Kitabı oku: «Nachhaltigkeit interdisziplinär», sayfa 3
Dank
Einige Kapitel dieses Kompendiums gehen auf Vorträge zurück, die ihre Autorinnen und Autoren auf der Tagung Rhetorik der Nachhaltigkeit. Konzepte und Diskurse nachhaltiger Zukunftsgestaltung in Medien, Politik und diversen Fachdisziplinen gehalten haben, die wir im Juni 2016 am FRIAS (Freiburg Institute for Advanced Studies) dank Mitteln des DFG-Netzwerks Ethik und Ästhetik literarischer Reaktionen auf ökologische Transformationen veranstalten konnten. In der Folgezeit hat sich der Kreis der Beitragenden zu unserer großen Freude stetig erweitert. Allen Autorinnen und Autoren dieses Kompendiums sei herzlich gedankt für die fruchtbare Zusammenarbeit.
Besonderen Dank schulden wir außerdem Sophia Burgenmeister für die umsichtige redaktionelle Unterstützung sowie Lobsang Gammeter und Katharina Ströhm für ihre Hilfe beim Erstellen der Quellenverzeichnisse und der Register.
1Vgl. Portney, K. E.: Sustainability. Cambridge MA 2015, 1–5 u. Hulme, M.: Why We Disagree About Climate Change: Understanding Controversy, Inaction and Opportunity. Cambridge 2009, 248 f., 259.
2Grunwald, A.: Wider die Privatisierung der Nachhaltigkeit. Warum ökologisch korrekter Konsum die Umwelt nicht retten kann, in: GAIA, 19/3, 2010, 178–182, hier 178.
1.Ideen- und Wissensgeschichte
Tobias Schlechtriemen
Fast jeder Lebensbereich und jede menschliche Tätigkeit lassen sich gegenwärtig mit dem Zusatz ‚nachhaltig‘ in seiner adjektivischen oder adverbialen Form versehen. Allerdings unterscheidet sich das, was die einzelnen Menschen unter ‚Nachhaltigkeit‘ verstehen, mitunter deutlich (vgl. Grunwald/Kopfmüller 2012; Luks 2002; Brand/Jochum 2000). Der vage und mehrdeutige Gebrauch des Begriffs stellt für viele, wie etwa umweltpolitische Aktivistinnen und Aktivisten, ein Problem dar. Sie würden gerne genau klären, was Nachhaltigkeit im engeren Sinne bedeutet und dieses Verständnis von seinem – aus ihrer Sicht – falschen und irreführenden Gebrauch abgrenzen. Der Ideen- und Wissensgeschichte hingegen geht es nicht um eine eigene Definition dessen, was man unter Nachhaltigkeit verstehen könnte oder sollte. Vielmehr ist es ihr Ziel, zu rekonstruieren, was jeweils zu einer bestimmten Zeit darunter verstanden wurde. Die Ideen- und Wissensgeschichte analysiert somit die verschiedenen Verständnisse von Nachhaltigkeit, ihre medialen Darstellungsformen und historisch-sozialen Kontexte.1
1.1Konzepte und Wissensformationen von Nachhaltigkeit
Gegenüber der traditionellen philosophischen Auffassung, dass es sich bei Ideen um zeitlose und abstrakte Begriffe handelt, hat die neuere Ideen- und Wissensgeschichte zwei wesentliche Änderungen eingeführt (vgl. Müller/Schmieder 2016): Erstens geht sie davon aus, dass Wissen sich wandelt. Ideen haben eine Geschichte, die man wissenschaftlich untersuchen und rekonstruieren kann. Wann ist eine Idee aufgekommen und in welchem Kontext? Wie wurde sie aufgegriffen, weitergegeben und wie hat sich ihre Bedeutung geändert? Welche unterschiedlichen Verständnisse eines Begriffs kursieren innerhalb einer Gesellschaft und darüber hinaus?2 Zweitens folgt die Wissensgeschichte der Annahme des linguistic turn (Richard Rorty), dass es für einen Gedanken entscheidend ist, wie er sprachlich verfasst wird. Demzufolge gibt es keine abstrakten Ideen, die erst im Nachhinein sprachlich dargestellt werden. Was Rorty (1967) in Bezug auf Sprache formuliert, gilt auch für alle anderen Medien: Das Verständnis bildet sich direkt in einem oder mehreren Medien aus und wird entsprechend durch sie geprägt. Es stellt sich somit die Frage, wie Wissen durch verschiedene mediale Darstellungen geformt wird. Welche spezifischen Eigenschaften und Affordanzen (vgl. Zillien 2008) bringt ein bestimmtes Medium, wie Sprache oder etwa grafische Darstellungen, mit sich? Ludwig Jäger bezeichnet diese medienspezifischen Prägungen als „Transkriptionen“ (2001). Wissensgeschichtliche Untersuchungen beschäftigen sich folglich mit Wissensformationen sowohl im Hinblick auf ihre Geschichtlichkeit als auch ihre Medialität.
Bezüglich der eingangs geschilderten Beobachtung sind aus wissensgeschichtlicher Perspektive zudem zwei Aspekte interessant: zum einen, dass das Konzept der Nachhaltigkeit für so viele Menschen in völlig verschiedenen Bereichen eine solche herausragende Bedeutung und Relevanz besitzt, und zum anderen, dass sich nahezu alle in positiver Weise darauf beziehen. Es zeichnet sich also sowohl durch eine enorme gesellschaftliche Reichweite als auch durch eine hohe Wertschätzung aus. Die Nachhaltigkeitsdebatte bietet den Anlass, dass Menschen diskutieren, was ihnen gegenwärtig wichtig ist, auch in der Form, dass sie artikulieren, was sie sich für ihre Zukunft wünschen oder wovor sie sich fürchten. Kurz: Nachhaltigkeitsvorstellungen bilden einen wichtigen Teil des sozialen Imaginären – zumindest westlicher Gesellschaften (vgl. Kagan, im Erscheinen). Die Vagheit und Offenheit des Verständnisses scheint dabei eine bereichsübergreifende Kommunikation erst zu ermöglichen.3 Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Nachhaltigkeit für fast alle einen positiven Referenzpunkt darstellt, der hinsichtlich seiner Bedeutung aber nicht festgelegt ist.
Wie konnte Nachhaltigkeit diese prominente gesellschaftliche Stellung erlangen, die man mit Ernesto Laclau als „empty signifier“ (Laclau 2002: 69), als ‚leeren Signifikanten‘ bezeichnen könnte?4 Wo ist das Konzept der Nachhaltigkeit zuerst aufgetaucht? In welche anderen Bereiche wurde es dann übertragen? Seit wann ist es zu einem „absoluten Begriff” (Schüttpelz 2007: 25) aufgestiegen, der nicht mehr nur einem spezifischen Bereich zugeordnet werden kann, sondern in fast allen gesellschaftlichen Teilbereichen eine Referenz darstellt?
Diese weitreichende diskursgeschichtliche Rekonstruktion kann hier nicht geleistet werden. Stattdessen konzentriere ich mich im Folgenden auf die unterschiedlichen Verständnisse von Nachhaltigkeit. Ein wesentlicher Aspekt wird dabei sein, wie Nachhaltigkeit als wissenschaftlicher Gegenstand behandelt worden ist. Denn im Fall des Nachhaltigkeitsdiskurses gingen entscheidende Impulse von wissenschaftlichen Darstellungen aus, die in der Folge massenmedial aufgegriffen und öffentlich diskutiert wurden. Drei Texte, die für die Nachhaltigkeitsdebatte prägend waren und immer noch als richtungsweisend gelten, stehen im Zentrum meiner Analyse: Das 1713 erschienene Buch Sylvicultura oeconomica von Hans Carl von Carlowitz (2013); die von Donella H. sowie Dennis L. Meadows und ihrem Team 1972 publizierte Schrift The Limits to Growth (dt.: Die Grenzen des Wachstums), die auch als Bericht des Club of Rome bekannt geworden ist (Meadows et al. 1980); und schließlich der sogenannte Brundtland-Report, also der Text, den eine unabhängige UNO-Kommission 1987 unter dem Titel Our Common Future (dt.: Unsere gemeinsame Zukunft) vorstellte (Weltkommission 1987).
In der Analyse habe ich fünf Kernaspekte herausgearbeitet, die in allen drei Texten eine wesentliche Rolle spielen. Das gilt zunächst für diese drei Schriften; die Motive und Fragen sind jedoch so grundlegend, dass sie mir geeignet erscheinen, um generell bei der vergleichenden Analyse von Nachhaltigkeitsdiskursen eingesetzt zu werden.5 Insofern handelt es sich um idealtypische Konstruktionen, um eine Heuristik, die aus den historisch-konkreten Formen abgeleitet ist. Entsprechend muss man sie anpassen, wenn andere Quellen mit einbezogen werden. Die idealtypische Heuristik ermöglicht es aber, sich in den diversen und oftmals diffusen Auffassungen dessen, was Nachhaltigkeit bedeutet, zu orientieren, Vergleichsanalysen anzufertigen und innerhalb eines Nachhaltigkeitsdiskurses dessen inhärente Konsequenzen durchzuspielen. Wie die Beispielanalysen im Folgenden zeigen werden, beschränke ich mich dabei nicht auf Begriffe oder Ideen. Vielmehr beziehe ich mit ein, in welchen Metaphern, Diagrammen und technischen Kontexten das Wissen über Nachhaltigkeit formuliert, dargestellt und dadurch eben auch formiert wird.6
Die fünf Kriterien oder Kernaspekte sind: erstens, der Anlass, welcher im Text als Grund oder Motivation für die Darstellung angegeben wird; zweitens, die Ressource, die erhalten werden soll; drittens, die Bezugseinheit, auf die sich die Berechnung des zu Erhaltenden bezieht; viertens, das Wissen, welches man benötigt, um entsprechende Berechnungen anstellen zu können; und fünftens, die Akteure und ihre Positionierung, also wer in welcher Weise aktiv oder passiv beteiligt ist, in welchem institutionellen Setting etc. und wie sich die Autorin oder der Autor bzw. deren jeweilige Institution selbst in Bezug auf das beschriebene Problem positioniert.
1.2Fallbeispiele: Analysen dreier Meilensteine der Nachhaltigkeitsdebatte
Sylvicultura oeconomica
Das Buch Sylvicultura oeconomica ist im Kontext dieser Analyse deswegen interessant, weil viele davon ausgehen, dass hier zum ersten Mal das Konzept der Nachhaltigkeit formuliert wird – etwa Ulrich Grober (2010) in seiner Rekonstruktion des Nachhaltigkeitsdiskurses. Das Wort ‚nachhalten‘ war zwar zuvor bereits gebräuchlich (vgl. Kaden 2012), aber bei von Carlowitz sei zudem ein grundlegendes Verständnis von Nachhaltigkeit entwickelt.7 Der Satz, der als Beleg dafür eine erstaunliche Prominenz erhalten hat, aber meist nur gekürzt und ohne weiteren Kontext wiedergegeben wird, ist folgender:
Wird derhalben die gröste Kunst / Wissenschafft / Fleiß / und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unent berliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse [Wesen] nicht bleiben mag. (von Carlowitz 2013: 216)
Hier taucht der Ausdruck „nachhaltende Nutzung“ [Hervorh. T. S.] auf und charakterisiert die Weise, in der der Wald bewirtschaftet werden sollte. Damit ist im Kern ein Grundsatz formuliert, welcher den Nachhaltigkeitsdiskurs der letzten 30 Jahre geprägt und dessen Aussage nicht an Plausibilität verloren hat: Im Wald sollte man nicht mehr Holz schlagen, als nachwächst. Als Ausgangspunkt für die Analyse des Nachhaltigkeitsdiskurses lohnt es sich also, genauer zu untersuchen, durch welche wesentlichen Elemente sich von Carlowitz’ Verständnis von Nachhaltigkeit auszeichnet. Allerdings sei in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass es sich dabei um ein Spezifikum des deutschsprachigen Diskurses handelt.8
Gleich zu Anfang, noch in der Widmung für den Kurfürsten von Sachsen, Friedrich August I., formuliert von Carlowitz seine Beweggründe für das Verfassen dieses umfangreichen Werkes (2013: 94): Es gehe ihm darum,
den Handel und Wandel zuerheben / und dadurch sattsame Nahrung und Unterhalt für sie [„die armen Unterthanen“] zu conserviren / worunter der Berg-Bau bey Ew. Königl. Maj. Weltberufenen Sächsischen Ertz-Gebürge / als ein großes Momentum, zum Besten des gemeinen Wesens / bevorab zu rechnen / dadurch viele herrliche Städte / Flecken und Dörffer eingebauet / viel tausend Menschen ernehret / große Summen Geldes in Deroselben und Dero benachbarten Landen zum rouliren bracht / und vermittelst derer Metallen und Mineralien auch daraus gefertigten Manufacturen / das Commercium bey der Kauffmannschafft ins Land gezogen / je mehr und mehr verstärcket / darinnen erhalten / und folglich Ew. Königl. Maj. hohes Interesse immer möglichst befördert wird.
Der „Handel und Wandel“ soll angeregt werden, um die Menschen der Region zu ernähren. Dabei stellt der Bergbau ein „großes Momentum“, also einen entscheidenden Aspekt, „zum Besten des gemeinen Wesens“ dar. Was hier ebenfalls auftaucht, ist die Strategie „zu conserviren“ und „bevorab zu rechnen“, also Berechnungen anzustellen, die künftige Entwicklungen vorhersagen und dadurch Nahrung und Unterhalt sichern können. Insgesamt handelt es sich um einen Vorschlag, der – im Sinne des „Commercium“ – auf wirtschaftliche Erfolge abzielt, um auf diese Weise wiederum dem Gemeinwohl, auch in Zukunft, zu dienen.
Im anschließenden Satz wird noch einmal die wesentliche Rolle betont, welche die Bergwerke spielen. Es ist tatsächlich ein Satz; in dem auch der Zusammenhang mit dem Wald bzw. dem Holz hergestellt wird:
In dieser Betrachtung nun / und sonderlich wie die Bergwercke / als das edle Kleinod und unschätzbare heilige Nahrungs-Mittel / bey Ew. Königl. Maj. Churfl. Sächß. Landen / wegen anscheinenden Holtz-Mangel künfftig nicht in Abfall kommen / und dadurch die florierende Commercia gehemmet werden möchten / […] wie das Holtzwesen in Ew. Königl. Maj. Churfürstl. Sächsischen Landen etzlicher maßen zu unterhalten / und der befürchtende Holtz-Mangel durch den Anflug und Wiederwachs des jungen Holtzes / bey und auf denen großen Blösen / und Stock-Räumen / derer in viel tausend Ackern bestehend abgetriebener und abgehöltzter Wälder / denen Nachkommen zum Besten / nach und nach wiederzuersetzen / und dadurch den lieben Bergwerck / (welches in Ew. Königl. Majest. Landen / durch Gottes Seegen unerschöpfflich / aber ohne sattsames Holtz / nicht geführet werden mag) so wohl voritzo / als künfftighin zu Vermehr- und Erweiterung zu statten zu kommen / zumahl weil doch Grund und Boden gnugsam hierzu vorhanden / und bey dessen pfleglicher Holtz-Cultur solches hinfüro nicht ermangeln kan. (von Carlowitz 2013: 94 f.)
Die Bergwerke werden hier als „Kleinod“ und „unschätzbare heilige Nahrungs-Mittel“ beschrieben. Sie seien zwar durch Gottes Segen unerschöpflich, aber könnten ohne Holz nicht betrieben werden. Anlass zur Sorge bereitet von Carlowitz der zu seiner Zeit offenbar breit diskutierte „befürchtende Holtz-Mangel“. Diesen wolle er durch Vorschläge für eine „pflegliche[ ] Holtz-Cultur“ überwinden – und das komme dann auch einer „florierende[n] Commercila“ zugute. Auf welche Weise er den Holzmangel bekämpfen möchte, nimmt er im Kern hier schon vorweg: Es gehe darum, die Brachflächen und abgeholzten Felder wieder aufzuforsten.9 Der geographische Bereich, auf den er sich bezieht, sind die „Churfürstl. Sächsischen Landen“. Zeitlich hat er seine Gegenwart, aber auch die Zukunft – „so wohl voritzo / als künfftighin“ – im Blick, denn die Maßnahmen seien auch „denen Nachkommen zum Besten“.
Anhand der fünf Kernaspekte lässt sich von Carlowitz’ Darstellung folgendermaßen strukturieren: Den Anlass zur Niederschrift seiner Vorschläge bildet für von Carlowitz der Holzmangel.10 Dieser habe dazu geführt, dass bereits viele Bergwerke in Europa und weltweit nicht mehr ausgelastet seien und folglich auch nicht mehr auf ihre Kosten kämen (vgl. von Carlowitz 2013: 99) – letztlich handelt es sich also um eine ökonomische Begründung. Als Ursache für den Holzmangel identifiziert er den Umstand, dass viele Wälder abgeholzt und zu landwirtschaftlichen Flächen oder Gärten und Teichen umfunktioniert worden seien (vgl. von Carlowitz 2013: 98).
Die entscheidende Ressource ist das Holz. Dessen Zentralität begründet von Carlowitz allgemein und insbesondere in Bezug auf den Bergbau (2013: 98):
daß man ohne dasselbe [das Holz] / nebenst dem lieben Brodt / weder zu Saltze noch Schmaltze zugelangen / noch zu kochen / zu brauen / ja nicht in Trocknen zu wohnen / noch weniger den Leib den harten Winter durch / vor Frost und Kälte gesund und bey Kräfften lebendig zu erhalten / vermag / zugeschweigen daß ohne dessen Bey-Hülffe auch bey dem Edlen Bergbau zu denen untersten Schätzen der Erden in keinerley Wege zukommen / und also weder Silber noch Gold / oder andere Metalle und Mineralien / worinnen doch der nervus rerum gerendarum [Hauptbeweggrund] bey dem gemeinen Wesen bestehet / fündig zu machen / zu schmeltzen / zu münzen / noch sonsten zu Nutze zu bringen.
Dem drohenden Mangel will von Carlowitz durch Vorausberechnung der Holzbestände begegnen. In diesem Zusammenhang schreibt er immer wieder davon, dass man im Grunde die nächsten 100 Jahre im Blick haben müsse (vgl. etwa von Carlowitz 2013: 210). Letztlich geht es um eine Nullsummenrechnung, dass nur so viel Holz verbraucht werden kann, wie auch nachwächst. Um den Bedarf an Holz und die Bestände berechnen zu können, braucht er eine Bezugseinheit. Als solche fungiert bei ihm das Land Sachsen bzw. die darin zur Verfügung stehenden Waldflächen.11
Um den Bestand zu konservieren, müssten weitere Flächen aufgeforstet werden. Hierzu braucht es ein genaues Wissen über die Aufzucht neuer Bäume, das Wachstum verschiedener Arten usf., kurz: die Forstwissenschaft, die er etablieren und deren Wissen er unter den Menschen verbreiten möchte.12 Das bedeutet auch, dass der Wald hier nicht als natürliches Ökosystem für sich geschützt werden soll. Vielmehr ist es ein Plädoyer für einen auf forstwissenschaftlichem Wissen beruhenden menschlichen Eingriff, der den Wald dann auch in eine forstwirtschaftliche Ressource wandelt (vgl. Kaufmann 2004: 174 f.).
Hans Carl von Carlowitz ist Leiter des sächsischen Oberbergamts und besetzt somit die Stelle, an der alle Informationen zusammengeführt sowie die wichtigen forstwirtschaftlichen Entscheidungen getroffen werden.13 Wenn also jemand über das Wissen verfügt, das er hier zugleich einfordert und verbreiten möchte, dann er selbst. Somit stehen als Akteure14 er und seine Institution des Oberbergamts im Zentrum des beschriebenen Geschehens mit dem Anspruch, auf dieses einen erheblichen Einfluss ausüben zu können.
Wenn man das Verständnis von Nachhaltigkeit, wie es hier formuliert ist, zusammenfasst, dann wird ein Bezug zu einer Einheit hergestellt – das ist hier das Land Sachsen. Innerhalb dieser Einheit geht es um Holz als endliche und lebenswichtige Ressource, die eine hohe ökonomische Relevanz aufweist. Diese Ressource wird nicht nur in der Gegenwart gebraucht, sondern auch in der Zukunft. Sie ist zwar endlich, aber sie wächst nach. Davon ausgehend wird eine einfache Rechnung aufgestellt: Man darf nur so viel Holz verbrauchen, wie in der gleichen Zeit nachwächst.15 Allgemein formuliert motiviert eine bestimmte Zukunftsvorstellung ein entsprechendes Handeln in der Gegenwart. In der konkreten Umsetzung dieses Handelns bedarf es dazu eines bestimmten Wissens. Denn man muss in der Lage sein zu kalkulieren, in welcher Zeit wie viel Holz der unterschiedlichen Baumarten nachwächst; zudem kann man das Wachstum gezielt fördern und unterstützen. Dieses forstwissenschaftliche Wissen – so wird hier angenommen – ist erforderlich, um überhaupt die Nachhaltigkeit über einen betreffenden Zeitraum berechnen zu können.
Das, was hier Anfang des 18. Jahrhunderts als ein neues Wissen und Konzept im Hinblick auf die Beforstung des Waldes entwickelt wurde, findet sich als Metapher oder als eine Bedeutungsschicht in vielen Definitionen und Umschreibungen von Nachhaltigkeit bis in die Gegenwart.
Die Grenzen des Wachstums
Der zweite hier analysierte Grundlagentext wurde 250 Jahre später geschrieben: Die Grenzen des Wachstums von 1972.16 Das Buch geht auf die Initiative und finanzielle Unterstützung des Club of Rome zurück, der 1968 in Rom von Personen aus Wissenschaft und Politik gegründet wurde.17 Es wurde von einer Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verfasst, die sowohl auf dem Cover als auch im Klappentext als „Mitarbeiter der berühmtesten westlichen Denkfabrik, des Massachusetts Institute of Technology (MIT)“18 vorgestellt werden.
In beiden Paratexten des Buchumschlags wird bereits das Ergebnis zusammengefasst:
Das Fazit ist eindeutig: Unser Bevölkerungs- und Produktionswachstum ist ein Wachstum zum Tode. Der ‚teuflische Regelkreis‘ – die Menschheitszunahme als Ursache und Folge der Ausplünderung unseres Lebensraums – kann nur durch radikale Änderung unserer Denkgewohnheiten, Verhaltensweisen und Gesellschaftsstrukturen durchbrochen werden.
Man müsse weiterhin auf Technik und Wissenschaft setzen, aber nicht mit dem Ziel, das Bruttosozialprodukt zu erhöhen. Vielmehr habe das Meadows-Team den „Zustand eines stabilisierten Gleichgewichts“ (Klappentext von Meadows et al. 1980) errechnet, den man noch erreichen könne.
An dieser Stelle setze ich nun wieder die fünf Kernaspekte ein, um das Verständnis von Nachhaltigkeit, wie es hier formuliert ist, zu konturieren und vergleichbar zu machen. Die Forschenden des MIT sind Systemtheoretiker und gehen von einem dynamischen Systemverständnis aus. Ihr Ziel ist es, ein Weltmodell aufzustellen, mit dem sich die globale Entwicklung berechnen lässt. Dazu stellen sie die aus ihrer Sicht zentralen Grundgrößen auf: „Bevölkerung, Kapital, Nahrungsmittel, Rohstoffvorräte und Umweltverschmutzung“ (Meadows et al. 1980: 76). Hier handelt es sich nicht nur um Ressourcen im engeren Sinn, sondern um andere Faktoren, die aus ihrer Sicht entscheidend die weltweite Entwicklung bestimmen.
Das Forscherteam betrachtet diese Grundgrößen als voneinander abhängige Variablen. Im Sinne des dynamischen Systemkonzepts werden sie als wechselwirkende Teile verstanden. Um solche Wechselwirkungen berechnen und hochrechnen zu können, braucht es auch hier eine Bezugseinheit: Das ist „die Menschheit“ (Meadows et al. 1980: 12), „die Erde“ (Meadows et al. 1980: 13) oder das Weltsystem, für das es dann entsprechend ein „Weltmodell“ (Meadows et al. 1980: 15) gibt. Außerdem wird jede Grundgröße für sich noch einmal als Regelkreis beschrieben mit Faktoren, die eine Zunahme begünstigen, und solchen, die zur Abnahme der Größe beitragen. Dieses Weltmodell übernehmen sie von Jay Forrester und dessen kybernetischem Ansatz der Systems Dynamics (Seefried 2015: 60, 267 f.). Mit den Grundgrößen, ihren Regelkreisen und den Daten, die dazu vorliegen, lassen sich Computerberechnungen anstellen und das Verhalten der Variablen zueinander testen.19 Der zeitliche Rahmen dazu wechselt, mal geht es um den „Zeitraum zwischen 1900 und 2100“ (Meadows et al. 1980: 79), mal bis zum Jahr 2000 oder auch deutlich länger.
Die Computersimulationen führen zu eindeutigen Ergebnissen, welche die Forscher als Anlass zu deren Publikation schildern: „Wir kamen dabei zu Erkenntnissen, wie sie sich schon vielen weiterblickenden Menschen aufdrängten: daß die kurzen Verdoppelungszeiten im System der Menschheit uns erstaunlich rasch an die Grenzen des Wachstums heranführen werden“ (Meadows et al. 1980: 75). Die Entwicklung vollziehe sich nicht nur exponentiell, sondern „super-exponentiell“ (Meadows et al. 1980: 26). „Dieses Systemverhalten tendiert eindeutig dazu, die Wachstumsgrenzen zu überschreiten und dann zusammenzubrechen“ (Meadows et al. 1980: 111), so die Forscher des MIT. Das habe ihre „Wertmaßstäbe verändert“.20
Diese Dynamik lässt sich an folgender Grafik ablesen (vgl. Abb. 2). Für alle Grundgrößen sind die Daten zwischen 1900 und 1970, die zu dieser Zeit vorliegen, eingetragen – danach wird die Kurve durch Hochrechnungen ergänzt. Man sieht, wie bis 2020 Nahrungsmittel, Industrieproduktion, aber auch Umweltverschmutzung und Bevölkerung steigen – nur die Rohstoffvorräte fallen. Um 2050 gibt es dann einen Wendepunkt und deutlichen Abfall der Bevölkerungszahlen. Das Wissen wird hier über Computersimulationen gewonnen. Ausgehend von Daten zu Grundvariablen eines Systems und deren Interaktion werden zukünftige Entwicklungen hochgerechnet und in Graphen visualisiert. Dies bedeutet allerdings „die Abhängigkeit des Erkenntnisfortschritts von der Leistungsfähigkeit der Rechner“ (Gramelsberger 2010: 95).

Abb. 1: aus: Meadows et al. 1980: 113.
Die Forscherinnen und Forscher des MIT formulieren den Anspruch, ihr Modell sei „das einzige existierende Modell, das wirklich weltweite Bedeutung hat“ (Meadows et al. 1980: 15). Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie über einen der zu dieser Zeit wenigen Computer mit entsprechender Rechenkapazität verfügten.21 Der Vorteil ihres Modells ist außerdem, dass man mit ihm experimentieren kann, indem man die Variablen ändert und dann die Auswirkungen dieser Änderungen in Probeläufen durchspielt (vgl. Gramelsberger 2010: 157). Diese informationstechnologischen Möglichkeiten prägen auch die Weltwahrnehmung: „Computer geben Einblicke in das Innere der Phänomene, indem sie das gesamte Gebiet der Mannigfaltigkeiten als mathematischen Möglichkeitsraum eröffnen“ (Gramelsberger 2010: 255).

Abb. 2: aus: Meadows et al. 1980: 13.
Wie sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst positionieren – auch im Verhältnis zu den anderen Menschen –, zeigt eine Grafik, die im Anfangsteil des Buches abgebildet ist (vgl. Abb. 2). Sie wirkt wie eine nüchterne wissenschaftliche Grafik. Die darauf eingetragenen Punkte könnten errechnet sein, bei genauerem Betrachten wirken sie jedoch grob gesetzt – beim Verfertigen schien es eher um die Veranschaulichung eines allgemeinen Prinzips gegangen zu sein. Dennoch referiert die Grafik stilistisch auf das ‚Genre‘ mathematisch-exakter Darstellungen.
Die beiden Achsen stellen Raum und Zeit dar. Auf den Achsen sind nun jeweils durch Striche markierte Zonen eingetragen. Die Beschriftung weist sie aus als „Familie“, „Arbeit, Stadt, Nachbarschaft“, „Nation“, „Erde“ (Meadows et al. 1980: 13). Auf der Zeitachse gibt es die Abschnitte „kommende Woche“, „nächste Jahre“, „Lebensspanne“, „Lebensspanne der Kinder“.22 Im Text wird dazu erläutert, dass es sich bei den Punkten um die menschlichen Belastungen oder Sorgen handele. Je nachdem, wo der „Zentralpunkt jeder menschlichen Sorge […] in dieses Koordinatensystem eingetragen“ (Meadows et al. 1980: 12) sei, beziehe sie sich auf zeitlich und räumlich Naheliegendes oder Ferneres.
Die Sorgen der meisten Menschen konzentrieren sich in der linken unteren Ecke; dieser Teil der Menschheit hat ein schweres Leben; er hat sich fast ausschließlich darum zu bemühen, sich und seine Familie über den nächsten Tag zu bringen. Andere wieder können über den Tag hinaus denken und handeln. Sie empfinden nicht nur eigene, sondern auch Lasten der Gemeinschaft, mit der sie sich identifizieren. Ihre Handlungsziele erstrecken sich über Monate und Jahre. (Meadows et al. 1980: 12)
Zunächst einmal ist die letzte Bezugseinheit die Menschheit – die Grafik ist untertitelt mit „Aussichten der Menschheit“ (Meadows et al. 1980: 13). Diese Einheit wird in sich differenziert, es werden verschiedene Rollen verteilt. Diese Differenzierung sei keine normative, sondern eine, die sich objektiv nach rein mathematisch berechenbaren Kriterien richte – das suggeriert die Darstellungsweise der Grafik. Die Menschen werden danach eingeteilt, wie weitsichtig sie denken und handeln können, sowohl zeitlich als auch räumlich gesehen. Demnach sind links unten diejenigen verortet, die zeitlich wie räumlich begrenzt denken und handeln. Daher rührt die Qualifikation, dass sie „ein schweres Leben“ hätten. Auch der nächstliegende Teil der Menschheit empfinde „Lasten“, aber sie bezögen sich eben auf weitere Kreise, wie die „Nation“, und auch zeitlich werde in längeren Zeitspannen gedacht und gehandelt.
Nun steckt implizit bereits in dieser Grafik eine weitere Rolle: die Selbstverortung der Beschreibenden. Dies ist die Einleitung in einen Bericht, der den Zustand der Menschheit bzw. der Erde beschreiben und dabei Berechnungen anstellen möchte, wie diese sich über die nächsten Jahrhunderte entwickeln werden. Die Forscherinnen und Forscher gehören folglich, wie sie dann auch selbst schreiben, „in die obere rechte Ecke des Koordinatensystems von Abbildung 1“ (Meadows et al. 1980: 14). Es handelt sich um die Wenigen, die in der Lage sind, auf die größtmögliche räumliche Einheit – die Erde, die Menschheit oder den Planeten – und eine langfristige Zeitspanne – von „Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten“ (Meadows et al. 1980: 15) – bezogen zu denken und Handlungsvorschläge zu machen, also den „langfristigen weltweiten Problemen“ (Meadows et al. 1980: 15) nachzugehen.23
Das Verständnis von Nachhaltigkeit in den Grenzen des Wachstums ist am Ideal des Gleichgewichts ausgerichtet:
Wir suchen nach einem Modellverhalten, das ein Weltsystem repräsentiert, das 1. aufrechterhaltbar [sustainable] ist ohne Tendenz zu plötzlichem unkontrolliertem Zusammenbruch und 2. die Kapazität besitzt, die materiellen Bedürfnisse der Weltbevölkerung zu befriedigen.24
Ein entsprechendes Modellverhalten sähe so aus, dass sich die verschiedenen Größen wechselseitig und innerhalb ihres Regelkreises in einem systemischen Gleichgewicht halten (vgl. Abb. 3). Auch wenn sie in Form ‚nüchterner‘ Graphen dargestellt werden, so handelt es sich dennoch um zwei völlig verschiedene, aber durchaus drastische Zukunftsszenarien, die hier einander gegenübergestellt werden: den ‚Kollaps‘ des Weltsystems und das systemische Gleichgewicht.25
