Kitabı oku: «Tiroler Heimat 84 (2020)»

Yazı tipi:


Inhaltsübersicht

Editorial

Aufsätze

JOSEF RIEDMANN

Eine Reise durch Tirol im Jahre 1428.

Mit einem Exkurs über die Ursprünge des Gauderfestes in Zell am Ziller

BARBARA DENICOLÒ

Die Versorgung des landesfürstlichen Hofs in Innsbruck unter Friedrich IV. von Tirol

TOBIAS PAMER

„wann das ewr gnad horen wil“. Der Rotulus des Peter von Spaur.

Ein Zeugnis zur kriegerischen Auseinandersetzung und politischen Kommunikation der Spaurer Fehde

ELENA TADDEI

Vom Trentino über Tirol an den Kaiserhof: Die Hofkarrieren der Castelletti, Herren von Nomi, als Beispiel für Eliten am fürstlichen Hof im 16. und 17. Jahrhundert.

Forschungsaufriss und -desideratum

FLORIAN MESSNER

Der Henker und sein Richtschwert.

Ein einschneidender Aspekt des Tiroler Strafvollzuges in der Neuzeit

HANSJÖRG RABANSER

„Sonders hab ich nicht leicht was schöners gesehn [...].“

Die Reise von Andreas Alois Dipauli von Pavia in die Heimat (1785)

ISABELLA BRANDSTÄTTER

Frauen in Tirol in Stadt und Land 1916 bis 1925:

Eine Printmedienanalyse

Themenschwerpunkt: Anstaltsgeschichte zusammengestellt von Ulrich Leitner

ULRICH LEITNER

Einführung

DANIELA STEINBERGER

Außerfamiliäre Kleinkinderbetreuung um 1900.

Der Tiroler Kulturkampf und die Entstehung erster Kindergärten am Fallbeispiel Telfs

ELISABETH MARIA GRUBER

Die Sammeldeportation vom Milser St.-Josefs-Institut zur Euthanasietötungsanstalt Hartheim.

Ein Beitrag zur Euthanasie in Tirol

ULRICH LEITNER

Wiedererzählen als Erinnerungspraktik. Mehrfacherzählungen und ihre erinnerungs- und gedächtnispolitische Relevanz in der Aufarbeitung der Heimgeschichte

Forum

CHRISTINA ANTENHOFER / EMANUELE CURZEL / JOACHIM GATTERER / KURT SCHARR / MICHAEL SPAN

100 Jahre Regionalgeschichtsforschung im historischen Tirol.

Projektskizze

CHRISTINA ANTENHOFER / MERCEDES BLAAS / RICHARD SCHOBER

Univ.-Prof. Dr. Josef Riedmann zum 80. Geburtstag

Besprechungen

Maximilian 1. Aufbruch in die Neuzeit. Ausstellung Hofburg Innsbruck 2019, hg. von Monika Frenzel / Christian Gepp / Markus Wimmer. - Maximilianus. Die Kunst des Kaisers, Ausstellung Schloss Tirol 2019, hg. von Lukas Madersbacher / Erwin Pokorny (ERIKA KUSTATSCHER)

Sabine Weiss, Maximilian I. Habsburgs faszinierender Kaiser. – Kaiser Maximilian I. Tirol, Österreich, Europa 1459–1519, hg. von Michael Forcher / Christoph Haidacher (CHRISTINA ANTENHOFER)

Kaiser Maximilian und das Ambraser Heldenbuch, hg. von Mario Klarer (SIEGRID SCHMIDT)

Innichen im Früh- und Hochmittelalter.

San Candido dall’alto Medioevo al Duecento.

Akten der internationalen Tagung Innichen 2019.

Atti del Convegno internazionale San Candido 2019, hg. von Gustav Pfeifer (BARBARA DENICOLÒ)

Das größere Salzburg. Salzburg jenseits der heutigen Landesgrenzen, hg. von Fritz Koller / Erich Marx / Franz Wieser (BARBARA DENICOLÒ)

Lukas Wolfinger, Die Herrschaftsinszenierung Rudolfs IV. von Österreich (JULIA HÖRMANN-THURN UND TAXIS)

Die römische Kurie und das Geld.

Von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zum frühen 14. Jahrhundert, hg. von Werner Maleczek (JULIA HÖRMANN-THURN UND TAXIS)

Tiroler Burgenbuch. XI. Band: Nordtiroler Unterland, hg. von Julia Hörmann-Thurn und Taxis unter Mitarbeit von Désirée Mangard (JOSEF RIEDMANN)

Adelina Wallnöfer, Die politische Repräsentation des gemeinen Mannes in Tirol. Die Gerichte und ihre Vertreter auf den Landtagen vor 1500 (MICHAELA MARINI)

Luther und Tirol. Religion zwischen Reform, Ausgrenzung und Akzeptanz. Ausstellungskatalog Schloss Tirol 2017, hg. von Leo Andergassen (STEFAN EHRENPREIS)

Francesca Brunet, “Per essere quest’ufficio la chiave dell’Italia e Germania ...” La famiglia Taxis Bordogna e le comunicazioni postali nell’area di Trento e Bolzano (XVI–XVIII).

„Da dieses Amt der Schlüssel für Italien und Deutschland ist ...“ Die Familie Taxis Bordogna und die Postverbindungen im Raum Trient und Bozen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert (LENA OETZEL)

Das Mausoleum von Erzherzog Johann in Schenna, hg. von Franz Spiegelfeld (KARIN SCHNEIDER)

Anna Grillini, La guerra in testa. Esperienze e traumi di civili, profughi e soldati nel manicomio di Pergine Valsugana (1909–1924) (ELENA TADDEI)

Francesco Frizzera, Cittadini dimezzati.

I profughi trentini in Austria-Ungheria e in Italia (1914–1919) (JOSEF RIEDMANN)

„Wir gehen furchtbar ernsten Zeiten entgegen.“

Die Tagebuchaufzeichnungen von Markus Graf Spiegelfeld aus den Jahren 1917–1923, hg. von Matthias Egger (ERIKA KUSTATSCHER)

La storia va alla guerra. Storici dell’area trentino-tirolese tra polemiche nazionali e primo conflitto mondiale, hg. von Giuseppe Albertoni / Marco Bellabarba / Emanuele Curzel (HANS HEISS)

Azra Bikic / Laurence Cole / Matthias Egger / Lukas Fallwickl / Angelica Herzig, Schwere Zeiten. Das Tagebuch des Salzburger Gemischtwarenhändlers Alexander Haidenthaller aus dem Ersten Weltkrieg (KURT SCHARR)

Andreas Micheli, „... Heimat, die doch meine Heimat nicht ist ...“ Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Arzt Richard Huldschiner (KURT SCHARR)

Claudia Rauchegger-Fischer, „Sind wir eigentlich schuldig geworden?“ Lebensgeschichtliche Erzählungen von Tiroler Frauen der Bund-Deutscher-Mädel-Generation (HELGA EMBACHER)

Peter Pirker, Codename Brooklyn. Jüdische Agenten im Feindesland.

Die Operation Greenup 1945. Mit einem Fotoessay von Markus Jenewein (JOACHIM GATTERER)

Hans Heiss / Stefan Lechner, Erich Amonn. Bürger, Unternehmer, Politiker 1896–1970 (JOACHIM GATTERER)

Thomas Jehle, Die auswärtige Kulturpolitik des Freistaates Bayern 1945–1978 (JOSEF RIEDMANN)

Horst Schreiber, Gedächtnislandschaft Tirol.

Zeichen der Erinnerung an Widerstand, Verfolgung und Befreiung 1938–1945 (ANDREA BRAIT)

Brigitte Mazohl / Rolf Steininger, Geschichte Südtirols (KORDULA SCHNEGG)

Sebastian De Pretto, Im Kampf um Geschichte(n).

Erinnerungsorte des Abessinienkriegs in Südtirol (STEFAN LECHNER)

Archive in Südtirol / Archivi in Provincia di Bolzano.

Geschichte und Perspektiven / Storia a prospettive, hg. von Philipp Tolloi (MATTHIAS EGGER)

Lost &Found. Archäologie in Südtirol vor 1919.

Archeologia in Alto Adige prima del 1919, hg. von Günther Kaufmann / Andreas Putzer (THOMAS KÜHTREIBER)

Abstracts

Autorinnen und Autoren dieses Bandes

Editorial

Die Arbeit an Band 84 (2020) der Tiroler Heimat stand im Zeichen einschneidender Ereignisse: Zum einen ist heuer der 100. Jahrestag der Gründung der Tiroler Heimat, deren erster Band 1921 erschien. Noch während der Arbeit am heurigen Band begann also bereits die intensive Vorbereitungsphase für einen Jubiläumsband im nächsten Jahr, begleitet von Initiativen, die uns mit anderen Zeitschriften in der Region verbinden, welche ebenso ihr hundertjähriges Bestehen feiern, ganz besonders mit den Kolleg*innen der Studi Trentini di Scienze Storiche. Es ist zudem ein schöner Zufall, dass zugleich Josef Riedmann, der langjährige Herausgeber der Tiroler Heimat, in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert. Im Forum gratulieren wir ihm dazu herzlich und stellen zudem ein Projekt vor, das der Aufarbeitung der Geschichtsforschung der letzten hundert Jahre in der Publizistik der Europaregion Trentino-Südtirol-Tirol gewidmet ist.

2020 hat uns zum anderen mehr als bisher vor Augen geführt, wie schnell Staatsgrenzen und selbst Grenzen zwischen Bundesländern wieder schließen können. Niemand hätte zu Jahresbeginn gedacht, dass es nicht selbstverständlich möglich sein könnte, über den Brenner zu fahren. Covid-19 hat Staatsmacht und zugleich Ohnmacht gegenüber Naturkatastrophen, wie diese Pandemie letztlich eine ist, schmerzlich sichtbar gemacht. Trotz der für die Forschung schwierigen Begleitumstände wie geschlossener Bibliotheken und Archive konnten alle Autor*innen ihre Beiträge für den diesjährigen Band pünktlich liefern. Ihnen und auch allen Gutachter*innen gilt unser besonderer Dank. Dies umso mehr, als im vorliegenden Band eine ganze Reihe von Nachwuchswissenschafter*innen Ergebnisse ihrer Master- und Diplomarbeiten präsentieren, vielfach sind dies somit die ersten wissenschaftlichen Aufsätze. Aktive Nachwuchsförderung ist ein besonderes Anliegen der Tiroler Heimat. Gemeinsam mit den Gutachter*innen konnten wir die jungen Kolleg*innen konstruktiv unterstützen und freuen uns, auf den folgenden Seiten viel junge Forschung und neue Forschungsansätze präsentieren zu können.

Dem Thema obrigkeitlicher Macht in der Form des Anstaltswesens ist der Themenschwerpunkt dieses Bandes gewidmet, in dem ULRICH LEITNER drei Beiträge zu diesem belasteten Kapitel der Geschichte von Kindheit und Jugend in der Region des historischen Tirol zusammengestellt hat. Die Unterbringung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in verschiedenen Formen von außerfamiliären Anstalten wird hier aus drei Perspektiven in den Blick genommen. DANIELA STEINBERGER betrachtet die Entstehung der ersten Kindergärten in Tirol am Fallbeispiel Telfs und beleuchtet die Unterschiede zwischen Kindergärten und Kinderbewahranstalten, die verschiedenen politischen Lagern zugeordnet und dadurch auch im Tiroler Kulturkampf zum Thema wurden. ELISABETH MARIA GRUBER wendet sich dem dunklen Kapitel der Sammeldeportation von 67 Menschen mit Behinderungen aus dem St.-Josef-Institut in Mils im Dezember 1940 in die Euthanasieanstalt Hartheim zu und versucht Licht in die noch immer nicht völlig aufgearbeiteten Schicksale und Umstände zu bringen. ULRICH LEITNER untersucht schließlich das Wiedererzählen als eine besondere Form der Erinnerungspraktik am Beispiel von Interviews, die in Projekten zur Aufarbeitung der Heimgeschichte in Tirol stattgefunden haben. In seinem einleitenden Beitrag hält Leitner zudem fest, dass es gelte, die vielfältigen Formen der Anstaltsgeschichte auch als Gesamtkomplex intensiv zu erforschen, um damit den besonderen Kindheiten und Jugenderfahrungen nachzugehen, die Menschen außerhalb der Familie erlebten.

Weitere Themenschwerpunkte dieses Bandes gelten dem Reisen sowie den Beziehungen zum italienischen Raum. JOSEF RIEDMANN stellt einen Reisebericht aus dem Jahr 1428 vor, als eine Delegation aus Pordenone über Friaul, Kärnten, Steiermark, Salzburg und Tirol nach Innsbruck zu Friedrich IV. reiste. Zugleich weist er nach, dass diese Quelle nicht, wie fälschlich postuliert, der erste Beleg für das Gauderfest in Zell am Ziller ist. ELENA TADDEI betrachtet die Hofkarrieren der Castelletti, Herren von Nomi, in habsburgischen Diensten als Beispiele für Eliten am fürstlichen Hof im 16. und 17. Jahrhundert. HANSJÖRG RABANSER widmet sich wie schon in den Bänden 80 und 81 der Tiroler Heimat den Reiseaufzeichnungen des Tiroler Gelehrten Andreas Alois Dipauli und dokumentiert im dritten Teil seiner Reisetrilogie dessen Heimreise von Pavia nach Tirol im Jahr 1785.

Friedrich IV. von Tirol bündelt weitere Forschungen dieses Bandes. BARBARA DENICOLÒ bietet anhand ihrer umfassenden Aufarbeitung der Rechnungsbücher detaillierte Einblicke in die Versorgung des landesfürstlichen Hofs in Innsbruck unter diesem habsburgischen Landesherrn. TOBIAS PAMER erschließt über den noch kaum bearbeiteten Spaurer Rotulus die kriegerische Auseinandersetzung und politische Kommunikation im Zuge der Spaurer Fehde zwischen Friedrich IV. und Peter von Spaur.

In ein dunkles Kapitel der Tiroler Geschichte führt FLORIAN MESSNER, der sich über das Objekt des Richtschwerts aus archäologischer Perspektive mit der Geschichte des Tiroler Strafvollzugs in der Neuzeit befasst. ISABELLA BRANDSTÄTTER wendet sich schließlich der Konstruktion von Frauenrollen und des Bildes von Frauen im städtischen und ländlichen Bereich Tirols zwischen 1916 und 1925 durch Printmedien zu. Dabei interessiert sie besonders die Frage, wie und ob Frauen über die Zeitschriften kommunizierten und wie sich Geschlechterrollen nach den Kriegserfahrungen in den Nachkriegsjahren wieder schnell normalisieren konnten.

CHRISTINA ANTENHOFER / RICHARD SCHOBER

Eine Reise durch Tirol im Jahre 1428
Mit einem Exkurs über die Ursprünge des Gauderfestes in Zell am Ziller

JOSEF RIEDMANN

Im Jahre 1865 erschien in der Reihe der Fontes rerum Austriacarum. Österreichische Geschichts-Quellen, herausgegeben von der Historischen Commission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien als Band II/24 eine Dokumentation mit dem barock anmutenden Titel Diplomatarium Portusnaonense. Series documentorum ad historiam Portusnaonis spectantium quo tempore (1276–1514) domus Austriace imperio paruit, hinc inde lectorum cura et opera Iosephi Valentinelli bibliothecario Palatinae Venetiarum prefecti. Quaedam promittuntur annorum 1029–1274.1 Es handelt sich also um eine Sammlung von Urkunden und Akten, welche Pordenone betreffen, und zwar für den Zeitraum von 1276 bis 1514, in dem die friaulische Stadt der Herrschaft des Hauses Österreich untertan war. Dazu kamen ergänzende Schriftstücke aus der Zeit von 1029 bis 1274. Der Herausgeber der Dokumentation, Giuseppe Valentinelli, Präfekt der berühmten Bibliothek Marciana in Venedig, hatte sich als geschätzter Latinist einen Namen gemacht und war auch bereits mehrfach als Editor von historischen Quellen hervorgetreten. Valentinelli gehörte der königlichen böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften sowie der bayerischen Akademie München und der kaiserlichen Akademie in Wien als Mitglied an und war damit völlig integriert in die historische Wissenschaftsszene nördlich der Alpen.2

Der Band wurde selbst bald nach seinem Erscheinen gewissermaßen zu einem historischen Dokument: Österreich musste 1866 nach der Niederlage gegen Preußen Venetien an Frankreich bzw. an das junge Königreich Italien abtreten. Die erst seit dem Wiener Kongress bestehenden und damit kurzfristigen engen Bindungen des Nordostens der Apenninenhalbinsel an Wien gehörten damit der Geschichte an.

Diese Feststellung einer nur kurzen zeitlichen Zusammengehörigkeit trifft allerdings für Pordenone nur zum Teil zu. Die Stadt am Noncello zählte im Mittelalter durch Jahrhunderte zum Herrschaftsbereich der Habsburger, die diese Rechte von den Babenbergern übernommen haben. Diese waren ihrerseits wiederum als Erben der steirischen Otakare in diese Position gelangt.3 Als Flusshafen und Stützpunkt auf dem Weg nach dem Süden, insbesondere nach Venedig, besaß Pordenone für die österreichischen Landesfürsten eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Im Titel der Habsburger begegnet regelmäßig die Bezeichnung dominus Portusnaonis bzw. herr zu Portenau, und bei Belehnungen der Habsburger durch das Reichsoberhaupt scheint dieser Rechtstitel ebenfalls auf. In dem von Herzog Wilhelm 1401 der Stadt verliehenen Wappen, ein mit zwei Flügeln geöffnetes Stadttor mit einem zentralen österreichischen Bindenschild über den Wogen des Meeres,4 ist die Präsenz der sehr entfernt residierenden Landesfürsten allgemein sichtbar, und bei Restaurierungsarbeiten fand man in den letzten Jahren an einigen Baulichkeiten der Stadt wieder spätmittelalterliche Fresken mit dem Bindenschild.

Seit dem 14. Jahrhundert, zur Zeit der Herrschaftsteilungen der Habsburger, zählte Pordenone mit der Steiermark, Kärnten und Krain zum sogenannten innerösterreichischen Bereich. Der unglückliche Ausgang des Krieges Kaiser Maximilians gegen Venedig führte dann im 16. Jahrhundert zum offiziellen Verzicht auf alle Rechte über Pordenone. Dennoch setzten auch die späteren Habsburger Zeichen, ihre Ansprüche auf die Herrschaft über die Stadt in Friaul aufrechtzuerhalten: Im sogenannten Großen Titel der Habsburger findet das Dominus Portus Naonis noch bis in das 18. Jahrhundert Verwendung.5

Auch in Innsbruck hat die Zugehörigkeit Pordenones zur Herrschaft von Österreich insofern Spuren hinterlassen, als auf dem berühmten Wappenturm Maximilians I. auch das Stadtwappen dieser friaulischen Kommune angebracht war. Ebenso findet sich das Wappen auf der von Maximilian gestifteten großen Glocke in Schwaz,6 und auf Denkmälern Erzherzog Ferdinands II. sowie Maximilians des Deutschmeisters in der Tiroler Landeshauptstadt erscheint ebenfalls noch das Wappen von Pordenone.7

Engere Beziehungen der Stadt zu Tirol sind jedoch kaum nachweisbar. Die Edition aus dem Jahre 1865 enthält aber immerhin drei Dokumente, die – wenn auch in sehr ungleicher Gewichtung – auch Einsichten in die mittelalterliche Geschichte Tirols vermitteln.

Das erste dieser Schriftstücke bereitet bei seiner Interpretation allerdings eine Reihe von Schwierigkeiten: Demnach verlieh im Oktober 1469 Jakob Spaur, Dei et apostolice sedis gratia episcopus brixinensis, bei seinem Aufenthalt in Pordenone der dortigen Markuskirche einen Ablass von 40 Tagen. Diese Privilegierung entsprach einer damals viel geübten Praxis, und auch der Text der Urkunde folgt dem gewohnten, standardisierten Formular für derartige Gnadenerweise. Doch in Brixen ist ein Bischof dieses Namens nicht nachweisbar. Die Versuche zur Lösung dieses Rätsels erweisen sich als einigermaßen kompliziert: Nach dem Tod des Nicolaus Cusanus im Jahre 1464 konkurrierten drei Kandidaten um den Bischofsstuhl am Eisack: der vom Domkapitel gewählte Georg Golser, Kardinal Francesco Gonzaga als von Papst Paul II. bestellter Brixner Oberhirte, und Leo von Spaur, der von Kaiser Friedrich III. unterstützt wurde. Das Reichsoberhaupt konnte sich darauf berufen, dass ihm aufgrund eines päpstlichen Privilegs die Nomination eines Bischofs von Brixen zustünde. Während der Gonzaga mit der Würde eines Oberhirten in Mantua abgefunden werden konnte, gestaltete sich die Entscheidung zwischen dem Spaur und Golser wesentlich langwieriger. Leo von Spaur gewann auch das Wohlwollen des Papstes und wurde von diesem 1469 in Rom zum Bischof geweiht. So konnte er sich mit Recht als Brixner Oberhirte „von Gottes und des Apostolischen Stuhles Gnaden“ bezeichnen. Nun ist aber nach dem Wortlaut der Edition die Urkunde für die Kirche von Pordenone von einem Iacobus und nicht von einem Leo Spaur ausgestellt. Eine Verschreibung des Namens des Ausstellers der Urkunde ist auszuschließen. Als Lösung für dieses Problem kann man am ehesten hypothetisch einen Lesefehler annehmen: Dem Herausgeber der Dokumentensammlung lag nach eigener Angabe das Original des Ablassbriefes vor, und gerade diese Urkundengattung zeichnet sich durch eine manieristische, üppige Gestaltung des Namens und der ersten Worte der Urkunde aus. Auf diese Weise könnte es zu einer Verlesung von Leo zu Iacobus gekommen sein, etwa, indem ein verziert geschriebenes Leo als Abkürzung angesehen und irrtümlich als laco(bus) ergänzt wurde.8 Ersetzt man Iacobus durch Leo, so ergibt sich die Möglichkeit einer sehr ansprechenden Interpretation: Dem soeben in Rom geweihten Bischof war ein Betreten seiner Diözese wegen des Festhaltens des Domkapitels und Herzog Sigmunds an Georg Golser als Bischof verwehrt. Daher suchte der Neugeweihte wiederum seinen kaiserlichen Gönner auf, und bei seiner Rückreise von Rom in den Norden betätigte er sich im österreichischen Pordenone als geistlicher Wohltäter. Erst zwei Jahre später erhielt Leo von Spaur als erster Bischof des neugegründeten Bistums Wien eine angemessene Funktion übertragen.9

Ein zweites Dokument in der Edition bietet ebenfalls einen Bezug zu Tirol: Um 1470 amtierte einige Zeit hindurch Friedrich von Castelbarco als vom Stadtherrn, König Friedrich III., bestellter Hauptmann über Burg und Stadt Pordenone. Der Castelbarker, ein Angehöriger des bekannten, weit verzweigten Adelsgeschlechtes im Lagertal südlich von Trient, war durch seine Vertrautheit mit der italienischen Sprache und als kaiserlicher Truchsess sowie camerarius für diese Aufgabe gewiss prädestiniert. Friedrich bekleidete einige Jahre hindurch diese Position im isolierten österreichischen Vorposten in Friaul, und er liegt auch in Pordenone begraben.10

Es ist mehr oder weniger dem Zufall zu verdanken, dass unter den mittelalterlichen Dokumenten, welche die Stadt Pordenone betreffen, auch eine dritte, umfangreichere Aufzeichnung überliefert ist. Sie hat in der einschlägigen historischen Literatur bisher kaum oder höchstens punktuell Beachtung gefunden.11 Dabei bietet sie aber doch einige Aufschlüsse über die inneren Verhältnisse in den heutigen österreichischen Bundesländern Kärnten, Steiermark und Salzburg sowie besonders in geographischen Bereichen, die im ausgehenden Mittelalter schon zur Grafschaft Tirol gehörten oder im Laufe späterer Jahrhunderte noch dazu gekommen sind.

Im Jahre 1428 beschlossen Hauptmann, Rat und Kommune von Pordenone die Herren Gasparus und Zandanielis als Beauftragte an den dominus der Stadt zu senden, um diesem eine Reihe von Anliegen zur Kenntnis zu bringen. Neben der Bestätigung der traditionellen Freiheiten ging es um den Bau von Befestigungen im Zusammenhang mit den territorialen Ambitionen Venedigs sowie um Hilfe in weiteren Streitfällen, bei denen der illustrissimus dominus für seine Stadt tätig werden sollte.12

Landesherren im innerösterreichischen Herrschaftsbereich der Habsburger waren nach dem Tode von Herzog Ernst dem Eisernen im Jahre 1424 nominell dessen Söhne, der 1415 in Innsbruck geborene Friedrich, der spätere Kaiser Friedrich III., sowie dessen jüngerer Bruder Albrecht VI. Bis zur Erreichung der Volljährigkeit der beiden führte aber ihr Onkel, der Tiroler Landesfürst Herzog Friedrich (mit der leeren Tasche), als Ältester dieses Zweiges der Familie die Regierung auch in der Steiermark, Kärnten, Krain und den anderen dazu gehörenden Territorien, darunter eben auch in Pordenone. Die Gesandtschaft aus dieser Stadt musste also 1428 den Hof des Tiroler Landesfürsten aufsuchen, um ihre Anliegen vorzubringen. Herzog Friedrich nahm seine Aufgabe als Vormund offensichtlich sehr ernst, denn er hielt sich gerade im Jahre 1428 vornehmlich im damals zu Innerösterreich gehörenden Wiener Neustadt und in Graz, aber auch in Wien auf. Erst im September machte sich der Herzog auf den Weg nach Tirol. Am 20. September war er in Leoben. Am 1. Dezember ist er dann urkundlich in Innsbruck nachweisbar.13

Am Mittwoch, dem 13. Oktober 1428, beginnt die in lateinischer Sprache gehaltene Aufzeichnung der Abgesandten der Kommune von Pordenone über ihre Reise zum dominus illustrissimus.14 Die Namen der Teilnehmer sind nicht angeführt. Es dürften wohl die in der Beauftragung genannten Gasparus und Zandanielis mit einem weiteren Begleiter gewesen sein.15 Als Verfasser des Dokuments kann der Erstgenannte angenommen werden, denn einmal ist vom Pferd Danielis die Rede,16 womit wohl Zandanielis (= Giovanni Danielis) gemeint war.

Am Beginn der täglichen Eintragungen steht üblicherweise die Angabe des Tages, zum Teil in der heute üblichen Zählung innerhalb des Monats, zum Teil auch ergänzt durch den Wochentag. Gelegentlich haben sich in der Abfolge der täglichen Ausgaben auch Irrtümer eingeschlichen. Angeführt sind meistens die Orte, in denen man zu Mittag gegessen und am Abend in einer Herberge übernachtet hat. Sehr häufig werden die Entfernungen zwischen den einzelnen Stationen in Meilen festgehalten.

Bei der Schreibung der Ortsnamen kam es meist zu gröberen Verballhornungen, die einmal darauf zurückzuführen sind, dass die Angaben auf den Aussagen und damit auch auf der Aussprache der Namen durch die Bewohner basieren. Einige Örtlichkeiten sind daher nicht eindeutig identifizierbar.17 Erschwerend kommt dazu, dass als Vorlage für die Edition offenbar nicht das Original der Aufzeichnung gebildet hat, sondern eine Abschrift. Darauf deuten die im Druck zwei Mal angeführten Punkte (...) anstelle eines Ortsnamens hin. Anscheinend war der Text an dieser Stelle nicht eindeutig lesbar, und es dürfte auch generell zu Lesefehlern bei Namen gekommen sein, sei es bei der Herstellung der Kopie oder auch im Zuge der Edition.18

Der in einem sehr einfachen mittelalterlichen Latein formulierten Niederschrift, die offensichtlich als nachvollziehbarer Beleg für eine Endabrechnung dienen sollte, fehlt jegliche literarische Ambition. In den ausnahmslos kurzen Sätzen ist die Ausdrucksweise in der Wortwahl sehr beschränkt und geprägt von stereotypen Wiederholungen. So sind die verwendeten Epitheta, etwa für Dörfer, fast immer dieselben. Eindeutige Worte in Volgare finden sich sehr selten.19 Von einem Einfluss des sich im beginnenden 15. Jahrhundert in Italien entwickelnden Humanismus auf die Sprache des Dokuments ist nichts zu verspüren.

Die Aufzeichnung nennt als erste Station Spilimbergo nordöstlich von Pordenone am Tagliamento. Von dort schlug man eine Route ein, die direkt nach Norden führte. Möglicherweise war in Pordenone im Herbst 1428 der Aufenthalt Herzog Friedrichs in der Obersteiermark bekannt geworden. Über San Daniele, Venzone, Pontebba, Coccau, Arnoldstein (Oristang), Villach, St. Veit, Friesach, Neumarkt, Scheifling (Sagulin) und Judenburg erreichten die Abgesandten in einem zügigen Ritt nach einer Woche am 20. Oktober Knittelfeld (Nuchtiluelth). Von dort wandten sie sich zunächst nach Osten, nach Leoben (Leunz).20 Mehr als zehn Tage verbrachten sie dann in dieser Gegend, wobei insbesondere mehrere Begegnungen mit Konrad von Kraig zu einer eher unfreiwilligen Verlängerung des Aufenthaltes führten. Konrad befand sich damals mit seinen Brüdern auf der Burg Ehrnau im Liesingtal bei Mautern nordwestlich von Leoben,21 und er war als langjähriger Landeshauptmann von Kärnten und Hofmeister bei Herzog Ernst und sodann beim Tiroler Landesfürsten Friedrich22 für die Abgesandten zweifellos ein sehr wichtiger Ansprechpartner für ihre Anliegen. Allerdings waren diese Kontakte auch mit größeren Ausgaben verbunden, denn das Wohlwollen des Kraigers musste mit Geldgeschenken an ihn sowie an dessen Bruder Johann23 und an sein Gefolge erkauft werden. Auch die Aushändigung von Schriftstücken, wohl für Herzog Friedrich bestimmt, war mit Zahlungen verbunden.

Erwähnt werden in diesem ersten Abschnitt der Reise einige auffällige topographische Gegebenheiten, wie die sehr mächtige Burg Federaun (Vedron) an der Gail (la Zegla) und die Drau (Dian) als großer Fluss bei dem stark befestigten Villach. Ein Prädikat als schöne Orte erhielten Villach, Friesach und Judenburg. Den gegenteiligen Eindruck hatte man in St. Michael vor Leoben, wo auch der Gastwirt eine entsprechende negative Beurteilung erfuhr. Aufgefallen sind den Reisenden generell die vielen Burgen entlang ihrer Route. Kulturgeschichtliche Bemerkungen sind eher selten: In Friesach wurde die Reisegesellschaft besonders freundlich aufgenommen, weil man mit dem Wirt Nicolaus Crayger bekannt war. Die Höhe der von ihm verlangten Bezahlung erweckte das offensichtliche Erstaunen der Reisenden, „weil er wollte nicht mehr“.24 In Leoben, wo sich die duchessa – Zimburgis von Masowien, die Witwe nach Herzog Ernst (dem Eisernen), – aufhielt, gibt es pulcerime(!) domicelle, und ebenda erhielten auch pifari und liuti, also Pfeifer und Lautenspieler, die den Gästen aufwarteten, eine Belohnung.25

Erst am Dienstag, den 2. November, konnten die Reisenden ihren etwas unfreiwillig verlängerten Aufenthalt im Gebiet von Leoben beenden.26 Nun wusste man offensichtlich, dass der zuständige Landesfürst, Herzog Friedrich, in seinen Tiroler Stammlanden zu finden war. Nach einer Nächtigung in Gries gelangte man über Rottenmann am Abend nach Henspruch.27 Am nächsten Mittag speiste man dann in Irdning (Biernim). Die Orte, in denen man in der Folge das Quartier bezog und am nächsten Tag das Mittagessen einnahm, lassen sich nicht mit Sicherheit identifizieren. Anstelle des entsprechenden Namens zeigt die Edition einmal eine Lücke bzw. eine stark verballhornte Angabe.28 Dann übernachtete man in einem Dorf mit Namen St. Johann, und am nächsten Tag gelangte man wieder in einen Ort mit dem gleichen Namen.29

Bemerkenswert ist das häufige Lob für die Unterkünfte sowie für die schönen Orte. Ebenso fand man bisweilen durchaus auch Gefallen an der Qualität des Weines, weniger aber am dafür zu zahlenden Preis. Massiv hingegen waren die Klagen über den Zustand der Wege. Dazu kamen starker Regen und Schneefall. Die Notwendigkeit für den Kauf von zwei Paar Handschuhen ist nachvollziehbar. Man hatte auch einen sehr hohen Berg zu übersteigen, wo ein Wald bis in den Himmel reichte und angeblich Räuber und Mörder hausten. Dass die Reisegesellschaft diese gefährliche Strecke sicher hinter sich bringen konnte, wurde auf das schlechte Wetter zurückgeführt, denn es fiel so viel Schnee, dass die Pferde bis zu den Knien darin versanken. Der Weg war zudem so schmal, dass kaum für einen einzelnen Menschen Platz war.30

Am Samstag, den 6. November, erreichte man Emproch,31 wo das Quartier sehr teuer war und der Wein so viel kostete wie ein Malvasier, also eine besonders geschätzte, aber auch teure Sorte. Immerhin stellte sich der Wirt als Führer für die Weiterreise zur Verfügung. Die Klagen über die schlechten äußeren Bedingungen fanden in der Folge ihre Fortsetzung. Zwar hatte der Schneefall aufgehört, aber an die sechs Meilen waren im tiefen Schnee auf einer äußerst gefährlichen, abschüssigen und steilen Strecke zurückzulegen.32

₺1.399,45