Kitabı oku: «Kritische Gerontologie»

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Die Herausgeber/-innen

Prof. Dr. habil. Kirsten Aner ist Professorin für Lebenslagen und Altern des Fachbereichs Humanwissenschaften der Universität Kassel.

Prof. Dr. habil. Klaus R. Schroeter ist Professor für Soziale Arbeit und Alter und Leiter des Schwerpunktes »Menschen im Kontext von Alter« an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW (Olten, Schweiz).

Kirsten Aner/Klaus R. Schroeter (Hrsg.)

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-031923-3

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-031924-0

epub: ISBN 978-3-17-031925-7

Autor/-innen

Amrhein, Ludwig, Dr. phil., Jg. 1966, Vertretungsprofessor an der Fachhochschule Dortmund. Arbeitsschwerpunkte: Alters- und Lebenslaufsoziologie, Kulturgerontologie, Soziologie der Altenpflege, Kommunale Seniorenpolitik. Kontakt: ludwig.amrhein@fh-dortmund.de

Aner, Kirsten, Prof. Dr. rer.pol., Jg. 1963, Professorin für Lebenslagen und Altern an der Universität Kassel. Arbeitsschwerpunkte: Kritische Gerontologie, Sozialarbeit/Sozialpädagogik der Lebensalter, Soziale (Alten-)Arbeit, Theorien, Felder und Organisationen der Sozialen Arbeit, Professionalität und Interdisziplinarität. Kontakt: aner@uni-kassel.de

Brauer, Kai, Prof. Dr. phil., Jg. 1965, Soziologe, Fachgebiet Sozialraumentwicklung (HS Neubrandenburg), Alternsforschungszentrum IARA (FH Kärnten). Arbeitsschwerpunkte: Communities, Lebenslauf und Altern, Ageism, Zivilgesellschaft, Sozialkapital, Transdisziplinarität. Kontakt: brauer@hs-nb.de

Dosch, Erna, Dr. phil., Jg. 1966, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Kassel. Arbeitsschwerpunkte: Soziale Gerontologie, Alter(n) und Gender, Methoden der Sozialen Arbeit (z. B. biografisches Arbeiten, Personzentrierte Beratung, Arbeit mit Gruppen, Community Work), Theorien Sozialer Arbeit. Kontakt: dosch@uni-kassel.de

Falk, Katrin, Politikwissenschaft und Soziologie M. A., Jg. 1976, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gerontologische Forschung e. V. (IgF). Arbeitsschwerpunkte: qualitative Methoden in der Pflege- und Versorgungsforschung, Lebenslagen alter Menschen, Soziale Gerontologie. Kontakt: falk@igfberlin.de

Grates, Miriam, Gerontologin M.Sc. und Sozialarbeiterin B.A., Jg. 1987, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialstruktur und Soziologie alternder Gesellschaften an der Technischen Universität Dortmund. Arbeitsschwerpunkte: Alter(n), Gesundheit und soziale Ungleichheit im Kontext der Digitalisierung, partizipative Technikentwicklung, Kritische Gerontologie. Kontakt: miriam.grates@tu-dortmund.de

Heming, Ann-Christin, Alternde Gesellschaften M.A., Soziale Arbeit B.A., Jg. 1989, Sozialpädagogin im Klinikum Westmünsterland. Arbeitsschwerpunkte: soziale und gesundheitliche Ungleichheiten im Alter, Soziale Arbeit im Krankenhaus, Partizipation in alternden Gesellschaften. Kontakt: hemingac@gmail.com

Kollewe, Carolin, Prof. Dr. phil., Jg. 1973, Professorin für Sozialwissenschaftliche Technikforschung an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Arbeitsschwerpunkte: Alter/Technik/Pflege, Alter/Migration/Care, Kritische Gerontologie, Cultural Gerontology, Science and Technology Studies. Kontakt: carolin.kollewe@h2.de

Rüßler, Harald, Prof. Dr. rer. pol., Jg. 1951, (Senior-)Professor für Sozial- und Politikwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund. Arbeitsschwerpunkte: Stadt- und Quartiersentwicklung, Partizipation, Soziale Altenarbeit, Kritische Gerontologie, Arbeitssoziologie, sozialer Wandel. Kontakt: harald.ruessler@fh-dortmund.de

Schroeter, Klaus R., Prof. Dr. phil. habil, Jg. 1959, Soziologe, Professor für Soziale Arbeit und Alter und Leiter des Schwerpunkts Menschen im Kontext von Alter an der Hochschule für Soziale Arbeit, FHNW in Olten (CH). Arbeitsschwerpunkte: Soziologische Theorien, Alterssoziologie, Körpersoziologie, Kritische Gerontologie. Kontakt: klaus.schroeter@fhnw.ch

Vukoman, Marina, M.A. Soziale Arbeit, Jg. 1984, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik der Universität Duisburg-Essen. Arbeitsschwerpunkte: Soziale Altenarbeit, informelle Pflege, Sozialraum, Altersbilder, Arbeitslosigkeit, Qualitative Methoden, Deutungsmuster(-analyse). Kontakt: marina.vukoman@uni-due.de

Inhalt

1  Autor/-innen

2  1 Zur Einführung

3 Kirsten Aner & Klaus R. Schroeter

4  2 Zur historischen Entwicklung der Kritischen Gerontologie

5 Klaus R. Schroeter

6  2.1 Vorbemerkungen

7  2.2 Von der Radikalen Gerontologie …

8  2.3 … zur Politischen Ökonomie des Alterns

9  2.4 … und ihrer weiteren Entwicklung

10  2.5 Was ist Kritische Gerontologie?

11  2.6 Fazit

12  3 Zu den Prämissen Kritischer Gerontologie

13 Kirsten Aner

14  3.1 Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie im Kontext der Gerontologie

15  3.2 Kritische Gerontologie und Gesellschaft

16  4 Zu ausgewählten Ansätzen der Kritischen Gerontologie

17  4.1 Political Economy of Aging

18 Marina Vukoman & Ann-Christin Heming

19  4.2 Alter als Stigma

20 Kai Brauer

21  4.3 Ageism

22 Katrin Falk

23  4.4 Humanistic Gerontology

24 Miriam Grates

25  4.5 Narrative Gerontology

26 Ludwig Amrhein

27  4.6 Feministische und intersektionale Ansätze

28 Erna Dosch

29  4.7 Foucauldian Gerontology

30 Klaus R. Schroeter & Harald Rüßler

31  4.8 Kulturwissenschaftliche Perspektiven

32 Carolin Kollewe

33  4.9 Kritisch gerontologische Ansätze im Vergleich

34 Kirsten Aner

35  5 Zur Kritischen Gerontologie im Kontext Sozialer (Alten-)Arbeit

36 Kirsten Aner

37  5.1 Soziale Arbeit und Alter

38  5.2 Soziale (Alten-)Arbeit und (Kritische) Gerontologie

39  5.3 Fazit

1 Zur Einführung
Kirsten Aner & Klaus R. Schroeter

»[W]ie müßte eine Gesellschaft beschaffen sein, damit ein Mensch auch im Alter ein Mensch bleiben kann? Die Antwort ist einfach: er muß schon immer als Mensch behandelt worden sein.« (de Beauvoir, 1978, S. 466)

Könnte man nicht meinen, damit sei alles Nötige zur Kritischen Gerontologie gesagt?!

Die hier vorliegende Einführung in die Kritische Gerontologie soll dieses Postulat um wissenschaftliche Überlegungen erweitern. Ein Ausgangspunkt der Beschäftigung mit Kritik bzw. kritischer Wissenschaft ist für viele der am wissenschaftlichen Diskurs Beteiligten ein Zeitschriftenbeitrag von Horkheimer (1988 [1937]), in dem er die »kritische« Theorie einer »traditionellen« gegenüberstellt. Dieser Beitrag beruht auf seiner Einschätzung der Entwicklung der Geistesgeschichte seit Hegel. Er beschreibt ein folgenschweres Auseinanderdriften von philosophischem Denken und empirischer Forschung, ein arbeitsteiliges Nebeneinander von »zeitgenössischer Methaphysik« und »Szientismus«. Losgelöst von philosophischer Selbstvergewisserung verkomme die Erkenntnis der Wirklichkeit zu einer bloßen Tatsachenforschung. Eine derart »positivistische« Wissenschaft, die sich selbst als jenseits aller Interessen begreift, bezeichnet er als »traditionelle« Theorie. Sie sei nicht in der Lage, die Gesellschaft an einer übergreifenden Idee der Vernunft zu messen. Ihr stellt Horkheimer die »kritische« Theorie gegenüber, die sich des eigenen sozialen Entstehungszusammenhangs wie auch ihres praktischen Verwendungszusammenhangs permanent vergewissert.

Um zu zeigen, wie sich diese von Horkheimer grundlegend formulierte und später von der sog. Frankfurter Schule weiterentwickelte erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung in der Altersforschung niederschlug, skizziert Klaus R. Schroeter im zweiten Kapitel die historische Entwicklung der Kritischen Gerontologie in groben Umrissen. Dabei wird das andauernde Ringen um eine Antwort auf die Frage deutlich, was unter Kritischer Gerontologie zu verstehen sei – ein Prozess, der gerade in seiner Unabgeschlossenheit der Forderung Horkheimers entspricht, dass sich (kritische) Wissenschaftler/-innen der eigenen Position in der Gesellschaft ständig bewusst bleiben müssen.

Das dritte Kapitel führt vor dem Hintergrund der Permanenz und Vielgestaltigkeit des Diskurses über Definitionen einer Kritischen Theorie zunächst in die Prämissen ein, die wir der Auswahl der nachfolgenden Beiträge zur Kritischen Gerontologie zugrunde legen. Dabei folgt Kirsten Aner Überlegungen von Baars (1991), der die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Gemeinsamkeit der diversen Ansätze in ihrer Sensibilität für die soziale Konstitution der Wissenschaft sieht. Dieses um die Frage nach dem Subjekt- und Gesellschaftsbezug erweiterte Kriterium leitete uns bei der Auswahl der in diesem Band vorgestellten Ansätze in der Kritischen Gerontologie. Sie werden hier anhand von Schlüsseldokumenten vorgestellt, die jeweils stellvertretend für einen Ansatz stehen.1

Im sich anschließenden vierten Kapitel referieren und diskutieren verschiedene Beitragsautorinnen und -autoren die ausgewählten Dokumente entlang folgender Gliederung: Kurzdefinition des Ansatzes, Kurzportrait der Verfasser/-innen des Schlüsseldokuments, Kernaussagen des Textes (Ausgangspunkt und Argumentation), Ergänzungen (aus weiteren Texten des Autors/der Autorin sowie anderer, ähnlich oder ggf. auch kontrovers argumentierender, Autor/-innen), Grenzen und offene Fragen des jeweiligen Ansatzes. Ann-Christin Heming und Marina Vukoman befassen sich mit der ›Political Economy of Aging‹. Kai Brauer widmet sich dem Ansatz, der Alter als ›Stigma‹ fasst. Katrin Falk zeichnet für die Skizze des Ansatzes ›Ageism‹ und Mariam Grates für die der ›Humanistic Gerontology‹ verantwortlich. Ansätze der ›narrativen Gerontologie‹ stellt Ludwig Amrhein vor, ›feministische‹ und ›intersektionale‹ Ansätze Erna Dosch. Klaus R. Schroeter und Harald Rüßler befassen sich mit ›Foucauldian Gerontology‹. In die ›kulturwissenschaftlichen‹ Perspektiven führt Carolin Kollewe ein. In einem weiteren Unterkapitel fasst Kirsten Aner die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Ansätze hinsichtlich ihrer jeweiligen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Positionen sowie ihres Subjekt- und Gesellschaftsbezugs zusammen.

Das fünfte Kapitel widmet sich einem ausgewählten praktischen Verwendungszusammenhang. Kirsten Aner skizziert exemplarisch im Kontext Sozialer Arbeit mit älteren Menschen, wie Kritische Gerontologie für eine Praxis bedeutsam werden kann.

Anliegen des Bandes ist, Studierenden der Sozial- und Verhaltenswissenschaften und der Sozialen Arbeit, Wissenschaftler/-innen dieser Disziplinen und Fachleuten in der Praxis einen ersten Überblick über die Kritische Gerontologie zu bieten. Der Überblick anhand ausgewählter Schlüsseldokumente kann nur ein erstes Hilfsmittel sein, um den Einstieg in die Auseinandersetzungen mit der Kritischen Gerontologie zu erleichtern. Die Lektüre der Originaltexte kann und soll er nicht ersetzen.

Wir verzichten im Rahmen dieser Einführung auf den Anspruch einer vollständigen Erfassung kritisch gerontologischer Zugriffe auf das Alter. Unser Blick bleibt weitgehend auf die Kritische Gerontologie in der Tradition angloamerikanischer Sozialforschung beschränkt. Außen vor bleiben Autor/-innen, die sich selbst nicht dem einschlägigen Diskurs zuordneten, deren Überlegungen darin wenig rezipiert wurden, die gleichwohl durchaus als kritisch gerontologisch gelesen werden könnten. Die hier ausgewählten einzelnen Ansätze oder Strömungen innerhalb der Kritischen Gerontologie werden nicht en detail vorgestellt, sondern lediglich anhand eines jeweiligen Schlüsseldokuments diskutiert. Dabei bleiben notwendigerweise viele Facetten und Kontroversen unberücksichtigt. Die hier vorgestellten Autorinnen und Autoren werden nicht im Kontext ihres gesamten Œuvres, sondern nur über einen ihrer zumeist mehreren oder vielen Beiträge zur Kritischen Gerontologie wahrgenommen und gewürdigt. Andere Vertreterinnen und Vertreter, die für den einen oder anderen hier genannten Pfad der Kritischen Gerontologie stehen, werden von den Beitragsautoren/-innen unter dem Stichwort »Ergänzungen« erwähnt, manche bleiben ungenannt.

Danksagung

Wir teilen die Auffassung des Bourdieu-Schülers Loïc Wacquant (1996), wissenschaftliche Reflexivität sei ein »kollektives Unternehmen und nichts, was dem Wissenschaftler individuell aufzubürden wäre« (ebd., S. 63).2 Der hier vorliegende Band stellt einen kollektiven Versuch dar, zu einer kritischen Reflexivität in Gerontologie und Sozialer Altenarbeit beizutragen. Es ist uns deshalb ein wichtiges Anliegen, allen zu danken, die daran beteiligt waren.

Die Idee zu diesem Buch ist auf dem 14. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) im September 2016 in Stuttgart entstanden, konkret nach einer kontroversen Diskussion bei einem Symposium zum Thema »Gerontologische Konzepte und Kritische Gerontologie«, das vom Arbeitskreis Kritische Gerontologie der DGGG3 vorbereitet worden war. In der Diskussion wurden neben den üblichen Fragen und übereinstimmenden Positionen auch Missverständnisse offensichtlich, die es miteinander und im Interesse der Gerontologie zu klären galt (und weiter gilt). Wir danken deshalb allen Organisator/-innen und Teilnehmer/-innen des Symposiums, die mit ihren Fragen und Anmerkungen den Anstoß zu diesem Band gaben. Dank gilt auch den ›fragenden‹ Studierenden an unseren beiden Hochschulen. Vor allem aber sind wir den Beitragsautor/-innen zu Dank verpflichtet, die sich intensiv mit jeweils einem der von uns ausgewählten Ansätze befassten und sich darauf einließen, die Fülle der dabei gewonnenen Erkenntnisse in komprimierter Form darzustellen. Ohne die gemeinsame Arbeit hätte die Idee nicht umgesetzt werden können.

Zu danken haben wir auch Sabine Stange für ihre Korrekturen im Manuskript sowie Kathrin Kastl als Lektorin des Kohlhammer Verlags.

Literatur

de Beauvoir, S. (1978). Das Alter. Reinbek: Rowohlt.

Hammerschmidt, P., Aner, K. & Weber, S. (2017). Zeitgenössische Theorien Sozialer Arbeit. Weinheim & München: Beltz Juventa.

Horkheimer, M. (1988 [1937]). Traditionelle und kritische Theorie. In A. Schmidt & G. Schmidt Noerr (Hrsg.), Max Horkheimer. Gesammelte Schriften (S. 162–225). Frankfurt: Fischer.

Schultheis, F. (2019). Unternehmen Bourdieu. Ein Erfahrungsbericht. Bielefeld: transcript.

Wacquant, L. (1996). Auf dem Weg zu einer Sozialpraxeologie. Struktur und Logik der Soziologie Pierre Bourdieus. In P. Bourdieu & L. Wacquant. Reflexive Anthropologie (S. 17–93). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

1 Diese Konzeption geht auf eine Idee von Peter Hammerschmidt zurück, die er für den Band »Zeitgenössische Theorien Sozialer Arbeit« (Hammerschmidt et al., 2017) entwickelt hat und die wir dankenswerterweise übernehmen durften.

2 Zu Idee und Praxis des »kollektiven Intellektuellen« im Schaffen Bourdieus vgl. Schultheis 2019.

3 Heute: Fachausschuss Kritische Gerontologie der DGGG.

2 Zur historischen Entwicklung der Kritischen Gerontologie
Klaus R. Schroeter
2.1 Vorbemerkungen

›Kritische Gerontologie‹ ist ein Label, das mitunter eingesetzt wird, um einen Unterschied zur ›herkömmlichen‹, ›traditionellen‹ oder ›instrumentellen‹ oder auch ›angewandten‹ Gerontologie zu markieren. Sie wendet sich gegen die Vorstellung, dass die ›Wahrheit‹ über das Altern objektiv zu messen sei, und gegen das Vorhaben, den Prozess des Alterns durch den Erwerb solch eines Wissens zu kontrollieren (vgl. Jamieson & Victor, 1997, S. 177). Sie versteht sich als Antonym zur konventionellen Altersforschung, die einen Beitrag zur Reifikation des Status quo leiste, indem sie nicht nur die Werkzeuge liefere, um menschliches Verhalten vorherzusagen und zu kontrollieren, sondern auch professionelle Interventionen legitimiere und damit Herrschaftsformen in Theorie und Praxis verstärke (vgl. Moody, 1988b, S. 33). Eine solche Sicht hat jedoch ihre Tücken, weil damit eine Grenze zwischen ›kritischer‹ und nicht kritischer oder ›unkritischer‹ Gerontologie gezogen wird. Und so mahnen auch Vertreterinnen und Vertreter der Kritischen Gerontologie davor, unnötige Gräben zu ziehen:

Stephen Katz hat es als einen der Augenöffner in seinem Leben als »selbstcharakterisierter kritischer Gerontologe« (Katz, 2015, S. 30)4 bezeichnet, als er in der Diskussion zu seinem Beitrag über Gerontologie und kritische Theorie auf einem Symposion von einem Kollegen eindringlich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Gerontologen schon immer kritische Denker gewesen seien und seit Jahrzehnten soziologische Ideen über soziale Ungleichheit und politische Ökonomie in die Gerontologie eingeführt hätten, ohne sich selbst als kritische Gerontologen zu bezeichnen (vgl. ebd., S. 30). Victor Marshall hatte zuvor beklagt, dass Kritische Gerontologen viel Zeit darauf verwenden, andere zu kritisieren und er sich selber nicht als kritischen Gerontologen betrachte, »weil ich die von vielen, die sich selbst so bezeichnen, eingenommene Haltung ablehne, die so viel gute Arbeit kritisiert. Ich schätze Arbeiten, und arbeite an einigen, die von vielen kritischen Theoretikern verurteilt würden, weil sie in den positivistischen Forschungsmodus fallen, Forschungen, die meiner Meinung nach einen Unterschied gemacht haben« (Marshall, 2009, S. 652). Insofern sei die Kritische Gerontologie in den Worten von Holstein und Minkler gut beraten, sich mit der traditionellen Sozialgerontologie in einer »ernsthaften, aber respektvollen Kritik« auseinanderzusetzen, da »da wir [i.e. Holstein und Minkler, K.R.S.] ähnliche Ziele, aber unterschiedliche Ansätze, Wissensquellen und erkenntnistheoretische Positionen verfolgen« (Holstein & Minkler, 2007, S. 13). In ähnlicher Weise hatte Moody davon gesprochen, dass die Kritische Gerontologie »keine Feindseligkeit oder Polemik fördern (muss), aber sie sollte oppositionell sein und bewusst unbequeme Fragen über die Hegemonie von Theorie und Methoden in der Mainstream-Gerontologie stellen« (Moody, 1993, S. XXI).5

Den Ursprung der Kritischen Gerontologie zu finden, ist kein leichtes Unterfangen. Mit etwas Phantasie könnte man ihn auch gleich in der Gründungsphase der Gerontologie suchen, als der kanadisch-amerikanische Biologe Edmund Vincent Cowdry (1888–1975)6 im Anschluss an die 1937 in Woods Hole, Massachusetts, durchgeführte erste wissenschaftliche Konferenz zum Altern das berühmt gewordene »Problems of Ageing« (Cowdry, 1939) herausgab. Cowdry hatte früh erkannt, dass es neben der damals gerade beginnenden Erforschung der »rein physikalischen, chemischen und biologischen Mechanismen des Alterns … riesige Felder gibt, die noch völlig unerforscht sind« und dass »unsere Unkenntnis über die psychiatrischen, emotionalen und soziologischen Aspekte des Alterns (fast ebenso groß ist)« (Cowdry, 1940, S. 53). In diesem Sinne hatte auch der damals 80-jährige John Dewey in seiner Einleitung zu »Problems of Ageing« in durchaus kritischer Sicht darauf hingewiesen, dass die biologischen Prozesse zwar die Wurzeln der Probleme und der Methoden zu ihrer Lösung seien, diese aber in wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kontexten stattfinden und untrennbar mit diesen Kontexten verwoben sind, so dass einer auf den anderen in allerlei komplizierter Weise reagiert (Dewey, 1939, S. xxvi, zit. nach Achenbaum, 1995, S. 72; vgl. Dewey, [1939] 1988).7

Heute käme wohl kaum jemand auf die Idee, die Kritische Gerontologie mit den Anfängen der sozialwissenschaftlichen Alternsforschung in Zusammenhang zu bringen, als Anfang der 1940er Jahre das US-amerikanische Committee on Social Adjustment des Social Science Research Council einen Unterausschuss zum Alter (Subcommittee on Social Adjustment in Old Age) bildete (vgl. Young, 1941; Pollak, 1948) und unter der Leitung von Ernest W. Burgess und Robert J. Havighurst – freilich im Duktus des damals vorherrschenden Funktionalismus – die ersten Studien dazu entstanden (vgl. Cavan et al., 1949). Das würde heute vermutlich niemand unter dem Begriff der Kritischen Gerontologie fassen, es war aber zu dieser Zeit ein durchaus kritischer Beitrag, in dem die Interaktionsformen und Anpassungsprobleme an das späte Leben analysiert wurden. Cavan et al. hatten immerhin herausgearbeitet, dass soziale Phänomene den Status der Älteren beeinflussen – unabhängig von ihrem biologisch-physischen Zustand. Und in damals kritischer Weise plädierten sie dafür, dass die Sozialwissenschaften ihre eigenen Instrumente zur Erforschung des Alters zu entwickeln und sie nicht bei den biomedizinischen Wissenschaften zu entlehnen hätten. Das klingt heute weniger kritisch, zumal wenn man weiß, wie sich aus diesen Forschungen im Weiteren ein Eck-Konzept der idealisierten Aktivität in der Altersforschung entwickelte (vgl. Katz, 2000, S. 137–139). Aber diese frühen sozialwissenschaftlichen Antworten auf die biologischen und medizinischen Erkenntnisse waren die ersten Meilensteile einer sozialen Gerontologie, die sich dann jedoch einer zunehmenden Kritik aus den eigenen Reihen zu stellen hatte und den Vorwurf gefallen lassen musste, dass ihre herkömmlichen theoretischen Perspektiven eine normative Voreingenommenheit zur Anpassung alternder Menschen an die Gesellschaft widerspiegelt, die durch die methodischen Vorbehalte der meisten Gerontologen verstärkt würde (Marshall und Tindale, 1979, S. 163).

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
18 aralık 2025
Hacim:
271 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783170319257
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