Kitabı oku: «Sprachkritik und Sprachberatung in der Romania»
Sprachkritik und Sprachberatung in der Romania
Wolfgang Dahmen
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8233-0057-1

Inhalt
Einleitung
1. Frankophoner RaumSprachstil – Sprachvariation – Sprachwandel? Jacques Olivier Grandjouan, Les linguicides (1971)1 Einleitung2 Les linguicides: Inhaltsüberblick3 Kritik4 Variation oder Wandel?Sprachpflegerische Welten im Internet:1 Einleitung und Zielsetzung2 Sprachpflege und Laienlinguistik in öffentlichen Diskursräumen3 Online-Diskurse als Sonderform öffentlicher Diskurse4 Linguistische Diskursanalyse als methodischer Zugang zu laienlinguistischer Sprachreflexion5 Exemplarische Analyse6 Zusammenfassende Bemerkungen und AusblickGibt es eine Norm des Québécois?Zum Wandel in der Bewertung regionaler Merkmale in Québec1 Einleitung2 Die Rolle der Norm für die Sprachkritik3 Das Québecer Französisch und die Normfrage4 Die historischen Diskussionen zum sprachlichen Leitbild in Québec5 Sprachberatung und Sprachkritik in Québec heute6 KonklusionBibliographieEine frankokanadische Norm – Chancen und Grenzen1 Historischer Abriss der sprachlichen Situation im frankophonen Kanada2 Die heutige sprachliche Situation3 Aspekte der Normproblematik im frankophonen KanadaBibliographie
2. IberoromaniaLingüística popular y codificación del español1 Introducción2 Un ejemplo: Un supuesto caso de dequeísmo3 Los “libros de estilo”, codificación “popular” de la norma, y la asesoría lingüística académica4 La norma ejemplar en el nuevo Libro de estilo (El País 2014): El “Diccionario”5 ConclusiónBibliografíaDie katalanische Sprachkultur am Beginn des 21. Jahrhunderts1 Einleitung: Sprachkritik und Sprachspiel2 Die Abgrenzung vom Kastilischen in der katalanischen Sprachkultur3 Sprachkultur der dubtes4 Wörterbücher, diccionaris de dubtes und llibres d’estil: „Ve’t ací el llibre imprescindible“?5 Der normative Diskurs in der katalanischen Sprachkultur: Exklusion – correctio – orientació d’ús6 SchlussbetrachtungBibliographie„Su acento le hace más apta para Dos Hermanas o Vélez-Málaga“. Polémica lingüística acerca de variedades e identidades1 El problema y el método2 El análisis3 Perspectivas„Sa nostra llengo“ – Die balearischen Artikelformen im Fokus laienlinguistischer Sprachkritik1 Vorbemerkungen2 Die Artikelformen aus systemlinguistischer Perspektive3 Die Artikelformen aus soziolinguistischer Perspektive4 Die Formen des article salat in der gegenwärtigen laienlinguistischen Diskussion5 Abschließende BemerkungBibliographieWie man versucht, den Dialekt von Alghero in die katalanische Normsprache einzupassen1 Geschichte des Katalanischen in Alghero2 Kurze Charakteristik des katalanischen Dialekts von Alghero3 Bemühungen um eine Sprachkodifizierung für Alghero an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert4 Josep Sanna publiziert ein Wörterbuch nach den Kriterien der katalanischen Normsprache5 Probleme bei der Applikation der katalanischen Normsprache auf den Dialekt von Alghero
3. LateinamerikaDie Sprachratgeber der Academia Argentina de Letras – eine diachrone Analyse1 Einleitung2 Die Sprachberatung der Academia Argentina de Letras3 Dudas idiomáticas frecuentes (1992–2001)4 Diccionario argentino de dudas idiomáticas (2011)5 Exkurs: Panorama de nuestra lengua (2014)6 Twitter – Eine neue Form der Sprachberatung7 Analyseergebnis8 Nationale Sprachberatung und die panhispanische NormQuellennachweisDie Emergenz neuer sprachlicher Standards im peruanischen Spanisch: laienlinguistische vs. fachwissenschaftliche Perspektiven1 Interne Migration und ihre sprachlichen Konsequenzen in Peru2 Die Emergenz neuer sprachlicher Standards aus fachwissenschaftlicher Perspektive3 Die Emergenz neuer sprachlicher Standards aus Sprechersicht4 Der sprachliche Wandel in Lima aus Sprechersicht5 Das limeño als ‚norma culta peruana‘?6 FazitBibliographieNo digas chido porque se escucha gacho – Sprachkritik in Mexiko1 Vorüberlegungen2 Was ist Sprachkritik?3 Sprachkritik im Spannungsfeld zwischen norma culta und sprachlicher Realität im mexikanischen Kontext4 Ebenen von Sprachkritik in Mexiko5 Fazit und AusblickBibliographie
4. ItalienischZwischen Norm und Gebrauch: die Online-Sprachberatungsdienste der Accademia della Crusca und von Treccani1 Die Sprachberatungsdienste von Treccani und von der Accademia della Crusca2 Fragen und Antworten: Die Sprachberatungsdienste der Crusca und von Treccani im Vergleich3 „Laien“, „Experten“ und die (Gebrauchs-)NormSprachkritik und Sprachberatung im Kontext der italienischen Lokalisierung freier und offener Software1 Einleitung2 Freie und offene Software3 Kanäle von Sprachberatung und Sprachkritik im Kontext der italienischen Lokalisierung von Freier und offener Software4 ZusammenfassungNormvorstellungen und Normtoleranz bei Italienischsprechern im Ruhrgebiet und in Catania1 Einleitung2 Normen und Normvorstellungen3 Sprachreflexion von Laien und Linguistik4 Normen, Sprechen und metasprachliche Äußerungen5 Umfrage Ruhrgebiet/Catania6 Schlüsse aus dem DatenmaterialGesprochenes Italienisch im Ruhrgebiet und in Catania aus laienlinguistischer und fachwissenschaftlicher Perspektive: Ergebnisse eines Perzeptionsexperiments1 Einleitung2 Wahrnehmung des gesprochenen Italienischen im Ruhrgebiet3 Wahrnehmungsexperiment4 Fazit
5. RumänischMă-ta are cratimă. Die rumänische Orthographie als Objekt von Sprachkritik und Sprachberatung1 Herausbildung der rumänischen Sprachnorm2 Sprachpflege und Sprachkritik seit 19453 Sprachberatung im Internet4 Schlussbemerkungen
Einleitung
Claudia Polzin-Haumann (Saarbrücken)/Wolfgang Schweickard (Saarbrücken)
Das 30. Romanistische Kolloquium zum Thema „Sprachkritik und Sprachberatung in der Romania“ hat vom 24. bis 26. September 2015 in Saarbrücken stattgefunden. Zentrale Schwerpunkte waren die Beschreibung und Bewertung sprachlicher Entwicklungstendenzen und die Diskussion um „guten“ und „schlechten“ oder „richtigen“ und „falschen“ Sprachgebrauch im Spannungsverhältnis von öffentlicher und fachwissenschaftlicher Wahrnehmung. Damit wurde ein Themenbereich gewählt, dem gerade in Zeiten rapider und weltweiter Veränderungen in den medialen Rahmenbedingungen der Kommunikation besondere Bedeutung und Aktualität zukommt. Im Rahmen der Vorträge wurden unterschiedliche Facetten der Thematik präsentiert und gemeinsam diskutiert. Besondere Aufmerksamkeit galt der Geschichte und den Erscheinungsformen von Sprachkritik und Sprachberatung in der Romania, den Inhalten und Besonderheiten der Diskussion in den verschiedenen romanischen Ländern, den Foren von Sprachkritik und Sprachberatung, dem Verhältnis von Laienlinguistik und wissenschaftlicher Sprachbetrachtung sowie den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen romanischen und nicht-romanischen Sprachen. Der vorliegende Band versammelt die in Saarbrücken gehaltenen Vorträge sowie einen ergänzenden Beitrag von Johannes Kramer.
Der einleitende Beitrag von Philipp Burdy (Bamberg) „Sprachstil – Sprachvariation – Sprachwandel? Jacques Olivier Grandjouan, Les linguicides (1971)“ stellt ein Werk vor, das zwischen wissenschaftlicher Prosa und Laienlinguistik angesiedelt ist. Der sprachkritische Essay widmet sich vornehmlich dem geschriebenen Französischen der Publizistik, Verwaltung, Schule, Politik, Justiz und Übersetzung, grenzt sich von Puristen und Antipuristen ab, befürwortet Neologismen und Lehnwörter und fordert u.a. ein Umdenken in der schulischen Ausbildung und einen verantwortungsvollen Sprachgebrauch der Publizistik. Burdy geht zunächst auf die Rezeption des Werks ein und bietet anschließend eine kritische Analyse von Inhalt und Stil des Essais. Grandjouans vor vierzig Jahren aufgestellte These, dass der Sprachgebrauch der Presse den allgemeinen Sprachgebrauch negativ beeinflusse, wird anhand von lexikographischen Referenzwerken und Google-Suchanfragen überprüft, ohne dass letztlich eine systematische Korrelation nachgewiesen werden kann.
Vera Neusius (Saarbrücken) widmet sich unter dem Titel „Sprachpflegerische Welten im Internet: Sprachnormierungskriterien in Deutschland und Frankreich aus argumentationsanalytischer Perspektive“ laienlinguistischen Äußerungen über Sprache aus kontrastiver Perspektive. Als Korpus dienen das Forum Promotion linguistique sowie weitere Foren der Website abc de la langue française einerseits und die deutsche Facebook-Seite des Vereins deutsche Sprache andererseits. Der Beitrag liefert wichtige Begriffsbestimmungen (bspw. zu Öffentlichkeit, Spracheinstellungen, Online-Diskursen) und weist anhand zahlreicher Beispiele die Verwendung klassischer Argumentationstopoi und -schemata des professionellen Sprachpflegediskurses in den laienlinguistischen Internetbeiträgen nach.
In seinem Beitrag „Gibt es eine Norm des Québécois? Zum Wandel in der Bewertung regionaler Merkmale in Québec“ diskutiert Elmar Eggert (Kiel) in einem diachronen Abriss historische und aktuelle Ansätze sowie Tendenzen bezüglich der Normfrage in Québec. Nach einer definitorischen Klärung des Terminus Norm im Sinne der Sprachkritik und -beratung wird dieser auf das komplexe Varietätensystem des frankokanadischen Sprachraums übertragen. Analysegegenstand im Folgenden sind historische Diskussionen zum sprachlichen Leitbild der Québecer, insbesondere Thomas Maguires sprachkritische Diskurse, in denen die Dominanz des hexagonalen Französischen als Norm und die zwingende Anpassung an den anglophonen Sprachraum scharf kritisiert werden. Ausgehend davon führt Eggert heutige sprachberatende und -kritische Vermittlungsinstanzen wie beispielsweise den Office Québécois de la langue française (OQLF) an und verdeutlicht, dass ein signifikanter Wandel innerhalb der Sprachbewertung des Québecer Französischen als Norm stattgefunden hat.
Edith Szlezák (Regensburg) befasst sich in ihrem Beitrag „Eine frankokanadische Norm – Chancen und Grenzen“ kritisch mit den Etablierungs- und Kodifizierungsversuchen einer Sprachnorm für das frankophone Kanada. Nach einem einführenden historischen Überblick über die Entwicklung der Sprachensituation und Daten zum aktuellen Stand der kanadischen Frankophonie erläutert Szlezák die vielfältigen und komplexen Hintergründe der Normproblematik. Als besonders schwerwiegend erweist sich das Fehlen eines kodifizierten Nachschlagewerks.
Franz Lebsanft (Bonn) setzt sich in seiner Studie „Lingüística popular y codificación del español“ mit den libros de estilo als einer für den hispanophonen Sprachraum charakteristischen Form von (binärer) Sprachberatung auseinander, deren normativen Standpunkt er „[…] a medio camino entre las codificaciones profesionales de académicos y lingüístas, por una parte, y las ideas lingüísticas de la masa de los hablantes, por otra“ (S. 107 im vorliegenden Band) ansiedelt. Diesen Charakter zwischen Fachwissenschaft und Laienlinguistik belegt Lebsanft am Beispiel des neuen Libro de estilo von El País (2014), das er exemplarisch unter orthographischen, morphosyntaktischen und lexikalischen Gesichtspunkten hinsichtlich der norma ejemplar analysiert und bewertet.
Felix Tacke (Bonn) analysiert unter dem Titel „Die katalanische Sprachkultur am Beginn des 21. Jahrhunderts – Abgrenzungsdiskurs und moderne Sprachkritik“ sprachpolitische sowie sprachkritische Tendenzen im heutigen Katalonien, bei denen der Umgang mit und die Bewertung von kastilischem Lehngut (castillanismes) einen zentralen Stellenwert einnehmen. An einem breit gefächerten Korpus werden Formen der traditionellen puristischen Abgrenzung, wie sie sich z.B. im Sprachratgeber des Institut d’Estudis Catalans (IEC) und in der Tradition der Diccionaris de dubtes manifestieren, anderen Formen der Sprachberatung vor allem in den modernen Kommunikationsmedien gegenübergestellt (Onlineplattform ésAdir). Tacke resümiert, dass im Unterschied zur spanischen in der katalanischen Sprachpflege diese neuen Akteure eine deutlicher kommunikativ orientierte Norm vertreten und sich damit von den etablierten akademischen Strukturen absetzen.
Alf Monjour (Duisburg-Essen), „‚Su acento le hace más apta para Dos Hermanas o Velez-Málaga.ʻ Polémica lingüística acerca de variedades e identidades“, nimmt laienlinguistische Äußerungen in öffentlichen Medien in den Blick, in denen der Gebrauch bestimmter sprachlicher Varietäten im heutigen Spanien mit stereotypen Identitätszuschreibungen gleichgesetzt wird. Er stellt insbesondere den politisch motivierten argumentativen Einsatz von Topoi des Typs „El hablante andaluz habla mal“ oder „El hablante andaluz tiene un nivel educativo bajo“ heraus und erläutert die dabei wirksamen framing-Prozesse. Daneben werden Versuche einer positiven Umwertung dieser Topoi illustriert.
Sandra Herling (Siegen) betrachtet unter dem Titel „«Sa nostra llengo» – Die balearischen Artikelformen im Fokus laienlinguistischer Sprachkritik“ den komplexen variations- und kontaktlinguistischen Sprachraum der Balearen aus soziolinguistischer Perspektive. Im Fokus der Analyse steht, ausgehend von einer systemlinguistischen Darstellung, die laienlinguistische sprachkritische Diskussion zum Gebrauch der dialektalen Artikelformen in den audiovisuellen Medien. Im Korpus zeigt sich zum einen der noch bestehende Konflikt zwischen den insularen Dialekten und dem Standardkatalanischen, zum anderen das identitätsstiftende Potenzial der balearischen Artikelmorphologie.
Johannes Kramer (Trier) gibt in seinem Beitrag, „Wie man versucht, den Dialekt von Alghero in die katalanische Normsprache einzupassen“ zunächst einen Überblick über die Geschichte des Katalanischen in Alghero. Hierbei stehen die territorial-politische und sprachliche Zugehörigkeit der Stadt seit ihrer Gründung und insbesondere externe Faktoren der Sprachgeschichte im Vordergrund. Es folgt eine Kurzcharakteristik des Algherese, dessen Besonderheit darin liegt, „dass hier eine Sprachvariante ohne starken Einfluss des Spanischen (oder Französischen) existiert […] [, die] spätestens seit der Mitte des 17. Jahrhunderts […] eine rein mündlich weiter vermittelte Sprache wurde“ (S. 209 im vorliegenden Band). Die folgenden Kapitel umreißen erste Bemühungen um eine Kodifizierung des Algherese an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und gehen auf das 1988 entstandene erste Wörterbuch von Josep Sanna ein. Abschließend benennt der Vf. „Probleme bei der Applikation der katalanischen Normsprache auf den Dialekt von Alghero“ (S. 214 im vorliegenden Band): Hierzu zählt er u.a. die Tendenz zum Gebrauch einer nicht-normierten, ‘personalisierten’, italienisierenden Orthographie und zum Gebrauch des Italienischen in der alltäglichen Jugendsprache.
Hanna Merk (Trier) widmet sich in „Die Sprachratgeber der Academia Argentina de Letras – eine diachrone Analyse“ Fragen der Sprachpflege und -beratung in Argentinien unter dem Vorzeichen einer zunehmenden plurizentrischen Normorientierung im hispanophonen Varietätenraum. Die Vf. betrachtet vier unterschiedliche Werke bzw. Erscheinungsformen der akademischen Sprachberatung im Hinblick auf ihren Umgang mit Besonderheiten des argentinischen Sprachgebrauchs und ihre Normorientierung (Dudas idiomáticas frecuentes, Diccionario argentino de dudas idiomáticas, Panorama de nuestra lengua und in neuerer Zeit die akademische Sprachberatung auf Twitter) und formuliert Überlegungen zur nationalen Sprachberatung im Kontext einer panhispanischen Norm.
Ausgangspunkt des Beitrags von Carolin Patzelt (Bremen), „Die Emergenz neuer sprachlicher Standards im peruanischen Spanisch: laienlinguistische vs. fachwissenschaftliche Perspektiven“ ist ein durch zunehmende Migration entstehender Varietätenkontakt zwischen der norma peruana andina und dem limeño costeño, das traditionell als die norma culta peruana gilt. In der linguistischen Fachliteratur ist diese Herausbildung eines neo-limeño gut erfasst; Patzelts Fokus liegt auf der Sprechersicht. Anhand laienlinguistischer Beiträge aus Internetforen wird die Wahrnehmung und Bewertung der Normfrage seitens der Sprecher analysiert. Der Beitrag arbeitet die Konvergenzen und Divergenzen zwischen der fachwissenschaftlichen und der laienlinguistischen Perspektive auf den Sprachwandel heraus.
Kathrin Pfadenhauer (Bayreuth) beleuchtet in ihrem Beitrag „No digas chido porque se escucha gacho – Sprachkritik in Mexiko“ Formen der öffentlichen Sprachkritik im multilingualen Sprachraum Mexiko und deren Einfluss auf die Sprechereinstellungen. Nach einer Auseinandersetzung mit verschiedenen Definitionen von Sprachkritik zeigt Pfadenhauer anhand von Beispielen aus drei Ebenen die Heterogenität und Komplexität von Sprachkritik im mexikanischen Kontext. Es wird deutlich, dass sprachkritische Aktivitäten in der Öffentlichkeit in einem Staat wie Mexiko ein zusätzliches Konfliktpotenzial entfalten können, das auf Sprachbewertungen rekurriert, die in der Kolonialzeit verwurzelt sind.
Luca Melchior (Graz) setzt sich in seiner Studie „Zwischen Norm und Gebrauch: die Online-Sprachberatungsdienste der Accademia della Crusca und von Treccani“ ebenfalls mit den Erscheinungsformen laienlinguistischer und fachwissenschaftlicher Sprachberatungsanfragen auseinander. Nach einem einführenden Überblick über Struktur, Erreichbarkeit und Themenbereiche der beiden Sprachberatungsdienste konzentriert sich sein Vergleich auf die Fragen- und Antworttypologien. Melchior liefert hierbei sowohl empirische Dokumentation („il o lo jihadista?“) als auch synthetische Analysen. Der Wirkung des Spannungsfelds Norm-Gebrauch und der Charakterisierung von Sprachberatungsnutzern und -experten sowie deren Sprachbewusstsein wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Tendenziell sind eine Öffnung hin zur Gebrauchsnorm auf der Seite der Experten und eine ausgeprägte language awareness, großes Sprachinteresse und der Wunsch nach verbindlichen Regeln für einen korrekten Sprachgebrauch auf der Seite der Sprachberatungssuchenden festzustellen.
Falk Seiler (Gießen) untersucht in seinem Beitrag „Sprachkritik und Sprachberatung im Kontext der italienischen Lokalisierung freier und offener Software“ [= FOSS] die nicht-professionalisierte und nicht-institutionalisierte und somit unbezahlte und freiwillige „Übersetzung graphischer Benutzungsoberflächen von Computerprogrammen aus dem Englischen ins Italienische“ (S. 330 im vorliegenden Band). Nach einem Überblick über Charakteristika von FOSS, deren italienische Lokalisierung und bereits bestehende sprachnormative Vorgaben, konzentriert sich der Vf. auf sprachkritische und sprachberaterische Beiträge der Verteilerliste zur Übersetzung des Desktop-Systems KDE. Diese Form der kollaborativen Übersetzung prägt den Bereich der computervermittelten Sprache nachhaltig, ohne sich als präskriptive Instanz zu verstehen oder zu äußern: Es dominiert eine offene, nicht von Ideologie geprägte pragmatische Haltung. Angemessene Übersetzungen werden diskursiv ausgehandelt, wobei Kriterien wie Gebrauchsfrequenz, Verständlichkeit und sprachliche Korrektheit ins Feld geführt werden. Seltene präskriptive Beiträge zeichnen sich durch eine ausgeprägte Netikette aus. Sprachnormierende Tendenzen lassen sich vornehmlich im Befürworten einmal gewählter Übersetzungsäquivalente im Sinne der Nutzerfreundlichkeit nachweisen.
Gerald Bernhard (Bochum) vergleicht in seiner Untersuchung zum Thema „Normvorstellungen und Normtoleranz bei Italienischsprechern im Ruhrgebiet und in Catania“ metasprachliche Äußerungen von Catanesen, die in erster oder zweiter Generation im Ruhrgebiet leben, mit denjenigen von Catanesen ohne Migrationshintergrund. Im Fokus stehen dabei ästhetische Wahrnehmungen bezogen auf das Themenfeld „regionales Standarditalienisch und Dialekte Italiens“. Als Ergebnis hält der Vf. fest, dass beide Sprechergruppen ihren sizilianischen Heimatdialekt als positiv bewerten. Die Haltung der in Deutschland lebenden Catanesen zeigt allerdings markante Unterschiede im Vergleich zu denen in Italien: sie stehen Dialekten grundsätzlich ablehnender gegenüber, sie weisen im Hinblick auf die Plurizentrik des Standarditalienischen eine leicht höhere Normtoleranz auf, sie bewerten die „historisch-literarische[…] toskanisch-römische Norm“ (S. 361 im vorliegenden Band) etwas positiver, und sie fällen keine Negativurteile über norditalienische Varietäten.
Judith Kittler (Bochum), „Gesprochenes Italienisch im Ruhrgebiet und in Catania aus laienlinguistischer und fachwissenschaftlicher Perspektive: Ergebnisse eines Perzeptionsexperiments“, vergleicht die tatsächlichen phonetisch-prosodischen Merkmale des RuhrCat-Korpus mit den Wahrnehmungen von „Laienlinguisten“ (insgesamt 17 italophone Studierende eines Proseminars zur Perzeptiven Varietätenlinguistik, wobei die Wahrnehmungen von acht aus Süditalien stammenden Studierenden in die Auswertung aufgenommen wurden). Den Studierenden wurden Sprachproben von ebenfalls acht nach den Kriterien Alter, Geschlecht, Migrationsgeneration (I/II) und Wohnort (Catania/Ruhrgebiet) gewählten Sprechern aus Catania vorgespielt. Im Fokus der linguistischen Beschreibung stehen die Realisierung von /E/ und /O/ sowie der Okklusive, darüber hinaus prosodische Aspekte wie Sprechgeschwindigkeit und Sprechflüssigkeit. Im Perzeptionsexperiment werden ästhetische Bewertungen, Sprachkorrektheit, Variation auf den Ebenen Phonie, Lexie, Syntax und Prosodie sowie die Herkunft der Sprecher abgefragt.
Victoria Popovici (Jena) geht in ihrem Beitrag „Mă-ta are cratimă. Die rumänische Orthographie als Objekt von Sprachkritik und Sprachberatung“ zunächst auf die Herausbildung der rumänischen Sprachnorm im 19. und 20. Jahrhundert sowie auf Erscheinungsformen von Sprachpflege und Sprachkritik nach 1945 ein. Im Weiteren steht insbesondere das Thema der Sprachberatung im Internet im Zentrum des Interesses. Die Vf. untersucht klassische Problemfälle der Orthographie: -i , -ii oder -iii im Auslaut, die Verwendung des Bindestrichs (rum. cratimă), den Einsatz der graphischen Varianten î/â für [ɨ], bzw. sunt/suntem/sunteţi für sînt/sîntem/sînteţi, und Worttrennungen des Typs nici un ‘nicht ein’ vs. niciun ‘kein’. Für diese Problemfälle beschreibt die Vf. das einschlägige Regelwerk und geht auf die Frage der Akzeptanz in Fachkreisen und öffentlichen Medien und auf laienlinguistische Hilfestellungen in Onlineforen ein. Mit Hilfe von Google-Suchanfragen werden quantitative Daten zu korrekten bzw. fehlerhaften Schreibweisen ermittelt. Abschließend moniert die Vf. das weitgehende Fehlen von Online-Sprachberatungsangeboten aus linguistischen Kreisen.
Die Herausgeber danken Lisa Rosprim, Kerstin Sterkel und Dr. Lisa Šumski (Saarbrücken) für ihr außergewöhnliches Engagement bei der Druckvorbereitung der Beiträge und bei der Herstellung der Druckvorlage.
Saarbrücken, im Juli 2017
Die Herausgeber
1. Frankophoner Raum
Sprachstil – Sprachvariation – Sprachwandel? Jacques Olivier Grandjouan, Les linguicides (1971)
Philipp Burdy (Bamberg)
1 Einleitung
In den letzten Jahren hat der Germanist Jan Georg Schneider wiederholt die Forderung erhoben, die professionelle Linguistik dürfe den Diskurs über Sprachrichtigkeit nicht trivialisieren (vgl. Schneider 2005 und Schneider 2007). Aufgrund des Selbstverständnisses, eine rein deskriptive Wissenschaft zu sein, beschreibt man allenfalls laienlinguistische Sprachkritik aus der Außenperspektive, ohne jedoch zu den dort diskutierten Phänomenen Stellung zu nehmen (vgl. Schneider 2007, 18ff.). Häufig wird in der Publizistik genau das pauschal als ‘Sprachverfall’ angeprangert, was die Linguistik – übrigens oft ebenso pauschal – als ‘Sprachwandel’ ansieht. Im Sinne einer von Schneider befürworteten differenzierteren Auseinandersetzung mit den Monita der Sprachkritiker soll in den folgenden Ausführungen ein sprachkritischer Essai betrachtet werden, der bereits vor mehr als vierzig Jahren in Frankreich erschien: Jacques Olivier Grandjouan (1971): Les linguicides, Paris, Didier.
Der Text erfuhr eine geringe fachwissenschaftliche Rezeption zur Zeit seines Erscheinens, was typisch für die Gattung Sprachkritik ist. Bekannt sind mir lediglich zwei Kurzanzeigen, die eine von dem aus der französischen Lexikologie bekannten Louis Guilbert (1972), die andere von André Haudricourt (1973). Andererseits erlebte das Werk eine zweite Auflage (Grandjouan 1989) und wird auch in jüngerer Zeit vor allem in Arbeiten zur Diskursanalyse und zur Übersetzungswissenschaft gelegentlich zitiert.
Die Originalität des Buches von Jacques Olivier Grandjouan besteht darin, dass es ihm nicht um das gesprochene, sondern um das geschriebene Französisch geht und dass hier – im Gegensatz zu anderen sprachkritischen Pamphleten – kein Feldzug gegen Neologismen und Lehnwörter geführt wird. Der Ausdruck crise du français kommt an keiner Stelle im Buch vor. Der Vf. ist vielmehr ausgesprochener Befürworter von Wortneubildungen, was schon der Titel des Buches Les linguicides ‘die Sprachtöter’, gebildet nach dem Muster von tyrannicide, légicide usw., zeigt. Er ist erklärter Gegner sowohl des Purismus als auch des willenlosen Antipurismus und rechnet in seinem Buch mit beiden Gruppen rigoros ab. Thema des Ganzen ist eine Analyse des Stils vor allem der französischen Publizistik und die Identifizierung der sogenannten ‘Sprachtöter’, die das geschriebene Französisch von innen heraus zersetzen.1 Der Vf. spricht von contagion grammaticale und tripatouillage de notre langue (Grandjouan 1971, 19 und 25). Der Text ist in einem essai-artigen Stil mit vereinzelten Literaturverweisen gehalten; der Vf. selbst ist ausgebildeter Philologe und promovierter Psychologe und beherrscht zahlreiche Fremdsprachen. Er hat viele Jahre als Lehrer für Französisch als Fremdsprache in aller Welt und als Übersetzer bei den Vereinten Nationen gearbeitet. Ferner war er Verfechter innovativer pädagogischer Ansätze.
2 Les linguicides: Inhaltsüberblick
Sein Buch über die ‘Sprachtöter’ gliedert der Vf. in fünf Teile und bedient sich hierbei der Metapher der Sprache als erkranktem Organismus. Der einleitende Teil, der circa zehn Jahre vor dem übrigen Text entstanden ist, liefert allgemeine Bemerkungen zu Sprachwandel und Sprachgebrauch (Considérations préliminaires sur les mots d’emprunt, l’usage, l’impudence des auteurs et le désarroi du public). Der zweite Teil diagnostiziert die ‘Krankheit’ des Französischen (Le malade et la maladie), während sich der dritte Teil ausführlich mit den ‘Infektionsherden’ befasst (Foyers d’infection). Der vierte Teil identifiziert diejenigen Kreise, die der Vf. für die Krankheit verantwortlich macht (Les linguicides); ein kurzer Schlussteil zeigt ‘Heilungsansätze’ auf (Les remèdes).
Im Folgenden soll ein Überblick über den Inhalt der einzelnen Teile geliefert werden. Der einleitende erste Teil bietet zutreffende Beobachtungen zu Sprachwandel im Allgemeinen, zu lexikalischem Wandel und zum Begriff des usage. Der Vf. gibt sich hier als versierter und gut unterrichteter Linguist zu erkennen. Er bekennt sich zu notwendigen Neologismen, die er als oxygène du vocabulaire bezeichnet (4),2 und erteilt dem Purismus eine Absage: „Pour garder une langue pure, il n’y a qu’un moyen: la tuer et l’empailler“ (5). Andererseits lehnt er die willenlose Akzeptanz aller Neuerungen durch die Antipuristen gleichermaßen ab (vgl. 7). Der usage ist für den Vf. der Sprachgebrauch der Mehrheit, ganz gleich welchen Bildungsgrades, der bon usage sei dagegen nur theoretisch zu definieren: „Encore une fois, le système est théoriquement simple. Le bon usage est celui qui est commun à la langue littéraire et à la langue vulgaire, commun aux poètes et aux crocheteurs“ (13). Die sprachlichen Autoritäten haben sich verschoben: Nicht mehr Autoren und Chansonniers bringen neue Wendungen und Neologismen in Umlauf, sondern die Medien (vgl. 15). Der Vf. fragt sich daher, weshalb die französische Öffentlichkeit derart unkritisch den ebenso unbeholfenen wie prätentiösen Sprachgebrauch der Publizistik akzeptiere (vgl. 19). Überflüssige Entlehnungen seien hierbei nicht das Problem, sondern nur ein Symptom für den besorgniserregenden Zustand des Französischen. Hätte es sich nicht selbst verwundbar gemacht, würden diese nämlich gar nicht eindringen (vgl. 19). Schon hier wird klar, dass der Vf. es vor allem auf den Journalistenjargon abgesehen hat. Er formuliert zwei Leitfragen, die die folgenden Teile des Buches charakterisieren (vgl. 26): Woher rührt die sprachliche Sorglosigkeit der Publizistik? Und woher die Passivität und sprachliche Manipulierbarkeit der französischen Öffentlichkeit?
Der Vf. skizziert zunächst die qualités propres du français, die in ihrer Summe den génie de la langue française ausmachen, nämlich clarté, précision, sobriété, tenue und élégance (32). Dies sind Stereotype, die spätestens seit Rivarol im sprachkritischen Diskurs verankert sind. Gleichzeitig bilden diese für den Vf. die critères de santé des Französischen (32). Abweichungen hiervon seien folglich Symptome einer Krankheit. Gegenstand der Betrachtung ist dabei nur das geschriebene français commun de tout le monde, nicht aber die gesprochene Sprache, die vom Vf. nicht als krank angesehen wird. Auch das rein literarische oder rein technische Französisch seien weitaus weniger betroffen (vgl. 33). Im sich anschließenden Teil des Buches will nun der Vf. anhand einer Fülle von Beispielen, die aus publizistischen und administrativen Texten stammen, den Nachweis erbringen, dass sämtliche genannten Qualitäten des Französischen am pourrissement de la langue leiden. Die clarté sei in erster Linie durch die équivoque, also die Doppeldeutigkeit, bedroht:
Une crise de conscience douloureuse (39) ([Weshalb nicht:] Une douloureuse crise de conscience ?) (43)
Les états indépendants de l’Afrique (40)
Les usines privées de métallurgie (40)
„Stage destiné aux professeurs de français libanais“ – Pourquoi n’ont-ils pas écrit: les Libanais professeurs de français ? (44)
„Jeux interdits sur la plage“ ou „Stationnement dans le village interdit“ peuvent être de simples notices municipales ou le titre de récits scabreux et romanesques (45)
„Les territoires voisins de la Zambie et de la Tanzanie“ – Quant à la Zambie et à la Tanzanie, il est sûr qu’ils ont d’intéressants voisins, mais est-ce d’eux que le journal veut nous parler ? (46)
L’encouragement de l’industrie : L’encouragement que représente l’industrie ? L’encouragement donné à l’industrie ? L’encouragement donné par l’industrie ? (47)
„Retour à la Tchécoslovaquie de Beneš et de Masaryk“ – retour des cendres? On les lui rend ? (48)
„Le premier ministre tchécoslovaque des affaires étrangères d’après-guerre“ – on a probablement confié à un historien celles d’avant la guerre. (49)
Jean nous lira une lettre de Marie qu’il a reçue en Normandie la semaine dernière. (52)
Celui qu’elle veut épouser, c’est un ingénieur vivant en Californie et gagnant beaucoup d’argent. – Et comment s’appelle-t-il? – Ça je te le dirai quand elle l’aura trouvé. (59)
Die Art der Kommentierung der Beispiele erinnert an den Stil der Remarqueurs vergangener Jahrhunderte. Als Schöpfer solcher Unklarheiten identifiziert der Vf. u.a. Journalisten und Verwaltungsbeamte; der klassischen Sprache und dem gesprochenen Französisch seien derartige Lapsus dagegen fremd (vgl. 55 und 59). Den sich anschließenden Abschnitt über Verstöße gegen die précision leitet der Vf. mit folgenden Worten ein: „Au musée des horreurs de la sémantique, ces mots employés de travers occupent des rayons entiers, à côté de la salle des emprunts mal compris“ (66). Er gibt u.a. die folgenden Beispiele:
„La réussite de la mission dépend de la tenue de cette conférence.“ – Du style de la conférence? (76)
„Atterrissage sur le ventre d’un Tupolev 124.“ – Drôle d’endroit pour atterrir. (78)
Besonders interessant ist die Beobachtung, dass in der Sprache der Publizistik das complément circonstanciel mehr und mehr zum complément du nom wird:
„Leur réunion sur les rapports avec Bonn“ (79)
„La situation en Indonésie a empiré“ (80)
„Le film évoque un drame sous la terreur“ (80)
Das Französische scheint also ein neues Verfahren zur näheren Bestimmung von Nominalphrasen zu entwickeln (vgl. 97). Dazu kommt eine Tendenz, (Verbal-)Abstrakta mit Infinitiven zu verbinden, was der Vf. als rections inédites bezeichnet:
[Korrekt ist:] Une menace de contagion, un effort de clarté, une tentative d’assassinat
[Nicht aber:] Sa menace de dénoncer, son défi d’agir, son effort de nuire, son accusation de mentir, sa tentative de perdre (82)
L’expression la demande de répondre peut vouloir dire que A demande à B l’autorisation de répondre, que A voudrait que B réponde, que A demande à B de faire répondre C. Bel exemple de confusion. (82)
Méthode, procédé, technique, procédure ne sont-ils pas les synonymes modernes de moyen, façon, manière ? Allons vite, et disons : „la méthode d’aborder le problème“, „les procédés de raffiner l’huile brute“, „les techniques d’alimenter les masses“, „la procédure de révoquer les ordonnances“. (83)
Die sobriété des Französischen werde beeinträchtigt durch weitere Phänomene journalistischer und administrativer „Logorrhö“ (87):
„Les températures relevées au cours de la journée marquent une nette augmentation par rapport à la moyenne de celles de la journée précédente“ = Il a fait plus chaud aujourd’hui qu’hier. (87)
„Dans l’état actuel de mes informations et étant donné les circonstances, il m’est naturellement impossible de vous donner une réponse formelle dans un sens ou dans un autre“ = je n’en sais rien, expression qui appartient désormais à une langue oubliée. (87)
Der Vf. fragt sich ferner, weshalb man in Zeitungen und Magazinen häufig folgendes liest:
[établir une distinction statt distinguer; manifester un souhait statt souhaiter; selon lequel statt einfachem que; en considération du fait que statt parce que; parallèlement au fait que statt pendant que:] Une fois sur cent, peut-être, la tournure est utile. Le reste du temps, elle est à mettre au panier. (101)
Alles, was den Rede- bzw. Lesefluss verlangsamt und aufbläht, scheine Journalisten, Funktionären und Politikern willkommen zu sein (vgl. 103). Im Abschnitt zur tenue geht es vor allem um die Zersetzung typisch französischer idiomatischer Strukturen, der sogenannten Gallizismen. Der Vf. zitiert etwa folgende Fälle:
„Ses parents adoptifs la considèrent être leur fille“ [→ juger être oder considérer comme, aber nicht considérer être] (129)
„Les réfugiés estiment qu’on a fait trop bon cas de leurs intérêts.“ [→ trop peu de cas oder trop bon marché] (127)
„une solution acceptable pour toutes les parties“; „Ce style est hermétique à la plupart des lecteurs“ Tous ces adjectifs se suffisent à eux-mêmes, sans qu’un régime les accompagne (131f.)
[Korrekt ist:] Les prisonniers ont utilisé leurs draps pour glisser jusqu’à terre. [Aber nicht:] utiliser l’escalier roulant [utiliser ‘rendre utile’!] (113)
Ebenso oft lese man in Pressetexten etwa l’empereur iranien, le président chilien, was korrekt l’empereur d’Iran, le président du Chili heißen müsste, da es um deren Funktion und nicht um deren Herkunft gehe (135). In Fällen wie le sénateur Kennedy, le ministre Guichard sieht der Vf. schließlich einen Einfluss des Englischen (Senator Kennedy usw.); französisch wäre die Nachstellung: M. Labiche, député, M. Tartempion, sénateur (139).
Die abschließend behandelte gefährdete Qualität des Französischen ist die élégance, die quasi die Summe der zuvor genannten Vorzüge des Französischen darstelle. Der Vf. lehnt hier grundsätzlich archaisierende Wendungen ab, ferner kritisiert er den übermäßigen Gebrauch von soi: „L’augmentation constante de la production n’est pas en soi un avantage“ [richtig wäre en elle-même] (148), und kommentiert dies mit folgenden Worten: „Les auteurs montrent qu’ils ont été à l’école – et qu’ils y ont perdu leur temps“ (148). Ein weiteres behandeltes Phänomen ist die zunehmende Polysemie alteinheimischer französischer Wörter in journalistischen Texten, worin der Vf. eine Gefahr sieht, da genuin französische Strukturen allmählich zersetzt würden: „Quant à présenter, il devient verbe à tout faire: on ne dépose plus un projet de loi, on le présente, l’ambassadeur n’adresse plus ses rapports, il les présente“ (151). Schließlich zieht der Vf. am Ende der ersten Hälfte seines Buches folgendes Fazit: „La langue est en pleine crue ; boueuse, encombrée d’énormes débris et de charognes gonflées, c’est un fleuve qui a perdu ses rives“ (153).
In den nun folgenden Teilen seines Buches nimmt sich der Vf. die von ihm identifizierten Milieus, die er für die beschriebenen Defizite des geschriebenen Französisch verantwortlich macht, einzeln vor, nämlich die Schule, die Verwaltung, die Übersetzer, die Presse, die Reklame und die Puristen. Zunächst fasst er nochmals die Gründe dafür zusammen, dass diese linguicides einen derart starken Einfluss ausüben:
Les Français ignorent les ressources de leur langue ou n’osent pas les employer.
Les Français essaient de se créer de nouvelles ressources linguistiques pour remédier à cette pauvreté volontaire.
Les Français ont peur de parler et d’écrire comme leur penchant les y mènerait, et ils se forcent à parler bien pour être considérés.
Les Français ont de l’école et des puristes une peur paralysante, et ils sont sans défense devant les marchands de mots (159)
Es ist mithin offensichtlich, dass das Übel laut dem Vf. nicht von außen kommt. Die Schule gebe keine Hilfestellung bei der Vermeidung der von ihm angeprangerten sprachlichen Defizite, sondern korrigiere grundsätzlich das Französisch der Schüler und lehre aberwitzige Grundsätze wie die Vermeidung von Parataxen und Wiederholungen (vgl. 180ff.): „L’école fait la guerre au français vivant au nom d’un français qui n’a jamais existé“ (172). Eines dieser von der Schule propagierten ‘Sprachmonster’ sei das Partizip Präsens an der Stelle eines Relativsatzes, das nur die Schule, nicht aber die alte Sprache oder die Sprache der weniger Gebildeten kenne (vgl. 173ff.). Der Schulunterricht gehöre daher zu den „linguicides malgré eux“ (182). Als nächste linguicides werden Justiz und Verwaltung identifiziert, die geradezu aus Angst vor der alltäglichen Sprache den style adjutant produzieren, den juristisch-administrativen Jargon. Dieser sei letzten Endes eine Konsequenz der Ordonnance de Villers-Cotterêts: „La justice, la basoche, les notaires, les bureaux, et peu à peu les services de l’Etat ont façonné, conservé et embelli une langue aussi obscure que le latin défunt“ (185). Früher, so schreibt der Vf., amüsierte man sich über die unnatürliche Sprache des Dorfpolizisten, den sogenannten style garde champêtre, heute lache niemand mehr. Man habe genug damit zu tun zu verstehen, was das Amt schreibt (vgl. 196). – Bei seiner Kritik an den Übersetzern hat der Vf. nicht die literarischen Übersetzer im Auge, sondern alles, was unter traductions utilitaires fällt. Viele Texte des täglichen Gebrauchs sind nämlich Übersetzungen und die meisten von diesen seien durch hastige Arbeit, impropriétés, gaucheries und faux-amis geprägt (vgl. 200):
L’étrange langue des traducteurs ne leur appartient plus exclusivement. Les gaucheries, les longueurs et les faux-sens qu’on tolère chez eux passent sans filtrage dans la langue commune. (225)
Dass der Vf. die Sprache der Presse als eine der Hauptschuldigen für die fortschreitende innere Zersetzung des Französischen ansieht, wird dem Leser schon in der ersten Hälfte des Buches mehr als deutlich.3 Dies wiege umso schwerer, als der Publizistik eine hohe Verantwortung in der gegenwärtigen Gesellschaft zukomme: Zeitungen und Magazine, so der Vf., seien schließlich die „forme principale de la culture écrite“ (237). Der sich daraus ergebenden Verpflichtung werde die Presse allerdings alles andere als gerecht:
Le style journaliste n’est ni soutenu, ni familier, il est négligé. (238)
Chaque page de journal, et souvent chaque colonne, ont des travers propres dont la somme fait de la lecture des périodiques un empoisonnement lent, mais général. (236)
Am Rande geht der Vf. auch auf die gesprochene Sprache der Medien ein und kritisiert deren eigenartige Phonetik, etwa die Tendenz zur Sonorisierung von [s] und [k] vor Konsonant, also législatif [leʒizlatif], optimisme [ɔptimizm], technique [tɛgnik], oder aber die Aussprache fremder Eigennamen, die bei jedem Rundfunksprecher anders, aber bei praktisch keinem korrekt sei. H.J. Wolf beobachtete etwa zur gleichen Zeit die Aussprache von Bruxelles mit [ks], die man selbst in belgischen Medien hört (vgl. Wolf 21991, 170). Auch in der Sprache der Reklame diagnostiziert der Vf. Einflüsse des Angloamerikanischen, etwa in Wendungen wie buvez français, voyagez français, die wohl Ausdrücke wie Buy British kopieren (vgl. 256). Außerdem werde in der Werbebranche jedes Wort, jede Wendung, die sprachlich betrachtet ein schlechtes Gewissen hervorrufen, in Anführungszeichen gesetzt:
Les guillemets sont l’antichambre et le purgatoire des sottises et des plates horreurs dont fourmillera demain le français de tous les jours. (126)
Den Abschluss der Identifizierung der linguicides bildet eine Abrechnung mit dem Purismus. Der Vf. plädiert für die Aktivierung ungenutzter Ressourcen des Französischen, nicht dagegen für eine Wiederbelebung von Archaismen. Daher wirft er den Puristen Folgendes vor:
Inventer enfin, c’est créer, et les puristes ne redoutent rien tant que la procréation. Ce sont les grands avorteurs. (267)
Die Reihe sprachlicher Abtreibungen und Sterilisierungen seit dem 17. Jahrhundert führe dazu, dass das Französische heute wie Schneewittchen im Glassarg liege, das man von außen betrachten, aber nicht aufwecken wolle (vgl. 272). Amüsant zu lesen ist die nun folgende persönliche Abrechnung des Vf. mit prominenten französischen Sprachkritikern (vgl. 273f.), nämlich „Robert-la-Pudeur“, also Robert Le Bidois, „René-la-Haine“, also René Étiemble, und „Marcel-sans-Gêne“, also Marcel Cohen. Étiemble wirft der Vf. sprachgeschichtliche Ignoranz vor, Cohen vergleicht er mit einem inspecteur Michelin. Für ihn leiden Puristen wie Antipuristen an Hypertrophie der Urteilsfähigkeit. Alle praktizieren ein jugement moral, das heißt, irgendein Sprachgebrauch ist entweder gut oder schlecht, doch sie weigern sich anzuerkennen, dass das Französische an einer maladie sociale leide (vgl. 282). Im Anhang liefert der Vf. schließlich eine synoptische Darstellung der von ihm analysierten Sprachphänomene.
Nach dieser fast 300 Seiten starken Anklage ist der Leser neugierig zu erfahren, wie der Vf. die Heilungschancen beurteilt. Seine These ist die folgende: Mehr Freiheit dort, wo Einschüchterung herrscht, gemeint sind die Schule und die Puristen, und mehr Feingefühl dort, wo Missbrauch herrscht, gemeint ist die Publizistik:
Ma thèse est donc qu’en mettant la liberté là où il y avait la contrainte et en essayant de mettre de la décence là où il n’y avait que des abus, on rendra à la langue commune la vigueur qu’il lui faut pour résister aux attaques futures des linguicides, même assagis. (295)
Der Vf. zieht eine gewisse sprachliche Anarchie der aktuellen Situation vor, denn die Bevormundung durch Schule und Puristen mache die Sprecher anfällig für die Nachahmung vermeintlicher Autoritäten wie Presse und Verwaltung (vgl. 296). Karikaturesk erscheint hingegen, was dem Vf. zur Eindämmung sprachlichen Missbrauchs konkret vorschwebt. So müssten innerhalb der Zeitungsredaktionen Geldbußen für sprachliche Nachlässigkeit eingeführt werden und in der Werbebranche der Gebrauch von alles entschuldigenden Anführungszeichen verboten werden (vgl. 300f.). Ernster zu nehmen ist dagegen die Forderung nach einem Umdenken im Schulwesen (vgl. 303ff.). Bereits der Grundschüler solle dazu ermuntert werden, sich spontan und frei auszudrücken, und zwar mündlich wie schriftlich, anstatt dass man ihn durch orthographische und schulgrammatische Unterweisung kommunikativ verunsichere und lähme. Es geht dem Vf. letztlich um eine Wiederbelebung des natürlichen, klaren Sprechens. Daraus ergebe sich das klare Schreiben von selbst (vgl. 314).
3 Kritik
Was ist nun von diesem Pamphlet im Ganzen zu halten? Jacques Olivier Grandjouan ist durchaus ein Linguist und verfügt über exzellente sprachhistorische Kenntnisse. Er zitiert Du Bellay, dessen Vorliebe für Wortneubildungen er teilt. Seine Glossen erinnern an den Stil Malherbes, ein fingierter Dialog mit einem Puristen gemahnt ebenfalls an prominente Vorbilder in der Sprachgeschichte. Die linguistischen Analysen des Vf. sind in der Sache stets nachvollziehbar. Dennoch wählt er für sein Buch den Essai-Stil und rechnet sich selbst nicht der Gruppe der Sprachwissenschaftler zu, wodurch der Text in der Mitte zwischen Laienlinguistik und wissenschaftlicher Prosa anzusiedeln ist. Der Vf. argumentiert aus seinem untrüglichen Sprachgefühl heraus – was er übrigens den Puristen vorwirft – und verzichtet auf sprachhistorische Nachweise seiner Monita. Mal verwendet er phonetische Transkriptionen, mal nicht. Mal verwendet er konventionelle linguistische Termini, dann bezeichnet er Verbalabstrakta als maçdar (78 u.ö.), also mit einem Terminus aus der arabischen Grammatik. Der Vf. beherrscht zahlreiche Fremdsprachen, darunter Arabisch und exotische Sprachen, und scheint eine enorme Übersetzungspraxis zu besitzen. Zweifellos kennt er alle Finessen des genuin französischen Wortschatzes. Auffällig ist, dass der Vf. an mehreren Stellen die Beeinträchtigung der Normaussprache durch phonetische Merkmale des Midi kritisiert. Sein Familienname Grandjouan deutet hingegen darauf hin, dass er selbst aus Südfrankreich stammt. Es handelt sich hierbei um eine Art linguistischer Selbstgeißelung, die man ansonsten vor allem aus Belgien kennt.
Was kann man dem Vf. vorwerfen? Er ist zweifellos ein besserer Beobachter des Sprachgebrauchs als ein Entwickler konstruktiver Ideen zur Verbesserung des Ist-Zustandes des Französischen, die ihm vorschwebt. Die ihm eigene Metaphorik macht die Lektüre oft amüsant, doch die zentrale, das ganze Buch durchziehende Metapher der Sprache als kranker Organismus ist weder neu noch originell,4 ebensowenig der Rückgriff auf das Konzept des génie de la langue française. Die dem Vf. vorschwebende Instanz eines nationalen Sprachschiedsrichters erinnert stark an ihn selbst: „… un philologue compétant auquel la langue du temps sera aussi familière que la langue d’autrefois. J’aimerais penser qu’il saura aussi une ou deux langues étrangères et qu’il sera un peu linguiste“ (298). Was bleibt, ist die brillante Analyse der Sprache der französischen Presse und Publizistik. Der Linguist André Haudricourt lobte das Buch in seiner Kurzanzeige als eine der besten Einführungen in die Sozio- und Ethnolinguistik, was der Vf. gar nicht angestrebt hatte. Vielmehr handelt es sich um eine auch heute noch über weite Strecken äußerst lesenswerte Abhandlung über französische Stilistik: Dem Leser wird zum einen der Ist-Zustand der französischen Mediensprache bewusst gemacht, zum anderen erhält er Fingerzeige auf nachzuahmenden und zu vermeidenden Sprachgebrauch. Dass etwa Doppeldeutigkeiten (équivoques), falsch gebrauchte Phraseologismen, unnötige locutions verbales und vermeintliche Synonyme5 auch die französische Mediensprache von heute kennzeichnen, wird niemand in Abrede stellen.
4 Variation oder Wandel?
Die Hypothese des Vf., dass der Sprachgebrauch der Publizistik schleichend das français commun beeinflusst, scheint vierzig Jahre später im world wide web in einigen Fällen ihre Bestätigung zu finden, jedoch nicht grundsätzlich. Ich gebe nur einige wenige Beispiele: Das vom Vf. kritisierte capacité d’achat (22) liefert rund 325 000 Google-Treffer, das als korrekt erachtete pouvoir d’achat hingegen 7 340 000 Treffer. TLFi und GR verzeichnen capacité d’achat nicht. Ein ähnliches Bild liefert coût de la vie, nach englisch cost of living gebildet und vom Vf. abgelehnt (225), gegenüber prix de la vie: 12 800 000 Google-Treffern für die kritisierte Form stehen 39 900 000 Treffer für die korrekte Form gegenüber. Der GR (s.v. vie) und der TLFi (ss.vv. vie, coût) verzeichnen beide Varianten. Anders liegen die Dinge im Fall von niveau de vie vs. train de vie: Das vom Vf. getadelte niveau de vie (310) hat im Internet die andere Variante bereits überrundet (55 100 000 gegenüber 25 000 000 Treffern). Der GR und der TLFi liefern beide Varianten (ss.vv. niveau, train). Die vom Vf. kritisierte Verwendung von escalade in der Bedeutung ‘Eskalation’ ist im GR und im TLFi verbucht, die Zitate stammen jedoch tatsächlich zum größten Teil aus Presse und Publizistik (Le Monde, Le Figaro u.a.). Ein weiterer kritisierter mauvais usage scheint tatsächlich auf dem Vormarsch zu sein: Der Vf. spricht mit Blick auf les Caraïbes von einer „entité mystérieuse“, denn: „Passez vos vacances aux Caraïbes c’est comme si on nous disait : Passez vos vacances aux Avernes“ (136). Auch GRnpr (1, 545) und Lexis (2009, 271) teilen mit, dass mit Caraïbes ein Volk benannt werde, das einst die Kleinen Antillen besiedelte bzw. mit caraïbe die Sprache dieses Volkes. Ein anderes Bild liefert der entsprechende Wikipedia-Artikel Caraïbes: „Les Caraïbes […] sont une région du globe correspondant au bassin versant de la mer des Caraïbes“.6 Auch entsprechende Google-Suchen belegen, dass der vom Vf. bemängelte Usus, mit Caraïbes eine geographische Region zu benennen, inzwischen gang und gäbe ist: vacances aux Caraïbes liefert 12 900 Google-Treffer, voyage aux Caraïbes 13 400 Treffer und croisière aux Caraïbes 15 200 Treffer. Die entsprechenden Varianten vacances, voyage aux Antilles liegen mit 44 600 bzw. 24 700 Treffern noch vorn, nicht jedoch croisière aux Antilles (13 700 Treffer).
Auf der Grundlage der hier erörterten Sprachdaten lässt sich exemplifizieren, was K. Hunnius unlängst anhand von Beispielen aus dem Bereich der französischen Morphosyntax gezeigt hat: Variation ohne Wandel stellt ein reales Szenarium in der Sprachgeschichte dar (vgl. Hunnius 2015, 602f.). Zumindest für den hier betrachteten, zugegebenermaßen kleinen Ausschnitt aus der französischen Sprachgeschichte (des 20. Jahrhunderts) zeigen die Beispiele, dass in den fünfziger und sechziger Jahren genauso wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts Variation zu beobachten ist; in einigen Fällen mag diese Variation auf künftigen Wandel hindeuten, vollzogen ist dieser in keinem Fall: Hierfür müsste sich erst ein Statuswechsel abzeichnen, der eine in der Vergangenheit als korrekt erachtete Variante stigmatisiert (vgl. Hunnius 2015, 603). Diese Feststellung gilt nicht nur für die soeben erörterten Beispiele, sondern lässt sich auf sämtliche in dem Buch thematisierten Belege für nachlässigen Sprachgebrauch, denen der Vf. den seines Erachtens korrekten gegenüberstellt, ausdehnen: In keinem einzigen Fall kann davon die Rede sein, dass J.O. Grandjouan in seinem Werk Les linguicides einen usage propagiere, der heutzutage nachweislich in irgendeiner Form proskribiert wäre. Also kein Wandel, sondern Fortbestehen der Variation.
Literaturverzeichnis
GR = Robert, Paul/Rey, Alain (eds.) (2011): Le Grand Robert de la langue française, version numérique, http://gr.bvdep.com.
Grandjouan, Jacques Olivier (1971): Les linguicides, Paris, Didier.
Grandjouan, Jacques Olivier (1989): Les linguicides, Aix-en-Provence, Martorana.
GRnpr = Robert, Paul et al. (eds.) (1986): Le Grand Robert des noms propres. Dictionnaire universel alphabétique et analogique des noms propres, Paris, Le Robert.
Guilbert, Louis (1972): [Rez. zu „J.O. Grandjouan, Les linguicides, Paris: Didier 1971“], in: Bulletin de la Société de Linguistique de Paris, vol. 67, Nr. 2, 169–171.
Haudricourt, André G. (1973): [Rez. zu „J.O. Grandjouan, Les linguicides, Paris: Didier 1971“], in: L’Homme, vol. 13, Nr. 1, 260–261.
Hunnius, Klaus (2015): „Sprachgeschichte und Sprachvariation. Zur Imperfektverwendung in der Protasis des französischen Bedingungssatzes“, in: Zeitschrift für romanische Philologie, vol. 131, Nr. 3, 587–604.
Lexis = Haboury, Frédéric (ed.) (2009): Le Lexis. Le dictionnaire érudit de la langue française, Paris, Larousse.
Schneider, Jan Georg (2005): „Was ist ein sprachlicher Fehler? Anmerkungen zu populärer Sprachkritik am Beispiel der Kolumnensammlung von Bastian Sick“, in: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur, vol. 2, 154–177.
Schneider, Jan Georg (2007): „Sprache als kranker Organismus. Linguistische Anmerkungen zum Spiegel-Titel ‚Rettet dem Deutsch!‘“, in: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur, vol. 1, 1–23.
TLFi = Trésor de la langue française informatisé, Paris/Nancy, CNRS/ATILF, http://atilf.atilf.fr/tlf.htm.
Wolf, Heinz Jürgen (1979/21991): Französische Sprachgeschichte, Heidelberg, Quelle & Meyer.
Sprachpflegerische Welten im Internet:
Sprachnormierungskriterien in Deutschland und Frankreich aus argumentationsanalytischer Perspektive
Vera Neusius (Saarbrücken)
1 Einleitung und Zielsetzung
Die in der heutigen Zeit immer weiter fortschreitende und sich diversifizierende mediale Praxis, darunter insbesondere internetbasierte Kommunikationsformen, fordert gerade im Rahmen einer Angewandten Linguistik die Erweiterung verschiedener sprachwissenschaftlicher Forschungsbereiche. Die Sprachpflege und Sprachkritik als einer dieser Bereiche steht sowohl in Deutschland als auch in Frankreich in einer langen Forschungstradition und sieht sich im gegenwärtigen Zeitalter globaler kommunikativer Prozesse mit neuen Entwicklungen konfrontiert: Der Wirkungsbereich metasprachlicher Diskurse hat sich auf neue Bereiche wie das Internet ausgeweitet und die Diskussion über Sprache und Sprachbewusstsein deckt nunmehr neben Wissenschaft und Politik einen immer größer werdenden Teil der Öffentlichkeit ab. Dass dabei „[j]e nach Akteur und Aktionsebene […] unterschiedliche Aspekte im Vordergrund [stehen]“ und „die Grenzen zwischen ihnen […] mitunter verschwommen [erscheinen]“ (Polzin-Haumann/Osthus 2011, 13) erschweren eine aus wissenschaftlicher Perspektive vollständige Erfassung sprachpflegerischer Diskurse, weshalb eine ihrer Komplexität angemessene, terminologisch und methodisch interdisziplinär angelegte Herangehensweise anzuwenden ist. Vor diesem Hintergrund strebt der Beitrag eine kontrastive Untersuchung aus diskurslinguistischer Perspektive an, die laienlinguistische Online-Kommunikation als sprachnormativen Teildiskurs in Deutschland und Frankreich fokussiert. Dabei soll zunächst exemplarisch geprüft werden, ob in Foren und sozialen Netzwerken verbalisierte Einstellungen zu Sprache und ihren Sprechern bereits historisch gewachsenen Normierungskriterien zugeordnet werden können. Im Anschluss sollen im Rahmen argumentationsanalytischer Überlegungen zentrale argumentative Strukturen der Diskursteilnehmer herausgearbeitet werden, um die innere Struktur laienlinguistischer Sprachthematisierungen genauer zu durchleuchten.
2 Sprachpflege und Laienlinguistik in öffentlichen Diskursräumen
Hoberg (1997, 55) definiert den Kommunikationsbereich Öffentlichkeit als „[…] alles, was nicht Linguistik ist und was >Publizität< beanspruchen kann“. Diese auf der einen Seite zunächst sehr offen anmutende Begriffsbestimmung impliziert auf der anderen Seite ein Verständnis von Öffentlichkeit als klar abgestecktem, geschlossenen Raum, in dem die äußeren Akteurspositionen „>Experte< und >Laie< […] zwei Pole auf einem Kontinuum sind“ (Spitzmüller 2005, 71). Wie aber der Übergang zwischen Experten und Laien nicht als absolut, sondern graduell zu verstehen ist (vgl. Stegu 2008, 84), so ist auch deren Wirkungsbereich Öffentlichkeit als offener und vernetzter Bereich zu verstehen, der gerade durch die Verwendung massenmedialer Formen wie des Internets seine Heterogenität und fließende Grenzen erhält. Dennoch erlauben die sich in metasprachlichen Kontexten manifestierenden Unterschiede zwischen Laien- und Expertentum – letzteres oftmals vertreten durch wissenschaftliche Sektoren, hier konkret die Sprachwissenschaft – eine Einordnung der sogenannten Laien-Linguistik in Form eines gesonderten diskursiven Feldes, das einen festen Platz in der Öffentlichkeit für sich beansprucht. Antos (1996, 34) sieht diese Unterschiede darin begründet, dass „Wissenschaften einen methodischen, d.h. systematischen Wissensgewinn anstreben.“ Laienlinguistische Theorien im Sinne subjektiver und intersubjektiver Alltagstheorien hingegen weichen, wenn auch mit Sicherheit nicht alle, von diesem Prinzip ab. Dies sei nicht nur einer geringeren Präsenz von Parametern wie Explizitheit, Falsifikation und Kohärenz bei der Beschreibung sprachlicher Handlungen geschuldet (vgl. ibid.), sondern vor allem dem ihr eigenen, relativ hohen Grad an sprachnormativer Präskription (vgl. id., 19). Jedoch soll es in diesem Beitrag nicht darum gehen, eine allgemein gültige definitorische Abgrenzung zwischen Linguistik und Laienlinguistik zu ziehen oder den Zuständigkeitsbereich der Laienlinguistik zu diskutieren (vgl. dazu weiterführend Brekle 1989; Niedzielski/Preston 2000; Paveau 2008; Preston 2008). Vielmehr soll im Kontext der Online-Kommunikation die folgende Definition nach Paveau/Achard-Bayle (2008, 5) angeführt werden:
Le terme linguistique populaire est un calque d’une série de dénominations anglo-saxonnes basées sur folk, dans lesquelles folk est traduit en français par populaire, spontané, naïf, profane ou ordinaire […]. On parle aussi de linguistique de sens commun et l’on rencontre également l’expression linguistique des profanes, dont L. Rosier [(Rosier 2004, 70)] signale la présence désormais massive sur l’internet : „On peut […] ajouter ce qu’on nomme “la linguistique des profanes”, particulièrement visible sur l’internet, notamment dans le cadre des forums de discussion […]“.
Im Rahmen dieser begrifflichen Grundlage soll es im Folgenden in erster Linie darum gehen, die Beschaffenheit metasprachlicher, (un)bewusster Wissensbestände und Wahrnehmungsprozesse auf der Grundlage expliziter Äußerungen zu rekonstruieren. Dabei steht weniger die Frage im Vordergrund, ob metasprachlich konstruierte Normen im sprachpflegerischen Diskurs deskriptiv oder präskriptiv veranlagt sind, sondern ob in einer sprachpflegerischen Tradition verankerte, „historisch gewachsene Orientierungs- und Handlungsrahmen“ (Spitzmüller 2005, 56) das Entstehen solcher Normen „à part des ‚professionnels de la normeʻ“ (Osthus 2003, 139) bedingen. Allerdings leiden, wie der Begriff Diskurs selbst, auch im Diskurs verankerte und durch ihn konstruierte Dachkonzepte wie Mentalität, Identität und Spracheinstellung unter terminologischer Unschärfe (vgl. Spitzmüller, 57), weshalb diese für die vorliegende Fragestellung kurz eingeordnet werden sollen:
Für diskurslinguistische Fragestellungen ist nach Wengeler (vgl. 2003, 61)1 – entgegen der alltagssprachlichen Auffassung von Mentalität im Deutschen – seine historiographische Verwendung zu bevorzugen, die auf dem Begriffsverständnis der französischen mentalité beruht:
[Es] fällt auf, daß es bei dem französischen Begriff entschieden auf die Gruppe ankommt (auf die collectivité), statt wie im Deutschen, gleichermaßen auf das Individuum; das Individuum hat eine mentalité bloß insofern, als es teilhat an der kollektiven mentalité (Hermanns 2012, 11).
Darüber hinaus ist neben der Bedeutung des Kollektivs weiterhin vor allem die historische und handlungsrelevante Komponente von Mentalitäten hervorzuheben, denn „[h]istorische Mentalität ist das Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens, das für ein bestimmtes Kollektiv in einer bestimmten Zeit prägend ist. Mentalitäten manifestieren sich in Handlungen“ (Dinzelbacher 1995, XXI) und zeichnen sich weiterhin dadurch aus, dass sie vor allem „assoziativ“ sind, d.h. nicht „kausallogisch“ reflektiert werden. Auch wenn man sich ihrer Existenz nicht bewusst sein muss, stellen sie ein kollektives Dispositiv für menschliches Denken und Handeln dar, wobei natürlich stets zwischen „Mentalität als kognitiver Dimension und Handlung“ zu unterscheiden ist (vgl. Spitzmüller 2005, 58). Zwar ist es Ziel jeder diskurslinguistischen Untersuchung, aus Handlungen kollektive Mentalitäten abzuleiten, dennoch „[handeln] Individuen […] innerhalb einer Mentalität selbstverständlich auch unterschiedlich“ und nicht jede Handlung ist einer bestimmten Mentalität zugeordnet, sondern der Kontext der einzelnen Handlung ist stets in die Interpretation mit einzubeziehen (ibid.). Aus der Historizität der Mentalität resultiert ferner ihr synchroner „Schnittmengen“-Charakter (id., 60), der sich aus verschiedenen zeitlichen Ebenen zusammensetzen kann und in die Erscheinungsformen der epochalen „Totalmentalitäten“, die von mehr oder weniger allen Diskursteilnehmern geteilt werden, der „Makromentalitäten“ eines diskursspezifischen Kollektivs oder der „Mikromentalitäten“, die sich innerhalb eines Kollektivs manifestieren, differenziert werden kann (vgl. ibid.).
Mit dem Konzept der kollektiven Mentalität verwachsen ist der in der Forschung ebenfalls diskutierte Begriff der kollektiven Identität, der jedoch gerade für metasprachlich und sprachnormativ handelnde Akteure von nicht minderer Bedeutung ist. Für den sprachpflegerischen Diskurs scheint vor allem die von Assmann (62007, 134) beschriebene kollektive Identität im Sinne einer „reflexiv gewordene[n] gesellschaftliche[n] Zugehörigkeit“ zutreffend, da sie eine bewusste Abgrenzung einer Gruppe von anderen Gruppen und deren Einstellungen impliziert:
Unter einer kollektiven oder Wir-Identität verstehen wir das Bild, das eine Gruppe von sich aus aufbaut und mit dem sich die Mitglieder identifizieren. Kollektive Identität ist eine Frage der Identifikation seitens der beteiligten Individuen. Es gibt sie nicht an sich, sondern immer nur in dem Maße, wie sich bestimmte Individuen zu ihr bekennen (id., 132, Hervorhebungen i.O.).
Für die laienlinguistische Sprachpflege – sofern man davon ausgehen kann, dass das Attribut ,laienlinguistisch‘ für dieses Akteurskollektiv überhaupt zutreffend ist – sowie auch und gerade für den Bereich der institutionalisierten Sprachpflege, auf den hier nicht intensiver Bezug genommen werden soll, ist festzuhalten, dass sich die ihr bewusst durch sich selbst zugeschriebene kollektive Identität maßgeblich von anderen Mentalitäten unterscheidet, da sie sich nicht im Sinne eines 'natürlichen' sozio-historischen Automatismus aus den jeweils geltenden gesellschaftlich-kulturellen Orientierungsschemata auf die Akteure im Diskurs überträgt, sondern die Akteure ihre Identität – wenn auch im Rahmen mentalitätsgeschichtlicher Impulse und Traditionen – im Diskurs bewusst konstruieren. Dieses entworfene Selbstbild wird mit dem primären Ziel der kollektiven Abgrenzung vom Anderen beharrlich propagiert und diktiert dadurch gleichzeitig einen bestimmten modus operandi. Es handelt sich um die Verzahnung einer aktiven, bewussten Identitätskonstruktion mit einer passiven, unbewussten Beeinflussung durch mentale Muster und Repräsentationen in einem „Wechselspiel von […] Identitäten und Alteritäten“ (Spitzmüller 2005, 65, Hervorhebungen i.O.). Wie unter anderem zu zeigen sein wird, nimmt dabei im sprachpflegerischen Diskurs oftmals die diskursive Verknüpfung von nationaler Identität und der jeweiligen (Mutter-) bzw. (Landes-) Sprache einen zentralen Platz ein.2
An letzter Stelle steht die kurze Einordnung des Konzepts Spracheinstellungen,3 die sich im Hinblick auf metasprachliche und normative Diskurse natürlich vor allem auf die Sprache selbst, ihre Verwendung, ihre Entwicklung und ihre Sprecher beziehen, wobei sich diese Bereiche im Diskurs überschneiden können (vgl. Spitzmüller 2005, 69). Bei metasprachlichem Handeln werden in sprachpflegerischen oder gar puristischen Kontexten Einstellungen häufig in ihrer affektiven Komponente sichtbar, die Giles präzisiert als „definite attitudes […] towards speakers representing different speech styles“ (1987, 585) und Stickel (1999, 17) wie folgt ergänzt:
[Spracheinstellungen sind] wertende Dispositionen, die einzelne Menschen oder soziale Gruppen gegenüber sprachlichen Erscheinungen haben. Spracheinstellungen sind besonders Haltungen gegenüber Sprachen, Sprachvarietäten oder Sprachverhalten anderer Individuen und Gruppen, oft mit wertender Berücksichtigung der jeweils eigenen Sprache. Wie andere Einstellungen gelten Spracheinstellungen als erlernt, relativ beständig, wenn auch veränderbar.
Spitzmüller betont die enge Verknüpfung zwischen Mentalität, Identität und Einstellungen in metasprachlichen Diskursen (vgl. 2005, 70) und verweist in diesem Zusammenhang auf eine Definition nach Hermanns, der zufolge „[e]ine Mentalität […] die Gesamtheit aller usuellen Einstellungen in einer sozialen Gruppe [ist].“ Kollektive Identität wiederum „basiert zu großen Teilen auf der Überzeugung, Einstellungen anderer Individuen zu teilen“ (2002, 80f.).
3 Online-Diskurse als Sonderform öffentlicher Diskurse
Um ein möglichst vollständiges Bild über die Struktur und Funktionsmechanismen von Wissensordnungen und Sinnsystemen im sprachnormativen Diskurs zu erhalten, muss nicht nur bedacht werden, dass unterschiedliche teildiskursbildende Akteursgruppen im Diskurs wirken, sondern dass sich diese auch verschiedener medialer Aktionsformen bedienen. Wie bereits Osthus (2003, 139) hervorgehoben hat, spielt dabei das Internet eine immer größere Rolle als Kommunikationsplattform für Laienlinguisten:
Aujourd’hui, une valorisation du discours normatif – surtout s’il s’agit de celui-ci des non-spécialistes – ne peut se faire sans prendre en compte les nouveaux médias qui sont en train de bouleverser nos habitudes de communication. Ce ne sont pas que publicitaires et marchands qui se lancent dans l’Internet, comme en témoignent […] les amateurs de la langue déjà nombreux avant l’arrivée du réseau mondial. En fait, il ne faut être ni linguiste ni Académicien pour juger sur le bon usage et les normes. Il suffit de se brancher sur Internet.
Online-Diskurse werden in der Diskursforschung nicht als „Verkürzung der angebotsförmigen, inhaltlichen und insbesondere handlungspraktischen, also produktiven und rezeptiven, Verflechtungen von medialen Angeboten“ angesehen, sondern sie bezeichnen einen Forschungsgegenstand, der sich aus der Gesamtheit „transmediale[n], multimodale[n] Kommunizierens“ ergibt (Fraas/Meier/Pentzold 2013, 8). Durch den Einsatz von digitalen und sich vernetzenden Medien erhalten diskursive Praktiken eine so große Reichweite und Vernetzung, dass „eine Verkürzung auf nur internetbasierte oder computervermittelte Inhalte und Diskussion“ (id., 10) dem diskurslinguistischen Forschungsanspruch nach einer Untersuchung transtextueller und transmedialer Diskursmuster nicht gerecht werden kann. In diesem Sinne ist die vorliegende Untersuchung natürlich als exemplarischer Beitrag zu verstehen, der kommunikative Strukturen und dahinter stehende mentale Konzepte im Rahmen eines Teildiskurs-Ausschnitts anhand von Textkommentaren untersucht und somit auch nicht den Anspruch erhebt, generalisierbare Aussagen über „relativ dauerhafte und regelhafte, also zeitlich und sozial formierte, Wissensordnungen […] in Diskussionen, Texten, Bildern, audiovisuellem Material und anderen multimodalen Äußerungen“ zu treffen (vgl. 4). Dennoch soll an dieser Stelle die Reflexion methodischer Implikationen für die Untersuchung zentraler Sprachgebrauchsmuster in internetbasierten Kommunikationsbereichen nicht unerwähnt bleiben.
Öffentlichkeit (vgl. 2) spielt sich aus mediensoziologischer Sicht auf unterschiedlichen Ebenen ab, die sich nach Reichweite und Grad an Stabilität unterscheiden lassen und die an „unterschiedliche Kommunikationstechnologien und -modi geknüpft sind“ (Schmidt 2013, 36). „Massenmedial hergestellte Öffentlichkeit ist […] per definitionem technisch vermittelt, wobei die Produktion von Kommunikationsinhalten unter Umständen zeitlich deutlich von der Rezeption abgekoppelt ist“ (ibid.). Schmidt (2015, 40ff.) definiert auf der Grundlage der Hybridität onlinebasierter Kommunikation vier verschiedene Typen von „Kommunikationsarenen“, die in der Regel auch miteinander vernetzt sind: die „Arena der massenmedialen Öffentlichkeit“, „der Expertenöffentlichkeit“, „der kollaborativen Öffentlichkeit“ und „der persönlichen Öffentlichkeit“. Zur letzten Arena zählen Netzwerkplattformen des sogenannten „personal publishing“ wie Facebook, Twitter, Foren oder Webblogs, „in denen Menschen Informationen insbesondere nach Kriterien der persönlichen Relevanz auswählen und zur Verfügung stellen“ (id., 43). In diesem Sinne ist das dort vertretene Publikum keineswegs eine „disperse unbekannte >Masse<, sondern üblicherweise das eigene erweiterte soziale Netzwerk, also das Geflecht von Personen, zu denen bereits Beziehungen existieren, seien es freundschaftliche Bindungen, ein geteiltes thematisches Interesse o.ä.“ (ibid.). Auf dieser Grundlage ist weiter davon auszugehen, dass „Medien als ‚gesellschaftliche Einrichtungen und Technologien […] etwas materiell oder symbolisch vermitteln und dabei eine Problemlösefunktion übernehmen‘. Im Gebrauch ermöglichen und formen Medien Wahrnehmungen, Handlungen und Kommunikationsprozesse“, d.h. sie agieren als Sozialisationsinstanz und wirken dabei nicht selten als Vektor stereotyper Darstellungen (Meißner 2015, 33f.; vgl. Thiele 2015).
Diese Komplexität internetbasierter Daten und damit verbundener sozialer Konstruktionen, die stets „als Produkt eines bestimmten Settings“ (Schirmer/Sander/Wenninger 2015, 10) zu verstehen sind, erfordert bei der Sammlung des Datenmaterials sowie bei der linguistischen Analyse spezifische methodische Überlegungen, worunter die Art der erfassten Daten, die Problematik der „Erfassbarkeit der Dynamik und der Flüchtigkeit von Internetdaten“ (id., 11) sowie letztlich auch Fragen des Urheberrechts und der Verwendbarkeit von online-publizierten Daten4 fallen. Bei sozialen Netzwerken stellt vor allem die Multimodalität eine Herausforderung dar, „weil sie sich naturgemäß mit den oft sprach- und schriftbasierten Verfahren nicht adäquat fassen lassen [kann]“ (id., 13). In Foren liegt eine maßgebliche Schwierigkeit in der Asynchronität der Diskussionsbeiträge. Alle diese Interaktionszusammenhänge möglichst detailliert zu erfassen und in interdiziplinärer Perspektive zu untersuchen hat sich als Postulat sowohl seitens der Qualitativen Sozialforschung (vgl. Schirmer/Sander/Wendiger 2015) als auch der Linguistischen Diskursanalyse (vgl. z.B. Busse/Teubert 2013; Fraas 2008; Fraas/Pentzold 2008) etabliert. Eine solch umfassende Analyse kann natürlich im vorliegenden Beitrag nicht vorgenommen werden, weshalb er sich aus diskurslinguistischer Perspektive auf eine ausgewählte Ebene der Sprachstruktur beschränkt (vgl. 4).
So interessiert sich die vorliegende Fragestellung neben den theoretisch erörterten Spezifika der Online-Kommunikation in erster Linie für das kommunikative Verhalten und die kommunikativen Strategien in metasprachlichen Äußerungen laienlinguistischer Akteure, bei denen anzunehmen ist, dass sie in ihrer Gesamtheit eine weitaus heterogenere Gruppe repräsentieren als die traditionell am sprachnormativen Diskurs beteiligten Parteien.
4 Linguistische Diskursanalyse als methodischer Zugang zu laienlinguistischer Sprachreflexion
Das Interesse der Linguistischen Diskursanalyse in ihrer je nach spezifischem Forschungsschwerpunkt mehr oder weniger starken Anlehnung an die Diskurstheorie Michel Foucaults (vgl. 1969; 1971) gilt der Erforschung von sprachlichen Regelsystemen. Foucault ging es dabei weniger um das systematische Erfassen „sprachlich-grammatikalische[r] Muster des Sprachgebrauchs“ als vielmehr um das Aufdecken eines strukturalistischen „Formationssystem[s]“ (Spitzmüller/Warnke 2011, 69), in dessen Mittelpunkt „die semantische Ebene der Bedeutungen bzw. die Regeln der Bedeutungserzeugung und […] die institutionell eingebetteten, stabilisierten Praktiken der Diskursproduktion“ stehen (Keller 2011, 46). Knotenpunkt bei Foucault sind damit nicht Texte in ihrem sprachsystematischen Aufbau, sondern die darin enthaltenen Aussagen (énoncés) (vgl. Foucault 1969, 106; vgl. Spitzmüller 2005, 34), die in der Gesamtheit ihrer regelhaften Anordnungen und der in sie eingebundenen kulturellen und historischen Rahmenbedingungen den Diskurs abbilden: „On appellera discours un ensemble d’énoncés en tant qu’ils relèvent de la même formation discursive“ (Foucault 1969, 153). Eine linguistische Auseinandersetzung mit sprachlichen Aussagen ist hingegen per se an die sprachliche Form selbst gebunden, auch wenn es Ziel der jeweiligen Untersuchung ist, Diskurse im Sinne einer „Erweiterung der systematischen Interessen an Sprache und an verschiedenen Sprachen“ von der intratextuellen Ebene bis zur transtextuellen Ebene zu durchleuchten, wie es z.B. seitens der germanistischen Linguistik gefordert wird:
Wenn wir hier von >transtextueller Ebene< sprechen […] dann verstehen wir darunter eine komplexe Struktur der Sprache und ihrer Funktionen jenseits der Textgrenze, wie immer diese definiert wird. Eine transtextuelle Analyse ist dann transtextuell, wenn sie nicht nur einzelne oder vereinzelte Texte untersucht, […] sondern wenn sie eine Mehrzahl, besser: Vielzahl von Texten bzw. Aussagen in verschiedenen Texten, verschiedenen Medien, von verschiedenen Akteuren usw. analysiert, und zwar eine Vielzahl, die strukturelle Übereinstimmungen und Handlungsbezüge aufweist (Spitzmüller/Warnke 2011, 187).
Das DIMEAN-Modell nach Spitzmüller/Warnke (2011, 201) liefert einen methodischen Vorschlag, der den Zugang zu kollektiven Wissensbeständen über drei ineinander integrierte Ebenen (intratextuelle und transtextuelle Ebene sowie Ebene der Akteure) ermöglichen soll. Die Untersuchung der Argumentationsstruktur und Topoi (vgl. 4.1) wird im Modell als möglicher Teil der transtextuellen Analyseeinheit dargestellt.
4.1 Strukturierende Diskurseinheiten auf transtextueller Ebene: Topoi und Argumente
Wie oben bereits dargestellt wurde, dienen diskurslinguistische Untersuchungen der Aufdeckung kollektiver Wissensbestände in einem bestimmten thematischen Gebiet. Wenn dieses Wissen verbalisiert wird, dann, so sagt Hermanns (2012, 56),
[…] [werden] Schemata des Denkens greifbar […]. Sie erscheinen dann in Form von »Topoi«. Topoi – früher nannte man sie (noch nicht abschätzig) »Gemeinplätze« (»loci communes«) – sind die allgemein bekannten, sozusagen allgemein gebräuchlichen Gedanken. Sie sind daher auch »gewohnheitsmäßige Gedanken«, wie ich sie hier nennen möchte, also eingeübte, automatisierte und routinemäßige Gedanken, die man, weil sie eingeschliffen sind, im Denken (und im Sprechen) immer wieder wiederholt. Insgesamt ergeben die auf einen Gegenstand bezogenen Topoi den Stereotyp des Gegenstandes.
Dieser auf Aristoteles zurückgehende Topos-Begriff im Sinne sprachlich explizierter, kollektiv verankerter, normativer oder faktischer Schemata (vgl. Wengeler 2003, 177ff.), kann im vorliegenden Kontext auf den Bereich verbalisierter Spracheinstellungen angewandt werden. Aus diskurslinguistischer Sicht können Topoi dabei als inhaltliche „Oberprämisse[n] einer Argumentation“ verstanden werden, d.h. durch die Verwendung bestimmter Topoi werden „eigene Diskurswelten“ durch die Akteure thematisch konstituiert (id., 256).5 Die Argumente selbst gehen dann in einem weiteren Schritt aus den Topoi hervor und haben den Zweck „[…] Strittiges mit Hilfe von sprachlichen Äußerungen, die außer Frage stehende Fakten und Normen/Werte des gemeinsamen Sprachspiels repräsentieren, wieder in Geltendes zu überführen“ (Kienpointner 1983, 70). Dem ist ergänzend hinzuzufügen, dass der Alltagssprache entstammende argumentative Muster in der Regel nicht formallogisch aufgebaut sind, sondern vielmehr auf Schemata beruhen, die vor allem dazu dienen, Plausibilität zu vermitteln (vgl. id., 74; Spitzmüller 2005, 271).
In der Argumentationstheorie wurden bis heute verschiedene Typologien beschrieben, die es erlauben, Argumente nach formalen und/oder inhaltlichen Aspekten zu kategorisieren (vgl. z.B. Kienpointner 1983; Kopperschmidt 1989; Perelman/Olbrechts-Tyteca 2004; Ottmers 2007). Da diese hier nicht im Detail erläutert werden können, werden für die im Anschluss stehende Analyse (vgl. 5) nur die wichtigsten Differenzierungskriterien erläutert. Grundlegend kann bei Argumenten zwischen kontextabstrakten und kontextspezifischen Argumenten unterschieden werden, die dann wiederum deskriptiv oder normativ ausgerichtet sein können (vgl. Kienpointner 1983, 87f.; Wengeler 2003, 271; Ottmers 2007, 92). Ferner können unterschiedliche Schritte der Argumentation nach ihren Funktionen unterschieden werden, die der Stützung oder Widerlegung einer Aussage dienen, also pro- oder kontra-argumentativ eingesetzt werden können (vgl. Ottmers 2007, 74).
Das bekannteste Argumentationsschema, basierend auf dem prototypischem Dreischritt aus Argument (= D/Daten), Schlussregel (= SR) und Konklusion (K) geht auf Toulmin (vgl. 1958, 99) zurück. Nach diesem Muster wird eine strittige Aussage (K) durch Argumente (D) begründet und durch eine Schlussregel (SR) gerechtfertigt. Eine Erweiterung des Schemas kann durch zusätzliche Stützungen (S) der Schlussregel oder einschränkende Ausnahmebedingungen (AB) erfolgen, jedoch wird eine Argumentation, wenn sie explizit geäußert wird, in der Regel als unvollständiger Schluss (Enthymem) hervorgebracht, sodass meistens nur das Argument selbst und die Konklusion sichtbar sind.
Um auf die Kategorisierung der den Argumenten übergeordneten Topoi zurückzukommen, so orientiert sich die folgende Analyse an der Typologie alltagssprachlicher Argumentationsmuster nach Kienpointner (vgl. 1996, 246), die u.a. von Ottmers resümiert (vgl. 2007, 93) und von Wengeler (2003, 273ff.) diskurslinguistisch adaptiert wurde. Die Typologie unterscheidet zwei Großklassen argumentativer Verfahren: Eine erste Klasse, die alle alltagslogischen Schlussregeln umfasst, wobei unterschieden wird, ob diese deduktiv abzuleiten oder induktiv zu erschließen sind. Die deduktiven Muster lassen sich weiter in Einordnungs-, Vergleichs-, Gegensatz- und Kausalschemata unterteilen. Das induktiv argumentierende Verfahren arbeitet mit Beispielargumentationen. Der zweiten Großklasse sind konventionalisierte Schlussverfahren zuzuordnen, zu denen die Kategorien des Autoritäts- und Analogiearguments sowie illustrative Beispielargumente gehören. Darüber hinaus sind weitere Techniken der Argumentation relevant – bei Textkorpora in Form verbaler Strategien – wie z.B. das Verwenden einer indirekten Ausdrucksweise, die Herstellung von Gemeinsamkeit oder das argumentum ad personam (Kienpointner 1982, 146ff.).
| Typologie alltagssprachlicher Argumentationsschemata (AS) | ||||
| AS, die SR benutzen | AS, die SR etablieren | AS, die weder SR benutzen noch etablieren | ||
| Einordnungsschemata Vergleichsschemata Gegensatzschemata Kausalschemata | induktive Beispielargumentation | illustrative Beispielargumentation | Analogieargument | Autoritätsargument |
Abb. 1: Typologie alltagssprachlicher Argumentationsmuster (gekürzt adaptiert nach Wengeler 2003, 273).
4.2 Sprachnormierungskriterien als Fundament sprachpflegerischer Topoi
Für eine sprachkontrastiv angelegte Untersuchung von metasprachlichen Daten stellt sich mithin die Frage, ob im sprachnormativen Diskurs der ausgewählten Sprachgemeinschaften unterschiedliche Sprachnormen und verschiedene Repräsentationen von Sprachnormenbewusstsein auftreten (vgl. Settekorn 1990, 1) oder ob es umgekehrt topische Muster gibt, die auf äquivalenten Normierungskriterien beruhen. Um die transtextuell-thematischen Diskursstrukturen dahingehend zu prüfen, muss eine qualitative textbasierte Untersuchung erfolgen, die ein Verständnis des normativen Diskurses als Sammlung „kohärente[r] Textgebilde“ voraussetzt, „in denen ein Autor oder eine Gruppe von Autoren [im vorliegenden Fall Akteure der laienlinguistischen Sprachpflege, Erg. VN] sprachliche Aussagen macht, deren Intention es ist, auf die Änderung einer sprachlichen Gegebenheit zu zielen“, d.h. dass es „[…] sich dabei also stets um persuasive Texte handelt“ (Schmitt 1990, 28).
Was weiter die im normativen Diskurs ausgehandelten Sprachnormen anbelangt, so bezeichnet Gloy (2008, 396) diese als „Objekte und die Ergebnisse bestimmter Entscheidungs- und Durchsetzungsprozesse“, die „[i]ntensional sind […] über das Merkmal einer (heteronomen) Verpflichtung […], die als Vorschrift oder als Regel oder als Gebot der Vernunft gegeben sein kann“. Sprachnormen zielen damit auf eine rechtmäßige, richtige und zweckmäßige Verwendung von Sprache ab, wobei ihre Anwendung dabei auf sprachliche Objekte unterschiedlichen Komplexitätsgrades erfolgt (vgl. ibid.). Der Geltungsanspruch sprachlicher Normen orientiert sich jedoch nicht nur an objektiven innersprachlichen Kriterien, sondern auch an pragmatischen oder soziologischen Kriterien, was dazu führt, dass die Verbindlichkeit von Sprachnormen von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen verschieden definiert wird (vgl. ibid.). Der Gegenstandsbereich der Sprachnormen umfasst somit also „alle ‚(versuchten) normativen Handlungen‘ […] zu denen man jede, auch die von Einzelpersonen vorgetragene Normformulierung, metasprachliche Urteile […] und die gesamte Sprachkritik […] zählen kann“ (id., 397).
Die diskursive Aushandlung von Sprachnormen liegt in Deutschland und Frankreich in einem spätestens seit Ausbildung der europäischen Nationalstaaten traditionellen Streben nach dem Erhalt „der idealen Gestalt der Standardsprache“ (Schweickard 2005, 177) begründet und orientiert sich dabei an motivationalen Gesichtspunkten, die von ästhetischen Beweggründen, über bestimmte ideologische Auffassungen bis hin zu politischen Überlegungen reichen. Die Sprachpflege und der Ausbau von Sprachnormen haben sich jedoch in beiden Ländern durch individuelle historische Prozesse entwickelt und weisen heute dementsprechend divergierende Ausprägungsformen und gesellschaftliche Wirkungsbereiche auf. Eine länderübergreifende Gemeinsamkeit repräsentiert dabei jedoch – wie die Korpusanalyse zeigen wird (vgl. 5) – das beiderseitige Wirken gegen den Einfluss der englischen Sprache und der anglophonen Kulturen. Wo in Deutschland diese Effekte globaler Entwicklungen bislang lediglich von einzelnen Akteursgruppen kritisch diskutiert wurden, setzt sich Frankreich bekanntermaßen der englischen Einflussnahme mittels einer gut ausgebauten institutionalisierten Sprachpflege und einer aggressiven Sprachpolitik zur Wehr.
Auf der Grundlage seiner Perspektivierung von Sprachnormierung als Bereich „gesellschaftlicher Verflechtung“ liefert Gloy einen Katalog sprachlicher Normierungskriterien für die erstrebte Standardform der deutschen Sprache, deren Geltungsanspruch und soziale Akzeptanz sich historisch etabliert hat (2008, 397ff.):
(a) Konstitution und Erhalt einer Einheit der Nation
(b) allgemeine Verständlichkeit
(c) etablierter Sprachgebrauch („jedermanns“)
(d) Sprachgebrauch von (kulturellen) Autoritäten
(e) Erhaltung des sozialen Distinktionswertes
(f) das aus sprachwissenschaftlicher Sicht Richtige und Systemgemäße
(g) das in einer Kultur- bzw. Gesellschaftskritik Angeratene
(h) das historisch Gewachsene
(i) das politisch Machbare
(j) das Finanzierbare
(k) der wahrhafte Ausdruck
(l) die kognitiven Folgen
Auch wenn ein solcher Normenkatalog mit Sicherheit nicht ohne Weiteres zu verallgemeinern ist und je nach Sprachraum, diskursiver Funktionalisierung und Interessen der Akteure („Normenverfasser, Normensetzer, Normenvermittler, Normenbefürworter u.a.“ id., 399, Hervorhebungen i.O.) andere Ausprägungen annehmen oder Erweiterungen erfahren kann, so liefert er dennoch ein analytisches Raster, das einen ersten Ausgangspunkt für die hier angestrebte sprach- und kulturkontrastive Schwerpunktsetzung liefert. So wird im Folgenden erstens zu prüfen sein, ob sich die oben aufgeführten, diachron erfassten Normierungskriterien auch in heutigen sprachpflegerischen Diskursen manifestieren. Zweitens stellt sich anhand der konkreten Gegenüberstellung der Diskurse in Deutschland und Frankreich die Frage, ob die in metasprachlichen Äußerungen ermittelten Normvorstellungen gleichen inhaltlichen Mustern und argumentativ vermittelten Geltungsansprüchen unterliegen oder voneinander abweichen. Ein dritter zu beachtender Aspekt bezieht sich auf die für die Internetkommunikation angenommene Heterogenität der Akteure und die damit verbundene Hypothese, diesen sprachpflegerischen Teildiskurs anhand bestimmter Merkmale im Bereich der Laienlinguistik zu verorten.
5 Exemplarische Analyse
Die im Folgenden diskutierten Beispiele entstammen unterschiedlich strukturierten, virtuellen Plätzen der Internet-Kommunikation. Die französischen Beiträge sind dem Forum Promotion linguistique (FPL) entnommen, das seine thematische Orientierung durch den Untertitel Francisation präzisiert und seine Diskutanten bereits in der Überschrift mit konkreten inhaltlichen Vorgaben zum sprachlichen Handeln auffordert: „Exprimez-vous sur la défense de la langue française, les institutions officielles, la politique linguistique, la francophonie, la francisation des termes étrangers“ (vgl. FPL). Neben diesem Forum, das seit 2004 über 300 Fragen generiert hat, gibt es weitere Austauschräume zu diversen Themen wie z.B. Pratiques linguistiques, Réflexions sur les règles, Écriture et langue française, Histoire de la langue française, Pratiques argotiques et familières, in denen sich insgesamt 3658 Nutzer bewegen. Alle Foren sind in die übergeordnete Website abc de la langue française eingebettet, wo den Nutzern auch Informationen zur französischen Sprachgeschichte und zum Argot (mit Wörterbuch) sowie Aktuelles zur französischen Sprache bereitgestellt werden (vgl. ABC).
Die zum Vergleich ausgewählten deutschen Beispiele sind Diskussionsbeiträge aus der Facebook-Präsenz des Vereins deutsche Sprache (VdS). Der 1997 gegründete VdS beruft sich in seinen Leitlinien auf die UNESCO-Erklärung vom 2. November 2001 und einen Bericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ vom 11.12.2007: „Europas Sprachen und Kulturen stehen unter starkem Globalisierungsdruck. Sie verlieren weltweit an Geltung und werden in zunehmendem Maße von der angloamerikanischen Sprache und Kultur beeinflusst. Dies führt zu einem Identitätsverlust der betroffenen Völker und Volksgruppen“ (VdS a). Darauf aufbauend werden folgende Grundsätze und Ziele formuliert (VdS b):
Wir schätzen unsere deutsche Muttersprache, die „Orgel unter den Sprachen“, wie Jean Paul sie nannte. Um sie als eigenständige Kultur- und Wissenschaftssprache zu erhalten, weiterzuentwickeln und vor dem Verdrängen durch das Englische zu bewahren, gründeten wir im Jahr 1997 den Verein Deutsche Sprache e.V. Er ist eine bunte, große und wachsende Bürgerbewegung mit derzeit 36.000 Menschen aus nahezu allen Ländern, Kulturen, Parteien, Altersgruppen und Berufen. Allein ein Drittel davon sind Freunde der deutschen Sprache aus Asien oder Afrika. […] Dabei verfolgen wir keine engstirnigen nationalistischen Ziele. Wir sind auch keine sprachpflegerischen Saubermänner. Fremdwörter – auch englische – sind Bestandteile der deutschen Sprache. Gegen fair, Interview, Trainer, Doping, Slang haben wir nichts einzuwenden. Prahlwörter wie event, highlight, shooting star, outfit, mit denen gewöhnliche Dinge zur großartigen Sache hochgejubelt werden, lehnen wir ab.
Seit März 2011 hat der VdS seinen Kommunikationsradius durch ein Facebook-Profil erweitert, das zum Zeitpunkt der Analyse 8258 aktive und passive Anhänger hat. Ein grundlegender Unterschied zum Forum Promotion linguistique besteht in der zentralen Steuerung der Kommunikation durch den Verein als Administrator der Seite: Die Themen werden vom VdS selbst platziert und dann gegebenenfalls von der Leserschaft kommentiert, bewertet oder auf anderen oder eigenen Seiten geteilt. Eine gewisse Grundkonstruktion des Diskurses wird somit im Voraus determiniert und entspricht größtenteils der inhaltlich-thematischen Struktur, die der VdS auch in der Vereinszeitschrift Sprachnachrichten angelegt hat. Im französischen Forum ist zwar Sprachpflege als Rahmenthema vorgegeben, jedoch können die User die Richtung der Diskussion durch das Einstellen eigener Fragen und Kommentare steuern, die dann vom Administrator entfernt werden können, wenn Regeln des Respekts und der Höflichkeit missachtet werden oder Inhalte ʻzu polemisch’ diskutiert werden. Eine Vergleichbarkeit ist dennoch durch den Funktionsmechanismus des personal publishing (vgl. 3) gewährleistet sowie aus kommunikationstheoretischer Perspektive durch die Asynchronität der Beiträge, die zeitversetzt auf den Kopfkommentar erfolgen und die Möglichkeit implizieren, mit mehreren Teilnehmern zu diskutieren, bei denen eine generelle Affinität zur Sprache selbst und zu metasprachlichen Fragestellungen angenommen werden kann.
Der Diskussion der einzelnen Belege muss die Bemerkung vorangestellt werden, dass die folgende Einordnung der Topoi keinen Anspruch darauf erhebt, dass es sich um eindeutige Zuordnungen handelt. Die topische Etikettierung kann thematisch mehrfach kodiert werden und die Aufschlüsselung der argumentativen Struktur kann mitunter auf verschiedene Lesarten erfolgen. Darüber hinaus werden aus Gründen des Umfangs nur einzelne, besonders häufig im Korpus auftretende Sprachgebrauchsmuster in Anlehnung an den Gloy'schen Kriterienkatalog (vgl. 4.2) vorgestellt.
In beiden Teilkorpora kann der Topos der Konstitution und des Erhalts der nationalen Einheit als rekurrentes Sprachgebrauchsmuster identifiziert werden, bei dem die deutsche und französische Sprache jeweils als zentrale Determinante der Nation stilisiert werden. Im deutschen Beleg erfolgt die Betonung der Notwendigkeit des Sprachschutzes durch die Qualifizierung der deutschen Sprache als „summum bonum der Nation“ (Stukenbrock 2005, 432) neben der Geschichte des Landes und durch ein normatives Kausalschema aus Grund und Folge (Wenn das Bewusstsein für Sprache und Geschichte der Nation verloren geht, dann büßt das Land sein nationales Bewusstsein ein):
1. Richtig, B. Die zwei Säulen einer Nation sind Sprache & Geschichte. Geht auch nur das Bewusstsein für EINS davon verloren, wird das Land sein nationales Bewusstsein einbüßen (VdS FB, 21.03.2013).
Aus der Majuskelschreibung von EINS geht nicht nur die Betonung des Werts der deutschen Sprache hervor, sondern auch die Bedrohlichkeit der Situation, die der Verfasser dem Zustand des nationalen Bewusstseins attribuiert und wodurch er einen indirekten Appell an die Sprechergemeinschaft formuliert, dass das Sprachbewusstsein dem Nationalbewusstsein gleichgestellt werden muss. Ein ausgewähltes französisches Beispiel zeigt eine äquivalente topische Thematisierung, bei dem zunächst ein Nutzer (patrickk) den Geltungsanspruch des Schutzes der französischen Sprache durch ein Einordnungsschema rechtfertigt, das durch die Schlussregel einer Teil-Ganzes-Beziehung gestützt wird (Wenn die französische Sprache Teil der französischen Nationalsymbole wäre, dann könnte ihre Beleidigung unter Strafe gestellt werden, da dieses Vorgehen für alle nationalen Symbole Gültigkeit besitzt). Im Vordergrund steht hierbei weniger der soziale und kommunikative Wert der Sprache als Voraussetzung eines geteilten nationalen Bewusstseins, sondern ihr symbolischer und somit auch gewissermaßen non-verbaler Charakter, der bereits per se streitbar ist:
2. [patrickk a écrit: D'où une idée qui me vient : ajouter la langue française à la liste des symboles de la France (Hymne national, drapeau) que l'on ne peut insulter sous peine de sanctions pénales.] La langue française n'appartient pas à la France et c'est justement ce qui en fait une langue universelle et donc plus intéressante […] (FPL, 15.10.2008).
Mit dieser Replik wird die Argumentation patrickks durch einen anderen Nutzer angefochten, der betont, dass die französische Sprache kein Besitz des französischen Staates ist und dass gerade dieser Umstand ihren Charakter als langue universelle ausmacht.
Ein weiterer auf beiden Seiten häufig angeführter Topos ist die Gewährleistung einer allgemeinen Verständlichkeit der Sprache für die Sprecher, die von den Beiträgern in der Regel in negative Korrelation mit den Einflüssen des Englischen gesetzt wird (Wenn immer mehr denglische und englische Wörter in den Wortschatz übernommen werden, werden ältere Menschen aufgrund von Verständnisproblemen aus der Gesellschaft ausgegrenzt). Im folgenden Beleg wird dies durch ein Kausalschema aus Ursache und Wirkung verbalisiert, das die soziale Funktion der deutschen Sprache fokussiert. Die Entrüstung des Beiträgers ist dabei sowohl deutlich an der Interpunktion erkennbar als auch an der Verwendung der Verben nerven und ausgrenzen sowie des im sprachpflegerischen Diskurs häufig auftretenden Portemanteau-Stigmaworts denglish.
3. Ja, mittlerweile nervt das wirklich immer mehr! Und besonders ältere Menschen verstehen die denglischen bzw. englischen Wörter gar nicht und werden so in unserer Gesellschaft sprachlich ausgegrenzt (VdS FB, 22.02.2012).
In Beleg (4) wird illustrativ mit einem konkreten Beispiel aus dem Alltag der Sprecher argumentiert, in dem sich der Verfasser auf die erfreuliche Präsenz des Französischen beim alljährlichen Sportereignis Tour de France bezieht, was er als Indiz für den Erhalt des französischen Sprachprestiges auf internationaler Ebene ansieht. Wie auch in (3) wird anhand der Lexik deutlich, wie emotional aufgeladen der Diskurs ist (je suis épaté) und dass metasprachliche Äußerungen zum Zustand der Sprache durch verschiedene einstellungsgelagerte Affekte getragen werden (Angst vor der hégémonie de l’anglais, Freude angesichts eines français très compréhensible, Stolz und Ehrgefühl angesichts der Tatsache, dass […] tous ou presque tous [font] l’effort):
4. Il est un domaine où le français tire encore son épingle du jeu, et ou l'anglais n'est pas hégémonique, c'est le vélo. Je suis de près le Tour de France cette année, et en effet, je suis épaté d'entendre pratiquement tous les coureurs et tous les directeurs sportifs de partout s'exprimer dans un français très compréhensible : ils font tous ou presque tous l'effort, et ils nous font l'honneur, de se mettre un peu au français (FPL, 13.07.2012).
Beim sprachnormativen Diskurs im Sinne ansatzweise status- und korpusplanerischer Reflexionen der laienlinguistischen Sprachpfleger findet der Topos des etablierten Sprachgebrauchs Anwendung innerhalb einer großen thematischen Marge, die von der Diskussion des orthographischen und phonetischen Standards wie z.B. in Beleg (6) bis hin zu legislativen Vorgaben in fachsprachlichen Domänen in Beispiel (5) reicht:
5. Die SPD Hamburg, zusammen mit Niedersachsen und NRW, legte einen Gesetzesentwurf vor, der die englische Sprache neben Deutsch als Verhandlungssprache in Gerichten zulässt. Nach aktuellem Stand sei von einer Zustimmung des Bundestages auszugehen. Laut den Politikern sei es von Nachteil, dass Deutsch als alleinige Gerichtssprache etabliert ist (VdS FB, 05.08.2014).
6. Je ne nie pas l'existence d'une norme de prononciation: j'en perçois deux ! Et si la prononciation "standard" du français était imposée depuis des siècles, cela voudrait également dire que cette volonté échoue depuis des siècles (FPL, 06.09.2013).
Beispiel (5), das rein formal einer eher sachlichen Zustandsbeschreibung gleichkommt, impliziert eine subtile Argumentation gegen die Zulassung des Englischen als Gerichtssprache. Als induktives Beispielargument ermöglicht der Verweis auf die Gesetzesentwürfe der SPD in Hamburg, Niedersachsen und NRW die Ableitung der Konklusion, dass der Status des Deutschen als Verhandlungssprache an deutschen Gerichten in Gefahr ist. Um dieser Vermutung der offiziellen Statusgefährdung des Deutschen durch das Englische Nachdruck zu verleihen dient ein ergänzender berichterstattungsähnlicher Satz (Nach aktuellem Stand sei von einer Zustimmung des Bundestags auszugehen), der den Geltungsanspruch der Aussage durch einen Verweis auf eine anonyme Autorität steigert, die in der Verwendung des Konjunktivs I der indirekten Rede sichtbar wird und gleichzeitig als argumentum necessarium Wirkung erzeugt (Wenn der Bundestag jetzt schon mehrheitlich zustimmt, dann ist der Einsatz des Englischen als Gerichtssprache in Deutschland beschlossene Sache). Eine zusätzlich affektive Konnotation erhält die Argumentation durch den Verweis auf traditionelle legislative Zustände (Damit würde das seit 1877 bestehende Grundgesetz zur Gerichtssprache gefällt werden), die im Zuge globalisierender Tendenzen nicht mehr respektiert und zu Gunsten der englischen Sprache arglos ausgehebelt werden.
Die Aussage in Beleg (6) verdeutlicht den Einsatz des Beiträgers zugunsten einer Relativierung der Exklusivität der französischen Standardaussprache je nach individueller Einstellung des jeweiligen Sprechers (j'en perçois deux !). Den dahinter stehenden Einsatz für eine Anerkennung von normabweichenden Aussprachevarietäten und die Nichtdurchsetzung der traditionellen Norm ([…] cette volonté échoue depuis des siècles), versucht der Nutzer argumentativ durch die gewählte ironische Ausdrucksweise zu rechtfertigen.
Neben der oftmals motivisch gebrauchten Wechselbeziehung zwischen Sprache und Nation wird vor allem die Kultur beider Sprachen in ihren diversen Ausprägungsformen als Spiegel des Sprachwandels oder als Voraussetzung für ein bestimmtes sprachliches Niveau präsentiert. Dabei betonen laienlinguistische Sprachpfleger – nach dem Vorbild der institutionalisierten Sprachpflege – die Bedeutung der Literaturgeschichte des jeweiligen Landes als Kulturgut oder verweisen konkret auf den Sprachgebrauch von kulturellen Autoritäten, wie es die beiden folgenden Beispiele belegen:
7. Ich war gestern in Düsseldorf "auf der Kö" zum Bücherbummel. Auf der einen Seite deutsche Literatur von den Anfängen bis in die Neuzeit. Auf der anderen Seite die Geschäfte, von denen kaum eines noch deutschsprachige Werbung zeigt. Ich dachte, ich wäre in England und nicht in der angesagtesten Einkaufsstraße der Hauptstadt Nordrhein-Westfalens. Es ist gruselig (VdS FB, 18.06.2012).
8. Pendant quelques années j'ai été un très fidèle lecteur du Canard, qui était – l'est-il toujours ? – réputé pour son bon niveau en français, je n'y cherchais pas du tout cela, mais il m'a beaucoup apporté pour mon expression en français. À plus forte raison s'attacher à des auteurs littéraires que l'on aime, qui vous apportent en prime mille autres choses, est évidemment excellent (FPL, 27.01.2012).
Aus (7) geht erneut hervor, dass der Anglizismendiskurs in metasprachlichen Äußerungen ein dominanter thematischer Marker ist und sich, in andere topische Muster eingeflochten, als salientes Merkmal durch laienlinguistische Argumentationen zieht. Mit der berühmten Düsseldorfer Einkaufsstraße als illustratives Beispiel wird die Konklusion belegt, dass durch die Dominanz englischer Werbung in den Geschäften (Anglizismen-Topos) nicht nur die Verbraucher abgeschreckt werden (Es ist gruselig), sondern auch die öffentliche Präsenz deutschsprachiger Literatur zurückdrängt wird (Kultur-Topos). In Beispiel (8) wird durch die Darstellung der bekannten französischen Satirezeitschrift Canard Enchaîné als sprachlich-kulturelle Autorität (réputé pour son bon niveau en français) ein deskriptives Kausalschema eingeleitet, das die Lektüre französischer Literatur als entscheidendes Kriterium bei der Schulung des Sprach- und Ausdrucksvermögens definiert (Pendant quelques années j'ai été un très fidèle lecteur du Canard […] il m'a beaucoup apporté pour mon expression en français).
An letzter Stelle soll neben der in den vorherigen Beispielen aufgezeigten Reflexion der kommunikativen und sozialen Funktion von Sprache die ihrer kognitiven Beschaffenheit und Relevanz (Topos der kognitiven Folgen) aufgezeigt werden, die auch in den laienlinguistischen Foren nicht selten als diskursive Grundfigur erscheint:
9. Schrecklich. Die Intelligenz eines Menschen drückt sich auch darin aus, wie er mit seiner Sprache umgeht. Der vielgeschumpfene Herr aus Berlin hat halt leider doch Recht: Deutschland schafft sich selbst ab (VdS FB, 30.06.2014).
10. Un langage parlé et écrit est un protocole de communication. A ce titre, il devrait être régi, comme le code de la route, par des règles intelligentes, logiques et rigoureuses (FPL, 24.02.2012).
Wie an anderer Stelle bereits herausgearbeitet wurde, belegt die Aussage des Verfassers in (9) erneut die deutlich hervortretende affektive Komponente metasprachlich explizierter Einstellungen. Das in Kopfstellung elliptisch positionierte Adjektiv schrecklich resümiert die entsetzte Haltung des Beiträgers angesichts des nicht weiter konkretisierten schlechten Umgangs bestimmter Menschen mit der eigenen Sprache, die er durch ein Vergleichsschema normativ begründet, indem er eine bestimmte menschliche Eigenschaft (Die Intelligenz eines Menschen drückt sich darin aus […]) aus einem ähnlich gearteten Verhalten in einer bestimmten Situation erschließt ([…] wie er mit seiner Sprache umgeht). Der intertextuelle Verweis auf das 2010 erschienene Buch des Volkswirts und ehemaligen SPD-Politikers Thilo Sarrazins mit dem Titel Deutschland schafft sich ab zeigt darüber hinaus, dass die gesellschaftlich kontrovers geführten Diskussionen um sozio-politische Probleme sich in der laienlinguistischen Auseinandersetzung mit Sprache widerspiegeln oder ihren Akteuren zumindest einen geeigneten Aufhänger liefern. Beispiel (10) hingegen bezieht sich nicht auf die kognitive Fähigkeit der Sprecher, sondern auf den kognitiven Gehalt der Sprache selbst. Der Verfasser legt auf aphoristische Weise für jede Sprache die Gesetzmäßigkeit fest, dass ihre Funktionsfähigkeit in einem intelligenten, logischen und strengen Regelsystem begründet liegt und rechtfertigt diesen Zusammenhang durch ein Analogieargument (comme le code de la route), das die regelhafte Struktur der Sprache einer Verkehrsordnung gleichsetzt.
6 Zusammenfassende Bemerkungen und Ausblick
Die exemplarische Analyse hat gezeigt, dass sich die öffentliche Diskussion um Sprache und ihre Sprecher in Deutschland und Frankreich gleichen Themen in Form äquivalenter topischer Muster widmet. Diese musterhaft strukturierte Architektur des sprachpflegerischen Diskurses belegt dabei nicht nur die Fortsetzung einer diskursiven Tradition, der eine bewusst konstruierte Identität und traditionell normativ ausgerichtete Mentalität zugrunde liegt, sondern anhand der untersuchten metasprachlichen Äußerungen wird deutlich, dass die dargestellten Leitmotive der institutionalisierten Sprachpflege in mittlerweile weit ausgedehnten Teilen der Gesellschaft durch das Potenzial internetbasierter Kommunikationsformen eine große Verbreitung erfahren. In den Kommentaren der Internet-Nutzer wurden dabei auch Tendenzen einer relativierten und ‚gemäßigten‘ Sprachpflege erkennbar, die von der Idee einer puristischen Standardnorm Abstand nehmen und gleichzeitig individuelle sprachbezogene Reflexionen in den Diskurs einbringen. Ein zentrales definitorisches Problem wirft in diesem Kontext nach wie vor die Frage auf, wer in den betrachteten öffentlichen Räumen überhaupt als Laienlinguist klassifiziert werden kann und ob dieser Terminus im Kontext des dargestellten metasprachlichen Kommunikationsformats auf die Mehrzahl der beteiligten Akteure zutrifft, sodass eine Titulierung dieser Gruppe als laienlinguistische Sprachpfleger und ihre gesonderte Einordnung als gesellschaftlich wirkendes Ensemble neben offiziellen und offiziösen Bereichen der Sprachpflege zu rechtfertigen wäre. Die weiten Dimensionen und die Komplexität dieses Diskurses, v.a. durch die Integration von Online-Daten, können durch die bestätigte Hypothese länderübergreifender Diskursstrukturen konturiert werden und liefern somit einen ersten Anhaltspunkt, der für Forschungsinteressen der romanistischen Linguistik durch eine Orientierung der Untersuchungsmethode an diskurslinguistischen Verfahren sowie interdisziplinäre Ansätze gewinnbringend ergänzt werden kann. Eine fokussierte Triangulation im Sinne einer Verbindung der soziolinguistisch klassischen, qualitativen Kategorisierung der Sprachdaten mit einer partiellen Adaption korpuslinguistischer Verfahren könnte hierbei eine geeignete methodische Ergänzung repräsentieren, die eine kombinierte Untersuchung auf textinterner und transtextueller Ebene bei sprachkontrastiv angelegten Korpora realisierbar macht.
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Gibt es eine Norm des Québécois?
Zum Wandel in der Bewertung regionaler Merkmale in Québec
Elmar Eggert (Kiel)
1 Einleitung
Die Frage, ob es eine Norm des kanadischen Französischen in Québec gibt oder geben soll, ist eng mit der Sprachkritik in Bezug auf diese sprachliche Varietät verbunden, denn diese Varietät steht in einem Zusammenhang mit weiteren frankophonen Varietäten, denen jeweils ein anderer Stellenwert zugewiesen wird.
Die Kritik am Sprachgebrauch und damit die Beurteilung von Sprechweisen bzw. Sprachen in einem bestimmten Gebiet erfolgt einerseits durch die Sprecher selbst, die entweder aufgrund von eigenen Erfahrungen oder nach Vorgaben von angesehenen Instanzen eine Einschätzung vornehmen und danach auch ihr sprachliches Handeln ausrichten. Andererseits sind es eben Institutionen oder Fachleute, welche die sprachliche Varietät als solche und auch deren einzelne sprachliche Varianten bewerten. Durch letzteres machen sie aus berufenem Munde eine Vorgabe zum konkreten Sprachgebrauch und tragen damit zur Stärkung einer Varietät bei, so dass Sprachkritiker als Norminstanz fungieren.
Auch das Französische in Québec ist einer konstanten, aber wechselnden Sprachkritik von unterschiedlichen Seiten unterworfen. Dabei stellt bereits die Erfassung der Varietät des français québécois (in Kurzform Québécois genannt) eine große Schwierigkeit dar, mit der nicht nur Studierende in Abschlussprüfungen konfrontiert werden. Zwar können leicht einige Merkmale im Bereich der Phonetik/Phonologie, der Morphosyntax und im Wortschatz genannt werden, welche das Québecer Französisch charakterisieren, doch reicht dies zur Abgrenzung nicht aus. Um den Status der verschiedenen Varietäten des Französischen, die in Québec Verwendung finden, erfassen zu können, sind diese anhand ihres Gebrauchs zu bestimmen und davon ausgehend von anderen Varietäten abzugrenzen.
Im Folgenden soll untersucht werden, wie die Besonderheiten der sprachlichen Realisierungen des Französischen in Québec zu verschiedenen Zeitpunkten gesehen worden sind und wie diese Bewertung sich im Laufe der Zeit gewandelt hat.1 Von den ersten Zeugnissen abweichender Sprechweisen von den in Europa bekannten frankophonen Varietäten bis hin zu einer ko-offiziellen Etablierung des Französischen in Kanada und in der heutigen Welt sind erhebliche Veränderungen in den Sprachbewertungen zu beobachten, doch das Gefühl einer zweifachen Bedrohung ist relativ konstant geblieben. Denn die politischen Führungen in Québec sahen und sehen das Französische in zweierlei Beziehung als gefährdet an: Die Bedrohung des Französischen sei einerseits durch den nationalen Kontext einer vom Englischen dominierten Gesellschaft und auch der internationalen (= größtenteils anglophon verhandelten) Welt gegeben, andererseits durch das europäische Französisch, da innerhalb der institutionalisierten Frankophonie der OIF die Pariser Varietät des Französischen ein unbestritten hohes Prestige habe, so dass es die anderen Varietäten nur in regionalen Kontexten zur Geltung kommen lasse. Diese doppelte Front wird seit der Mitte des 19. Jh. in der Sprachkritik thematisiert.
Bevor historische Sprachdebatten nachgezeichnet und erläutert werden, um diese mit Ansätzen der Sprachbewertung des 21. Jahrhunderts zu kontrastieren, soll jedoch anhand von einzelnen Kriterien ausgeführt werden, was allgemein eine Norm ausmacht, um auf dieser Grundlage bestimmen zu können, was eine Norm des kanadischen Französischen bedeuten könnte (Kap. 2).
Um eine Zuordnung der Normfrage auf eine konkrete Varietät zu ermöglichen, muss das komplexe Varietätensystem des französischen Sprachraums in Kanada betrachtet werden (Kap. 3). Den Hauptteil bilden die Erläuterungen zu den historischen Diskussionen zum sprachlichen Leitbild in Québec (Kap. 4). So wird nach einer Kontextualisierung die historische Sprachkritik der Querelle de Thomas Maguire analysiert, die das Québecer Französisch aus den wechselnden Perspektiven einer europäischen Norm und der notwendigen Anpassung an die kanadische Gesellschaft kritisiert (Kap. 4.2). Eine Weiterentwicklung der Sprachkritik und -beratung kann in institutionalisierter Form in der Société du parler français au Canada gesehen werden, die immer stärker eine eigenständige Sprache zu legitimieren versucht, wie aus den Zielen und Aktivitäten herauszulesen ist (Kap. 4.3). Vor dieser historischen Folie wird versucht, die aktuellen Einordnungen des Québecer Französisch herauszuarbeiten (Kap. 5). Dazu wird die Sprachkritik und Sprachberatung des Office québécois de la langue française (OQLF) zur Varietät des Québécois analysiert, des wichtigsten Akteurs der Québecer Sprachpolitik, welche den Sprachgebrauch in der Region untersucht, die Sprachverwendung fördert und dazu eine Sprachberatung anbietet (Kap. 5.1). Aus dem Vergleich aktueller mit früheren Veröffentlichungen des OQLF ist ein Wandel in der Beurteilung des Québécois als Normvarietät abzulesen, welche nun stärker die einzelnen regionalen und kulturellen Ausprägungen zu fördern sucht (Kap. 5.2). Ein Vorschlag zur Erklärung dieser divergenten Sprachbewertung (und auch Sprachpraxis) schließt die Ausführungen ab (Kap. 6).
2 Die Rolle der Norm für die Sprachkritik
Eine Norm ist eine Vorgabe für einen bestimmten Bereich. Ausgehend vom lat. norma mit der Bedeutung ‚Winkel, Winkelmaß‘ hat sich metonymisch die Bedeutung ‚Richtschnur, Regel‘ (Stowasser 1980 s.v. norma) herausgebildet, von der sich das Adjektiv normalis mit der Bedeutung ‚das Normale als das der Regel entsprechende‘ ableiten lässt (Rey-Debove 2003, 1–2). Eine Norm ist stets ein soziales Phänomen, das eine Orientierung der Ausprägung eines Gegenstands an einem Maß ermöglicht, um so die Bewertung von Gegenständen oder Sachverhalten auf eine vergleichende Grundlage zu stellen. Das Ziel ist also eine einheitliche Ausrichtung aller Elemente eines Bereichs auf einen Wert, um so eine Vereinheitlichung bzw. eine Stabilisierung der Ausprägungen um einen Wert herum zu erreichen. Damit gilt eine Norm in logischer Umkehr als Bewertungsmaßstab für Abweichungen in diesem Bereich.2
Da eine Norm bereichsabhängig ist und sozial verankert werden muss, gibt es üblicherweise nicht nur eine einzige Norm, sondern oft mehrere erklärte Normen, so dass meist von Normen im Plural gesprochen wird (Bartsch 1987, 155). Gegenstand der Normausrichtung ist meist etwas Geschaffenes, aber es können auch natürliche Dinge oder soziale Muster einer Norm unterworfen werden. Die Gültigkeit muss erklärt und der Gültigkeitsbereich festgelegt werden, meist von der Gesellschaft oder einer sie ausgebenden Institution, die sich mit dem Bereich befasst.3
Der Prozess der Normgebung umfasst mehrere Phasen, vom Bewusstwerden für die Notwendigkeit von Normen über die Wege der Ermittlung von Normen, ihrer Formulierung und Verkündung bis hin zur Durchsetzung, Rezeption und auch Wirkung (bzw. Nicht-Wirkung). Es gibt verschiedene Arten von Normen, die z.B. durch den Grad der Verbindlichkeit klassifiziert werden (grobe Zielvorgaben gegenüber obligatorisch gesetzten Werten). Die soziale Vorgabe kann stark sein (Pflicht, Verbot, Erlaubnis) oder schwach wirken (Empfehlung, Rat, Freigabe). Auch die Art der Konstituierung einer Norm oder eines Normwerts wirkt differenzierend, so werden präskriptive und deskriptive Normen unterschieden. Eine präskriptive Norm liefert Vorgaben für einen sozial akzeptierten Sprachgebrauch, in deskriptiver Perspektive wird ein Normalwert durch das häufige Vorkommen und somit als statistischer Durchschnitt ermittelt, wodurch eine „Normalität“ dieses üblichen Werts angenommen wird, auf welche die Ausrichtung erfolgen kann, aber meist nicht muss (Bartsch 1987, 157–163).
In Bezug auf Sprache ist demzufolge zu unterscheiden, auf welchen Bereich sich eine Norm bezieht und wie diese sozial zur Norm erklärt wird, v.a. wer diese Vorgabe trifft und wie diese durchgesetzt und verankert wird. Nach Koch (1988, 331) sind Normen für die verschiedenen Varietäten einer Sprache zu unterscheiden, also Normen der Schriftsprache oder Sprechsprache bzw. sind es diastratische, diaphasische oder diatopische Normen, die wirken können.
Bei sprachlichen Normen ist weiterhin zu unterscheiden zwischen der Ebene der Varietät und der Ebene der Varianten. Zielpunkt einer sprachlichen Norm ist eine sprachliche Varietät, der ein sozialer Wert z.B. als offiziell anerkannte Sprache (langue) zugeschrieben wird. Da diese sich nur in konkreter Realisierung (parole) manifestiert, wird sie durch innersprachliche Merkmale bestimmt, auf die der soziale Wert der Varietät übertragen ist. Diese innersprachlichen Varianten konstituieren in ihrer Gesamtheit dann die sprachliche Norm-Varietät.
Die präskriptiven Normen werden von Institutionen der Gesellschaft ausgegeben, die sich intensiv bzw. professionell mit Sprache befassen oder annehmen, ein Mandat dafür zu haben, so z.B. die Schule mit kodifizierenden Werken wie Grammatiken oder Wörterbüchern, Sprachinstitutionen, Akademien, Ministerien etc. Die Normgebung ist im Falle Québecs durch politische Bestimmung der Institution des Office québécois de la langue française (OQLF) übertragen worden, die somit eine bestimmte sprachliche Varietät als Normsprache zu verbreiten sucht, aber nicht immer Erfolg in der Durchsetzung hat.
Deskriptive Normen in der Sprache werden nach Sinner (2014, 107) durch den „sozial dominierenden Gebrauch“ bestimmt. Diese Gebrauchsnormen sind also die üblichen Realisierungen des Systems, neben anderen möglichen und weniger frequenten Realisierungen. Die Variation der Sprache und solche deskriptiven Normen können von den Sprechern wahrgenommen und als Richtschnur angesehen werden, auf die sie sich ausrichten, z.B. bei Innovationen, die sich ausbreiten, hochfrequent und schließlich sozial anerkannt werden, so dass sie durch einen Wörterbucheintrag sanktioniert werden. Die tatsächliche Wirkung von Normen auf die Sprecher ist dabei zu unterscheiden von den Intentionen der Norm.
Für die Sprecher wirken präskriptive Normen, z.B. durch die Schule, und deskriptive Normen durch die Kommunikationserfahrung zusammen. Nach Ansicht von Sprachplanern sollte es für die Sprecher wichtig sein zu wissen, in welchem Bereich eine sprachliche Vorgabe einer Norm vorhanden ist und welche konkreten Vorgaben auf der Ebene der Varianten dabei zu berücksichtigen sind. In der Praxis hingegen ist eine sprachliche Norm das, was Sprecher für angebracht halten oder wovon sie glauben, dass es von ihnen erwartet würde. Sie gehen also von einer Idealnorm der Standardsprache aus, d.h. sie haben in ihrer Gesellschaft einen Regelkomplex verinnerlicht, der üblicherweise nicht mit den existierenden Varietäten der Sprache übereinstimmt. Sie fragen sich, welcher Sprachgebrauch gut und richtig ist. ‚Falsch‘ und ‚richtig‘ sind dabei Kategorien, die sich sowohl auf die Grammatikalität des Systems beziehen können, also angeben, ob ein grammatikalischer Fehler vorliegt, als auch auf die Bewertung der sprachlichen Äußerung in Bezug auf eine Norm, also ob der Gebrauch dieses sprachlichen Elements sozial adäquat ist. Dabei wird die Abweichung von einer Norm beurteilt: z.B. kann ein Wort als nicht korrekt gewertet werden, das zwar als diatopische Variante linguistisch beschrieben und in einer bestimmten Region hochfrequent ist, aber im sozialen Kontext einer offiziellen Sprachäußerung einer anderen Region eine konträre Bewertung erfährt.
Eine solche Normdiskussion über eine idealisierte, „reine“ Sprachform zeigt schnell Bestrebungen zum Purismus in der Sprache auf. Auch in Québec wurden und werden Debatten von Sprachberatern, Gelehrten und interessierten Laien um eine gute Sprachverwendung, die der angenommenen Idealnorm entspricht, geführt. Die Frage nach der Norm bezieht sich dabei auf die Eingrenzung der zugrunde zu legenden Varietät. Diese Diskussion wird im heutigen Québec von interessierten Laien und Sprachinstitutionen geführt, wobei sich die Ansichten grob in zwei Lager teilen, welche sich entweder an einer auszubauenden, internen Varietät des Französischen in Québec oder an prestigeträchtigen, außerhalb Québecs zu verortenden Varietäten orientieren: die endogénistes (auch aménagistes genannt) und die exogénistes (oder internationalisants, vgl. Pöll 2009; Meney 2010; Sénécal 2010; Reutner 2009, 90). Vielen Beiträgen der Anhänger einer endogenen Norm ist nicht klar zu entnehmen, welche Varietät des Französischen in Québec zur Norm erklärt werden soll, denn es gibt mehrere diatopisch mehr oder weniger stark markierte Québecer Varietäten des Französischen, zu denen ein français québécois als Normvarietät in Québec abzugrenzen ist. Auf diese Varietät sind die allgemeinen Kriterien einer Norm zu beziehen.
3 Das Québecer Französisch und die Normfrage
Wenn die alloglotte und anglophone Minderheitsbevölkerung für die aktuelle Betrachtung ausgeklammert wird, liegt in Québec (früher wie heute) ein französischsprachiger Varietätenraum vor, der durch die Einwanderung von Siedlern aus Frankreich mit ihren verschiedenen regionalen Varietäten gekennzeichnet ist. Ohne die historische Entwicklung nachzeichnen zu wollen, kann festgehalten werden, dass die Sprecher in Québec immer stärker dazu übergingen, das Standardfranzösische zu sprechen, wenngleich mit unterschiedlicher Kompetenz und in seiner ganzen Variationsbreite. Auch im heutigen Québec ist das Französische als Muttersprache von 80 % der Bevölkerung in den jeweiligen diastratischen und diaphasischen Varietäten vorhanden, natürlich auch jeweils in diatopischen Ausprägungen. Die Kommunikationssituationen reichen von extremer Mündlichkeit im intimen, privaten Bereich bis hin zur extremen Distanzsprache in hochformellen oder fachlich-wissenschaftlichen bzw. administrativen Situationen. Alle sind zur historischen Sprache des Französischen zu rechnen, unterscheiden sich aber in einzelnen oder mehreren Merkmalen von entsprechenden Varietäten in Frankreich oder anderen frankophonen Regionen.4
In formellen Situationen ist das Französische in Québec im Verhältnis zur europäischen, Paris-zentrierten Varietät weniger stark markiert, in informellen viel stärker, aber in fast allen Äußerungen sind einzelne Merkmale festzustellen, welche die meisten Frankokanadier teilen. Dies ist v.a. in der Aussprache gegeben. Zudem sind einige Kanadismen in allen frankophonen Varietäten sehr verbreitet, welche jedoch in bestimmten Diskursbereichen vermieden und ersetzt werden, in denen ein regionaler Bezug keine Relevanz haben soll. Die Varietät der Québecer Umgangssprache weicht also stark von Äußerungen in offiziellen Bereichen ab und ist für Außenstehende teils schwer verständlich. Der umgangssprachliche Bereich ist am stärksten von diaphasischen Merkmalen geprägt, die auch regional oder sogar lokal diatopisch einzugrenzen sind. Daher unterscheiden sich diese auch innerhalb des Sprachgebiets von anderen Umgangssprachen.
Solche Merkmale könnten dann als Varianten der Québecer Norm gewertet werden. Aber die im Bereich der mündlichen Nähesprache angesiedelten Sprachformen kommen gerade nicht für eine Normierung in Frage, denn eine Normierung widerspräche dem spontanen Charakter der mündlichen Sprechsprache eines Gebiets. Auch das joual, das häufig als besonders charakteristische Varietät des Québécois angesehen wird, ist von einer Normierung auszuschließen, denn es ist der „im Gefolge der Landflucht und Industrialisierung entstandene, von Anglizismen affizierte populäre Sprachgebrauch der unteren Schichten“ (Pöll 1998, 68).
Das zeigt das Dilemma der Normierung einer eigenen Québecer Varietät: Je stärker der Unterschied der spezifischen Merkmale des Québécois zum europäischen Französisch ist, desto mehr Gewicht hätten diese als Argumente für eine Eigenständigkeit dieser sprachlichen Varietät, aber desto stärker sind sie auch auf den gesprochenen und informellen Nähebereich beschränkt, der sich am wenigsten als Träger prestigeträchtiger Varianten für eine Norm eignet. Denn von einem idealen Standpunkt aus wäre die Normierung sinnvoll für eine Varietät, die diatopisch auf Québec eingegrenzt werden kann, die aber diastratisch z.B. auf die Gruppe der Staatsdiener, Beamten oder Lehrer zu beziehen ist und die diaphasisch auf die Situationen der öffentlichen Kommunikation in staatlichen oder gesellschaftlich-relevanten Institutionen oder daran angelehnte und vergleichbare kommunikative Zwecke (öffentliche Kommunikation in Unternehmen) beschränkt wird.
Welches sind nun die Orientierungspunkte für eine Norm des Französischen in Québec gewesen? Die Diskussion über eine Leitvarietät des „guten Französisch“ in Québec ist im Zusammenhang mit der Frage nach dem sprachlichen Leitbild in Frankreich zu betrachten.
4 Die historischen Diskussionen zum sprachlichen Leitbild in Québec
4.1 Wandel des sprachlichen Leitbilds im 18./19. Jh.
Das sprachliche Leitbild der Frankophonen in Québec war bis über die Französische Revolution hinaus der bon usage des Ancien Régime. Dieses sprachliche Vorbild war jedoch durch die Französische Revolution unter den Franzosen abgewertet und durch das neue Modell der Sprache der Pariser Bürgerschaft abgelöst worden. Diese Veränderung im Prestige der Leitvarietät ging einher mit der neuen Schulpolitik der Französischen Revolution, welche zur Folge hatte, dass sich die Schriftkenntnisse ausweiteten und die Varietät des geschriebenen Französisch Vorrang vor mündlichen Varietäten bekam. Gleichzeitig herrschte eine sehr rigide Normvorstellung, wie an mehreren Grammatiken der Zeit zu erkennen ist (Noël/Chapsal 1823; Rotgès 1896). Dadurch wurden auch Aussprachegewohnheiten, die mit der Sprache im Ancien Régime verbunden wurden, als veraltet abgewertet und durch diejenigen der nun herrschenden Schicht der Bourgeoisie abgelöst, die im Ansehen gestiegen waren. Diese Bürgerschicht konnte sich nicht, wie die Adligen, auf Traditionen der Sprache ihrer Gesellschaftsschicht, die lange an der Macht war, stützen, sondern sie vertraute auf die Tradition der Schrift, um zu bestimmen, was korrekt sein sollte. Daher wurden viele Konsonanten der Schrift auch in die Aussprache wieder neu eingeführt. Auch wurden Varianten, die nicht der schriftlichen Form entsprachen, aus dem korrekten Sprachgebrauch ausgeschlossen (vgl. Rey 2008, 74).
Doch ist diese Neuorientierung des sprachlichen Vorbilds in Frankreich aufgrund der Trennung Québecs vom Mutterland im Jahr 1763 in Kanada nicht bekannt geworden. In Québec war mit der Zugehörigkeit zum Kolonialreich Englands die Schulbildung zusammengebrochen, so dass die Alphabetisierung auf niedrigem Niveau verblieb; nur 27 % der Frankokanadier sind bis 1849 alphabetisiert (Galarneau 2000, 103).5 Daher erfolgte die Sprachweitergabe größtenteils auf mündlichem Wege. Die kleine gebildete Schicht hingegen war durch die offizielle englische Sprachpolitik einem starken Einfluss des Englischen ausgesetzt. Daher ergab sich ein sehr volkstümliches Französisch mit altertümlichen Formen und einer steigenden Anglisierung der Sprache. Auch waren einzig und allein missionarische Prediger der katholischen Lehre zur sprachlichen Unterrichtung der Québecer Bevölkerung nach Kanada gekommen, die zweifelsohne Anhänger des Ancien Régime und somit gegen die neuen republikanischen Werte waren. Daher hielten diese Sprachlehrer am alten Sprachgebrauch fest und trugen so zu einer Festigung der traditionellen Sprachvarietät bei.
Im 19. Jahrhundert entwickelt sich das gesprochene Französisch in Kanada sehr deutlich, so dass die neuen Sprechweisen die Aufmerksamkeit einzelner Gebildeter erregen. Neben Anglizismen und Neologismen werden Provinzialismen, Archaismen und Amerindianismen erkannt und zunächst scharf kritisiert, da die gebildete Schicht bestrebt ist, sich an das normative Französisch anzupassen.6 Zugleich nimmt das Bewusstsein über einen starken Einfluss des Englischen zu, der zunehmend als Bedrohung gesehen wird. Eine erste Reaktion auf die Anglizismen und auf Lehnphänomene aus dem Englischen äußert Michel Bibaud 1817 in seiner Kritik in der Zeitschrift L’Aurore:
Rien ne dépare tant un idiome que les mots et tours barbares qu’on y introduit mal à-propos; et les personnes qui ont à cœur la pureté de leur langue, devraient réprouver de tout leur pouvoir et tourner en ridicule, cette manie d’anglifier le français qui paraît devenir plus générale de jour en jour (zitiert nach Bouchard 2012, 87).
Derartig wertende Bemerkungen zur Sprache fachen die Sprachkritik an, die sich schließlich an einzelnen Schriften entzündet.
4.2 Normdiskussion zum Québécois: die Querelle de Thomas Maguire
Im Jahr 1841 beginnt eine intensive Sprachdiskussion, die durch das Erscheinen des Handbuchs für korrekten Sprachgebrauch des Abbé Thomas Maguire entflammt, dem Manuel des difficultés les plus communes de la langue française, adapté au jeune âge, et suivi d’un recueil de locutions vicieuses, Québec: Fréchette et Compagnie. Bereits der Titel deutet auf eine klare Kritik des Sprachgebrauchs der Québecer Schüler hin. Darin beklagt Maguire vor der Folie der Pariser Norm des Französischen mehrere Kanadismen, v.a. in seinem Anhang: Aussprachevarianten, morphosyntaktische Abweichungen, Neologismen, Anglizismen, Archaismen, Provinzialismen, Fachsprachenübernahmen, populäre Ausdrücke etc. Maguire beabsichtigt, „signaler les erreurs de langage particulières au Canada“ (Maguire im Avertissement, nach Bouchard 2012, 96).
Doch wird das Handbuch nicht als Ratgeber aufgefasst, sondern vehement kritisiert. Als erste Reaktion weist Abbé Jérôme Demers als anonymer Autor das Manuel und die angeblichen Fehler in La Gazette de Québec am 23.04.1842 zurück (Bouchard 2012, 90). Auf die Antwort von Maguire vom 28.04.1842 erhält er im August 18427 eine erneute Replik von Demers. Auch der Chefredakteur von Le Canadien, Etienne Parent,8 veröffentlicht einen kritischen Kommentar zum Manuel. Später werden die im Handbuch thematisierten Fragen mehrfach in der Zeitschrift L’Encyclopédie canadienne (im Mai, Juni, August und September 1842) kommentiert und verrissen.
Die angeführten Sprachkritiker gehören alle zur Gruppe der gebildeten Kleriker, die mit französischer Muttersprache in Québec aufwachsen und im Priesterseminar in Québec-Stadt bzw. Montréal ausgebildet werden und dort lehren. Ihr gemeinsames Bestreben ist es, das kulturelle Niveau der Québecer zu erhöhen, was auch Thomas Maguire antreibt. Doch ist er englischer Muttersprachler, der erst mit 13 Jahren eine frankophone Jesuitenschule besucht und nach mehreren Missionsreisen durch Frankreich als Priester Philosophieunterricht im Priesterseminar in Québec gibt. Er hat daher einen größeren emotionalen Abstand zum traditionell gesprochenen Französisch in Québec und vertritt mit Verve die in Frankreich erlernte, angesehene Norm des Pariser Französischen.
4.2.1 Soziohistorischer Hintergrund der Normdiskussion
Um zu verstehen, warum das Lehrbuch Maguires so empfindlich aufgenommen und kritisiert worden ist, muss der politische Hintergrund vor Augen geführt werden: Québec war bereits 80 Jahre (1760–1840) ohne direkten Kontakt zu Frankreich, seit der Kapitulation von Montréal bzw. dem Vertrag von Paris 1763, der die Verluste der französischen Überseekolonien bestätigte. 1837–38 wurde in Québec die Forderung nach repräsentativer Demokratie laut, der Parti patriote rief sogar zur Rebellion auf, welche durch die englische Armee niedergeschlagen wurde. In diesem Zuge war Lord Durham aus England geschickt worden, um die zwei Kolonien Haut-Canada und Bas-Canada zu vereinen und dadurch aus der französischen Bevölkerung eine Minderheit zu machen. Ziel sollte die Assimilierung der frankophonen Bewohner sein, denn sie seien – so die Sicht der englischen Machthaber – ein Volk ohne Geschichte und ohne Literatur („sans histoire et sans littérature“, Bouchard 2012, 95). Diese klare Einschätzung war ein Schock für die Gebildeten der Zeit (besonders für Etienne Parent). Gesteigert wurde das Gefühl der Unterdrückung durch den Acte d’Union (1840), in dem das Englische in § 41 zur alleinigen offiziellen Sprache der Union deklariert wurde.9 Diese Zurückdrängung wurde als kollektive Niederlage empfunden, was zu einer gesellschaftlich depressiven Stimmung führte.
Aufgrund der Kritik an der Sprache der Québecer Bevölkerung10 wurde das Manuel als Angriff auf das wichtigste Identitätsmerkmal der Frankokanadier aufgefasst und wie eine Ohrfeige empfunden, denn es wirkte wie eine Bestätigung der Aussage von Lord Durham, dass die Frankokanadier keine Sprachkultur hätten. Somit war es ein Angriff auf die Eigenständigkeit und Schaffenskraft der Kultur in Québec.
Doch ist es nötig, sich die Kritik zu einzelnen Fragen detaillierter anzuschauen, um die Zielrichtung der Sprachkritiker zu verstehen.
4.2.2 Diskussion über die Variante /wɛ/ oder /wa/ <oi>
Als Beispiel für die Normdiskussion kann die Auseinandersetzung um ein (bis heute) zentrales Merkmal des Québécois erläutert werden. Maguire schreibt:
Suivant eux [grammairiens français], voir, boire, croire, moi, toi, droit etc. se prononcent voar, boar, croar, toa, moa, droa. Il faut donc se garder de donner le son de l’È ouvert à la diphtongue oi, et se garder de prononcer, vo-ère, bo-ère, cro-ère, mo-è, to-è, dro-è etc. Le dictionnaire de l’Académie, et la plupart des grammairiens modernes donnent, à quelques exceptions près, la même règle pour la prononciation de la diphtongue oi.
Demers hält ihm entgegen, dass es mehrere Varianten gebe und oa nur in einigen Wörtern die richtige Aussprache sei, in anderen hingegen oè: Im Wörterbuch von Catineau 181711 würden pois und mois mit oa gesprochen, aber ansonsten sei es moè, toè, soè, croère. Die Aussprachevariante oa sei in Frankreichs Süden verbreitet und habe sich ausgebreitet, aber gelte nur für einige Wörter. Seine Argumentation geht dahin, dass auch in Paris vielfach oè gesprochen werde und daher der kanadische Gebrauch sehr gut sei. Insofern argumentiert er nicht aus dem Sprachgebrauch in Québec heraus, sondern beschreibt nur, dass die Aussprache oè vorherrsche. Demers ist somit keineswegs ein Verteidiger der Québecer Aussprache, denn er verurteilt sogar einige kanadische Ausspracheformen, die Maguire nur kurz angesprochen hatte, wie z.B.
Le son de la voyelle a, comme le son de quelques autres voyelles, peut être aigu ou grave: il est aigu dans patte, natte et grave dans hâte, pâte. On conçoit facilement que le son grave doit être plus fort, plus rempli que le son aigu; mais on doit éviter de prononcer l’a comme les anglais le prononcent dans LAW (loi); et les allemands dans JA (oui), avec une effrayante ouverture de la bouche.
Dementsprechend verurteilt Demers diese Aussprache und das Fehlen einer Stellungnahme von Maguire:
Je puis ajouter ici, sans crainte de me tromper, que les Canadiens sincèrement attachés à la langue de leur pays, doivent vivement regretter que l’auteur du Manuel, au lieu de faire de vains efforts pour changer notre prononciation sur quelques points qui ne sont nullement répréhensibles, ne se soit pas élevé avec plus de force contre notre articulation lourde et traînante de la voyelle a, et qu’il ne se soit pas étendu plus au long sur cet article important.
Bis heute hat sich diese velare Aussprache gehalten, die im Pariser Französisch aufgegeben worden ist, da schon im Dictionnaire der Académie française von 1832 kein qualitativer Unterschied in der Aussprache der ehemals palatalen und velaren Variante mehr angenommen wurde, sondern nur noch ein quantitativer (Bouchard 2012, 112).
4.2.3 Bewertung
In dieser Debatte über ein gutes Französisch in Québec wird die normative Ausrichtung von Maguire als Stigmatisierung des Québecer Sprachgebrauchs v.a. in der Aussprache12 aufgefasst. Dabei betreiben Demers und Maguire eine Gelehrtendebatte über die Varianten, die jeweils als normgebend zu betrachten sein sollen. Der Streitpunkt ist, welche Varianten die Richtschnur des Pariser Französisch ausmachen, das in jedem Fall aber die Leitvarietät sein solle, an die sich die Sprecher auch in Québec zu halten hätten. In ihrem Streit beachten sie aber kaum die Fragen zur nationalen Identität Québecs und den Wert der Québecer Varietät. Es sind Diskussionen von Sprachinteressierten, welche das Québecer Französisch als defizitär und zu korrigieren13 ansehen und dem daher kein großer Wert zugesprochen wird.
Nur vereinzelt wird auf die Eigenständigkeit der Québecer Varietät Bezug genommen, wenn z.B. Maguire eine Position der Abgrenzung zum dominierenden Englisch in Québec vertritt, wenn er die formellen, semantischen und syntaktischen Anglizismen scharf verurteilt, welche er als Snobismus brandmarkt:
Quant à l’emploi de mots purement anglais, là où il y a des termes en français qui leur correspondent, c’est une manie insupportable, c’est le comble du ridicule; et cependant combien de personnes, même d’éducation, qui tombent dans ce défaut! Telle Dame ne peut manger de soupe qu’au barley! Tel Monsieur vous prie de lui passer un tumbler pour boire du brandy et de l’eau! Celui-ci vous demande, sans perdre son sérieux, si ces patates (pommes de terre) sont cuites au steam; celui-là si vous avez payé une visite à Monsieur un tel, etc. (Bouchard 2012, 131).
Auch Etienne Parent nimmt eigenständige Entwicklungen des Québecer Französischen wahr, wenn er bei Maguire kritisiert, eine enge Norm bezüglich einzelner Wörter und Gebrauchsweisen vorzugeben, die an der Realität vorbeigehen:
Manchonnier – Ce mot ne se trouve pas dans les dictionnaires, dit l’auteur. La raison en est sans doute que les faiseurs de dictionnaires en France n’ont jamais besoin de manchons; sans cela, ils auraient senti que les faiseurs de ce précieux article de toilette en Canada, méritait bien un nom particulier. Nous demandons droit de bourgeoisie pour le mot manchonnier…,
um schließlich zu fordern: „chaque pays doit avoir droit de création“. Aber davon, eine Norm des Québecer Französischen zu postulieren, sind die sprachbewussten Gelehrten der Zeit noch weit entfernt. Das Gefühl einer sprachlichen Fremdbestimmung, wie es durch den historisch-politischen Kontext und die Sprachdiskussion aus der Mitte des 19. Jh. deutlich wird, sollte sich in den folgenden Jahren zu einer sprachlichen Unsicherheit ausweiten und dann zu der Gegenreaktion eines bewussten Gebrauchs diatopischer Merkmale des Französischen in Québec führen (Bouchard 2012, 155ff.).
4.3 Die Société du parler français au Canada
Die Sichtweise auf das Französische hatte sich durch die Gründung der Société du parler français au Canada (SPFC) im Jahr 1902 deutlich verändert. Diese Institution zur Spracherforschung und -beratung (s. Mercier 2002) erkannte bereits eine eigene Sprachform des Französischen in Kanada an, welche die Grundlage der Gemeinschaft der Frankokanadier bildete, aber dennoch zu perfektionieren wäre. Daher war es ihr Ziel, diese sprachliche Varietät zu erforschen, zu erhalten und auszubauen:
La Société a pour objet l’étude, la conservation et le perfectionnement du parler français au Canada.14
Die Société gab dazu seit ihrer Gründung die Zeitschrift Bulletin du parler français au Canada heraus, welche sich ganz gezielt der Reinigung des Französischen von Fehlern in der Sprachverwendung widmete, also eine veränderte Sprachnorm ansetzen sollte, an der sich ein „gutes“ Französisch in Kanada auszurichten hatte. Ganz praktisch galt es, Archaismen, Neologismen, Lehnwörter oder falsch gebildete Wörter, die sog. „mots déformés“, festzustellen, um eine Norm der frankokanadischen Sprache angeben zu können, wenngleich als Ziel nur die Durchführung einer Studie angegeben wird:
Le premier objet de cette publication est l’épuration de notre langage et nous aurons soin d’y insérer surtout des travaux assortis à ce dessein, des études pratiques et à la portée de tous. […] À côté des articles dont l’objet sera proprement le relèvement de nos fautes de langage, le Bulletin accueillera aussi des communications d’un caractère moins sévère, qui pourront en faire la lecture plus attrayante. […] (Hervorhebung EE).
Sans s’engager dans la voie des considérations philologiques, on pourra encore contribuer à l’étude de la langue populaire; de simples relevés de mots anciens, nouveaux, étrangers, ou déformés, présenteront souvent un réel intérêt et permettront à la Société de faire une étude plus complète du parler de France au Canada.15
In einer dominant englischsprachigen Umgebung wurde das Französische in großer Gefahr gesehen, v.a. durch eine starke Beeinflussung und Assimilierung im Arbeitsleben, Handel und in der Industrie, aber auch in der Literatur, vor der es die Sprache zu schützen galt, wie es das Programm der Société angab:
1° L’étude de la philologie française, et particulièrement l’étude de la langue française au Canada dans son histoire, son caractère et ses conditions d’existence;
2° L’examen des dangers qui menacent le parler français au Canada: influence du milieu, contact habituel et nécessaire avec des idiomes étrangers, déformation graduelle du langage populaire laissé à lui-même, tendances décadentes de la langue dans la littérature, le commerce et l’industrie modernes, et goût trop prononcé pour quelques formes vieillies;
3° La recherche des meilleurs moyens de défendre la langue de ces dangers divers, de lui restituer ce qu’elle a perdu, et de restaurer ses expressions déjà déformées, tout en lui conservant son caractère particulier;
4° Les œuvres propres à faire du parler français au Canada un langage qui réponde à la fois au progrès naturel de l’idiome et au respect de la tradition, aux exigences de conditions sociales nouvelles et au génie de la langue française;
5° La publication et la propagande d’ouvrages, d’études et de bulletins assortis à ce dessein (Marcotte 1902–03, 3).
Trotz der angestrebten Reinigung der Sprache sollte der ihr eigene Charakter erhalten werden („tout en lui conservant son caractère particulier“). Diese zwei Ziele sind jedoch kaum miteinander vereinbar. Gerade auch durch die Absicht, das Französische für die Benennung neuer Gegebenheiten auszubauen und die Sprache gemäß der ihr eigenen Sprachregeln („génie“) weiterzuentwickeln, würde der spezifische Charakter des Québecer Französischen verändert und könnte daher nicht erhalten bleiben.
Im folgenden Jahr 1903 wurde die Zielsetzung abgemildert, indem in Form einer Präambel in dreierlei Hinsicht der Charakter der SPFC bestimmt wurde: 1) als friedfertiges Unterfangen, welches den Staat und die geltenden Sprachgesetze respektiert, 2) als Beitrag zu einer Stärkung der nationalen und kulturellen Identität und 3) als Aufruf an die Mitbürger zur Stärkung des Sprachbewusstseins und der Sprachpflege:
1° Œuvre pacifique, la Société évite toute discussion acrimonieuse et se borne à revendiquer les droits que notre loi reconnaît à la langue française. Sans tenter de proscrire l’usage d’aucun autre idiome, elle veut entretenir chez les Canadiens-Français le culte de la langue maternelle, les engager à conserver pur de tout alliage, à défendre de toute corruption, le parler de leurs ancêtres.
2° Œuvre nationale, elle en appelle à tous ceux qui ont à cœur le maintien de la nationalité canadienne-française avec sa foi, sa langue et ses traditions.
3° Œuvre populaire, elle s’adresse à tous les Canadiens-Français, quel que soit leur état, et en quelque partie du pays qu’ils demeurent, qui croient que la langue, gardienne de la foi et des mœurs, remplit mieux son rôle quand elle est saine et en tout conforme à son génie.
Es sollten nun diejenigen Dialektalismen bewahrt werden, die der Tradition und der „Sprachnatur“ entsprachen, wie auch immer diese zu erkennen war:
le relèvement et l’examen des formes archaïques et dialectales du parler populaire canadien-français, et la conservation de celles qui répondent à la fois au développement naturel de l’idiome et au respect de la tradition (Marcotte 1903–04, 10) (Hervorhebung EE).
Die Provinzialismen und Archaismen wurden nun auch von Mitgliedern der Société als legitim angesehen, da sie zur frankokanadischen Tradition und eben nicht zur anglokanadischen zählten. Durch die Arbeit der Société änderte sich die Bewertung des Französischen in Kanada, da es nun als legitimer Ausdruck des frankokanadischen Volks und seiner Geschichte angesehen wurde. Die französischsprachige Gesellschaft wurde immer stärker als nationale Einheit empfunden, deren Identität sich durch die ihr eigene Sprache ausdrückte und nicht durch das akademische Französisch aus Paris, wie es vorher der Fall war. Mit dieser Haltung arbeitete die SPFC an einer Kodifizierung des Französischen in Kanada, publizierte 1930 nach Jahrzehnten intensiver Studien das Glossaire du parler français au Canada und organisierte drei Sprachkongresse (Congrès de la langue française au Canada, 1912, 1937 und 1952). Anthologien zu volkstümlichen Traditionen wurden verfasst, um dieser Sprachvarietät eine Legitimität zu verleihen, so dass der Wunsch nach einer anerkannten eigenständigen Sprachvarietät bzw. Sprache in Kanada wuchs.
Die Société hat mit ihren Veröffentlichungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Sprachberatung in Québec beigetragen und mit ihrer Sprachkritik auch die Normdiskussion bereichert. Durch die sprachpflegerischen Aktivitäten der Société hat sich bei den Intellektuellen der Zeit so ein gewisses Bewusstsein für eine Norm des Québecer Französischen herauskristallisiert, das von der Pariser Norm emanzipiert und Grundlage für eine eigenständige, freie Entwicklung sein kann. Diese Sichtweise kontrastiert allerdings mit dem Gefühl sprachlicher Unsicherheit und Fremdbestimmung, wie es seit Mitte des 19. Jh. in Québec herrscht und nach Ansicht von Bouchard bis heute die Debatte um den Status des Québecer Französischen bestimmt.
5 Sprachberatung und Sprachkritik in Québec heute
Für die aktuelle Sprachbewertung kann eine Unsicherheit nur noch teilweise erkannt werden (vgl. Heyder 2012, 161). Eine Schwierigkeit bleibt dabei, dass die starre Norm des Französischen in Frankreich und das große Normbewusstsein der Franzosen zu einer generellen Ablehnung der sprachlichen Variation und der Varietäten, die von der Pariser Norm abweichen, führen. Aber auch in Frankreich führen Vertreter sprachlicher Varietäten eine Bewegung hin zur Anerkennung an, die zu neuen Bewertungen führt, wenngleich die sprachliche Realität nur wenig verändert werden kann (vgl. die Bemühungen zur Anerkennung des Bretonischen oder des Pikardischen/Ch’ti, s. Eggert 2015, Eggert 2017). Auch in Québec gibt es auf verschiedenen Ebenen Bemühungen, eine eigene Norm des Français québécois zu etablieren.16 Da nicht alle aktuellen Diskussionen zur Steigerung des Stellenwerts der frankokanadischen Varietäten dargestellt werden können, soll exemplarisch die Tendenz der Sprachkritik anhand der Verlautbarungen der staatlichen Institution des OQLF aufgezeigt werden.
5.1 Der Office québécois de la langue française (OQLF)
Der Office québécois de la langue française ist die bedeutendste sprachpolitische Institution in Québec, der nach der Charte de la langue française (1977) im Art. 159 das übergeordnete Ziel einer Französierung der Verwaltung und der Geschäftswelt übertragen worden ist, s. auch Art. 161:
l’Office veille à ce que le français soit la langue normale et habituelle du travail, des communications, du commerce et des affaires dans l’Administration et les entreprises. Il peut prendre toute mesure appropriée pour assurer la promotion du français (Publications du Québec (2016): Charte de la langue française, legisquebec.gouv.qc.ca/fr/ShowDoc/cs/C-11#se:161, 08.07.2016).
Der OQLF vollzieht somit die Sprachberatung in Québec und veröffentlicht diesbezüglich Dokumente, welche grundlegende Orientierungslinien für die von ihm ausgesprochene Referenznorm ausgeben und den Status der von ihm verwendeten Quebecismen angeben. Das politische Manifest Politique de l'officialisation linguistique von 2004 beschreibt das strategische Ziel, auf dem die Terminologiearbeit des OQLF beruht. Der Office québécois de la langue française definiert die Offizialisierung (der Terminus wird Normierung vorgezogen) im Rahmen einer Sprachpflege (aménagement de la langue) folgendermaßen:
L’officialisation linguistique est une stratégie d’intervention par laquelle un organisme mandaté par l’État se prononce officiellement sur des usages linguistiques qu’il veut promouvoir (OQLF 2004, 4).
Diese Offizialisierung erfolgt dabei sowohl durch Empfehlungen (recommandations), die einen Sprachgebrauch gutheißen, aber nicht für öffentliche Stellen verpflichtend machen, als auch durch Normalisierung (normalisation), welche den öffentlichen Behörden, staatlichen Institutionen und Bildungseinrichtungen in bestimmten Kommunikationssituationen einen Sprachgebrauch vorschreibt und so sanktioniert. Daneben kann der OQLF auch einen Vorschlag (proposition) unmittelbar an die Bürger richten:
Les procédures de recommandation et de normalisation prévues par la Charte de la langue française, tout comme la proposition, concernent l’élaboration d’une norme de référence sur laquelle les locuteurs d’une langue se fondent, particulièrement dans les situations officielles de communication (OQLF 2004, 4, jeweils Hervorhebung EE).
Ziel ihrer sprachberatenden Aktivitäten ist die offizielle Sprachverwendung, für die zur Orientierung eine Norm erklärt wird, aber nicht der private, persönliche oder mediale Sprachgebrauch. Daher wird auch klar abgelehnt, dass eine Norm die Variation und die Varietätenvielfalt in der Sprache beeinträchtigen oder die Sprachentwicklung behindern soll. Das Französische in Québec sei ein Teil der allgemeinen Standardsprache (OQLF 2004, 7). Das OQLF beschreibt die Standardsprache als mehrere Varietäten umgreifenden Komplex, der ausdrücklich auch regionale Varianten (daher auch Varietäten) umfasst und daher sehr diversifiziert ist. Greifbar werde sie in lexikographischen, terminologischen oder grammatischen Werken, nur sozial niedrig markierte Varianten seien von der Standardsprache ausgeschlossen.
Die Diversität ist Kennzeichen aller Varietäten, doch soll die Standardisierung die Sprecher leiten, indem für die Vorgaben einer modernen Kommunikation eine Referenznorm für den öffentlichen und offiziellen Sprachgebrauch angeboten wird:
à répondre aux impératifs de la communication moderne en proposant une norme de référence pour les usages publics et officiels du langage (OQLF 2004, 8).
Der Einfluss auf die tatsächliche Sprachverwendung (l’implantation) bleibt dabei für den OQLF eine Herausforderung, gerade bei bestehenden, konkurrierend gebrauchten Termini, denn oft werden empfohlene Wörter nicht verwendet. Dass diese konkurrierenden Benennungen in der Gesellschaft diskutiert werden, um eine höhere Annahme der Wortempfehlungen zu erzielen, scheint nicht anvisiert zu werden, denn das Mandat für die Vorschläge der offiziellen Termini habe das 2002 gegründete Comité d’officialisation linguistique, bestehend aus fünf Mitgliedern, die vom OQLF ernannt werden. Diese arbeiten auf Anfragen der Verwaltung oder von Berufsverbänden, nicht aber auf Anfragen aus der Bevölkerung. Fragen der Aussprache, die v.a. relevant für die Wahrnehmung des français québécois sind, werden ebenfalls nicht angesprochen und auch nicht diskutiert.
Mit dem Comité d’officialisation linguistique hat der OQLF eine neue Institution zur Sprachberatung des Québecer Französischen auf der Grundlage einer internen Norm und Sprachkritik geschaffen. Übergeordnetes Ziel bleibt für den OQLF jedoch die sprachliche Korrektheit im offiziellen Gebrauch, die maîtrise de la langue officielle. Allerdings ist neuerdings ein Wandel im Selbstverständnis des OQLF zu erkennen, der im neuesten Plan stratégique 2013–2016 anhand der sich wandelnden Ziele abgelesen werden kann, im Vergleich zur Angabe der Mission in der Charte de la langue française, die zuletzt 2002 modifiziert worden ist. Das Ziel der Sprachberatung und Sprachpflege ist von dem einer üblichen (habituelle) zu dem einer lebendigen Sprache (vitalité) übergegangen:
2002: veiller à ce que le français soit la langue normale et habituelle du travail (www.oqlf.gouv.qc.ca/office/mission.html, 08.07.2016, Hervorhebung EE).
2014: Ancré dans une société en constante évolution, l’Office est une organisation performante qui contribue à assurer la vitalité et la qualité du français dans les milieux de travail et l’espace public québécois (OQLF 2014, 9, Hervorhebung EE).
Der Generaldirektor des OQLF Robert Vézina betont in dem Plan stratégique die Rolle der Sprache als Mittel zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts:
La langue étant un vecteur important de cohésion sociale, les engagements contenus dans ce plan contribueront assurément au développement du plein potentiel du Québec (OQLF 2014, 5, Hervorhebung EE).
Auch in Bezug auf das Ziel der Toponymiekommission kann ein verändertes Sprachkonzept ausgemacht werden, von der Präsenz des Französischen und einer korrekten Benennung in der Mission der Commsission de terminologie der Charte von 1977 hin zu einem symbolisch aufgeladenen Einsatz französischer Namen zum Anzeigen des historischen Kulturguts:
1977: s’assurer que le territoire du Québec est nommé avec justesse et qu’il met en valeur le visage français du Québec (www.toponymie.gouv.qc.ca/ct/a-propos-commission/mission-mandat/, 08.07.2016, Hervorhebung EE).
2014: un territoire bien nommé, pour permettre le déplacement efficace des biens et des personnes, et des noms de lieux évocateurs, pour témoigner des différents patrimoines culturels de la société québécoise (OQLF 2014, 9, Hervorhebung EE).
So hat sich das Ziel der Sprachberatung des OQLF im Jahr 2014 deutlich modernisiert und sich einer stärker politischen und sprachpflegerischen Haltung im Kontext einer sozialen Ausrichtung verschrieben, welche die einzelnen regionalen Ausprägungen des Québecer Französisch zu fördern sucht.
5.2 Die symbolische Verwendung des Québécois als regionaler Marker
Dieser Wandel reflektiert die veränderte Einstellung zur Sprache und zu regionalen Merkmalen einer Sprache, wie sie auch in anderen metasprachlichen Manifestationen zu erkennen ist, die das Québécois als Ausdruck der regionalen Identität aufgreifen. Die Sprache wird zunehmend als Identitätsmerkmal für die Sprecher gesehen, das unabhängig von der Sprachkompetenz anzeigen soll, dass eine regionale Verbundenheit besteht. Dieser Stolz auf die eigenen Charakteristika wird auch Fremden und Besuchern dadurch mitgeteilt, dass diese die spezifischen sprachlichen Merkmale (Aussprache, Wörter, Wendungen) zum besseren Verständnis lernen und verwenden können, gerade auch wenn sie nicht aus der Region stammen. So soll zu einem Verständnis mit alloglotten Personen nicht auf eine überregionale Sprache wie Englisch, aber auch nicht auf eine anerkannte überregionale Normvarietät wie das europäische Französisch zurückgegriffen werden. Publikationen wie die folgenden zeigen den Anstieg des symbolischen Werts dieser Varietät und ihres Gebrauchs: Gazaille/Guévin (2009): Le parler québécois pour les nuls; Guévin/Gazaille (2011): Les 1000 mots indispensables en québécois; Scheunemann (2015): Québécois Slang. Das Französische Kanadas. In diesen Werken wird das Französische in Québec eher als Widerhall der Identität, der Geschichte und damit auch als emotionale Verbindung dargestellt denn als globales Kommunikationsmittel:
un français qui est avant tout l’âme d’un peuple épris de paroles et de causeries (Yannick Resch in: Gazaille/Guévin 2009, XIII).
Die Autoren Gazaille und Guévin weisen darauf hin, dass es um sprachliche Varianten des Französischen geht, also nicht um eine eigene Sprache und auch nicht um eine eigene Norm. Diese Varianten gehören zur gesprochenen Sprache und sind damit eben von einer schriftlichen Norm ausgenommen:
Il ne s’agit donc pas d’apprendre une nouvelle langue, mais bien de mettre l’accent sur les différences dans l’usage de la langue au quotidien, principalement dans sa forme orale (Gazaille/Guévin 2009, 1).
Der Titel von Scheunemann (2015) ordnet das Québecer Französisch als Slang, also als diastratisch-diaphasisch stark markierte Gruppensprache ein. Auch sie betont die Besonderheit als gesprochene Varietät ohne Norm:
Da das Québécois und das kanadische Alltags-Französisch eher gesprochen als geschrieben werden und es für deren Schreibung keine festen Standards gibt, wird man sehr wahrscheinlich immer wieder auf unterschiedliche Schreibweisen stoßen (Scheunemann 2015, 10).
Ein weiteres Mittel zur Sprachkritik und auch zur Sprachberatung der Québecer Bevölkerung (oder auch für Reisende) sind die Wörterbücher des Französischen. Speziell für die frankokanadische Varietät ist das elektronische Wörterbuch Usito entwickelt worden, in dem die Besonderheit des Französischen in Kanada vor der Folie des Französischen in Europa gesehen wird. Aber der Ausgangspunkt ist nicht eine Pariser Norm, zu der einzelne Kanadismen als Abweichung dargestellt werden, sondern es geht von dem Sprachgebrauch in Québec unter Berücksichtigung aller spezifisch nordamerikanischen kulturellen Konzepte aus, zu dem es divergierende Gebrauchsweisen in Europa und der weiteren Frankophonie gebe:
Pour combler les lacunes des dictionnaires français
La langue française dispose déjà de dictionnaires généraux, notamment grâce à de grandes maisons d’édition françaises. Ces ouvrages sont cependant conçus pour un public francophone européen, notamment le public français. Leur description de la langue est donc principalement basée sur l’usage européen du français. Quant à la description complémentaire qu’ils donnent du monde auquel cette langue fait référence et des valeurs culturelles qui lui sont associées, là encore, elle est très largement centrée sur la France et sur le contexte européen.
Usito est né du désir de combler les lacunes de ces dictionnaires européens, notamment en ce qui a trait :
1 à la description du français en usage au Québec et en Amérique du Nord, et plus particulièrement de son registre standard;
2 à la description du contexte québécois et de l’environnement nord-américain;
3 et à la mise en valeur de la culture francophone québécoise et nord-américaine.17
Das Wörterbuch Usito ist damit ein Manifest für eine kulturelle Eigenständigkeit des Französischen in Québec und Kanada, wenngleich es noch keine Québecer Norm aufzeigen kann.18
Ähnliche Projekte verdeutlichen die Bestrebungen, für den Kulturraum Québec eine angemessene sprachliche Repräsentation zu erreichen, welche alle Bezeichnungen für Erscheinungen der Natur und der gesellschaftlichen Kultur erfassen soll. Das Projekt Wikébec eines Wörterbuchs zum aktuellen Französischen in Québec zeigt z.B. dieses gestiegene Interesse an sprachlichen Regionalismen auf:
Wikébec est un dictionnaire participatif du Français Québécois, ne contenant que les termes spécifiques au Québec, toujours utilisés aujourd'hui.
Wikébec est un nouveau dictionnaire du Français Québécois. Il est conçu en considérant les deux principes suivants:
Wikébec ne contient que des termes vivants, qui sont encore utilisés aujourd'hui.
La langue appartient à la population : à elle de définir ce que doit contenir Wikébec19 (Hervorhebung EE).
Die partizipative Form des kollaborativen Verfassens im Internet ist sicherlich geeignet, eine Menge an spezifischen Gebrauchsweisen und Lokalismen zusammenzutragen, doch auch dieses Projekt legt nicht den Fokus auf eine Normvarietät des Québécois und ist damit weniger für den offiziellen Sprachgebrauch gedacht als für den öffentlichen Nähebereich der Sprache.
6 Konklusion
Die Sprachkritik in Québec hat von der Durchsetzung des Französischen im 19. Jh. bis heute eine weite Entwicklung durchlaufen, die nur in Ansätzen erfasst werden konnte. Nachdem im 19. Jh. ein Bewusstsein für die Besonderheit des Québecer Französisch entstanden war, das allerdings in Kontrast zum europäischen Französisch stand und sich daher noch nicht dagegen behaupten konnte, musste in den folgenden Jahrzehnten diskutiert werden, welche Merkmale repräsentativ waren und welchen Stellenwert diese Merkmale erhalten sollten. Einen wichtigen Beitrag dazu lieferte die Société du parler français au Canada. Überlagert wurde die anhaltende Normdiskussion vom allgemeinen Prozess der Französierung im Kampf gegen den Gebrauch des Englischen. Heute steht das Französische zwar noch in einzelnen Bereichen in einer starken Konkurrenzsituation mit dem Englischen, sein Gebrauch wird aber seit der Offizialisierungspolitik nicht mehr als Kommunikationsmittel in Québec in Frage gestellt.
Für das Prestige des Französischen, um das es bei der Sprachkritik geht, müssen zwei Ebenen differenziert betrachtet werden. Die eine betrifft den offiziellen Sprachgebrauch, der sich gegenüber dem Englischen als Amts- und Wirtschaftssprache behauptet und für den ein hoher Qualitätsanspruch gilt. Dieser wird auch heute noch stark von der Norm des Schriftstandards, wie er in Frankreich hochgehalten wird, geprägt, nur werden zunehmend auch diatopische Merkmale aus Québec für diesen Bereich akzeptiert. Die andere Ebene betrifft den vornehmlich mündlichen Sprachgebrauch im Alltag, für den eine engere emotionale Beziehung zum Französischen besteht und nicht die Korrektheit ein Qualitätskriterium ist, sondern das, was der Sprecher in der Gesellschaft gleichzeitig mit seiner Aussage sprachlich ausdrücken möchte, d.h. wie er gesellschaftlich angesehen werden möchte. Für diesen Bereich gilt die Devise, eine größere Emanzipation des Französischen in seiner Québecer Varietät zu erreichen und sich somit innerhalb der Frankophonie mit dem Québécois gegenüber einem europäisch geprägten Französisch zu behaupten, da jene Varietät keinen symbolischen Wert für die Sprecher in Québec beinhaltet. Die an vielen Stellen beobachtbare starke Behauptung der regionalen Identität innerhalb einer globalen Wahrnehmung führt auch in Québec dazu, dass „le Québécois“ als markantestes Kennzeichen einer Québecer Identität bewusst in die Öffentlichkeit getragen wird, um dessen Stellenwert (z.B. als Norm) mit seinen spezifischen Merkmalen zu diskutieren. Die bislang vielfach angeführte insécurité linguistique scheint nicht mehr entscheidend, denn es geht den Québecern im alltäglichen Sprachgebrauch nicht um eine hohe Sprachkompetenz oder eine sprachliche Korrektheit im Hinblick auf eine (endogene oder exogene) Norm, sondern um die Behauptung ihrer regionalen bzw. nationalen Zugehörigkeit. Wichtig ist den Sprechern in Québec ihre eigene Identität als identité québécoise, die sie mit ihrem Akzent, also v.a. ihrer Aussprache assoziieren (Heyder 2012, 158). Dazu gehört auch die Annahme von Anglizismen, die typisch für das Québecer Französisch sind, obwohl sie dem Normempfinden des OQLF widersprechen. So ist eine immer stärkere symbolische Aufladung des Québécois zu beobachten: Es geht in vielen Situationen bei dieser Sprachverwendung nicht um die sprachliche Übermittlung eines Inhalts, sondern um eine Manifestation der Regionalität. Dabei ist die sprachliche Realisierung in sehr formellen Situationen eine andere, nämlich die Pariser Norm des Französischen, so auch die Ergebnisse von Heyder (2012, 153). Also müsste auch das OQLF zwei Arten der Norm unterscheiden: eine formell-offizielle und eine (heterogenere) informelle Norm.20
Für erstere gilt größtenteils die Pariser Norm, die jedoch durch hochfrequente und akzeptierte Quebecismen erweitert wird, und für die zweite sind verstärkt die spezifischeren Ausprägungen der regionalen Varietäten des Québécois („les formes spécifiques qui s’écartent d’une certaine norme de référence“, Dostie/Hadermann 2015, 9) relevant. In diese Richtung scheint auch die Modernisierung des Ziels der Sprachberatung von 2014 zu gehen. Neuere Forschungen zur Varietät greifen diese unterschiedlichen Ebenen bereits auf, wenn sie die „régularités observées dans la distribution des variantes à travers les variétés considérées“ (Dostie/Hadermann 2015, 11) untersuchen. Insofern wird anhand der Sprachkritik und für die Sprachberatung in Zukunft aufzuzeigen sein, für welche Bereiche spezifische Normvorstellungen aufgegriffen und durchgesetzt werden.
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Eine frankokanadische Norm – Chancen und Grenzen
Edith Szlezák (Regensburg)
Aufgrund der historischen Gegebenheiten, die den Konflikt zwischen Frankophonen und Anglophonen bedingen, war die Situation der kanadischen Varietäten des Französischen schon immer sehr komplex. Doch nicht nur die Dominanz des Englischen in Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika, sondern auch die Diversität der nordamerikanischen Frankophonie sowie die in erster Linie auf dem colonial lag basierende mangelnde Akzeptanz durch das Mutterland Frankreich stellen den Status des Französischen in Nordamerika vor ständige Herausforderungen. Ohne eine eigene Norm scheinen die Frankophonen, deren Zahl in einigen Provinzen und Territorien Kanadas in den letzten Jahren merklich zurückgegangen ist, diesen auf Dauer kaum gewachsen. Welchen Hürden sich die Versuche der Etablierung einer solchen Norm gegenüber sehen, soll im Folgenden dargestellt werden.
1 Historischer Abriss der sprachlichen Situation im frankophonen Kanada
Nachdem sich die Frankophonie fast 200 Jahre lang in Nordamerika etablieren konnte – Jacques Cartier nahm die Nouvelle France 1534 für François I in Besitz –, kommt es im 18. Jahrhundert zur politischen und auch sprachlichen Abspaltung vom Mutterland. Zunächst verliert Frankreich mit dem Frieden von Utrecht 1713 nach dem Spanischen Erbfolgekrieg die Akadie an die Briten, 1763 auch den Rest der Nouvelle France. Vor die Wahl gestellt, entscheidet sich Frankreich nach der Niederlage im Siebenjährigen Krieg wegen des Zuckerrohranbaus für die Kolonie Guadeloupe und gegen die Nouvelle France, und so wird denn auch der Vertrag von Paris „von den Quebeckern als ‚Verrat von Paris‘“ (Wolf 1992, 522) bezeichnet: „[La France] nous a cédé sans remords à l’Angleterre“ (Tardivel in Wolf 2009, 25). Das markiert den Beginn einer problembehafteten Beziehung zwischen ehemaliger Kolonie und Mutterland. Schon 1753 hatte Voltaire Kanada als „pays couvert de neiges et glaces huit mois de l’année, habitée par des barbares, des ours et des castors“ (Essai sur les moeurs et l’esprit des nations, chapitre CLI) beschrieben. Während des Siebenjährigen Krieges beklagt er mehrfach den Einsatz Frankreichs: „On plaint ce pauvre genre humain qui s’égorge dans notre continent à propos de quelques arpents de glace en Canada“ (1757, Lettre à M. de Moncrif); „[…] j’aime mieux la paix que le Canada, et je crois que la France peut être heureuse sans Québec“ (1762, Lettre à Gabriel de Choiseul). Die Zuwanderung aus Frankreich reißt 1763 denn auch schlagartig ab, und die kanadische Frankophonie bleibt sich selbst überlassen. Nach dem Act of Union 1840, mit dem Englisch zur einigen offiziellen Sprache wurde, versuchen es die Quebecker zunächst mit der „revanche des berceaux“ – um die 10 Kinder pro Familie –, doch die (vorübergehende) zahlenmäßige Überlegenheit der Frankophonen kann gegen die wirtschaftliche und politische Dominanz der Anglophonen nur wenig ausrichten. Mit der Gründung des modernen Kanada 1867 wird die Zweisprachigkeit zwar offiziell anerkannt, die kanadische Frankophonie bleibt jedoch geprägt vom Kampf gegen die Anglophonen und vom Bruch mit dem Mutterland. Im kollektiven Gedächtnis ist man von Frankreich im Stich gelassen worden, allein gegen eine anglophone Übermacht, was explizit in „Je me souviens“ ausgedrückt ist, 1883 geprägt und seit 1939 offizielle Devise Quebecs. Sprachlich gesehen ist Quebec wie auch andere Regionen der Frankophonie von einem sprachlichen Minderwertigkeitskomplex geprägt, der im „Spannungsverhältnis zwischen dem als perfekt angesehenen Französisch Frankreichs und der eigenen, als mangelhaft empfundenen Sprachqualität“ (Wolf 1992, 523) begründet liegt. Die Wende bringt erst die Révolution tranquille der 60er und 70er Jahre, im Zuge derer sich Quebec auf seine eigene Geschichte, Kultur und Identität besinnt – „ein Emanzipationsprozess, der für das Selbstverständnis vieler Québécois einschneidend war“ (Neumann-Holzschuh 1995, 202), nicht zuletzt deshalb, weil er auch und gerade den sprachlichen Bereich betrifft:
Related to the linguistic nationalism that accompanied the Quiet Revolution of the 60s, Standard Québécois Français (a prestige variety) began to entrench itself. This movement was related to the parallel emergence of a young Québécois middle class which emerged from its traditional domination by the Catholic Church, became a confident, outward-looking society and began to compete with its Anglophone peers for control of the province’s commercial and industrial sectors. It was felt that a standard French would aid in this enterprise […] (Conrick/Regan 2007, 144).
Die Bewegung in Quebec erfasst auch andere frankophone Regionen Kanadas, insbesondere die Akadie. 1963 wird die französische Université de Moncton in Nouveau-Brunswick gegründet, 1968 in Neuschottland die FANE, die Fédération acadienne de la Nouvelle-Écosse, „dans le but de relier entre elles les régions acadiennes dispersées de la Nouvelle-Écosse et de leur donner une organisation au niveau provincial“ (Hennemann 2014,105). 1969 erfolgt mit der Loi sur les langues officielles die Anerkennung des Französischen durch die kanadische Regierung, New Brunswick setzt die Zweisprachigkeit im selben Jahr auch auf Provinzebene durch (wobei die vollständige Umsetzung des Gesetzes erst innerhalb der folgenden acht Jahre erfolgt; vgl. Boudreau/Dubois 2001, 42), und 1977 erreicht die Parti québécois unter René Levesque mit der Loi 101, der Charte de la langue francaise, die französische Einsprachigkeit für Quebec, allerdings mit bisweilen etwas seltsam anmutenden Auswüchsen. Nicht nur müssen innerhalb von 10 Jahren alle Verkehrsschilder einsprachig französisch sein – das berühmteste Beispiel ist wohl der Ersatz von „Stop“ durch „Arrêt“ ungeachtet der Tatsache, dass es das Wort „stop“ im Französischen gibt und es von Linguisten als „französischer“ als „arrêt“ eingestuft wird –, auch in der Arbeitswelt kommt es zu massiven Konflikten. So klagt beispielsweise die Familie einer verstorbenen Patientin 1983 gegen ein Krankenhaus, weil die Patientin dort nicht zu 100 % auf Französisch betreut worden sei. Sie habe nicht „auf französisch sterben“ können. Künftig werden Arbeitnehmer im öffentlichen und halböffentlichen Bereich einem Französischtest unterzogen, was nicht zuletzt zu einem Exodus der Anglophonen führt: in nur fünf Jahren verlassen 113.000 von ihnen Quebec.1 1984 modifiziert der Oberste Gerichtshof das Gesetz zwar, die Fronten scheinen jedoch verhärtet, denn es ist abgesehen von der wirtschaftlichen Dominanz des anglophonen Teils Kanadas eben in erster Linie der englische Einfluss auf die französische Sprache und Kultur, der als Bedrohung empfunden wird (vgl. Maurais 1993, 84ff.). Und so werden die Unabhängigkeitsbestrebungen immer konkreter: 1980 kommt es zum ersten, 1995 dann zum zweiten Unabhängigkeitsreferendum. Beide scheitern zwar (knapp), es wächst sich aber ungeachtet dessen in Quebec zunehmend ein solides Selbstbewusstsein im Hinblick auf die Sonderstellung der frankophonen Minderheit in Nordamerika aus, die auch vom anglophonen Kanada als solche wahrgenommen und 2006 durch die konservative Harper-Regierung offiziell bestätigt wird: „This House recognizes that the Québécois form a nation within a united Canada“.2 Darauf basierend werden die Bestrebungen, eine genuin frankokanadische Norm zu fixieren, die dem Monozentrismus Frankreichs etwas entgegenzusetzen hat, verstärkt vorangetrieben. Die Quebecker wollen endlich wie von Levesque propagiert „maîtres chez eux“ sein, wenn schon politisch als Provinz nur eingeschränkt, dann wenigstens in sprachlicher und kultureller Hinsicht.
2 Die heutige sprachliche Situation
Die kanadische Frankophonie stellt sich laut Conférence ministerielle sur la francophonie canadienne, einem „organisme intergouvernemental fondé en 1994, [qui] regroupe les ministres fédéral, provinciaux et territoriaux responsables de la francophonie canadienne“3 auf der Jahrestagung 2015 basierend auf den Daten des Zensus von 2006 (!) folgendermaßen dar:

Tab. 1: cf. Statistics Canada: http://www.cmfc-mccf.ca/statistical-profiles, 2006 Census.
Dabei sind vor allem die Angaben zu „French as a first language“ interessant, da die Daten im Zensus auf Eigenauskunft basieren und Sprechfertigkeit als solche sowohl überschätzt werden kann als auch keine Auskunft über die Sprechfrequenz gibt. Ist eine Sprache Muttersprache, sind das Niveau der Sprachbeherrschung sowie die Gebrauchshäufigkeit zumindest höher einzuschätzen. Die wichtigsten Provinzen in Bezug auf die Frankophonie sind Quebec, wo 87 % der Bevölkerung Französisch als Muttersprache angeben, was 86 % der kanadischen Frankophonen ausmacht, Nouveau-Brunswick, wo fast 33 % der Bevölkerung französische Muttersprachler sind, was dann allerdings im gesamtkanadischen Kontext nur etwas mehr als 3 % ausmacht, und Ontario mit fast 5 % französischen Muttersprachlern, immerhin 7,7 % der muttersprachlichen Frankophonen Kanadas. Aus den obigen Zahlen geht also eine klare Konzentration der kanadischen Frankophonie auf die Provinz Quebec hervor, gefolgt von Ontario und Nouveau-Brunswick. Gruppiert man diese Daten nach Varietätengebieten, so ergibt sich für die Varietäten des français acadien unter Zusammenzählung aller provinces maritimes (le Nouveau-Brunswick, la Nouvelle-Écosse, l’Île-du-Prince-Édouard) und Terre-Neuve-et-Labrador ein Prozentsatz von knapp 4, für das français québécois dagegen einer von ca. 96 (wobei in diesem Kontext aufgrund der niedrigen Sprecherzahlen vernachlässigt werden soll, dass es auch in Quebec Sprecher des français acadien gibt und ebenso, dass die sprachliche Situation im (Nord-)Westen Spezifika aufweist und nicht unbedingt generalisiert unter français québécois verbucht werden kann; vgl. hierzu Papen/Marchand 2006). Auch in Bezug auf die Anzahl der Muttersprachler in den Provinzen selbst dominiert Quebec klar mit mehr als 87 %, gefolgt von Nouveau-Brunswick mit nur knapp 33 %, während es in Ontario nicht einmal 5 % sind. Aus dieser Dominanzposition ergibt sich auch der Anspruch Quebecs, eine frankokanadische Norm zu definieren, was ungeachtet der Sprecherzahlenverteilung für die Frankophonie Nordamerikas nicht unproblematisch sein dürfte: „Le Québec et ses voisins francophones auront besoin les uns des autres pour promouvoir l’avenir du français sur le continent américain“ (Sanders in Schafroth 2009a, 232).
3 Aspekte der Normproblematik im frankophonen Kanada
Nicht nur haben sich die kanadischen Varietäten des Französischen nach der „Conquête anglaise“ unabhängig von denen im Mutterland entwickelt, auch blieb die kanadische Frankophonie unberührt von jeglichen dort erfolgten sprachpolitischen und sprachnormierenden Maßnahmen. Obwohl diese frühe Loslösung von Frankreich und seiner normativen Instanz, der 1635 gegründeten Académie française, sowie die geographische Distanz die Ausbildung einer eigenen Norm begünstigen hätten können, sehen sich die Normierungsbemühungen seit Langem mannigfaltigen Problemen gegenüber.
Zunächst einmal besteht einerseits nach wie vor die Dominanz Frankreichs auf sprachlicher und kultureller Ebene, andererseits die des Englischen aufgrund seiner internationalen Bedeutung sowie seiner medialen Omnipräsenz: „[…] the relationships of Quebec to France, Québécois français (pejoratively called joual, choual) to French français, and francophone Canadians to their anglophone neighbors (from Canada and the United States) have been historically vexed“ (Braziel 2001, 367). Insbesondere die Akadie hat ein schwieriges Verhältnis zu den Anglophonen, was sich immer wieder in der Einschätzung der Acadiens in Bezug auf ihre Rechte und ihre Position gegenüber den Anglophonen zeigt, wie in folgendem Beispiel:
[…] la misère avec les Anglais […] disons, la misère qu’ils nous donnent, surtout puis c’…puis. depuis que les Acadiens existent, je pense, qu'ils ont toujours eu des problèmes avec les Anglais, puis ils en ont encore aujourd’hui, puis c’est pas sur la veille de finir malheureusement, j’ai pas l’impression du moins en vivant dans une province, comme le Nouveau-Brunswick, puis les autres Acadiens qui viennent de la Nouvelle-Écosse, de l’Île-du-Prince-Édouard, ils ont encore moins de droits que nous-autres je pense. Ca fait que…c’est ça qui est le plus dur (Acadienne, 26; Maury/Tessier 1991, 160).
Entsprechend belastet zeigt sich auch das Verhältnis zum Englischen, „langue de prestige et de pouvoir et, en même temps, langue qui symbolise la domination“ (Boudreau/Dubois 2001, 44). Im Fall Frankreichs bleibt einerseits das historische „Im Stich gelassen werden“ des „Verrats von Paris“ (1763) unvergessen, und andererseits die Ressentiments gegen Frankreichs historisch begründete sprachliche wie auch kulturelle Überlegenheit, der Académie française als Normierungsinstitution und dem bon usage-Begriff des Pariser Französisch, dessen internationale Bedeutung außer Frage steht:
La variété […] qui, dans l’état actuel des choses, sert de référence à toute la francophonie et que l’on appelle pour cette raison français de référence […] est parlée par les Parisiens instruits et est considérée comme l’exemple à suivre. Elle est le résultat d’une codification des usages selon l’appréciation de locuteurs appartenant à la bourgeoisie parisienne, appuyée en cela par les élites des autres pays francophones. Cette variété construite a rayonné partout et c’est à son aune qu’on a traditionnellement mesuré la compétence des locuteurs du français, en France et dans le monde (Poirier 2003, 115f.; Hervorhebung durch Autorin).
Die bisher immer noch unangefochtene Stellung des Standardfranzösischen manifestiert sich auch in Kanada selbst: „It is normal that a Francophone Canadian who has learnt English will speak Canadian English, both in terms of accent and vocabulary. But because both the Americans and the British tend to learn what is often called ‘Parisian’ French, there is a certain amount of pressure on the English Canadian to learn ‘Parisian’ French in like fashion” (Hewson 2000, 5). Trotz – oder gerade wegen – dieser Dominanz lehnen viele Quebecker eine Unterordnung unter die aufoktroyierte Norm des als verachtungsvoll empfundenen Mutterlandes ab, und das schon im auslaufenden 19. Jahrhundert: „Si nous sommes restés français, c’est malgré la France encore plus que malgré l’Angleterre“ (Tardivel in Wolf 2009, 25). In den 1930er Jahren unternimmt Frankreich Refranzösisierungskampagnen in Quebec, die aber scheitern und aus denen das insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren sehr häufig gebrauchte Schimpfwort des „maudit Français“ übrig bleibt (cf. Wolf 1992, 523), das immer noch präsent ist, auch in der frankophonen kanadischen Presse (vgl. Meney 2010, 212). Es basiert maßgeblich auf dem sprachlichen Aspekt:
Si les ‚maudits Français’ nous ont toujours fait ‚chier‘, […] c’est que face à notre sentiment d’infériorité par rapport à la langue française, ils avaient beau jeu de nous écraser de grands mots […] qui nous sont complètement étrangers, mais que nous nous sentons obligés de faire nôtres par atavisme […] (Meney 2010, 215).
Quebec und Frankreich scheinen „divisés par une même langue“ (Simard in Wolf 2009, 33), nicht zuletzt basierend auf Mentalitätsdiskrepanzen und unterschiedlichen soziokulturellen Realitäten. Mit der Révolution tranquille und De Gaulles unterstützendem „Vive le Québec libre!“ 1967 schien sich die Situation entspannter darzustellen, wie tief aber der ideologische Graben ist, zeigt Sarkozys unsensibler Auftritt in Quebec 2008, der in der Presse mehrheitlich als Schlag ins Gesicht Quebecs reflektiert wird. Die Libération fasst es unter dem Titel „Sarkozy, du ‚Québec libre‘ au ‚Canada uni‘“ zusammen:
«Le problème pour les souverainistes (indépendantistes)… c’est qu’en un discours on est passé du célèbre "Vive le Québec libre" à "Vive le Canada uni"», notait pour sa part un chroniqueur du quotidien La Presse. Jamais, ajoute le journal, un président français n’aura été aussi clair quant à la place de l’Hexagone dans le «délicat triangle France-Canada-Québec», depuis le «Vive le Québec libre» lancé en 1967 par le général de Gaulle, qui avait donné une impulsion au mouvement indépendantiste québécois et ulcéré le Canada anglais.4
So erstaunt es auch nicht, dass sich im kulturellen und universitären Bereich die Stimmen zugunsten der Bemühungen um eine genuin frankokanadische Norm immer stärker gegen die Befürworter der hexagonalen behaupten können. Interessanterweise bestätigen Ergebnisse von Umfragen zu Sprache und Norm diese Tendenz nicht unbedingt: 2005 sahen fast 80 % der befragten Quebecker eklatante Unterschiede zwischen gesprochenem québécois und dem français de France, eine Mehrheit war aber überzeugt, dass „depuis vingt ans, le français parlé par les Québécois s’est rapproché de celui parlé par les Français“ (Meney 2010, 190). Die Divergenzen im Schriftgebrauch wurden als „minimal“ eingestuft. Entspräche das der Realität, so würde einer Unterordnung unter die hexagonale Norm eigentlich wenig entgegenstehen. Andererseits antworteten über 80 % auf die Frage, ob sie „québécois“ oder „français“ (!) sprächen, mit „québécois“ (vgl. Meney 2010, 189), was im Übrigen für die Mehrheit auch die Präferenzvarietät für eine vereinheitlichte Unterrichtssprache im Schulsystem Quebecs wäre (vgl. Meney 2010, 193). Diese teils paradoxen Umfrageergebnisse scheinen die allgemeine Desorientierung in der Sprachenfrage widerzuspiegeln.
Nun gibt es im Rahmen der Akzeptanz der hexagonalen Norm noch die Option von regionalisierten Normen unter dem Schirm der hexagonalen, Schafroth spricht hierbei von sektoriellen Normen (vgl. 2009b, 56):
[…] la norme du français international (ou plutôt la norme du français de France) serait la norme exogène, ou la supranorme, que les Québécois francophones tentent d‘utiliser dans leurs communications avec les autres communautés francophones. Les locuteurs québécois lui attribueraient consciemment ou inconsciemment un certain prestige et, en conséquence, chercheraient à s’en approcher, sans pourtant réussir complètement. Pour ce qui est du français québécois standard […], il correspond à la norme endogène, ou l’infranorme, entendue comme l’usage réel du standard sur un territoire limité, […], dans une situation bien définie, qui se distingue du non-standard, et qui se montre plus tolérant et plus riche en variantes que le standard exogène, et qui s’observe davantage dans la langue parlée (Reinke/Ostiguy 2005, 198).
Ein solcher Ansatz scheint aus mehreren Gründen fragwürdig. Zunächst einmal würde eine solche Doppelkonzeption nichts an der Dominanz der hexagonalen Norm ändern, es würde nur bedeuten, dass die Frankophonen in Kanada zwei Normen erlernen müssten oder zumindest konsultieren können sollten: „Du fait même d’une double norme à respecter, ce modèle est hautement générateur d’insécurité linguistique“ (Pöll 2001, 147). Zudem wird eine Norm, die „toleranter“ ist und v.a. in der Mündlichkeit Anwendung finden soll, schwerlich der Supranorm des hexagonalen Französisch standhalten können, ein solcher Ansatz hätte also wohl zweifelhafte Erfolgsaussichten und wäre den Bedürfnissen Quebecs auch nicht angemessen wie Maurais schon 1993 formulierte: „Il est grand temps que l’on cesse de considérer le français québécois uniquement comme une variété orale typique d’un milieu sociale donné“ (Maurais 1993, 93).
Eine andere Möglichkeit ist ein plurizentrisches Modell nach anglophonem (oder auch hispanophonem) Vorbild, wobei das Französische Frankreichs zunächst zwar als français de référence fungiert, sich aber auf lange Sicht den multiplen fixierten Normen verschiedenster Gebiete der Frankophonie gegenüber sähe. Im Hinblick auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts scheint es für das langfristige Überleben der kanadischen Frankophonie unabdingbar, sich eine genuine Norm zu geben:
La fonction identitaire du français devra dorénavant s‘allier à une fonction utilitaire, la première que retient le locuteur d'une autre langue, et plus particulièrement dans une société comme le Québec qui doit compter sur l‘immigration pour assurer son développement. C‘est là aussi l‘un des thèmes des XVIIe Assises de la Conférence des peuples de langue française […] : « […] pour mieux résister face à l‘anglais, le français doit être plus fort donc mieux soutenu de l‘intérieur. En fait, le français doit être regardé comme une langue d'avenir à condition d‘être considéré comme une langue internationalement utile. Il doit dès lors inscrire son combat dans la réalité sociale, économique et culturelle. Il ne suffit plus d‘apprendre le français pour le simple plaisir de le parler, non, la motivation doit être plus concrète. » (Ouellon 2008).
Mit einem plurizentrischen Ansatz würde ‚Französisch‘ vergleichbar mit ‚Englisch‘ zu einem „type de langue“ (vgl. Pöll 2001, 147). Diesbezüglich unterscheiden aber einige Aspekte die anglophone von der frankophonen Situation. Anders als die Quebecker leiden z.B. die US-Amerikaner „unter keinem sprachlichen Minderwertigkeitskomplex und sind nicht durch sprachliche Unsicherheit geprägt“ (Schafroth 2009b, 58). Im Gegensatz zur Anglophonie und auch zur Hispanophonie entspricht innerhalb der Frankophonie immer noch die Norm des Mutterlandes der internationalen Norm, denn auch wenn die Office de la langue française diese als eine definiert, die mit der übereinstimmen sollte, welche „prévaut à Paris, Genève, Bruxelles, Dakar et dans toutes les grandes villes d’expression française“ steht es (immer noch) außer Frage, dass es sich dabei um die hexagonale Norm des français parisien handelt (vgl. Bigot 2010, 10ff.). Das Problem liegt abgesehen von der bereits erwähnten historischen Komponente maßgeblich darin begründet, dass sich im Gegensatz zum anglophonen und hispanophonen Raum die Mehrheit oder zumindest ein erheblicher Anteil der Französischsprecher (je nach Auslegung des Begriffs „frankophon“) in Frankreich konzentriert.5 Auch wenn beispielsweise Afrika ein Kontinent ist, auf dem Französisch im Hinblick auf Verbreitung und Sprecherzahlen eine bedeutende Rolle spielt, so findet man dort (der geographischen entsprechende) linguistische Diversität vor – situativ also nicht vergleichbar mit den „Blöcken“ des anglophonen Raums, wo eine amerikanische Norm klar einer britischen und einer australischen etc. gegenübersteht. Mit einer Abwendung von der hexagonalen Norm würde man sich somit also klar „regionalisieren“ – die Frage, die sich dabei stellt, ist: wie vereint man die kanadische Frankophonie unter einem normativen Dach der dominierenden Varietät des français québécois oder schafft man – im Sinne eines „echten“ Plurizentrismus – mehrere Normen entsprechend der sprachlichen Varietätensituation, also zumindest eine Norm des français québécois und eine des français acadien?
In Quebec spricht man sich aus mehreren Gründen klar für eine, und zwar die Quebecker Norm aus. Zunächst einmal ist es sicher die nordamerikanische Varietät des Französischen, die am besten untersucht und dokumentiert ist, womit eine gute Grundlage zur normierenden Fixierung gegeben ist. Beschreibungen der akadischen Varietäten betonen dagegen häufig die sprachliche Diversität der provinces maritimes und gehen – ausgehend von der Minderheitensituation der akadischen Frankophonen – überwiegend soziolinguistisch vor, was weder zu einem positiveren Image der Sprache beiträgt noch eine brauchbare Grundlage für Normierungsbestrebungen darstellt: „Pour la situation acadienne, il existe une déconnexion qu’il n’est pas exagéré de qualifier de profonde entre pratiques et représentations. Cette déconnexion est patente dans les discours de bien des Acadiens […]. Le français en usage dans la communauté est en général jugé mauvais, anglicisé, morcelé…“ (Arrighi 2014, 5; vgl. hierzu auch Boudreau/Dubois 2001). Darüber hinaus birgt eine einzige (Quebecker) Norm die Chance, die Frankophonie Nordamerikas endlich zu einen und somit gegenüber der Anglophonie zu stärken, denn „les francophones sont majoritaires [au Québec] […] et beaucoup plus assurés de pouvoir vivre pleinement en français que [les Acadiens]“ (Boudreau/LeBLanc 2000, 231).
Die Akadie steht einem solchen Vorhaben dagegen ebenfalls aus mehreren Gründen kritisch wenn auch nicht notwendigerweise ablehnend gegenüber. Zum einen sind die Beziehungen zwischen Quebec und der Akadie historisch belastet. Vergleichbar mit dem Verhältnis Quebec – Frankreich fühlen sich viele Acadiens von den Quebeckern nicht als gleichwertig akzeptiert, sprachlich wie kulturell:
Si certains Québécois vitupèrent les ‚maudits Français‘, d’autres communautés emploient l’expression ‚maudits Québécois‘, et même ‚maudits Français‘, pour désigner les…Québécois. Les Acadiens […] l’emploient dans un sens similaire à celui que les Québécois réservent aux Français. […] Les Acadiens considèrent souvent que les ‚maudits Québécois‘ se conduisent vis-à-vis d’eux comme les ‚maudits Français‘ vis-à-vis des Québécois. Ils ne tiennent pas compte d’eux, se moquent de leur accent, ont une attitude impérialiste vis-à-vis de leur langue. […] [Ils ont tendance] à „folkloriser“ les Acadiens (Meney 2010, 220f.).
Diese „Folklorisierung“ zeigt sich sogar an offizieller Stelle: die Conférence ministerielle sur la francophonie canadienne spricht auf ihrem Kongress im Juni 2015 von „la vitalité des communautés francophones et acadiennes“.6 Mit differenzierter Wahrnehmung der Akadie als eigenständige Region hat das nicht mehr viel zu tun (denn dann hätte man zwischen „québécoises“ und „acadiennes“ unterscheiden können); vielmehr bedeuten Formulierungen dieser Art den Entzug jedes Mitspracherechts der Acadiens in Fragen der Sprachnormierung und Sprachgestaltung der kanadischen Frankophonie. Und ein Beitrag zur Beseitigung der (gegenseitigen) Vorurteile sind sie auch nicht. Animositäten lassen sich denn im Übrigen sogar in der Diaspora der frankophonen Einwanderergemeinden in Neuengland registrieren: „C’est beaucoup différent, puis eux-aut‘ c’est pareil, le [sic!] nourriture est différente que la not‘, puis la vie qu’i vivent c’est différent eux-aut‘“ sagt eine Akadierin über die Quebecker; eine Quebeckerin wiederum über die Akadier: „Il y a une grosse différence, la mentalité est pas pareille non plus, le Nouveau-Brunswick […] n’ont rien [!] qui nous appartient“ (Szlezák 2010, 174). Außerdem ist die Akadie durch die geographische Isolation einiger Teile der provinces maritimes schon sehr früh – und eben früher als Quebec – vom Kontakt mit dem français de référence isoliert, was häufig zu einer diglossischen Situation geführt hat: Englisch als high variety und die Varietäten des akadischen Französisch als low varieties (cf. Hennemann 2014, 72ff.). In Neuschottland beispielsweise stellt sich die Situation folgendermaßen dar:
En Nouvelle-Écosse, l’emploi du français est souvent ressenti comme une entrave à la réussite professionnelle, alors qu’au Nouveau-Brunswick, le bilinguisme est largement valorisé et présente un avantage sur le marché du travail. Le statut minoritaire et le peu de prestige accordé au français en Nouvelle-Écosse s’expriment souvent par l’autodépréciation de la compétence de cette langue par ses locuteurs („C’est broken French; c’est du français brisé“) (Wiesmath 2006, 47).
Es ist sicher richtig, dass der Status des Französischen in Nouveau-Brunswick aufgrund des höheren frankophonen Anteils der Bevölkerung ein anderer ist als in Neuschottland, dennoch sind die sprachlichen Situationen insofern vergleichbar als in beiden Fällen dem Standardfranzösischen Frankreichs, und nicht etwa den Varietäten des akadischen Französisch hohe Bedeutung beigemessen wird. Schon 1991 stellt Flikeid für Neuschottland fest: „Certaines régions acadiennes deviennent de plus en plus anglicisées, d’autres se rapprochent de la norme prescriptive française“. In Nouveau-Brunswick gilt weitgehend immer noch, was schon in den 1970ern postuliert wurde: „Nous ne croyons pas qu’il serait avantageux pour nous de cultiver un parler qui nous couperait de la francophonie universelle et nous isolerait à nos dépens. Il est évident qu’il faut s’appliquer à parler le bon français moderne à nos enfants et inciter ceux-ci à le parler correctement” (Boudreau/Dubois 2001, 47). Vergleichbar mit Quebecs joual steht das chiac der Akadie für die Rückbesinnung auf die französische Sprache, auf die kulturelle Identität. Nur hat sich die Situation nicht vergleichbar entwickelt. Das joual ist als Normbasis weitgehend aus der Diskussion in Quebec verschwunden (vgl. Boudreau/LeBlanc 2000, 218), entspricht innerhalb der soziolinguistischen Hierarchie des français québécois einem Register des „niveau populaire“. Es wird mit der „notion d’identification collective québécoise“ (Cajolet-Laganière/Martel 22004, 68) assoziiert. Das chiac dagegen stellt in manchen Gebieten die einzige gebrauchte französische Varietät dar, was die Frage aufwirft, ob es sich dabei wie in Quebec um eine Übergangssituation hin zu stabiler(er) Frankophonie handelt, oder ob der Gebrauch des chiac ein „glissement progressif […] vers l’anglais“ (Chiasson zitiert in Boudreau/LeBlanc 2000, 233) bedeutet. Wie dem auch sei: „Si, comme symbole, le chiac réussit à donner une identité francophone aux Acadiens, qui, auparavant, en raison du stigmate qui frappait leur langue, préféraient parler anglais, il ne réussit pas toujours à servir d’instrument véhiculaire francophone pour nommer les choses” (Boudreau/LeBlanc 2000, 233). Die akadischen Varietäten des Französischen fassen zunehmend Fuß in den Bereichen Musik, Literatur und Regionalkultur, was ihnen den Status von Identitätsmarkern im Sinne einer „covert prestige language“ (vgl. Trudgill 1972) gibt; ob sie als Basis für eine Norm dienen können, ist aber nach wie vor fraglich. Dennoch können sich nach einer Umfrage von Schafroth fast 60 % einen akadischen Standard vorstellen – etwas mehr als 40 % allerdings auch einen Quebecker Standard für die gesamte kanadische Frankophonie (vgl. 2009a, 222). Wenn man unter den gegebenen Umständen nun also davon ausgeht, dass eine solche Quebecker Norm die Lösung für das langfristige Überleben und die vollständige Autonomie der kanadischen Frankophonie wäre, so bleibt noch zu klären, worauf diese Norm basieren soll bzw. wie sie beschrieben werden soll.
Um eine Varietät als Norm etablieren zu können, müssen generell bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Schafroth fasst zusammen: a) eine staatliche normative wirkende Institution, b) Sprachexperten, c) Normvorbilder, d) Sprachnormautoritäten, und e) normative Nachschlagewerke (vgl. 2009b, 52). Im Gegensatz zur Akadie verfügt Quebec seit 1961 über eine zentralisierte, autoritative Institution der Sprachnormierung, nämlich der Office québécois de la langue française – das völlige Fehlen einer solchen in der Akadie lässt die von Quebec unabhängige Etablierung einer akadischen Norm utopisch scheinen. Sprachexperten dürften in Quebec wie in der Akadie per se kein Problem darstellen, im universitären Bereich finden sie sich zuhauf – allerdings sind sie sich in Normfragen bisher selten einig. Bei den Normvorbildern und den Sprachnormautoritäten gestaltet sich die Situation schwieriger. Normvorbilder waren und sind in Quebec v.a. die Nachrichtensprecher von Radio-Canada (vgl. Reinke/Ostiguy 2005, 200ff.). Ihnen fehlt allerdings ebenso wie den Sprachnormautoritäten (Lehrende an Schulen und Universitäten beispielsweise) ein allgemein akzeptiertes Regel-und Nachschlagewerk, auf das man sich berufen und das man im Zweifelsfall konsultieren könnte. Besonders im Bereich der Lexik stellt ein solches Nachschlagewerk in mehrerlei Hinsicht ein dringendes Desiderat dar:
Bien des Québécois attendent depuis longtemps que leur variété de français soit enfin décrite dans un dictionnaire, car ils savent qu’une telle entreprise est nécessaire pour que, à travers la variété de français qui les exprime, tous les autres francophones puissent enfin accéder à leur vision du monde et à leur univers socioculturel, encore trop souvent méconnu ou réduit à sa dimension la plus folklorique (Verreault 2008).
Auch wenn eine Vielzahl an Publikationen zu verzeichnen ist, hat es bisher keine geschafft, sich als Absolutum durchzusetzen. Womit ich zurück zur oben angeklungenen Frage der Basis komme, die entscheidend für die Akzeptanz eines Konsultationswerks ist. Es stellt sich das Problem: „[…] ce point nous amène à la question du choix des locuteurs (ou des documents) pris comme témoins du parler à décrire. Sont-ils sélectionnés uniquement sur la base de leur origine ou faut-il répondre à d’autres critères pour voir son parler décrit? Plus largement, à partir de quelles données décrit-on?“ (Arrighi 2014, 12). Für das français québécois hatte sich die Association québécoise des professeurs de français 1977 an einer Definition von Norm bzw. deren Basis versucht: „Que la norme du français dans les écoles du Québec soit le français standard d’ici. Le français standard d’ici est la variété de français socialement valorisée que la majorité des Québécois francophones tendent à utiliser dans les situations de communication formelle“.7 Das half nicht unbedingt weiter, da man im Bereich der „communication formelle“, v.a. dem Schriftlichen, wieder bei der hexagonalen Norm landet(e). Die meisten bisher publizierten Lexika verfügten nicht über eine ausreichend große und v.a. Varietäten umfassende Korpusbasis, manche gingen auch stark selektiv und nicht deskriptiv vor. Zu einer Übersicht der wichtigsten Wörterbücher sei auf West (2003) verwiesen. Diese Lücke einer solch unumstrittenen, umfassend akzeptierten lexikalischen Nachschlageinstanz versucht das staatlich unterstützte Projekt FRANQUS (français québécois usage standard) der Université de Sherbrooke mit dem 2013 online gegangenen Wörterbuch USITO zu schließen. Es ist mit „plus de 80 000 mots traités, plus de 100 000 emplois, plus de 40 000 citations, plus de 2000 anglicismes et autres emplois critiqués, plus de 5600 tableaux de conjugaison, plus de 2000 remarques normatives, plus de 10 000 québécismes, toutes les rectifications orthographiques, l’analyse des verbes selon les principes de la grammaire nouvelle, la féminisation des titres de fonction […]“8 das bisher umfangreichste Wörterbuchprojekt – im Vergleich: Bergerons Dictionnaire de la langue québécoise von 1980 behandelt ca. 20 000, Poiriers Dictionnaire de français plus von 1988 ca. 62 000 und Boulangers Dictionnaire québécois d’aujourd’hui von 1993 um die 40 000. Es ist auch das erste Online-Wörterbuch, weil es sich als ein für alle zugängliches Nachschlagewerk sieht. Problematisch für einen solchen Anspruch ist allerdings die Kostenpflichtigkeit (auch wenn sicher aus Gründen der Finanzierung begründet): der Zugang zu USITO kostet (abgesehen von 10 Tagen kostenlosem Probeabonnement), Can$ 22,99 im Jahresabonnement und Can$ 19,99 für eine Verlängerung. Es spielt dabei keine Rolle, dass knapp 23 kanadische Dollar kein hoher Preis für den freien Zugang zu einem derart umfangreichen Lexikon sind, sondern dass es diese Hürde überhaupt gibt. Vielen Quebeckern, die – sei es aufgrund ihrer Bildungsvoraussetzungen oder auch ihres mangelndem regelmäßigen Konsultationsbedarfs – niemals ein solches Abonnement in Erwägung ziehen würden, die aber ab und zu nach dem „richtigen“ Wort oder der korrekten Orthographie suchen, bleibt also der Zugang verwehrt. Damit spricht es trotz Internetpräsenz nur bestimmte Schichten an. Es ist fraglich, ob das genügen wird, um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, das sich USITO gesetzt hat: „décrire le français contemporain d’usage public, représentatif de l’activité sociale, culturelle, économique, politique et scientifique au Québec […], [dans] un dictionnaire général et normatif du français québécois contemporain“.9 Das scheint ein Widerspruch in sich – der Anspruch, das Französische in all seinen Facetten beschreiben zu wollen, das aber in einem normativen Wörterbuch. Dieser normative Anspruch basiert auf Martels Auffassung von einem Standard in Quebec: „Les Québécois utilisent ce français standard dans des situations de communication pouvant être publiques, institutionnelles, formelles, et même privées; ils reconnaissent collectivement que ce standard correspond au bon usage, c’est-à-dire à celui qui ne suscite aucun jugement de valeur“ (Martel 2006, 849). Abgesehen davon, dass der bon usage-Begriff im Hinblick auf seine historische Konnotation in diesem Kontext nicht neutral und daher nicht glücklich gewählt scheint, steht er auch im Widerspruch zu „aucun jugement de valeur“, denn das beträfe sicher nur gebildete Schichten mit entsprechenden Sprachkompetenzen (vgl. hierzu auch Schafroth 2009b, 62). Cajolet-Laganière/Martel meinen, dass sich nur durch ein normatives Wörterbuch ein Standard etablieren könne. Doch scheint es grundsätzlich sehr problematisch, ein Nachschlagewerk einer solchen Konzeption in einer sprachlich derart von Unsicherheit geprägten Situation vorzulegen, weil es beispielsweise im Bereich der Register, die noch nicht unbedingt klar voneinander abgegrenzt und entsprechend im Diasystem verankert sind, zunächst einer vollständigen Erfassung der diaphasischen Varietäten bedarf, weil sonst kein adäquates Differenzieren und „Erlernen“ derselben ermöglicht wird, was wiederum die sprachliche Unsicherheit weiter fördert. Unsicherheit zeigen offenbar auch die Projektleiter des FRANQUS selbst, denn sie müssen sich gerade in puncto Registerzuordnungen den Vorwurf des „arbitraire du jugement“ (Poirier 2014, 19) gefallen lassen, den Poirier an konkreten Beispielen überzeugend vorbringt (vgl. hierzu auch Schafroth 2009b, 62ff.). Außerdem wird bei der selektiven Vorgehensweise von Seiten des USITO ein Spezifikum Quebecs außer Acht gelassen: „Les locuteurs québécois donnent une large place aux mots familiers, et même poulaires, dans les contextes où le propos est plus soutenu“ (Poirier 2014, 19). Um solchen soziolinguistischen Kontexten gerecht zu werden, müsste man enzyklopädisch vorgehen, also alle Wörter ausnahmslos zu erfassen und sie dann adäquat zu beschreiben versuchen. Das würde Fehleinschätzungen im Registerbereich nicht verhindern, aber eine Korrektur ermöglichen. Und es wäre per se auch kein Widerspruch zum Ziel, einen Standard zu etablieren, denn entsprechende Standardausdrücke wären ja als zu eben jener Registerebene gehörig gekennzeichnet. Was man im Hinblick auf die sprachliche Realität Quebecs ebenfalls nur unzureichend aufgenommen hat, und das dann in sehr restriktiver Vorgehensweise, sind Anglizismen. Auch wenn Anglizismen offiziell u.a. von Seiten der Office nichts im français québécois zu suchen haben, so sind sie wie in fast jeder engen Sprachkontaktsituation ein Adstrateinfluss, der sich im Sprachgebrauch etabliert hat und der von den Sprechern nicht unbedingt als störend oder unpassend wahrgenommen wird, insbesondere in Quebec, weil dort viele Anglizismen morphologisch wie phonologisch adaptiert sind (vgl. Poirier 1980, 71). Die Art und Weise wie dann die Anglizismen, die Eingang in USITO gefunden haben, beschrieben werden, ist insofern unbrauchbar, als es außer dem Eintrag, einem Kommentar zur Unangemessenheit des Ausdrucks und einem französischen Synonym keinerlei Spezifizierungen gibt, nur selten werden Kontexte des Gebrauchs, Kollokationen, etc. angegeben. Dabei werden alle Anglizismen (d.h. des Sprech- und des Schriftgebrauchs) gleich und unterschiedslos korrektiv behandelt (vgl. Poirier 2014, 25). Somit findet man eben nicht wie bei einem enzyklopädischen Ansatz Empfehlungen zum Sprachgebrauch, sondern ein eingeschränkt benutzbares Wörterbuch, das im Hinblick auf die selektive Herangehensweise sowie die Art der Kennzeichnung von mauvais usage-Wörtern an die Fehler der lexikographischen Unternehmungen der Académie française erinnert. Es gäbe noch viele weitere Kritikpunkte in Bezug auf Berücksichtigung der akadischen Varietäten oder auch des Einbeziehens von Literatur als Korpus zu nennen – ich verweise in diesem Rahmen hierzu auf Schafroth (2009b) und Poirier (2014). Die Bilanz, die sich bisher ziehen lässt, fällt nicht befriedigend aus: „Il reste à parler de l’apport de ce dictionnaire à la description de la norme, qui représentait l’objectif central de l’entreprise. Sur ce plan, les résultats sont décevants“ (Poirier 2014, 27). USITO wird in der Form wie es sich momentan präsentiert den Ansprüchen der komplexen Situation des frankophonen Kanada nicht gerecht. Es bleibt viel zu oberflächlich, als dass soziolinguistische Aspekte angemessen berücksichtigt würden, und das ist vermutlich der wichtigste Kritikpunkt. Denn wie oben erwähnt fußen die Diskrepanzen zwischen dem frankophonen Kanada und Frankreich nicht zuletzt auf unterschiedlichen soziokulturellen Gegebenheiten und soziolinguistischen Konventionen, deren Dokumentation USITO nicht gelungen ist:
La recherche a démontré que, pour la description des mots communs avec le français de France, qui forment la partie la plus considérable du lexique, on a repris pour l’essentiel les analyses des lexicographes de France. Pour cette raison, on n’a pas été en mesure de mettre en évidence le maniement original que font les Québécois de ces mots dont le fonctionnement était présumé le même qu’en France (Poirier 2014, 26f.; Hervorhebung durch Autorin).
Ich schließe mich Alain Rey an, der sogar noch einen Schritt weiter geht in dem, was von einer umfassenden Sprachbeschreibung zu erwarten ist, auch, damit sie als genuine Norm etabliert werden kann:
[…] pour décrire les différences entre usages d’une même langue, par exemple ceux du français en France et au Canada, il ne suffit pas de traiter des faibles différences de la grammaire, des variantes importantes de la prononciation, et même des différences éclatantes entre les vocabulaires. Il faut inclure les divergences entre ce qu’on peut nommer les „stratégies de discours“, qui font qu’on ne parle pas français dans la même manière en entrant chez des amis ou dans un restaurant à Montréal et à Paris. Syntaxe et rhétorique sont concernés, même si la perception des différences de vocabulaire est la plus forte (Rey 2007, 313).
Davon ist USITO noch sehr weit entfernt – und da es im Moment das einzige Projekt mit einem Normierungsanspruch ist – wie realistisch oder unrealistisch dieser auch sein mag – bedeutet das, dass auch das Projekt Normfindung im frankophonen Kanada noch sehr weit von seiner Umsetzung entfernt ist. Ob eine solche jemals möglich sein wird, ist nach der enttäuschenden Bilanz des bisher größten Wörterbuchprojekts jedenfalls eine Frage, die wieder ihre Berechtigung hat.
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2. Iberoromania
Lingüística popular y codificación del español
Franz Lebsanft (Bonn)
a Julio Borrego Nieto
1 Introducción
Lo que voy a desarrollar sobre “lingüística popular y codificación del español” se inscribe en una reflexión sobre la norma cuyo origen está, al menos en una parte importante, en las enseñanzas que recibí en las aulas salmantinas hace poco más de un cuarto de siglo. En julio de 1989 asistí a un curso monográfico sobre “Hablar bien”, “hablar mal”: el español frente a la norma, cuyos conferenciantes eran los académicos Manuel Alvar (1923–2001) y Gregorio Salvador, los catedráticos Eugenio de Bustos (1926–1996) y Antonio Llorente (1922–1998), y un joven profesor, Julio Borrego. En aquel momento estaba yo preparando, en Madrid, mi tesis de habilitación sobre “cultura idiomática española” (Lebsanft 1997) y fui a Salamanca para profundizar las bases teóricas de mis investigaciones. De esa estancia salmantina he retenido sobre todo dos cosas: por una parte, mi entrevista con Manuel Alvar, entonces director de la Academia, sobre el papel normativo de ésta (Lebsanft 1997, 289) y, por otra parte, la conferencia de Julio Borrego sobre Actitudes y prejuicios lingüísticos, conferencia que se publicó más tarde con el subtítulo explicativo la norma interna del hablante en Estudios filológicos en homenaje a Eugenio de Bustos (Borrego Nieto 1992).
Mi enfoque se basaba, entre otras cosas, en el concepto de la Volkslinguistik, es decir, de la lingüística popular, término calcado del inglés folk linguistics y que el indoeuropeísta Henry M. Hoenigswald había acuñado en los años 60 del pasado siglo con referencia a la conocida folk etymology, traducción a su vez del alemán Volksetymologie o etimología popular. La Proposal for the Study of Folk-Linguistics (Hoenigswald 1966) se publicó en las actas de lo que tal vez fuese el primer congreso importante de la sociolingüística naciente (Bright, ed., 1966). La idea de que los conceptos lingüísticos de los no especialistas, de los “legos en lingüística”1, merecen atención y análisis por ser un hecho social que influye de una manera u otra en la conducta lingüística de los hablantes se oponía diametralmente a la teoría del estructuralismo entonces aún reinante. Su representante más destacado, Leonard Bloomfield (1944), había descalificado esas ideas en el más puro estilo behaviorista de “secondary and tertiary responses to language”, sin interés alguno para el análisis científico de la lengua.2 Debemos a Actitudes y prejuicios lingüísticos una exposición diáfana de los conceptos y métodos sociolingüísticos que permiten hacer operante el estudio de la lingüística popular. Se trata, ante todo, del concepto de “creencias evaluativas” cuyos ajustes o desajustes con los hechos lingüísticos conforman, según había propuesto José Pedro Rona (1966, 296; 1970, 206; cf. Lebsanft 1997, 51), la “actitud” lingüística del hablante. Particularmente interesantes resultan, por supuesto, los desajustes entre creencias y hechos. Estos permiten detectar las diferencias que hay entre las creencias profesadas y las creencias reales, auténticas que constituyen “la norma interna del hablante” (Borrego Nieto 1992). Esa norma interna es la que realmente determina su conducta lingüística.
Por lo general, el análisis sociolingüístico está efectivamente dirigido hacia esa conducta y hacia las “creencias o evaluaciones auténticas, que no siempre llegan a aflorar de forma consciente”, según comenta Borrego Nieto (1992, 125). Ahora bien, cuando hablamos de “lingüística popular y codificación del español” apuntamos en otra dirección, ligeramente diferente o, mejor dicho, complementaria. Entre los dos tipos de variables lingüísticas que dejan al hablante un margen de elección en el momento de elaborar su discurso, William Labov destaca los stereotypes, es decir, los elementos lingüísticos que “son explícitamente evaluados dentro de la comunidad como un tópico que, infundado o no, corre de boca en boca” (Borrego Nieto 1992, 122). Si a esto añadimos que los estereotipos, en cuanto creencias explícitas, no solo corren de boca en boca sino también de pluma en pluma o, para ser más conforme con la realidad actual, de teclado en teclado, con esto establecemos la conexión necesaria entre los dos conceptos de mi contribución, ya que por “codificación” entendemos la formulación explícita de una norma de conducta lingüística.
2 Un ejemplo: Un supuesto caso de dequeísmo
Para dar un ejemplo de la extensión limitada de los conocimientos típicamente “populares” sobre la norma, Borrego trae a colación una carta al director que el diario El País publicó el día 6 de julio de 1989, es decir, una carta muy actual en el momento del curso monográfico antes mencionado. La carta, firmada por cuatro lectores, reprocha a la redacción del periódico el “error manifiesto” del “dequeísmo” al admitir el titular “EE UU informa sin protestar de que China ha expulsado a otros 14 norteamericanos”, un titular en el que Borrego Nieto (1992, 130) no encuentra “nada lingüísticamente anómalo de acuerdo con la norma académica”, cuando “el verbo informar es con de como se construye”. Por pura casualidad, el día mismo de la publicación de la carta yo había entrevistado en Madrid a Álex Grijelmo, el entonces redactor responsable del Departamento de Edición y Formación de El País, y había tematizado en esa ocasión el supuesto caso de “dequeísmo”. A Álex Grijelmo le vino muy bien el que yo le facilitara la información bibliográfica con la que supo argumentar ante el defensor del lector José Miguel Larraya el régimen preposicional del verbo informar. Esa defensa se publicó tres días más tarde en la tribuna dominical “El Ombudsman”:
Para más información [explica el redactor Grijelmo] los interesados pueden consultar la página 232 del Diccionario de dudas del lingüista Manuel Seco [= Seco 91986]; la página 130 del Manual del español urgente, editado por Efe [= MEU 51989]; o el artículo [= “De idioma, pueblo y pedantes”] firmado en este periódico por Agustín García Calvo, catedrático de Latín, el 30 de marzo de 1986 (Larraya 09.07.1989; Lebsanft 1997, 283).
Un año más tarde, la tercera edición del Libro de estilo de El País (1990, 271), la primera que se puso a la venta, acoge en la nomenclatura de su diccionario la entrada “informar” y explica: “La construcción correcta es ‘informar de que’, ‘Le informó de que vendría’.”
Todo esto puede parecer una verdad de Pero Grullo; pero no es una perogrullada. Muy al contrario, es el caso prototípico de una cierta forma de “cultura idiomática” digna, repito, de interés y de análisis. En un artículo muy famoso en nuestras latitudes germanas, el lingüista e hispanista Hans-Martin Gauger (1981, 233) había decretado que el español era una lengua “fácil”, entre otras cosas porque la comunidad lingüística española era, según él, una comunidad lingüística poco exigente, es decir, una comunidad que no reparaba en niñerías gramaticales como la de saber si se habría de decir informar que o informar de que. En contraste con esa afirmación, la discusión entre hablantes, periodistas y lingüistas, discusión que en un primer momento puede parecer puramente anecdótica, demuestra que la codificación de lo que Eugenio Coseriu (1964) llama la “lengua ejemplar” es el resultado de un diálogo intenso entre varios tipos de actores, especialistas y aficionados a la lengua.
La entrada “informar” del Libro de estilo puede servirnos de ejemplo para explicar cómo funciona la construcción discursiva de estereotipos normativos.3 Esta construcción utiliza el viejo esquema de la correctio retórica “non x, sed y”, es decir “donde dice… debiera decir”, esquema elaborado en los diccionarios antibárbaros cuyo primer ejemplo es, para los romanistas, el famoso Apéndice Probi (Lebsanft 1997, 212 s.). Obviamente, no pretendo decir que la tradición discursiva del Libro de estilo arranque ininterrumpidamente de tan remoto modelo, pero sí se inscribe en ese tipo “latino” de actuación normativa. Para Álex Grijelmo, autor principal del Libro de estilo del 1990, los modelos inmediatos fueron, evidentemente, los style books estadounidenses y españoles –de ahí la denominación española libro de estilo, calco del inglés– y los diccionarios “de dudas y dificultades”, es decir principalmente “el Seco” cuya primera edición del 1961 sí remite al Apéndice Probi de la Antigüedad. La correctio proyecta sobre el eje sintagmático lo que constituye una alternativa en el eje paradigmático. Contiene normalmente dos términos opuestos que se relacionan mediante un elemento evaluador que indica el grado de obligación con el que se recomienda, en el eje paradigmático, la sustitución del término x por el término y. Es típico de la lingüística popular proponer correcciones fuertes, inequívocas, tajantes, un poco a la manera de los antónimos complementarios donde los términos son incompatibles entre sí. En este sentido, informar de que es “correcto” e informar que no lo es, tertium non datur. En el caso de informar, el nuevo y muy reciente Libro de estilo (cuyo máximo responsable sigue siendo Álex Grijelmo) no debilita, sino refuerza esa estrategia normativa simplificadora al afirmar:
En El País se usará la construcción culta española ‘informar de que’ (no ‘informar que’). Por tanto, se informa de algo (no se informa algo). ‘Le informó de que vendría’ (y no ‘le informó que vendría’) (El País 2014, s.v.).
Llama la atención la mención de la norma “culta española” cuya procedencia no se explica y cuyo estatus no se define. A mi modo de ver se trata de una referencia opaca a la Nueva gramática de la lengua española donde se afirma (NGRALE 2009, 3250, § 43.6j) que el complemento preposicional es mayoritario en España pero el complemento directo en América. El periódico que quiere ser “el periódico global”, publicado en varias lenguas diferentes, oculta los usos americanos y sigue siendo fiel a las tradiciones idiomáticas del español norteño.
3 Los “libros de estilo”, codificación “popular” de la norma, y la asesoría lingüística académica
Los libros de estilo españoles, que –con la excepción del inglés americano– no tienen parangón en las demás comunidades lingüísticas de origen europeo, constituyen una forma de codificación que podemos localizar a medio camino entre las codificaciones profesionales de académicos y lingüistas, por una parte, y las ideas lingüísticas de la masa de los hablantes, por otra. En materia de codificación lingüística, el autor del Libro de estilo no reivindica la condición de experto, de lingüista, pero sí de aficionado al idioma. Álex Grijelmo así lo dice utilizando conocidísimos estereotipos “cognitivos” en la entrevista que le hice en julio de 1989 (Lebsanft 1997, 289). Dice:
Yo soy de Burgos que es una ciudad y una zona donde se habla muy bien el castellano, y bueno, es Castilla, es la cuna de Castilla, ¿no?, y entonces pues quizá por un poco de sentimiento regional o de la tierra siempre me dolía que no se utilizase bien mi lengua, mi lengua que además es la lengua de todos los españoles y la de 300 millones de personas, ¿no?, y entonces quizá por eso, ¿no?, pero yo de todas formas no me he sentido nunca lingüista ni experto en lengua, me he sentido siempre periodista (Grijelmo 06.07.1989).
He dicho que el fenómeno de los libros de estilo españoles (de los cuales el de El País es solo el más llamativo)4 no tiene parangón en otras comunidades lingüísticas europeas. Por supuesto hay que preguntarse por qué es esto así. La hipótesis que avanzo en mi Cultura idiomática española (Lebsanft 1997) aventura la doble explicación de que, por una parte, la época de la “Transición” en la segunda mitad de los años setenta y de los años ochenta exigía una fundamental renovación democrática del estilo periodístico; y que, por otra parte, a falta de una modernización y adaptación de la codificación académica en aquella época, se sentía la necesidad de llenar el hueco entre un “uso vivo” rápidamente cambiante y una codificación vetusta. El desfase enorme entre las necesidades lingüísticas de una sociedad moderna y las respuestas de una institución por aquel entonces poco innovadora era evidente. Ahora bien, desde entonces y hasta hoy la modernización de la codificación lingüística académica ha sido verdaderamente espectacular y produce un dispositivo normativo extraordinario que pone en mano de cuantas clases de usuarios se puedan imaginar la obra de referencia apropiada. Pero hay más. Hasta finales de los años ochenta, solo una minoría de los académicos podía imaginarse una institución que se encargase de asesorar a los usuarios para resolver “dudas y dificultades” lingüísticas concretas. Fernando Lázaro Carreter, que en 1989 no quiso entrevistarse conmigo pero sí contestar a preguntas escritas, me envió una carta “oficial” (02.07.1989) diciendo que el usuario de la lengua solo podía esperar de la Academia la orientación de sus Diccionarios y de la (entonces inexistente) Gramática; aunque, según él, debería exigir más, pero –añadió–: “soy miembro de la Academia, y, mientras conserve esta condición, es en ella donde debo formular mis críticas y plantear mis expectativas”. Todos sabemos cuánto ha cambiado la situación de una institución que hoy en día está metida en el negocio de la asesoría lingüística con obras impresas, pero que también cuenta con un servicio de consultorio lingüístico, el Departamento de Español al día, para decir la verdad no sé cuan eficaz.5
La media vuelta en política normativa que ha dado la Academia, que hasta hace muy poco solo quería tener una misión “notarial, fedataria” (Lázaro Carreter 31.12.1976), cambia también la situación de la lingüística popular. Hoy en día la codificación lingüística del Libro de estilo y de otros manuales de este tipo entra en competencia real con obras académicas como el Diccionario panhispánico de dudas (DPD 2005) o El buen uso del español (BUE 2013). Para ser más exacto debería decir, por cierto, que son estas obras las que entran en competencia con aquellos, ya que han llegado más tarde al mercado de la asesoría lingüística. Por eso la codificación popular tiene que posicionarse frente a una codificación académica actual, amplia y de un fuerte impacto público. En muchos casos, los libros de estilo ya no tienen que labrar terrenos lingüísticos incultos que la Academia no haya pisado; en muchos casos se trata de confirmar o de criticar la codificación de la más prestigiosa institución lingüística española. No obstante, es cierto que el Libro de estilo se presenta en la nueva “Introducción”, firmada por Álex Grijelmo, con la modestia que es de buen tono en este tipo de tradición discursiva. Dice el autor:
Conviene recordar que estamos ante un libro de estilo, y que de estilo se habla; no de una norma general para todos los hablantes, sino del criterio que un periódico decide darse a sí mismo de entre varios posibles (El País 2014, 22).
No dudo de la buena fe del amigo Álex Grijelmo, pero él y todos los demás sabemos que los lectores del Libro de estilo no compran la obra solo para prestarse al juego de controlar si los periodistas respetan sus propias reglas, sino también para aclarar las dudas que surjan en la conducta lingüística de todo el mundo.
4 La norma ejemplar en el nuevo Libro de estilo (El País 2014): El “Diccionario”
Todo eso nos lleva a un problema nada fácil de resolver, y este es aclarar en qué nivel de la estructura del lenguaje se sitúa la norma ejemplar. En un trabajo reciente, Carla Amorós y Emilio Prieto (2013, 387) han concebido la lengua ejemplar –ellos prefieren hablar de “estándar”– “no como un código, sino como un modo de usar un sistema lingüístico complejo”. En este mismo sentido, pero sin ninguna reflexión teórica al respecto, el periodista lego en lingüística dice que procura “utilizar bien” su lengua. De acuerdo con esta posición el manual del Libro de estilo (El País 2014, 39 s.) afirma que “está dirigido a que los periodistas hagan un buen uso del castellano”. En este contexto tampoco es fortuito que la guía normativa de las Academias (BUE 2013) se titule El buen uso del español. Desde el punto de vista teórico todo eso me parece muy bien, pero solo a condición de que, basándonos en el modelo de la “estructura general del lenguaje” coseriano (Coseriu 1981, 272), no se olvide que la lengua ejemplar no se puede reducir completamente al saber expresivo “ejemplar” que corresponde al nivel del discurso. Muy al contrario, la norma ejemplar sí supone también una elección de determinados elementos lingüísticos en el nivel de una lengua histórica. Es evidente que el Libro de estilo formula –y así lo dice explícitamente– “normas de escritura” cuando define como ideal periodístico un “estilo” que sea “claro, conciso, preciso, fluido y fácilmente comprensible” (El País 2014, 39), pero no es más claro el uso de informar con régimen preposicional que el uso de este verbo sin él; es solo una construcción que goza, en España, de mayor prestigio social. Por eso se trata, sin lugar a dudas, de una elección en el plano de la lengua, no del discurso. Todo esto hay que tenerlo presente a la hora de analizar la manera en que se construyen los elementos de una norma ejemplar en el Libro de estilo.
En lo que sigue, me voy a limitar a un análisis –muy superficial, por cierto– de la parte más importante –eso sí– del Libro de estilo, es decir su “Diccionario”. Según los conceptos de la metalexicografía son dos los aspectos que hay que estudiar: la macroestructura o nomenclatura y la microestructura. Limitándonos solo a la letra “A” que contiene 245 entradas, podemos distinguir, primero, dos tipos de artículos fundamentales, a saber, (1) artículos de remisión a otras partes del libro tal como el “Manual” y la “Gramática” o, también, a otros artículos del Diccionario mismo y (2) artículos completos. Al primer tipo pertenecen artículos como “a, preposición”, “acentuación”, “acrónimo” o “adjetivos”, por una parte, y “América del Sur, véase Sudamérica”, por otra. Los artículos completos son también de dos tipos, artículos que se refieren a nombres propios y expresiones denominativas, y otros –la mayoría– cuyas entradas son nombres apelativos. Los nombres propios y las expresiones denominativas tienen una importancia evidente en el lenguaje periodístico. El tratamiento normativo sigue las pautas propuestas hace más de 50 años por Salvador de Madariaga en su artículo polémico famosísimo de la Revista de Occidente, “¿Vamos a Kahlahtahyood?” (= Calatayud) en el que disfrazaba el nombre de la ciudad de los bilbilitanos con una ortografía inglesa (Madariaga 1966). Se trata sobre todo de transliterar con la ortografía española nombres escritos en alfabetos no latinos, pero también de respetar las adaptaciones españolas tradicionales de topónimos europeos, es decir, los exónimos españoles. El ejemplo de transliteración clásico es el nombre de la capital de Sudán, Jartum, donde la transliteración española de la letra jāʾ ﺧ, documentada en CORDE (01.03.2016) desde 1899:6
Como la antigua y famosa Universidad del Cairo, muy rica en manos muertas é instituciones piadosas de toda clase y, por consiguiente, muy independiente, no puede ser instrumento de los ingleses, quieren estos oponerle en Jartum una gran Universidad rival, musulmana en apariencia, pero diestra y firmemente encaminada á favorecer las miras de Inglaterra (Ricardo Beltrán y Rózpide: La geografía en 1898, Madrid, Fortanet, 1899, 249),
permite representar el fonema velar fricativo sordo árabe mucho más fielmente que la sustitución inglesa y francesa por la grafía <kh> que se realiza normalmente –almenos en inglés– como una velar oclusiva sorda aspirada [kh].7 Sin embargo, la adaptación española tiene también sus límites en el caso de la incongruencia entre la fonética y fonología extranjera y española. En el caso de Jartum se expresa la mīm ـﻢ (final) con la grafía <m>, pero como la consonante bilabial nasal sonora se encuentra en posición final, se pronuncia por supuesto como una [n]. En este caso, la fidelidad gráfica es solo una fidelidad ficticia y se podría defender también –tal como se ha hecho– la transcripción con la grafía <n> (Jartún).8 En contradicción con su propia norma El País escribe:
Muere apuñalado el jefe de visados español en su casa de Jartún
Madrid / Jartum 29 SEP 2014–18:20 CEST – Emiliano García Arocas, jefe de visados de la sección consular en la Embajada de España en Jartún (Sudán), ha sido encontrado muerto esta mañana en su casa, según han confirmado por teléfono fuentes diplomáticas desde la capital sudanesa. […]
No es el primer suceso de este tipo en Sudán. El cónsul ruso en Jartún y su esposa resultaron heridos en enero de este año, al ser apuñalados por un hombre procedente de República Centroafricana (El País 29.09.2014).
En todo este aspecto no veo ninguna diferencia fundamental entre el Libro de estilo de El País y las reglas que establecen las Academias sobre la ortografía de los topónimos extranjeros. A mi modo de ver y desde un punto de vista sociolingüístico, la “recomendación” académica de que la grafía de estos topónimos “se adapte enteramente a la ortografía del español, alterando en la menor medida posible el reflejo de la pronunciación original”“ (OLE 2010, 648)9 sigue un principio lingüístico coherente, pero más importante es el hecho de que sea al mismo tiempo la expresión de una actitud lingüística que recupera –como diría Madariaga (1970, II, 5)– “el valor … para acuñar con el sello de su espíritu vocablos extranjeros”. Es un caso de language pride, de orgullo lingüístico, que comparten expertos y legos en lingüística. Si fuera necesario aducir argumentos adicionales, entonces los aportaría el tratamiento de las expresiones denominativas. A este respecto, la lingüística popular del Libro de estilo va mucho más allá de la lingüística académica (que no se pronuncia sobre el tema) cuando establece, por ejemplo, normas para la adaptación de denominaciones de festividades –con la excepción significativa de las lenguas de España. Por eso hay que escribir en el periódico Día de Acción de Gracias en vez de Thanksgiving Day, pero Aberri Eguna añadiendo la explicación “Día de la Patria”. Según el mismo principio la fiesta del Once de Septiembre es la Diada del Onze de Setembre y la del 23 de abril (por no mencionar el día de la entrega del premio Cervantes) es la Diada de Sant Jordi.10 Estos ejemplos de expresiones denominativas de festividades permiten descubrir, dicho sea de paso, que para los periodistas defensores del español hay lenguas y lenguas de España. Mientras que la festividad vasca se escribe en cursiva –marca que destaca la distancia lingüística entre el español y el vasco– las festividades de la lengua románica hermana se escriben en redonda.
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