Kitabı oku: «Handbuch Bibeldidaktik», sayfa 11
Moderne deutsche Bibelübersetzungen
Peter Kristen
Irgendwann ist es in jedem Religionsunterricht (hoffentlich) so weit: Die Schülerinnen und Schüler bekommen eine Bibel in die Hand. Sie sollen eigene Erfahrungen mit der Heiligen Schrift des Christentums machen und sich Kompetenzen im eigenständigen Umgang mit der Bibel Alten und Neuen Testaments erwerben. Dabei lohnt es sich durchaus, darauf zu achten, welche Bibelausgabe das ist. Dennoch greifen Religionslehrerinnen und -lehrer auf dem Weg in den Unterricht oft nach der großen Stofftasche mit „den Bibeln“, die der Kollege stehen gelassen hat und müssen sich dann mit zerfledderten Ausgaben mit |76|Apokryphen herumschlagen, nachdem im Unterricht gerade ein grober Überblick über die kanonischen Bücher erarbeitet worden war. „Ist Markus dasselbe wie Makkabäer?“
Kriterien
Welche Kriterien lassen sich also für die Beurteilung verschiedener Bibelübersetzungen im Religionsunterricht heranziehen?
„Biblische Texte sollen im Umfeld und Leben heutiger Menschen ihre erschließende erzählend-kategoriale Kraft entfalten. Die Wirklichkeit dieser ‚Rezipienten‘, die Lebenswelten und Denkformen von Kindern, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen müssen deshalb im hermeneutischen Vermittlungsgeschehen ‚gleichursprünglich‘ wie die biblische Tradition berücksichtigt werden. Dies ist gewiss ein Eckpfeiler der Bibeldidaktik, wie sie sich in der Moderne ausgebildet hat“.[1]
Gesucht ist also eine Bibelübersetzung mit einem für Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren angemessenen Maß zwischen Texttreue und Lebensweltkompatibilität. Die Übersetzung soll den (besten) biblischen Urtext möglichst konsistent und verlässlich in einen deutschen Text verwandeln, der in der Lebenswelt Jugendlicher ohne vermeidbare Klippen rezipierbar ist und sie in die Lage versetzt, am Diskurs teilzunehmen.
G. Röhser beschreibt die Aufgabe, einen Text zu übersetzen als Brückenschlag zwischen dem Autor des Textes und den Menschen, die seine Übersetzung lesen und benutzen. Beide, Autor und Leser, sind dabei in ihre Lebenswelt, ihre Kultur und Sprachgemeinschaft unauflöslich eingebunden und von ihnen geprägt. Die Brücke der Übersetzung verbindet beide Kulturen und überspannt dabei im Fall der Bibelübersetzungen auch die tiefen Gräben zwischen „antik-biblischer und heutiger (westlicher) Welt“.[2]
Daraus entwickelt Röhser Kriterien für eine gute Bibelübersetzung:
Sie soll die Fremdheit des Ausgangstextes bewahren, indem sie den semantischen Kern und Sinngehalt der Wörter und Sätze so weit wie möglich erhält. Sie soll sich aber auch als Übersetzung zu erkennen geben, z.B. durch eine aufsehenerregende Sprachform, ihre Aufmachung oder begleitende Hinweise.
Natürlich muss sie auch verständlich sein und sich daher – das ist die andere Seite der Brücke – so weit wie nötig den Verstehensmöglichkeiten der Adressaten anpassen.[3]
|77|Neben diesen generellen Kriterien spielen m.E. im Bezug auf den Religionsunterricht auch andere eine Rolle:
Ästhetische Schönheit: Jugendliche werden bei ihrer (ersten?) Begegnung mit einer Bibel auch auf äußere Signale achten. In der Schule werden schmuddelige Bücher oft abgelehnt, sie bleiben beim Austeilen übrig. Wenn Seiten fehlen oder zerrissen sind, oder wenn jemand bei Benutzer „Jesus“ eingetragen hat, überlagert das allzu schnell die Lust, einmal reinzuschauen in das Buch der Bücher. Der meist unbewusste Schluss vom Äußeren auf den Wert des Inhalts scheint unvermeidlich.
Gut also, dass viele Bibelausgaben in der letzten Zeit ein ‚Facelifting‘ erhalten haben. Sie kommen jetzt wesentlich farbiger daher: Die neue, kompakte Luther-Schulbibel in fein marmoriertem orange-rot, die Neue Genfer im preisgekrönten Outfit eines Notizbüchleins, die Gute Nachricht in aquamarin oder mit einem Einband gänzlich zum Selbstgestalten. Die BasisBibel hat sich in ihrer Druckversion auf ein weißes Kreuz auf trendfarbigem Grund in fünf Versionen festgelegt, die revidierte, ebenfalls auf Wunsch kompakte Einheitsübersetzung auf einen Lebensbaum. Dagegen erscheint die Zürcher nicht nur sprachlich „gediegen“.
Druckbild: Wünschenswert ist ein übersichtlicher, nach textimmanenten Gesichtspunkten gegliederter Text, von dem sich alle begleitenden Materialien klar unterscheiden, in einer angemessenen Schriftgröße. Die Gute Nachricht z.B. bietet „Psalmen und poetische Texte im Gedichtsatz“. Die Basis Bibel druckt darüber hinaus im gesamten Text jeweils nur eine Sinneinheit pro Zeile.
Vollständigkeit: Eine für den Religionsunterricht geeignete Bibelübersetzung sollte wirklich die „Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments“ enthalten, so dass die atl. Texte, auf die sich ntl. oft beziehen, problemlos mit zur Hand sind. Ausgaben mit Apokryphen erschweren dagegen die Orientierung im biblischen Kanon.[4]
Darstellungsweise/Begleitende Materialien im Buch: Zwischenüberschriften, die Angabe von Parallelstellen und Hervorhebungen im Text geben den Text als Übersetzung zu erkennen und sind für ein Bibelstudium im Religionsunterricht in Maßen hilfreich, inhaltliche und Sacherklärungen sind unentbehrlich. Sie erhalten im Übergang in die Neuen Medien den Charakter von Hyperlinks.[5]
|78|Zwischenüberschriften mögen helfen, einen gesuchten Abschnitt beim Blättern schneller zu finden, stellen aber zugleich oft eine Verengung der Perspektive dar, noch bevor der Text gelesen ist.[6]Jes 11,10096>5 Hier erscheint eine möglichst neutrale Formulierung angemessen. Eine Version der Gute Nachricht Bibel möchte „mit farbig markierten Kernstellen“ „sofort zum Wesentlichen leiten“. Das entbindet den Leser – für die Arbeit im RU m.E. kontraproduktiv – davon, seine Kernstellen selbst zu bestimmen.
Die BasisBibel bietet Zusatzinformationen bei der Stelle, auf die sie sich beziehen, separat am Rand, sodass sie sofort zur Hand und dennoch deutlich vom Originaltext unterschieden sind. Das kommt dem durch elektronische Medien geprägten Leseverhalten Jugendlicher entgegen. In der elektronischen Fassung sind sie als Hypertext angelegt.[7] Die neue Lutherbibel, die auch als (kostenfreie) App angeboten wird, bietet eine hilfreiche Konkordanzfunktion und kurze Erläuterungen. S. Scholz schreibt[8]:
„Angesichts der fortgeschrittenen Verbreitung der Neuen Medien geht es m.E. nicht (mehr) um die Frage, ob sich die Bibeldidaktik … den Neuen Medien annähern soll oder nicht. Viel entscheidender ist die Einsicht, dass die Neuen Medien bereits die Lebenswelt potentieller und realer BibelleserInnen mitgestalten … erheblich in ihrem Empfinden, Denken, Organisieren etc. prägt. Bibeldidaktik kann kulturelle Veränderungen, wie sie durch die Neuen Medien bewirkt werden, nicht ignorieren, ohne ein billiges Scheitern in Kauf zu nehmen“.[9]
Wo Bibelübersetzungen sich dieser Tatsache stellen, sind sie für den Religionsunterricht besonders geeignet.
Methoden der Arbeit mit Übersetzungen im Religionsunterricht
Es kann eine wichtige, inspirierende und erhellende Erfahrung für eine Lerngruppe sein – etwa zu Beginn der Beschäftigung mit der Bibel – gemeinsam einen Text in möglichst vielen unterschiedlichen Übersetzungen zu studieren. Spätestens dann wird man die zugegeben teils unglücklichen, aber bestechend eindeutigen Stellenangaben mit Buch, Kapitel und Vers schätzen lernen und das
|79|Scheitern der Seitenzahlen erleben. Welche Worte und Wendungen sind ganz fremd, fast unverständlich, was bieten andere Übersetzungen, was stand da im Ausgangstext und in welche Welt gehörte der? Was klingt würdig? Wie viel davon ist auch heute noch sinnvoll und erwünscht? Wie würden wir das heute angemessen ausdrücken? Welche Informationen braucht man, um solche Fragen beantworten zu können?
Schülerinnen und Schüler könnten sich selbst als „Brückenbauer“ erleben und erproben, indem sie eine eigene Übersetzung eines Bibeltextes aus einer Sprache herstellen, die sie als Fremdsprache gelernt haben (z.B. „And Mary said, My soul doth magnify the Lord …“[10]Lk 1,46Lk 1,46). Die Arbeit mit Wörterbüchern und die Erschließung des historischen Kontextes könnten dabei die Komplexität der Übersetzungsarbeit verständlicher machen.
Zum Beispiel:
Übersetzungen des Magnificat der Maria (Lk 1,46–56Lk 1,460096>56)
Als Testfall für die Verständlichkeit und das Maß, sich den Verstehensmöglichkeiten der Adressaten anzupassen, dient hier das „Magnificat der Maria“ Lk 1,46–56. Dieser theologisch interessante, in sich geschlossene Hymnus[11] enthält einige prägnante Begriffe, von deren Übersetzung das Textverständnis mit abhängt. S. Alkier hat die Unmöglichkeit beschrieben, für ein Wort in einer Ausgangssprache ein genau entsprechendes in einer anderen zu finden und betont, dass jeder Übersetzer von der „Komplexität verschiedener Sprachsysteme überfordert“ ist und die „Differenz der Sprachen nicht überwinden“ kann.[12]
Dennoch möchte ich versuchen, von der Übersetzung einiger dieser Begriffe Hinweise auf die Verständlichkeit einer Bibelübersetzung im Religionsunterricht abzuleiten.
Die Elberfelder 32011 (El) vertritt dabei die „urtextnahen“ Übersetzungen. Einen Mittelweg repräsentiert die 2016 überarbeitet erschienene Einheitsübersetzung (E). Die Gute Nachricht Bibel (GN) ist (als einzig verbliebene ökumenische) als „kommunikative“ Übersetzung berücksichtigt. Die neue Lutherbibel (L) geht als Bestseller mit der größten historischen Bedeutung ins Rennen und die „crossmediale“ BasisBibel (BaBi) als die, die die Verbindung mit den Neuen Medien am weitesten vorangetrieben hat.
Als Vergleich herangezogen werden hin und wieder die Bibel in gerechter Sprache (BigS), die Volxbibel (V) als freie Übertragung und Neues Leben (NL), weil sie traditionelle theologische Schlüsselbegriffe programmatisch beibehält |80|(zu den verschiedenen Bibelausgaben vgl. → Art. Bibelausgaben damals und heute).
Das Ich[13] der Maria ist im Parallelismus der Glieder in V.46 durch psychē und pneuma umschrieben. Die Übersetzung sollte das erhalten und so gleichzeitig den poetischen Charakter des Stücks übernehmen. L, E und El übersetzen „Seele“ und „Geist“. BaBi bildet den Parallelismus aus „Ich“ und „Alles in mir“, was angemessen erscheint, während V psychē m.E. missverständlich in „mit allem, was ich hab“ überträgt. NL zerstört den Parallelismus, obwohl die Überschrift ein „Loblied“ verspricht.
„Retter“, ein in unseren Tagen durchaus gebräuchlicher und verständlicher Begriff, wird von allen hier betrachteten Ausgaben Luthers „Heiland“ für sotēr zu Recht vorgezogen.[14] Tapeinōsis tēs doulēs autou: L, E und El übersetzen mit „Niedrigkeit seiner Magd“, einem Begriff, der eher in feudalen Zeiten seinen Platz hatte. GN formuliert „geringe“, BaBi „unbedeutende Dienerin“, was in unserer Welt wohl am besten passt.[15]
Was makariousin mou bedeutet – L und E übersetzen „seligpreisen“ –, erschließt sich heutigen Leserinnen und Lesern ohne Hilfe kaum. „Glücklich“ (GN) bzw. „glückselig preisen“ (BaBi) erhält den Charakter eines Makarismus ohne ihn durch „toll finden“ (V) zu entwerten.
Eleos: L, El und NL wählen „Barmherzigkeit“, GN, der Bedeutung des griechischen Wortes heute eher angemessen, „Erbarmen“. E enthält die verbale Form „sich erbarmen“, BaBi „barmherzig sein“.
Das Partizip phoboumenois, ist in L, El und E mit „fürchten“ wiedergegeben. Das wird heute wohl ausnahmslos im Sinne von „Angst haben“ missverstanden. „Ehren“ wählt GN, „ehren und vertrauen“ präzisiert und entfaltet BaBi.
Epoiēsen kratos: Weder Luthers „Gewalt üben“ noch der völlig ungebräuchliche Ausdruck „Macht üben“ (El) wird Heutigen verständlich. „Machtvolle Taten vollbringen“ (E) trifft die Sache. Luthers „hoffärtig“ für hyperēphanous, ist sicher geeignet die Fremdheit des Textes zu betonen, (wie auch das in der 2017er Revision wieder aufgenommene „währet“) aber völlig ungebräuchlich geworden. El wählt „hochmütig“, E „voll Hochmut“. GN übersetzt „die Stolzen“, BaBi „die Überheblichen“. BigS verdeutlicht: „Die ihr Herz darauf ausgerichtet haben, sich über andere zu überheben“. „Die sich sonst was einbilden“ popularisiert V.
|81|Fazit
Für den Religionsunterricht erscheint mir eine Bibelübersetzung geeignet, die ihre Verständlichkeit dadurch erhöht, dass sie sich in ihrer Wortwahl mutig von traditionellen Begriffen entfernt. Durch die Darstellungsweise der begleitenden Materialien im Buch sollte sie sich als Übersetzung zu erkennen geben und zugleich notwendige Informationen zur selbstständigen Arbeit der Schülerinnen und Schüler mit der Bibel bereithalten.
Solange die BasisBibel, die im September 2012 als NT und Psalmen und 2015 zusätzlich als eine „Auslese“ auch mit 20 alttestamentlichen Texten erschienen ist, noch nicht als gesamte Bibel vorliegt – das ist für 2019 geplant – greifen Lehrende – die bewusst teils sperrige Wortwahl in Kauf nehmend – am besten zur neuen Lutherbibel. Diese wird auch als (kostenfreie) App mit hilfreicher Konkordanzfunktion und kurzen Erläuterungen angeboten. Zusammen mit der BasisBibel läutet sie dadurch eine neue Ära der Bibeldidaktik ein, dass sie sich damit harmonisch in die Lebenswelt Jugendlicher integrieren lässt.
Leseempfehlungen
Der Bibel-Katalog der Dt. Bibelgesellschaft. Hier werden alle dt. Übersetzungen kurz vorgestellt.
Stolze, Radegundis, Übersetzungstheorien. Eine Einführung. Tübingen 52008.
Themenheft „Übersetzung“. ZNT 26 (2010).
Fußnoten
1
Morgenthaler, Christoph, Einleitung ‚Menschen und Lebenswelten‘. In: Lämmermann, Godwin et al. (Hg.), Bibeldidaktik in der Postmoderne. Klaus Wegenast zum 70. Geburtstag. Stuttgart et al. 1999, 107–109, 107.
2
Vgl. Röhser, Günter, Kriterien einer guten Bibelübersetzung – produktions- oder rezeptionsorientiert? ZNT 26 (2010), 16–26, 22f.
3
Vgl. a.a.O., 22–24.
4
Das gilt m.E. auch für die Luther-Schulbibel von 2017. Auch wenn ein Register am Rand das bequeme Aufschlagen erleichtern soll, wird es insgesamt dadurch erschwert, dass die Apokryphen überhaupt enthalten sind. Auch die kanonische Anordnung der Bücher ist für die Orientierung hilfreich. Daher erscheint z.B. die Bibelausgabe von Klaus Berger/Christiane Nord (mit ihren vielen interessanten apokryphen Schriften und Fragmenten) für den RU nicht geeignet.
5
Vgl. Scholz, Stefan, Bibeldidaktik im Zeichen der Neuen Medien. Chancen und Gefahren der digitalen Revolution für den Umgang mit dem Basistext des Christentums. Berlin 2012.
6
Das Wort Messias kommt in Jes 11,1–5 nicht vor. Dennoch ist der Abschnitt auch in der neuen Lutherbibel wieder mit „Der Messias und sein Friedensreich“ überschrieben, was eher der traditionellen christlichen Interpretation entspricht. Auch die traditionelle Bezeichnung der Gleichnisse in den Evangelien kann als eine vorgefasste inhaltliche Verengung verstanden werden.
7
Die für diesen Textteil vorgesehenen Informationen können unter Verwendung der Seitenzahl direkt im Internet aufgerufen werden. Die Adresse steht am unteren Rand jeder Druckseite. Eine Lösung ohne Seitenzahlen wäre m.E. vorzuziehen, um den Gedanken wach zu halten, dass Seitenzahlen im Bereich der Bibel versagen.
8
Vgl. Scholz, 2012, 263f.
9
A.a.O., 262.
10
Lk 1,46 in der King James Version.
11
Vgl. Wolter, Michael, Das Lukasevangelium. HNT 5. Tübingen 2008, 97.
12
Vgl. Alkier, Stefan, Über Treue und Freiheit oder vom Desiderat einer Ethik der Übersetzung in den Bibelwissenschaften. ZNT 26 (2010), 60–69, 63. „Der Appell etwa, dem Text gerecht zu werden und ihm durch die eigene Auslegung keine Gewalt anzutun, lässt sich nicht hermeneutisch, sondern nur ethisch begründen“. So a.a.O., 66.
13
Vgl. Wolter, 2008, 101.
14
Nur BigS zieht den neutrischen Ausdruck Rettung (aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit) vor.
15
Es ist die gesellschaftliche Stellung der Maria, die niedrig ist, so dass der aktive Ausdruck „Erniedrigung“ in der BigS unangemessen erscheint.
Bibelausgaben damals und heute
Michael Landgraf
Die Bibel ist mit Abstand das meist übersetzte Buch der Welt. 2017 liegen Vollbibeln oder Teilausgaben in über 2700 Sprachen vor. Vision bibelgesellschaftlicher Arbeit ist es, dass jeder Mensch eine Bibelausgabe in seiner Muttersprache vorliegen hat, damit er die „Heilige Schrift“ verstehen kann. Dies unterscheidet das Christentum von den anderen Schriftreligionen Judentum und Islam, wo die „Heilige Schrift“ in der Sprache der Offenbarung überliefert wird und Grundlage für Lehre und Liturgie ist. Während es bei diesen in der Geschichte um die möglichst genaue Weitergabe eines Urtextes ging, wurden im Christentum Übersetzungen als „Heilige Schrift“ anerkannt. Daher umfasst die Frage nach den Bibelausgaben auch die der Bibelübersetzung.
Älteste Belege alttestamentlicher Schriften (Jesaja-Rolle Qumran, um 220 v. Chr.) im Vergleich zur hebräischen Bibel heute zeigen, welchen Wert die jüdische Tradition auf die genaue Weitergabe der hebräischen Texte legte. |82|Allerdings war die Sprache der Heiligen Schrift bereits vor dem Exil (587/586 v. Chr.) keine Alltagssprache mehr. So entstanden Targume (d.h. Übersetzungen) der hebräischen Bibel ins Aramäische, das noch zu Jesu Zeit Alltagssprache vieler Menschen in der Region Israel und Syrien war. Da der vordere Orient seit Alexander dem Großen (um 333 v. Chr.) zum hellenistischen Kulturkreis gehörte, entstand eine Übersetzung in die griechische Alltagssprache „Koine“, die Septuaginta („70“). Sie ist benannt nach 70/72 Übersetzern, die der Legende nach das Werk vollbrachten (entstanden ca. 280 v. Chr. – 100 n. Chr.). Dadurch war die Botschaft der hebräischen Bibel hellenistischen Juden und ihrem Umfeld zugänglich, auch wenn im Judentum weiterhin der hebräische Text als „Heilige Schrift“ galt.
In den ersten christlichen Gemeinden wurde die Septuaginta als „Heilige Schrift“ anerkannt, ergänzt durch Schriften des NT und apokryphe Texte, die ebenfalls in Griechisch verfasst waren. Da im Römischen Reich die Volkssprache Latein war, wurden im Zuge der Ausbreitung des Christentums im 2. Jh. biblische Texte in diese Sprache übertragen („Itala“; „Vetus latina“). Nach der Festlegung des Kanons (367 n. Chr.) beauftragte Papst Damasus I. den Theologen Hieronymus, eine einheitliche lateinische Übersetzung der Bibel anzufertigen – um 420 n. Chr. vollendet unter dem Namen Vulgata (lat. die „allgemein verbreitete“). Sie wurde zur Standardbibel des Mittelalters – Basis einer internationalen Sprache von Lehre und Liturgie sowie von Bibelhandschriften zu Studienzwecken bis zu den Repräsentationsexemplaren, die wie der „Codex Aureus“ (Speyer 1045 n. Chr.) für Herrscher angefertigt wurden. Hebräische und griechische Bibelausgaben wurden hingegen im Westen vernachlässigt, bis der Humanismus (um 1500) und die Reformation die Ursprachen der Bibel und die Bedeutsamkeit der Quellen neu entdeckten.
Die Entwicklung deutschsprachiger Bibelübersetzungen begann um 380 n. Chr. mit Ulfilas (Wulfila-Bibel), dem Bischof der Goten. Im fränkischen Reich entstanden bis ins 9. Jh. mehrere Bibelübertragungen – beispielsweise die Evangelienharmonie Otfried von Weißenburgs (um 870 n. Chr.), mit dem Ziel, die Bibel für Menschen in ihrem Alltag verstehbar zu machen. Aufgrund der „Admonitio generalis“, einer Anordnung Karls des Großen an die Würdenträger im Reich (789 n. Chr.), die Latein als Sprache der Lehre und Liturgie verbindlich festgelegte, wurde das Werk Otfrieds und nachfolgender deutschsprachiger Bibelausgaben angefeindet. Vermutlich deswegen blieben bis zur Reformation Übersetzer selbst großer Handschriften wie der Wenzels-Bibel (um 1400) oder der Ottheinrich-Bibel (um 1430) namenlos. Auch die 18 deutschen Bibeldrucke vor Luther (1466–1518) trugen nur die Namen der Druckerverleger oder der Orte, an denen sie entstanden. Ihnen lag eine sprachlich veraltete Übersetzung zugrunde, was den Erfolg dieser ersten gedruckten Bibelausgaben in deutscher Sprache schmälerte.
Martin Luthers Bibelübersetzung (1522 NT, 1534 Vollbibel, rev. 1545) gilt als die erste deutsche Bibel, die erfolgreich die Menschen erreichte – zumindest als Grundlage der deutschen Predigt. Sowohl die Urtexte („ad fontes“ – „zurück |83|zu den Quellen“) als auch die Sprache der Zielgruppe (den Menschen „aufs Maul schauen“) wurden ernst genommen. Zu einem Volksbuch in Händen vieler Menschen wurde die Lutherbibel allerdings erst im 18. Jh. – durch die gesteigerte Lesefähigkeit und durch die massenhafte Verbreitung der „Canstein-Bibel“ (ab 1710). Der Text der Luther-Bibel wurde bis 1892/1912 nicht revidiert und setzte sich als Standardtext für die deutschsprachigen evangelischen Christen durch. Revisionen der Lutherbibel bis zur „Luther 2017“ nahmen Fehlübersetzungen in den Blick, die aufgrund mangelnder Landeskunde Israels oder aufgrund nun besserer griechischer Textgrundlage klar wurden. Statt des „Textus receptus“, der Luther vorlag, verwendet man nun einen durch die sogenannte „Textkritik“ gesicherteren griechischen Text („Nestle-Aland“). Nach der Revision NT 1956/AT 1964 suchte man bei der von 1975 nach Wegen, die moderne Sprache mit Luther zu verbinden. Man griff in bekannte Stellen wie „sein Licht nicht unter einen Scheffel stellen“ (Mt 5,15Mt 5,15) ein und übersetzte das alte Getreidemaß „Scheffel“ mit „Eimer“. Daher nannte man diese Revision spöttisch „Eimertestament.“ Bereits 1977 beschloss der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, eine neue Revision in Auftrag zu geben, die 1984 vollendet wurde – eine Mischlösung, die bei bekannten Stellen Luthers Wortlaut stehen ließ (beispielsweise die Weihnachtsgeschichte nach Lukas) und bei weniger bekannten Stellen stärker eingriff. Am Reformationstag 2016 erschien mit der „Luther 2017“ eine revidierte Neuausgabe, die exegetisch überarbeitet und an vielen Stellen dem Text Luthers von 1545 angepasst wurde. Eine Annäherung an die heutige Alltagssprache wurde vermieden.
Neben der Bibelübersetzung Luthers gab es weitere erfolgreiche Übersetzungen. Bereits vor Luther erschien 1530 die Vollbibel Huldrych Zwinglis in Zürich – bis heute revidiert als Zürcher Bibel verbreitet. 1604 legte Johann Piscator die erste urtextnahe Bibelübersetzung vor, die Piscator-Bibel, die bis zum Erscheinen der Elberfelder Bibel im 19. Jh. aufgelegt wurde. Die Elberfelder Bibel (1871) gilt heute als die Standardausgabe urtextnaher Übersetzungen. Weitere sind die von Franz Eugen Schlachter (1905) und die des Altphilologen Hermann Menge (1926). Erwähnt seien auch noch Bibelübersetzungen des 18. Jh.s, die in Kreisen des Pietismus (Berleburger Bibel 1726–1742) und der Aufklärung (Carl Friedrich Bahrdt 1774) entstanden. Auf katholischer Seite erschien bereits 1527 das NT von Hieronymus Emser und 1534 die Vollbibel von Johann Dietenberger, die in Bearbeitung von Caspar Uhlenberg (1630) bis ins 18. Jh. aufgelegt wurde. Jedoch entschied das Konzil von Trient (1546), dass allein der Text der Vulgata Grundlage der katholischen Lehre und der Messe sei. Zwar gab es weitere katholische Übersetzungen (Leander van Eß: 1807 NT, 1836 Vollbibel; Joseph Franz von Allioli 1830–1834), doch erst im 20. Jh. wurde ein Bibelwerk gegründet, das einen deutschsprachigen Einheitstext der römisch-katholischen Kirche entwickelte – die Einheitsübersetzung (1962–1980; Revision 2016). Parallel dazu entstand die Nova Vulgata (neue Vulgata), welche die lateinische Übersetzung anhand von Urtexten überarbeitete (1979 vollendet). 2001 bekräftigte der Vatikan durch die Instruktion „Liturgiam authenticam“, |84|dass bei der Herausgabe von Büchern der römischen Liturgie, so auch bei katholischen Bibelübersetzungen wie die Einheitsübersetzung, die Nova Vulgata stärker herangezogen werden soll.
Seit den 1960er Jahren setzte eine neue Entwicklung ein. Statt die Nähe zum Urtext oder einen Mittelweg zu suchen, schuf man verständnisorientierte Bibelausgaben, um die Menschen in ihrer Alltagssprache zu erreichen. Die Gute Nachricht Bibel gilt als Prototyp dieses Weges – erstmals 1968 erschienen und mehrfach überarbeitet (zuletzt 2000). Da in den Text auch Erklärungen eingebaut sind, ist er umfangreicher als der der Lutherbibel. Zu den verständnisorientierten Übersetzungen zählen auch die Hoffnung für alle (rev. 2002), die Neue Genfer Übersetzung (NT, Psalmen, Sprüche 2015) und Neues Leben. Die Bibel (2005). Einen radikalen Weg der Übertragung in die Sprache Jugendlicher geht die Volxbibel (seit 2004, 2012 Version 4.0). Als eine Übersetzung mit besonderem Schwerpunkt gilt die Bibel in gerechter Sprache (2006), da sie Frauen immer mitdenkt und antijudaistische Tendenzen entschärft. Die BasisBibel (Evangelien 2010; voraussichtlich vollendet 2020) bietet der Computer-Generation durch die einfache Sprache und ein Informationssystem multimediale Zugänge.
Unter den aktuellen deutschsprachigen Bibelausgaben kann man grob drei Übersetzungstypen und Varianten mit besonderen Schwerpunkten unterscheiden:
1. Urtextnahe („philologische“) Übersetzungen
Leitsatz: „So wörtlich wie möglich.“
Elberfelder-Bibel (1871/rev.1905/rev.1985/2006 neu durchgesehen): genaue, worttreue Wiedergabe des Urtextes, die nicht leicht lesbar ist (Revidierter Text, 1985: www.bibleserver.com).
Schlachter-Bibel (1905/rev.2001): genaue und kraftvolle Wiedergabe des Urtextes durch Franz Eugen Schlachter. Er verwendet eine Sprache, die altertümlich wirkt (www.die-bibel.de).
Menge-Bibel (1926/1994): Übersetzung des Altphilologen Hermann Menge mit dem Bestreben zur verständlicheren Wiedergabe der Urtexte (Mitte zwischen Elberfelder und Luther; www.die-bibel.de).
Münchener Neues Testament (2007): Die von Josef Hainz herausgegebene Bibelausgabe sucht die griechischen Satzkonstruktionen möglichst genau wiederzugeben.
Übersetzungen mit besonderen Schwerpunkten
Die Schrift, verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig (1929/ 1997): Diese jüdische Übersetzung ohne Verszählung lässt den Leser sprachlich in das hebräische Denken eintauchen.
Berger-Nord (1999, NT und frühchristliche Schriften): Klaus Berger und Christiane Nord ordnen die Bücher nach einer vermuteten Entstehungszeit und nehmen im Kanon nicht aufgenommene frühchristliche Schriften auf.
Bibel in gerechter Sprache (2006; www.bibel-in-gerechter-sprache.de): 40 Übersetzerinnen und Übersetzer prägen den Charakter der Bücher unterschiedlich (z.B. verschiedene |85|Gottesnamen, Frauen werden immer „mitgedacht“ und antijudaistische Tendenzen entschärft).
2. Verständnisorientierte („kommunikative“) Übersetzungen
Leitsatz: „So verständlich wie möglich.“
Gute Nachricht Bibel (2000; www.die-bibel.de): einzige ökumenische Übersetzung in modernem Deutsch mit verständlicher Sprache, frei, aber ohne zusätzliche Erklärungen übertragen.
Hoffnung für alle (rev.2002; www.bibleserver.com): in Freikirchen verbreitet, frei und deutend nacherzählt, orientiert an der US-amerikanischen „Living Bible“ (Kenneth N. Taylor).
Neues Leben. Die Bibel (2005; www.bibleserver.com): kommunikative Übersetzung, die bewusst theologische Schlüsselbegriffe wie Sünde, Gnade, oder althergebrachte Worte wie „Statthalter“ beibehält. Auf Grundlage der US-amerikanischen „New Living translation“.
Neue Genfer Übersetzung (NGÜ – NT, Psalmen, Sprüche 2015; www.die-bibel.de): einfache Sprache, meist kommunikativ übersetzt.
BasisBibel (Evangelien 2010; www.die-bibel.de/online-bibeln): am Sprachgefühl der Computergeneration orientiert. Schwierige Begriffe werden vermieden. Interaktives Informationssystem und eine Online-Community.
Freie Übertragungen
Jörg Zink (1998 Auswahl AT, NT vollständig): wortreich umschreibende, meditative Übertragung.
Volxbibel (2010; www.volxbibel.de): provozierende Übertragung und Deutung biblischer Texte in die Alltagssprache Jugendlicher.
Mundartbibeln: Es gibt freie Übertragungen und textnahe Übersetzungen. Ziel ernst gemeinter Projekte ist es, Menschen bei ihrem Sprachempfinden abzuholen und ihnen eine Brücke zur Standardbibel zu ermöglichen. Überblick unter www.bibel-gesangbuch.de/mundart.html.
3. Übersetzungen, die einen Mittelweg gehen
Leitsatz: „So nah am Urtext und so verständlich wie möglich.“
Luther 2017 (2016; www.biblserver.com): Die evangelische Standardbibel ist nahe am Urtext („ad fontes“) und an der Sprache der Menschen („Man muss den Leuten aufs Maul schauen“). Kernstellen werden hervorgehoben und Fußnoten weisen auf Übersetzungsprobleme hin (z.B. Vaterunser, Ende des Markusevangeliums). Sie enthält eine kraftvolle Sprache und eine freie Wiedergabe bei schwierigen Passagen. Ebenfalls zugänglich sind die Ausgaben Luther 1545 (Standardbibel 1545–1892; lutherbibel.net). Der Text Luther 1912 (www.bibel-online.net) ist als Billigbibel – da rechtefrei – in Kaufhäusern erhältlich.
Einheitsübersetzung (2016; www.die-bibel.de): Katholische Standardbibel, an Urtextausgaben und der Vulgata orientiert, mit gehobener Sprache, teils auch kommunikativ übersetzt. Mit Einleitungen, Fußnoten und Ergänzungen.
Zürcher Bibel (1529/1931/rev.2007; www.die-bibel.de): Standardausgabe reformierter Gemeinden in der Schweiz. Gehobener Stil, genau und kraftvoll übersetzt.
|86|Kommentierende Sonderausgaben der Standardbibeln
Luther bzw. Gute Nachricht für dich: Standardausgabe mit 90 erklärenden Farbseiten (Autorinnen und Autor: Hannelore Jahr, Karin Jeromin und Michael Landgraf).
