Kitabı oku: «Geist und Leben 1/2015», sayfa 2

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Wollt ihr auch gehen?

In Joh 6,66 klingt eine Erfahrung an, die die reformatorischen Kirchen in Europa auch gegenwärtig machen: „Von da an wandten sich viele seiner Jünger von ihm ab, gingen weg und wandelten fortan nicht mehr mit ihm.“ Der Vers sollte nicht dazu weiterleiten, sich mit solchen Abwanderungsprozessen einfach abzufinden, sie sollten gründlich reflektiert werden. Das Johannesevangelium macht aber dem gegenwärtigen Protestantismus Mut, in aller notwendigen Veränderung nicht das aufzugeben, was evangelische Spiritualität ausmacht. Als Jesus seine Jünger fragt: „Wollt ihr auch gehen?“, antwortete Petrus stellvertretend: „Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Joh 6,67f.) Menschen bleiben evangelisch um des Wortes Gottes willen.

* „Geist und Leben“, die namensgebende Sequenz unserer Zeitschrift, entnommen aus dem Johannesevangelium, löste 1947 den Titel „Zeitschrift für Aszese und Mystik“ ab. Zum Auftakt der neu gestalteten Zeitschrift, die diesen Namen beibehält, haben wir drei Theolog(inn)en unterschiedlicher Konfession gebeten, anhand von Joh 6,63 ihrem Verständnis von christlicher Spiritualität nachzugehen. [Anm. d. Red.]

1H. Thyen, Studien zum Corpus Iohanneum (WUNT 214). Tübingen 2007, 548.

2Ders., Das Johannesevangelium (HNT 6). Tübingen 2005, 367.

3Vgl. ebd., 377f. [s. Anm. 2].

4N. Luhmann, Funktion der Religion (stw 407). Frankfurt 1982, 111; vgl. C. Dinkel, Was nützt der Gottesdienst? Eine funktionale Theorie des evangelischen Gottesdienstes (PThK 2). Gütersloh 2000, 98; R. Kunz, Gottesdienst evangelisch reformiert. Liturgik und Liturgie in der Kirche Zwinglis (Theophil 10). Zürich 2001, 94f.

5Vgl. WA 6,363,6–9: Denn so wie „vil mehr ligt an dem testament den an dem sacrament, also ligt vil mehr an den worten den an den tzeychen, dan die tzeychen mügen wohl nit sein, das dennoch der mensch die wort habe, und also on sacrament, doch nit on testament selig werde“.

6Evangelisches Gottesdienstbuch. Agende für die Evangelische Kirche der Union und für die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands. Hrsg. von der Kirchenleitung der VELKD und im Auftrag des Rates von der Kirchenkanzlei der EKU. Berlin u.a. 1999, 16.

7So etwa H. Thyen, Studien, 548 [s. Anm. 1].

8Vgl. Lev 17,11: „Denn das Leben des Fleisches ist das Blut“.

Kirche
K

Eva-Maria Faber | Chur

geb. 1964, Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie

eva-maria.faber@thchur.ch

Geist und Leben
Jesuanische Verheißung für eine anthropologische Suchbewegung

Als die Zeitschrift für Aszese und Mystik 1947 in „Geist und Leben“ umbenannt wurde, war eine Wende von einer vornehmlich wissenschaftlichen zu einer mehr existentiellen Ausrichtung der Zeitschrift und damit auch eine größere Nähe zu den „Gegebenheiten der Zeit“ intendiert.1 Jedoch ließ sich damals kaum erahnen, wie schillernd die beiden Begriffe im 21. Jh. wirken könnten. Wie viele diffuse, nicht mehr christlich identifizierbare Spiritualitäten sind auf der Suche nach „Geist“ und „Leben“! Würden Verantwortliche einer Zeitschrift auf der Suche nach einem neuen Titel deswegen heute vielleicht lieber eindeutig christlich profilierte Schlagworte wählen?

Die folgenden Ausführungen begrüßen die umfassenden und dadurch herausfordernden Bezüge des Titels „Geist und Leben“. Sie suchen in Joh 62 nach anthropologischen Konstellationen der Suche nach Geist und Leben ebenso wie nach der spezifisch jesuanischen Bedeutung dieser Leitworte. Der Blick auf Differenz und Konvergenz der beiden Perspektiven kann die Aufmerksamkeit dafür schärfen, wie christliche Spiritualität3 im zeitgenössischen Kontext ins Gespräch zu bringen und zu konturieren ist.

Die Dramatik des Strebens nach Geist und Leben

Lässt man das Szenario, welches das sechste Kapitel des Johannesevangeliums vorführt, auf sich wirken, so zeichnen sich zwei Bewegungen ab. Der Umbruch wird ab V. 41 deutlicher bemerkbar. In der einen Phase geschieht so etwas wie ein mystagogischer Prozess. Ausgehend von elementaren menschlichen Bedürfnissen entbirgt Jesus bei den ihm begegnenden Menschen dahinterliegende, tiefere Sehnsüchte. So sehr dieser Prozess in der johanneischen Darstellung nicht gerade harmonisch verläuft, so wenig verzichtbar ist er für das Verständnis der Verheißung von Geist und Leben.

Was sich in der ersten Phase schon in Form von Irritationen und Missverständnissen ankündigt, kristallisiert sich in der zweiten Phase als Notwendigkeit der Entscheidung heraus. Geist und Leben stellen sich nicht unversehens ein, sondern haben Konturen, sind gebunden an die Person Jesu und verlangen darum den Entscheid, in einen Lebenszusammenhang mit ihm zu treten. Wenn die Jünger, als deren Sprecher Petrus auftritt, als Entschiedene für eine solche Bindung an Jesus dastehen, so hebt sie dies doch nicht fundamental von den anderen Menschen ab. Gemeinsam ist jenes allgemein-menschliche Streben nach Geist und Leben, das freizulegen und (bekannterweise bleibend auch bei den Jüngern) allenfalls zu reinigen ist. Unterschieden ist die Weise, wie dieser mystagogische Prozess zielführend in Einsichten und Lebensentscheidungen mündet, allenfalls in der Schwebe bleibt oder zu vorläufiger Ablehnung führt.

Anthropologische Konstellationen

„Geist“ und „Leben“, diese Worte rühren an die großen Leitsterne, aber auch den Hunger und Durst menschlichen Daseins. Dabei stehen die beiden Begriffe zwar auch jeder für sich für eine als wertvoll empfundene Wirklichkeit. Gleichzeitig bürgt gerade ihre Verbindung dafür, dass das Leben geistvoll und der Geist lebensprägend sein kann. Dabei scheint Leben die basalere Wirklichkeit zu sein, die in der Schöpfung von einfachen Formen bis hin zu komplexen Strukturen reicht. An dieser breiten Palette hat auch das menschliche Dasein teil. Je mehr jemand erfahren hat, was es bedeutet, wenn elementare Lebensvollzüge versagen, desto mehr tritt die Kostbarkeit des Lebens auf allen Stufen ins Bewusstsein. In eben dieser Selbstreflexivität macht sich der Geist bemerkbar, der überhaupt erst die Dimensionen von Freude und Leiden am Leben, von Wertschätzung und also Werterkenntnis an das Leben heranträgt. So entsteht das Bedürfnis nach „Spiritualität“: ein inzwischen weltanschaulich offener Begriff, der allen materialistischen Philosophien zum Trotz in irgendeiner Weise eine Lebensführung aus dem Geist bezeichnet. Dahinter steht die uralte Frage nach dem Leben, und zwar nach dem guten, wahren, dem eigentlichen Leben im Unterschied zu einem verflachten, verfehlten oder entfremdeten Leben. Ebenso dringlich ist die Frage, wie geistige Vorstellungen nicht auf der Ebene von Ideen bleiben, sondern in konkretes, alltägliches Leben umgesetzt werden können: wie also Geist und Leben eine Einheit bilden können.

Die Begriffe „Leben“ und „Geist“ formulieren Hoffnungsziele, bezeichnen jedoch gleichzeitig auch eine Not. Niemand hat in der Hand, das Leben ohne Bedrohung leben, es gar genießen zu können oder es im Gegenteil versiegen zu sehen. Leben kann von Idealen erfüllt, ebenso aber unbarmherzig auf das Leibliche, Vegetative, Materielle reduziert erfahren werden. Welche Art von Geist ist dann noch tragfähig genug, zum Leben zu helfen? Niemand weiß, wie stabil entdeckte und gewählte Werte und Ideale die eigene Biographie prägen werden und ob sie sich als tragend oder als enttäuschend erweisen werden. Menschen erfahren, wie sie fähig sind, sich geistig-geistlich von Visionen leiten zu lassen, zugleich aber, wie sie solche manchmal sogar abrupt und schroff verraten können.

An diese conditio humana – Würde und Elend des Menschseins – knüpft Joh 6 mit den Erzählungen von der Brotvermehrung und vom Ausgesetztsein auf dem See an. Dabei gibt die Perikope keinen Anlass, das von Jesus mit Geist und Leben Gemeinte allein auf eine weltübersteigende ewige Dimension zu begrenzen und es scharf von dem abzugrenzen, wonach Menschen sonst noch streben, wenn sie nach Geist und Leben suchen. Er will – umfassend formuliert – der Welt das Leben geben (vgl. V. 33). Die Brotrede spricht nicht umsonst wiederholt vom „Essen“ und „Trinken“, also von dem, was man tut, wenn man elementare Bedürfnisse befriedigt. Und trotz der Übertragung der Speisemotive auf eine symbolische Ebene darf nicht vergessen werden, dass Jesus sich zu Anfang des Kapitels sehr konkret um die leibliche Nahrung der Menschen bemüht. Es wäre geradezu unfair, wenn er ihnen Brot austeilen würde, „soviel sie wollten“ (V. 11), um ihnen später die Erfüllung ihrer leiblichen Bedürfnisse zum Vorwurf zu machen. Auch in 2 Makk 7,23 wird mit „Geist und Leben“ die grundlegende Gabe menschlichen Lebens überhaupt bezeichnet: „Der Schöpfer der Welt hat den werdenden Menschen geformt, als er entstand; er kennt die Entstehung aller Dinge. Er gibt euch gnädig Atem (πνεῦμα) und Leben wieder, weil ihr jetzt um seiner Gesetze willen nicht auf euch achtet“.

Zur Vorgeschichte der Verheißung von Geist und Leben gehört auch die numinose Furcht der Jünger auf dem Meer, die in Joh 6 aus einer Mischung von Bedrohung durch Naturgewalten und Bedrohung durch das ungewöhnliche Auftreten Jesu auf dem Wasser erwächst. „Fürchtet euch nicht“, diese oft wiederholte biblische Zusage geht heilsam auf eine der grundlegendsten Anfechtungen menschlichen Lebens ein: das Gelähmtsein vor dem Abgrund der verschiedenen Formen des Zugrundegehens (V. 39).

Erst recht weist Jesus die menschliche Suche nach nicht versiegender Lebensnahrung (V. 34), nach dem Vollbringen der „Werke Gottes“ (V. 28), nach Sehen, Glauben und Erkennen (V. 30.69), nach einem sinnerfüllten Leben, kurz: nach Geist in ihrem Leben, nicht zurück. Unmittelbar nach der nüchternen Diagnose des Unglaubens seiner Zuhörer(innen) verpflichtet sich Jesus dazu, niemanden, der zu ihm kommt, abzuweisen und ihn nicht zugrundegehen zu lassen.

So entfaltet Joh 6 gewissermassen eine anthropologische Konstellation, in die hinein die jesuanische Rede und Zusage von Geist und Leben zu buchstabieren ist. Spiritualitäten auf der Spur von Geist und Leben werden dem Menschsein somit in all seinen Dimensionen gerecht werden müssen: der leibhaftigen Bedürftigkeit, den Ängsten angesichts der Untiefen existentieller Unwägbarkeiten ebenso wie dem Hunger nach dem Unvergänglichen und dem Durst nach Erkenntnis. So selbstverständlich dies im 21. Jh., nach der anthropologischen Wende und der Entwicklung von Korrelationsmodellen, scheinen mag, so groß ist diesbezüglich die Herausforderung. Bekannterweise gehört das Relevanzproblem zu den entscheidenden Krisenfaktoren des christlichen Glaubens heute. Menschen wenden sich von der Kirche, nicht selten auch vom christlichen Glauben ab, weil ihnen nicht einleuchtet, was ihre Zugehörigkeit zur Kirche bzw. ihr Christsein für ihre Suche nach Geist und Leben bedeuten soll. Zwar gibt es Stimmen, die im Gestus dialektischer Theologie ohnehin vor einer Anknüpfung an menschliche Erfahrungen warnen. Doch ohne eine schöpfungstheologische Basis und ohne Vertrauen in eine Dynamik, in der sich trotz aller Gebrochenheit des Menschseins und seiner Lebensbedingungen die ursprüngliche Ausrichtung des Menschen auf das Geheimnis Gottes durchhält, lässt sich keine gesunde christliche Spiritualität entwickeln. Dass dies nicht gleichbedeutend ist mit einer konturlosen Spiritualität, die jegliche Vorstellungen von Geist und Leben absegnen würde, lässt Joh 6 sehr deutlich erkennen und ist nun zu beleuchten.

Der Ruf in die Entscheidung

Die in Joh 6 beschriebenen Menschen suchen nach Leben und durchaus auch nach Geist. Auseinandersetzungen entstehen nicht deswegen, weil Jesus die Erwartungen der Menschen als fehlgehend erachtet. Zur Entscheidung kommt es in dem Maße, als er eine neue Perspektive eröffnet, wo Geist und Leben zu finden wären. Jesus lenkt den Blick von den Suchbewegungen der Menschen auf die Bewegung von Gott her, die er selbst bezeugt und verkörpert. Die menschliche Sehnsucht nach Geist und Leben führt insofern nicht ins Leere, als sie der Gabe begegnet, die von Gott her kommt und die dem menschlichen Verlangen Erfüllung gibt.

Gewissermaßen bewahrheitet Jesus so die religionskritische Spitze von Friedrich Nietzsche, der Hunger beweise nicht, dass es eine Speise gibt. Der Hunger kann in der Tat für die Speise nicht geradestehen, auch nicht durch noch so ausgefeilte Rezepte. Die Speise muss eine Wirklichkeit sein, die dem Hunger abhelfen kann. Ob es sie gibt oder nicht gibt, kann weder der Hunger belegen noch Nietzsche widerlegen.

Anders gesagt: Geist und Leben sind nicht ein fiktiver Fluchtpunkt menschlichen Suchens, sondern im höchsten Sinne REALITÄT, die aber dem Menschen nicht verfügbar ist, sondern ihm als Gabe zuteilwerden muss. Sie ist eine Wirklichkeit, die von sich her frei und unverfügbar begegnet und die deswegen „personal“ genannt wird. Es ist jene Wirklichkeit, die in Jesus Christus menschlich zugänglich wird, so dass sich in ihm das göttliche „Ich bin, der ich für euch da sein werde“ (Ex 3,14) zum „Ich bin es“ (V. 20) und „Ich bin das Brot des Lebens“ (V. 35.48) konkretisiert. Es sind seine Worte, die Geist und Leben sind und sich als solche im Leben der Menschen entfalten.

Im Konzert der vielen diversen Spiritualitäten ist es das Gemeinsame christlicher Spiritualitäten, (gnadentheologisch) das Entgegenkommen Gottes zu betonen, das sich (christologisch) in Jesus Christus ein menschliches Gesicht gibt und sich (pneumatologisch) im Geist in das Leben der Menschen verweben will. Die damit verbundene Konkretheit, an der schon die Zeitgenoss(inn)en Jesu Anstoß nahmen, fordert den Glauben heraus, weil sie sich weder philosophisch erschließen noch in spirituellen Techniken erreichen lässt. Sie ist der irreduzible Kern des befreienden Evangeliums: Gott steht nicht abseits, schaut nicht unbeteiligt zu, wenn Menschen nach Geist und Leben suchen, sondern hat sich wirklich zugesagt.

Nun ist – der wunde Punkt des Glaubens – diese Wirklichkeit keine solche, die einfach vor Augen liegt. Auch in Joh 6 wird die Diskrepanz zwischen Sehen und Glauben zum neuralgischen Punkt. Ein Detail aus der johanneischen Fassung vom Seewandel Jesu kündigt dies schon an: Hier wirkt sich die Präsenz Jesu, anders als in den Überlieferungen bei Mk und Mt, nicht darin aus, dass sich der Wind legt. Erst recht wird in der Gesamtkonstellation der Auseinandersetzungen deutlich, dass der jesuanische Anspruch nicht durch den äußerlichen Augenschein gedeckt wird. Wer bei dem stehenbleibt, was an Jesus zu sehen und festzustellen ist, hat noch nicht den Zugang zu jenem Geist und jenem Leben gefunden, die er verkörpert. Damit sollen diese jesuanischen Leitworte nun nicht doch noch ihrer elementaren anthropologischen Relevanz entleert werden. Unbeschadet ihrer Bezogenheit auf alle Dimensionen des Menschseins ist die Gabe von Geist und Leben gemäß dem Duktus von Joh 6 alltäglich jedoch nicht im Modus des Wunders verfügbar. Zudem lässt sie sich nicht in neutraler Beobachtung außerhalb der Glaubensbeziehung registrieren. Somit fordert christliche Spiritualität zur Entscheidung heraus. Sie ist langfristig nicht in der Weise unverbindlichen Kokettierens zu haben, sondern verlangt die Entscheidung zu einer bindenden Beziehung zu Jesus Christus.

Es dürfte von Bedeutung sein, dass Joh 6 mit der Zwölfzahl der Brotkörbe (V. 13) und der Zwölfzahl der Apostel (V. 67.70) eine letztlich ekklesiale Rahmung hat. Spiritualitäten werden danach fragen müssen, wie eine geistliche Orientierung lebensprägend werden kann und wie Verbindlichkeit möglich ist. Die christliche Antwort verweist auf die konkrete Gemeinschaft, in der es heißt: „Wir sind zum Glauben gekommen“ (V. 69). Ohne stützende Vergemeinschaftung und ohne verbindliche Gestaltwerdungen wird es schwierig, Jesu Geist und Leben Raum zu geben. Spiritualität aber, die nur auf ideeller Ebene bleibt und es versäumt, sich in gelebtem Leben zu inkarnieren, ist nicht vom Geist Jesu.

Bei diesem Hinweis auf die ekklesiale Rahmung christlicher Spiritualität wird allerdings gerade eine traditionell „katholische“4 Perspektive nicht übersehen dürfen, dass weder ein gemeinschaftliches „Wir“ noch kirchliche Strukturen und Normen davon dispensieren, auf persönliche Weise zu suchen, wie der eigene Weg von Geist und Leben Jesu geprägt sein kann. Die Aufmerksamkeit für die Rolle der Spiritualität muss wachhalten, dass die Lebenswege von Menschen sich nicht in das Schema allgemeiner Vorgaben pressen lassen. Wie sich einem Menschen Geist und Leben verwirklichen und darbieten, gehört zu den sehr intimen Dimensionen seines/ihres persönlichen Weges. Die Worte Jesu, die Geist und Leben sind, gehören auch in die Unmittelbarkeit zwischen der einzelnen Person und Jesus Christus, wie sie in den VV. 35.54–56 zum Ausdruck gebracht wird.

Es ist eines der bedeutendsten Merkmale ignatianischer Spiritualität, dieser Unmittelbarkeit des Geschöpfes mit seinem Schöpfer Raum zu geben. Ignatius von Loyola scheint – an der Schwelle zur Neuzeit – wahrgenommen zu haben, dass der Weg christlichen Glaubens die individuelle, persönliche Zuspitzung braucht. In einer Zeit, in der Menschen sich vom christlichen Glauben abwenden, weil er nach ihrer Erfahrung nicht hinreichend auf die individualisierten Lebenssituationen einzugehen vermag, wäre es dringlich, diesen Schatz umso nachdrücklicher ans Licht zu heben.

1Vgl. das Vorwort der Schriftleitung Zum Geleit, in: GuL 20 (1947) 1f., hier: 2.

2Alle Versangaben im Text beziehen sich auf Joh 6, sofern nicht anders angegeben.

3Wenn hier und im Folgenden „christliche Spiritualität“ im Singular steht, darf nicht übersehen werden, dass es diese nur in pluralen Formen gibt. Gefragt werden soll hier aber nach gemeinsamen Spezifika solcher christlichen Spiritualitäten im Konzert anderer heterogener Perspektiven.

4Hier im konfessionellen Sinn verstanden.

Kirche
K

Ioan Moga | Wien

geb. 1979, Dr. theol., verheiratet, 3 Kinder, Priester der rumänisch-orthodoxen Kirche, Assistent für Theologie und Geschichte des christlichen Ostens an der Universität Wien

ioan.moga@univie.ac.at

Metanoia im Zeichen der Schönheit
Zu einem Grundmotiv orthodoxer Spritualität

„Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.“ (Joh 6,63) Diese Stelle im Evangelium scheint ein alttradiertes Vorurteil gegenüber der christlichen Spiritualität zu bestätigen: die Leibfeindlichkeit. Neuere Übersetzungen versuchen der scheinbaren Diastase pneuma – sarx auszuweichen, indem sie, anstatt die Begriffe „Fleisch“ oder „Leib“ zu verwenden, die Aussage umschreiben: „alle menschlichen Möglichkeiten richten nichts aus“ (Gute Nachricht) oder „ein Mensch kann dies nicht“ (Hoffnung für alle). Dadurch wird die Stelle nicht klarer, außer, dass man interpretatorisch die Polarität „Geist-Fleisch“ auf eine weitere Polarität „Gott (Gottes Geist) - Mensch“ überträgt. Damit ist freilich jegliche Relevanz menschlichen Mitwirkens im Erlösungswerk in Frage gestellt.

Christozentrik

Das Wort Jesu Christi in Joh 6,63 steht im Kontext der unmittelbar davor entfalteten Rede vom lebendigen Brot („Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“ siehe Joh 6,51) und vom Essen des Leibes und des Blutes, das als einziger Modus der Vereinigung mit Jesus Christus (Joh 6,54–58) zu verstehen ist. Der Zusammenhang ist also ein ausgeprägt eucharistisch-mystischer; „eucharistisch“, weil hier ganz konkret vom Essen des Leibes und Trinken des Blutes Jesu Christi als Zugang zum ewigen Leben gesprochen wird (Joh 6,54), und „mystisch“, weil dieses Zu-Sich-Nehmen des Leibes Christi die innigste existentielle Verbundenheit mit sich bringt (Joh 6,56: „[…] bleibt in mir, und ich in ihm“). So gesehen, lässt sich die Aussage im Joh 6,63a wie eine veranschaulichende, anthropologische Tatsache lesen: wie bei einem Menschen das „Fleisch“ an und für sich nicht existieren kann, ohne den „Lebenshauch“, der es durchdringt, so sind die Worte über das „Brot des Lebens“ und über „mein(en) Leib“ (bzw. „mein Blut“) das, was den Menschen „in der Ewigkeit“ (Joh 6,58) lebendig hält – sie sind „Geist und Leben“. „Geist und Leben“ erscheinen hier als zwei Seiten derselben Realität, synonym zu weiteren Formulierungen, die in den früheren Versen zu finden sind: „vom Himmel herabgekommen“, „leben in Ewigkeit“ (vgl. Joh. 6,58).

Das Wesentlichste im ganzen Vers erscheint mir jedoch weder die vermeintliche Diastase von Geist und Fleisch (pneuma – sarx), noch die richtige Bestimmung des Verhältnisses zwischen Geist und Leben (pneuma – zoe) zu sein, sondern der Hinweis: „(die Worte), die ich zu euch gesprochen habe“: Jesus Christus steht im Zentrum. Er will in Beziehung treten zu den Menschen. Der Selbstanspruch Jesu Christi (gegründet auf seine Gottessohnschaft, vgl. Joh 6,57) ist soteriologisch orientiert: „Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit“ (Joh 6,59). Es geht nicht um „Geist und Leben“ im Allgemeinen, sondern um jenen Geist und jenes Leben, die in den Worten Jesu Christi präsent werden. Eine solche christozentrische Deutung von Joh 6,63 hat nichts Konfessionsspezifisches an sich. Sie bietet jedoch einen möglichen Einstieg in das Verständnis einiger Grundlagen der ostkirchlichen Spiritualität.

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