Kitabı oku: «Kritisches Denken», sayfa 5

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Fragenstellen als zeitkritisches geisteswissenschaftliches Verfahren (Sandra Ludwig)

Hinterfragt man das Prinzip des Fragenstellens als Kerntätigkeit geisteswissenschaftlichen Denkens und Arbeitens, so wird deutlich, dass es nicht nur darauf ankommt, welche Fragen gestellt werden, von welcher (Dis-)Position aus und mit welcher Intention Fragen gestellt werden (→ K. Drews), sondern auch, wann diese Fragen gestellt werden. Dieser bedeutsame Zusammenhang zwischen Frageform und Fragezeitpunkt lässt sich sinnbildlich bereits an der Denkfigur vom rechten Augenblick und ihrer etymologischen Artverwandtschaft mit den Begriffen des Kritischen und der Krise ablesen. Dies soll im Folgenden in gebotener Kürze erläutert werden.

In der griechischen Mythologie taucht die Vorstellung vom rechten Zeitpunkt bzw. vom entscheidenden Augenblick personifiziert in Gestalt der Gottheit Kairos auf. Verschiedene antike Darstellungen zeigen diesen Gott der günstigen Gelegenheit, die gleichsam von äußerst flüchtiger Natur ist, als jungen mit Flügeln versehenen Mann, der jederzeit vorbeieilen kann (s. Abb. 1).


Abb. 1: Kairos; römische Reliefdarstellung, 1. Jh. n. Chr., pentelischer Marmor, © MiC-Musei Reali, Museo di Antichità, Turin.1

Ein aussagekräftiges besonderes Merkmal des Kairos ist dabei sein Haupthaar. Fällt ihm auf der Vorderseite eine lockige Strähne über die Stirn, so ist sein Hinterkopf im Gegensatz dazu völlig kahl. Sinnbildlich wird dadurch die charakteristische Eigenschaft des rechten Zeitpunkts illustriert: Erkennt man Kairos rechtzeitig, kann man die Gelegenheit sprichwörtlich „beim Schopfe packen“, verpasst man jedoch den Moment, hat man im wahrsten Sinne des Wortes das Nachsehen, denn von hinten – oder auch ‚hinterrücks‘ – bekommt man ihn nicht mehr zu fassen und kann der vorübergezogenen Chance nur noch hinterherblicken.2 Es geht also darum, im entscheidenden Augenblick tätig zu werden. Demnach ist die Zeit in dieser Denkfigur als kritischer Faktor zu betrachten, der Erfolg von Misserfolg, Glück von Unglück und Fortschritt von Versäumnis trennt.

So verstanden offenbart sich auch die oben bereits angesprochene Bedeutungsnähe von Kairos mit der Krise und dem Kritischen; haben die Begriffe doch eine ursprüngliche etymologische Verwandtschaft, wie Christoph Lange feststellt:

Kairos ist über keiro (abschneiden) mit krinein verwandt. Das heißt scheiden, trennen, unterscheiden, aber auch entscheiden, ein Urteil fällen. Das Substantiv dazu heißt krisis. Die krisis ist die Trennung, der Einschnitt, bedeutet aber auch Entscheidung eines Wettkampfes, eines Streites, auch eines Rechtsstreites, und dann heißt krisis Gericht. Kairos ist also in seiner temporalen Bedeutung eine Krise der Zeit. Im kairos werden die Zeiten unterschieden.3

Kairos, das Kritische und die Krise teilen sich also in ihrer Bedeutung allesamt das Moment des Entscheidenden bzw. bezeichnen eine mit einem spezifischen Veränderungspotenzial versehene Situation oder Handlung. Bricht man diese Feststellung nun zurück auf den Ausgangspunkt der Überlegung, nämlich die Problematik der Rechtzeitigkeit oder der rechten Zeitlichkeit geisteswissenschaftlichen Fragenstellens, so wird deutlich, dass es sich dabei gleich in doppeltem Sinne um ein zeitkritisches Verfahren handelt.

Zum einen kommt es darauf an, den rechten Zeitpunkt für eine Frage zu erwischen. Damit eine Frage ihre Wirkmacht entfalten kann und von breiterem wissenschaftlichen Interesse ist, muss sie im richtigen Moment gestellt werden. Zu früh gestellte Fragen sind ihrer Zeit vermeintlich voraus. Das heißt, sie berühren Themenfelder oder eröffnen gedankliche Horizonte, für die die Zeit noch nicht reif, die wissenschaftliche Community noch nicht bereit ist. Zu spät gestellte Fragen haben oft ihren Neuigkeitswert verloren und taugen demnach nicht mehr dazu, Wissen zu schaffen, sondern nur noch bereits gegebene Antworten zu replizieren. Wiederholende Fragen erlangen zumeist nicht mehr die notwendige Aufmerksamkeit, um in der wissenschaftlichen Gemeinschaft Gehör zu finden. Die angesprochenen Themen sind nicht mehr zeitgemäß; Kairos ist schon um die Ecke entflohen.

Wenn das Prinzip des Hinterfragens also kritisches Denken in den Geisteswissenschaften auszeichnet, dann gehört die Kunstfertigkeit, dies zur rechten Zeit zu tun, zur guten geisteswissenschaftlichen Praxis dazu. Gerade dies kann zum Problem werden und tritt oft dann als krisenhaftes Moment hervor, wenn inner- oder interdisziplinär unterschiedliche Auffassungen über den rechten Zeitpunkt für verschiedenartige Fragestellungen existieren. Während manche epistemischen Lager eher zukunftsorientiert ausgerichtet sind, operieren andere Forschergruppen oder ganze Disziplinen mehr traditionsbewusst (→ F. Schütt). Die Kunst, in einer derartig janusköpfigen Wissenschaftslandschaft den Kairos des Fragens nicht entwischen zu lassen, bedeutet also, einen Balanceakt zwischen einer progressiven und einer konservativen Geisteshaltung zu meistern.

Auch dieser Aspekt des Fragenstellens als zeitkritischen Verfahrens findet sich in der Allegorie der antiken Götterfigur wieder. Symbolisch trägt Kairos nämlich neben den Flügelschuhen und dem besonderen Haupthaar auch das Attribut der Waage (s. Abb. 1). Besonders ist dabei, dass der Gott des entscheidenden Augenblicks die Waagschalen auf einer Klinge austariert. Der richtige Zeitpunkt ist also stets als ein instabiles Gleichgewicht zwischen zu früh und zu spät, zwischen zu viel und zu wenig anzusehen, das sprichwörtlich „auf Messers Schneide“ steht. Demzufolge kann der rechte Moment einer Frage als kritischer Zustand gelten, der sich dadurch auszeichnet, dass er selbst wiederum stets in Frage steht und nur für begrenzte Zeit die Waage hält.

Neben diesen Ausdeutungen weist die Denkfigur des Kairos aber auch noch auf einen anderen zeitkritischen Aspekt geisteswissenschaftlichen Fragenstellens hin. So erscheint nicht einzig das Ergreifen des rechten Fragezeitpunkts als Herausforderung, sondern auch das Abwägen der Zeit, die auf das Beantworten – oder vielmehr den Prozess des Abwägens möglicher Antworten – der Frage verwendet werden kann, ohne dass das gesamte Projekt kippt und damit scheitert. Gerade in einer Wissenschaftsgesellschaft, in der Zeit immer mehr zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird, fällt diese Seite des Fragens nicht nur symbolisch schwer ins Gewicht. Wenn es im Konkurrenzkampf unter Akademikerinnen und Akademikern nicht mehr nur um Inhalte, sondern auch um Schnelligkeit und eine möglichst umfangreiche Liste an Vorträgen und Veröffentlichungen im Lebenslauf geht, dann gilt es auf den Waagschalen des Kairos mit mehr oder weniger Fingerspitzengefühl auch Masse und Klasse gegeneinander ins Verhältnis zu setzen. So kann bei der Frage nach der rechten Beantwortungszeit einer wissenschaftlichen Problemstellung nicht mehr streng nach dem Grundsatz „Gut Ding will Weile haben“ verfahren werden, wenn die Maxime der Stunde darauf drängt, Tempo zu machen.

Dass dies eine Tendenz gegenwärtiger geisteswissenschaftlicher Praxis ist, über die es kritisch nachzudenken gilt, dürfte selbst außer Frage stehen‽ Übermäßiger und vor allen Dingen unsachgemäßer Zeitdruck kann der Qualität wissenschaftlicher Arbeiten in den meisten Fällen nicht dienlich sein. Außerdem fördern derartige Rahmenbedingungen im Sinne eines auf Effizienzsteigerung ausgerichteten, zweckrationalen Denkens vorrangig die Art von Fragen, die vermeintlich möglichst schnell zu beantworten sind. Komplizierte Fragen, deren Bearbeitung vergleichsweise mehr Zeit in Anspruch nimmt, werden seltener oder vielleicht sogar in dieser Form gar nicht mehr gestellt. Wenn sich die Geisteswissenschaften ihrem Selbstverständnis nach also gegenüber anderen Fächern dadurch auszeichnen, dass sie eine besondere Kultur des Fragenstellens pflegen, die der Eigendynamik des dadurch initiierten Denkprozesses Entfaltungsspielraum lässt (→ Einleitung), dann erscheint es kritisch betrachtet sehr fraglich, wenn sie sich dabei unterschwellig einem ökonomischen Prinzip unterwerfen.

Zum kritischen Potenzial geisteswissenschaftlichen Fragens (Andrea Renker)

Das Kunstwerk – allgemein gesprochen – versetzt den Betrachter in ein Außen. Es fordert auf, ihm zunächst unabhängig von praktischen Überlegungen zu begegnen. Indem es seinen Betrachter in dieses Außerhalb einer bestimmten Funktion nimmt, verweist das Werk auf sich selbst und seine Struktur – ein Phänomen, das der Strukturalist Roman Jakobson unter dem Begriff der poetischen Funktion fasst.1 Juri Lotman spricht im Fall der Literatur über deren Struktur, die nicht nur „Mittel der Kommunikationsübertragung, sondern ihr Ziel und Inhalt“ zugleich sei.2

Als quasi professionelle Betrachter künstlerischer Objekte befassen sich Geisteswissenschaftler institutionalisiert mit derartigen Phänomenen. Sie lassen sich systematisch auf diesen Raum außerhalb des pragmatischen Funktionszusammenhangs ein. Daraus ergibt sich ein vermeintlicher Zwiespalt, den sie als Wissenschaftler zwischen Untersuchungsgegenstand und Publikum überbrücken müssen. Denn ihre Fragen wollen der Natur des Gegenstands Rechnung tragen, der sich einer unmittelbaren Funktionalisierung im gesellschaftlichen Innenraum entzieht. Zugleich ist das Ziel ihrer wie jeder wissenschaftlichen Fragestellung, das Objekt zu erschließen und so der Gesellschaft zugänglich zu machen. Die Deutungsangebote, die sie von dem Kunstobjekt ableiten und dem Publikum zur Verfügung stellen, weisen diesem somit doch eine gesellschaftliche Funktion zu. Denn sie zeigen Möglichkeiten, wie es verstanden werden kann und weisen das Kunstwerk so als eine Quelle der Erkenntnis aus. Im folgenden Essay möchte ich in der behelfsweise schematischen Annahme des Spannungsfeldes zwischen einem gesellschaftlich-funktionalen Innen und Außen eine Möglichkeit geisteswissenschaftlichen Fragens verhandeln, die einerseits ihren Untersuchungsgegenständen (den Kunstwerken) einen nicht (ausschließlich) pragmatischen Charakter zugesteht und andererseits eben auf diese Weise ein allgemeines, d.h. nicht exklusiv geisteswissenschaftliches Denkmodell kritischer Befragung anbietet.

Das erste zweier Beispiele geisteswissenschaftlicher Befragung, die ich dazu thematisieren möchte, entnehme ich der Literaturwissenschaft. Als Frageobjekt sei exemplarisch der Roman Soumission (2015) gewählt, in dem Michel Houellebecq einen Literaturwissenschaftler zum Protagonisten wählt und eine desillusionierte Periode aus dessen Leben beschreibt. Der Roman spielt im Jahr 2022 zur Zeit der französischen Präsidentschaftswahlen, bei denen eine muslimische Partei gegen den rechtskonservativen Front National gewinnt und das laizistische Frankreich zu einem islamischen Staat umwandelt. Dies findet auf leise, protestlose Weise statt, sodass auch der intellektuelle Protagonist schließlich die autoritäre Gesellschaftsordnung zu schätzen weiß, die seinem frustrierten Dasein zu Privilegien und der Befriedigung basaler Bedürfnisse verhilft.

Houellebecqs Roman erscheint nahezu zeitgleich mit dem Anschlag auf die Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo, der nicht nur Frankreich mit seiner Angst vor künftigen gesellschaftlichen Entwicklungen konfrontiert. Dementsprechend rege ist die Reaktion auf den Roman. Der Anschlag scheint Houellebecqs Text seine brandaktuelle, gar prophetische Natur zu attestieren. Der Autor wird daraufhin für seine Geschmacklosigkeit kritisiert, Ängste der Menschen zu verwenden, um damit schriftstellerisch Profit zu machen.3 In dem Protagonisten wird der Autor selbst gefunden, der seine eigenen Neurosen offenbare.4 All dies sind Antworten der Gesellschaft auf das Buch.5 Das Werk rührt offensichtlich an Themen, die diese beschäftigt und beängstigt. Man sucht die Botschaft zur Situation und versucht so, dem Werk eine gesellschaftliche Funktion als Erkenntnisquelle zuzuschreiben. Gleichzeitig ist der Roman aber ein Außen. Er hat nicht den Anspruch, Fakten zu liefern. Wenn auch alle Antworten mögliche Deutungen sind, können sie das Phänomen des Werkes doch nicht umfassend erklären und grundsätzlich seinen Charakter definieren, der der Gesellschaft nutzen würde. Als Kunstwerk entzieht es sich der unmittelbaren Verantwortung, die mit jeder pragmatischen Funktionalisierung einhergeht.6 Den Geisteswissenschaftler kann es somit nicht befriedigen, eine einzige Antwort auf das Werk zu finden, der er die Deutungshoheit zuspricht, weisen doch die verschiedenen Reaktionen bereits die Vieldeutigkeit aus, die dem künstlerischen Objekt innewohnt. Der Zugang und die Fragestellungen, die ihm gerecht werden können, müssen folglich über dessen Qualität als außenstehendes und polyvalentes Objekt stattfinden.

Als zweites Beispiel des Essays greife ich an dieser Stelle die Forderung an das geisteswissenschaftliche Fragen auf, die jüngst Johannes Knecht in seiner Forschung zu „Perspektiven des Ornamentalen in der romanischen Bauskulptur“ formuliert.7 Gegenstand seiner Untersuchung sind Kapitelle des 10. bis 13. Jahrhunderts, die sich als bauliche Verzierungen darstellen. Ihre Form deutet Gesichter an, ohne dass diese eindeutig ausgearbeitet wären. Knecht spricht von einem „bewusst in der Schwebe gehaltenen Zwischenzustand“8, der durch den Bildhauer beabsichtigt sei. Der Betrachter solle sich nicht entscheiden können, ob er nur eine Verzierung oder doch ein Gesicht erkennt. Der von Knecht konstatierte Zwischenzustand ruft folglich im Betrachter ein Unbehagen hervor, das Werk nicht definieren zu können und es so gedanklich für sich zu lösen. Indem es seine Ambivalenz unüberwindbar zur Schau stellt, verweist es auf sich selbst als Kunst und fordert so zu einer ständigen Reflexion über seine Form auf. Anstatt Antworten zu geben, provoziert es vielmehr ein nicht zu beantwortendes Fragezeichen. Damit beansprucht es zugleich eine Position des Außen. Denn durch die Unmöglichkeit einer Bestimmung kann ihm auch keine pragmatische Funktion zugewiesen werden.

Johannes Knecht fordert die Wissenschaft auf, dieser Ambivalenz der künstlerischen Objekte in ihrer Fragestellung gerecht zu werden. Er sieht die Notwendigkeit, „phänomenologische Subjektivität und begründbaren Zweifel […] als immanenten Modus geisteswissenschaftlicher Denk- und Erkenntniswege selbstbewusst [auszuweisen].“9 Nimmt man Knechts Kritik an einer nach eindeutigen Fakten strebenden Geisteswissenschaft ernst, in welchem Verhältnis stehen jedoch dann ihre Forschung und Fragestellungen zu dem ‚Kampf gegen das Postfaktum‘, für den Wissenschaftler am 22. April 2017 vielerorts zum March for Science auf die Straße gingen? Entzieht sie sich damit der wissenschaftlichen Verantwortung, Fakten zu identifizieren und die Wahrheit zu verteidigen? Ist die Forderung zur programmatischen Berücksichtigung der Subjektivität ein Zeugnis des Elfenbeinturmcharakters der Geisteswissenschaften, die sich und ihre Gegenstände in einem Außen gesellschaftlicher Verantwortlichkeit und Funktionalisierung finden und verteidigen? Wie steht es mit dem Postulat des kritischen Denkens in den Geisteswissenschaften, die ihren eigenen Erkenntnissen absolute Objektivität und belastbare Faktizität absprechen?

Kritisches Potenzial dieses subjektiven geisteswissenschaftlichen Modus liegt paradoxerweise genau in dessen Objektivität. Denn die Kunst und ihre Beforschung weisen auf etwas hin, das zwar ihr charakteristischer Wesenszug, jedoch nicht nur ihr eigentümlich ist. Die poetische Funktion, mit der nach Jakobson das künstlerische Objekt zunächst auf sich selbst und seine Struktur verweist, fordert den Wissenschaftler dazu auf, dem Kunstwerk zu begegnen, ohne sogleich dessen Funktionalisierung innerhalb eines konkreten gesellschaftlichen Zusammenhangs zu intendieren.10 Ein Objekt will so stets aufs Neue mit den Fragen nach sich selbst betrachtet werden. In dieser Weise bieten sich Kunst und geisteswissenschaftliche Befragung als Denkmodell an. Denn sie betonen den genuin uneindeutigen Charakter des Objekts und damit jeder Perspektive seiner Analyse. In der ständigen Berücksichtigung der Uneindeutigkeit macht der geisteswissenschaftliche Diskurs sichtbar, wie jede Perspektive bereits einer subjektiven Entscheidung des Betrachters entspringt.11 Erst indem sich die Untersuchung von dem Anspruch der absolut wahren Deutung verabschiedet, kann sie für eine Objektivität frei werden, die in dem grundsätzlich polyvalenten Potenzial aller Gegenstände besteht.12

Dies kann nun nicht nur als eine Erkenntnis der Geisteswissenschaften, sondern als allgemeine Bedingung der Forschung gelten. So werden die Gegenstände der Naturwissenschaften, Soziologie etc. – im Gegensatz zum künstlerisch-poetischen Außen – zwar oft als gesellschaftlich funktionalisiertes Innen verstanden. Doch auch diese ‚inneren‘ Gegenstände der Forschung können in ihrer poetischen Dimension betrachtet werden, in der diese auf sich selbst verweisen. Sie wird nur weniger berücksichtigt. Denn anders als beim Kunstobjekt steht in der Untersuchung des naturwissenschaftlichen, soziologischen, juristischen u.ä. Objekts oftmals dessen referenzielle oder appellative Funktion im Vordergrund: Ein Gegenstand wird in seinem Bezug zur Welt betrachtet und auf seine gesellschaftliche Bedeutung untersucht. Die Fragerichtung scheint in diesem Fall eindeutig. Ist beispielsweise in der Medizin die Strukturanalyse einer Krankheit ein Mittel zum Zweck, um Menschen von ihr zu heilen, gilt die Krankheit als negativer Befund und die Beforschung in Funktion ihrer Beseitigung als gesellschaftlich erstrebenswert. Sie als Struktur zu betrachten, die Krankheit quasi zum Selbstzweck zu ernennen, erscheint nutzlos. Dennoch birgt der Fokus auf die Struktur, wie ihn die Geisteswissenschaften gegenüber dem Kunstwerk einnehmen, weiteres Erkenntnispotenzial. So kann dies Perspektiven aufwerfen, die die eindeutige Definition und Bewertung der gegebenen Struktur als gesund oder krank infrage stellen und zunächst dazu dienen, deren Ursachen und Erwachsen zu verstehen. Sekundär eröffnet dies wiederum eventuelle Alternativen für pragmatische Maßnahmen – ohne dass diese besser oder schlechter sein müssen.13 Selbiges gilt bei der juristischen Definition eines physisch-gewalttätigen Kommunikationsaktes als Terror und den folgenden Reaktionen und Bewertungen in Politik und Medien – ein aktuelles Beispiel mag hier das andauernde Ringen um die Deutungshoheit über die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Aktivisten im Zuge des G20-Gipfels 2017 in Hamburg bieten. Für die Wissenschaften bedeutet eine solche ‚poetische‘ Befragung der Untersuchungsgegenstände einer jeweiligen Disziplin letztlich zugleich eine kritische Hinterfragung der Disziplinen an sich und ihrer gesellschaftlichen Legitimation. Insofern beansprucht die von Kevin Drews oben ausgeführte Beobachtung zur geisteswissenschaftlichen Fragepraxis, der die kritische Selbstbefragung der eigenen Disziplin immer eingeschrieben ist, als Prämisse für jede Wissenschaftsdisziplin ihre Gültigkeit.

Geisteswissenschaftliche Befragung birgt kritisches und engagiertes Potenzial, insofern sie im Akt ihres Fragestellens selbst stets auf das polyvalente Potenzial aller Objekte und Fakten sowie deren Besprechung hinweist und dies zur Bedingung ihres Erkenntnisstrebens erklärt. Geisteswissenschaftliche Kritik kann in diesem Sinne zeigen, wie gerade die Loslösung von einer vorausgesetzten Funktion und die Absage an eine eindeutige Statusdefinition – sei es eines Objekts oder seiner Forschungsfrage – eine Annäherung an das Faktum und das Verständnis seiner Konsequenzen ermöglichen. Zugleich gilt für sie dasselbe, was Adorno über die engagierte Kunst anmerkt: „Sobald jedoch die engagierten [Geisteswissenschaften] Entscheidungen veranstalten und zu ihrem Maß erheben, geraten diese auswechselbar.“14

Befragung des Kanons als Form kritischen Denkens (Friederike Schütt)

Beschäftigt man sich mit den Modi des Fragens in den Geisteswissenschaften, so rückt im wissenschaftlichen Arbeiten stets der Anspruch in den Fokus, möglichst offen gebliebene Fragestellungen zu bearbeiten, Fragelücken zu erkennen und zu schließen. Doch wie findet man eigentlich Fragen, die überhaupt noch nicht gestellt wurden, oder Objekte, die noch nicht untersucht wurden, wenn der Blick der Studierenden in akademischen Lehrveranstaltungen wie auch außerwissenschaftlichen Ereignissen, etwa Lesungen, Ausstellungen oder Theateraufführungen, zunächst vorwiegend auf die Auseinandersetzung mit kanonisierten Objekten und deren Interpretationen gelenkt wird? Im Folgenden soll beleuchtet werden, wie die Befragung von Kanonbildungsprozessen als produktive Form kritischen Denkens in der geisteswissenschaftlichen Praxis zum Auffinden bisher nicht gestellter Fragen verhelfen und durch eine wissenschaftsgeschichtliche Reflexion der jeweiligen Disziplin befruchtet werden kann.

Welche Werke, Autoren und Künstler sowie Fragestellungen und Narrative den Kanon einer Geisteswissenschaft prägen, zeigt sich immer wieder im Rahmen groß angelegter Jubiläumsfeierlichkeiten. Die kulturellen Ereignisse bieten zum einen öffentlichkeitswirksames und finanzielles Potenzial für die Forschung, fördern innovative Projekte und bringen neue Forschungsergebnisse hervor. Ob durch museale Sammlungs- und Ausstellungspräsentationen oder etwa literaturvermittelnde Institutionen wie Buchhandel, Bibliotheken oder Literaturkritik, gerade die Schnittstelle zur Öffentlichkeit wird zum anderen aber ebenso häufig zum Anlass für die Wiederholung und Bestätigung bekannter, vermeintlich final erforschter Inhalte.1 Prozesse der Kanonbildung werden fortgeführt, stabilisiert, aber auch problematisiert, wie nachfolgend am Beispiel der jubiläumsbedingten Rezeptionsweise zweier Künstler des frühen 16. Jahrhunderts exemplarisch aufgezeigt werden soll.

Als 2016 das 500. Todesjahr des niederländischen Künstlers Hieronymus Bosch begangen wird, dringen die fantastischen Fabelwesen aus seinen Werken auf Plakate und Banner, als Muster auf Duschvorhänge und Designerkleidung oder als Holzfiguren in die Wohnzimmer einer kunstinteressierten Öffentlichkeit. Befreit aus dem historisch-religiösen Kontext der Werke, werden Boschs Darstellungsformen zu einem öffentlichkeitswirksamen Marketinginstrument des Jubiläums. Dass sich mit der selektiven Präsentation des ‚Grotesken‘ eine Rezeptions- und Deutungstradition fortsetzt, die Bosch bereits im 16. Jahrhundert als „bemerkenswerte[n] Erfinder von phantastischen und bizarren Dingen“2 stilisierte, demonstriert, wie wenig sich davon abweichende, in der Fachwelt jedoch anerkannte, kunsthistorische Rezeptionsansätze öffentlich durchsetzen bzw. ‚verkaufen‘ lassen. Plakativ zeigt im Sommer 2016 zudem ein Titel der BILD-Zeitung an, welche Fragen an Bosch Karriere gemacht haben und genutzt werden, um das Interesse der Öffentlichkeit zu wecken. Mit der Frage „War Hieronymus Bosch auf Drogen?“ reproduziert das Medium einen der umstrittensten Deutungsansätze zu Bosch und seinen Werken.3 Zusätzlich greift selbst die Hauptausstellung in ’s-Hertogenbosch mit dem Titel Visionen eines Genies eine längst widerlegte, aber verkaufsfördernde Rezeption von Bosch als einem isoliert arbeitenden Künstlergenie auf.4

Das absatzfähige Herauslösen von Motiven und Bildern aus der Zeit um 1500 und das dominante Weitertragen der immer gleichen Narrative zu einem Künstler ist bei Jubiläumsfeierlichkeiten ein Phänomen, das bereits 1971 – und damit zu einer Zeit, als Kanonkritik auch in geisteswissenschaftlichen Fachdiskursen vermehrt formuliert wird –,5 der Grafikdesigner Klaus Staeck anprangert. Aus Anlass des damals in Nürnberg gefeierten 500. Geburtsjahrs von Albrecht Dürer sorgt Staeck mit einem Plakat für Aufsehen, auf dem er die Zeichnung von Dürers Mutter mit der Aufschrift „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“ versieht.6 Mit der provokanten Frage macht er Dürers Dargestellte zu einer anonymen Alten und löst sie aus dem Kult um den Künstler. Staeck transferiert die intime Zeichnung in das öffentliche Medium des 330 Mal in Nürnberg angebrachten Plakats. Zusätzlich verknüpft er das von Alter und Krankheit gekennzeichnete Antlitz der Frau mit einer sozialkritischen Haltung gegenüber wuchernden Mietpreisen und nutzt die Neusemantisierung des Motivs als kritischen Kommentar auf die bis dahin dominante Dürer-Rezeption, die unreflektierte Verkitschung seiner Kunst in Souvenirobjekten, aber auch die vorrangig auf biographische Zusammenhänge und Fragen nach der ästhetischen Qualität fokussierte kunsthistorische Rezeption Dürers.7 Staeck liefert damit auf zweierlei Ebenen ein Statement zum Kanon der Kunstgeschichte. Er kommentiert sowohl den materialen Kanon, der Dürer und dessen Œuvre als Objekt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit hebt, als auch den dazugehörigen Methoden-, Deutungs- und Kriterienkanon, mit dem seitens der Öffentlichkeit und Forschung an Dürer und dessen Schaffen herangegangen wird.8 Staecks Kritik richtet sich als Handlungsaufforderung an die geisteswissenschaftliche Praxis. Sie zieht Fragen nach sich, die auf das Überdenken hergebrachter Rezeptionsmuster und die hinter der Wahrnehmung und Wertung liegenden geisteswissenschaftlichen Verfahren zielen und das wissenschaftshistoriographische Schicksal von Objekten und ihren Produzenten befragen. Welche Bedingungen führen zur Durchsetzungsfähigkeit und Dominanz bestimmter Objekte und ihrer Deutungsansätze? Warum wird ein Objekt zu welchem Zeitpunkt (→ S. Ludwig) wie rezipiert? Welche Fragen werden dabei (nicht) gestellt? Fragen wie diese korrespondieren mit einer wissenschaftsgeschichtlich argumentierenden geisteswissenschaftlichen Arbeitsweise. Werden sie zum integralen Bestandteil der Beforschung von Objekten, können sie die Diskurse und Wertesysteme, die sich in der Deutung der jeweiligen Objekte und ihrer Platzierung im Kanon manifestieren, sichtbar machen und damit einen produktiven Ansatzpunkt für das kritische Hinterfragen geisteswissenschaftlicher Verfahren liefern.9 Die Befragung der Rezeptions- und Deutungsgeschichte geisteswissenschaftlicher Objekte und Methoden vermag die Muster, Bedingungen und Genesen der facheigenen Frageformen und Kanonisierungsprozesse offenzulegen und sich einer Antwort auf die Frage anzunähern, warum in welcher Wissenschaft wann was wie und von wem gefragt oder nicht gefragt wird.

Im Fach Kunstgeschichte mündet das Nachdenken über Prozesse der Kanonbildung 2009 in den sich diesem Thema widmenden 30. Kunsthistorikertag in Marburg und das dazugehörige Diskussionsforum zur „Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte“.10 Unter wissenschaftsgeschichtlichen Fragen an das eigene Fach werden dort neben der soziologisch ausgerichteten Beforschung der intellektuellen Biographien, der Netzwerke und sprachlich-rhetorischen Performanz von Kunsthistorikern das Hinterfragen von Institutionalisierungsverläufen bestimmter Diskurse und Methoden oder die Reflexion der gesellschaftspolitischen Bedingungen von Trends und turns subsumiert – Fragen also, die sich auch an die Genese und Argumentationsmuster anderer Geisteswissenschaften stellen lassen, dort gestellt wurden und werden.11 Ziel für die Praxis solle sein, die an die Wissenschaftsgeschichte der Disziplin gerichteten Fragen mit objektbezogenen Analysen zu verknüpfen und die fachgeschichtliche Reflexion zum Korrektiv der Interpretationen werden zu lassen. In der Auseinandersetzung mit Hieronymus Bosch ließe sich dann zum Beispiel ziemlich genau herausarbeiten, unter welchen Umständen etwa die Deutung von Bosch als einem Häretiker zustande kommt, Anklang findet und welche Aspekte aus seinen Werken dafür herangezogen werden.12 Zu analysieren, welche Objekte zu welchen Zwecken mit welchen Fragen beforscht und bewertet werden, kann nicht nur die fachlichen Diskursverläufe evident machen, sondern darüber hinaus verstärkt für die Instrumentalisierung von Objekten in institutionellen oder politischen Gefügen sensibilisieren (→ A.-K. Hubrich). Bettet man die an die (kanonbildenden) Rezeptionsmuster gerichteten Fragen in einen breiteren Rahmen der Wissenschaftsgeschichte ein, so kann über die facheigene Innenperspektive hinaus zudem eine interdisziplinäre Vernetzung von Frageformen gelingen, die wiederum das fächerübergreifende Auffinden weiterer nicht gestellter Fragen in den Geisteswissenschaften ermöglicht und die wissenschaftsgeschichtliche Herangehensweise als transdisziplinäre Fähigkeit schult. So ist es schließlich noch immer Bourdieus Forderung nach der Historisierung des eigenen Tuns, die in diesen Zusammenhängen Gültigkeit beansprucht und eine Orientierung für das kritische Befragen geisteswissenschaftlicher Objekte und Methoden bieten kann: „Nur indem es die historischen Bedingungen seines eigenen Schaffens analysiert […], vermag das wissenschaftliche Subjekt seine Strukturen und Neigungen ebenso theoretisch zu meistern wie die Determinanten, deren Produkt diese sind, und sich zugleich das konkrete Mittel an die Hand zu geben, seine Fähigkeiten der Objektivierung noch zu steigern.“13

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9783823303213
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Serideki Üçüncü kitap "Herausforderungen für die Geisteswissenschaften - Challenges for the Humanities"
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