strukturieren, dass sie adäquat fordern, ist besonders anspruchsvoll, wenn die außerunterrichtliche Realität in ihrer inhaltlichen Komplexität von den Lernern erfasst wird, aber nicht ohne Arbeitseinsatz bzw. unterstützende Unterrichtsarrangements in der Fremdsprache bearbeitet werden kann (Scaffolding).2 Lehrende müssen also für ihre Lerngruppen zielführende Phasen der Einübung grammatischer Strukturen mitdenken, da sie wichtig sind, um sprachliche Merkmale zu üben und zu reflektieren, aber jede Einübung sollte zu einer Anwendung, d.h. zu einer möglichst freien Aufgabe hinführen (cf. Brinitzer et al. 2016: 112). Bei der Konzeption grammatikintegrierender Lernarrangements im aufgaben- und kommunikationsorientierten Fremdsprachenunterricht können die in Teil 3 erwähnten onomasiologischen Grammatiken eine gute Hilfe für die Unterrichtsvorbereitung sein (cf. Engel/Tertel 1993: 64–74, Buscha et al. 1998: 239–294).
5 Emotionen, (Auf-)Forderungen und Studierende in der Corona-Krise
Emotionen und Aufforderungen begegnen Lernenden häufig in ihrem analogen Alltag wie auch in der digitalen Welt, in der sie sich heute selbstverständlich bewegen. In akuten Krisenzeiten wie der globalen Corona-Pandemie erfahren sie diese verstärkt auf einer neuen und persönlich bedeutsamen Ebene. Unser aller Leben wird seit Beginn der Pandemie von medial vermittelten Diskursen verschiedenster (politischer, gesellschaftlicher …) Institutionen und Akteure geprägt und es gilt z.B. diversen Forderungen zum Einhalten von Hygienevorschriften Folge zu leisten („Hände waschen“, „Abstand halten“, „Maske tragen“ etc.). Gleichzeitig verbinden sich Aufforderungen, Sozialkontakte zu vermeiden, mit Appellen an den Gemeinsinn; auf Twitter lagen die Hashtags #BleibtZuhause und #SocialDistancingNow im Trend (cf. Pahl 2020: 27). Daneben brechen sich andere Emotionen und Forderungen in Form von Corona-Protesten Bahn, bei denen Menschen ihre Empörung darüber zum Ausdruck bringen wollen, dass die demokratischen Verfahren aus ihrer Perspektive keinen Ort für kritische Stimmen haben.1
Neben anderen Gesellschaftsgruppen sind es nicht zuletzt Lernende und Studierende selbst, die in der Corona-Krise ihre Stimme erheben und z.B. ihre Forderungen für Bildungsgerechtigkeit und angemessene Lernbedingungen artikulieren. Anfang 2021 gingen in Frankreich zahlreiche Studierende auf die Straße, um die Lehrbedingungen unter Corona anzuprangern und um für eine Gleichbehandlung von Schulen und Hochschulen zu demonstrieren. Sie klagten über psychische und finanzielle Probleme und forderten u.a. die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts an Universitäten.2 Auch in deutschen Universitätsstädten gab es Demonstrationen für Hilfen von der Politik. Die immer wieder in der Gesellschaft, aber auch in einzelnen Kursen kundgetane Aussage von Studierenden, dass ihre Lage in der aktuellen Corona-Pandemie nicht ausreichend wahrgenommen werde, bildet den Ausgangspunkt für die nachfolgend skizzierten Lernaufgaben. Sie stellen Ideen vor, um ein zentrales und reales Bedürfnis aus der Lebenswelt der Lernenden, nämlich gehört zu werden und Forderungen zu artikulieren, in den Unterricht hineinzutragen und darauf aufbauend landeskundliches und interkulturelles Lernen rund um den aktuellen Corona-Diskurs mit grammatischem Lernen zu verbinden.
Forderungen im Diskurs: Ein kompetenzorientierter Unterrichtsvorschlag
Diesem Lernarrangement für Fortgeschrittene liegt eine Aufgabenprogression zugrunde, bei der die Lernenden sich zunächst mit dem inhaltlich-situativen und sprachlich-kommunikativen Kontext rund um den Corona-Diskurs vertraut machen, bevor sie sprachliche Merkmale emotionaler (Auf-)Forderungen rezipieren, analysieren und schließlich selbst kreativ anwenden.
Die nachfolgend skizzierte Unterrichtssequenz wurde für Deutschlernende an der Universität entworfen und in allgemeinsprachlichen Kursen mit vorrangig inhaltlichem bzw. landeskundlichem Schwerpunkt durchgeführt.1 Germanistikstudierende belegen daneben oft auch explizit sprachbezogene Grammatikkurse. Ihre Situation unterscheidet sich also vom insgesamt eher integrativ ausgerichteten DaF-Unterricht für Lernende an weiterführenden Schulen in Frankreich.
(1) Textlektüre + Bildimpuls zum „Unwort“ des Jahres 2020 („Corona-Diktatur“)
→ Fokus: Lesen + Sprechen (Erarbeitung des Kontextwissens – Sprachkritik)
Ausgehend von einem Brainstorming (Was ist ein „Unwort“? Was könnte das „Unwort des Jahres 2020“ sein?) lesen die Studierenden den Text „Gleich zwei Begriffe zum ‚Unwort des Jahres 2020‘ gekürt“2, recherchieren unbekannte Vokabeln und erschließen den Themenwortschatz (z.B. „systemrelevant“, „Querdenker“ etc.).
Im Anschluss erklären sie mit ihren Worten, was mit dem Wort „Corona-Diktatur“ gemeint ist und reflektieren, ob es ein vergleichbares Konzept für das „Unwort des Jahres“ oder ein Äquivalent für „Corona-Diktatur“ in ihrer Sprache gibt.3 Der textbegleitende Bildimpuls (Protestierende halten ein Transparent mit den Worten „Diktatur im Deckmantel der Gesundheit – wacht auf“ in die Höhe) konfrontiert sie zugleich implizit mit dem Empörungsmotiv und einer emotionalen Aufforderung.
(2) Aufgabe zur Untersuchung von Aufforderungen und Emotionen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie
→ Fokus: Recherche + Schreiben (Zitate-Collage – Forderungen im Diskurs)
Die Lernenden recherchieren Quellen, die auf Sender-Seite (Auf-)Forderungen enthalten – und die auf Empfänger-Seite emotionale Reaktionen bewirken können.4 Sie beschreiben, was die Äußerungen bei ihnen hervorrufen und wie man darauf reagieren könnte. Gerade die Aufforderungen im Infinitiv und die verblose Variante, die auf Transparenten bei Demonstrationen äußerst beliebt sind, eignen sich sehr gut, um das emotionale Potenzial von Aufforderungen zu beleuchten (siehe hierzu auch die ausführliche Beschreibung dieser Varianten im theoretischen Teil 3 dieses Beitrags).
(3) Aufgabe zur Systematisierung von Grammatik und Wortschatz
→ Fokus: Förderung der Sprachbewusstheit + Einübung sprachlicher Mittel
Anhand der recherchierten Beispiele ist nun zu analysieren, wie Aufforderungen sprachlich realisiert werden und mit welchen Emotionen sie verbunden sind. Im Sinne des konstruktivistischen und kooperativen Lernens kann diese individuell vorbereitete Aktivität gut als Partner-/Gruppenarbeit fortgeführt werden. Um die Lernenden mit grundlegenden Überlegungen aus der Kommunikationstheorie vertraut zu machen, bietet es sich an, vorab das „Sender-Empfänger-Modell“ zu thematisieren;5 außerdem sollte die Analyse von Sprechakten im gemeinsamen Unterrichtsgespräch modellhaft eingeübt werden. Zusätzlich können unterstützende Lernangebote (Scaffolding) bereitgestellt werden, z.B. ein Arbeitsblatt zur Pragmatik der Aufforderung mit dem Analyseraster eines konkreten Beispiels, das die sprachliche Realisierung der Sprechhandlung und den paraverbalen Kontext einschließt oder eine tabellarische Übersicht über die Hauptvarianten von Aufforderungen (siehe hierzu auch die Tabelle in Teil 3 dieses Beitrags „Einblick in einige Aufforderungsvarianten“).
(4) Aufgabe zur Integration der einzeln bearbeiteten Kompetenzaspekte
→ Fokus: Sprechen + Schreiben (kreative Textarbeit)
Die Lernenden formulieren selbst (Auf-)Forderungen aus ihrer Sicht als junge Menschen bzw. Studierende, mit denen sie ihre Wünsche und Bedürfnisse in der Corona-Pandemie ausdrücken. Adressierung und sprachliche Realisierungsformen sind frei wählbar; wichtig ist aber, klare Forderungen zu stellen. Als Impuls (interkulturelles Lernmoment, Perspektivenwechsel) ist es interessant, die Situation von Studierenden im deutschsprachigen Raum vergleichend einzubeziehen.6 Ziel der Aufgabe ist es, in Gruppenarbeit einen studentischen Forderungskatalog (z.B. als Plakat)7 zu erarbeiten und zu präsentieren. Dazu diskutieren die Studierenden ihre Forderungen, versprachlichen diese mithilfe der kennengelernten grammatischen Strukturen und üben, diese überzeugend vorzutragen.8 In der Präsentationsphase können einzelne Forderungen hinterfragt bzw. zur Abstimmung gestellt werden. So forderte eine Arbeitsgruppe im konkreten Unterrichtsversuch, die sich selbst „Die empörten und überzeugenden Studenten“ nannte, nachdrücklich in Slogan-Form: „Die UB wieder aufmachen!“, „Präsenzunterricht zurück!“, „Finanzielle Hilfe!“, „Besseres Internet für alle!“ Weitere eifrig diskutierte Forderungen waren z.B.: „Jetzt werden kostenlose Mahlzeiten verteilt!“, „Mehr sozialen Kontakt mit anderen Studenten!“, „Haben Sie mehr Verständnis!“, „Etablieren Sie bitte psychologische Hilfe mit Hotlines und Sensibilisierung!“, „Kommunikation zwischen den Lehrern!“, „Rücksicht auf neue Studis: Erstsemester oder Erasmus-Studierende, die noch kein Netz haben“ etc.
(5) Weiterführende kreative Anschlussaufgaben (Textproduktion)
→ Fokus: Schreiben + individuelle Reflexion, eventuell Leistungskontrolle
Als Abschluss der Unterrichtseinheit und Transfer bieten sich Aufgaben zur kreativen Textproduktion an, diese sind mit unterschiedlichen Akzentuierungen denkbar, z.B. Schreiben Sie einen Brief … an den Universitätspräsidenten, in dem Sie Ihre Studiensituation schildern und Ihre aktuellen Forderungen artikulieren / … an eine/n Freund/in, der/die an einer Hochschule in Deutschland studiert und vergleichen Sie die Studiensituation/studentischen Forderungen in beiden Ländern etc.
6 Fazit und Ausblick
Ein Anliegen dieses Artikels war es, die besondere und bislang kaum eingehend beleuchtete emotionale Komponente von Aufforderungen herauszuarbeiten. Der praktische unterrichtsbezogene Teil machte zudem deutlich, dass dieses Thema für Lernende besonders motivierend ist, wenn sie auf Basis ihrer Lebenserfahrungen eigene (emotionale) Forderungen selbst formulieren können.
Von Anfang an stand bei der Unterrichtseinheit das Bewusstsein, dass das Thema „(Auf-)Forderungen in der Corona-Krise“ besonders viel Sensibilität seitens der Lehrperson, aber auch der Lernenden untereinander verlangt: unterschiedliche Dispositionen, Emotionen, eventuell auch schwierige persönliche Situationen und psychische Probleme sind bei einem Unterricht zu diesem Thema mitzudenken. Der Unterrichtsgegenstand sollte daher mit besonderem Augenmaß in einem angemessenen zeitlichen Rahmen behandelt werden, je nach Voraussetzungen und Bedürfnissen der Lernenden.
In der Unterrichtseinheit wurde deutlich, dass der Ansatz der Aufgabenorientierung besonders für fortgeschrittene Fremdsprachennutzer weiterführendes inhaltliches und sprachliches Lernpotential bietet. Bei der Erschließung der grammatischen Inhalte in den skizzierten komplexen Lernaufgaben zeigte sich einmal mehr, wie wichtig der sinnvolle Wechsel von kooperativen Lernformen und individuellen Lernarrangements für eine abwechslungsreiche und motivierende Unterrichtsgestaltung ist. Gerade bei diesem emotionalen Thema, das die Lernenden auch in ihrem täglichen Leben beschäftigt, erwies sich eine angstfreie, produktive Arbeitsatmosphäre in der Lerngruppe als entscheidend für die Aufrechterhaltung der Lernermotivation.
Grammatische Übungen zu gestalten, ist für gut ausgebildete, erfahrene Lehrerinnen und Lehrer eine relativ leichte Angelegenheit – wenn irgendetwas bei der Unterrichtspraxis als „leicht“ angesehen werden darf. Ausgehend von einer kommunikativen Unterrichtssequenz, die aktuelle Themen (z.B. Corona-Pandemie1) behandelt, zu einer interaktiven Sprachreflexion überzugehen, ohne dabei den thematischen Faden – und die Motivation der Gruppe – zu verlieren, sodass am Ende die gesamte Sequenz eine in sich kohärente „runde Sache“ zur Zufriedenheit aller Beteiligten ergibt, ja, das ist eine ganz andere Angelegenheit.
Diese Herausforderung stellt sich umso mehr, wenn man bedenkt, dass unsere Studierenden es nicht gewohnt sind, auch wenn sie ein relativ gutes Sprachniveau erreicht haben und sich auf Deutsch schon gut verständigen (cf. Schnitzer 2020). Die Unterrichtssequenz hat gezeigt, dass die Sensibilisierung für verschiedene sprachliche Aufforderungsvarianten durchaus sinnvoll ist, solange sie nicht als „theoretische Trockenübung“ in Lehrbuchmanier vermittelt wird, sondern an echte, lebensnahe Diskurse der Lerner anknüpft. Dann kann das Thema gerade für fortgeschrittene Fremdsprachenlerner einen Beitrag dazu leisten, einen souveränen Umgang mit Sprache zu erlernen – und damit zugleich ihr Sprachbewusstsein zu schärfen.
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„Das ist doch alles Bullshit, du Troll!“
Eine sprechakttheoretische Betrachtung von Unwahrheit und Emotionalisierung in den sozialen Medien
Daniel Gutzmann & Katharina Turgay (Universität zu Köln & Universität Landau)
Abstract
Bullshit, Trolling und Fake News sind Mittel, die in den sozialen Medien eingesetzt werden, um die Diskurse absichtsvoll zu emotionalisieren. Dabei vereint diese drei Arten von Unwahrheiten eine Nähe zu Lügen. Allerdings unterscheiden sich die drei Kategorien sowohl von den klassischen Lügen als auch von den sogenannten Bald-Faced Lies darin, dass sich die Sprecher*in nicht auf die Wahrheit des Gesagten festlegt und sie die wesentliche Regel einer Assertion nicht erfüllen. Sie können demnach als „Antiassertionen“ bezeichnet werden, auch wenn sie augenscheinlich wie Assertionen aussehen. Darüber hinaus scheint die (intendierte) Emotionalisierung der Hörerschaft eine wichtige Funktion dieser Unwahrheiten zu sein, welche in die sprachakttheoretische Definition dieser Sprechakte aufgenommen werden sollte.
1 Einleitung
Diskurse in den sozialen Medien sind zusehends durch starke Emotionen geprägt. Dies mag ultimativ auf außersprachliche Faktoren zurückzuführen sein, spiegelt sich jedoch auch in der Art und Weise wider, in der Diskurse geführt und absichtsvoll emotionalisiert werden. Dies zeigt sich sprachlich vor allem darin, dass die Intention vieler Beiträge vornehmlich in dem Ausdruck von Empörung liegt, wie das Beispiel in (1) zeigt.
| (1) | a. | Tageschau: Langjähriger VW Chef Piëch gestorben. Er war von 1993 bis 2002 Vorstandschef bei Volkswagen. |
| b. | User Kommentar: Seine 12 Kinder reiben sich schon die Hände und freuen sich auf das Erbe! |


Auf den Beitrag der Tagesschau auf Facebook, der bekannt gibt, dass der ehemalige Vorstandschef von VW Ferdinand Piëch gestorben ist, äußert sich der User in seinem Kommentar provokativ. Da der User vermutlich nicht weiß, wie die Kinder Piëchs auf diese Nachricht reagiert haben, kann man sicher davon ausgehen, dass das Ziel des Kommentars des Schreibers keine Informationsvermittlung noch eine Einladung zu einer sachlichen Diskussion ist. Stattdessen scheint der User hier darauf aus zu sein, die Leser*innen seines Kommentars zu provozieren und Emotionen in ihnen zu wecken. Dass dies zu gelingen scheint, zeigt sich darin, dass 38 Personen eine Reaktion auf den Kommentar zum Ausdruck bringen. Die Adressat*innen reagieren unterschiedlich emotional auf den Kommentar, in dem sie verschiedene Emojis nutzen. Zustimmung wird dabei mit dem Daumen-hoch-Emoji ausgedrückt, was in diesem Fall 20× erfolgte. Spezifischere Gefühle drücken die vier Verwender*innen des lachenden Emojis aus. Dass dieser Beitrag jedoch auch negative Emotionen hervorbringt und keine Zustimmung, zeigt die Verwendung der insgesamt 14 wütenden Emojis. Diese Reaktion lässt die provozierte Empörung vermuten.
Wie bereits kurz erwähnt, scheint der User, der den Kommentar in (1b) verfasst hat, nicht wirklich daran interessiert zu sein, eine wahrheitsgemäße Aussage zu treffen. Dies scheint eine generelle Strategie in politisch aufgeladenen Diskursen zu sein: Unwahre Äußerungen bzw. Äußerungen, denen es nicht auf die Wahrheit des Inhaltes ankommt, scheinen besonders geeignet zu sein, um Empörung auszudrücken und diese zu wecken, da solche Aussagen mehrere Seiten gleichzeitig bedienen können. Um solche Unwahrheiten näher auf ihr Empörungs- oder genereller ihr Emotionalisierungspotential hin zu analysieren, wollen wir diese in diesem Beitrag aus sprechakttheoretischer Sicht betrachten.
Auch wenn – so nehmen wir an – es sich bei (1b) um eine unwahre Äußerung handelt und der User – so nehmen wir weiterhin an – sich durchaus der Tatsache bewusst ist, dass sein Betrag unwahr ist, so ist es vermutlich nicht seine Intention, die Adressat*innen dazu zu bringen, etwas Unwahres zu glauben. Vielmehr scheint der User einfach kein Interesse am Wahrheitsgehalt der Äußerung zu haben. Dies macht derartige provokative Äußerungen zu einem interessanten Gegenstand für sprechakttheoretische Überlegungen. Denn eine Äußerung wie in (1) sieht aus wie eine Behauptung, also wie ein assertiver Sprechakt in Searles (1969) Klassifikation von Sprechakten. Doch für Assertionen spielt die Wahrheit eine entscheidende Rolle. Demnach gilt als wesentliche Regel für Assertionen, dass sich die Sprecher*in in unterschiedlichem Maße auf die Wahrheit einer Proposition festlegt. Nehmen wir als Beispiel die folgende Behauptung:
| (2) | In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit Assertionen. |
Wenn wir (2) behaupten, so legen wir uns auf die Wahrheit fest, dass es sich in unserem Beitrag tatsächlich um Assertionen und nicht beispielsweise ausschließlich um deklarative Sprechakte handelt. Das ist die Proposition p, die als Teil des lokutionären Aktes nach Austin (1962) ausgedrückt wird und auf welche wir uns durch die Behauptung öffentlich festlegen. Das bedeutet, wir sollten dann auch so handeln, als ob (2) wahr ist. Insbesondere sollten wir nichts behaupten, was zu der Wahrheit von (2) im Widerspruch steht (also beispielsweise, dass wir uns in diesem Beitrag nicht mit Assertionen beschäftigen). Dies ist die sogenannte wesentliche Regel von assertiven Sprechakten. Ein weiteres Kriterium in Searles Sprechaktklassifikation ist der sogenannte psychische Zustand, in dem sich die Sprecher*in befinden muss, um einen bestimmten Sprechakt aufrichtig zu vollziehen. Bei assertiven Sprechakten ist dieser psychische Zustand der Glauben (der ausgedrückten Proposition). Wenn wir (2) also aufrichtig behaupten, dann glauben wir auch, dass unser Beitrag sich den Assertionen widmet. Das dritte Kriterium nach Searle ist die sogenannte Anpassungsrichtung. Wenn die Äußerung von (2) aufrichtig sein und glücken soll, dann sollten wir unsere Worte an die Fakten in der Welt anpassen. Die Anpassungsrichtung bei assertiven Sprechakten ist also „Wort-an-Welt“.
Diese kurze Ausführung zu den entscheidenden Merkmalen von assertiven Sprechakten zeigt schnell, dass es sich bei provokativen Äußerungen wie in (1b) nicht um Assertionen in diesem klassischem Sinne handeln kann, da sich die Sprecher*in von solchen Äußerungen nicht auf die Wahrheit der ausgedrückten Proposition festlegt. Trotzdem stellt sich die Frage, ob im Falle von empörenden unwahren Äußerungen dennoch von Assertionen gesprochen werden kann. Dieser Frage möchten wir in diesem Beitrag nachgehen. Dazu nehmen wir eine sprechakttheoretische Untersuchung vor und betrachten die Rolle der (Un)wahrheit bei verschiedenen Sprechakten der Internetprovokation, wozu wir provozierende Äußerungen auch von anderen Sprechakten aus dem Bereich der „Unwahrheiten“ abgrenzen, um deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten und der Frage nachzugehen, inwiefern provokative Äußerungen bestimmten Sprechaktarten entsprechen. Als Belegkorpus für unsere Untersuchungen dienen uns authentische, selbst recherchierte Daten aus den sozialen Medien, wobei wir uns vor allem auf Facebook konzentrieren, da hier die Emotionsbekundung – das sogenannte Liken – in Form von verschiedenen vorgegebenen Emojis erfolgen kann und somit diverse Facetten von Emotionen zum Ausdruck kommen; anders als es beispielsweise zurzeit bei dem an sich leichter durchsuchbaren Dienst Twitter der Fall ist. In dem Sinne dienen die Beispiele also lediglich als authentische Belege; unsere Studie erhebt weder den Anspruch einer quantitativen noch einer exhaustiven qualitativen Untersuchung.
Unser Beitrag gliedert sich wie folgt. In Abschnitt 2 werden wir uns zunächst verschiedenen Sprechakten widmen, die zwar von ihrer sprachlichen Struktur her nicht von normalen assertiven Sprechakten zu unterscheiden sind, die es mit der Wahrheit aber nicht so genau nehmen – sprich, bei denen sich die Sprecher*in nicht auf die Wahrheit der ausgedrückten Proposition festlegt. Dabei grenzen wir klassische Lügen von den sogenannten Bald-Faced Lies ab. Als weitere Formen unwahrer Sprechakte, die zur Empörung und Provokation dienen können, beleuchten wir das sogenannte Trolling, die Kategorie des Bullshits und gehen auch auf den aktuellen Begriff „Fake News” (oder „alternative Fakten“) ein. Nach der Etablierung dieser verschiedenen Sprechakte werden wir diese in Abschnitt 3 in Hinblick auf ihr Potential, Empörung bei den Adressat*innen hervorzurufen, untersuchen. In Abschnitt 4 werden wird die Erkenntnisse aus den vorherigen Abschnitten dann nutzen, um sprechakttheoretische Definitionen für die von uns betrachteten Unwahrheiten zu geben und diese abschließend mit gewöhnlichen Assertionen zu vergleichen. Wir schließen mit einigen Überlegungen zu den möglichen Konsequenzen der gewonnenen Resultate.
2 Unwahre Sprechakte
Im Jahr 2014 gab Donald Trump, der spätere Präsidentschaftskandidat der Republikaner*innen und Präsident der USA, die Äußerung in (3) von sich.
| (3) | I spoke indirectly – and directly – with President Putin, who could not have been nicer. (Trump, Mai 2014) |
Üblicherweise sollten Hörer*innen dieser Aussage also davon ausgehen, dass dies dann auch der Wahrheit entspricht. Dies entspricht dem sogenannten Principle of Charity – dem Prinzip der wohlwollenden Interpretation – des Sprachphilosophen Donald Davidson (Davidson 1974): Gemeinhin gehen Menschen davon aus, dass Gesprächspartner*innen normalerweise die Wahrheit sagen. Davidson zufolge, der dieses Prinzip auf Überlegungen von Quine (1960) aufbaut, ist das Prinzip der wohlwollenden Interpretation jedoch nicht nur die Beschreibung davon, wie Hörer*innen Äußerungen zu interpretieren tendieren, sondern muss als eine zentrale Grundlage für (rationale) Kommunikation angenommen werden. Würden wir einem alternativen „Prinzip der skeptischen Interpretation“ folgen und alle Aussagen so interpretieren, dass sie falsch sind, würde diese die zwischenmenschliche Kommunikation erheblich erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen.
Ähnliche Überlegungen stellt auch Paul Grice mit seinen Überlegungen zu rationaler, kooperativer Kommunikation an (Grice 1975). Dessen Qualitätsmaxime – eine von vier Konversationsmaximen – besagt, dass die Sprecher*in versuchen sollte, ihren Beitrag so zu machen, dass er wahr ist (und nicht etwas behaupten soll, für das sie keine ausreichende Evidenz hat).
Wenn wir also Trumps Äußerung in (3) hören, gehen wir davon aus, dass er kooperativ kommuniziert und sein Beitrag wahr ist. Darüber hinaus gehen wir Searles Aufrichtigkeitsbedingung entsprechend davon aus, dass Trump auch glaubt, dass er indirekt und direkt mit Putin gesprochen hat und dass dieser ausgesprochen nett war. Und gemäß der wesentlichen Regel sollte sich Trump auch auf die Wahrheit der ausdrückten Proposition(en) festlegen und sich entsprechend auch so verhalten, als ob der Inhalt seiner Äußerung wahr ist. Insbesondere sollte er, wie oben erwähnt, nichts sagen, dass seiner Äußerung in (2) widerspricht. Doch zwei Jahre später, äußerte Trump folgendes:
| (4) | I never met Putin, I don’t know who Putin is. […] I never met Putin. […] I have nothing to do with Putin. I’ve never spoken to him. (Trump, Juli 2016) |
Mit dieser Äußerung, die wie eine Assertion aussieht, scheint er jeglichen Kontakt mit Präsident Putin zu bestreiten. Es liegt auf der Hand, dass die Äußerung in (4) im Widerspruch zu der Aussage in (3) steht; mindestens einer der beiden Aussagen von Trump muss falsch sein. Hat Trump also gelogen? Um diese Frage zu beantworten, werden wir dazu das Konzept der klassischen Lüge etwas genauer aus sprechakttheoretischer Perspektive betrachten.
2.1 Klassische Lügen
Eine klassische Definition von Lügen sieht nach “Konzepte des Lügens” (Meibauer 2015) wie folgt aus: Die Sprecher*in äußert einen Deklarativsatz mit der Bedeutung p, wobei p hier und im Folgenden für den semantischen Gehalt des geäußerten Satzes steht; also der Proposition, die dieser ausdrückt. Während bei einer aufrichtigen Assertion die Sprecher*in den psychischen Zustand des Glaubens (dass der propositionale Gehalt p wahr ist) haben sollte, glaubt die Sprecher*in bei einer klassischen Lüge, dass die Proposition p falsch ist. Dennoch möchte sie, dass die Addressat*in glaubt, dass p wahr ist. Dies ist bei der klassischen Assertion üblicherweise auch der Fall. Weiterhin ist es – so zumindest eine weitverbreitete Ansicht – für die klassische Lüge notwendig, dass die Sprecher*in möchte, dass die Adressat*in nicht erkennt, dass die Sprecher*in den semantischen Gehalt der Äußerung eben gerade nicht glaubt. Oder anders ausgedrückt: Die Sprecher*in vollzieht eine verdeckte Verletzung der Qualitätsmaxime nach Grice oder der Aufrichtigkeitsbedingung nach Searle, die Sprecher*in möchte aber, dass die Hörer*in glaubt, die Sprecher*in würde die Qualitätsmaxime und Aufrichtigkeitsbedingung befolgen. Man kann also festhalten, dass eine Täuschungsabsicht seitens der Sprecher*in vorliegt: Eine Lüge ist dann erfolgreich, wenn die Adressat*in nachher glaubt, dass die Sprecher*in glaubt, dass die Proposition p wahr ist, und dass die Adressatin*in im Idealfall (aus Perspektive der Lügner*in) auch glaubt, dass p wahr ist.
2.2 Bald-Faced Lies
Der zuletzt erwähnte Aspekt – die Täuschungsabsicht – unterscheidet klassische Lügen von den sogenannten Bald-Faced Lies, bei denen dies nicht der Fall ist. Bei Bald-Faced Lies handelt es sich um untypische Lügen, die in der Literatur viel diskutiert wurden (Sorensen 2007) und bei denen die Adressatin*in weiß, dass die Sprecher*in nicht die Wahrheit sagt, und es der Sprecher*in auch bewusst ist, dass die Adressat*in die Lüge als solche erkennt. Beispiel (4), das an die Serie Mad Men angelehnt ist, illustriert diesen Fall.
| (5) | [Don kommt am Morgen nach Hause, nachdem er die Nacht mit seiner Affäre verbracht hat. Seine Frau Betty weiß davon und Don weiß, dass sie davon weiß.] |
| Betty: Wo bist du die Nacht gewesen? | |
| Don: Ich habe im Büro geschlafen, weil wir noch ein langes Meeting hatten. | |
| Betty: Du arbeitest zu hart. |
Die Äußerung von Don, dass er aufgrund eines langen Meetings im Büro geschlafen hat, ist in diesem Szenario falsch und Don glaubt natürlich auch nicht, dass er im Büro geschlafen hat. So wie das Szenario gestrickt ist, kann aber keine Täuschungsabsicht von Seiten Dons vorliegen, da er ja weiß, dass Betty herausgefunden hat, dass er bei seiner Affäre war, und er folglich weiß, dass er Betty mit seiner unwahren Aussage nicht täuschen und dazu bringen kann, zu glauben, dass er im Büro geschlafen hätte. Statt des Versuchs, seine Frau zu täuschen, geht es in diesem Beispiel darum, dass Don und Betty über das offensichtliche Problem ihrer Beziehung – nämlich, dass Don eine Affäre hat – nicht reden möchten und sie oberflächlich so tun, als sei alles in Ordnung. In gewisser Hinsicht ist ihre Kommunikation also immer noch kooperativ, da beide so tun, als ob Qualitätsmaxime und Aufrichtigkeitsbedingung erfüllt sind.
Wie verhält es sich nun mit unwahren Äußerungen, die dazu dienen, Empörung hervorzurufen? Handelt es sich dabei um klassische Lügen? Oder sind es vielleicht Bald-Faced Lies? Betrachten wir das Beispiel in (6).
| (6) | a. | Der Spiegel: Urteil im „Stromstoß“-Prozess in München: Die Schmerzen der Frauen. Das Gericht stellte fest, dass es den Angeklagten erregt habe, Frauen leiden zu sehen. |
| b. | User-Kommentar: Tja, wenn es wichtiger ist zu wissen, was Sarah Lombardi für einen Nagellack verwendet, als die Wirkung von Strom zu kennen, tut’s halt weh! Das auszunutzen ist natürlich nicht in Ordnung! |

Der User bringt in seinem Kommentar zum Facebook-Beitrag des Spiegels, in dem zu einem Artikel über das Gerichtsverfahren im “Stromstoß”-Prozess verlinkt wird (bei dem der Angeklagte Frauen Stromstöße versetzte), zum Ausdruck, dass die betroffenen weiblichen Opfer selbst schuld an ihrem erlebten Leid wären, weil sie sich als Frauen nur für Nagellack und Stars interessieren und deswegen nicht wüssten, welche Schmerzen Strom verursachen kann. Weil dieser doch recht boshafte Kommentar, der einen Fall des victim blamings darstellt, natürlich total übertrieben ist, gehen wir davon aus, dass der Verfasser dieses Kommentars nicht wirklich glaubt, dass Frauen im Allgemeinen oder die Opfer im Falle des Prozesses nicht wissen, dass Stromstöße starke oder gar tödliche Schmerzen verursachen können (die Begründung, dass sie sich nur für Nagellack interessieren würden, ist natürlich ebenso absurd wie unwahr). Stattdessen müssen wir davon ausgehen, dass der User weiß, dass seine Aussage nicht wahr ist, und dass er absichtlich extra krasse Klischees dazu verwendet, um andere Leser*innen zu verärgern, zu provozieren und zu empören.
Doch auch wenn das, was der User in (6) schreibt nicht wahr ist und er sich dessen auch bewusst ist (wovon zumindest auszugehen ist), so handelt es sich unserer Ansicht nach bei provokativen Äußerungen wie in (6) nicht um Lügen. Der provozierenden Person geht es nicht darum, die Adressat*innen zu täuschen und dazu zu bringen, den Inhalt der Provokation zu glauben. Im Gegenteil: Würde die provozierende Äußerung von den anderen User*innen einfach als wahr akzeptiert werden, dann hätte der Provokateur sein Ziel verfehlt. Es kann sich im Falle von (6) also nicht um eine klassische Lüge handeln. Wie steht es mit der Kategorie der Bald-Faced Lie? Auch diese lässt sich nicht auf das Beispiel anwenden. Denn auch wenn eine Bald-Faced Lie nicht täuschen soll, so soll der Diskurs im Anschluss an die Bald-Faced Lie dennoch so weitergeführt werden, als ob diese wahr sein. Würde Betty in einem alternativen Szenario zu dem in (5) auf Dons Behauptung, er habe im Büro übernachtet, wie in (7) antworten, dann wäre die Bald-Faced Lie nicht erfolgreich.
| (7) | Don: Ich habe im Büro geschlafen, weil wir noch ein langes Meeting hatten. |
| Betty: Das stimmt doch nicht! Wir wissen doch beide, wo du gewesen bist. |
Dies unterscheidet Bald-Faced Lies von den Provokationen. Denn wieder gilt: Würde die provozierende Äußerung einfach als wahr akzeptiert (auch wenn die Leser*innen es nicht glauben) und keine empörte Gegenwehr auslösen, dann wäre die Provokation nicht erfolgreich gewesen.
Halten wir fest: Wenn mit unwahren Äußerungen bewusst provoziert und Empörung hervorgerufen werden soll, dann kann es sich entsprechend der vorangegangenen Überlegungen weder um klassische Lügen noch um Bald-Faced Lies handeln. Handelt es sich also um eine ganz eigenständige Art von Sprechakt? Um dieser Frage nachzugehen, werden wir im Folgenden verschiedene Arten von unwahren Sprechakten betrachten, die alle auch in Verbindung zur Provokation stehen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.