Kitabı oku: «Herausgeforderte Wirtschaft»

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Manuel Rupprecht (Hrsg.)

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-039961-7

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pdf: ISBN 978-3-17-039962-4

epub: ISBN 978-3-17-039963-1

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Vorwort

Interessieren Sie sich für das Wirtschaftsgeschehen? Wahrscheinlich, sonst hielten Sie dieses Buch wohl nicht in Ihren Händen. Haben Sie den Eindruck, den Dingen mit der regulären Berichterstattung nicht richtig auf den Grund gehen zu können? Auch das ist wahrscheinlich, denn so geht es vielen. Überraschend ist es gleichwohl nicht, und es ist auch keine Kritik an der Berichterstattung. Letztere muss das Geschehen in vorgegebene Formate pressen, in Artikel, TV-Spots oder Newsfeeds. Dabei muss zwangsläufig zusammengefasst und priorisiert werden, schon aufgrund der Vielzahl der Entwicklungen. So gelingt zwar ein Überblick – in der Regel das Ziel der Formate. Ein tiefergehendes Verständnis lässt sich auf diese Weise aber kaum vermitteln. Dafür sind die Dinge zu komplex, zu dynamisch, zu sehr miteinander verwoben. Gleichzeitig erscheint ein solches Verständnis wichtiger denn je, schließlich müssen wir alle ständig eigene wirtschaftliche Entscheidungen treffen, sei es im privaten, beruflichen oder politischen Kontext. Doch wie können wir sicher sein, richtig zu entscheiden, wenn wir nur bedingt verstehen, was um uns herum geschieht?

Genau dazu möchte dieses Buch beitragen. Als zweites Band der Reihe »Volkswirtschaftslehre – praxisnah und verständlich« hat es erneut zum Ziel, ausgewählte Themen des Wirtschaftsgeschehens in fundierter, aber allgemein verständlicher Form zu erläutern und so genau die Hintergründe und Zusammenhänge aufzuzeigen, die in der regulären Berichterstattung meist zu kurz kommen. Wie im ersten Band wurden die einzelnen Beiträge von Experten aus Wissenschaft und Praxis verfasst. Alle Beiträge sind in sich abgeschlossen, können also unabhängig voneinander gelesen werden. Gemeinsam haben sie, dass sie zur Erläuterung der Zusammenhänge auf Erkenntnisse der Volkswirtschaftslehre zurückgreifen, aber so, dass diese auch ohne Vorwissen nachvollziehbar sind. Das Buch eignet sich damit sowohl als Hintergrundlektüre für ein besseres Verständnis als auch als Sammlung von Fallstudien, die Anwendungsmöglichkeiten der – häufig als abstrakt und technisch wahrgenommenen – Volkswirtschaftslehre in der Praxis aufzeigen. Entsprechend breit ist der Adressatenkreis: Studierende, Hochschulangehörige, Vertreter von Unternehmen, Behörden und Verbänden, Lehrer, Schüler und interessierte Bürger – kurzum alle, die ein tiefergehendes Verständnis von den Themen entwickeln möchten.

Alle Beiträge waren im Frühsommer 2021 Gegenstand einer einschlägigen Ringvorlesung an der FH Münster. Dabei erläuterten die Autorinnen und Autoren die Zusammenhänge in Form von Vorträgen. Trotz pandemiebedingter Einschränkungen standen sie den Zuhörern im Anschluss Rede und Antwort, diskutierten kritisch mit ihnen und klärten offene Fragen.

Inhaltlich lassen sich die insgesamt sieben Beiträge in zwei Kategorien einteilen. Im ersten Teil geht es vor allem um das Wirtschaftsgeschehen hierzulande. So thematisiert Prof. Dr. Oliver Lerbs (Hochschule für Polizei und Öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen) die Entwicklungen auf dem deutschen Immobilienmarkt, wo die Preise scheinbar nur noch eine Richtung kennen. Danach skizziert Dr. Wolf Heinrich Reuter (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung) mit den Folgen der Corona-Pandemie, der Digitalisierung, dem Klimawandel und der Demografie zentrale Herausforderungen für die nächsten Bundesregierungen. Anschließend beleuchte ich selbst die Situation der deutschen Staatsfinanzen nach der Pandemie und frage, wie mit den Corona-Schulden umgegangen werden kann. Im zweiten Teil stehen dann internationale Entwicklungen im Fokus. Dr. Cora Francisca Jungbluth (Bertelsmann Stiftung) widmet sich dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und fragt, ob damit auf lange Sicht ein Abstieg des »Westens« verbunden ist. Prof. Dr. Nina Veronique Michaelis (FH Münster) beleuchtet im Anschluss die Zwillingskrisen Corona-Pandemie und Klimawandel, ermittelt Gemeinsamkeiten und Unterschiede und prüft, mit welchen Maßnahmen sich beide Krisen gleichzeitig bekämpfen lassen. Danach entwickelt Dr. Thieß Petersen (ebenfalls Bertelsmann Stiftung) insgesamt fünf Thesen zur Frage, wie sich die Corona-Pandemie langfristig auf unsere Wirtschaft auswirken könnte, bevor Prof. Dr. Franz Seitz (Ostbayrische Technische Hochschule Weiden) in Zeiten kontaktloser Bezahlsysteme die Zukunft des Bargelds ausleuchtet.

Auch diesen zweiten Band der Reihe gibt es nur, weil zahlreiche Menschen daran mitgewirkt haben. Dazu zählen zuallererst die Autorinnen und Autoren. Ihnen gilt mein herzlicher Dank. Sie haben mit Geduld und Engagement ihre Beiträge verfasst, aktualisiert und überarbeitet und so maßgeblichen Anteil daran, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, dieses Buch heute überhaupt in Händen halten können. Mein Dank gilt ferner dem Verlag W. Kohlhammer GmbH, allen voran dessen Verlagsleiter Dr. Uwe Fliegauf, der auch dieses Werk mit Impulsen, Ideen und ehrlichem Interesse begleitet und vorangetrieben hat. Zu schätzen weiß ich auch die Unterstützung meines Mitarbeiters Niklas Otto, der alle Beiträge kritisch gegengelesen und korrigiert hat. Weiterhin bedanke ich mich sehr herzlich bei der Hanns Martin Schleyer-Stiftung, insbesondere bei ihrer Geschäftsführerin Barbara Frenz, sowie der Heinz-Nixdorf-Stiftung für die finanzielle Unterstützung der genannten Ringvorlesung. Ohne ihre Überzeugung, auf diese Weise zu einem kritischen Diskurs und besseren Entscheidungen beitragen zu können, gäbe es die Vortragsreihe nicht. Zu deren Erfolg (und damit auch zur Entstehung dieses Buches) haben ferner Katharina Kipp, Susanne Lüdeling, Milana Mohr, Michael Chung Ngyuen und weitere Kolleginnen und Kollegen der FH Münster beigetragen. Ihnen / Euch allen vielen lieben Dank! Ein besonderes Dankeschön geht abschließend an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Ringvorlesung und an Sie, liebe Leserinnen und Leser. Ihr Interesse am Wirtschaftsgeschehen, Ihr Wunsch, die Zusammenhänge tiefer zu durchdringen, war auch für dieses Werk Ansporn und Motivation zugleich.

Ich wünsche allen eine aufschlussreiche Lektüre!


Münster, im September 2021Manuel Rupprecht

Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort

2  Nationale Entwicklungen

3  1 Zehn Jahre Wohnungsboom: Markt außer Kontrolle?

4 Oliver Lerbs

5  1.1 Einleitung

6  1.2 Die wichtigsten Facetten des Wohnungsbooms

7  1.2.1 Steigende Mieten und Kaufpreise

8  1.2.2 Wohnungsbau und Baubedarf

9  1.2.3 Baulandknappheit und Grundstückspreise

10  1.2.4 Existiert eine Immobilienpreisblase?

11  1.3 Die wichtigsten Ursachen des Wohnungsbooms

12  1.3.1 Zuwanderung in die Städte

13  1.3.2 Einkommenszuwächse und Niedrigzinsen

14  1.3.3 Baukosten, Baustandards und Rationierung von Bauland

15  1.3.4 Übermäßige Kreditvergabe als Ursache?

16  1.4 Ökonomische und gesellschaftspolitische Brisanz des Wohnungsbooms

17  1.4.1 Steigende Wohnkostenbelastung

18  1.4.2 Abnehmende Erschwinglichkeit von Wohneigentum

19  1.4.3 Gentrifizierung

20  1.5 Möglichkeiten und Grenzen einer wirtschaftspolitischen Lösung der »neuen Wohnungsfrage«

21  1.5.1 Ordnungspolitische Vorüberlegungen

22  1.5.1.1 Wohnen: Markt oder Staat?

23  1.5.1.2 Funktionstüchtiger Markt oder Marktversagen?

24  1.5.1.3 Wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf

25  1.5.2 Bisherige wirtschaftspolitische Maßnahmen

26  1.5.2.1 Begrenzung der Miethöhe bei Neuvermietung (»Mietpreisbremse«)

27  1.5.2.2 Wohngeldreform

28  1.5.2.3 Baukindergeld

29  1.5.2.4 Weitere Maßnahmen

30  1.5.3 Erforderliche zukünftige Maßnahmen

31  1.5.3.1 Mobilisierung von Bauland

32  1.5.3.2 Höheres und dichteres Bauen

33  1.5.4 Grenzen der Wirtschaftspolitik bei der Lösung der Wohnungsknappheit

34  1.6 Fazit

35  Literatur

36  2 Corona, Digitalisierung, Klima, Demografie: Die wirtschaftspolitischen Herausforderungen für die nächsten Bundesregierungen

37 Wolf Heinrich Reuter

38  2.1 Die zentralen Herausforderungen für die nächsten Jahre

39  2.2 Die verschiedenen Auswirkungen der Corona-Pandemie

40  2.3 Die sich verändernden Strukturen aufgrund des technologischen Wandels

41  2.4 Der sich beschleunigende demografische Wandel

42  2.5 Die Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft

43  2.6 Mut und internationale Zusammenarbeit

44  Literatur

45  3 Wer soll das bezahlen? Zur Situation der Staatsfinanzen nach der Pandemie

46 Manuel Rupprecht

47  3.1 Einleitung

48  3.2 Ursachen der Staatsverschuldung im Überblick

49  3.2.1 Ökonomische Ursachen

50  3.2.2 Politökonomische Ursachen

51  3.3 Wirtschaftliche Auswirkungen der Staatsverschuldung

52  3.3.1 Risiken hoher Staatsverschuldung

53  3.3.2 Staatsverschuldung: Wie hoch ist zu hoch?

54  3.4 Möglichkeiten zur Begrenzung der Staatsverschuldung

55  3.4.1 Fiskalregeln auf europäischer Ebene

56  3.4.2 Fiskalregeln in Deutschland: die Schuldenbremse

57  3.5 Ansätze zur Sanierung der Staatsfinanzen – ein kritischer Überblick

58  3.6 Corona-Schulden: Handlungsbedarf aus finanzpolitischer Sicht

59  3.7 Schlussfolgerungen

60  Literatur

61  Internationale Entwicklungen

62  4 Aufstieg des Ostens, Abstieg des Westens 东升西降? Was Chinas wirtschaftliche Entwicklung für die Welt bedeutet

63 Cora Francisca Jungbluth

64  4.1 »(Wieder-)Aufstieg des Ostens«: Das Reich der Mitte kehrt zurück

65  4.1.1 »Jahrhundert der Demütigungen«: Vom Abstieg zum (Wieder-)Aufstieg

66  4.1.2 Wieder spitze: Wirtschaftliche Erfolge der chinesischen Reformpolitik

67  4.2 Von »Going Global« bis »Dual Circulation«: Wichtige Strategien und Pläne für Chinas (künftigen) Aufstieg in der Weltwirtschaft

68  4.2.1 Going-Global-Strategie

69  4.2.2 Belt and Road Initiative

70  4.2.3 Made in China 2025

71  4.2.4 »Dual Circulation«

72  4.3 Partner, Wettbewerber, Rivale: Chinas künftige Rolle(n) in der Weltwirtschaft

73  4.3.1 Klimawandel: China als Partner

74  4.3.2 Zukunftstechnologien: China als Wettbewerber

75  3.3.3 Internationale regelbasierte Ordnung: China als Rivale

76  4.4 Ausblick: Multipolare Weltordnung statt »Abstieg des Westens«

77  Literatur

78  5 Corona-Pandemie und Klimawandel – Von Zwillingskrisen und wirtschaftspolitischen Prioritäten

79 Nina V. Michaelis

80  5.1 Einleitung

81  5.2 Corona und Klima – Schwestern im Geiste?

82  5.3 Corona – Folgen für die Wirtschaft und das Klima

83  5.4 Konjunktur – Von wirtschaftlichen Zyklen und Möglichkeiten der Einflussnahme

84  5.5 Grünes Wachstum – Gut für Konjunktur und Klima?

85  5.6 Green New Deal in Zeiten von Corona – Stand der Umsetzung in Deutschland

86  5.7 Fazit und Ausblick

87  Literatur

88  6 Coronanomics – Wie die Corona-Pandemie unsere Wirtschaft verändert

89 Thieß Petersen

90  6.1 Ein kurzer Blick zurück: Weltwirtschaftliche Entwicklung 2020

91  6.2 Der Blick nach vorn: Fünf Thesen zum Einfluss der Corona-Pandemie auf den Strukturwandel in Deutschland

92  6.2.1 Die Corona-Pandemie als Katalysator für Digitalisierung

93  6.2.2 Die Corona-Pandemie als Bremse für die internationale Arbeitsteilung

94  6.2.3 Die Corona-Pandemie als Chance für die ökologische Nachhaltigkeit

95  6.2.4 Die Corona-Pandemie als Beschleuniger der Marktkonzentration

96  6.2.5 Die Corona-Pandemie als Stärkung der Rolle des Staates in der Wirtschaft

97  6.3 Fazit und Ausblick

98  Literatur

99  7 No Cash, No Problems!? Warum braucht man eigentlich noch Bargeld?

100 Franz Seitz

101  7.1 Einleitung

102  7.2 Ausgewählte Daten und Fakten zum Bargeld im Überblick

103  7.3 Die Bargeldeigenschaften

104  7.4 Die wichtige Rolle von Bargeld in einer modernen Volkswirtschaft

105  7.4.1 Anonymität, Schutz der Privatsphäre, Datenschutz

106  7.4.2 Einfachheit und finanzielle Inklusion

107  7.4.3 Effektive Zinsuntergrenze

108  7.4.4 Wettbewerb auf den Zahlungsverkehrsmärkten

109  7.4.5 Krisen und Bargeld

110  7.5 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

111  Literatur

112  Angaben zu den Autoren

Nationale Entwicklungen

1 Zehn Jahre Wohnungsboom: Markt außer Kontrolle?
Oliver Lerbs
Zusammenfassung

Seit gut zehn Jahren kennt die Entwicklung der Immobilienpreise in Deutschland nur eine Richtung: aufwärts. Sowohl das Mieten als auch das Kaufen von Wohnungen und Häusern wird immer teurer, allen voran in den großen Ballungszentren, zunehmend aber auch in ländlicheren Regionen. Für immer mehr Menschen werden die monatlichen Kosten der »eigenen vier Wände« zu einer echten Herausforderung. Dies hat Folgen: Stadtviertel, die einst durch das vielfältige Miteinander von Haushalten unterschiedlicher Größe, Alters- und Einkommensklassen geprägt waren, entwickeln sich immer häufiger zu Einheitsgegenden, in denen eine bestimmte Gruppe das Erscheinungsbild dominiert. Die Politik versucht seit Jahren, dieser Entwicklung zu begegnen. Hinter schlagkräftigen Begriffen wie der »Mietpreisbremse«, dem »Mietendeckel« oder dem »Baukindergeld« verbergen sich wirtschaftspolitische Maßnahmen, mit denen der Preisauftrieb gebremst und mehr Menschen der Eigentumserwerb ermöglicht werden soll. Und dennoch, ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Auch während der Corona-Pandemie stiegen die Preise weiter, allen Maßnahmen zum Trotz und teils sogar stärker als zuvor, weil Menschen das eigene Zuhause noch mehr zu schätzen lernten. Wie konnte es dazu kommen? Was erklärt den scheinbar unaufhaltsamen Preisanstieg? Wie sind die bisherigen Politikmaßnahmen zu bewerten und was müsste eigentlich passieren, damit Wohnen auch in Zukunft für alle Menschen bezahlbar bleibt? Diesen und weiteren Fragen geht Oliver Lerbs im vorliegenden Beitrag auf den Grund. Es zeigt sich, dass die steigenden Preise nicht einseitig erklärt werden können, sondern auf ganz verschiedene Ursachen zurückzuführen sind, darunter auch Maßnahmen zum Klimaschutz, die gesellschaftspolitisch inzwischen eine hohe Priorität genießen. In dem sich daraus ergebenden Spannungsfeld sei es nicht zielführend, den Entwicklungen mit einseitigen Maßnahmen wie etwa der Mietpreisbremse zu begegnen. Stattdessen schlägt Lerbs andere, integrierte Ansätze vor, um den Menschen hierzulande auch in Zukunft noch bezahlbares Wohnen zu ermöglichen. Überall.

1.1 Einleitung

Der Boom am deutschen Wohnungsmarkt zählt zu den wichtigsten Entwicklungen der letzten zehn Jahre. Die Berichterstattung über steigende Wohnungspreise ist geradezu explodiert, die Politik hat die Lösung der »neuen Wohnungsfrage« ganz nach oben auf ihre Agenda gesetzt. Auch die Volkswirtschaftslehre (VWL) zeigt wieder intensives Interesse an wohnungswirtschaftlichen Fragestellungen. Selbst die Coronakrise konnte den Trend steigender Wohnungspreise bislang nicht stoppen. Auch im Bundestagswahlkampf hat die Diskussion um die »richtige« Wohnungspolitik – im Brennglas um einen bundesweiten Mietendeckel – eine zentrale Rolle gespielt.

Das Gut Wohnen befriedigt gleich eine Vielzahl menschlicher Bedürfnisse. Ob freistehendes Eigenheim oder Hochhaus, jede Wohnung1 bietet zunächst einmal ein Dach über dem Kopf. Darüber hinaus ist die Wohnung privater Rückzugs- und Gestaltungsraum und Ort des Lebensalltags mit Familie und Freunden. Lage und Zustand der Wohnung beeinflussen maßgeblich individuelle Entfaltungsmöglichkeiten, Gesundheit und Wohlbefinden sowie die Sozialisierungschancen von Kindern. Die Wohnungsausgaben nehmen zugleich einen großen Teil des Haushaltsbudgets in Anspruch. Für viele Menschen ist die Wohnung zudem wichtigste Vermögensanlage.

Aufgrund dieser Alleinstellungsmerkmale steht das Wohnen unter besonderem Schutz des Staates. In kaum einem anderen Bereich – mit Ausnahme vielleicht der Arbeitsmarktpolitik – dürfte die öffentliche Zustimmung zu in der VWL traditionell negativ bewerteten Maßnahmen wie Preisregulierung, Subventionen oder sogar quasi-staatlicher Zuteilung so groß sein wie in der Wohnungspolitik. Aber ist der Wohnungsmarkt tatsächlich »außer Kontrolle«? Oder volkswirtschaftlich gefragt: Gibt es belastbare Hinweise auf eine mangelnde Funktionstüchtigkeit des Marktes oder Verteilungskonflikte, die ein beherztes staatliches Eingreifen rechtfertigen? Werden langfristige Folgeschäden dabei möglicherweise übersehen? Und wie ist es überhaupt zu dem anhaltenden Wohnungsboom gekommen, wo Deutschland doch schon in weiten Teilen als fertig gebaut und der Wohnungsmarkt als gesättigt galt?

Der vorliegende Beitrag hat zum Ziel, die oben aufgeworfenen Fragen aus volkswirtschaftlicher Perspektive heraus verständlich und kompakt zu beantworten. Zur Erörterung der zentralen Aspekte werden etablierte ökonomische Konzepte verwendet. Auch die Möglichkeiten und Grenzen einer wirtschaftspolitischen Beantwortung der »neuen Wohnungsfrage« werden diskutiert.

Der Beitrag gliedert sich wie folgt: Im nachfolgenden, zweiten Abschnitt werden zunächst die wesentlichen Facetten des Wohnungsbooms anhand geeigneter Statistiken nachvollzogen. Im dritten Abschnitt werden die von der Wirtschaftsforschung identifizierten Ursachen des Booms erörtert. Im vierten Abschnitt werden drei besonders brisante Aspekte skizziert, die mit den aktuellen Entwicklungen in Verbindung stehen: die zunehmende Wohnkostenbelastung, die abnehmende Erschwinglichkeit von selbstgenutztem Wohneigentum und die Veränderung der sozioökonomischen Struktur der Städte. Die Möglichkeiten und Grenzen einer wirtschaftspolitischen Gestaltung und möglichen Lösung der Wohnungsknappheit werden im fünften Abschnitt diskutiert. Neben bereits getroffenen Maßnahmen werden Maßnahmen vorgestellt, die derzeit noch erforderlich sind, um zu einer dauerhaften Entspannung des Wohnungsmarkts beizutragen. Der Beitrag schließt mit einem Fazit.

1.2 Die wichtigsten Facetten des Wohnungsbooms
1.2.1 Steigende Mieten und Kaufpreise

Im Fokus des Wohnungsbooms stehen die rasant steigenden Wohnungspreise. Im Vergleich zum Jahr 2009 sind die Kaufpreise von Wohnimmobilien deutschlandweit um 75 % gestiegen, in den wichtigsten Großstädten sogar um 130 % (vgl. Bundesbank 2021, S. 62). Der Anstieg der Wohnungskaufpreise ist damit erheblich stärker als das durchschnittliche Wachstum der Immobilienpreise in den Ländern der Eurozone im selben Zeitraum ( Abb. 1). Etwas weniger stark gestiegen sind die Wohnungsmieten, auch da Mieterhöhungen in laufenden Bestandsverträgen schon vor Beginn des Booms reguliert waren.2 Betrachtet man allein die Erst- und Wiedervermietungsmieten, so beträgt der Anstieg gegenüber 2009 deutschlandweit 40 % und in den wichtigsten Großstädten etwa 55 % (vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2018, S. 338). Das Niveau der Bestandsmieten (nettokalt) erhöhte sich zwischen 2009 und 2019 um lediglich 14 %.

Aus Perspektive der VWL sind die rasant steigenden Wohnungspreise ein klares Zeichnen dafür, dass auf dem Wohnungsmarkt – oder genauer formuliert: auf den vielen lokalen Wohnungsmärkten – ein Ungleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot bestehen muss. Es gibt, gemessen an der hohen Nachfrage, schlicht zu wenige oder ungeeignete Wohnungen an gefragten Standorten. Diese Knappheit kann aus ökonomischer Sicht eine Vielzahl möglicher Ursachen haben: eine gestiegene Kaufkraft der Haushalte, veränderte Wohnpräferenzen in Richtung der (Innen-)Städte, eine steigende Zahl an Nachfragern durch Zuwanderung und weitere mehr.

In einer Mieternation wie Deutschland sind steigende Wohnungspreise für die meisten Bürger ein Ärgernis. Aus ökonomischer Sicht erfüllen sie jedoch die wichtige Funktion, über Gewinnanreize zusätzlichen Wohnungsbau anzuregen und so


Abb. 1: Entwicklung der Kaufpreise von Wohnimmobilien (Quelle: Eigene Darstellung und Berechnungen auf Basis von Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich)

wieder für einen langfristigen Ausgleich der beiden Marktseiten zu sorgen. Dies ist zwar einleuchtend, doch schließt sich unmittelbar die Frage an, wie lange es dauern wird, bis die vorhandene Angebotslücke geschlossen ist. Der britische Ökonom John Maynard Keynes unterstrich in seinem wohl berühmtesten Satz, dass eine zu große Fokussierung auf die lange Frist bei der Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme in die Irre führt: »in the long run, we are all dead« (Keynes 1923, S. 80). In der Tat behindern restriktive Flächennutzungspläne, ambitionierte baurechtliche Vorgaben, langwierige Baugenehmigungsverfahren und zeitintensive Planungs- und Bauphasen in der Praxis eine schnelle und ausreichende Angebotsreaktion.

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Litres'teki yayın tarihi:
18 aralık 2025
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9783170399631
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