Kitabı oku: «MUSIK. Ein Streifzug durch 12 Jahrhunderte»

Die Autoren
Claire Badiou, Max Peter Baumann, Tobias Bleek, Camilla Bork, Felix Diergarten, Marie-Agnes Dittrich, Sabine Ehrmann-Herfort, Wolfgang Fuhrmann, Roger Harmon, Martin Kirnbauer, Michael Klaper, Ricarda Kopal, Daniel Lettgen, Stefan Morent, Ulrich Mosch, Martin Pfleiderer, Jan Philipp Sprick, Peter Wicke
Gefördert von der Ernst von Siemens Musikstiftung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Die hervorgehobenen Fachbegriffe sind mit einem Glossar verlinkt.
eBook-Version 2019
© 2018 Bärenreiter-Verlag Karl Vötterle GmbH & Co. KG, Kassel
Gemeinschaftsausgabe der Verlage Bärenreiter, Kassel, und Henschel Verlag in der E. A. Seemann Henschel GmbH & Co. KG, Leipzig
Umschlaggestaltung: +CHRISTOWZIK SCHEUCH DESIGN
Lektorat: Jutta Schmoll-Barthel und Daniel Lettgen
Korrektur: Kara Rick, Eberbach
Bildredaktion: Daniel Lettgen und Diana Rothaug
Notensatz: Tatjana Waßmann, Winnigstedt
ISBN 978-3-7618-7215-4
DBV 209-07
www.baerenreiter.com
www.henschel-verlag.de
eBook-Produktion: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Einleitung
Antike Anfänge
Musikgeschichte (fast) ohne Musik – Die Antike
Mousike – Musik
Begleiter für Gesang und Tanz – Instrumente
Was die Zeit überdauert – Überlieferung
Musik festhalten – Schrift
Die Weltordnung in der Schmiede – Antike Musiktheorie
9. bis 14. Jahrhundert
»Christliches Zeitalter« oder »Mittelalter«? – Das 9. bis 14. Jahrhundert
Musik übermitteln – Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Die Anfänge des Schreibens von Musik – Neumennotation
Römische Liturgie im Frankenreich – Der gregorianische Gesang
Melodie als Textausdruck – Das gregorianische Offertorium »Vir erat in terra«
Unterweisung und Beurteilung statt philosophischer Anschauung – Musiktheorie
Große Kunst in kleiner Form – Trobadors, Trouvères, Minnesänger
Süßer Donner – Die Orgel
»Einträchtig auseinanderklingender Zusammenklang« – Frühe Mehrstimmigkeit
Kompositionen von bisher nicht gekannter Pracht – Das Ereignis Notre-Dame
»Nicht für das gewöhnliche Volk geeignet« – Die Motette
Ars nova – Neue Kunst im neuen Jahrhundert
Verfestigung der Formen – Guillaume de Machaut und das französische Lied
Seelenheil über den Tod hinaus – Machauts »Messe de Nostre Dame«
Endlich alles aufschreiben können – Ars subtilior
Ein strahlender Meteorit – Die Musik des Trecento
Meister Francesco – Der blinde Organist aus Florenz
15. und 16. Jahrhundert
Musik in wechselnden »Klanglandschaften« – Das 15. und 16. Jahrhundert
»Jubilierende Engel« – Neue Musik in England
Ein Gipfeltreffen? – Guillaume Dufay und Gilles Binchois
Kunst am Bau – Dufays Domweih-Motette
Immer wieder neu – Gilles Binchois und die höfische Chanson
Der große Gesang und der bewaffnete Mann – Formen der Messe
»Ein Meyster ob allen Meystern« – Conrad Paumann und die Instrumentalmusik
Die Sängerkapellen – Umschlagspunkte der Musikgeschichte
Noten-ABC – Die Erfindung des Musikdrucks
Der Kapelle des Ercole d’Este die Krone aufsetzen – Josquin des Prez in Ferrara
Ein Geschenk Gottes – Musik und Reformation
Alles aus einer Hand – Musiklehre und Musiklernen
Zwischen Hofdame und Kurtisane – Musizierende Frauen
»Al modo d’Orpheo« – Musik der Renaissance
Zum Privatvergnügen – Die Laute
»Allein und gedankenschwer« – Ein Madrigal von Giaches de Wert
»Tere«, »lere«, »chara« – Instrumentalmusik in Venedig
»Singen über dem Buche« – Improvisierter Kontrapunkt
Nicht für jedermann – Chromatik und Enharmonik
»Dies sanctificatus« – Eine Motette von Giovanni Pierluigi da Palestrina
Ein Kosmopolit in München – Orlando di Lasso
Geistliche Sinfonien – Venedig, der Markusdom und die Mehrchörigkeit
17. Jahrhundert
Aufbruch in eine neue Zeit – Das 17. Jahrhundert
Große Emotionen – Monteverdis »L’Orfeo« und der Beginn der Oper
Die Oper – Pures Vergnügen für die Eliten
Unvollkommene moderne Musik? – Monteverdi und Artusi
Theater der Leidenschaften – Die Epoche des Barock
»Zu guten Sitten und Lust dienende Lieder« – Deutsche Liedkunst um 1650
Den Verstand in den Fingerspitzen – Girolamo Frescobaldi, Organist und Cembalist
Nicht nur Gotteslob – Geistliche Musik in Rom um 1700
Von Italien geprägt – Heinrich Schütz
Musik als Klangrede – Musikalische »Figurenlehre«
Ein Italiener in Paris – Jean-Baptiste Lully
Der König tanzt – Das Musikleben am Hofe Ludwig XIV.
Der »eitle Irrtum der Männer« – Frauen im Musikleben
»Les Voix humaines« – Französische Instrumentalmusik um Marin Marais
Auf den Arm genommen – Die Violine
Der britische Orpheus – Henry Purcell
18. Jahrhundert
Zwischen »Barock« und »Klassik« – Das 18. Jahrhundert
Ein Mann für alle Jahreszeiten – Antonio Vivaldi
Galante Inder, wildes Orchester – Jean-Philippe Rameau
Genie auf geordneter Bahn – Johann Sebastian Bach
Wie ein großer Garten – Das »Wohltemperierte Klavier«
Musik mit Tasten – Das »Clavier«
Barocker Self-Made-Man – Georg Friedrich Händel
Halleluja! – »Der Messias« und Händels Oratorien
Orte der Musik – Hof, Kirche und Konzert
Repräsentanten der Aufklärung – Telemann und Mattheson
Publizistik und Polemik in Paris – Jean-Jacques Rousseau
»Die ganze wundertätige Kraft des Volkes« – Herder und das Volkslied
Moralisierung des Musiktheaters – Metastasio und die Opera seria
Antike als Maßstab – Gluck und die Opernreform
Vom »Lärmkiller« zur höchsten Gattung – Die Sinfonie
Der Revolutionär in der Einöde – Joseph Haydn
Haydn in London – Die Sinfonie mit dem Paukenwirbel
Gespräche unter Freunden – Kammermusik
Das erwachsene Wunderkind – Wolfgang Amadé Mozart
Kunterbuntes Welttheater – »Die Zauberflöte«
Tonkünstler oder Taschenspieler? – Der Virtuose und das Konzert
19. Jahrhundert
Der Aufstieg der Kunstmusik – Das 19. Jahrhundert
Schlüssel zum Werk – Die »Erfindung« der Studienpartitur
Wien – Hauptstadt des Streichquartetts
Musik als Utopie – Beethovens 9. Sinfonie
»Durch Leiden zur Freude« – Mythos Beethoven
Blick in die Werkstatt – Beethovens Skizzen
»Ruhm ohne Grenzen« – Rossini und die italienische Oper
»Phantasiereich und vielseitig« – Franz Schubert
Die Geburt des Kunstliedes – Schuberts »Gretchen am Spinnrade«
»Unendliche Sehnsucht« – Warum ist die Musik »die romantischste aller Künste«?
»Einwirkung höhrer Naturen« – Webers »Freischütz« und die romantische Oper
Mit dem Orchester eine Geschichte erzählen – Hector Berlioz’ »Symphonie fantastique«
»Eine völlige Neubelebung der Klaviermusik« – Frédéric Chopin und das Nocturne
Der Virtuose im Konzertsaal – Niccolò Paganini und Franz Liszt
Grand Opéra – Eine Oper für Paris
»Es flogen ihm hundert Herzen zu« – Mendelssohn Bartholdy in der Musikstadt Leipzig
Robert Schumann – »Romantischer« Komponist und Publizist
Aufsehenerregend und lukrativ – Adophe Sax und die »Erfindung des Saxophons«
Giuseppe Verdi – Musikalischer Botschafter Italiens
Richard Wagner – Von der Oper zum Musikdrama
Der Liebe ein Denkmal – Richard Wagners »Tristan und Isolde«
Beethovens Erben – Brahms oder Bruckner?
Sinfonische Dichtung als Programmmusik – Franz Liszt und Richard Strauss
Die »Zauberflöte« im Wohnzimmer – Bürgerliche Hausmusik
Der Walzerkönig – Johann Strauß
Die Operette – Die »kleine Schwester« der Oper?
Musikindustrie – Aus Noten werden Banknoten
Star mit Taktstock – Der Aufstieg des modernen Dirigenten
Musik im Schatten des Eiffelturms – Die Pariser Weltausstellung 1889
»In those cruel slavery days« – Kultur und Musik der Afroamerikaner
Gustav Mahler – Emotionale Abgründe an der Schwelle zur Moderne
Das Innenleben der Musik – Hugo Riemann und die Musiktheorie um 1900
Gründervater der universitären Musikwissenschaft – Guido Adler
Tin Pan Alley – Die Songfabrik
20. und 21. Jahrhundert
Zwischen Herausforderung und Gebrauchsgegenstand – Musik im 20. und 21. Jahrhundert
Mit dem Phonographen um die Welt – Speicherung und Archivierung von Klängen
Flucht aus Wagners Schatten – Debussy und die Befreiung der französischen Musik
Von der Bühne ins Wohnzimmer – Enrico Caruso und die Schallplatte
Der erste Star der Alten Musik – Wanda Landowska
Béla Bartók – Komponist und Volksliedforscher
Vom Hörensagen – Mündliche Überlieferung von Musik
Vom Varieté zum Kinopalast – Musik im Stummfilm
Die Suche nach dem »Ungesagten« – Schönbergs »Kammersymphonie« op. 9
Meilenstein der Moderne – Strawinskys »Sacre du printemps«
»Alles ist hin«? – Schönbergs Abkehr von der Tonalität
Künstlertragödie als Alpensinfonie – Richard Strauss
Von New Orleans nach Chicago – Die Anfänge des Jazz
»Reinigendes Gewitter« – Europas Komponisten im Jazz-Fieber
Gegen das bürgerliche Musikleben – Kritik und Reform des Konzerts
Befreiung durch Bindung – Die »Komposition mit 12 Tönen«
1923 – Ein Jahr im Fokus
Zum Abendbrot erklingt Beethoven – Musik im Radio
Nichts als Krach – Das Schlagzeug
»Bach mit Pocken«? – Strawinsky und der Neoklassizismus
Blick über den Ozean – Charles Ives und die amerikanische Musik
Big Bands – Der Inbegriff des Swing
Eine Oper über die Oper – Brecht und Weills »Dreigroschenoper«
Der »Herzog« des Jazz – Duke Ellington
Third Stream – Jazz erobert den Konzertsaal
Kultur in Bewegung – Tanz als Wissenssystem
Komponieren unter Stalin – Dmitri Schostakowitsch
Musik als Propaganda – Die Musikpolitik der Nationalsozialisten
»Kraft durch Freude« – Schlager unterm Hakenkreuz
Jam Sessions – Die hohe Kunst des Improvisierens
Befreiung des Klangs – Edgard Varèse
Musik aus der Retorte – Serielles Komponieren
Musik ganz ohne Töne? – John Cage und der Zufall
Elvis Presley – The King of Pop
Musik ohne Musiker – Stockhausens »Gesang der Jünglinge«
Miles Davis – »Birth of the Cool«
Auf den Spuren »fremder« Klänge – Musikethnologie
Ihrer Zeit voraus? – Musikalische Avantgarde
Dramatisierung der Bilder – Musik im Tonfilm
Avantgarde Jazz – Der Aufbruch der 1960er-Jahre
»Zustände, Ereignisse, Wandlungen« – Klangkomposition
Soundmagier am Mischpult – Tom Dowd
Jazz global – Die weltweite Ausbreitung des Jazz
Oper als »totales Theater« – Bernd Alois Zimmermann
Grenzgänger zwischen den musikalischen Welten – Leonard Bernstein
The Beatles – Aufbruch zu neuen Ufern
Noch Partitur oder schon Bild? – Grafische Notation
Neue Ordnungen braucht der Klang – Erweiterung des musikalischen Materials
Mythos einer Generation – The Woodstock Music & Art Fair
Reduzieren aufs Minimum – Minimal Music
Fusion – Die andere Seite des Jazz
»Lokale Musik, nicht von hier« oder Verschmolzenes – Weltmusik-Konzepte
Kulturübergreifende Identität – Musik der Türken in Deutschland
Blick ins Innere des Klangs – Spektrale Musik
»Anarchy in the UK« – Die Sex Pistols
Den Klang in die Hand nehmen – Wolfgang Rihm
»Da, Da, Da« – Die Neue Deutsche Welle
Klänge auf Wanderschaft – Die musikalische Eroberung des Raums
In the tradition – Jazz zwischen Museum und Avantgarde
Wer darf beanspruchen, modern zu sein? – Postmoderne
HipHop – Von der Straßenkultur zum globalen Jugendstil
House und Techno – Die elektronische Tanzmusik
Wirklichkeit gewordene Utopie – Mikrotöne
Industrielle Verwertung von Musik – Popmusik im Medienverbund
Musik 2.0 – Popmusik im Internet
Wer spielt? – Komponieren und neue Medien
Vom Besonderen zum Alltäglichen – Musik in allen Lebenslagen
Anhang
Die Autorinnen und Autoren
Namensregister
Sachregister
Einleitung
Dieses Buch bietet einen Streifzug durch 12 Jahrhunderte Musikgeschichte. Statt einer durchgehenden Geschichte, die auf Vollständigkeit zielt, werden 183 einzelne Geschichten erzählt: von Menschen und ihrer Musik, von künstlerischen Ereignissen, von Aufführungen, von Instrumenten oder von Orten, wo Musik gemacht wird – kurz: von Dingen, die für das jeweilige Zeitalter wichtig und charakteristisch erscheinen. Gleichwohl ergeben all diese einzelnen Geschichten zusammen, ähnlich einem Mosaik, ein facettenreiches Bild der Musikgeschichte, das auf dem neuesten Stand der Musikforschung Wesentliches auf anschauliche und verständliche Weise vermitteln möchte.
Warum ein »Streifzug«? Zum einen, weil mehr in kurzer Form nur schwer möglich ist – zu umfangreich ist das Gebiet, zu vielfältig sind die Phänomene, selbst wenn man sich wie hier im Wesentlichen auf Europa konzentriert. Zum anderen, weil diese Weise der Reduktion der geschichtlichen Komplexität erlaubt, Geschichte anschaulich zu erzählen. Die Form des Streifzugs lädt die Leserinnen und Leser dazu ein, sich selbst einen Weg durch das Buch zu bahnen und nach Lust und Laune zwischen den Texten hin und her zu springen.
Geschichte zu schreiben – auch einzelne Geschichten wie in diesem Buch – setzt Dokumente voraus, die uns etwas über die Vergangenheit verraten. Musik ist jedoch bekanntlich vergänglich. Und lange Zeit ließ sich, wenn sie verklungen war, allenfalls noch der Eindruck, den sie hinterlassen hatte, in Worte fassen. Die klingende Musik selbst blieb unwiederbringlich verloren. Zwei rund tausend Jahre auseinanderliegende Erfindungen haben das grundlegend geändert: zunächst im ausgehenden 9. Jahrhundert die Erfindung der musikalischen Schrift und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dann jene der Klangspeicherung mit technischen Mitteln.
Gäbe es die musikalische Notation nicht, so wüssten wir heute vielleicht aus bildlichen Darstellungen, aus Beschreibungen von Zeitgenossen oder durch möglicherweise erhaltene Instrumente etwas von der Musik von vor tausend Jahren oder von den Werken Johann Sebastian Bachs und Ludwig van Beethovens. Wir hätten jedoch keine Ahnung davon, wie diese Musik aufgebaut war, geschweige denn, wie sie vermutlich einmal geklungen hat. Erst die Schrift gestattete, Musik »festzuhalten«. Die Notation erlaubt es, sich eine ziemlich genaue Klangvorstellung von Musik zu verschaffen und sie singend oder spielend zum Klingen zu bringen, selbst wenn man noch nie einen Ton von ihr gehört hat – und dies auch noch nach Jahrhunderten. Ohne die Möglichkeit, musikalische Gedanken schriftlich festhalten und ausarbeiten zu können, wären auch komplexe Musikformen wie die Vokalpolyphonie oder umfangreiche Werke wie Mozarts Don Giovanni oder Gustav Mahlers weit mehr als eine Stunde dauernde 3. Sinfonie nie entstanden. Und der im 16. Jahrhundert erfundene Notendruck schließlich hat es möglich gemacht, notierte Musik wie Bücher in Form von Drucken in großer Zahl herzustellen und zu verbreiten.
Gäbe es die zweite geschichtsmächtige Erfindung – die Klangspeicherung – nicht, so hätten wir heute keine genaue Vorstellung davon, wie Ella Fitzgerald, die Beatles oder eine ungarische Bäuerin vor 100 Jahren gesungen oder wie die Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler gespielt haben. Ohne solche Geräte wären all jene Formen der Musik, die keine Schriftlichkeit kennen – und das ist ein beträchtlicher Teil – sowie all das, was uns die Partitur eines notierten Werkes nicht verrät, zum Verschwinden auf Nimmerwiederhören verdammt. Aufnahmen erlauben uns aber nicht nur, die Volks-, Popular- und Kunstmusik der jüngeren Vergangenheit klingend zu erleben. Als »Tondokumente«, die von der Zeit ihrer Entstehung zeugen, gestatten sie auch, Geschichte und Geschichten der klingenden Musik nachzuzeichnen, etwa jene der Chopin-Interpretation, des Swing oder von musikalischen Ereignissen wie dem Woodstock-Festival.
Musikgeschichte ist kein kontinuierlicher und einheitlicher Strom. Wie die politische Geschichte, die Sozial- und die Wirtschaftsgeschichte ist auch sie geprägt von einem komplexen Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte, nicht selten verbunden mit Zufällen. Regional völlig unterschiedliche Entwicklungen mögen unvermittelt nebeneinanderstehen, »Blütezeiten« auf »Durststrecken« folgen oder plötzliche Wandlungen zu tiefen Einschnitten führen. Die Geschichtsschreibung gliederte den Verlauf der Musikgeschichte vielfach in Epochen wie Mittelalter, Renaissance, Barock, Klassik, Romantik oder Moderne. All diese Bezeichnungen, die ein herausragendes Charakteristikum als kennzeichnend für einen ganzen Zeitraum nehmen, sind aber genau deshalb in vieler Hinsicht problematisch. Das Buch ist daher unterteilt in kalendarische Zeiträume von einem oder mehreren Jahrhunderten Umfang, die – um bei der Metapher des Titels zu bleiben – kreuz und quer durchstreift werden. Renaissance, Romantik oder Moderne lassen sich so unabhängig von der Frage der Epochengliederung als historische Phänomene thematisieren.
Die 12 Jahrhunderte seit der Erfindung der Notenschrift werden mit zur Gegenwart hin zunehmender Ausführlichkeit dargestellt. Übergreifende Aspekte wie die musikalische Schrift, der soziale Ort der Musik oder die Musikinstrumente kehren dabei wieder und durchziehen das Buch als thematische Fäden von den Anfängen bis zur Gegenwart. Und immer wieder werden Musikstücke, die eine Schlüsselrolle gespielt haben, in den Mittelpunkt gerückt. Vorangestellt ist als Prolog ein Abschnitt über die Anfänge in der griechischen Antike, aus der unser Musikbegriff stammt. Da mit dem Einsatz der Klangspeicherung alle Formen klingender Musik zunehmend besser dokumentiert sind und wir deshalb auch die Geschichte von mündlich überlieferten Musikformen auf Dokumente gegründet schreiben können, ist der mit Abstand umfangreichste Teil des Buches dem 20. und 21. Jahrhundert gewidmet. Während sich die Darstellung bis zum späten 19. Jahrhundert hauptsächlich (aber nicht nur) auf den Bereich der westlichen Kunstmusik beschränkt, wird hier die Perspektive auch auf Volksmusik, Jazz und Popularmusik bis hin zur Weltmusik erweitert.
Das hier vorgelegte Mosaik einer Musikgeschichte ist nicht allein das Werk der beteiligten 18 Autorinnen und Autoren. Um es auf dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung ausarbeiten zu können, musste es sich zwangsläufig auf die Arbeiten zahlreicher Forscherinnen und Forscher stützen, deren Erkenntnisse in die Texte eingeflossen sind. Dem Charakter des Buches entsprechend können diese – ebenso wie die in den Texten vorkommenden Zitate – nicht im Einzelnen nachgewiesen werden. Verwendete Fachbegriffe werden in einem Glossar erklärt, auf das man durch Anklicken der Begriffe geführt wird. Wo das nicht der Fall ist, hilft das Sachregister am Ende des Buches weiter. Durch Volltextsuche finden Sie die entsprechenden Begriffe.
Tobias Bleek und Ulrich Mosch,
im Sommer 2018