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Der Zirkel des Fragens (Kevin Drews)
I.
„Was denn? fragte ich neugierig. – ‚Wer denn? sollst du fragen.‘ Also sprach Dionysos und schwieg darauf, in der Art, welche ihm zu eigen ist, nämlich versucherisch.“1 – Das Versucherische, das Friedrich Nietzsche in diesem Fragment aus dem Jahre 1885 dem Schweigen des Dionysos anschreibt, resultiert aus einer folgenreichen Verschiebung des Fragemodus. Die Substanz-Frage Was ist …? wird ersetzt durch die Perspektiv-Frage Wer …?, die sich auf denjenigen ausrichtet, der spricht und die Frage stellt (→ Einleitung). Provokativ ist das Versucherische zudem, weil es in der Schwebe lässt, ob es sich in der Verschiebung um eine gefährliche Versuchung als Verführung oder um einen aussichtsreichen Versuch als Experiment eines anderen Fragens handelt. Zwischen Schweigen und Sprechen, Passivität und Aktivität, Reaktion und Aktion wirft die Verschiebung den Fragenden in die Frage zurück, betrifft ihn unmittelbar und macht so die Reflexion des Ortes und der Perspektive des Fragenden zum dringlichen Problem. Der französische Philosoph Gilles Deleuze hat in seinem Buch über Nietzsche darauf aufmerksam gemacht, dass sich diese Verschiebung bei Nietzsche auf das „Perspektivische[…]“2 des Fragens aus der Einsicht ergibt, dass die Substanz-Frage „eine spezifische Art des Denkens voraussetzt3, die weder die mannigfaltigen Elemente zu berücksichtigen vermag, die als Erscheinungen nicht unter einem Allgemeinbegriff subsumierbar sind, noch die konstitutive Frage, „von welchem Blickwinkel aus“4 gedacht, gefragt, gesprochen wird, einbezieht. Die Urszene dieses Bild des Denkens als Befragung (Gilles Deleuze unterscheidet in seinen Arbeiten immer wieder kritisch zwischen interrogation und question5), das der Substanz bzw. dem Wesen nachspürt, findet sich bei Platon. Im Menon befragt Sokrates einen jungen Sklaven nach seinem Verständnis der Geometrie. Was als Zwiegespräch zwischen Menon und Sokrates beginnt, wird sehr schnell zu einer fragenden Prüfungssituation, deren hierarchisches Verhältnis trotz der von Sokrates immer wieder betonten eigenen Unwissenheit offensichtlich wird. Dasjenige, was Aron Ronald Bodenheimer in seinem Buch über die Frage Warum? als die Obszönität des Fragens bezeichnet,6 als den entlarvenden Gestus im Nur-Fragen-Stellen, wird in der Abfrage des Sokrates dann ganz deutlich, wenn er selbst zugeben muss, dass er den Knaben in „Verlegenheit […] und zum Erstarren, wie der Krampfrochen“7 gebracht hat. Entscheidender an dieser Urszene für den Zusammenhang von Fragen und dem vorausgesetzten Bild des Denkens ist vielleicht aber noch die Tatsache, dass die Antwort, die Lösung des Rätsels immer schon gegeben ist. Die Frage zielt hier nicht ins Offene dessen, was fraglich ist, sondern findet in der Anamnesis, in der wiedererinnerten Antwort als immer schon gegebenes Wissen ihren vorausgesetzten Schlusspunkt. Wenn in den platonischen Dialogen Was-ist-Fragen gestellt werden und die Gesprächspartner nicht mit einer allgemeinen Definition aufwarten, sondern nur unterschiedliche Beispiele für das in der Frage Gesuchte geben (bspw. Was ist das Schöne?), dann liegt das nicht zwangsläufig nur daran, dass die Antworten unzureichend sind: „Wenn man gefragt wird ‚Was ist das Schöne?‘, ist es zweifellos einfältig, zu zitieren, was schön ist, aber es steht keineswegs zweifelsfrei fest, ob die Frage ‚Was ist das Schöne?‘ nicht vielleicht selbst auch einfältig ist. Keineswegs ist sicher, daß sie legitimierweise und gut gestellt ist […].“8 In Nietzsches metaphysikkritischer Arbeit Menschliches, Allzumenschliches, mit der er selbst eine Krise im Denken (und in der Darstellungsform) überwindet,9 spricht er bereits einige Jahre vor dem oben zitierten Fragment die Konsequenz aus, die sich für ihn aus der Verschiebung im Fragen ergibt:
Mit einem bösen Lachen dreht er [der befreite, losgelöste Geist, K. D.] um, was er verhüllt, durch irgend eine Scham geschont findet: er versucht, wie diese Dinge aussehen, wenn man sie umkehrt. Es ist Willkür und Lust an der Willkür darin, wenn er vielleicht nun seine Gunst dem zuwendet, was bisher in schlechtem Rufe stand, – wenn er neugierig und versucherisch um das Verbotenste schleicht. Im Hintergrund seines Treibens und Schweifens – denn er ist unruhig und ziellos unterwegs wie in einer Wüste – steht das Fragezeichen einer immer gefährlicheren Neugierde. ‚Kann man nicht alle Werthe umdrehn?‘10
Das Kraftzentrum der Wer-Frage liegt im konstitutiven Perspektivismus, durch den der Fragende selbst der Versuchsanordnung im Denken ausgesetzt wird: „Die Frage ‚Wer?‘ bedeutet nach Nietzsche: etwas sei gegeben, welch Kräfte bemächtigen sich seiner, wessen Willen ist es untertan? Wer drückt sich aus, manifestiert sich, ja verbirgt sich in ihm?“11 Im Folgenden soll jedoch nicht diese Philosophie des Willens im Mittelpunkt stehen, sondern der Fragerichtung nachgespürt werden, die Nietzsche hier zugleich versuchsweise und versucherisch verschoben hat, um den Ort des Fragenden zu reflektieren. Die Verschiebung der Substanz-Frage zur Perspektiv-Frage ersetzt nicht nur eine Frageform durch eine andere, sondern rückt mit der Frage nach der konstitutiven Einbeziehung des Fragenden in die Frage sogleich die Verschiebung des Fragens durch die je perspektivisch bewegbare Blick- und Fragerichtung selbst in den Mittelpunkt: Die Frage nach dem Wer …? zeitigt eine grundlegende Reflexion darüber, wie sich das Fragen verschiebt, wenn es vom Ort des Fragenden, von seiner Konstitution und seinen spezifischen Denkvoraussetzungen ausgeht. Ich möchte daher damit beginnen, anhand eines künstlerischen Objekts, einer Rauminstallation, die in der Universitätsbibliothek Erfurt hängt, den Blick auf die Mehrdeutigkeit (→ A. Renker), die Probleme, ja vielleicht die Paradoxien des Verhältnisses von Fragen und Fragendem zu werfen, indem ich ein paar Fragen an dieses Kunstwerk richte. Es geht darum, die einfache lineare Bewegung von der Frage zur Antwort etwas durcheinander zu bringen, um so dem eigentümlichen Status des Fragens als Vollzugsform kritischer geisteswissenschaftlicher Arbeit auf die Schliche zu kommen.
II.
Steigt man im Foyer der Universitätsbibliothek Erfurt die Treppen zur ersten Etage hinauf, erreicht man nicht nur die Bücherregale der geisteswissenschaftlichen Disziplinen, sondern wird eher nebenbei und beim Abschreiten der Regale mit einer interessanten Installation des Künstlers Dietrich Förster konfrontiert.1 Von der Decke im Treppenauge hängen 7x7 rot lackierte Aluminiumrohre, die als Würfel arrangiert sind und sich in immer freieren Bewegungen nach oben aus einer klar strukturierten Ordnung lösen. Der Künstler kommentiert diese Bewegung folgendermaßen: „Wissenschaftlicher Fortschritt ist nur möglich, wenn es gelingt, das Fundament aus gesetzmäßig erfassbarer Ordnung zu verlassen, um in einer Art kreativem Höhenflug in noch unbekanntes Terrain vorzustoßen.“2 Für sich genommen scheint die Installation zunächst für diesen Anspruch an wissenschaftliches Arbeiten, an kritische Hinterfragung festgefügter Ordnungsmuster einen sehr gelungenen Ausdruck gefunden zu haben. Ein elementares Werkzeug dieses kreativen Vorstoßens ist dabei sicherlich das kritische Fragen, die Formulierung von Fragen, die die disziplinären Ordnungen der Dinge lockern und andere Anordnungsweisen ermöglichen. Allerdings verkomplizieren sich die Dinge, wenn man das Kunstwerk in seinem architektonischen Milieu kontextualisiert. Eine Rauminstallation steht niemals für sich allein, sondern interagiert notwendigerweise mit dem sie umgebenden architektonischen Raum. Berücksichtigt man dies, so kann festgestellt werden, dass man den besten Blick auf das Kunstwerk hat, wenn man sich auf der geisteswissenschaftlichen Etage der Universitätsbibliothek befindet. Dann aber beginnt Försters Installation nicht mit der starren Ordnung, um anschließend in immer freiere Bewegungen versetzt zu werden, vielmehr steht man am Treppenaufgang zunächst vor der freien Bewegung der Aluminiumrohre, die sukzessive in eine immer klarere Ordnung münden. Das Abschreiten der Installation steht also im umgekehrten Verhältnis zur diskursiven Beschreibung der Intention. Nun könnte man etwas böswillig mit Michel Foucaults Überlegungen zu institutionellen Disziplinierungsmechanismen behaupten, dass diese Umkehrung eine treffendere Metapher evoziert: Im Laufe des Studiums, das hier zugleich als sukzessives Abschreiten der Bücherregale (und damit als fortwährendes Akkumulieren von Wissensbeständen, d.h. als Bildungsgang) und der Rauminstallation versinnbildlicht ist, entstehen aus freien Denkern, kritisch Fragenden im doppelten Sinne disziplinierte, akademische Subjekte, die sich allmählich in feste Gefüge disziplinärer Anordnungen, abgegrenzter Zuständigkeiten, unbeweglicher Fragepositionen und -richtungen einreihen. Auf diese Lesart, die eher zu einer klassischen Institutionenkritik tendiert, möchten die folgenden Überlegungen aber gar nicht hinaus. Viel interessanter scheint die Interaktion von Kunstwerk und Bibliothek, wenn sie auf den strittigen, uneindeutigen Status kritischen Fragens in den Geisteswissenschaften bezogen wird. Dann gerät mit dieser Interaktion das Fragen selbst in eine eigentümliche Zwischenposition, in eine Zone, in der zwischen Anfang und Ende (→ S. Ludwig), zwischen Frage und Antwort als Zweck-Mittel-Relation keine klaren Grenzen zu ziehen sind, wodurch letztlich die Frage des anderen Anfangens, d.h. der anderen Fragerichtungen, der Verschiebung von disziplinären Frageausrichtungen selbst zur Disposition steht. Diese Ununterscheidbarkeit, oder besser: die Zirkularität des Fragens zwischen Anfang und Ende, Vorwärts und Rückwärts, Aktion und Reaktion, Bewegung und Stillstand scheint mir für das Nachdenken über kritisches Fragen in den Geisteswissenschaften ganz entscheidend. Sie betrifft denjenigen, der die Fragen stellt, den Denkenden in seiner perspektivischen Relation zu den Gegenständen, seine Haltung inmitten disziplinärer Anordnungen. Die Bestimmung von Anfang und Ende des Kunstwerkes in der Universitätsbibliothek Erfurt wird dann uneindeutig, wenn sie mit dem Raum in Beziehung gesetzt wird. Als Reflexionsmedium entfaltet es seine Kraft, wenn man die Frage nach Anfang und Ende zunächst unbestimmt lässt und den Fokus auf die gegenläufigen Bewegungen inmitten der räumlichen Anordnung legt, die dann stets eine Frage der sich verschiebenden Perspektive wird.
III.
Zunächst ließe sich probeweise behaupten, dass die Frage nach der Frage auch oder vor allem in den Geisteswissenschaften in einer konstitutiven Zirkelstruktur befangen zu sein scheint. Auch in Jacques Derridas grundsätzlichen Überlegungen zu den Vollzugsformen kritischer Arbeit an der Universität bleibt die Frage nach der „Autorität der Frage, die Form des Denkens als Befragung“1, oder wie es in seinem Buch über Heidegger, den Geist und die Frage heißt: das „Privileg des Fragens, der Frageform, des fragenden Wesens, der Würde, die sich wesentlich dem Fragen verdankt“2, selbst im Fragen eingeschlossen (→ Einleitung). Das Fragezeichen am Ende des Satzes bleibt auch in der Reflexion über abendländisch-philosophische Fragepraktiken noch modus operandi der kritischen Hinterfragung. Ein unentrinnbarer Zirkel? Die angedeutete Gegenbewegung zwischen Kunstinstallation und architektonischem Milieu legt diese Zirkularität nahe. Eine Aporie bedeutet diese jedoch sicherlich nicht. Wenn Aporie Weglosigkeit, Methode hingegen die Wegbarkeit anzeigt, dann ist mit dem Gegenstand (dem Fragezeichen) die methodische Möglichkeit der kritischen Denkarbeit selbst schon gegeben. Es handelt sich demnach um eine (vielleicht paradoxe) Aufgabe, insofern als dass der Gegenstand hier zugleich die Methode selbst darstellt, immer schon ist. Die Frage nach dem Status und den Möglichkeiten geisteswissenschaftlichen Fragens bleibt also immer fraglich, ganz sicher aber auch (im positiven Sinne) fragwürdig. Vielleicht vermag uns Martin Heidegger, jener Philosoph, der wie kein Zweiter im 20. Jahrhundert die Frage nach dem Fragen, den Sinn des Fragens zum Problem des Denkens erhoben hat, einen ersten Anhaltspunkt für das zirkuläre Verhältnis von Gegenstand und Methode zu liefern. In Sein und Zeit betont er die Notwendigkeit, den Sinn der Frage nach dem Sein allererst wieder zu entdecken, wobei genau diese Forderung einer zirkulären Logik unterworfen zu sein scheint, da dasjenige, was als Frage erst wiederentdeckt werden soll, doch eigentlich im Fragen selbst bereits vorausgesetzt werden müsste. Auf dieses scheinbar ausweglose „Gehen im Kreise“3 antwortet Heidegger: „Das Entscheidende ist nicht, aus dem Zirkel heraus-, sondern in ihn nach der rechten Weise hineinzukommen.“4 Neben Heideggers eigener Technik des Hineinkommens als fundamentalontologische Wiederbelebung des Verständnisses nach der Frage des Sinns des Seins (also Fragen als existenzialer Seinsmodus des Daseins), die an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden soll, sind es vor allem zwei weitere Aspekte, die sich in diesem Zitat ausgedrückt finden: 1) Zunächst bedeutet das Im-Zirkel-Sein, dass es in Bezug auf das Fragen immer schon eine Art vorgängiges Verständnis gibt, das die Bedingungsmöglichkeiten des Fragens bestimmt. Das „Fragen nach x“ setzt demnach ein Vorverständnis voraus, ist nicht voraussetzungslos. Heidegger nennt das „vorgängige[…] Hinblicknahme“5. Dieses Vorverständnis näher in den Blick zu nehmen, kann vor allem fruchtbar werden, wenn man es kritisch mit Derridas Forderung nach dem Bedingungslosen des In-Frage-Stellens konfrontiert.6 2) Außerdem ist dieses Hineinkommen oder Immer-schon-inmitten-Sein in der Frage gerichtet gegen einen allzu schnellen Ausweg durch die Antwort. Dieser Aspekt richtet sich vor allem gegen ein Fragen, das sich einer linearen Zweck-Mittel-Relation einschreibt und die Produktion von Fragen, das kritische In-die-Frage-Stellen immer schon auf ein (bekanntes) Ziel hin restringiert. Das wäre dann sicherlich kein bedingungsloses Hinterfragen, sondern bloß immanentes Mittel einer Verwertungslogik, die dem kritischen Potenzial des anderen Fragens nicht gerecht werden kann.
Mit Gilles Deleuze könnte man sagen, dass dieser Zweck-Mittel-Relation als Frage-Antwort-Logik ein bestimmtes „Bild des Denkens“ als „natürliche […] Ausübung eines Vermögens unter Voraussetzung eines naturwüchsigen Denkens, das zum Wahren fähig und geneigt ist, und zwar unter dem doppelten Aspekt eines guten Willens des Denkenden und einer rechten Natur des Denkens“7 zugrunde liegt.8 Dieses Bild des Denkens „in Form eines naturwüchsigen Denkvermögens, die es der Philosophie erlaubt, sich den Anschein des Anfangs, eines voraussetzungslosen Anfangs zu geben“9, ist bestimmt durch kontemplative Innwendigkeit, reflexive Selbstbestimmung und letztendlich eindeutige Signifikation.10 Die implizite Logik der Voraussetzung präjudiziert damit jedes Fragen durch eine erste Entscheidung für das normierte Bild des Denkens, sodass jede spätere Hinterfragung – etwa von begrifflichen Explikationen – stets der primären und konstitutiven Ordnung unterworfen bleibt; hergestellt in einer linearen, sukzessiven Formalisierung. Wenn dieses Bild des Denkens gerade jene freie Bewegung des Denkens einschränkt, die die Installation in der Universitätsbibliothek Erfurt versinnbildlichen möchte, dann muss die erste kritische Frage lauten: Wie könnte dem Fragen in seiner Offenheit stattgegeben werden, ohne jedoch zugleich die Möglichkeit der Erkenntnis, das Streben nach Einsicht preiszugeben? (→ F. Schütt, A. K. Hubrich). Denn man könnte der hier eingeleiteten kritischen Betrachtung der Zweck-Mittel-Relation des Frage-Antwort-Spiels doch vor allem entgegenhalten: Verliert nicht das Fragen gerade in dem Moment, wo es scheinbar von den befragten Phänomenen abstrahiert, um sich als Erkenntnismodus und erkenntniskritischer Zugang selbst zu reflektieren, an Gehalt? Wird das Fragen nach der Frage nicht zur eitlen Selbstbespiegelung, reine Selbstbezüglichkeit in einem vermeidbaren Zirkel, oder in Abwandlung einer berühmten Formel: la question pour la question?
Deleuze versucht dem dogmatischen Bild des Denkens und dem gerade vorgebrachten Einwand zu entkommen, indem er das Denken (und das Fragen!) auf dasjenige bezieht, was es überhaupt erst anregt und von woanders herkommt. Demnach ist das Nicht-Philosophische dasjenige, was das Denken antreibt: „[S]ie [die Griechen, K. D.] wußten, daß das Denken nicht ausgehend von einem guten Willen zu denken anfängt, sondern auf Grund von Kräften, die auf es einwirken und zum Denken zwingen.“11 Das Zwingende kommt von woanders her und trifft das Denken dergestalt, dass das traditionelle Bild des Denkens zugunsten eines Bildes aufgegeben wird, das das Denken auf dieses Affiziert-Werden als Ausgangspunkt verpflichtet.
Dasjenige, was das geisteswissenschaftliche Fragen vielleicht auch heute noch zum Denken und Fragen zwingt, kommt aber gerade nicht von woanders her, sondern ist von Anbeginn (und vielleicht sogar schon vorher) in ihre DNA eingeschrieben: Die Frage nach dem Sein der Geisteswissenschaften, ihrem Selbstverständnis, ihrer Legitimation. Das Fragen selbst steht am Anfang der Geisteswissenschaften, oder besser: leitet die Bedingungsmöglichkeit ihrer Konstituierung im 19. Jahrhundert ein. Denn bereits um 1800, darauf hat Michel Foucault uns hingewiesen, trägt sich mit der Frage „Was ist Aufklärung?“ nicht nur ein konkretes, epochenspezifisches Problem in die Geschichte des Denkens ein, sondern die Frage nach der Fragwürdigkeit, der Frageform im Augenblick des konkreten, kritischen In-Frage-Stellens selbst wird zum Gegenstand erhoben (→ vgl. Einleitung). Die historische Signatur des Fragens, die die eigene Aktualität, den Bezug zur Vergangenheit und zur Zukunft gleichermaßen betrifft, ist auch dann späterhin dem geisteswissenschaftlichen Arbeiten, Denken, Fragen als conditio sine qua non des eigenen Selbstverständnisses eingeschrieben. Im Zentrum steht also gar nicht so sehr die letztbegründende, ideengeschichtlich bestimmbare Antwort auf die Frage nach der Geisteswissenschaft (etwa als Kompensationstheorie, fröhliche Wissenschaft oder permanente Krise), sondern die Frage selbst als die Vollzugsform dieser immer erneuten Fraglichkeit ihres Selbstverständnisses mit offenem Ausgang. Die Frage nach der Frage als kritische geisteswissenschaftliche Praktik betrifft also zuallererst die Frage nach ihrem eigenen Anfang, den Ort folglich, an dem sie ein- und an-setzt. Damit ist mit der Reflexion über die Frage der Geisteswissenschaft immer auch die Frage nach der Geisteswissenschaft verbunden. In praktischer Hinsicht erzeugt gerade diese Doppelung eine produktive Spannung, wenn kritisches geisteswissenschaftliches Arbeiten die Gefahr vermeidet, nur die mannigfaltigen und häufig sich wiederholenden Positionen und Argumente zur Krise der Geisteswissenschaft zu reproduzieren und sich stattdessen bewusst bleibt, dass gerade mit der eigenen Frageperspektive nicht nur der je spezielle Einzelgegenstand fokussiert wird, sondern zugleich (manchmal direkt, häufiger indirekt) grundsätzlich geisteswissenschaftliches Arbeiten zum Gegenstand wird.
Das heißt also die Installation von Dietrich Förster in der Universitätsbibliothek Erfurt ist nicht darum so interessant, weil sie etwa falsch herum gehängt wurde. Das würde ja bloß implizieren, dass bei einer umgedrehten Anordnung die Ordnung der Dinge wiederhergestellt würde. Es wäre nichts anderes als kritisches Fragen erneut in eine Zweck-Mittel-Relation einzuschreiben. Vielmehr ergibt sich gerade an der gegenläufigen Bewegung zwischen Raum und Kunstwerk, in der Ununterscheidbarkeit von Anfang und Ende ein Reflexionsmedium für kritisches Fragen. Wenn geisteswissenschaftliches Fragen immer schon konstitutiv von der Frage nach der Geisteswissenschaft angeregt wurde, gibt es eben keinen Anfang und auch kein Ende, sondern nur ein Immer-Schon-Inmitten-Sein als einziger Ausgangspunkt und Möglichkeitsbedingung unvorhergesehener, anderer Bewegungen im Modus des Fragens selbst. Die Reflexion über den eigenen Ort in diesem Gefüge ist dann der Anfang einer kritischen Arbeit, die nicht einen absoluten Anfang zeitigt, sondern einen Anfang, der immer schon inmitten von problematischen Bezügen verortet ist und die Frage erst zu stellen hat, die diesem Problem gerecht wird. Michel Foucault hat exemplarisch diese Frage des eigenen Ortes in jenem Augenblick gestellt, der für ihn selbst ein Anfang war: der Antrittsvorlesung als institutionellem Initiationsritual. In seiner Antrittsvorlesung Die Ordnung des Diskurses am Collège de France reflektiert Michel Foucault das Problem des „Anfangens“12. Er fragt sich dort, was es überhaupt bedeutet, der „Urheber des Diskurses zu sein“13, als Erster zu sprechen. Die Voraussetzung der Urheberschaft ist für ihn das souveräne Subjekt, das über seinen Gegenstand erhaben verfügt und auf dieser Grundlage einen sinnhaften Monolog als stringente Erzählung von einem Punkt x=a zu einem Zielpunkt x=b zu halten vermag. Die Abkehr von diesem souveränen Standpunkt ist hier nicht Inszenierung oder spielerische Koketterie mit den Aporien des modernen Autorsubjekts, um hinterrücks und heimlich entschiedener denn je wieder zu diesem Standpunkt zurückzukehren, sondern die radikale Konsequenz aus dem eigenen Denken. Die Reflexion über den eigenen Ort des Sprechens ist die Bedingungsmöglichkeit für die Erkenntnis der eigenen Involviertheit als „Beziehungsmodus im Hinblick auf die Aktualität“14 dessen, was in der eigenen Praxis als Frage und Problem latent ist. Nietzsches Verschiebung auf die Wer-Frage bedeutet hier dann jedoch nicht Parteilichkeit, dogmatische Stellungnahme oder politische Positionierung, sondern die kritische Reflexion, über den eigenen Ort inmitten disziplinärer Anordnungen, institutioneller Rahmenbedingungen und dem nicht-universitären Außen, die sich im Fragen als Suchbewegung bahnen kann. Diese möglichen Bahnungen anderer Fragerichtungen versuchsweise auf ihre Möglichkeiten hin auszuprobieren, kann neue kritische Fragen hervorrufen, eingedenk jedoch des Versucherischen, das dabei immer auch eine gefährliche Verführung bleibt.