Kitabı oku: «Islam III»
Die Religionen der Menschheit
Begründet vonChristel Matthias Schröder
Fortgeführt und herausgegeben von
Peter Antes, Manfred Hutter, Jörg Rüpke und Bettina Schmidt
Band 25,3
Peter Antes (Hrsg.)
Islam III
Vom 19. Jahrhundert bis heute
W. Kohlhammer
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Abbildungshinweis: Kaaba während des Hadsch. Quelle: www.pixabay.com
Print:
ISBN 978-3-17-034026-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-034027-5
epub: ISBN 978-3-17-034028-2
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Der Islam ist heute mit ca. 1,8 Milliarden Gläubigen eine lebendige schnell wachsende weltweite Glaubensgemeinschaft. Der dritte Band der dreiteiligen Darstellung des Islam in der Reihe ›Die Religionen der Menschheit‹ zeichnet die historische Entwicklung der letzten 200 Jahre nach und nimmt die Fragen ›Islam und Moderne‹ und ›Islam in der postkolonialen Zeit‹ in den Blick.
Diese werden mit der gegenwärtigen Situation in islamisch geprägten Regionen und der muslimischen Diaspora verknüpft: der Umgang des Islam mit den Herausforderungen der Moderne; die Suche nach dem ›rechten Weg‹ (halal/haram); interkulturelle Einflüsse; die Situation nichtislamischer Minderheiten in der Welt des Islam; Djihad, Terror und Märtyrertum; u.v.m.
Ein Überblick über Themen der modernen islamischen Theologie und Philosophie sowie des Interreligiösen Dialogs komplettieren diese lebendige Darstellung der jüngsten der drei monotheistischen Weltreligionen.
Prof. em. Dr. Dr. Peter Antes lehrte Religionswissenschaft an der Leibniz Universität Hannover.
Inhalt
Einleitung
Peter Antes
1 Drei Schwerpunkte
Der erste Schwerpunkt behandelt regionale Darstellungen:
Der zweite Schwerpunkt ist Theologie, Philosophie, Recht und Kultur gewidmet.
Der dritte Schwerpunkt behandelt moderne Herausforderungen und Bedrohungen:
2 Richtungsvielfalt in der innerislamischen Diskussion
3 Die Wahrnehmung des Islam in der nichtislamischen Welt und Öffentlichkeit
Umschrift, Bibliographie und Dank
I Regionale Darstellungen
Europa und der Orient
Lutz Berger
1 Einleitung
2 Der Vordere Orient von 1800 bis 1870
3 Die Hochphase des Imperialismus von ca. 1870 bis ca. 1925
4 Die Zeit des Nationalismus von ca. 1925 bis 1970
5 Nach 1967: Klientelismus und Islamismus
Literatur zum Weiterlesen
Zu einzelnen Reichen und Regionen:
Muslime in Afrika südlich der Sahara: Mehrheitsgesellschaften und Minderheiten
Roman Loimeier
1 Einleitung
2 Der historische Kontext
3 Die -Bewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts
4 Das Erbe der Kolonialzeit
5 Die Bedeutung des lokalen Kontexts für religiöse Konflikte
6 Muslimische Reformbewegungen der Gegenwart
7 Schluss
Literatur zum Weiterlesen
Islam in Südasien: Zwischen Kalifatsbewegung und religiöser Gewalt (ca. 1920–2018)
Jamal Malik
1 Einleitung
2 Nationalistische Forderungen und die Kalifatsbewegung
3 Gespaltene islamische Öffentlichkeit
4 Muslim Liga und politische Unabhängigkeit
5 Das Problem der nationalen Integration Pakistans und die Geburt Bangladeschs
Islamischer Staat oder Staat für Muslime?
Gescheiterte nationale Integration
Sezession und die Geburt Bangladeshs
6 Islamisierung in Pakistan und ihre Folgen
7 Muslimische Inder oder indische Muslime?
8 Ausblick
Literatur zum Weiterlesen
Islam in Indonesien
Fritz Schulze
1 Ethische Politik und die Entstehung moderner islamischer Strömungen
2 Japanische Übergangszeit und Unabhängigkeitskampf
3 Indonesien unter Soekarno (bis 1965)
4 Die Zeit der Suharto-Diktatur (1966–1998)
5 Die 90er Jahre und Suhartos Sturz
6 Die Reformära
Literatur zum Weiterlesen
Islam in der Diaspora
Albrecht Fuess
1 Eine islamische Diaspora?
2 Islam im Westen
3 Islam in Nordamerika
USA
Kanada
4 Islam in Lateinamerika
Argentinien
Brasilien
Surinam
5 Islam in Australien und Neuseeland
Australien
Neuseeland
6 Islam in Europa
Großbritannien
Frankreich
Deutschland
Weitere Länder der europäischen Union
Skandinavien und die Niederlande
Österreich
Spanien
Italien
Griechenland
7 Ausblick
Literatur zum Weiterlesen
Nichtislamische Religionen in der Welt des Islam
Manfred Hutter
1 Einige Eckpunkte zum Umgang des Islam mit anderen Religionen
2 Nationalismus und Umgang mit nichtmuslimischen Religionen
3 Arabische Republik Ägypten
4 Republik Irak
5 Islamische Republik Iran
6 Libanesische Republik
7 Resümee
Literatur zum Weiterlesen
II Theologie, Philosophie, Recht und Kultur
Islamische Theologie heute: Orte, Gesichter und Tendenzen
Ömer Özsoy
1 Einleitung
2 Ursprünge dessen, was sich islamische Theologie nennt
3 Traditionelle Orte, Gesichter und Tendenzen der islamischen Theologie
4 Islamische Theologie(n) nach dem Traditionsbruch: Spannungsfeld zwischen Erbe und Moderne
5 Neuausrichtung der islamischen Theologie in der Türkei
6 Wiederbelebung der Islamischen Theologie in ex-sowjetischen und ex-jugoslawischen Ländern
7 Neugeburt der Islamischen Theologie in Westeuropa und Deutschland
Literatur zum Weiterlesen
Muhammad als Vorbild Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert und Typen der
Cüneyd Yıldırım
1 Einleitung: Die Erforschung der Bedeutung Muhammads im Islam
2 Muhammad als Vorbild
Die Quellen des Muhammad’schen Vorbildes: Hadith, und ʾ
Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert
Typen der imitatio Muhammadi
3 Schluss
Literatur zum Weiterlesen
Innerislamische und aus islamischen Kontexten hervorgegangene religiöse Minderheiten
Robert Langer
1 Zur Problematik innerislamischer Diversität
2 Versuche der religionshistorischen Systematisierung
Gemeinsamkeiten des »Ritual Idiom of the Middle East«
»Pseudo-islamische Sektengebilde«
»Extreme Schiiten«
»Spiritual Elite Communities«
3 Religionsgeschichtliche Debatten um vorislamische Wurzeln
Gnosis
Kontinuität iranischer Religion
Zentralasiatische Himmelsreligion und turko-mongolisches Schamanentum
4 Arabischsprachige Gruppen
Nuṣairī / ʿAlawīyūn
Drusen
5 Gruppen aus iranisch/türkischen Kontexten
Aleviten
Schabak
Kākāʾī
Ahl-e Ḥaqq / Yāresān
Babismus und Bahaitum
Aḥmadiyya
6 Religionshistorische Zusammenfassung
7 Terminologische Überlegungen
Literatur zum Weiterlesen
Themen und Orte nahöstlicher Philosophie (19.–20. Jahrhundert)
Anke von Kügelgen
1 Einleitung
2 Gemeinsamkeiten der nahöstlichen Philosophie
3 Hervorstechende Entwicklungsmerkmale der nahöstlichen Philosophie
Vereinzelte einschneidende Begegnungen mit europäischer Philosophie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Vermehrte Auseinandersetzung mit zeitgenössischen europäischen Philosophien, 1850er bis 1920er/1930er Jahre
Akademisierung – Institutionalisierung der Philosophie an Universitäten
Philosophie im Dienste eines neuen oder neuzuschaffenden Kollektivs
Selbst- und Vernunftkritik – Revisionen und neue Konzepte
4 Ausblicke
Literatur zum Weiterlesen
Themen und Orte des islamischen Rechts im 20./21. Jahrhundert
Hakki Arslan
1 Einleitung
2 Das 20. und 21. Jahrhundert in der Historiographie des islamischen Rechts
3 Die Transformation des islamischen Rechts in der Moderne: Probleme
Die Verrechtlichung der Scharia und die
Die Marginalisierung der Scharia und der Gelehrten
4 Merkmale des islamischen Rechts im 20. und 21. Jahrhundert
Methoden der Erneuerung des islamischen Rechts
Die Überwindung der Rechtsschulen und die Rechtsvergleichung ()
Der kollektive Idschtihad und die Entstehung von Fatwa-Gremien
Fatwa-Räte für Muslime in nichtmuslimischen Ländern
Fatwas und Covid-19
5 Zeitgenössische Richtungen in der islamischen Welt
6 Schluss
Literatur zum Weiterlesen
Kulturgeschichte muslimischer Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert
Peter Heine
1 Musik in islamischen Gesellschaften
Osmanisches Reich und Türkische Republik
Beispiele aus der arabischen Welt
Iran
2 Bildende Kunst
Moderne Kalligraphie
Malerei in arabischen Staaten
Frauen in der Kunst arabischer Staaten
Malerei im Osmanisches Reich und in der Türkei
Malerei im Iran
Malerei in Pakistan
3 Sport in islamischen Gesellschaften
Traditionelle Sportarten in der Moderne
Zûr Khâneh und Pahlavân im Iran
Öl-Ringen in der Türkei
Andere traditionelle Sportformen
Reiterspiele
Bogenschießen
Kamel- und Pferderennen
4 Fazit
Literatur zum Weiterlesen
III Moderne Herausforderungen
Das Verhältnis von Staat und Religion und Recht in der Moderne: Demokratie und Menschenrechte, Geschlechtergleichheit, und Religionsfreiheit
Irene Schneider
1 Einleitung
2 Die Zeit des Kolonialismus: »Wir« sind besser als »sie«
3 Die Konstituierung moderner Nationalstaaten
4 Der Islam als Lösung? Re-Islamisierung, die iranische Revolution und die Neo-Salafīya
5 Internationales Recht und Menschenrechte
6 Wo bleibt die Demokratie? Der »Arabische Frühling« und seine Nachwirkung
7 Fazit
Literatur zum Weiterlesen
Dschihad, Terror, Märtyrertum
Rüdiger Lohlker
1 Zur Theologie des Dschihadismus
2 Zur Geschichte des Dschihadismus
3 Dschihad neu gedacht
Dschihadismus Online
Militärische Aspekte
Märtyrertum und Blutzeugentum
Frauen und Dschihadismus
4 Konzeptuelle Erwägungen
Literatur zum Weiterlesen
Technik und Wissenschaft als Herausforderung für den Islam am Beispiel der modernen Medizin
Ilhan Ilkilic
1 Einführung
2 Diskussionen über die modernen Naturwissenschaften, Technik und Biomedizin
Prowissenschaftlich konsequentialistische Ansätze
Bedeutung der prowissenschaftlich konsequentialistischen Ansätze für die Biomedizin
Wissenschaftskritisch epistemologisch-metaphysische Ansätze
Bedeutung der wissenschaftskritisch epistemologisch-metaphysischen Ansätze für die Biomedizin
3 Diskussionen um die Wissensproduktion und den Wissenstransfer
Wissensproduktion
Wissenstransfer
4 Fazit
Literatur zum Weiterlesen
Grundprobleme des Islam heute im internationalen und interkulturellen Vergleich
Reinhard Schulze
1 Der Islam in der Moderne
Konfessionalisierung
Gesellschaft und Religion im Hegemoniekonflikt
Öffentlichkeit als sozialer Ort des Islam
2 Der Islam im Anbruch der Postmoderne
Transnationalismus
Islamität als Begriff der Ordnung
Der soziale Ort der islamischen Öffentlichkeit
Die Krise der Mittelklasse
Fissuren in der islamischen Moderne
Folgen der Fissuren in der Moderne
Literatur zum Weiterlesen
Interreligiöser Dialog
Erdal Toprakyaran
1 Einleitung
2 Der interreligiöse Dialog – ausgewählte Beispiele
3 Sufis im interreligiösen Dialog – ausgewählte Beispiele
Sufismus und Liebe
Die Nähe, Erfahrbarkeit, Immanenz und Einheit Gottes
Das Licht Muhammads
4 Der interreligiöse Dialog an Universitäten – ausgewählte Beispiele
5 Abschließende Reflexion und Kritik
Literatur zum Weiterlesen
Schlusswort zu Islam I – III
Diversität
Vitalität
Index
1 Personen
2 Stichworte
Einleitung
Peter Antes
Die Moderne, der dieser dritte Band gewidmet ist, hat tiefgreifende Veränderungen mit sich gebracht und dies nicht nur in Europa und Nordamerika, sondern weltweit. Symbolisch lässt man sie mit Blick auf die islamische Welt 1798 mit der Expedition Napoleons nach Ägypten beginnen, zutreffender ist jedoch die einsetzende Ausbreitung des europäischen Einflusses im 19. Jahrhundert.
Wie grundlegend die Veränderungen waren, zeigt ein Beispiel aus der Technik. Während Napoleons Feldzug nach Italien mit der gleichen Geschwindigkeit in Pferdestärke wie der Cäsars von Italien nach Gallien vonstatten ging, ändert die Einführung der Dampflok die Fortbewegungsgeschwindigkeit so grundlegend, dass Ärzte sogar als Reaktion auf die erste Fahrt 1835 von Fürth nach Nürnberg meinten, der menschliche Körper sei für einen derart raschen Ortswechsel von ca. 60 km/h nicht geschaffen. Wie wir heute wissen, hält der menschliche Körper weit höhere Geschwindigkeiten problemlos aus: Züge fahren mit über 300 km/h, Flugzeuge erreichen noch größere Geschwindigkeiten, ganz zu schweigen von den Trägerraketen der Weltraumfahrt.
Die Modernisierung erfasste alle Bereiche des menschlichen Lebens: von der Fortbewegung in der Technik, über die Naturwissenschaften und die Medizin bis in den sozialen Bereich. Auch die Religion bekam diese Veränderungen zu spüren und musste darauf reagieren. Wer weltweit mithalten wollte, hatte sich – so die allgemeine Überzeugung – auf diesen Weg zu begeben. In Europa war man daher davon überzeugt, dass alle auf der Welt, wollten sie nicht zurückbleiben, irgendwie vom europäischen Zentrum abhängig wären und seinem Beispiel zu folgen hätten. Dass diese Modernisierungen jedoch nicht überall gleich verliefen, sondern es – wie N. S. Eisenstadt sagt – zu multiple modernities gekommen ist, hat sich als Erkenntnis in der europäisch-nordamerikanischen Wissenschaft erst langsam durchgesetzt. Lutz Berger schreibt darüber in seinem Beitrag in diesem Band: »Für Eisenstadt ist die Vielfältigkeit der Moderne insbesondere ein Ergebnis des Fortlebens lokaler kultureller Traditionen, die in unterschiedlicher Weise in das ursprünglich europäische Projekt der Moderne eingebaut wurden. Die Entstehung vielfältiger Modernen ist aber genauso ein Produkt des eben erwähnten Umstandes, dass Modernen außerhalb von Westeuropa und Nordamerika exogen und im Regelfall nachholend entwickelt wurden. Zudem liefen Prozesse der Modernisierung, die in Westeuropa ineinandergriffen, in der muslimischen Welt unabhängig voneinander und zeitversetzt ab.«
Dies zu dokumentieren und in seiner Vielgestaltigkeit zu zeigen, also den weltweiten Modernisierungswillen und seine lokalen Umsetzungen gleichermaßen im Blick zu haben, ist das Anliegen dieses dritten Bandes. In Form von drei Schwerpunkten wird dies hier thematisiert. Auf ihre Darstellung anhand entsprechender Unterkapitel folgt ein kurzer Blick auf die Richtungsvielfalt in der innerislamischen Diskussion sowie auf die Wahrnehmung des Islam in der nichtislamischen Welt und Öffentlichkeit. Ein Hinweis zur Umschrift und Bibliographie sowie ein Dank schließen diese Einleitung ab.
1 Drei Schwerpunkte
Der erste Schwerpunkt behandelt regionale Darstellungen:
Lutz Berger konzentriert sich in seinem Beitrag: »Europa und der Orient« vornehmlich auf den türkisch-persisch-arabischen Raum. Er behandelt die Thematik in Anlehnung an S. N. Eisenstadts multiple modernities so, dass er die für die Region jeweils eigenen Entwicklungen aufzeigt, also Verstädterung ohne damit einhergehende Industrialisierung, sozialer Wandel durch Rückgang der Kindersterblichkeit, Modernisierung ohne Säkularisierung u. a.m. Er unterteilt die letzten 200 Jahre in vier Abschnitte, die für die Entwicklung typisch sind: der Vordere Orient von 1800–1870; die Hochphase des Imperialismus von ca. 1870 bis ca. 1925; die Zeit des Nationalismus von ca. 1925 bis 1970; nach 1967: Klientilismus und Islamismus. Ganz zum Schluss wird der Blick ausgeweitet: auf Afrika südlich der Sahara sowie auf Zentral-, Süd- und Südostasien bis hin nach Malaysia und Indonesien, wo ähnliche Entwicklungen stattgefunden haben, ohne dass alles einfach mit dem vorher Besprochenen gleichgesetzt werden kann und darf.
Roman Loimeier behandelt den »Islam in Afrika südlich der Sahara – als Mehrheitsgesellschaft wie als Minderheit«. Er zeigt an konkreten Beispielen sehr anschaulich, wie regionale und transregionale Einflüsse zu unterschiedlichen Auseinandersetzungen unter Muslimen sowie zwischen dem Islam und anderen Religionen im Lande oder auch als Antwort der Religion auf die kolonialen und postkolonialen Nationalstaaten geführt haben.
Jamal Malik führt in seinem Beitrag: »Islam in Südasien: Zwischen Kalifatsbewegung und religiöser Gewalt (ca. 1920–2018)« seine historische Abhandlung aus Band 2 zum indischen Subkontinent fort, konzentriert sich nun auf Pakistan und zeigt, wie aus einem ursprünglich für Muslime konzipierten Land ein islamischer Staat geworden ist. Zudem kommt er auch auf die anders gelagerten Umsetzungen islamischer Identität in Bangladesh und Indien zu sprechen, sodass insgesamt ein recht facettenreiches Bild des Islam in dieser Weltregion entsteht, das sich nicht auf einen einheitlichen Nenner bringen lässt.
Fritz Schulze erweitert mit seinem Beitrag: »Islam in Südostasien« das Spektrum eines keineswegs homogenen Islam mit Blick auf Indonesien. Er zeigt, wie konservative Kreise, teils sogar terroristische Gruppen, einen islamischen Staat dort errichten wollten und als dies misslang, sich auf die Schariatisierung der Gesellschaft verlegten, aber am Widerstand liberaler Auslegungen des Islam gescheitert sind. Dennoch sind die Auseinandersetzungen, welcher Islam letztendlich die Richtung vorgeben wird, noch voll im Gange und verunmöglichen vorherzusagen, welchen Weg Indonesien zukünftig wählen wird.
Albrecht Fuess rundet das facettenreiche Bild des Islam in der Gegenwart mit seinem Beitrag: »Islam in der Diaspora« ab. Je nach Weltgegend (Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland, Europa) stehen die Muslime vor sehr unterschiedlichen Problemen und Herausforderungen, die zu recht unterschiedlichen Antworten in den einzelnen Ländern führen. Dadurch wird die Palette islamischer Existenzformen noch vielfältiger, als es die Beiträge zu Ländern mit islamischen Bevölkerungsmehrheiten erwarten ließen, ohne dass damit die ganze Breite der Möglichkeiten vollständig abgedeckt wäre. Diesbezüglich genügt es, nur an die verschiedenen »Islame« in Russland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu erinnern, um weitere Ausdrucksformen von Muslim-Sein ins Gespräch zu bringen.
Manfred Hutter behandelt die Religionen, die nicht aus dem Islam hervorgegangen sind. Da das Thema für die Welt des Islam jeden hier gesetzten Rahmen sprengen würde, geht er exemplarisch vor. Er spricht über Ägypten, den Irak, den Iran und den Libanon. Die von ihm erwähnten Religionen sind das Judentum, die verschiedenen regionalen wie überregionalen christlichen Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie vornehmlich nur lokal relevante Religionsgemeinschaften wie die der Yeziden, Mandäer und Zoroastrier. Es wird deutlich, dass es einerseits eine durch den Islam vorgegebene Art des Umganges mit Angehörigen anderer Religionen gibt, dass aber dieser in den einzelnen Nationalstaaten – weit über den vorderorientalischen Rahmen hinaus – durch lokale wie überregionale andere Gesichtspunkte verändert und geprägt wird, sodass die Realität weit vielgestaltiger ist als die diesbezügliche Theorie.
Der zweite Schwerpunkt ist Theologie, Philosophie, Recht und Kultur gewidmet.
In »Islamische Theologie heute: Orte, Gesichter und Tendenzen« zeichnet Ömer Özsoy zunächst die Entstehung der islamischen Theologie und ihrer Disziplinen nach. Danach bietet er einen weit gespannten Überblick an ausgewählten Beispielen zum Spannungsfeld zwischen Erbe und Moderne über aktuelle Orte islamischer Theologie und ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Eingebundenheit, vor allem im indisch-pakistanischen Kontext, in der Arabischen Welt, in der Türkei, in ex-sowjetischen und ex-jugoslawischen Ländern sowie in Westeuropa und Deutschland.
In dem Beitrag »Muhammad als Vorbild. Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert und Typen der imitatio Muhammadi« zeigt Cüneyd Yildirim, dass trotz aller Kritik an traditionellen Ausprägungen des Islam und an einer starken Konzentration auf den Koran Muhammad noch immer für die meisten Muslime Vorbildfunktion hat. Allerdings sind die Typen der imitatio Muhammadi recht unterschiedlich. Sie reichen von der Nachahmung des Propheten im praktischen Vollzug der religiösen Pflichten über die peinlich genaue Beachtung aller Details in Alltagssituationen bis hin zu mystischen Formen im Wunsch, mit dem Wesen des Propheten eins zu werden, oder ihn als Leitbild für politisches Handeln zu sehen, sei es als Kämpfer wie ʿAbd al-Wahhāb gegen jede Form »fehlgeleiteter Frömmigkeit« oder wie Tariq Ramadan als ethisches Vorbild im Einsatz für einen menschenfreundlichen Umgang mit allen Menschen, für Gewaltlosigkeit, Demokratie und den interreligiösen Dialog.
Robert Langers Beitrag: »Innerislamische und Islam bezogene religiöse Minderheiten« verweist auf die sehr breit gefächerte Vielfältigkeit und Heterogenität, insbesondere hinsichtlich nicht-Scharia-orientierter Gemeinschaften einerseits und anderer »non-konformistischer« Religionstraditionen in mehrheitsislamischen Kontexten. Sie sind dort entstanden und konnten sich unter dem Dach des Islam eigen- wenn auch nur randständig entwickeln. Dies gilt für arabischsprachige Gruppen wie die Alawiten (Nusairī/ʿAlawīyūn) oder die Drusen ebenso wie für die Gruppen aus iranisch-türkischen Kontexten wie die Aleviten, Schabak, die Kākāʿi oder die Ahl-e Ḥaqq (Yāresān). Je nach Interesse und Vorkenntnissen der sie untersuchenden wissenschaftlichen Disziplinen werden sie – wie der Beitrag zeigt – unterschiedlicher religiöser bzw. weltanschaulicher Herkunft zugeordnet. Erst im 19. Jahrhundert ist es zur Bildung von sich unabhängig vom islamischen Kontext entwickelnden, aus dem Islam hervorgegangenen Religionsgemeinschaften wie dem Babismus und der Bahai-Religion sowie zur sich selbst als islamisch verstehenden, vom Mainstream des Islam aber als islamisch abgelehnten Aḥmadiyya gekommen.
»Themen und Orte nahöstlicher Philosophie (19.-20. Jahrhundert)« von Anke v. Kügelgen zeigt, wie in zunehmendem Maße die Philosophie im Nahen Osten und Nordafrika an Bedeutung gewinnt und sich viele – u. a. angeregt durch ihre Studien in Europa – damit auseinandersetzen und teilweise sehr eigene Wege gehen. Diese Denkansätze sind bislang im Westen noch wenig zur Kenntnis genommen worden und verdienen eine stärkere Rezeption und Auseinandersetzung damit.
»Themen und Orte des islamischen Rechts im 20./21. Jahrhundert« von Hakki Arslan geht davon aus, dass die Auseinandersetzung des Islam mit der Moderne, vor allem mit dem Kolonialismus und der neuen Realität von Nationalstaaten, sowie die Einführung westlichen Rechts und die Kodifikation des islamischen Rechts nach europäischen Vorbildern in den meisten Staaten mit islamischer Bevölkerungsmehrheit die Scharia und die islamischen Gelehrten marginalisiert haben. Die Kodifizierung hat bewirkt, dass das islamische Recht als etwas Fixes wahrgenommen wurde, was zu einer Erstarrung und Konservierung des zuvor durchaus dynamischen Rechtsstoffes geführt hat. Es kam zu einer dynamischen Auslegung der traditionellen Rechtsquellen jenseits der Rechtsschulen. Zudem machte infolge des Buchdrucks die Veröffentlichung bislang unbekannter Texte aus der Vergangenheit neue Interpretationsansätze bekannt. Der Iğtihād wurde neu belebt, die Folge waren innerislamische Rechtsvergleiche, ein kollektiver Iğtihād und die Entstehung von Fatwa-Gremien mit hoher Fachkompetenz sowie unterschiedliche Schwerpunkte für die Länder, wo die Muslime in der Minderheit sind, und die, wo sie die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Es kam zu einer Fülle von Ansätzen wie Traditionalismus, Reformismus, Modernismus, Islamismus, Salafismus oder Liberalismus, die miteinander in Konkurrenz stehen. Abgesehen von radikalen und extremistischen Positionen sind dabei zwei Kriterien von besonderer Bedeutung, die es miteinander zu vereinbaren gilt: die Islamizität, also die Betonung des spezifisch Islamischen, bei gleichzeitiger Beachtung der Praktikabilität, d. h. der konkreten Umsetzbarkeit der Prinzipien.
Peter Heines Beitrag: »Kulturgeschichte muslimischer Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert« behandelt Musik, Bildende Kunst (Kalligraphie und Malerei, einschließlich der Thematik Frauen als Kunstschaffende) und Sport. Er vermittelt dadurch ein Bild gelebter Wirklichkeit, das mit dem oft in der deutschen Islamdebatte vermittelten Eindruck einer ausschließlich am Koran und der Glaubenslehre orientierten Lebensweise wenig gemeinsam hat.