Kitabı oku: «Geist und Leben 1/2015», sayfa 3

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Zwei Grundmotive orthodoxer Spiritualität

Für die Wahrnehmung eines „Outsiders“, der aus purer Neugier an einem orthodoxen Gottesdienst teilnimmt, treten zwei fast polare Eindrücke in den Vordergrund: einerseits eine starke Sinnlichkeit, die fast überwältigend den/die Betrachter(in) visuell (Ikonen, Kerzen, Riten), olfaktorisch (Weihrauch), auditiv (Kirchenmusik) und motorisch (viele Kreuzzeichen, Kniebeugen, ja vielerorts das ständige Hin und Her der Gottesdienstbesucher(innen) während der Liturgie usw.) anspricht; andererseits ein starker asketischer Anspruch, der zumindest durch das lange Stehen und die Länge der Gottesdienste nicht zu übersehen ist. Für den praktizierenden „Insider“ werden diese zwei Grundelemente durch viele weitere Nuancen und Dimensionen der orthodoxen Liturgik und Spiritualität bestätigt.

Schönheit

Das erste Element – die starke Einbeziehung der Sinne – ließe sich auch auf nichttheologische Faktoren reduzieren. Dann wäre Einiges aus soziologischer und kulturhistorischer Sicht erklärbar (u.a. postbyzantinische Kulturwelt, fehlende Gesamtauseinandersetzung mit der Aufklärung). Damit wäre aber die Chance vertan, hier eine theologisch fundierte und bereits in der Alten Kirche verankerte Ausrichtung ostkirchlicher Spiritualität zu erkennen. Diese würde ich – ohne an erster Stelle gleich an die berühmte Philokalia zu denken – mit Sehnsucht nach Schönheit umschreiben.1 Die gesamte liturgische Welt der Orthodoxen Kirche ist nicht Ausdruck eines kargen, düsteren Fliehens aus der Welt, sondern eine freudvolle Öffnung der sichtbaren Schönheit dieser Welt hin zum Unsichtbaren. Gott sucht Gemeinschaft nicht nur mit dem menschlichen Geist, sondern mit dem ganzen Menschen.2 Dieses altkirchliche Prinzip (die „Aufnahmefähigkeit“ des sterblichen Leibes für das Göttliche3) impliziert auch das Zum-Ausdruck-Bringen des Heilsgeschehens in Farben, Tönen und Bewegungen, d.h. den Kultus insgesamt. Wer ostkirchliche Spiritualität auf die eschatologische Perspektive (Stichwort theosis) reduziert, verkennt den inkarnatorischen Grundgedanken der Liturgie und der Ikonographie. Die gesamte Ikonographie gründet auf der im 8. Jh. dogmatisch festgelegten Grundansicht, dass der menschgewordene Gott in der Person Jesu Christi darstellbar sei und dass die Verehrung des „Bildes“ Jesu Christi auf sein „Urbild“ übergeht. Für sich allein wäre „das Fleisch“ (sarx) nichts nütze (vgl. Joh 6,63) und jede Art der religiösen Verehrung der Materie nur Götzendienst. Doch die Ikone hat dienenden Charakter, sie weist auf die göttliche Realität hin, die durch die Menschwerdung und die Auferstehung des Sohnes Gottes die ganze Materie zu einer neuen Daseinsweise erhöht hat. Jede Ikone ist somit in erster Linie ein Bekenntnis der Menschwerdung und der Auferstehung Christi. Der Geist muss Leben werden, Gestalt und Farbe annehmen, im sarx (d.h. in der Geschichte, in der eigenen Biographie usw.) sich bewähren und – durch das Kreuzigen alles „Fleischlichen“ – dieses „Fleisch“ zu einer neuen Schönheit erstrahlen lassen.

Die Bejahung des Leiblichen und des Sichtbaren, welches in der Menschwerdung soteriologische Bedeutung erlangt, zählt somit zu den Grundelementen des religiösen Lebens: Der/Die Glaubende kann nicht den Weg des bloßen spirituali-sierenden Aufstiegs nehmen, sondern muss den Weg Desjenigen nehmen, der abgestiegen ist und, durch Besiegen des Todes und die leibliche Auferstehung, alles Leibliche ins Himmlische erhöht hat. „Alle erscheinenden Dinge bedürfen des Kreuzes“4 schreibt diesbezüglich Maximos der Bekenner. Deshalb ist christliche Bejahung des Leiblichen und der Geschichte immer Bejahung des Kreuzes, Hingabe, Selbstopfer. Eine Abkoppelung von Leiblichkeit und Kreuz macht die Möglichkeit jeder Art von gelebter Auferstehungsspiritualität zunichte. Wo die Erfahrung des Kreuzes fehlt, bleibt jede Auferstehung eine Art geistiges „Naturphänomen“, etwas rein Äußerliches.

Nicht eine fremde, vom Himmel gefallene Schönheit wird den Jüngern nach der Auferstehung in der Gestalt des Auferstandenen zuteil, sondern eine neu entdeckte (weil durch das Kreuz angenommene und erlöste) Schönheit der Schöpfung. Diese Auferstehungsschönheit, die den ganzen liturgischen Ethos der Orthodoxen Kirche prägt, hat eher die Funktion einer Einladung, und nicht die einer paradiesischen Belohnung. Gerade weil der Auferstandene in seinen Erscheinungen den Aposteln die neue Dimension der leiblichen Existenz zeigt, können Sie nach Pfingsten den Auferstandenen predigen. Das urtypische Ikonenbild Jesu Christi ist das Bild des Auferstandenen, der die Jünger segnet. Ebenso erhebt jeder liturgische Akt den Anspruch, der sichtbare Hinweis auf die Realität dieser schönen Welt des Auferstandenen („Himmelreich“) zu sein. Kurz: Die Erfahrung der Auferstehung impliziert die Erfahrung einer neuen, vom Unsichtbaren durchfluteten, schönen Leiblichkeit, die für das liturgische Leben als Raum des Gebetes fungiert.5

Askese

Den zweiten Aspekt – die starke Asketik – möchte ich bewusst nach dem ersten ansprechen. Denn die Askese (wie etwa in der Form der strengen Fastenpraxis oder der verschiedenen Bußübungen) begegnet uns selbst in den einfachsten Frömmigkeitsformen nicht als Selbstzweck, sondern als Begleiterscheinung der liturgischen Begegnung mit dem Auferstandenen. Erst die existentielle Begegnung mit Ihm, d.h. die Bewusstwerdung Seiner Liebe und das liturgische Schauen Seiner herrlichen Schönheit, verinnerlicht die Notwendigkeit der Umkehr, der Metanoia. Das innere (und im Mönchtum auch äußere) Wachehalten bietet dafür einen Schlüssel: die Jungfrauen kennen den Bräutigam (vgl. Mt 25,1–13), sonst würden sie nicht auf ihn warten. Ihr Warten hat einen feierlichen, gemeinschaftlichen Grund. Die Buße und die dazugehörende Asketik werden deshalb in der gelebten Frömmigkeit der orthodoxen Christ(inn)en in erster Linie als kathartischer Teil der liturgischen Vorfreude auf Christus und seine Heiligen erlebt. Sie werden dadurch jedoch nicht relativiert, sondern im Gegenteil: Weinen und sich Freuen bleiben, selbst im Leben der Heiligen, eine Konstante: „Der Weg der Heiligen ist der Weg des Weinens der Liebe. Wo Liebe ist, da ist Weinen. Und wo keine Liebe ist – da ist auch kein Weinen“6, schreibt der russischstämmige Archimandrit Sophronios Saharov (gest. 1993) vom Kloster Essex (GB).

Das spiegelt sich in der eucharistischen Spiritualität sehr stark wieder: Nach wie vor wird in den meisten orthodoxen Kirchen vor der Kommunion die Beichte praktiziert und die dazugehörenden Gebete zur Vorbereitung auf die Kommunion sprechen eine deutliche Bußsprache. Die Kommunion ist nichts Selbstverständliches, ist immer ein Mysterium, immer eine Begegnung mit dem Auferstandenen. Der Glaube an die reale, eucharistische Präsenz des „allheiligen Leibes und kostbaren Blutes“ Jesu Christi ruft deshalb die tiefste Gewissheit der Vergebung hervor. Dieses – für moderne Ohren übertrieben formulierte – Bewusstsein der eigenen Schwäche ist jedoch nicht fixiert auf die Sündhaftigkeit, sondern trägt schon in sich das Wissen um die vergebungsspendende Gnade der Auferstehung (hier des Kommunionempfangs). Nicht die eigene Schwäche („das Fleisch ist nichts nütze“, Joh 6,63) ist tonangebend, sondern die Gewissheit, dass die Begegnung mit dem Herrn „lebendig macht“.

Der orthodoxe Zugang zur Asketik hat somit – so habe ich es bereits in meiner Kindheit als Sohn eines orthodoxen Priesters erfahren – etwas Schönes, sogar Feierliches an sich. Die tiefste Umkehr ist (weil im Zeichen der Auferstehung) immer mit Hoffnung verbunden. Der heilige Silouan von Athos sagt: „Halte dich mit Bewusstsein in der Hölle und verzweifle nicht.“ Sein Schüler, Archimandrit Sophronius, deutet diesen Zusammenhang so: „Die Hölle ist ein geistiger Zustand der Geschöpfe, die sich von der Liebe Gottes abgewandt haben. Wie aber kann dieses Licht, diese unermessliche Liebe, bis auf den Grund der Finsternis des Hasses herabsteigen? (…) Da der Herr versucht worden ist, müssen auch wir unvermeidlich durch das Feuer der Versuchungen hindurch (…) Und da der Herr verklärt worden ist, werden auch wir, bereits hier auf Erden, verklärt, wenn unser ‚heimliches Seufzen‘ dem seinen entspricht.“7

Leben in Christus – heute

Die häufig gestellte Frage nach der Aktualität christlicher Spiritualität wirkt – nach diesen Ausführungen – ambivalent. Angesichts der starken kulturellen, technischen und mentalen Veränderungen der letzten Jahrzehnte ist sie berechtigt. Unterschwellig schwingt auch die Frage mit, welche Formen christliche Spiritualität annehmen sollte, damit sie den Menschen von heute anspricht. Doch beide greifen zu kurz, solange es bei einer bloßen Rede „über“ Geist und Leben bleibt.

Die Worte Jesu in Joh 6 erlauben keine „Vogelperspektive“. Sie fordern heraus, heute wie damals: „Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören?“ (Joh 6,60) Es gibt nur das Sich-Ansprechen-Lassen, das Aufnehmen der „Worte, die Er zu mir gesprochen hat“ als „Geist und Leben“. Die christliche „Spiritualität“ wird deshalb immer neu sein, weil es darin um ein ständig neues, tief personales, einmaliges Leben Christi mit jedem/jeder von uns geht. Die spirituelle Glaubenstradition ist zwar der ekklesiale Strom, in dem meine Erfahrung entsteht und gedeiht. Doch keine noch so schöne und heilige spirituelle Tradition wird mich der Verantwortung entziehen, selbst in das „Leben und (den) Geist“ Christi einzusteigen, d.h. selbst heilig zu werden. Das ist wahrscheinlich die schwierigste Herausforderung unserer Zeit: die auch in dem spirituellen Segment sich überbordende Informationsflut durch Unterscheidungskraft zu überwinden und – am besten durch einen geistlichen Begleiter – in das echte „Leben“ und in den wahren „Geist“ einzusteigen. Die gesamte orthodoxe Ikonographie vermittelt übrigens dies: selbst einzusteigen ins Mysterium der Heiligkeit, in diesen endlosen, fröhlichen Reigentanz der Heiligen.

Die Aktualität der christlichen Spiritualität ist, erstens, für jede(n) von uns, biographisch angelegt: Ich kann nur glauben, dass Gott mich in diese Geschichtsepoche „hineingeworfen“ hat, weil diese Epoche für mich alles an Kreuz- und Auferstehungserfahrungspotenzial beinhaltet, um in ihm „Geist und Leben“ zu entfalten. Zweitens ist diese Aktualität seit der Auferstehung Jesu Christi eine für die ganze Menschheit andauernde. Der „achte Tag“ ist kein Zukunftsversprechen, er ist angebrochen, als der Sohn Gottes den Tod besiegt hat. Die Zeit zwischen Auferstehung und der zweiten Parusie Jesu Christi (die „Zeit der Kirche“) steht unter dem Zeichen des Wartens auf den Bräutigam und dies im Beistand des Heiligen Geistes, der uns bei diesem ekklesialen Wachehalten begleitet. Was zählt, sind also nicht die Formen, sondern die Wachsamkeit im Geiste.

1Vgl. dazu auch C. Stamoulis, Die Schönheit der Heiligkeit. Prolegomena zu einer philokalischen Ästhetik der Orthodoxie. Athen 2005.

2Vgl. Irenäus von Lyon, Adversus haereses, Buch V, Kap. 6.1 (FC 8/5), 57–59.

3Vgl. ebd., Buch V, Kap. 2,3 (FC 8/5), 37.

4Maximos der Bekenner, Gnostische Centurien, PG 90, 1108B, in: H. U. von Balthasar, Kosmische Liturgie. Einsiedeln 21961, 629.

5Problematisch wird es, wenn diese liturgisch, ikonographisch und architektonisch sich entfaltende Sehnsucht nach der Schönheit ihrem soteriologischen Ursprung nicht gerecht wird und Kitschformen annimmt. Über das Kitsch-Problem in der kirchlichen Ikonenkunst der letzten zwei Jahrzehnte vgl. Ioan Bizău, Incursiuni în teologia şi arta icoanei [Rumänisch], in: L. Uspensky u.a., Ce este icoana? Alba Iulia 2005, 171–182.

6A. Sofronie, Cuvântări duhovniceşti [Rumänisch]. Suceava 2013, 113.

7Ders., Starez Siluan. Mönch vom Berg Athos, Bd. 1. Düsseldorf 1980, 193f.

Nachfolge
N

Elisabeth Peeters OCD | Kirchzarten

geb. 1954, Übersetzerin der Werke Teresas von Ávila zusammen mit Ulrich Dobhan

elisabeth.peeters@karmel-kirchzarten.de

„Diesen großen Gott können wir überall lieben“
Teresa von Ávila an die Gottsucher und Gottsucherinnen von heute

Liebe Freunde und Freundinnen Gottes,

Jesus. – Die Gnade des Heiligen Geistes sei mit euch! Meine Freunde von der Gesellschaft Jesu bitten mich, euch zu meinem 500. Geburtstag zu schreiben.1 Ich wüsste nicht, was ich lieber täte. Ich kann mich zwar nicht erinnern, jemals Geburtstag gefeiert zu haben; das war zu meiner Zeit nicht üblich. Aber immer ist es mir eine besondere Freude gewesen, mich mit Gottsuchern und Gottsucherinnen zu unterhalten.2

Muss ich mich vorstellen? Die meisten von euch werden schon das eine oder andere über mich gehört haben. Allerdings möglicherweise nicht das, was ich gern hätte: dass man nämlich sagt, was für eine normale Frau ich gewesen bin, durchaus mit Ecken und Kanten; wie oft ich mich mit ähnlichen äußeren und inneren Schwierigkeiten herumgeschlagen habe, wie ihr vermutlich auch; und wie wenig ich mich selbst für eine „große Heilige“ gehalten habe.

Natürlich freue ich mich, dass sich der Aufbruch, den ich vor ca. 450 Jahren mit meinen Klostergründungen gewagt habe, als so fruchtbar erwiesen hat. Heute sind meine Unbeschuhten („Teresianischen“) Karmelitinnen und Karmeliten auf allen Kontinenten vertreten, und zu meiner Freude haben sich ihnen auch viele Laien angeschlossen, die aus denselben Quellen leben. Mir hat es immer fern gelegen zu glauben, dass man nur im Kloster ein intensives geistliches Leben führen könne.3 Ganz besonders freut es mich, dass meine mit viel Herzblut geschriebenen Bücher, von denen zu meinen Lebzeiten kein einziges erscheinen durfte, gerade in eurer Zeit eifrig gelesen und in immer mehr Sprachen übersetzt werden. Nicht meinetwegen – für so wichtig halte ich mich nicht –, sondern weil sie die Erbarmungen Gottes aufleuchten lassen.4

Bei manchen Büchern über mich weiß ich nicht, ob ich amüsiert oder verärgert sein soll. Es befremdet mich, dass manche Leute bis in eure Zeit hinein, sobald sie meinen Namen hören, vor allem an meine ekstatischen und visionären Erlebnisse denken und dann auch noch meinen, diese Dinge wären ein Erweis von Heiligkeit und ein entscheidendes Merkmal christlicher Mystik. Als hätte ich nicht schon zu Lebzeiten genug darunter gelitten!5 Dabei habe ich immer betont, dass tiefe Gebetserfahrungen nichts, aber auch gar nichts über die tatsächliche Heiligkeit oder Gottnähe eines Menschen aussagen.6 Handfeste Alltagstugenden sind da viel aussagekräftiger.7 Dieser Kult um Seherinnen oder angeblich mystisch begnadete Menschen! Wirklich, über so viel Dummheit kann ich nur den Kopf schütteln. Habt ihr an unserem guten Jesus nicht genug?

Nun stimmt es zwar, dass wir Gottes Geschenke immer schätzen müssen.8 Aber das eigentliche Geschenk sind doch nicht die sogenannten Gebetserfahrungen, bei denen es nach meinem Dafürhalten sehr schwer ist, Phantasie und Wirklichkeit, göttliche Berührung und emotionale Begleiterscheinungen (wie ihr heute sagen würdet) auseinanderzuhalten. Zumal es dem Versucher sehr entgegenkommt, wenn wir uns heimlich eben doch etwas darauf einbilden … Für mich jedenfalls war das eigentliche Geschenk die Befreiung vom ständigen Kreisen um mich selbst, von meiner leidigen „Selbstverfangenheit“9, in dem Maße, wie ich von seiner Liebe ergriffen wurde.

Jahrelang hatte ich vergeblich mit mir gerungen, weil ich immer wieder jämmerlich hinter meinen eigenen Idealvorstellungen zurückblieb. Erst als mir die Tiefe seiner bedingungslosen Liebe zu mir aufging, wurde mir schlagartig klar, dass es um etwas ganz anderes ging.10 Ich war wie ausgewechselt: Nun schaute ich nicht mehr auf mich und mein Versagen, sondern nur noch auf ihn. Und auf einmal bekam ich Flügel. Es war wie ein neues Leben,11 nicht unbedingt bequemer, aber so viel reicher, dass ich das jedem und jeder von euch wünschen würde. Und wisst ihr, es ist durchaus in eurer Reichweite. So wie Gott mir in seinem Sohn Jesus Christus seine Freundschaft angeboten hat, so bietet er sie jedem Menschen an. Ihr braucht euch nur mutig und entschlossen auf dieses Angebot einzulassen – in kleinen Schritten, so wie es euch hier und heute möglich ist. „Inneres Beten“ nenne ich das in meinen Büchern, aber wenn ihr mit diesem Ausdruck nicht viel anfangen könnt, denkt euch „Freundschaft“, denn das ist es, was ich meine: euch immer wieder ein wenig Zeit zu nehmen, um bei ihm zu sein, im Vertrauen, dass ihr ihm wichtig seid.12 Wartet damit nicht, bis ihr bessere Menschen oder entschiedenere Christen seid. Dann könnt ihr lange warten. Ich weiß, wovon ich rede; diesem verhängnisvollen Irrtum bin ich selbst eine Zeit lang aufgesessen.13 Es ist genau umgekehrt: Zu besseren Menschen und besseren Christen werden wir in dem Maße, wie wir uns von seiner Liebe beschenken und verwandeln lassen.

Glaubt mir: Gott denkt groß von uns und er möchte uns Größeres schenken, als wir uns vorstellen können. Aber gerade weil er groß von uns denkt, nimmt er uns so ernst, dass er auf unsere partnerschaftliche Mitarbeit nicht verzichten will. Wenn ihr gebt, was ihr habt, mag es euch noch so armselig vorkommen, dann werdet ihr staunen, wie reich euch vergolten wird.14 Unser Gott ist nicht kleinlich, sondern ungemein großzügig. Nicht einmal ein kurzer Augenaufschlag in seine Richtung bleibt unbeantwortet.15 Wenn ihr schon begonnen habt, in Freundschaft mit ihm zu leben, dann gebt ja nicht wieder auf, egal, was sonst in eurem Leben passiert. Und wer noch nicht damit begonnen hat, wem es womöglich schwer fällt zu glauben, dass er wirklich da ist und sich für uns interessiert, und dass wir uns Gott so „menschlich“, so „personal“ überhaupt vorstellen dürfen, dem kann ich nur empfehlen, es doch auf einen Versuch ankommen zu lassen. Ihr könnt dabei nur gewinnen.16

Nun höre ich manche von euch sagen, dass das zwar alles ganz nett sei, aber doch wohl eher etwas für fromme Ordensschwestern, die sich den Luxus eines kontemplativen Lebensstils leisten können. Wie sollt ihr in eurem mit Terminen und Verpflichtungen vollgepackten Alltag noch Zeit und Muße dafür finden? Und überhaupt, ist am Ende der Einsatz für die Mitmenschen nicht das, was wirklich zählt?

Das sage ich allerdings auch, liebe Freunde und Freundinnen, dass sich unsere Gottesliebe in der Liebe zu den Mitmenschen bewähren muss. Die Welt steht mehr denn je zuvor in Flammen! Christus wird auch heute in Millionen von Frauen, Männern und Kindern von neuem gekreuzigt.17 Wenn ihr seine Freunde und Freundinnen sein wollt, dann kümmert euch um seine und eure Brüder und Schwestern; und fangt am besten mit denen an, mit denen ihr unmittelbar zusammenlebt.18 Was unsere Gottesliebe wert ist, können wir schließlich nicht sicher wissen; wie es um unsere Liebe zu den Allernächsten steht, das erkennen wir oft schneller, als uns lieb ist.19 Aber macht euch nichts vor: Wie wollt ihr eure Mitmenschen – auch die unsympathischen und die, die euch das Leben schwer machen – so lieben lernen, wie Gott sie liebt, wenn diese Liebe nicht aus der Wurzel der Gottesliebe erwächst?20 Glaubt ihr im Ernst, dass eure Kraft dafür ausreicht?

Eure Zeitnot nehme ich ernst. Ihr glaubt nicht, wie oft ich selbst damit gerungen habe.21 Besonders in den letzten eineinhalb Jahrzehnten meines Lebens, als die Verantwortung für ein ständig wachsendes, von außen und innen bedrohtes Netzwerk von Klostergründungen auf mir lastete. Da habe ich vor lauter dringenden Geschäften und Briefverkehr manchmal nicht gewusst, wo mir der Kopf stand. Natürlich hat es auch mir gelegentlich zugesetzt, wenn ich mich sehr danach sehnte, mehr Zeit im Gebet beim Herrn verbringen zu können, mich aber stattdessen in seinem Dienst aufreiben musste. Was ich dabei immer wieder entdeckt habe, gebe ich gern weiter: Es kann uns doch eigentlich keine Tätigkeit daran hindern, mitten im Alltag immer wieder einmal die Verbindung mit ihm aufzunehmen. Der Herr weilt auch zwischen den Kochtöpfen,22 oder wenn euch das vertrauter klingt: am PC, am Krankenbett, im Straßenverkehr. Schließlich können wir diesen großen Gott überall lieben.23 Klar, mitten im Alltag immer wieder einmal zu ihm aufzublicken, will geübt sein. Aber es wäre doch schlimm, wenn wir die Freundschaft mit ihm nur in den Schlupfwinkeln leben könnten!24 Lernt also, euren konkreten Alltag zu beten. Lernt alles, was ihr erlebt, in den Dialog mit Gott oder Jesus einzubeziehen. Ihr werdet bald nicht mehr darauf verzichten wollen.

Wenn es euch gelingt, euch feste Gebetszeiten einzurichten, umso besser. Nur erwartet von mir nicht, dass ich euch die ultimative Meditationstechnik beibringe. Wenn ihr auf eine schwört, nun gut. Ich sage ja nichts, wenn sie euch dabei hilft, euch zu sammeln. Aber ich hätte die Sorge, dass ihr vor lauter Fixierung auf die richtige Technik bald mehr um euch selbst als um Gott kreisen würdet. Wo es beim Beten doch um Begegnung und Hingabe geht.

Meinen Schwestern habe ich nur ganz spärliche Hinweise gegeben, und eigentlich immer nur solche, die der Vertiefung der Beziehung dienten. Etwa: Macht euch zu Beginn der Gebetszeit bewusst, in wessen Gegenwart ihr steht, und wer ihr hier und jetzt seid:25 Was bringt ihr heute an Gefühlen, Erlebnissen, Sorgen mit? Lasst sie vor ihm da sein, haltet sie ihm hin oder schaut sie mit ihm zusammen an. Oder einfacher: Schaut ihn an, der euch liebevoll anblickt.26 Denkt nicht in der dritten Person über ihn nach, sondern lernt, DU zu ihm zu sagen. Beim Beten geht es nicht darum, viel zu denken, sondern viel zu lieben.27 Im Grunde ist es also sehr einfach: Tut, was immer euch hilft, tiefer in die Beziehung zu ihm hineinzuwachsen!28

Vielleicht hilft euch ein ansprechendes Bild oder eine Schriftstelle, nicht um euch kluge Gedanken darüber zu machen, sondern als Aufhänger, der das Bei-ihm-Bleiben erleichtert.29 Macht euch keine Sorgen, wenn euch immer wieder tausend andere Dinge durch den Kopf gehen. Wir sind nun einmal Menschen und keine Engel.30 Was habe ich mit Zerstreuungen gekämpft! Bis mir klar wurde, dass das etwas völlig Normales ist, und wir uns aus diesem Mühlengeklapper am besten nicht viel machen.31 Nehmt es, wie ich, mit Humor. Es hindert euch ja nichts daran, immer wieder zu ihm zurückzukehren.

Am allerhilfreichsten ist es wohl, euch bewusst zu machen, dass ihr nie ohne ihn sein könnt, selbst wenn ihr das wolltet, denn er weilt in der innersten Mitte eurer Seele.32 Wärt ihr sonst am Leben? Darum ist der Weg des inneren Betens immer auch ein Weg nach innen, in die Tiefe unserer Seele, deren ungeheurer Reichtum uns oftmals viel zu wenig bewusst ist. Es geht nicht darum, irgendwann einmal mit Gott geeint zu werden (und ich höre manche von euch denken: „wenn überhaupt“), nein, wir sind im Tiefsten schon mit ihm geeint. Aber zugleich sind wir dazu berufen, in das, was wie ein Samenkorn schon da ist, immer tiefer hineinzuwachsen. Das ist das eigentliche Abenteuer unseres Lebens, und es ist jammerschade, wenn wir das verpassen.

Wer sich auf die Freundschaft mit ihm einlässt, wird oftmals mit der Zeit zu einer einfacheren, wortärmeren oder sogar wortlosen Gebetsweise geführt. Also zum kontemplativen Gebet, das mehr vom schweigenden Dasein und Empfangen als vom aktiven Sprechen mit Gott lebt. Das hängt mit der Vertiefung der Beziehung zusammen. Er ist doch auch in guten menschlichen Beziehungen so, dass zwei, die wirklich vertraut miteinander werden, weniger Worte brauchen. Vielleicht erleben sie im schweigenden Beisammensein sogar die tiefste Kommunikation. Genauso kann es uns mit Gott gehen. Entscheidend scheint mir nur, dass ihr euch ganz von ihm führen lasst und nicht mit Gewalt erzwingen wollt, was nur Gott schenken kann.33 Wir sollten uns beim Beten nicht unter Leistungsdruck setzen, sondern unsere Seele mit großer Sanftheit ihren Weg gehen lassen.34 Wie uns Gott führt, ist schließlich seine Sache. Er schenkt was, wie und wem er will.35

Lasst euch auch nicht verunsichern, wenn euch der eine oder andere Kontemplationslehrer sagt, so auf Du und Du mit Gott zu leben, sei reiner Dualismus; es sei viel tiefere Kontemplation und führe viel eher zu einem höheren Bewusstsein, wenn ihr euch nicht um die Freundschaft mit Jesus Christus, sondern um völlige Bewusstseinsentleerung bemüht.36 Solche Theorien hat es auch schon zu meinen Lebzeiten gegeben, und es tut mir heute noch Leid, dass auch ich mich vorübergehend davon habe blenden lassen.37 Ob Dualismus oder doch wohl eher Hinweis auf die dialogische Struktur der Wirklichkeit, da mische ich mich nicht ein.38 Aber von dem, was ich aus Erfahrung weiß, kann ich sprechen: Für mich bleibt auch in der tiefsten Kontemplation Jesus Christus die Mitte. Das Ziel sind doch nicht irgendwelche höheren Bewusstseinszustände, das Ziel ist doch, so zu werden wie er: Menschen, in denen er lebt und liebt; Menschen, in denen sein Geist am Werk ist.

Natürlich wird das mit der Zeit auch zu einem gewandelten Selbstverständnis führen. Aber so zu tun, als könnten wir uns aus eigener Kraft zu dir aufschwingen, Herr, und bräuchten deine Menschwerdung nicht – ich kann mir nicht helfen, aber das klingt mir doch nach einem ziemlich überhöhten Selbstbewusstsein.39 Nein, liebe Freunde und Freundinnen, Jesus Christus muss auf allen Stufen die Mitte unseres Gebetes sein. Mit diesem guten Freund an der Seite werdet ihr auch imstande sein, alle Nöte und Schwierigkeiten des Alltags zu bestehen,40 wo euch euer vermeintlich höheres Bewusstsein doch sehr im Stich lassen könnte … Überhaupt, das Stufendenken … Ich fürchte, manche von euch haben mein Buch über die Burg im Inneren ein wenig missverstanden, wenn sie sich den Weg durch die sieben Wohnungen als eine Art Stufenleiter vorstellen. Dabei habe ich mehr als einmal klargestellt, dass es in Wirklichkeit unzählig viele Räume gibt – eine Million innerhalb der ersten Wohnungen! –, und dass ihr euch in der Praxis nie lange in einem aufhalten, sondern euch zwischen den einzelnen Ebenen hin und her bewegen werdet.41 Wie ich selbst auch! Gott hat überhaupt viele Wege, ja er geht mit jedem und jeder von uns seinen ganz eigenen Weg.42 Wer sind wir, dass wir Gott ein Maß setzen wollten!43

Natürlich will ich damit nicht sagen, dass es auf dem geistlichen Weg keine Fortschritte gäbe. Es wäre kein Weg, wenn das nicht der Fall wäre. Wahr ist, dass ich mit den einzelnen Wohnungen bestimmte Entwicklungsschritte verknüpft habe. Nur dürft ihr euch das nicht als geradlinigen Pfad von Stufe eins bis sieben vorstellen. Denkt lieber an eine Spirale, bei der wir immer wieder einmal scheinbar an derselben Stelle stehen, aber auf je tieferer Ebene. Immer geht es dabei um Fragen wie: Bist du bei dir selbst zu Hause?44 Weißt du um den Schatz in deinem Innern, um deine Verbundenheit mit dem Geheimnis des Lebens – mit Gott –, die dir nichts und niemand nehmen kann? Gibst du ihr Raum, sich immer reicher zu entfalten? Lasst euch nicht entmutigen, wenn euch auf diesem Weg manch äußerer oder auch innerer Widerstand begegnet. Blickt immer wieder auf ihn! Dann wird er sich um euch kümmern,45 und er wird euch nach und nach schenken, was ihr euch niemals selbst schenken könntet: Menschen zu werden, die in aller Gebrochenheit durchlässig sind für ihn und an seinem Reich auf Erden mitbauen.

Liebe Freundinnen, ich kann es nicht lassen, euch noch eigens anzusprechen. Ich freue mich, dass euch heute manches möglich ist, was mir verwehrt war. Dass Frauen Theologie studieren und manche sogar einen theologischen Lehrstuhl haben, ja Mitglied einer römischen Kommission werden können, wer hätte sich das damals vorstellen können! Meine theologische Fortbildung bestand darin, mir Jesuiten oder Dominikaner als Beichtväter zu angeln und diese mit meinen Fragen zu löchern. (In geistlichen Dingen wurden sie dann bald meine Schüler.) Doch gibt es auch in eurer Zeit Bereiche und ganze Kulturen, in denen Frauen es genauso schwer oder noch schwerer haben, als ich damals. So wie ich Inseln geschaffen habe, wo Frauen mehr Freiraum geboten wurde, als sie es in der damaligen Gesellschaft gehabt hätten, um ohne Einmischung von außen nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben,46 so wünsche ich auch euch viel Mut und Phantasie, um für eure Würde und die eurer Schwestern weltweit einzutreten. Vergesst es nicht: Der Herr ist auf der Seite der Bedrängten! Der Zensor – ein Sohn Adams – hat es mir damals zwar prompt weggestrichen, aber es gefällt mir auch heute noch, was ich vor vielen Jahren geschrieben habe: „Du, Herr, hast die Frauen immer mit großem Mitgefühl bevorzugt und bei ihnen genauso viel Liebe und mehr Glauben gefunden als bei den Männern.“47 Rühmliche Ausnahmen gab es auch schon damals: ich denke etwa an Johannes vom Kreuz, diesen Mann Gottes und des Himmels,48 oder an meinen lieben P. Gracián, der mir wirklich vom Himmel geschickt wurde.49

Gott behüte euch alle und schenke euch die tiefe Gottverbundenheit, die ich euch wünsche.

Eure Schwester Teresa von Jesus

1In den Stellenangaben werden folgende international gebräuchliche Siglen benutzt: CC = Geistliche Erfahrungsberichte; CE/CV= Weg der Vollkommenheit, Erstfassung/Endfassung; Ct = Brief; F = Buch der Gründungen; M = Innere Burg (1M = Erste Wohnungen, usw.); MC = Gedanken zum Hohenlied; V = Buch meines Lebens. Siehe die von U. Dobhan / E. Peeters besorgte neue dt. Gesamtausgabe der Werke und Briefe Teresas im Herder-Verlag, Erscheinungstermin: Februar 2015.

2Vgl. V 7,20.

3Vgl. V 27,14; 1M 2,14; 3M 1,5; 4M 3,3; 5M 4,5; 6M 1,1.

4Vgl. V 4,3; 18,4; 19,5.10.15 usw.

5Vgl. V 23,10–15; 33,5.

6Vgl. 6M 9,16.

7Vgl. 6M 8,10.

8Vgl. CC 66,3.

9Vgl. V 22,17.

10 Vgl. V 9,1.3; 23,1.

11 Vgl. V 23,1.

12 Vgl. V 8,5.

13 Vgl. V 7,1.

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