Kitabı oku: «Im Alten Reich»
Ricarda Huch
Im Alten Reich
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2021 OK Publishing
EAN 4066338117472
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Frankfurt a/Main
Mainz
Friedberg i/Hessen
Limburg
Gelnhausen
Wetzlar
Schwäbisch-Hall
Schwäbisch-Gmünd
Nördlingen
Regensburg
Bautzen
Görlitz
Stendal
Tangermünde
Stralsund
Wismar
Lübeck
Lüneburg
Hildesheim
Goslar
Quedlinburg
Halberstadt
Hameln
Enger i/W.
Münster
Soest
Paderborn
Hersfeld
Erfurt
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Ich gestehe, daß ich aus Liebe zur Vergangenheit von verschiedenen alten Städten erzähle. Ich glaube, daß es eine Grenze des Umfangs gibt, jenseits welcher die Dinge und Verhältnisse nicht mehr schön, nicht mehr zweckdienlich, nicht organisch mehr sein können, und ich glaube, daß wir diese Grenze überschritten haben. Nur das halte ich dem Menschen angemessen, was er persönlich übersehen kann, nur das befriedigt seinen Schönheitssinn und seine Vernunft. Aus diesem Grunde liebe ich unsere alten Städte so wie sie bis etwa zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts waren. Sie hatten drei Feinde: das Feuer, die Franzosen und die Zerstörungswut und den Ungeschmack der neuen Zeit. Es liegt mir fern, den Menschen das Recht absprechen zu wollen, das Überlieferte nach ihrem Bedürfnis und Geschmack umzugestalten, insbesondere der Schrei nach Luft und Licht war ohne Frage berechtigt. Alle Lebensformen, auch die besten, verderben oder erstarren einmal; hätte man immerhin verändert und niedergerissen, wenn man nur etwas Gutes, Taugliches an die Stelle gesetzt hätte. Ich weiß wohl, daß die Kraft, zu schaffen, sich nicht zwingen läßt, daß nie die gleichen Bedingungen wiederkehren, und daß etwas Verquältes entsteht, wenn man eine Richtung erzwingen will, die dem Zeitgeist nicht entspricht. Indessen könnte der Zeitgeist, der über menschlichem Willen und menschlicher Einsicht ist, auch einmal zur geschlossenen, organischen Form zurückkehren; tut er es nicht, so muß es doch erlaubt sein, des Schönen, Großen und Merkwürdigen, was unsere Vorfahren hervorgebracht und erlebt haben, mit Anteil und vielleicht mit Wehmut zu gedenken. Man braucht nicht ohne Sinn für die Gegenwart zu sein, wenn man die Vergangenheit und ihre Werke schätzt. Viele wissen nicht, wieviel Ursachen wir Deutsche haben, auf unseren Reichtum an Schönheit stolz zu sein, und daß wir nicht nötig hätten, nach Italien zu reisen, um Kunstwerke anzustaunen, wenn dies glückliche Land nicht eins vor uns voraus hätte: das gute Wetter. Wir haben fast immer schlechtes, und zwar ein solches, in dessen tonloser Stumpfheit alles Schöne erlischt. Daß ich einen stimmungsvollen Himmel über meinen geschilderten Städten aufgerichtet habe, wird man mir hoffentlich als poetische Freiheit zugute halten, nicht als Fälschung vorwerfen.
Eine eingehende Beschreibung wolle man nicht erwarten, die Sache des Kunsthistorikers wäre; ich habe versucht, der Städte geschichtliches Dasein in kleinen Zügen, wie sie mir zu Gebote standen, aufleben zu lassen und dadurch zugleich ihre Erscheinung zu würdigen. Niemand kann sagen, wieviel von dem Aroma eines Bauwerks, einer Landschaft, einer Stadt von den großen oder merkwürdigen Erinnerungen abhängt, die damit verknüpft sind. Zuweilen geht von einer alten Mauer ein Hauch aus, der uns überzeugt, hier müsse Wunderbares sich begeben haben, auch wenn wir es nicht wissen; umgekehrt kann unser Wissen Steine formen und melodisch erbeben lassen.
Von den Neubauten des verflossenen Jahrhunderts, die das Bild der alten Städte so vielfach stören, habe ich wenig gesprochen; ich habe sie ignoriert wie das schlechte Wetter, damit meine bescheidenen Skizzen desto hübscher würden.

Frankfurt a/Main
Inhaltsverzeichnis
Das alte Reich konnte eine Hauptstadt nicht haben, denn sein Haupt, der Kaiser, hatte keinen festen Sitz, sondern wanderte, wenn er nicht Krieg führte, von Ort zu Ort, um seiner höchsten Aufgabe zu genügen, nämlich Recht zu sprechen. Die Kaiser waren keine Monarchen in dem später aufkommenden Sinne und das alte Reich kein Fürstentum nach heutigem Begriff; eher könnte man es ein Gottesreich nennen, mit einem Richter an der Spitze, dem das Volk sich freiwillig unterwarf, wie der Mensch sich Gott unterwirft. Die Idee eines höchsten Herrn, der Gott und göttliche Gerechtigkeit auf Erden vertritt, ist uralt und taucht immer wieder auf, sei es durch Überlieferung oder weil der menschliche Geist überall und jederzeit Ideen hervorbringen muß, die mit ihm übereinstimmen und die das Vereinzelte zum Universum runden. Aus fernstem Altertum stammt der betupfte Königsmantel als Abbild des gestirnten Himmels, der Reichsapfel als Bild der Erde, die in der Hand Gottes ruht und so in der Hand seines irdischen Vertreters ruhen sollte. Es gehört zu dieser uralten Kaiseridee, daß der Erwählte die ganze Erde beherrsche, wenn sich das auch niemals verwirklicht hat.
Ist die Grundidee stets dieselbe, so gestaltet sie doch jedes Volk anders, nach dem Urbild, das in ihm wohnt, in dem es sich selbst verherrlicht und sich selbst ein Ziel setzt. Der römische König und Kaiser deutscher Nation glich dem deutschen Gotte: er war der Inbegriff der Macht, Weisheit, Güte und Gnade, namentlich der Quell des Rechtes und der Freiheit. Ihm gehörte die Erde, nicht damit er sie für sich ausnutzte, sondern damit er sie allem Volk austeile und wieder einziehe, wenn der Belehnte gestorben war oder seinen Anteil durch Schuld verwirkt hatte. Wie Gott den Menschen verlieh er seinem Volke Freiheit und Verantwortlichkeit, er ließ sie, anstatt sie zu fesseln, in weiten Kreisen wirken und schaffen. So bildeten sich mannigfache Formen menschlichen Zusammenlebens in dieser kaiserlichen Republik aus und ergab sich eine Ordnung, die man, obwohl es nicht an strengen Bindungen, zum Teil rein ideellen, fehlte, im Vergleich zu den Anschauungen neuerer Zeit Anarchie nennen könnte.
Einige Orte, die zu den Kaisern in besonderer Beziehung standen, konnte man immerhin Hauptstädte nennen: Aachen als die alte Krönungsstadt, Frankfurt als die Stadt, wo die Kaiser gewählt, später auch gekrönt wurden, Wien als die Residenz der Habsburger in einer Zeit, als die fließenden Verhältnisse des Mittelalters zu erstarren begannen. Denkt man an Frankfurts Lage am Main, der die deutschen Lande in eine nördliche und südliche Hälfte teilt, und daß es Goethes Heimat ist, so darf man es wohl einen Mittelpunkt des alten Reiches nennen.
Wer auf dem Römerberge vor dem Rathause steht, im Hintergrunde prächtig herrschend den Bartholomäusdom aufragen sieht, den Weg überblickt, den die Kaiser unter Glockengeläute zur Krönung zogen, dem wird, wenn er die Geschichte seines Volkes auch nur in großen Zügen kennt, Stolz und Andacht das Herz ergreifen. Der Bogen, den die das Rathaus umgebenden Häuser bilden, gleicht in seinem sanften Schwunge einem Diadem, dessen Mitte der denkwürdige Römer mit Limpurg und Frauenstein einnimmt. Ungleich schöner, durch wundervolle Schnitzereien reich verziert, überaus vornehm wirkend durch den dunkelschwarzen Ton des Holzes, sind andere Häuser des Platzes, namentlich das Salzhaus; der Römer ist erst in neuester Zeit durch einen Balkon, Kaiserfiguren und Wappen geschmückt, aber immer noch schlicht. Es gibt auch originellere und schmückendere Brunnen als der mit der Justitia, und die Nikolaikirche mit dem graziösen Umgang, von dem aus einst die Ratsherren den Mysterienspielen zusahen, die von Handwerkern und Schülern auf dem Platze aufgeführt wurden, steht vielen anderen Kirchen an Schönheit nach. Gemessen an den Verhältnissen moderner Großstädte, ist der Römerberg und seine Umgebung klein, und auch wenn man von solchen Vergleichen absieht, wirkt er mehr anmutig als gewaltig. Das Anmutige, Maßvolle ist für Frankfurt charakteristisch, ein Patengeschenk vielleicht des schöngewundenen Flusses, an dem die Stadt erblühte. Ein Zug der Anmut und Heiterkeit geht auch durch die Geschichte der Republik, wie sie ihrem Dichter, dem größten Deutschlands, eigen sind, dessen Leidenschaft, Tiefe und Tragik in ihrer Erscheinung durch freie Anmut und Mäßigung gemildert werden. Dessenungeachtet vermittelt der Römerberg die Stimmung historischer Größe, und weht es vom Turme der Nikolaikirche schwarzrotgolden, in den Farben der Sturmfahne des alten Reichs, so ertönt er in einem strahlenden Akkord feierlicher Freude.
Die Entstehung Frankfurts hängt mit dem Namen Karls des Großen zusammen, der auf der Flucht vor den Sachsen hier eine Furt gefunden haben soll, die ihm den Übergang über den Main ermöglichte und ihn und sein Heer rettete. Daß eine bequeme Übergangsstelle schon früh zum Entstehen einer Ortschaft Anlaß gegeben hat, ist wahrscheinlich und sicher, daß Karl der Große sich gern dort aufhielt und dem von ihm leidenschaftlich betriebenen Jagdvergnügen in dem großen Reichsforst nachging, von dem noch Teile um Frankfurt erhalten sind. Im Jahre 794 hielt er eine Kirchenversammlung in Frankfurt ab, und im selben Jahre starb dort Fastrada, die geliebteste seiner Frauen. Die Entstehung Sachsenhausens wird darauf zurückgeführt, daß eine Anzahl sächsischer Familien am jenseitigen Ufer angesiedelt wurden, was den Bau der Brücke notwendig machte. Der Neigung des Ahnherrn folgend, hielten Ludwig der Fromme und Ludwig der Deutsche sich gern in Frankfurt auf und in der Pfalz wurde Karl der Kahle geboren und starben Ludwig der Deutsche und dessen Sohn Ludwig. Einige nehmen an, daß Ludwig der Fromme die alte Pfalz umbaute, andere, daß er eine neue errichtete; die Leonhardskirche am Main und der Saalhof sollen die Stellen bezeichnen, wo sie sich befanden. Alle Kaiser, die sich nach den Karolingern in Frankfurt aufhielten, bewohnten den königlichen Hof, bis auf Heinrich VII.; dann verfiel er. Im Jahre 1353 kaufte ihn ein reicher Patrizier namens Knoblauch, von dessen Erben er im 18. Jahrhundert an die Familie Bernus überging. Nach mehrfachem Umbau ist von der alten Pfalz nur noch eine romanische Kapelle übrig, aber auch diese wohl kaum karolingischen Ursprungs.
Auch von der Salvatorkirche, einer karolingischen Gründung, die der Legende nach den Namen daher hat, daß der Sohn Ludwigs des Deutschen, Karl, dort vom Teufel erlöst wurde, der ihn besessen und zur Empörung gegen den Vater angestiftet hatte, ist keine Spur geblieben, da sie ganz im Dome aufgegangen ist. Ein erhebender Augenblick aus der Zeit der sächsischen Kaiser, der fälschlich nach Quedlinburg verlegt worden ist, hängt mit der alten Salvatorkirche zusammen. Als Otto der Große im Jahre 942 nach glücklicher Beendigung von Kriegen und Empörungen in Frankfurt die Weihnacht feiern wollte, warf sich ihm vor dem Portal der Kirche ein Mann im Büßergewande zu Füßen; es war sein Bruder Heinrich, der nach der Niederwerfung des von ihm geleiteten Aufstandes entflohen war. Der Kaiser stutzte und stieß den Flehenden in der ersten Aufwallung des beleidigten Gefühls zurück. Den Bischof, der ihn an die Aufgabe des Christen mahnte, dem Feinde zu verzeihen, erinnerte er daran, daß er das schon siebenmal getan habe, worauf der Bischof die in der früher beliebten Ballade so gefaßten Worte erwiderte: »Nicht siebenmal vergib – Nein, siebenzig mal sieben – das ist dem Herren lieb.« Rethel hat den Augenblick, wo der Kaiser sich verzeihend zu dem knienden Bruder herabbeugt, auf einem Bilde dargestellt, das auf dem Frankfurter Historischen Museum aufbewahrt wird.
Mit dem Jahre 1239 beginnt die Geschichte des Domes, den wir jetzt kennen. Nach der Art des Mittelalters, wo alle Pläne unter dem phantastischen Szepter der Zeit, des Zufalls und der Notwendigkeit erwuchsen, zog sich der Auf- und Umbau der Kirche bis zum Jahre 1514 hin. In den letzten hundert Jahren entstand der Turm, Pfarrturm genannt, für den erst der Brand des Rathauses, das an der Westseite der Kirche stand, den Platz hatte freimachen müssen. In kraftvoll harmonischer Hoheit erhebt sich Frankfurts steinernes Haupt, anstatt in gotischer Spitze einst endigend, in einer stumpfen Haube, über der in einer Laterne die Sturmglocke hing, die der Sage nach aus reinem Silber gegossen war und vier Zentner wog. Dem Apostel Bartholomäus wurde der Turm geweiht, weil die Stadt kurz vorher in den Besitz der Hirnschale dieses Heiligen gelangt war, die noch im 19. Jahrhundert am Bartholomäustage öffentlich gezeigt und verehrt wurde.
Mit der Gründung des Domes hängt der Beginn einer Einrichtung zusammen, die eine irdisch nährende Quelle der Größe Frankfurts bedeutet, nämlich die Messe. Die neue Weihe der Kirche zu Ehren des heiligen Bartholomäus gab Anlaß zu der Kirchweih, aus der die Messe sich entwickelte, anfangs eine Herbstmesse, zu der etwa hundert Jahre später eine Ostermesse hinzukam. Von den Kaisern begünstigt, erlangte sie bald großen Ruf und legte den Grund zu Frankfurts Blüte als Handelsstadt.
Inzwischen war aus der den römischen Königen gehörigen und von ihnen abhängigen eine freie, sich selbst regierende Stadt geworden. Wie die Dome eine sich oft durch Jahrhunderte hinziehende Baugeschichte hatten, so war auch die mittelalterliche Freiheit nicht etwas Angeborenes oder eine mit einem Male zufallende, einheitliche Gabe, sondern sie wurde erworben, erkauft, erkämpft, stückweise, mit Mühe und durch Glück, ein goldenes Kleinod, vielmal in Feuersglut gehärtet, ein Edelstein, aus Tiefen herausgegraben und mit Fleiß und Geschick geschliffen und gefaßt. Nachdem durch Friedrich II. die Stadtvogtei, welche die königlichen Güter verwaltete, aufgehoben war, bemühten sich die beiden städtischen Bürgermeister und der städtische Rat, den Schultheißen zu verdrängen, der in Kaisers Namen das Recht sprach. Erst im Jahre 1372 führten diese Bemühungen zum Ziel, indem Karl IV. der Stadt das Schultheißenamt verkaufte, nachdem der Ritter Ulrich von Hanau, dem er es vorher verpfändet hatte, gestorben war. Die Möglichkeit indessen, der Kaiser könne auf das verkaufte Recht einmal wieder zurückgreifen, blieb bestehen, weswegen noch zu Goethes Jugendzeit, wie er selbst erzählt, nach dem Tode eines Schultheißen hastig zur Wahl eines neuen geschritten wurde. Das wichtige Recht, daß kein Frankfurter Bürger vor ein auswärtiges Gericht gefordert werden dürfe, war 1291 erworben und wurde immer wieder bestätigt, ebenso das Versprechen, nicht verpfändet zu werden.
Aus dieser Frühzeit des Gemeinwesens werden Züge berichtet, die aufrechte, stolze Gesinnung und vernünftige Mäßigung in der Leitung der inneren Angelegenheiten beweisen. Als Adolf von Nassau die Frankfurter Juden zur Zahlung einer bedeutenden Geldsumme zwingen wollte, trat einer von den beiden damals regierenden Bürgermeistern, es waren Heinrich von Prumheim und Volrad von Seligenstadt, dem Kaiser entgegen, um die Ungerechtigkeit, als welche er es offenbar empfand, zu verhindern. Ebenso unerschrocken verhielten sich die Frankfurter dem Papst gegenüber. Während der Regierung Ludwig des Bayers war die Stadt, die ihm anhing, zwanzig Jahre hindurch mit dem Interdikt belegt. Nach des Kaisers Tod wollte der Papst es aufheben, wenn der Rat sich und die Bürgerschaft für Ketzer erkläre und verspräche, keinen mehr als deutschen König anzuerkennen, der die päpstliche Genehmigung nicht erhalten hätte. Der Rat erwiderte, diese Bedingungen ablehnend, er werde fortfahren, dem jeweiligen deutschen Könige zu gehorchen, auch wenn der Papst die Genehmigung versage; die vorgelegte Absolutionsformel zeige antichristlichen Stolz und Übermut und beeinträchtige die Hoheit des Königs und der Kurfürsten. Leider entsprach die Gesinnung des damaligen Königs, es war Karl IV. von Luxemburg, der seiner Reichsstadt nicht; immerhin, als sie auf seinen Befehl sich fügen mußte, tat sie es unter Vorbehalt ihres Rechts.
Gegen das Ende des Jahrhunderts hatten die Frankfurter Unglück in einer Fehde mit den Herren von Kronberg, die der Kurfürst von der Pfalz unterstützte. Trotz der Übermacht des Feindes griffen sie unter Führung des Schultheißen Winter von Wasen und des Stadthauptmanns Breder von Hohenstein und unter Beteiligung aller Patrizier tapfer an, erlitten aber eine vernichtende Niederlage. Unter den 620 durch die Feinde gemachten Gefangenen waren der Schultheiß, der Stadthauptmann, drei Holzhausen, zwei Glauburg, zwei Frosch, ein Weiß von Limburg und die ganzen Metzger-, Bäcker-, Schlosser- und Schuhmacher-Zünfte. Auch das Banner, das der Schultheiß getragen hatte, war verloren. Die finanzielle Belastung, die das mit sich brachte, denn nach Frankfurter Gesetz wurden gefangene Mitbürger auf Kosten der Stadt ausgelöst, hätte leicht innere Unruhen erregen können; dem beugte die Regierung vor, indem sie sofort den Rat erweiterte und die Zahl der Bürgermeister auf drei vermehrte, von denen je einer aus dem Patriziat, aus den Zünften und aus der Gemeinde besetzt wurde. Diese Einrichtung wurde bis zum Jahre 1408 beibehalten, wo die Ordnung im Finanzwesen wiederhergestellt war.
Durch Handel und Gewerbe überragte damals Frankfurt seine wetterauischen Schwesterstädte Wetzlar, Friedberg und Gelnhausen noch nicht erheblich; aber als Wahlstadt hatte es doch viel mehr Einfluß und Bedeutung. Von 1140 bis 1500 fanden in Frankfurt zehn Königswahlen statt, von 1140 bis zum Beginn des Interregnums, 1254, einundzwanzig Reichstage. Was für einen Zusammenfluß von Menschen und welche Vorteile das mit sich brachte, kann man aus den Tatsachen ableiten, daß bei Rudolfs I. Königswahl allein der Erzbischof von Trier mit 1800 Vasallen einzog und 1555 Mark Silber ausgab.
Bei einer Doppelwahl war es herkömmlich, daß der Erwählte sechs Wochen und drei Tage vor der Stadt lagerte und seinen Gegner zum Kampf erwartete. Auf Bitten des Kurfürsten ließ Frankfurt Günther von Schwarzburg schon nach sieben Tagen ein. Dieser, der bald darauf, der Sage nach vergiftet, starb, ist der einzige römische König, der in Frankfurt beigesetzt ist; sein Grab ist im Dom durch eine Platte bezeichnet, auf der er in ganzer Figur gerüstet dargestellt ist. Die schöne Stadt am Main hütete nicht die kaiserlichen Grüfte, sondern begleitete die ersten Schritte des Gewählten mit festlichen Bräuchen, altheiliger Symbolik und dem Jubel der Hoffnung.
Durch die Goldene Bulle, im Jahre 1356 von Karl IV. erlassen und wahrscheinlich von seinem Geheimschreiber Rudolf von Friedberg verfaßt, die eine Art Reichsgrundgesetz aufstellte, wurde Frankfurt gesetzlich zum Ort der Königswahl bestimmt. Von den 22 Königen, die seitdem bis zum Ende des Reichs regiert haben, sind nur fünf nicht in Frankfurt gewählt worden, nämlich Ruprecht von der Pfalz, Ferdinand I., Rudolf II., Ferdinand III. und Joseph I. Ruprecht von der Pfalz, der in Lahnstein gewählt worden war, lag die übliche Zeit von sechs Wochen und drei Tagen, seinen Gegner erwartend, vor Frankfurt, um seine Wahl gesetzlich zu machen. Zur Krönungsstadt bestimmte die Goldene Bulle Aachen; sie blieb es aber nur bis zum Jahre 1521, wo Ferdinand I., in Köln gewählt, in Aachen gekrönt wurde. Seitdem wurden die Könige in Frankfurt nicht nur gewählt, sondern auch gekrönt, nicht ohne daß jedesmal das Recht Aachens gewahrt wurde. Drei Könige, Rudolf II., Ferdinand III. und Joseph I., sind nicht in Frankfurt gekrönt worden.
Die Goldene Bulle, die ihren Namen von dem in Gold gekapselten großen Siegel hat, das an der Urkunde hängt, befindet sich jetzt im Historischen Museum und wurde schon im 17. und 18. Jahrhundert als größte Sehenswürdigkeit Frankfurts hervorragenden Fremden gezeigt. Das Frankfurter Exemplar ist eine Abschrift, die zehn Jahre nach dem Erscheinen der Urkunde auf Ansuchen Frankfurts hergestellt und natürlich teuer bezahlt wurde, ausgezeichnet vor anderen Abschriften durch ein Siegel, das dem der Original-Ausfertigung gleich ist. An Original-Ausfertigungen der Goldenen Bulle sind noch vorhanden die Exemplare von Kurtrier, Kurköln und Böhmen.
Die ritterlichen Geschlechter, die im 12. und 13. Jahrhundert die höchste Schicht in Frankfurt gebildet hatten, die von Bonames, von Bommerstein, von Carben, Kranich von Kranichsberg, von Eppstein, von Kronenberg, die Schenk von Schweinsberg, Schelm von Bergen, von Selbold, von Gödele, von Treisa, von Ursel, starben zum Teil aus, zum Teil verließen sie Frankfurt. Es bildete sich ein neues Patriziat aus größtenteils von auswärts eingewanderten Familien, deren Reichtum hauptsächlich auf Handel beruhte. Die Stalburg, Melem, Heller, Ugelnheimer, Knoblauch hatten zwar noch Grundbesitz; aber im ganzen war wegen der Billigkeit der Bodenprodukte die Landwirtschaft nicht mehr einträglich. Einer der glänzendsten Repräsentanten der damaligen Frankfurter Großkaufleute war der aus Mainz stammende Claus Stalburg, genannt der Reiche. Er trieb hauptsächlich Handel mit Venedig; in seinem Besitz war an Gewändern, Stoffen, Bechern, Schmuckstücken und Kostbarkeiten, was die Zeit Kostbares und Schönes hervorbrachte. Er liebte und sammelte Bücher und interessierte sich für die geistigen Bewegungen seiner Zeit; der Reformation, deren Anfänge er erlebte – er starb im Jahre 1524 – war er geneigt und übertrug die Erziehung seiner Söhne Wilhelm Nesen, einem Freunde des Erasmus von Rotterdam, und den Melanchthon eine Zierde der Wittenberger Universität nannte. Er stiftete ein großes Anbetungsbild in die Karmeliterkirche, auf dem von den drei heiligen Königen einer den Kaiser Maximilian, einer ihn selbst wiedergibt. Unter den vielen Häusern, die er besaß, war auch das Haus Löweneck, das später Goethes Lili bewohnte. Der reiche Jakob Heller stiftet den Kalvarienberg an der nördlichen Seite des Dom-Kirchhofs und ein Altarbild von Dürer in die Dominikanerkirche, das die Mönche später gegen eine jährliche Rente von 400 Gulden dem Herzog Maximilian von Bayern überließen. Es ist im Jahre 1673 in München verbrannt. Ludwig zum Paradies, der Letzte seines Geschlechtes, vermachte der Stadt einen Teil der Bücher, die er gesammelt hatte, und legte damit den Grund zu einer Stadt-Bibliothek. In diesen Kreisen verkehrte Hutten gern, besonders mit den Glauburg, einer von den alten Adelsfamilien Frankfurts; man sagte, er habe eine Tochter aus diesem Hause heiraten wollen.
Wie unsicher indessen auch für diese Bevorzugten die Lebensbedingungen waren, geht aus der großen Kindersterblichkeit hervor, der die Zahl der Geburten entsprach. Margarete Stalburg, die Claus den Reichen mit 15 Jahren heiratete, hatte in den folgenden sechzehn Jahren vierzehn Kinder, von denen mehrere früh starben. Jakob Heller, der selbst das älteste von neunzehn Kindern war, mußte sein Vermögen dem Kinde einer Schwester hinterlassen, weil sonst keine Erben da waren; er war der Letzte seines Geschlechts. Das Haus Stalburg wurde im Jahre 1789 abgerissen, um Platz für eine deutsch-reformierte Kirche zu machen; es hatte Türme und Zinnen wie eine Burg und enthielt ein großes Altarbild, das im Jahre 1813 zugrunde ging. Die beiden Seitenflügel, die die Eheleute Claus und Margarete Stalburg in ganzer Gestalt reichgekleidet darstellen, sind erhalten.
Man muß sich die Patrizier dieser Zeit gebildet, großzügig, lebenslustig, aber auch menschlich und warmherzig vorstellen; das scheint die freundliche Sorgsamkeit zu beweisen, mit der sie ihre Dienstboten und andere arme Leute testamentarisch bedachten. Sie gingen, solange sie nicht etwa durch unglückliche Spekulationen ihr Vermögen einbüßten, wie es den reichen Brüdern Bromm ging, die ihren ganzen Besitz in die Ausbeutung Mansfeldischer Kupfergruben steckten und verloren, auf der Höhe des Lebens unangefochten, erwiesen sich gern mildtätig und gönnten jedem das Seine, wie man ihnen das Ihre ließ. Eine untergehende Kultur entfaltete eine letzte wundervolle Blüte, zu der schon neue Verhältnisse beitrugen, deren üble Folgen sich noch kaum bemerkbar machten. Die Verteilung des Vermögens war noch nicht so, daß eine darbende Mehrheit mit Neid und Bitterkeit auf die Besitzenden geblickt hätte, die Daseinsbedingungen waren auch für die unteren Schichten noch erträglich, die Herrschaft der Patrizier noch nicht erdrückend. Indessen, es war doch an dem blühenden Organismus ein krankhafter Flecken zu bemerken, das Gesetz von 1495, wonach die Vermögen, die über 10 000 Gulden betrugen, von der Steuer frei sein sollten. In dieser offenbaren Begünstigung der Reichen und Mehrbelastung der Armen, die auch durch die indirekten Steuern härter als die Besitzenden betroffen wurden, kann man den Beginn schamloser Geldwirtschaft sehen. Man muß deshalb diese Zeit als einen Wendepunkt betrachten, wo sich inmitten der schön gereiften Früchte mittelalterlicher Weltanschauung das Verderben neuer Grundsätze bemerkbar macht.
Nach mittelalterlicher Auffassung hatte die wirtschaftliche Tätigkeit nicht dem Vorteil des einzelnen, sondern der Gesamtheit zu dienen und schloß man, um eine möglichst gleiche Verteilung von Arbeit und Gewinn zu erzielen, den freien Wettbewerb aus. Geld auf Zinsen zu leihen, galt als unchristlich und unsittlich. Da nun der Kaufmann große Gewinne einheimste, die er mehr der Benutzung günstiger Umstände und der Überforderung des Käufers verdankte als der Arbeit, faßte Luther, ganz und gar mittelalterlicher Anschauungsweise anhängend, eine leidenschaftliche Abneigung gegen diesen Stand. Er warf ihm namentlich vor, wie er in der Schrift Von Kaufhandlung und Wucher ebenso scharfsinnig wie wohlwollend auseinandergesetzt hat, daß er die Regel angenommen habe, er dürfe seine Waren so teuer verkaufen, wie er könne, womit der Hölle Tür und Fenster aufgetan sei, während die gute Regel sei, so teuer zu verkaufen, wie recht und billig sei. Dieser und noch anderer Tücken und Schliche halber hielt er die Kaufleute für nicht viel besser als Räuber. Als Gegner des Importhandels klagte er, daß die Frankfurter Messe das Gold- und Silberloch sei, »dadurch aus deutschen Landen fließt, was nur quillt und wächst bei uns und gemünzt und geschlagen wird«. Die Deutschen seien dazu in die Welt geschleudert, alle Länder reich zu machen und selbst Bettler zu bleiben. Nach seiner Auffassung sollten die Deutschen nach Möglichkeit mit eigenen Produkten und selbstverfertigten Waren sich begnügen, anstatt sich an fremdländischen Luxus zu gewöhnen. Mit Widerwillen sah er das mit der Messe verbundene Geldgeschäft um sich greifen, das bereits sehr lebhaft war, wenn auch noch nicht so wie im achtzehnten Jahrhundert, wo es in Frankfurt 40-50 sogenannte Wechseljuden gab, die sich damit beschäftigten, gute Münze aufzukaufen und schlechte in Umlauf zu bringen. Das war zwar durch Reichsgesetz verboten, aber die Frankfurter Regierung ließ es stillschweigend hingehen, wenn sie nicht gar Vorteil dabei fand.
Die Folge davon, daß diese Verhältnisse sich im Laufe des 16. Jahrhunderts immer mehr zuspitzten, die reichen Patrizier sich von den verarmenden Handwerkern immer mehr abschlossen, war der große Aufstand des Jahres 1614, den der Lebküchler Vincenz Fettmilch leitete, und der sich zugleich gegen die oligarchische Regierung und gegen die Juden wendete.
Im Jahre 1240 wurden in Frankfurt 180 Juden teils erschlagen, teils verbrannt. Diese Verfolgung, bei Gelegenheit welcher zuerst eine Judengemeinde in Frankfurt erwähnt wird, soll dadurch entstanden sein, daß eine wider Willen getaufte Jüdin einem angesehenen Christen ihre Hand verweigerte, weil sie mit einem Juden versprochen war. Als Kammerknechte des Kaisers waren die Frankfurter Juden damals gut gestellt, hatten eigenen Gerichtsstand und eigene Gemeindeverwaltung, durften Grundeigentum erwerben und ihren Wohnsitz nach Belieben wählen. Die Judengasse wurde durchaus nicht nur von Juden bewohnt. Nachdem die Stadt das Eigentumsrecht über die Juden an sich gebracht hatte, verschlimmerte sich ihre Lage: im Jahre 1460 wurde ihnen die Judengasse als ausschließlicher Wohnort angewiesen. Anderseits konnten sich auch die Juden immer mehr bereichern, je mehr der Frankfurter Handel aufblühte und das Geld- und Wechselgeschäft, wie es die Anwesenheit der Meßfremden mit sich brachte, zunahm, das ja in ihren Händen lag. Während in der Bürgerschaft sich Haß gegen die Juden ansammelte, denen sie vielfach verschuldet war, nahm die Regierung sie in Schutz, weil sie an den gewinnbringenden Geldgeschäften beteiligt war oder daraus Vorteil zog. Die eigentlich handelnden Träger des Aufstandes waren unzufriedene Kleinbürger, im Hintergrunde wirkten aber auch Angesehene mit, namentlich die neu zugewanderten niederländischen Familien, die du Fay, de Neufville, Bernoully, d'Orville, die erst später in das Patriziat eintraten.
Nach langen wechselvollen Verhandlungen und Kämpfen wurde Fettmilch mit mehreren Genossen hingerichtet. Beim Besteigen des Schafotts, das an der Stelle des jetzigen Gutenbergdenkmals stand, soll Fettmilch gesagt haben, er hoffe zu Gott und wisse bestimmt, daß Gott, bevor er sterbe, ein Zeichen tun werde. Erst nach vollzogener Hinrichtung stürzte der anwesende Ratsherr Joh. Ad. von Holzhausen vom Schlage getroffen zusammen, was vom Volke als Erfüllung der Prophezeiung angesehen wurde.
Die von der Volkswut vertriebenen Juden wurden im Triumph und mit Trommelschlag in die Judengasse zurückgeführt. Es wird berichtet, daß ein Jude namens Oppenheim gebeten habe, eine Strecke weit selbst die Trommel schlagen zu dürfen, was ihm auch bewilligt worden sei. An den drei Toren der Judengasse waren drei große, auf Blech gemalte Reichsadler angebracht mit der Aufschrift: Römisch-kaiserlicher Majestät und des heil. Reiches Schutz. Aller Schaden, den die Juden während des Aufstandes durch Plünderung oder sonst erlitten hatten, wurde ihnen ersetzt. Im übrigen Reich bemerkte man mit Groll, daß die den Lutheranern verliehenen Privilegien nicht überall mit demselben Eifer innegehalten würden, wie auf den Schutz der Frankfurter Juden verwendet werde. Als beständiges Merkmal der Warnung und Drohung ließ die Regierung die Köpfe der hingerichteten Rebellen am Brückenturm befestigen. Dort sah sie noch mit Grauen Goethe als Knabe und fand, im Alter sich daran erinnernd, Worte des Mitgefühls und der Anerkennung für den unglücklichen Bekämpfer sozialer Mißstände.
Wie in allen Städten hatte in Frankfurt die herrschende Klasse im 17. Jahrhundert einen engherzigen Charakter angenommen; trotzdem zeigte sich gelegentlich der Geist überlegener Menschlichkeit. Als die Gelnhauser Bürger sich im Jahre 1629 bei der Regierung beschwerten, daß den Hexen nicht genügend zuleibe gegangen werde, und als der Gelnhauser Magistrat sich deshalb an den Frankfurter wendete, da Gelnhausen das Recht von Frankfurt hatte, gaben die Frankfurter folgende besonnene Antwort: »… den anderen von Euer fürsichtigkeit burgerschafft erregten puncten aber betreffendt, sihet solches einem glimmenden feur sehr ähnlich und wirdt mitt gottes beystandt sonderlich darbey zu wachen sein; erachten zwar, daß nur der gemeinste man und feldarbeitter interessiert, welchen als dan die Prediger dero wahn, als ob dergleichen geclagte schäden von zauberern herrühren theten auff den cantzlen oder auch etwa den principalioren privatim mitt guten gründen zu benehmen und eines besseren zu underrichten ahnzumahnen weren; da aber auch verständigere den sachen beyfällig und von gemelten ihrer intention und vorhaben gedachter masen nicht zu differriren und lassen zu underrichten, so würden Euer fürbesichtigkeit darauff zu sehen, was die in allegirten aussagen vermelte persohnen sonsten für ein leben und wandel führeten, auch deren besagungen zu observiren und darüber rechtsgelährten raht zupflegen und sonderlich dabei zu gedencken haben, daß die peinliche halsgerichtsordnung art. 15 item 44 und sonsten gelehrt, damit unschuldiger menschenbluht nicht vergossen werde; und erinnern wir uns benachbarter exempel, wie weit ahn etliche orten solch wesen einreisen thutt, ahn andern aber sehr behutsam verfahren und solchen blosen aussagen nicht nachgesetzet, auch von hohen standtspersohnen also zu verfahren bedenken getragen, ob auch schon fast dergleichen ahnsuchen bey ihnen auch bestehen.« Das Ergebnis der Betrachtungen wird darin zusammengefaßt, daß nur greifbare schwere Verbrechen, wie Mord und ähnliche Missetaten, mit dem Tode zu bestrafen wären.
Denkt man daran, wie fast überall der Hexenwahn die Einsicht der Menschen verdunkelte und sie zu einem sinnlosen Rechtsverfahren und bösartigster Grausamkeit antrieb, so vernimmt man dieses von Vernunft und Menschlichkeit durchleuchtete Gutachten beglückt wie eine Bürgschaft nicht ganz erloschenen Lichtes.
Der Sage nach wurde die Tortur in Frankfurt durch das kluge und gute Vorgehen des Henkers Ulrich Waldmann abgeschafft. Nachdem er sich von der Unschuld der vermeintlichen Zauberinnen, deren Geständnis er erpressen mußte, überzeugt hatte, weigerte er sich eines Tages, an ein paar vorgeführten Frauen seinen schrecklichen Dienst zu verrichten. Dem erzürnten Rat erklärte er, beweisen zu können, daß durch die Folter Unschuldige gewaltsam zu Schuldigen gemacht würden. Er tötete vor Zeugen sein bestes Pferd und bezichtigte dann einen seiner Knechte, es getan zu haben. Der Tortur unterworfen, gestand der Knecht, was er zuvor abgeleugnet hatte, das Pferd, um seinen Herrn zu ärgern, umgebracht zu haben, worauf den Ratsherren die Augen aufgingen und die Folter künftig nicht mehr angewendet wurde. Hat sich dies auch nicht wirklich begeben, so meint man doch, es hätte sich da begeben können, wo es erdacht und geglaubt wurde.
Frankfurt hatte ein doppeltes Gesicht: das der Geldstadt und das der Krönungs- und freien Reichsstadt, Noch zu Goethes Zeit, ja noch um 1848, als Frankfurt die Hauptstadt eines idealen Reiches wurde, herrschte im ganzen ein fröhlich unbekümmerter, jovialer Geist, und neben etwaigem, steifem Wesen in den regierenden Kreisen entfaltete sich Unabhängigkeitssinn und ausgelassenes Kraftgefühl der Bürgerschaft. Einig waren alle im Festhalten an der stolzen Überlieferung, in der Anhänglichkeit an Kaiser und Reich, in der Abneigung gegen die aufgedrängte preußische Herrschaft. Als im Jahre 1867 der Pfarrturm, der Turm des Kaiserdoms, brannte und zusammenstürzte, erschien der Untergang des vertrauten Hauptes als Symbol des Untergangs einer ruhmreichen und glücklichen Existenz.
Mit prahlerischen Denkmälern und plump überladenen Häusern machte sich anfangs die neue Zeit breit; die vornehme Gemessenheit der Barockpaläste an der Zeil mußte anspruchsvoll häßlichen Geschäftshäusern weichen. Trotzdem, wieviel Gutes auch verschwand und wieviel Geschmackloses einzog, hat Frankfurt doch in vielen Teilen den Charakter heiterer Majestät bewahrt. Ein Häuflein putziger Häuser mit Verkaufsschirnen und Ladenerkern, traulicher Höfe, winziger Plätze mit Brunnensäulen zwischen Dom und Römerberg entfaltet neuerdings durch größtenteils verständnisvolle Bemalung, die die Konstruktion hervortreten läßt, bestrickenden Reiz. Schon die Namen der Straßen: Fünffingereck, Rapunzelgäßchen, Goldhutgasse, Hinter dem Lämmchen, Goldenes Löwenplätzchen und die ebenso wunderlichen Namen der Häuser entrücken den Wanderer in eine Kindermärchenwelt. An den Eschenheimer Turm, Frankfurts Wahrzeichen, reiht sich noch manche würdige Front und das Goethehaus und seine Umgebung versetzt uns in die Zeit eines herrschaftlichen Bürgertums, das sich auf Grund ererbter und bewahrter Tüchtigkeit neben Fürsten stellte. Möchte doch das Antlitz der freien Reichsstadt nicht ausgelöscht werden, sondern auch ferner durch das blendende der neuen Großstadt mit unvergänglicher Anmut hindurch schimmern.

Mainz
Inhaltsverzeichnis
Als die ehemalige Erzherzogin Marie Luise zum ersten Male, von ihrem kaiserlichen Gemahl geführt, auf den Balkon des Deutschherrenhauses in Mainz trat, rief sie überwältigt von der sie umgebenden Schönheit aus: Ah, comme c'est beau! worauf Napoleon sich sofort erbot, das Haus zu einem kaiserlichen Palast einzurichten. Der breite Rhein, der eben den Main in sich aufgenommen hat, rollt hier mit gelassener Majestät, auf der Höhe seines Daseins in die unabsehbare, fruchtbare Ebene. Die sanften Ufer, die nahen Hügel, der ferne charakteristische Umriß des Taunus mischen Lieblichkeit und Abwechslung in die einfache Größe der Landschaft, die einen Sitz bequem genießender Herrschaft zu tragen bestimmt scheint. Aber die Stadt, die hier entstand, hieß von jeher das goldene Mainz, und von dem Glanz des Goldes kam ihr Verhängnis und Gefahr. Gefährlich und verhängnisvoll war die Lage zwischen den Völkern, von denen jedes diesen beherrschenden Punkt begehrte, und zwischen Gefahr und Verhängnis hat immer Mainz geblüht, immer untergehend und sich erneuernd. Eine römische Stadt hat die Erde verschlungen, eine mittelalterliche, die darüber erwuchs, das Feuer zerstört.
Die junge und jüngste Generation kennt kaum noch das schöne, balladenhafte Gedicht Simrocks vom Helden Drusus, der die römischen Adler in die deutschen Wälder trug, bis ihm ein dämonisches Weib warnend entgegentrat: »Jene Marken unsrer Gauen – Sind dir nicht vergönnt zu schauen – Stehst am Markstein deines Lebens – Deine Siege sind vergebens – Säumt der Deutsche gerne lange – Nimmer beugt er sich dem Zwange – Schlummernd mag er wohl sich strecken – Schläft er, wird ein Gott ihn wecken!« Erschüttert kehrte Drusus nach Mainz zurück und starb, unendlich betrauert von seinen Legionen, die ihm, so geht die Sage, das gewaltige Grabmal auftürmten, das noch jetzt, wenn auch beträchtlich weniger hoch, als ein Denkmal der Römerzeit innerhalb der Zitadelle sich erhebt.
Das Unsichtbare ist stärker als das Sichtbare: die festesten Mauern verzehrt die Zeit, der Name dauert, leuchtet sonnenhafter, wie er sich mehr und mehr im Äther verklärt, erklingt mit vollerem Ton, je tiefer der Körper, der ihn trug, in die Vergangenheit versinkt. Nicht viel mehr als Namen sind übriggeblieben von den Heiligen und Hohen, die den Charakter und die Bedeutung von Mainz begründeten. Die Namen Dagobertwik und Alteburg deuten auf den Merowingerkönig Dagobert, auf den die Anfänge des germanischen Mainz zurückgehen. Wer ihm aber für ein Jahrtausend das Gepräge gab, das war der Angelsachse Winfried Bonifazius, einer jener Auserwählten, die, einem angeborenen Drange folgend, halb bewußt, halb unbewußt die Zukunft der Völker bestimmen. Die Heiden, insbesondere die seinem Vaterlande benachbarten Friesen zu bekehren, das war der erste Trieb des Jünglings; auch künftig und im Alter zog es den Träger höchster Würden wieder zu den Friesen, die ihn erschlugen, als hätte dort von jeher der Tod gestanden und ihn magisch gezogen, wo der Ring des Schicksals, zugleich Deutschlands Schicksal, sich bildete und schloß. Der Mann, der sich nach dem Märtyrertode sehnte, erstrebte doch auch eine irdisch feste Ausgestaltung des Christenglaubens, die eins war mit der Herrschaft der Franken und ihrer von der römischen gespeisten Kultur. Die festländischen germanischen Stämme waren für ihn Heiden, die bekehrt werden mußten, und um sie an das Christentum zu binden, band er sie an den Papst, den höchsten Bischof der Christenheit, das Haupt des einstigen Mittelpunktes der Erde. Indem er sich ihn zum Herrn wählte, seine Befehle suchte und annahm, fesselte er die deutsche Kirche an Rom und schuf eine Verbindung, die den Ideen der Zeit gemäß war und bei allen zerstörenden Folgen für Deutschland dem Zusammenhang des Abendlandes diente und insofern groß und notwendig war. Damals war Bischof zu Mainz Gerold, der Karlmann, den Sohn Karl Martells, in eine Schlacht gegen die Sachsen begleitete und dort fiel. Karlmann machte zu Gerolds Nachfolger dessen Sohn Gewilieb, der wiederum, von Rachegedanken erfüllt, mit in den Krieg zog. Als die feindlichen Heere sich an der Weser begegneten, ließ Gewilieb denjenigen, der seinen Vater getötet hatte, um eine Unterredung bitten und stieß ihm das Schwert in die Brust. Karlmann, der in dieser Schlacht siegte, fand die Tat seines kriegerischen Bischofs nicht anstößig; aber Bonifazius hatte eine andere Auffassung von den Pflichten der Geistlichen und bewirkte Gewiliebs Absetzung. Zwei Jahre später kam er selbst an seine Stelle. Gregor III. hatte ihn zum Erzbischof ernannt und ihm die Bekehrung und Leitung aller Germanen anvertraut, Papst Zacharias erhob das Erzbistum Mainz zur Metropolitankirche, der fast alle damaligen Bistümer unterstellt wurden. Bonifazius hätte Köln vorgezogen, weil er dort den noch unbekehrten Friesen näher gewesen wäre, aber er ordnete sich dem Willen des Papstes unter. Nachdem er sich mit der Organisation der deutschen Kirche jahrelang beschäftigt hatte, folgte er, sich dem Tode nahe fühlend, noch einmal dem Drange seiner Jugend und begab sich mit mehreren Gefährten nach Friesland, wo er im Jahre 755 erschlagen wurde. Seine Leiche wurde, so wie er es bestimmt hatte, nach dem von ihm gegründeten Kloster Fulda gebracht, seine Eingeweide jedoch behielt Mainz, und sie wurden in der Johanniskirche in einer besonderen Gruft beigesetzt. Diese Kirche in nächster Nähe des Doms gilt als die älteste von Mainz und soll schon in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts als Taufkirche bestanden haben. Im 12. Jahrhundert wurde sie der Aldedum, der alte Dom, genannt, und aus gewissen Gebräuchen ging die Abstammung des Domstiftes vom Johannisstift hervor. Im 13. Jahrhundert drohte der alten Kirche der Einsturz, aber erst hundert Jahre später wurde sie neu erbaut und im 17. Jahrhundert neu hergerichtet. Nachdem sie von den Franzosen als Magazin benutzt worden war, wurde sie im Jahre 1825 ›ganz verfallen‹ den Protestanten überlassen, die sie wiederum erneuerten. Turm, Südmauer und Dach stammen noch aus alter Zeit. Erzbischof Gerhard von Nassau, ein Enkel König Adolfs, ließ im Jahre 1357 ein Grabmal aus rotem Sandstein bei der Gruft des heiligen Bonifazius aufstellen, worauf er im erzbischöflichen Gewande dargestellt ist. Der Stein ist vor hundert Jahren in den Dom versetzt worden.
Ein würdiges Denkmal aus der Frühzeit der im Schutze der Erzbischöfe erblühenden Stadt sind die Bronzetüren, die der große Erzbischof Willegis am Ende des 10. Jahrhunderts gießen ließ, die ältesten in Deutschland nächst denen zu Aachen. Er schenkte sie der Bürgerschaft für die Liebfrauenkirche oder Sankt Marien zu den Greden, die sie damals erbaut hatte, und die lange die einzige Pfarrkirche von Mainz war. Hundert Jahre später war ein Graf von Saarbrücken, Adelbert, Erzbischof, der Kanzler Kaiser Heinrichs V. war. Als nun Heinrich in den Bann getan wurde, fiel Adelbert von ihm ab, worauf der erzürnte Kaiser ihn nach der Burg Trifels in Rheinbayern bringen und dort in ein Verließ werfen ließ. Die Ritter und Bürger von Mainz nahmen die Partei ihres Bischofs, belagerten den Kaiser in seinem Palast, als er ein paar Jahre darauf in Mainz eine Reichsversammlung hielt, und erzwangen die Freilassung Adelberts, der zum Gerippe abgemagert und entkräftet zurückkehrte. Diesen erfolgreichen Trotz der Stadt verzieh der Kaiser nicht, sondern rückte mit Heeresmacht gegen sie heran; aber es gelang Adelbert, sie zu entsetzen. Eingedenk der Opfer, die die anhänglichen und tatkräftigen Bürger ihm gebracht hatten, verlieh der Erzbischof ihnen ein Privileg, das seiner Wichtigkeit wegen nicht nur auf Pergament geschrieben, sondern in die ehernen Türflügel des Willegis eingegraben wurde. Es ist in lateinischer Sprache abgefaßt und erkannte den Bürgern von Mainz das Recht zu, außerhalb ihrer Mauern keinem Gericht und keiner Besteuerung unterworfen zu sein, sondern innerhalb ihrer Mauern nach ihrem angeborenen Recht gerichtet zu werden und keine anderen als die hergebrachten Steuern zu zahlen. Während die unvergleichliche Liebfrauenkirche vernichtet ist, bewahren die Metalltüren, an den Dom versetzt, noch die ehrwürdige Inschrift. Die Liebfrauenkirche, von jeher ein Ziel der Blitze, wurde nach mehreren Bränden im gotischen Stile aufgebaut; vielleicht war grade der Umstand, daß nur ein verhältnismäßig kleiner Platz für sie verfügbar war, die Ursache ihrer phantasievoll eigenartigen Gestalt. Die übriggebliebenen Abbildungen zeigen die Pracht des durchsichtigen Turmes, der kühnen Fenster, die kaum noch zusammenhängende Mauer übrigließen, so daß das schwere Gebäude wie ein wunderbar verzweigtes, aus überirdischem Samen aufgeschossenes Riesengewächs aussah. Das Portal, zu dem von der Rheinseite her die Stufen hinaufführten, von denen die Kirche den Namen hatte, war mit einer Darstellung des Jüngsten Gerichtes geschmückt, das in seiner figurenreichen Entfaltung einem steinernen Epos geglichen haben muß. Nachdem Sankt Marien durch das Bombardement des Jahres 1793, das so viele Kirchen vernichtete, stark beschädigt, aber keineswegs zertrümmert war, wurde sie von den Franzosen, deren Zerstörungslust fast auch der Dom zum Opfer gefallen wäre, trotz aller Gegenbemühungen kunstverständiger Mainzer abgetragen und verschwand.
Weit eher schon als ihre Kirche ging die Freiheit und Kraft der Mainzer Bürgerschaft unter. Je selbständiger sie wurde, desto reizbarer wurden die Beziehungen zwischen ihr und den Erzbischöfen, und bei den Kaisern, die mit ihrem Kanzler und dem Primas der deutschen Kirche sich so gut wie möglich abfinden mußten, fand sie nicht immer Unterstützung. Als der wegen seiner Schroffheit bei Volk, Ritterschaft und Domkapitel gleichmäßig verhaßte Erzbischof Arnold von Seelenhofen von den Aufständischen im St. Jakobskloster, wo er sich verschanzt hatte, getötet worden war, vollzog Friedrich Barbarossa furchtbare Strafe, indem viele Bürger verbannt, die Stadtmauern niedergerissen, Rechte und Privilegien aufgehoben wurden. Das Sinken der Kaisermacht war für Mainz wie für fast alle Städte im Reich günstig. Im Einverständnis mit dem Erzbischof Siegfried III. von Eppstein, der die Gegenkönige Heinrich Raspe und Wilhelm von Holland erhob, nahm die Stadt gegen die Hohenstaufen Partei. Der mächtige Mann wurde von den Bürgern zur Nachgiebigkeit gezwungen und gestand ihr eine weitgehende Unabhängigkeit zu. Sie durften einen Rat wählen, der lebenslänglich im Amte blieb, sie waren frei von Kriegsdienst, brauchten sich keine willkürliche Besteuerung gefallen zu lassen, und der Erzbischof durfte weder in der Stadt noch im Umkreis einer Stunde vor den Toren eine Burg bauen. Dagegen verpflichtete sich die Bürgerschaft, den Erzbischof um keines Menschen, auch um des Kaisers willen nicht zu verlassen. Sie wollten also nicht den Kaiser, sondern den Erzbischof als den Quell ihrer Freiheit betrachten, den Erzbischof, der doch im Grunde nach ihrer Unterwerfung trachten mußte.
Die Verwüstungen im Rheinlande, die eine Folge des Kampfes zwischen Hohenstaufen und Welfen waren, ließen in einigen Häuptern der Mainzer Bürgerschaft den Gedanken eines Bundes entstehen, der seinen Gliedern durch ihre vereinigte Kraft den Frieden verbürgen würde. Der ausgesprochene Zweck des Bundes war die Aufrechterhaltung von Recht und Frieden und der Schutz aller Schwächeren gegen die Mächtigen. Seinen Kern bildete die Verbindung der Städte Mainz und Worms, die sich vorher befehdet hatten, weil Worms zu den Hohenstaufen hielt, die aber schließlich die Gemeinsamkeit ihrer Interessen begriffen. Bald traten Bischöfe, Fürsten und Edle dem Bunde bei, denn er war nicht auf Städte beschränkt, und auch der Erzbischof, es war Gerhard I., billigte ihn. Kam der Rheinische Bund auch nicht zu der Wirksamkeit, die von ihm erwartet wurde, so war er doch ein Zeichen erstarkter Kraft und selbständiger Politik der Bürger. Als sein eigentlicher Begründer gilt Arnold der Walpode, einer der bedeutendsten Mainzer Familien angehörig, die im Jahre 1128 zuerst genannt wird. Der Name kommt von dem Amt des Gewaltboten, das die Walpod im 14. Jahrhundert aufgaben, worauf es an die Zum Baumgarten kam. Die Walpoden teilten sich in verschiedene Zweige; der berühmte Arnold führte einen gekrönten Löwenkopf im Wappen.
Das städtische Regiment lag in Mainz wie in allen anderen Städten in den Händen der begüterten vornehmen Familien, die in festungsartigen Häusern wohnten, deren Namen sie annahmen. Eines der hervorragendsten und weitverzweigtesten dieser Geschlechter waren die Gensfleisch, die mehrere Höfe in Mainz besaßen und die höchsten Stellen bekleideten. Die Geschlechterherrschaft erfuhr die erste Erschütterung durch finanzielle Schwierigkeiten, in welche die Stadt geriet. Als im Jahre 1328 zwei Erzbischöfe, Balduin von Luxemburg und Heinrich von Virneburg um den Besitz des Erzstifts stritten, entschied sich die Stadt für Heinrich, der Kaiser für Balduin, und in dem daraus entstehenden Kampfe zerstörten die Mainzer drei Klöster. Vom Kaiser in die Acht getan, mußten sie sich endlich fügen und wurden verurteilt, den angestifteten Schaden wieder gutzumachen. Die daraus sich ergebenden Schulden und Verlegenheiten benützten die Zünfte, einen Anteil am Regiment zu fordern und durchzusetzen. Gegen die neue demokratische Ordnung erhoben sich viele junge Patrizier, und ein Kampf entspann sich, in dem die Burg des Friele zum Gensfleisch geplündert wurde. Eine Anzahl Patrizier wanderten aus, kehrten aber zum großen Teil zurück, und eine Sühne zwischen den Parteien wurde geschlossen. Wie es zu gehen pflegte, waren die Zünfte nun zwar in die Regierung eingetreten, konnten aber den überwiegenden Einfluß der Geschlechter nicht hindern, wovon neue Unzufriedenheit die Folge war. Im Jahre 1411 wanderten wieder Patrizier aus, darunter die Gensfleisch, Salmann, zum Jungen, Humbrecht, Fürstenberg, Wallertheim, von denen nicht alle zurückkehrten, und dasselbe wiederholte sich zehn Jahre später. Das Ergebnis der Zwietracht war eine neue Verfassung, in der die Zünfte nun sogar das Übergewicht hatten, indem den aus 36 Mitgliedern bestehenden Stadtrat nur zwölf Patrizier besetzten. Die Gemeinde konnte sich ihres Sieges nicht lange freuen; denn der völlige Untergang der alten städtischen Freiheit stand bevor.
Wieder wurde eine zwiespältige Bischofswahl den Bürgern zum Verhängnis. Diether von Isenburg, ein kluger und herrschsüchtiger Mann, wurde von Papst und Kaiser abgelehnt, die ihm Adolf von Nassau entgegenstellten. Die Bürgerschaft blieb dem Isenburger treu, der das Erzstift schon drei Jahre innehatte, und entschloß sich zum Kampfe. Niemandem war es bekanntgeworden, daß ein kleiner Teil der Bürger und die Domherren, darunter der Bürgermeister Zum Dymerstein und der Domherr Ewald Faulhaber von Wechtersbach mit Adolf in verräterisches Einverständnis eingetreten waren. Mit ihrer Hilfe gelang es dem Feinde, durch das Gautor einzudringen und unter der überraschten Einwohnerschaft ein Blutbad anzurichten. Als die Stadt überwältigt und besetzt war, zog Adolf, der draußen den Ausgang abgewartet hatte, ein und verhängte ein vernichtendes Strafgericht über die Bürger. Sie wurden auf den alten Tiermarkt, den jetzigen Schillerplatz, geführt, um unter Bewachung der siegreichen Gegner ihr Schicksal zu erfahren. Alle Freiheiten und Privilegien wurden aufgehoben, die Stadt dem Erzbischof untertänig erklärt, eine Menge von Höfen und Häusern eingezogen und alle Bürger, ausgenommen die, welche nicht entbehrt werden konnten, wie zum Beispiel die Bäcker und andere Handwerker, bis auf weiteres aus der Stadt gewiesen.
War dies unglückliche Ende bürgerlicher Freiheit auch nicht die unmittelbare Folge der demokratischen Regimentsveränderung – denn ob zurückgesetzte Patrizier aus Unmut und Rachsucht am Verrat beteiligt waren, ist nicht bekannt – so wäre es doch vielleicht nicht soweit gekommen, wenn die Stadt nicht durch die vorhergehenden Bürgerkämpfe und die veränderte Besetzung des Rats geschwächt gewesen wäre. Alles aber mag wohl damit zusammenhängen, daß die alten Geschlechter überhaupt schon ihrem natürlichen Ende zuneigten. Manche erloschen schon im 14. Jahrhundert, wie die Zum Pilgrim, die Seelhofen, die Zum Baumgarten und die Zum Ageduch, die meisten aber im 15., Zum Weidenhof, Zum Clemann, Zum Blashof, Zum Lichtenberg, Zum Bart, Zum Spiegel, von Bingen, Bechtelminzer, Seeheimer, Achheimer. Andere, deren Häuser vom Erzbischof Adolf eingezogen waren, wanderten aus, einige nach Frankfurt, andere nach Straßburg, und unter diesen waren die Zum Frosch, die Zum Landeck und die Gensfleisch zum Laden, jener Stamm der Gensfleisch, dem Johannes Gutenberg, der Erfinder der Buchdruckerkunst, entsprossen sein soll. Von dem verräterischen Bürgermeister Zum Dymerstein erzählen einige, er sei im Kampfe gefallen, andere, er habe sich, als er die unerwartet furchtbaren Folgen seiner Tat erkannt habe, in Verzweiflung selbst getötet. Das Haus »Zum Dymerstein« soll lange verrufen gewesen sein und kam endlich an einen Domherrn Knebel von Katzenellnbogen, der im Jahre 1600 ein neues, noch stehendes Haus auf der Stelle errichten ließ.
Adolf von Nassau hatte nicht den Mut, in der durch ihn gestürzten Stadt zu wohnen, sondern residierte in Ellfeld, wo auch Gutenberg, unter das Hofgesinde des Erzbischofs aufgenommen, seine besten Lebensjahre zubrachte. Mehr Haß als Adolf von Nassau hatte Diether von Isenburg verdient, der nach Adolfs Tode, von ihm selbst vorgeschlagen, das Erzstift erhielt und nunmehr unangefochten in seinem Besitz blieb. Uneingedenk der unsäglichen Leiden und Verluste, die die Bürgerschaft um seinetwillen erlitten hatte, erkannte er die von seinem einstigen Gegner herbeigeführte Umwälzung an und ließ sich als Herrn der Stadt huldigen. Die alte Inschrift auf den Bronzetüren des Willegis erinnert somit nicht nur an die Dankbarkeit Adelberts, der im 12. Jahrhundert die Freiheitsurkunde ausstellte, sondern auch an den Undank Diethers, der im 15. Jahrhundert das durch ihn veranlaßte Unglück für sich ausnutzte. Auf demselben Platze, wo Erzbischof Adolf die Bürger versammelte, damit sie ihr Urteil vernähmen, das sie ihrer Rechte und ihrer Heimat beraubte, veranstaltete Diether ein Turnier, zu dem er die Ritterschaft, Grafen und Herren des Rheins und der Länder Franken, Bayern und Schwaben einlud. Das Geschenk, das er der Stadt machte, vielleicht als Ersatz für die verlorene Selbständigkeit, die Universität, ist niemals zur Blüte gekommen; auch spätere Kurfürsten bemühten sich vergebens, ihr Leben einzuflößen.
Die Kurfürsten und Erzbischöfe von Mainz hatten wohl eine zu wichtige Stellung im Reich, als daß die Stadt, wo sie residierten, sich in der Reichsunmittelbarkeit hätte erhalten können. Die Zeitspanne, in der sie Hand in Hand mit den Kaisern gingen, war nur sehr kurz; früh schon betrieben sie die Politik, die Kaiser mit Hilfe des Papstes und der anderen rheinischen Kurfürsten von sich abhängig zu machen. Noch heute ist es hauptsächlich die erzbischöfliche und kurfürstliche Stadt, die sich dem Beschauer darstellt mit den beiden auffallenden Mittelpunkten des Doms und des Schlosses. Die alte Residenz, die Martinsburg, steht nicht mehr. Die neue wurde im Jahre 1627 durch Georg Friedrich von Greifenklau begonnen und etwa 50 Jahre später durch einen von der Leyen beendet. An das Schloß grenzen das ehemalige Deutsch-Ordenshaus, jetzt Erzherzoglicher Palast genannt, und das Zeughaus. Das alte Haus des Deutschherrenordens wurde durch den Kurfürsten Franz Ludwig Pfalzgraf von Neuburg, der Hoch- und Deutschmeister war, abgerissen, um einem neuen Platz zu machen, wozu der Domdechant von Breidenbach im Jahre 1729 den ersten Stein legte. Einige Jahre später wurde die alte, danebenstehende Deutschherrenkirche niedergelegt. Das neue Deutsche Haus diente für gewöhnlich Rittern des Ordens zur Wohnung; in der Franzosenzeit bewohnte es Napoleon, der die außerordentliche Schönheit des Gebäudes zu schätzen wußte; das schmückende Wappen des Ordens hatten die republikanischen Franzosen mit mehreren anderen zerstört. Das neue Zeughaus wurde etwas später unter Phil. Karl von Eltz von einem italienischen Architekten an Stelle des alten errichtet. Das alte hieß in früherer Zeit Zum Rumpel und Zum Rabenold, später Zum Säudanz; der Platz auf dem es steht, Uff den Schweinsmisten. Schloß, Deutschordenshaus und Zeughaus, das erste im Stil der Renaissance, die beiden anderen in Barock erbaut, bilden zusammen eine Brüstung des Rheins von blendender Pracht. Die abendrote Farbe des Sandsteins überzieht die schweren und gemessenen Formen wie mit festlichen Teppichen, die ausgehängt wären, um einem heimkehrenden Sieger zu huldigen. Weiter die Rheinstraße hinauf, von der Stadt umringt und getragen, erhebt sich der wundervolle Dom, ein Denkmal der Jahrhunderte. Er umfaßt die uralte Mauer, die Willegis im Jahre 1000 errichtete, den gotischen Kreuzgang und den barock-romanischen Westturm des Franz Ignaz Neumann, der als eine Herrscherkrone fünf andere Türme überragt. Hoch über die Stadt und die Häupter der Menschen, umsaust von Wind und Wetter, hebt er das Standbild des Patrons, des heiligen Martin zu Pferd mit Helm und Federbusch und dem Bettler mit der Krücke daneben, und birgt als hehre Gruft die steinernen Totenmale der einst als Bischöfe mächtigen Männer, die hier kämpften, herrschten und irrten.
Die ältesten Bischöfe, die Heilige oder Krieger waren, die Kaiser auf ihren Zügen nach Italien begleiteten und mit Lust das Schwert führten, finden wir nicht im Dom, teils weil der heutige noch nicht stand, teils weil sie außerhalb von Mainz starben und begraben wurden. Dort ruht nicht Sundarold, der im neunten Jahrhundert in einer Schlacht gegen die Normannen fiel, nicht Heriger, der erste Erzkanzler des Reichs, nicht Hildebert, der Otto I. in Aachen weihte, von dem an die Erzbischöfe von Mainz das Recht hatten, den neugewählten Kaiser mit dem Schwert zu umgürten, während die Erzbischöfe von Köln ihm die Krone aufs Haupt setzen durften, nicht Ottos I. Bruder, der edle Wilhelm, nicht Ruthard, der beschuldigt war, Hunderte von Juden, die sich mit ihren Schätzen seinem Schutz anvertraut hatten, ihren Mördern ausgeliefert zu haben, nicht Christian von Buch, der mit Reinold von Dassel zusammen bei Tuskulum die Römer besiegte, der hoch zu Roß, mit vergoldetem Helm, den Panzer umweht von hyazinthrotem Mantel in die Schlacht stürmte, aber ebenso gelehrt und unwiderstehlich beredt wie kriegerisch war und sechs Sprachen sprach, der 36 Lombarden eigenhändig mit seiner dreizackigen Keule die Zähne ausgeschlagen haben soll, dessen Taten lange noch in Liedern gefeiert wurden, und der zuletzt, von dem einst bekämpften Papst betrauert, den er gegen die aufständischen Römer schützte, in Rom starb.
Bardo, der am Martinstage des Jahres 1036 in Gegenwart Kaiser Konrads II. und seiner Gemahlin Gisela, seines Sohnes Heinrich und dessen junger Frau Kunihild den neuerbauten Dom einweihte, war der erste Erzbischof, der im Dom bestattet wurde. Das älteste Denkmal erhielt Siegfried III. von Eppstein; es stellt ihn inmitten der Könige Heinrich Raspe und Wilhelm von Holland dar, mit denen er die Hohenstaufen bekämpfte. Peter Aspelt steht in dreister Größe zwischen den drei kleinen Königen, die er krönte: Heinrich von Luxemburg, Ludwig dem Bayer und Johann von Böhmen. Von ihm wird erzählt, daß er, der ehemalige Leibarzt der Grafen von Luxemburg und König Rudolfs, als Bischof von Basel nach Rom geschickt wurde, um Balduin von Luxemburg zum Erzbischof von Mainz zu empfehlen, daß aber der Papst, den er von einer Krankheit heilte, ihm selber das Erzstift gegeben habe, weswegen er, um die Luxemburger zu entschädigen, dem Grafen Heinrich die Königskrone verschaffte. Wir gehen vorüber an Johann von Nassau, der, klein von Gestalt und groß an Ränken und Listen, beschuldigt wurde, die Ermordung des beliebten Friedrich von Braunschweig, der sich um die Königskrone bewarb, veranlaßt zu haben, und der zum allgemeinen Befremden im Harnisch am Konzil zu Konstanz erschien; an Diether von Isenburg, dem Verderber der Stadt, an Berthold von Henneberg, dem klugen und energischen Gegner Maximilians, des liebenswürdigsten der Kaiser, an Albrecht von Brandenburg, dessen Züge wir aus dem Porträt Dürers kennen. Dann kommen die glänzenden Herren des Barock und Rokoko, Joh. Phil, von Schönborn, der Freund und Vertraute Spees, der, von ihm belehrt, in seinem Lande den Hexenprozessen ein Ende machte, der Leibnitz ehrte, Mainz die neue Befestigung und ein Waisenhaus schenkte, dessen Verdienst aber sein Bündnis mit Frankreich verdunkelt; Phil. Karl von Eltz, der das neue Zeughaus erbaute, Friedrich Karl von Ostein, der die durch elegante Pracht ausgezeichnete neue Peterskirche einweihte. Es fehlt der letzte Kurfürst, Friedrich Karl von Erthal, der die französische Revolution und den Untergang des alten Mainz erlebte.
Damals wurde auch das äußere Antlitz der Stadt entscheidend verändert, das, so oft durch Feuer des Himmels und Wut der Menschen verwüstet, sich doch immer in einer Art verjüngte, die in das alte Bild, es vollendend, hineinwuchs. Wie viele für das Stadtbild bestimmende Kirchen sind verschwunden! Das uralte St. Albansstift zerstörte Markgraf Albrecht von Brandenburg zur Zeit des Schmalkaldischen Krieges, als er in Abwesenheit des Kurfürsten in die unverteidigte Stadt eindrang. Dort war Fastrada, die allzugeliebte Frau Karls des Großen begraben, die im Jahre 794 in Frankfurt starb. Ihr Grabstein soll beim Brande der Kirche gerettet worden und in den Dom übertragen sein; aber es ist nicht der alte. Dort waren auch zwei Kinder Ottos I., die er von einer vornehmen Slavin hatte, Ludolf und Lintgarde, beigesetzt. In der Schwedenzeit wurde mit vielen andern Häusern die von Erzbischof Friedrich in der Mitte des 10. Jahrhunderts gegründete alte Peterskirche zerstört. Bei dem Bombardement des Jahres 1793 brannten die Liebfrauenkirche, die Franziskanerkirche, die Karmeliter- und die Dominikanerkirche. Mit der Franziskanerkirche, die erst an die Jesuiten, dann, nach der Aufhebung des Ordens, an die Universität kam, und die in der Nähe des jetzigen Theaters stand, wurde die Grabstätte vieler patrizischer Geschlechter und auch die der Gensfleisch mit dem Grabe Gutenbergs vernichtet. Sie wurde das erstemal von den Jesuiten abgerissen und durch eine neue ersetzt, die 1793 abbrannte. Die Trümmer wurden von den Franzosen versteigert.
Auch die neue Kirche, die sich die Franziskaner im Anfange des 17. Jahrhunderts bauten, verbrannte 1793. In dieser Kirche befand sich ein prächtiges Altargemälde von Van Dyck, das er für den Erzbischof Joh. Schweikard von Kronenberg gemalt haben soll. Es wird erzählt, der sparsame Fürst habe die dafür geforderte Summe nicht zahlen wollen; darauf habe Van Dyck sich bei den Franziskanern zu Gaste geladen und ihnen das Bild geschenkt. Durch die Rückkehr der Franzosen wurden die Franziskaner verhindert, den begonnenen Wiederaufbau ihrer Kirche zu vollenden, und sie wurde zuerst als Militärmagazin benutzt, dann abgerissen. Die Karmeliterkirche, die im 18.Jahrhundert neu erbaut worden war, enthielt die Grabmäler der Grafen von Nassau-Saarbrücken und der Brömser von Rüdesheim, eines ritterlichen Geschlechts, das drei Höfe in Mainz besaß. Die Dominikanerkirche mit Kloster wurde, dem jetzigen Gymnasium gegenüber, im Jahre 1236 von dem berühmten Arnold Walpod errichtet, der auch darin begraben war. Im Jahre 1462, dem Unglücksjahre der Stadt Mainz, brannten Kirche und Kloster ab, wurden aber wiederhergestellt. In der letzten Nacht des Bombardements von 1793 verzehrte das Feuer sie endgültig. Die alte Gongolphskirche wurde 1814 abgetragen, die prächtige eben erst vollendete Dompropstei 1793 als Hauptquartier der Franzosen in Brand geschossen, später auf Befehl Napoleons völlig niedergelegt. Ein Opfer der Franzosenzeit wurde auch das altehrwürdige, 1317 erbaute Kaufhaus am Brand, das mit den Steinbildern der sieben Kurfürsten und des damals regierenden Kaisers Ludwig geziert war.
Trotz der vielen absichtlichen und unabsichtlichen Zerstörungen macht Mainz im Schatten seines Doms mit seinen unregelmäßigen Straßen, kleinen geschlossenen Plätzen und altfränkischen Häusern den Eindruck einer historischen Stadt. Nicht gerade einer mittelalterlichen, denn wenn auch in den Seitengassen Reste gotischen Hausbaus zu finden sind, so haben doch im allgemeinen auch die älteren Häuser durch Umbau das Gepräge des späteren 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts erhalten. Sehr anziehend wirken hie und da beschieferte Giebel und leicht vorspringende Stockwerke. Der alte Tiermarkt ist jetzt charakterisiert durch zwei stattliche Adelshöfe, den Osteinerhof und den Bassenheimerhof. Der erstere wurde vom Kurfürsten von Ostein gegründet auf einem Areal, wo früher die beiden Herbergen Zum Stiefel und Zum Wilderich und die Häuser Zum Adolph, Zum Ader, Zur grünen Schmied, Zum Wartenberg, Zum Eckstein, Zum kleinen Abt und Zum Siebeneck standen. Der schönste von den freiadeligen Höfen ist der Dalberger Hof in der Klarenstraße, früher Zum Säukopf genannt. Vier Brüder Dalberg bauten ihn im Anfang des 18. Jahrhunderts. Er wurde im Jahre 1809 von der Stadt angekauft und als Justizpalast benutzt; jetzt soll er zu Schulzwecken eingerichtet werden. Die ältere Linie der Dalberg erlosch bereits im 14. Jahrhundert; aber der letzte derselben übertrug Besitz und Namen seinem Vetter Johann Kämmerer von Worms, aus einer Familie, die durch ihren angeblichen römischen Stammvater mit Jesus Christus verwandt sein wollte. Kaiser Maximilian I. anerkannte das Recht dieser Dalberg, bei Gelegenheit jeder Kaiserkrönung, zuerst auf der Tiberbrücke von Rom, hernach im Frankfurter Dom vor allen andern Edelleuten durch den Heroldsruf: »Ist kein Dalberg da?« zum Ritterschlage aufgefordert zu werden. Es hat sich gefügt, daß ein Dalberg, Koadjutor des letzten Kurfürsten von Mainz, als Werkzeug Napoleons zur Auflösung des alten Reichs und des Erzbistums beigetragen hat.
Im Mittelalter hatten alle Häuser in Mainz Namen, die uns oft wunderlich klingen, weil wir ihren Ursprung nicht mehr verstehen. Es gab: Zum Hilferich, Zum Goderuf, Zum Herrgöttche, Zum Boderam, Zum Ungefugen, Zum Geiselmohr. Manche von den alten Namen haben sich erhalten. Als das älteste Haus gilt jetzt das Haus Zum Stein an der Augustiner Straße, das zur Zeit seiner Erbauung das höchste war. Es gehörte dem Rittergeschlecht Jud vom Stein. Von der alten Befestigung sind nur noch zwei Türme am Rhein erhalten, der Holzturm und der Fischturm, aus dem 13. und 15. Jahrhundert stammend. In jenem lagen im Jahre 1813 einige Lützower gefangen, die auf Napoleons Befehl wie gemeine Straßenräuber gerichtet werden sollten, aber gerettet wurden.
Nicht mehr steht das Stammhaus des größten Sohnes der Stadt Mainz, der Hof Zum Gensfleisch, an dessen Stelle im Jahre 1702 der Wamboldhof errichtet wurde. Der Hof zum Gutenberg, der der Mutter des Erfinders gehörte, in dem er vielleicht geboren wurde und der in der Nähe der sehr alten Christophskirche stand, wurde im Dreißigjährigen Kriege durch die Schweden zerstört, aber später wieder aufgebaut. Er wurde von der Mainzer Kasinogesellschaft »Hof zum Gutenberg« erworben und brannte im Jahre 1894 ab. Dasjenige Haus, in welchem Gutenberg mit seinem Gehilfen das erste Buch druckte, der Hof zum Humbrecht, verbrannte schon bei der Eroberung von Mainz durch den Erzbischof Adolf im Jahre 1462. Er wurde später neuaufgebaut und mit dem angrenzenden Hof Zum Korb zum sogenannten Dreikönigshof verbunden, wo jetzt eine große Brauerei ist.
In Mainz selbst, das nach dem Untergang der städtischen Freiheit allmählich ganz teils unter klerikalen, teils unter französischen Einfluß geriet, wurde der Erfinder der ars sancta et divina, den die gebildete Welt pries und feierte, vergessen; aber grade die Franzosen waren es, die sein Andenken in seiner abgestumpften Vaterstadt neubelebten. Sie, die den Erfinder jener Kunst, durch die der menschliche Gedanke bis in die fernsten Länder und bis in die niedrigste Hütte verbreitet wird, ebenso verehrten, wie sie die Kirche verabscheuten, trafen, sowie sie Mainz als ihnen gehörig betrachteten, Anstalten, um sein Gedächtnis dauernd zum Ausdruck zu bringen. Napoleon ließ einen Platz inmitten der Stadt anlegen, der Gutenberg gewidmet sein sollte, und der, wenn er so groß, wie er geplant war, ausgeführt worden wäre, zugleich ein Bild der Revolution dargestellt hätte, die mit großen scharfen Linien das krause Mittelalter durchschnitt und zur Seite warf. Dort steht jetzt das Standbild, das Thorwaldsen schuf und, um dem Erfinder, der die Welt bereicherte, seine Ehrfurcht zu beweisen, der Stadt schenkte. Wunderbar ist es, daß die Kraft des erlöschenden Geschlechts, auf dem die Blüte des goldenen Mainz zum großen Teil beruhte und mit dem sie schwand, sich in einem letzten Sprößling sammelte, um grade die Kunst hervorzubringen, die den Charakter des Lebens so wesentlich, segensreich und zerstörend, veränderte. Sie schob sich zwischen Mensch und Mensch, begünstigte die Entwicklung des modernen wissenschaftlichen Menschen, machte aus dem Sänger und Dichter den Schriftsteller, lähmte die Phantasie und die mündliche Überlieferung, die, indem sie Sage, Legende und Mythos schafft, bedeutungslose Tatsachen zu ewiger Wahrheit erhebt. Sie war ein Geschenk scheidender Jugend an die gereifte Menschheit, vereinigend, erhaltend, erhellend.
Bei dem großen Gutenbergfest, das die Stadt Mainz im Jahre 1900 veranstaltete, indem sie das Geburtsjahr Gutenbergs auf 1500 festsetzte, waren zwei alte Herren von Molsberg anwesend und wurden als letzte Glieder eines alten Mainzer Geschlechts ausgezeichnet. Der Molsbergerhof lag an der Korbgasse, und das schöne Haus Zum Krummen Ring, in dem noch ein Rittersaal erhalten ist, gehörte dazu. Da der erste Molsberg um 1277 genannt wird, hat sich die Familie über 700 Jahre erhalten, und die beiden Letzten mögen den losgerissenen und zerstreuten Menschen von heute erschienen sein wie ein Band, das sie mit den Vätern verknüpfte.

Friedberg i/Hessen
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Wehe dem Schwachen! Wehe dem Armen! Die Welt ist dasjenige Reich, wo, wie Luther sagt, der Stärkere den Schwächeren in den Sack steckt. Das gilt wie für die einzelnen auch für menschliche Gemeinschaften.
In der fruchtbaren Wetterau zwischen Taunus und Vogelsberg, wo einst ein Kastell und eine Ortschaft der Römer nebeneinander gelegen hatten, erstand im Mittelalter Burg und Stadt Friedberg. Man nimmt an, daß die Hohenstaufen sich die Burg erbauten, und daß neben ihren Mauern ein Markt aufblühte; beide waren da, ohne daß sich ihre Entwicklungsgeschichte verfolgen ließe. Von der Stadt ist zum erstenmal urkundlich die Rede, als König Heinrich, Friedrichs II. Sohn, im Jahre 1232 den Städten Frankfurt, Friedberg, Wetzlar und Gelnhausen das Recht verlieh, daß die Bürger nicht gezwungen werden sollten, ihre Töchter einem von den königlichen Hofleuten zur Ehe zu geben. Ein Fall, der sich in Frankfurt begeben hatte, war der Anlaß zu dem Privilegium, das beweist, in welcher abhängigen Stellung die Bewohner jener Städte sich damals befanden. Bald änderte sich das: Frankfurt, Friedberg, Gelnhausen und Wetzlar verbündeten sich, stärkten sich dadurch und errangen Ansehen durch ihre Sorge für den Landfrieden. Auch größeren Bünden schlossen sie sich an, fast immer zusammen auftretend und zusammen als die vier Städte der Wetterau genannt. Ihnen zusammen verlieh auch König Richard im Jahre 1257 die Reichsfreiheit.
Kaum hatte sich ein Gefühl der Kraft in der Stadt Friedberg befestigt, so empfand sie, wie hemmend für ihre Entwicklung die Nähe der Burg war. Sie war von Rittern bewohnt, die unter einem aus ihrer Mitte gewählten Burggrafen standen, sich selbst ergänzten und an Selbstgefühl der Stadt nichts nachgaben; der Drang, ihre Macht zu mehren, mußte die beiden reichsunmittelbaren Körperschaften in Gegensatz bringen. Verderblich aneinandergekoppelt standen sich Ritterschaft und Stadtrepublik kampfbereit, drohend und doch zögernd gegenüber; bei gleicher Kraft und gleichem Recht war der Ausgang eines Kampfes ungewiß. Trotzdem kam es zu einem solchen, während dessen die Burg durch die Städter zerstört wurde. Es geschah zu Kaiser Rudolfs Zeit, der der Stadt verzieh und eine Einigung zwischen den widerwilligen Zwillingen zustandebrachte, die erste Versöhnung von den vielen, die sich folgten, um immer wieder durch den unausrottbaren Zwiespalt gebrochen zu werden. Demselben König verdankte Friedberg das Privilegium de non evocando und das Recht, Lehen erwerben zu können; aber trotz dieser Begnadigungen begünstigte er, wie alle Kaiser, die Ritter. Kaiser Albrecht führte den ersten verhängnisvollen Streich gegen Friedberg, indem er dem Burggrafen das Recht verlieh, der Stadt einen Schultheißen zu setzen, und sie dadurch in eine gewisse rechtlich begründete Abhängigkeit von der Burg brachte. Es ist verständlich, daß die Burg, sowie die Stadt sich davon zu befreien suchte, das Recht festhielt und womöglich Folgerungen daraus zu ziehen suchte, wie ihr das dem freien Gericht in der Grafschaft Kaichen gegenüber gelang. Eine bedeutungslose Beziehung, in die sie durch irgendeine Urkunde mit der Grafschaft gebracht worden war, benutzten die Burgmannen, um ein Recht über sie zu erlangen, das der Kaiser ihnen bestätigte, so daß sie zuerst Beschirmer und dann Besitzer derselben wurden. Die Proteste und die Auflehnung der freien Bauern blieben unbeachtet; da sie nichts als ihr Recht hatten und ihre Dienste den herrschenden Klassen unentbehrlich schienen, wurden sie sogar bestraft, wenn sie sich darauf beriefen.
Noch machte sich das Übergewicht der Burg nicht bemerklich; in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts fällt die Blüte der Stadt. Sie erbaute die gotische Liebfrauenkirche, schlicht, aber nicht ohne Größe, und schmückte sie mit reicher Glasmalerei und anderen Kunstwerken. In einem Bündnis, das Friedberg nach alter Gewohnheit mit Frankfurt und Gelnhausen abschloß, war vorgesehen, daß Frankfurt 13, Friedberg 10, Gelnhausen 3 Gewaffnete zu stellen habe; dies Verhältnis stellte Friedberg noch in ziemliche Nähe von Frankfurt. Immer mehr aber machte sich der Vorteil, den seine Lage am Main dem glücklicheren Frankfurt gab, bemerkbar und drückte die benachbarten und befreundeten Wetterauer Städte sicherer und unabwendbarer, als ihre Feinde es konnten. Wohl hatte auch Friedberg eine Messe, aber gegen die von Frankfurt konnte sie nicht aufkommen. Mitten in ihrer Blüte traf die Stadt ein Schlag, mit dem ihr langes Siechtum begann.
Kaiser Karl IV. verpfändete sie an den Grafen von Schwarzburg. Die beginnende Ohnmacht des Reichshaupts, das auf wenig sichere Einnahmen rechnen konnte und auf die Willfährigkeit seiner Großen angewiesen war, entschuldigt einigermaßen den unkaiserlichen Gebrauch, den er einführte. Das Privileg Ludwigs des Bayern, das Friedberg vor Verpfändung sicherstellte, half nichts gegenüber dem Willen der Mächtigen. Andere Städte wußten sich der Gefahr zu entziehen; Friedberg war dazu nicht reich und infolgedessen nicht selbstbewußt und furchtlos genug. Patrizische Geschlechter, die sich ohne Reichtum nicht bilden oder halten, gab es in Friedberg nicht oder nicht mehr; es war in der Hauptsache eine Stadt von Handwerkern und Ackerbürgern, ehrenhaften Leuten, denen der reißende Zahn des Raubtiers fehlte.
Hingegen hatten die Burgmannen nur Gewinn einzuheimsen. Auch sie hatten innerhalb ihrer Mauern eine Kirche, die dem Patron der Ritter, dem heiligen Georg, geweiht war und für welche Johann Wölflein, Maler aus dem Cisterzienserorden zu Ilbenstadt, ein großes Gemälde zu Ehren Gottes malte. Außerdem besaß die Kirche eine hölzerne, bunt bemalte Figur des heiligen Georg und eine Glocke, die Maria hieß, und die ein Glockengießer von Frankfurt gegossen hatte. Graf Adolf von Hessen, den sie, von der Stadt unterstützt, erfolgreich befehdeten und gefangennahmen, baute ihnen, um sich zu lösen, die hohe Turmsäule, die das nördliche Burgtor bewacht. Ludwig der Bayer verlieh ihnen den ersten Burgfrieden, die Ordnung nämlich, wonach sie untereinander leben sollten. Sie hatten danach das Recht, aus ihrer Mitte einen Burggrafen auf Lebenszeit zu wählen, der mit einer gewissen Zahl von Burgmannen, welche Bauleute hießen, die Regierungsgeschäfte besorgte, ferner das Recht, wenn ein Burgmann gestorben oder seines Amtes entsetzt war oder es freiwillig aufgegeben hatte, einen anderen, Kaiser und Reich dienlichen zu wählen, den der Kaiser bestätigte. Wenn ein Burgmann einen anderen totschlüge, hieß es in der ersten Satzung, so solle er ein Jahr über Rhein gehen, habe er den andern nur verwundet, auf ein halbes Jahr nach Frankfurt oder, je nachdem, nach Wetzlar oder Gelnhausen. War dadurch der gebrochene Burgfrieden gesühnt, so blieb noch die Sühne mit den Geschädigten zu vereinbaren. Eine Reise nach Frankfurt oder Wetzlar und vollends eine über Rhein scheint demnach durchaus nicht als Vergnügen betrachtet worden zu sein.
Die Burg hatte das Recht, durch sechs Burgmannen an den Ratssitzungen teilzunehmen, wohingegen die Stadt von der Burg ausgeschlossen war. Geradezu gegen die Stadt richtete sich ein Privileg Wenzels, wonach die Burg, weil sie groß und weit sei, Beisassen aufnehmen dürfe; denn dadurch wurde sie gleichsam zur Stadt und konnte die Nachbarin noch in anderem Sinne als früher erdrücken.
Im Jahre 1400 kam Kaiser Ruprecht von Gelnhausen her zur Huldigung nach Friedberg. Sechzig bis achtzig Burgmannen holten ihn an der Grenze ein und geleiteten ihn mit entfaltetem Georgsbanner in die Burg. Sie schenkten ihm, altem Herkommen gemäß, drei Rehe und 60 Fische; die Stadt schenkte ihm ein Fuder Wein, halb neuen und halb firnen, einen silbernen vergoldeten Becher mit 200 Goldgulden und Hafer für die Pferde, wozu noch Geldgeschenke an das Gefolge und eine spätere Leistung von 500 Goldgulden zum Zuge »über Berg nach Lamparten« kam. Von der Burg aus ritt der Kaiser in die Liebfrauenkirche, wo ihm im Chor vom Magistrat gehuldigt wurde. Die Formel lautete: »Wir huldigen unserem gnädigen Herrn, König Ruprechten, gegenwärtig und in guten Treuen, ihm gehorsam, getreu und hold zu sein und zu warten als einem römischen König und zukünftigen Kaiser und als unsern rechten Herrn, doch uns unschädlich an solcher Pfandschaft, als wir unserem Herrn von Schwarzburg von des heil. Reichs wegen verpfändet sind, und wollen unserem gnäd. Herrn, König Ruprecht, stet und fest halten ohne alle Gefährde, als uns Gott helfe und alle Heiligen.«
Trotz der empfangenen reichen Geschenke stellte sich Ruprecht, wie die anderen Kaiser, auf die Seite der Ritter, indem er der Stadt gebot, die Türme der Liebfrauenkirche, von denen der eine noch kaum begonnen war, nicht höher aufzubauen, als sie gerade wären, und sie auf keinen Fall zu einer Befestigung einzurichten, von welcher aus die Burg beschossen werden könne. Eine solche Absicht lag allerdings den Friedbergern nicht fern, wie denn auch die Katharinenkapelle dicht am südlichen Turm der Burg zugleich den Zweck einer Schanze erfüllte.
Um 1430 war die Stadt Friedberg schon »wüst und vergänglich« geworden und so tief verschuldet, daß der Graf von Schwarzburg die Lust an seinem Pfande verlor und, nachdem er der Stadt das Recht erteilt hatte, sich ungeachtet der Pfandschaft mit anderen Fürsten und Herren einzulassen, sie weiter verpfändete, und zwar an mehrere Teilhaber. Es waren der Erzbischof Diether von Mainz, die Herren von Eppstein, ein Herr von Isenburg und die Stadt Frankfurt, und das Verhältnis der Anteile war so, daß Frankfurt die Hälfte hatte. Vermutlich um den Wert des verpfändeten Gegenstandes zu erhöhen, machte der Erzbischof von Mainz Anstalt, sich Friedbergs gegen die Burg anzunehmen; allein er fand sofort einen Gegner in dem Pfalzgrafen Friedrich dem Siegreichen, der kurz zuvor sich das Öffnungsrecht der Burg erkauft hatte und dadurch an ihr interessiert war. Indessen auch die neuen Pfandherren mochten einsehen, daß Friedberg nicht mehr hochzubringen war, und sie traten, zuerst Kurmainz, dann Frankfurt, das Pfandrecht an diejenigen ab, denen am meisten daran gelegen war, es zu besitzen, an die Burgmannen von Friedberg.
Bitterkeit und Groll im Herzen, mußten nun Bürgermeister und Rat dem Burggrafen und den Burgmannen, die an die Stelle der Pfandinhaber, also gewissermaßen an die Stelle des Kaisers getreten waren, schwören, ihnen treu, hold, gehorsam und gewärtig zu sein. Trotz ihrer Verarmung und Entkräftung vergaßen sie ihren ehrenvollen Stand als Reichsstadt nicht, sondern sannen auf Wiederherstellung der ehemaligen Blüte und Würdigkeit. Wie hätten sie das aber aus eigener Kraft vollbringen können? Die Zeit der Städtebünde war vorüber; sie wendeten sich also, eingedenk des vom Grafen von Schwarzburg erlangten Rechtes, sich ungeachtet der Pfandschaft mit anderen Fürsten und Herren einlassen zu können, an den Landgrafen Heinrich III. von Hessen-Marburg, um seine Schutzherrschaft zu erwerben. Dieser Versuch zur Befreiung führte zu vollständiger Entrechtung; denn die erzürnten Burgmannen zwangen der Stadt, als sie von ihrer Eigenmächtigkeit erfuhren, einen Verherrungs-Revers ab, in dem sie versprachen, sich nie mehr zu verherren; auch mußte die Huldigung künftig auf dem Platze vor der Burg vollzogen werden. Als die letzten Anteile des Pfandbesitzes von den Herren von Eppstein und Isenburg auch noch an den Burggrafen fielen, dem die Stadt über 2208 Gulden schuldete, war ihre Unterwerfung unter die Burg vollendet. Trotz ihrer Ohnmacht empörten sich die Bürger noch einmal unter der Führung von Johann Winnecken, aber vergeblich. Zur Strafe für ihre Auflehnung mußten sie die Katharinenkapelle, welche hart an den Toren der Burg lag und die sie als Befestigung zum Angriff benutzt hatten, auf eigene Kosten abbrechen und an einer anderen Stelle, wo sie nicht gefährlich werden konnte, wieder aufbauen.
Dies geschah in dem sturmvollen Jahre 1525, zu einer Zeit, als beide, Burg und Stadt, schon den neuen Glauben angenommen hatten; die alte Feindschaft war nicht darin untergegangen. In der breiten Straße, die Friedberg repräsentiert, wird ein Haus als dasjenige bezeichnet, das Luther auf seiner Rückreise von Worms bewohnte. Von Friedberg sind drei Briefe datiert, die der Flüchtende dort schrieb: ein lateinischer an den Kaiser, ein deutscher an die Kurfürsten und Stände und ein Billet an den Freund Spalatin. Ihn begleitete Kaspar Sturm, der, von seiner Persönlichkeit und seinem Wort ergriffen, sein treuer Anhänger wurde. Sturm blieb damals in Friedberg und ließ sich dauernd dort nieder, woraus manche schließen, daß er ein geborener Friedberger gewesen sei. Seine Nachkommen bewahrten das Geleitsschwert auf, das er in Worms als Reichsherold Luther vorantrug und das sich jetzt im Museum befindet. Daß Luthers kurze Anwesenheit in Friedberg den evangelischen Gedanken in Friedberg ausgesät oder nur befördert habe, ist nicht anzunehmen; die Bewegung war in den Gemütern so vorbereitet, daß das Auftreten des Reformators sie in ganz Deutschland wie ein erster warmer Frühlingstag aufgehen ließ. Zwar wurde in Burg und Stadt die Reformation erst im Jahre 1552 gesetzlich eingeführt, weil man den Kaiser zu erzürnen fürchtete; aber da war sie von selbst, dadurch, daß das Alte abbröckelte, die Klöster leer wurden, die Priester heirateten und selbst die neue Lehre predigten. Brendel von Homburg war der Burggraf, der die Reformation in der Burg durchführte; in späterer Zeit bekamen die Katholiken mehr Einfluß und setzten durch, daß von den Regimentsburgmannen die Hälfte katholisch sein mußten.
Der Umstand, daß Friedberg an der Hauptstraße nach Frankfurt lag, trug ihm viel hohen Besuch ein, der in rühmlich bekannten Gasthäusern gut verpflegt wurde, war aber auch Ursache, daß der Krieg es heimsuchte. Alle Kriege seit dem dreißigjährigen brausten vernichtend, Hunger und Pest im Gefolge, durch Friedberg. Elf Jahre lang, von 1620-31, war es von den Spaniern besetzt; während dieser Zeit kam es vor, daß der Bürgermeister Volkhard, ein Metzger, aus Lebensüberdruß sich die Kehle abschnitt. Dann kamen abwechselnd Schweden und Kaiserliche; Belagerung, Erstürmung, Plünderung war an der Tagesordnung. Schrecklicher und bösartiger noch hausten die Franzosen in den Napoleonischen Kriegen. »Unsere Nachkommenschaft,« schrieb ein Zeitgenosse auf, »wird sich nicht überzeugen können, daß in Gestalt von Menschen Geschöpfe auf dem Erdboden vorhanden gewesen, die alles Menschengefühl ausgezogen und Taten verübt haben, dergleichen in den ältesten und rohesten Zeiten nicht verübt wurden und wahrscheinlich, solange die Welt steht, nicht wieder erlebt werden.«
Als nach der Zerstörung Speiers das Reichskammergericht sich eine andere Stätte suchen mußte, kamen auch einige Abgeordnete nach Friedberg, das als Reichsstadt in bequemer Lage in Betracht kam, um die dortigen Zustände zu untersuchen. Man fand ein ländliches Städtchen, dessen Bürgerschaft nicht viel über 150 Mann stark war, wozu noch 75 Judenfamilien kamen. Zugunsten der Stadt sprach, daß die Post hindurchgehe, auch ein Arzt und ein Apotheker vorhanden sei; aber man tadelte sehr, daß in den Häusern keine Brunnen wären, daß die 12 oder 14 Ziehbrunnen, die die Stadt mit Wasser zu versorgen hätten, sehr tief wären, und daß man Strick und Eimer, um Wasser heraufzuwinden, selbst mitbringen müsse. Der Eindruck war im ganzen so kümmerlich, daß man von Friedberg absah.
Man bewundert es, daß das herabgekommene Gemeinwesen im Anfang des 18. Jahrhunderts wieder den Versuch machte, die drückende Abhängigkeit abzuwerfen, indem es die Pfandschaft ablöste. Die Burg ging jedoch nicht darauf ein, die Huldigung mußte nach alter Weise stattfinden. Festessen und Ball, wozu die Burgmannen den Friedberger Magistrat einluden, nahmen dem Akt nichts von seiner Bitterkeit; der Rat fuhr in seinen Bestrebungen fort und hoffte, nun zum Ziel zu kommen, indem er sich, wie schon früher einmal, in den Schutz des Landgrafen von Hessen begab. Die arme Stadt hatte kein Glück: die Folge war, daß sie vom Reichshofrat zu einer Strafe von zehn Mark lötigen Goldes verurteilt wurde. Noch bitterer mögen die Empfindungen der Bauern gewesen sein, welche die Grafschaft Kaichen aus ihrer Mitte nach Wien zum Kaiser abordnete, um an ihre alte, widerrechtlich geraubte Freiheit zu erinnern; es wurde ihnen bedeutet, augenblicklich Wien zu verlassen und sich nie wieder einer solche Auflehnung zu erdreisten. Der Burggraf betrachtete den nie erlöschenden Widerwillen der Kaicher Bauern gegen seine Herrschaft nicht mit Unrecht, aber mißbilligend, als »eine von ihren Voreltern gleichsam anererbte Freiheitssucht«.
Die doppelte Gerechtigkeit zeigte sich auch darin, daß die verschuldete Stadt, der sich niemand angenommen hatte, noch zu Reichsleistungen herangezogen wurde, die sie kaum aufbringen konnte, während die Burgmannen sich stets darauf beriefen, daß sie nur zu freiwilliger Hilfe verpflichtet wären und auch diese nur ungern leisteten. Die zunehmende Verfälschung der Ideen des alten Reichs und die Verknöcherung aller Formen war gerade an den aristokratischen Körperschaften wahrzunehmen, deren Ansprüche sich auf ihre Kaiser und Reich geleistete Schwerthilfe gründeten, die aber längst, entsprechend dem veränderten Charakter der Kriege, außer Übung gekommen war. Da die Ritter im allgemeinen zu anderen Zwecken nicht gebraucht wurden, waren sie eigentlich überflüssig geworden, genossen aber die althergebrachten Vergünstigungen weiter und trieben ihr Standesbewußtsein höher und höher. Neu aufgenommen in die Burg wurden nur Söhne oder Schwiegersöhne von Burgmannen und auch diese mußten auf einem Pergament von vorgeschriebener Größe einen Stammbaum beibringen und ihren Adel von 16 Ahnen her beweisen. Zur Zeit der Aufhebung des Instituts waren unter den 91 Burgmannen, die es damals gab, 22 Grafen. Übrigens vernimmt man nicht, daß die Burgmannen ihre Übermacht zu bösartigen Quälereien oder ehrenrührigen Zumutungen mißbraucht hätten; aber für die Friedberger Bürgerschaft waren die unvermeidlichen kleinen Übergriffe und Einmischungen und die dauernd spürbare Nähe der triumphierenden Nebenbuhler Pein genug.
Dem vielhundertjährigen Kampfe machte der Reichsdeputationshauptschluß ein Ende, der Stadt und Burg nacheinander dem nunmehrigen Großherzogtum Hessen zusprach. Die beiden Republiken des Heiligen Römischen Reichs mußten aufgehn in dem Territorialfürstentum, das im Anschluß an Frankreich aufgekommen war, und das jetzt durch Frankreich zum vollständigen Siege über das zertrümmerte, entseelte Reich geführt worden war. Französische Offiziere und Soldaten paradierten vor der Burg, als am 12. September 1806 ihre Übergabe an die neue Herrschaft stattfand. Der letzte Burggraf, Graf Clemens August Wilhelm von Westfalen, wurde 12 Jahre später auf dem alten Peterskirchhof in Frankfurt begraben. Nach einigen Jahrzehnten wurden Stadt und Burg zu einer politischen Gemeinde und dann zu einer Pfarrgemeinde vereinigt.
Die Anlage der Stadt Friedberg ist ungewöhnlich; denn sie gruppiert sich nicht um einen Mittelpunkt, wie Kirche oder Schloß oder Rathaus, sondern ihren Mittelpunkt bildet eine fast marktbreite Straße, die auf die Burg zuläuft und zu der von beiden Seiten her Gassen hinaufführen. Ungewöhnlich ist ferner, daß Friedberg nicht, wie die meisten anderen Städte, aus mehreren Dörfern oder Ortschaften zusammengewachsen ist, die alle ihren besonderen Mittelpunkt hatten und ihren besonderen Charakter lange bewahrten; vielleicht beschränkte auch das seine Entwicklungsfähigkeit. Man muß jetzt ein peinliches Stück Bahnhofsvorstadt überwinden, bis man zum alten Friedberg vordringt; hat man aber einmal die Breite Straße erreicht, fühlt man sich umfangen von einer wie eine Kindheitserinnerung lieben Welt. Da stehen sie dicht aneinandergedrängt, die spitzen Giebel der Straße zugewendet, die Bürgerhäuser, meist mit Schiefer gedeckt, keins wie das andere, obwohl von gleichem Stil, eins schmaler, eins stattlicher, eins geschmückter, eins breitspuriger, alle noch von der mäßigen Größe, daß man sie als zweites, weiteres Kleid der Familie betrachten kann, die sie bewohnt. Von den alten Gasthäusern – dem Ochsen, dem Schwan, den drei Schwertern – wo die Fürsten und Herren abstiegen, sind noch mehrere erhalten; aber es fehlen die Brunnen, über deren Tiefe die Kommission des Reichskammergerichts klagte, ohne ihre Wohlgestalt zu beachten. Nahe der Burg steht das barocke Rathaus mit dem gekrönten Doppeladler, das um 1738 an der Stelle des alten erstand; gegenüber lag das Haus zum Ritter, das der Familie Goethe gehörte. Nachdem am Ende des 16. Jahrhunderts ein Thilemann Goethe Syndikus der Burg gewesen war, tauchte der uns teure Name im 18. Jahrhundert wieder auf, als Johann Christian Goethe, ein Vetter vom Vater des Dichters, jenes Haus kaufte. Er und seine Frau starben in zerrütteten Vermögensverhältnissen, und das Haus zum Ritter wurde dann verkauft. Nicht nur steht Friedberg durch den Namen Goethe zu Frankfurt in Beziehung, sondern es hat einen bedeutenden Schatz bürgerlicher Tüchtigkeit an die glücklichere Schwesterstadt abgegeben. Die Grunelius, die Zickewolf, die Frank von Lichtenstein, die Senkenberg, Weisel und Lotichius, bekannte Frankfurter Familien, sind meist im 17. Jahrhundert aus Friedberg eingewandert. Die Zickewolf haben von 1501-1712 sechzehnmal das Bürgermeisteramt in Friedberg bekleidet, auch die Grunelius und Senkenberg einige Male.
Auf der Freiheit vor der Burg stand einst die Katharinenkapelle, von welcher aus zum letztenmal mit den Waffen um die Freiheit der Stadt gekämpft worden war. Dann steht man vor dem von zwei Türmen flankierten südlichen Tore der Burg; unter den Spitzbogen des Durchgangs prangt der Reichsadler mit dem Burgwappen, darunter ist ein aus einem jetzt abgebrochenen Turme stammender Stein angebracht mit der Inschrift: frid sy by üch. 1493. Eine andere Welt, als draußen war, umgibt uns jenseits des Tores, stolz und machtbewußt, wenn auch mit der neuen Zeit allerhand ausdruckslose Nutzbauten und Anstalten eingedrungen sind. Die Wachthäuser und das Schloß stammen zum Teil aus der Barockzeit; barock ist auch der wundervolle St. Georgsbrunnen, den die Kastanien zur Blütezeit feierlich wie gestirnte Globen umgeben. Der mittelalterliche Heilige in Harnisch und Helm und flatterndem Gewand hebt seine Lanze gegen den sich aufbäumenden Lindwurm, seiner anmutigen Hoheit bewußt und seines Sieges sicher. Den steinernen Rand des eckigen Brunnenbeckens schmücken die Wappen von Burgmannen: von Bettendorf mit den Brömser von Rüdesheim geviertet, Rau von Holzhausen, Diede zum Fürstenstein, von Ingelheim, Kämmerer von Worms, genannt von Dalberg, von Breidenbach, genannt von Breidenstein, von Stockheim, von Weitelshausen, genannt von Schrautenbach, Löw von und zu Steinfurt, von Frankenstein. Das sehr alte Geschlecht Löw zu Steinfurt hatte fünf Burggrafen gestellt, und die letzten überlebenden Burgmannen waren zwei Löw zu Steinfurt. Auch ihr Haus mit ihrem Wappen, dem silbernen Kranich im blauen Felde, ist mit ein paar anderen Burgmannenhäusern, schlichten Fachwerkbauten, noch vorhanden. An Stelle der alten Georgskirche steht die nüchterne neue Burgkirche aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts mit dem Wappen des vorletzten Burggrafen, Grafen Wallbott von Bassenheim. Ein paar alte, zum Teil zertrümmerte Grabsteine aus der abgebrochenen Kirche, auf deren einem noch der Name Schelm von Bergen sich entziffern läßt, stehen jetzt auf dem Burggraben, von wo der Blick aus diesem festumzirkten Raume in die Weite schweift, bis ihn der Taunus und der ferne Vogelsberg festhalten. Jenseits des nördlichen Tores wendet sich die Straße im Bogen schluchtartig abwärts nach der Stadt zurück durch eine Wildnis von Grün, das sich ungestüm in die alten Gräben stürzt, unter den basaltenen Felsen, auf die schon die Römer bauten. Die starken Befestigungen, mit denen sich die Ritter gegen die Außenwelt sicherten, sind gefallen wie auch die der Stadt; wo nicht neues Menschenwerk sie hemmt, dringt Natur urkräftig ein, um das Alte zu verschlingen.

Limburg
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Limpurg ein edle Stad
Im Land die schönste Kirche had.
Glorreich thront sie verschmolzen mit der Burg, ein vollendetes Menschenwerk zwischen den Elementen; dienend trägt sie der Fels, schützend umrauscht sie der Strom, Winde und Gestirne kränzen sie. Von der alten steinernen Lahnbrücke hinaufblickend, nimmt das Auge sie auf wie Musik: der Stein wird Mauer, die Mauer wird Gestalt, die Gestalt Harmonie. Die sieben Türme der Kathedrale sollen die sieben Sakramente bedeuten; der große Turm über der Vierung, heißt es, stelle den Mittelpunkt des Glaubens, das Sakrament des Abendmahls dar. So schweben die ewigen Mysterien des Lebens als ein triumphierender Akkord zwischen Himmel und Erde.
Über zwei untergegangenen Kirchen erhebt sich der Dom als die dritte, die Burg, wie die Sage will, über den Trümmern eines römischen, von Drusus errichteten Kastells. Die Grafen des Niederlahngaus, die die Burg bewohnten, waren die jeweiligen Gründer der Kirchen, von denen die erste in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts durch den Erzbischof Hatto von Trier dem heiligen Georg geweiht wurde. Die zweite gründete hundert Jahre später, mit einem Stift sie verbindend, der Gaugraf Konrad Kurzbold, dessen Grabmal der Dom bewahrt. Es ist so außerordentlich schön, daß man, indem man es betrachtet, den Dom für einen Schrein halten möchte, aufgebaut, um diese Reliquie einzufassen. Die steinerne Bahre, auf der der Tote liegt, ist von leichter Anmut, dem Jugendbild angemessen, das sie trägt. Das Antlitz des Gaugrafen ist schmal und hat einen strengen, fast asketischen Zug bei aller Lieblichkeit; das Antlitz eines vornehmen Jünglings, der um hoher Ziele willen nicht ohne Schmerz und Selbstüberwindung viel verzichtet hat.
Aus sehr edlem Geschlechte stammte Kurzbold, denn er war der Vetter Konrads I., der zwischen den Karolingern und den Ludolfingern regierte. Sein Vater hieß Eberhard, seine Mutter Wiltrud. Er genoß nicht nur die Gunst seines königlichen Vetters, sondern auch Ottos I., und verdiente sie durch seine Treue und seine Taten. Für diesen Kaiser kämpfte er gegen die rebellischen Herzöge Eberhard von Franken und Giselbert von Lothringen, bis jener bei Andernach fiel und dieser ertrank. Von Kurzbolds Stärke werden Wunder berichtet; er soll einen Löwen, der aus dem Käfig entsprungen war und auf Kaiser Otto eindrang, mit einem Schwerthieb getötet und einen riesigen Slawen, der ihn herausforderte, mit der Lanze durchbohrt haben. Die Überlieferung, die ihm den Beinamen Sapiens, der Weise, gab, beweist, daß seine Geisteskraft der des Körpers nicht nachstand. Er war unverheiratet und soll Frauen und Äpfel, die süßen Dinge, gemieden haben; es besteht ja der Glaube, daß außerordentliche Kräfte Keuschheit zur Voraussetzung haben. Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Gaugraf Kurzbold so ausgesehen hat, wie das Grabmal, ein Werk des 13. Jahrhunderts, ihn aufgefaßt hat; so aber sahen die späteren Generationen ihre Helden, in solcher Form stellte sich ihnen adlige Tugend ihres Volkes dar.
Die dritte Kirche gründete ein Isenburg aus der Familie, die im 12. Jahrhundert das Grafenamt im Niederlahngau hatte, und die vielleicht mit den Konradinern verwandt war. Sie waren Dynasten von Limburg bis zum Ende des 14. Jahrhunderts, die Blütezeit der Stadt hindurch, die neben Kirche und Burg als dritte selbständige Macht entstanden war. Reichsfrei im eigentlichen Sinn war die Stadt allerdings nicht, wenigstens nur zu einem Drittel, während die beiden andern Drittel den Isenburgern unterstanden, so jedoch, daß Mainz und Hessen daran Mitbesitz hatten. Die Landesherrschaft bedeutete indessen durchaus nicht Untertänigkeit; denn mit der hohen Gerichtsbarkeit, die ausschlaggebend war, verhielt es sich so, daß die Isenburger zwar den Blutbann besaßen, die Stadt aber das Urteil fällte, die Dynasten also nur das Urteil der Stadt vollstrecken konnten. Die Stadt hatte ihr eigenes Siegel: drei Türme mit der Umschrift Sigillum civium in Limdurch. Juste judicate. Dicht an die Stadt grenzte das Gebiet der Grafen von Diez, eine Nachbarschaft, aus der sich häufig Streitigkeiten ergaben. Sie wurden endlich dadurch beigelegt, daß die Stadt und die Grafen ein Schutz- und Trutz-Bündnis miteinander abschlossen, wobei die Stadt die Isenburger Grafen, die Grafen von Diez den Kaiser ausnahmen.
Auf das Isenburger Grafengeschlecht fiel unverhoffter Glanz dadurch, daß Adolf von Nassau, der Gatte der Imagina, Tochter des Grafen Gerlach I., nach dem Tode Rudolfs von Habsburg zum römischen König gewählt wurde. Adolf war weniger Staatsmann als Ritterkönig, untadelig tapfer in der Schlacht, nach Abenteuern dürstend und nach Ruhm. Imagina war, wie es scheint, zur Nonne bestimmt und soll vom Grafen Adolf aus dem Kloster entführt worden sein. Ihr Bruder Johann, später der blinde Herr genannt, kämpfte an Adolfs Seite in der großen Schlacht bei Woringen, wo der Erzbischof von Köln dem Herzog von Brabant unterlag.
Eine Ritterschlacht war auch die von Göllheim, die Adolf von Nassau den Tod und seinem Gegner Albrecht von Habsburg den Sieg und die unbestrittene Krone brachte. Das Heer des Königs zog in die Schlacht mit dem Gesange: »In Gottes Namen fahren wir, Seiner Gnade geren wir«; das des Herzogs sang: »Sant Maria Mutter und Magd, All unsere Not sei dir geklagt.« Die beiden Könige suchten einander im Getümmel, Adolf von Nassau verriet sein weithin glänzender goldener Harnisch. Wie unzweckmäßig die schweren Rüstungen waren, zeigte sich in dieser Schlacht, wo sowohl der Bannerträger des Königs, einer von Isenburg, wie der des Herzogs, einer von Ochsenbein, in ihren Harnischen erstickten. Das Pferd des von Ochsenbein stürmte mit der Leiche des Reiters, der noch fest im Sattel saß und die Sturmfahne in der erstarrten Faust hielt, durch die Reihen der Kämpfenden. Beide Heere führten die gleiche Sturmfahne des Reichs, ein weißes Kreuz auf rotem Grunde.
Wie König Adolf sich vornehm erwiesen hatte, indem er mit Gnadenbeweisen gegen seine Verwandten, die treu zu ihm hielten, sparsam war, so sein Gegner Albrecht, indem er sich ihnen gnädig zeigte. Als er sich mit seiner Frau, Elisabeth, in Nürnberg aufhielt, wo sie gekrönt wurde, erschien dort Imagina, die Witwe des gefallenen Königs. Im Trauergewande kniete sie vor der geschmückten Königin nieder und ersuchte sie, bei ihrem Manne Fürbitte zu tun, damit er ihren bei Göllheim gefangenen Sohn Rupprecht freigebe, eine Bitte, die Albrecht nicht erfüllen konnte, weil der Königssohn dem Erzbischof von Mainz überlassen war. Er starb einige Jahre später in der Gefangenschaft. Imagina und Elisabeth sollten sich nach wenig Jahren noch einmal wiedersehen, als König Heinrich VII. die Leichen seiner beiden Vorgänger in Speier feierlich beisetzen ließ. Die Albrechts kam den Rhein hinunter, die Adolfs war bis dahin im Kloster Rosenthal verwahrt. Sie wurden unter dem Gesange: »Quomodo ceciderunt inclyti« – Was sind doch die Starken! – in die Gruft versenkt, wobei Heinrich VII. selbst Hand angelegt haben soll. Die Anhänger Adolfs fanden Genugtuung in der Tatsache, daß die Gegner ihres Königs eines üblen Todes gestorben wären: Albrecht ermordet, ein anderer sei rasend geworden, ein anderer ertrunken, der Erzbischof von Mainz auf seinem Stuhle sitzend tot aufgefunden, also allein, ohne Menschentrost gestorben.
Stift und Stadt Limburg standen damals, wie der Chronist es ausdrückt, in Ehren und Seligkeit. Mit dem Geschlecht der Isenburg neigte es sich dem Ende zu, obwohl es noch in täuschender Blüte prangte. Gerlach II. war Anhänger Friedrichs des Schönen und befreundet mit dem Erzbischof Baldewin von Trier, einem Bruder Heinrichs VII., von dem der Chronist sagt, daß er ein kleiner Mann sei und doch große Werke tue. Mit Baldewin, mit den Grafen von Nassau und Sayn und mit Giso von Molsberg schloß Gerlach einen Landfrieden, der dem Kaufmann sicheres Geleit verschaffen sollte. Gerlach war ein Dichter, der Klügste nach des Chronisten Meinung, in allen deutschen Landen. Er hätte auch, rühmt derselbe, nicht um hundert Gulden eines armen Mannes Hammel gegessen, ohne ihn bezahlt zu haben. »Er hatte gekoren und auserwählt die Tugend, die da heißt Gerechtigkeit, die für alle Tugenden geht, die war seine Handgetreue und Testamentirer.« Dichter und Heilige sind selten gute Staatsmänner; während Baldewin von Trier durch Fehden und Kriege sich bereicherte und mit dem Reichtum mehr und mehr Lehensleute an sich zog, nahm die Geldnot der Isenburger beständig zu und wurde schließlich so dringend, daß Gerlach sich im Jahre 1344 entschloß, die Hälfte von Limburg dem Erzbischof um 28 000 alte kleine Gulden zu verkaufen. Er verkaufte Limburg mit Zustimmung der Bürgerschaft »mit herrschaften, gerichten, dorfern, luden, juden, gulden, gevellen«. Die Bürger wurden verpflichtet, dem Erzbischof beizustehen gegen alle »ussgenommen ane allein daz römische riche, den stift von Mentze und den Landgraven von Hessen«, die, wie erwähnt, Mitbesitzer zweier Drittel der Stadt waren.
Stadt Limburg, obwohl nicht auf Handel, sondern auf Ackerbau eingestellt, war ein Gemeinwesen voll Kraft und Selbstbewußtsein. Einmal baute Philipp von Isenburg, Glied einer anderen Linie, eine Burg, die der Stadt für ihre Ruhe und Freiheit zu nahe schien, worauf sie sich mit Kuno von Falkenstein, der damals Domherr zu Mainz und Coadjutor von Trier war, verbündete, um die unbequeme Veste zu brechen. Als es zum Sturm kam, verlangte ein Amtmann des Erzbischofs von Trier von den Limburgern, sie sollten vorangehen. Da sagte der Bürgermeister von Limburg, Johann Boppe, sie wären da, um zu stürmen, aber die Gräben sollten nicht mit denen von Limburg allein gefüllt werden; sie wollten mit den Rittern und Knechten zugleich stürmen und würden nicht die Letzten sein. Das machten sie wahr, als man tat, wie sie verlangten.
Aus der verschütteten Geschichte von Limburg ragt der Name Johann Boppe wie ein Turm. Es ereignete sich einmal, daß der Erzbischof von Trier, Kuno von Falkenstein, und Johann II., letzter Graf von Limburg, einen Schöffen der Stadt, der Johann Hartleib hieß und aus Nauheim war, gerichtlich belangen wollten. Offenbar war ihnen viel daran gelegen, sich des Mannes zu bemächtigen, denn sie kamen mit starkem Geleit in die Stadt, darunter der Erzbischof von Köln, die Grafen von Sayn, Reinhold von Westerburg, Dietrich zu Runkel und andere Ritter. Einer von diesen, Herr Dietrich zu Walpod, begann die Verhandlung, indem er die versammelten Schöffen fragte, wofür sie die Herren hielten, und welches nach ihrer Meinung ihre Herrschaft, ihre Freiheit und ihr Recht wäre. Die Schöffen gingen hinaus, berieten sich, kamen wieder herein und antworteten durch den Mund ihres Worthalters, Johann Boppe, der mit Würde und Festigkeit folgendermaßen sprach: »Wir bekennen, daß unser Herr von Trier ist unser gekaufter Herr nach Laut und Anweisung solcher Briefe, die darüber gegeben und gesiegelt sind. Wir bekennen und halten unsern Jungherrn von Limburg für unseren rechten geborenen Herrn, der zu der Herrschaft von seinen Eltern, unseren Herren seligen, geboren ist.« Nachdem er so der gestellten Falle mit seiner Antwort begegnet war, die, nett und rund das Rechtsverhältnis bestimmend, keine Handhabe zum Angriff bot, wurde eine weitere Frage gestellt, auf die nach der üblichen Beratung Johann Boppe den Bescheid gab: die Herren hätten das Gericht über Hals und Haupt, aber sie dürften keinen Bürger von Limburg greifen, wenn die Schöffen nicht zuvor darüber geurteilt hätten. Die nächste Frage war, ob die Herren einen, der zu Limburg Gewalt brauchte, nicht greifen dürften, damit er nicht flüchtig werde, bis die Schöffen sich versammelt hätten. Die Antwort Johann Boppes lautete: Nein, zuvor müßten die Schöffen urteilen. Nun wiederholten die Herren ihre Frage so: wenn man einen verdächtigte, daß er Gewalt begangen hätte, was der den Herren schuldig wäre? Johann Boppe antwortete: »Liebe Herren, wir, die Schöffen zu Limburg, erkennen und sprechen kein Urteil auf Gedanken.« »Und nit mehr sagt«, fügt der Chronist, der den Vorfall berichtet hat, stolz hinzu. Unter den Schöffen waren außer Johann Boppe und jenem bedrohten Johann Hartleib ein Holzhusen, ein Borgenit, ein Knappe, ein Priol, ein Mulich, ein Wiße, ein auf der Schoppen und der alte Johann Sibolt.
Deutlich treten hier die von der späteren Zeit so verschiedenen mittelalterlichen Verhältnisse hervor, die auf erworbenen Rechten und gegenseitigen Verpflichtungen beruhten. Der mächtige Erzbischof von Trier und der angestammte Landesherr von Limburg getrauten sich nicht, einen Limburger Bürger, der offenbar einem der Ihrigen, vielleicht einem Ritter, vielleicht in gerechter Gegenwehr, Gewalt angetan hatte, zu verhaften, um sich an ihm zu rächen, und als die Schöffen es geschickt vermieden hatten, sich durch unbesonnene Äußerungen eine Blöße zu geben, die etwa gerechtfertigten Anlaß zu einem Eingriff gegeben hätte, traten sie sehr verwundert über die Klugheit der Bürger den Rückzug an. Sie sahen sich an, berichtet der Chronist, als wollten sie sagen: »Der Has ist uns entgangen, den wir wähnten han gefangen.« Ebensowenig würden sie damals gewagt haben, eine nicht bewilligte Geldabgabe anders als bittweise zu verlangen.
Sein Hervortreten als worthaltender Schöffe ist das letzte, was von Johann Boppe erzählt wird; vielleicht ist er nicht lange danach gestorben. Er hatte einen Sohn und eine Tochter, die ihrerseits drei Töchter hatte. Als sie Witwe geworden war, verheiratete sie sich wieder mit Heinrich von Staffeln, dessen drei Söhne die drei Töchter seiner zweiten Frau heimführten. Ueber dieser seltenen Familienverbindung stand kein guter Stern, denn alle drei Ehen wurden bis auf die des jüngsten Paares nach kurzer Zeit durch den Tod getrennt. Daraus, daß das Vermögen Johann Boppes an die von Staffeln fiel, ist zu schließen, daß männliche Erben nicht übrigblieben. Die Tochter des Sohnes wurde die Frau des Tilemann Elken von Wolfenhagen, eines Klerikers des Mainzer Bistums, der Stadtschreiber in Limburg wurde. Da er die höheren Weihen nicht empfangen hatte, konnte er sich verheiraten.
Es schickt sich gut, daß ein Ort von solcher Monumentalität wie Limburg bedeutende Chronisten hervorgebracht hat. von hier blickte Tilemann Elken wie von einem Adlerhorst in die weite deutsche Welt, und er sah, als hätte er eines Adlers Augen, das ihm Verwandte, das Große und Herrenmäßige. Seine Schilderungen von Menschen sind erstaunlich, besonders wenn man sie mit denen anderer geistlicher Geschichtschreiber vergleicht, für die Anhänglichkeit an die Kirche der einzige Maßstab der Größe war. Bei Tilemann ist fabulierende Lust an auffallenden Begebenheiten, Interesse für ausgeprägte Charaktere und Charakterköpfe und Sinn für Poesie, Neben dem Großvater seiner Frau, von dem er mit zärtlicher Verehrung sprach, bewunderte er den Erzbischof von Trier, Kuno von Falkenstein, mit dem vereint die Limburger manche Ritterburg brachen. Er schildert ihn ausführlich als einen herrlichen, großen und starken, wohlproportionierten Mann mit einem großen Kopf voll krausen Haars, mit breitem Gesicht, dicken Lippen, einer breiten, in der Mitte eingedrückten Nase, hoher Stirn und großem Kinn. »Und stund auf seinen Beinen,« schrieb er, »als ein Löwe und hatte gütliche Geberde zu seinen Freunden. Und wann daß er zornig war, so paußten und flodderten ihm seine Backen und stunden ihm herrlich und weislich und nit übel. Dann der Meister Aristoteles spricht: non irasci in quibus oportet insipientis esse.«
Von seinem Landesherrn Gerlach III. rühmte er, daß er scharf von Reden und Rat, rasch und heiter sei. Mit Wohlgefallen beschrieb er die jeweils üblichen Kleidermoden und zeichnete die Lieder auf, die grade gesungen wurden. Die besten Lieder der Welt in Wort und Melodie, denen keine anderen gleichkämen, habe ein aussätziger Barfüßermönch gemacht, der auf einer Insel im Main gelebt habe, und er führt seine Verse an: »Mai, Mai, Mai, du wonnigliche Zeit – Männiglichen Freude giebt – ohne mir; was meinet das?«
Nach Tilemann Elken schrieben in Limburg Johann Gensbein, Georg Emmel und Johann Mechtel Chroniken. Der letztere war zu Pfalzel bei Trier geboren, wurde in Eltz bei Limburg Pfarrer und hatte um das Ende des 16. Jahrhunderts eine Kanonikarstelle im Limburger Georgenstift, wo er Muße fand, seiner Lieblingsbeschäftigung, historischen Studien, nachzugehen. Er schrieb nicht wie Tilemann Elken zu einer Zeit, wo Burg, Stift und Stadt in Freuden und Ehren standen, sondern zur Zeit des Niedergangs, der Verarmung und verminderten Selbständigkeit. Nachdem der braune, schwarzlockige Gerlach III. gestorben war, dem seine kinderlose Frau drei Wochen später in den Tod folgte, mußte sein jüngerer Bruder Johann, der für den geistlichen Stand bestimmt und Domherr von Köln und Trier war, sich entschließen, die Herrschaft zu übernehmen, wozu die Erlaubnis des Papstes glücklich erwirkt wurde. Er war seinem dunklen und raschen Bruder ganz ungleich, sein Haar war gelb wie Goldfäden, so berichtet Tilemann, er war gütlich im Sprechen und in Scherz und Ernst weise. Erst nach zwanzig Jahren entschloß er sich zu heiraten, blieb aber kinderlos, so daß nach seinem Tode das ganze Limburger Gebiet an Trier fiel.
Einst hatte die Stadt als eine ebenbürtige Macht sich mit den Erzbischöfen verbündet, um Friedensstörer oder beeinträchtigende Gegner zu bekämpfen. Viele Fehden hatte die Stadt allein geführt, so mit dem Ritter Johann von dem Steine, mit dem Ritter Emerich Rudel von Reiffenberg, mit dem Knappen Rüdiger von Wanscheid, mit dem Grafen Gerhard VI. von Diez. Rasch und roh war die Bevölkerung, aber voll Kraft. Corz Noide, ein Bürgermeister von Limburg, führte einst in Person einen Dieb auf der Mauer zum Katzenturm. Als sie bei der Dietzer Pforte waren, sprang der Dieb, den Bürgermeister mir sich reißend, die Mauer hinunter. Der Bürgermeister starb nach acht Tagen, der Dieb wurde sofort gehängt, weil er sonst ehrlich gestorben wäre.
Warum, fragte sich oft der nachdenkliche Schilderer seiner Zeit, Johannes Mechtel, ist die blühende Stadt so sehr herabgekommen? Es möchte sein, daß das Stift zu einem Teil den städtischen Reichtum aufgesogen habe, da die Patrizier nicht müde wurden, es mit Altären und Stiftungen zu begaben; dann sei der Adel nach dem Aussterben der Isenburger weggezogen und habe der Stadt Limburg ihre verfallenden Mauern und die Namen ihrer Höfe überlassen. Er führt den Westerburger, den Ottensteiner Garten an, die Gärten der Spechten von Bubenheim, der Diez, der von Staffel, der Reiffenberger, der Kronberger, der Wanscheid, der Walderdorff: leere Häuser, verwildernde Stätten. Die Sage bildete sich, daß angesehene Geschlechter nach Frankfurt gezogen wären und dadurch den Aufschwung Frankfurts bewirkt hätten, wovon noch das Haus Lympurg in Frankfurt, das Gesellschaftshaus der vornehmen Frankfurter neben dem Römer, Zeugnis ablege. Andere Familien wären verarmt und unter die Bürger gesunken; aber doch, wenn der Chronist die Menge der einst in Limburg blühenden reichen Geschlechter bedenkt, so kann er nicht fassen, wohin sie alle mit Gut und Blut gekommen sein sollen? Er führt noch viele Namen von altem edlen Klange an; ist es wahr, wie man sagt, daß sie nach einem großen Brande ausgewandert sind? Es will ihn bedünken, daß es damit nach dem Laufe der Natur oder nach dem Worte der Schrift gegangen sei, daß der Mensch aufgehe und hinfalle wie eine Blume; so wären auch diese gestorben und verdorben. »vor Zeiten waren sie an Stamm und Namen, von Ehren und Gut berumt und weit bekant, jetzo seint nit wol die malzeiten irer haus und hof zu finden.«
So viel ist gewiß, daß in der Umgegend von Frankfurt schwerlich eine andere Stadt durch Handel hochkommen konnte, und daß anderseits eine auf Ackerbau angewiesene Stadt verarmen und bedeutungslos werden mußte, als die Nation von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft überging.
An die starken, stolzen und wilden Zeiten Limburgs erinnern nur noch der Dom und die Burg und die steinerne Brücke, unter der die Lahn sich um den Fuß des Felsens biegt.

Gelnhausen
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Kaiser Barbarossa hatte bei der alten Reichsstadt Gelnhausen eine Burg, wo er sich gern aufhielt, von einer wunderschönen Geliebten, die Godula hieß, gefesselt. Nah bei der Burg war damals ein kleiner See, von Erlen und Birken umgeben, der voll bunter Fische war; sie schimmerten wie Edelsteine milchweiß, silbern, bläulich und rosenrot. Das Volk getraute sich nicht, sie zu fangen, weil ein Neck im See hauste: der stieg oft aus dem Wasser, setzte sich ans Ufer und spielte auf einer Harfe. Er hatte langes, schilfiges Haar und grüne Augen und tat niemandem etwas zuleide. Die schöne Godula hatte große Freude an den Fischen und belustigte sich damit, ihnen Brot zuzuwerfen und zuzusehen, wie sie danach schnappten; besonders einen roten, der wie eine Feuerflamme durch das Wasser zuckte, gewann sie lieb, und wenn sie ihn einen Tag lang nicht gesehen hatte, wurde sie traurig. Da, eines Tages, als er langsam, langsam ans Ufer geschwommen kam, sah sie, daß Blutstropfen aus seinen Schuppen quollen, und nach einigen Minuten war er tot und versank in die Tiefe. Die schöne Godula verfiel in Traurigkeit und starb nach drei Tagen; seitdem mochte Kaiser Barbarossa nicht mehr in der Burg verweilen, ritt hinweg und kam nie wieder nach Gelnhausen.
Diese seltsame Sage raunt von der dämonischen Macht der Elemente und der elementarischen Leidenschaften über das, was der bewußte Mensch hervorbringt. Unaufhörlich ringen sie mit ihm um sein Werk, das sie lieben und an dem sie Anteil haben; Feuer und Wasser wühlen und nagen daran, der Sturm erschüttert es und die Erde wächst darüber hin. Gras und Blumen dringen aus der geborstenen Mauer, das Moos kriecht daran herauf, der Purpur des Efeu umhüllt sie. Nicht mehr widerhallt sie vom Klirren der Waffen oder vom Gebet der Mönche oder vom Sausen des Spinnrads, nicht mehr begrüßt das Horn des Wächters den Morgen von der Zinne; aber die Musen rauschen daran vorüber mit unsterblichen Gesängen.
In früherer Zeit ließen die Menschen gebrochene Burgen, abgebrannte Klöster und Kirchen verfallen und in die Erde verbröckeln, wenn sie nicht etwas Neues darüber errichteten oder die brauchbaren Trümmer zu anderen Bauwerken verwendeten. So ging es auch mit der alten Burg von Gelnhausen; wer in der Stadt etwas baute, holte sich das Material dazu aus der herrenlosen Burg, wo es nichts kostete. Dem machte die preußische Regierung ein Ende: das denkwürdige Gebäude wurde gesäubert und instand gesetzt, wissenschaftlich untersucht und angeordnet, der Zugang versperrt und die Besichtigung nur in Begleitung eines Aufsehers gestattet. Das war dankenswert und notwendig, wenn überhaupt noch die Ruine erhalten bleiben sollte; aber schöner muß es damals gewesen sein, als noch der Zauber der Insel ungehindert in die verfallende Burg hineinwuchs, als das Gestrüpp die klagenden Figuren verschlang, die einst Säule und Gesims schmückten, und ein Klang von Harfe oder Tränen über das Wasser rieselte.
Auch die aufgeräumte Burg ist noch herrlich und ergreifend, ein Stück Vergangenheit, das der Kinzigfluß und ein Dickicht von Schwarzpappeln und Wasserweiden von der rastlos veränderlichen Zeit abtrennen. Die Welt bleibt hinter einem zurück, wie wenn man eine Kirche betritt, obwohl man ihr Walten hier wie dort spürt. In der Vorhalle werden besonders wertvolle Trümmerstücke aufbewahrt, und es finden sich da Adler als Schmuck an Säulenkapitellen, die mit überraschender Kunstfertigkeit und Sorgfalt gearbeitet sind. Den Hauptteil des Erhaltenen bildet der Festsaal, zu dem man über eine Treppe hinaufsteigt, wo der mächtigste Fürst des Abendlandes seine Gäste versammelte, mit dem Bogenfenster, wo er und seine Gattin Beatrix von Burgund standen und die Bürger von Gelnhausen grüßten. Es befinden sich dort die Reste eines Kamins mit orientalischem Muster, wie es die Kreuzzüge nach dem Westen gebracht hatten. Orientalisch mutet auch das rätselhafte Haupt mit dem langen geflochtenen Bart an, das jetzt außen über dem Portal des Pallas angebracht ist, und das Schenkendorf als das des großen Friedrich besang. Von dem übriggebliebenen Turm überblickt man die Stadt und das wellige Land und den Büdinger Forst, der als Jagdgrund die Gegend dem Kaiser lieb machte.
Lange vor den Hohenstaufen, schon zur Zeit der Merowinger, soll sich da, wo jetzt Gelnhausen liegt, ein Dorf befunden haben und auch eine Burg, die den Grafen von Gelnhausen gehörte. Erst Barbarossa jedoch erhob die alte Siedlung zur Stadt, errichtete eine neue Burg, besetzte sie mit Burgmannen und unterstellte sie einem Burggrafen, den er belehnte. Den Burggrafen als Vögten des Büdinger Waldes waren erblich belehnte Forstmeister beigegeben; aus ihnen ging die Familie derer von Forstmeister hervor, die eine Wolfsangel im Wappen führten, eine Erinnerung an die Zeit, wo Wölfe im Büdinger Forst gejagt wurden. Für den Kaiser, der bisweilen um zu jagen in die Burg kam, mußte der Forstmeister einen weißen Bracken mit herabhängenden Ohren bereithalten, der auf einem seidenen Kissen liegen sollte; auch sein Leitseil sollte von Seide, sein Halsband von vergoldetem Silber sein. Ferner mußte für den Dienst des Kaisers ein weißes Roß da sein, eine Armbrust aus Ebenholz und ein Pfeil mit silberner Spitze, befiedert mit Straußen- und Pfauenfedern. Im Jahre 1180 wurde in Gelnhausen auf sehr besuchtem Reichstage die Acht über Heinrich den Löwen ausgesprochen; anwesend waren die Erzbischöfe von Magdeburg, Köln, Trier und Salzburg, Landgraf Ludwig von Thüringen, Markgraf Otto von Brandenburg, die Äbte von Fulda und Hersfeld, viele Bischöfe und der älteste Sohn des Kaisers, Herzog Friedrich von Schwaben, dessen Verlobung mit einer Tochter des Königs von Ungarn damals gefeiert sein soll. Fünfzehn Jahre später wurde auf einem Reichstag in Gelnhausen über den Kreuzzug beraten, von dem Barbarossa nicht zurückkehrte. Auch die späteren Kaiser haben sich in Gelnhausen aufgehalten: Heinrich II., Philipp von Schwaben, Friedrich II. und sein Sohn Heinrich, Konrad IV., Rudolf von Habsburg, Albrecht I., Heinrich VII., Ludwig der Bayer und Ruprecht von der Pfalz. Damals jedoch war die Blüte der Stadt bereits vorüber.
Wenn je eine, so war die Wiege der Stadt Gelnhausen mit verheißungsvollen Patengeschenken ausgestattet. Der große Hohenstaufe, der die Zeit Karls des Großen, Ottos I., Heinrichs III. erneuerte, war ihr Gründer, Beschützer und Freund und verlieh ihr wertvolle Freiheiten; er befreite sie von allen Handelszöllen an allen kaiserlichen Plätzen und Zollstellen und bestimmte, daß nur die Kaiser selbst oder kaiserliche Beamte in der Stadt Gericht halten sollten, womit sie zur Reichsstadt erhoben war. Da sie auf Reichsboden entstanden war, hatten ihre Bürger nur dem Kaiser einen Arealzins zu leisten und durften ihre Häuser und Besitzungen ihren Erben überlassen, wenn diese den Zins weiterbezahlten. Die folgenden Kaiser fuhren fort, Gelnhausen mit allerlei Rechten und Freiheiten zu begaben, so daß die Stadt am Ende des 18. Jahrhunderts deren mehr als vierzig besaß. Darunter war ein Privileg Heinrichs VI., das sie von allen Zöllen im Reich befreite, das wichtige Privileg de non evocando von Rudolf von Habsburg, das wichtige von Kaiser Sigismund, es dürfe auf eine Meile Wegs von Gelnhausen keine neue Burg errichtet werden. Sämtliche Privilegien wurden von allen Kaisern bis auf Joseph I. bestätigt. Nicht viele Reichsstädte führten ein ebenso pompöses Siegel: die Brustbilder Kaiser Friedrichs I. und seiner Frau Beatrix in einem Doppelbogen mit der Umschrift: Sigillum sculteti et civium de Geilnhausen. Der Bogen deutet das romanische Fenster in der Burg an, von dem aus das Kaiserpaar auf die erblühende Stadt hinabgesehen hatte.
Die kaiserlichen Gnaden konnten nicht ersetzen, was Natur und Geschichte versagt hatten; hier war kein starker Strom, kein alter Handelsweg, kein besonders günstig zu verwertendes Erzeugnis, und auch auf diese kleine Schwesterstadt warf Frankfurt einen drückenden Schatten.
Die Verbindung mit der Burg wurde für Gelnhausen nicht so verhängnisvoll wie für Friedberg; denn es war zwar mit dem Burggrafenamt ein Reichsgericht über die Umgegend verbunden, aber rechtlichen Einfluß auf die Stadt hatten die Gelnhauser Burgmannen nicht und scheinen ihn auch nicht angestrebt zu haben. Sie bildeten wie auch in Friedberg eine Ganerbschaft, d. h. eine zusammen lebende und gemeinsam erbende Genossenschaft, und unterstanden einem Burggrafen, der vom Kaiser belehnt, in späteren Jahrhunderten von den Burgmannen gewählt wurde. Anfangs wohnte eine Reihe von adeligen Familien in der Stadt, so die von Breidenbach, die von Trimbach, die von Bünau, die von Grimmelshausen, die von Füßchen. Einer aus der Familie von Grimmelshausen hat diesen Namen unsterblich gemacht.
In anderer Weise leben die Schelme von Bergen in der Literatur fort: zwei Dichter, Heine und Simrock, haben die Sage von der Herkunft dieses Geschlechtes in reizvollen Romanzen erzählt. In dem maskierten Tänzer, dessen schlanker Wuchs und edle Bewegung alle Augen auf sich zog und die Kaiserin bewog, den ganzen Abend mit ihm zu tanzen, erkennt die Frankfurter Hofgesellschaft, als er auf den bestimmten Wunsch der Herrin die Maske fallen läßt, mit Entsetzen den Scharfrichter von Bergen. Sein Leben scheint verspielt; aber Kaiser Friedrich weiß einen besseren Ausweg und schlägt den Verwegenen, der die Kaiserin zum Tanze geführt hat, als Schelm von Bergen zum Ritter. Eine andere Fassung der Sage ist so, daß Barbarossa eines Tages, als er sich bei der Jagd im kaiserlichen Forst Dreieich bei Frankfurt verirrt hatte, zu einem Karrenführer aufstieg, den er unterwegs als den Scharfrichter von Bergen kennenlernte. Die Schelme führten als Wappen zwei rote Rippen im silbernen Feld und einen roten feuerspeienden Drachen als Helmzierde. Ihre Stammburg lag in Bergen nah bei Frankfurt und dort war auch eine Kirche mit ihrem Erbbegräbnis, die 1600 durch Feuer zerstört und im Anfang des 19. Jahrhunderts ganz niedergelegt wurde. Es gab Schelme von Bergen in Friedberg, Gelnhausen und noch anderen Ganerbenhäusern. Die Bergener Linie starb 1768 aus, von denen von Gelnhausen lebte im Anfang des 19. Jahrhunderts noch Christian, Hauptmann der freien Stadt Frankfurt, der keine Söhne hatte.
Die meisten von diesen Namen verschwanden allmählich aus der Stadt, um unter den Burgmannen wieder zu erscheinen. Insofern also wurde die Stadt Gelnhausen durch die Burg beeinträchtigt, als diese ihr die reichen und vornehmen Familien entzog. Eine fast nur aus Bauern und Handwerkern bestehende Stadt war nicht entwicklungsfähig; es bedurfte der Reibung, des Kampfes, mehr noch des Reichtums und vor allen Dingen der größeren Gesichtspunkte und der stärkeren Leidenschaften dieser Familien, ihres Ehrgeizes und ihrer Herrschsucht. Aus irgendeinem Grunde aber müssen wohl die Bewohner von Gelnhausen, Bürger wie Ritter, weniger tätig, weniger unternehmend gewesen sein als z. B. die von Friedberg. Die Anwesenheit der vielen hochgestellten Personen, die die Reichstage herbeizogen, belebten anfangs den Markt und brachten Arbeit und Verdienst mit; seitdem die Kaiser seltener und schließlich gar nicht mehr kamen, trat ein Stillstand ein und begann auch die Burg zu verfallen. Bewohnte ein Kaiser die Burg, mußte für seine Verpflegung und für die Erfüllung der verschiedenen Auflagen gesorgt werden, mußte die Burg in gutem wohnlichen Stande sein; da die kaiserlichen Besuche wegfielen, hatten die Burgmannen, die die Vorburg, nicht die Burg selbst bewohnten, an ihrer Erhaltung kein Interesse mehr. Schon am Ende des 14. Jahrhunderts beklagte sich König Wenzel über ihren Verfall.
Der Stadt hätte die dauernde Abwesenheit der Kaiser einen Aufschwung bringen können, wie das bei den meisten anderen Reichsstädten der Fall war, deren große Zeit im Interregnum begann. Auch Gelnhausen nahm an den Städtebündnissen teil, wurde insbesondere ein Glied des Bundes der vier wetterauischen Städte. Im Jahre 1285 vereinigten sich Frankfurt, Wetzlar, Friedberg und Gelnhausen zum ersten Male, um dann den Bund von Zeit zu Zeit zu erneuern. Sie wurden als Eidgenossenschaft so anerkannt, daß ihnen meistens gemeinsam von den Kaisern die gleichen Privilegien erteilt wurden. Frankfurt war ihr Vorort, Gelnhausen ihr schwächstes Mitglied. Auch Friedberg und Wetzlar haben dem wirtschaftlichen Aufstiege Frankfurts nicht folgen können, dem seine Sterne eine glanzvolle Zukunft bestimmt hatten.
In der Mitte des 13. Jahrhunderts war Frankfurt noch so wenig bedeutend, daß König Wilhelm es mit Gelnhausen zusammen verpfändete; er nahm aber diese von den Städten gefürchtete und gehaßte Maßregel zurück, indem er zugleich versprach, sie nicht zu wiederholen. Karl IV. indessen, ein schlechter Mehrer des Reichs, bediente sich mit Vorliebe dieses Mittels, um zu Gelde zu kommen, und verpfändete zuerst Gelnhausen und Friedberg an den Grafen Kraft von Hohenlohe und später Goslar und Nordhausen an den Grafen von Schwarzburg. Den letztgenannten Städten gelang es, sich selbst aus der Pfandschaft zu lösen, nicht so Gelnhausen, bei dem sich mit der wirtschaftlichen Schwäche noch das unkluge und allzu bequeme Vertrauen auf das Versprechen der Wiedereinlösung verband.
Zum Unglück für die Stadt verkaufte der Graf von Schwarzburg das Pfand an den Kurfürsten Ludwig von der Pfalz und den Grafen Reinhard von Hanau, von dem es im Jahre 1736 als Erbschaft an den Landgrafen von Hessen-Kassel fiel. Trotz seiner Ohnmacht hielt Gelnhausen unerschütterlich an seinem Charakter als freie Reichsstadt fest. Als kurz vor Beginn des 30jährigen Krieges der damalige Graf von Hanau sich in die inneren Angelegenheiten Gelnhausens einmischte, beschwerte sich die Stadt beim Kaiser Matthias, der es auch nicht an einem gespreizten Urteil fehlen ließ, in dem er der Pfandherrschaft, die sich nicht daran kehrte, aufgab, sich der Vergewaltigungen zu enthalten und der Stadt den erlittenen Schaden zu vergüten. Nach dem Kriege warf sich Leopold I. noch einmal zum Vertreter des Reichs und Herrn der Reichsgüter auf und schickte einen Kommissar zur Entgegennahme der Huldigung nach Gelnhausen. Die Grafen von Hanau verboten bei 1000 Gulden Strafe, die Huldigung zu leisten, doch verzweifelten die Gelnhauser nicht an ihrer guten Sache, riefen die Entscheidung des Hofgerichts an und huldigten nach erfolgtem günstigen Spruche. Die Reichszugehörigkeit machte sich nur dadurch bemerkbar, daß Gelnhausen aufgefordert wurde, die Reichssteuer zu leisten, welche dem Kurfürsten von Trier zur Unterhaltung der Reichsfestungen Koblenz und Ehrenbreitstein zugewiesen war. Gelnhausen war bereit, sie als Zeichen seiner Freiheit zu zahlen; aber gegen das Militär des Pfandherrn waren die Stadt sowohl wie der Kaiser machtlos.
Etwa hundert Jahre später unterschrieben eine Anzahl Bürger, nicht alle, eine Urkunde, in der sie versprachen, auf die Fortführung des Prozesses zu verzichten und der Pfandherrschaft den schuldigen Gehorsam zu leisten; aber noch nachdem durch den Reichsdeputationshauptschluß Gelnhausen dem nunmehrigen Kurfürstentum Hessen einverleibt worden war, wagte ein Teil der Bürgerschaft Widerspruch, der durch einrückende hessische Truppen unterdrückt wurde.
Als Simplizissimus während des Dreißigjährigen Krieges nach Gelnhausen kam, fand er die Tore offen, wie wenn es leer wäre, und wo sie durchlöchert waren, mit Mist verschanzt. Er ging ein paar Steinwürfe in die stille Stadt hinein und begegnete niemandem; nur ein paar Tote lagen auf der Straße, von denen einige nackt waren. Da grauste es ihn und er kehrte um.
Von der Befestigung sind noch Mauern, Tore und Türme erhalten.
Der Hexenturm erinnert an die vielen Frauen, die als Hexen in Gelnhausen verbrannt sind. Besonders ein Bürgermeister Koch machte sich durch eifriges Hexenbrennen einen Namen und entsprach damit, wie es scheint, dem Bedürfnis der Bürgerschaft; denn als damit nachgelassen wurde, beschwerten sie sich darüber beim Rat und forderten zu besserer Ausrottung der Zauberer und Hexen auf, die ihnen den Wein, die Baum- und Feldfrüchte verderbten. Die Bewohner von Gelnhausen waren augenscheinlich Bauern, engherzig, abergläubisch, mitleidlos, welches auch sonst ihre Tugenden sein mochten. Der Rat, der willkürlich ohne beisitzende Schöffen richtete, hätte durch scharfe Urteile der Bevölkerung die Empfindlichkeit abgewöhnen können, wenn sie daran gelitten hätte. Im Jahre 1480 ließ er am neuerrichteten Galgen zwei Leute aufhängen, die nicht mehr als ein paar Kittel gestohlen hatten. Zwei Schneider wurden verbrannt, einem Metzger wurden die Augen ausgestochen für Verbrechen, die weit weniger Roheit kundtaten als die Strafe. Um diese Zeit wurde auch einmal eine Mutter mit zwei Töchtern lebendig begraben. Gela, die eine von den Töchtern, hatte ein uneheliches Kind zur Welt gebracht, und ihre Schwester Elsgen hatte ihr den unheilvollen Rat gegeben, es zu töten. Die siebzigjährige Mutter hatte darum gewußt und wurde deshalb mit den Töchtern zu grausamem Tode verurteilt. Man hatte auch die jüngste Tochter ins Gefängnis geworfen, aber da Mutter und Schwestern sie entschuldigten, daß sie nichts gewußt habe, ließ man sie gehen. Den Vater des getöteten Kindes, einen Knecht aus Wertheim, scheint keine Strafe getroffen zu haben. Wo, ob im Hexenturm oder in einem anderen Verließ, die Unglücklichen verschmachteten, wird nicht berichtet.
Jetzt empfängt Gelnhausen den Wanderer als eine freundliche, stille, halb ländliche Stadt, deren Bewohner betrübt und fast beschämt gestehen, daß sie keine Industrie haben. Um so besser hört man, wenn man die krummen Straßen hinaufklettert, den Genius dieses Ortes mit Adlerflügeln rauschen. Unsichtbare Schwingen segeln langsam zwischen der Burg und der Marienkirche hin und her, unter ihnen schwillt auch das Kleine und Geringe zu mythischer Größe über die enge Stadt hinaus. Das romanische Rathaus, das einzige dieser Art in Deutschland, das früher in ein gotisches Haus verbaut war, hat durch die Wiederherstellung an überzeugendem Leben verloren. Aber man geht an schönen, ansehnlichen Fachwerkbauten vorüber, an einem Portal der Peterskirche sieht man geheimnisvolle Gesichter, Madonnen voll unnahbarer Hoheit schmücken die Altäre der Marienkirche. Dieser herrliche Bau mußte der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zum Vorbild dienen; aber wohl keiner, der vor einer von beiden steht, denkt an die andere.

Wetzlar
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Seit dem Jahre 1495 waltete das Reichskammergericht in Speier, das bestimmt war, auf dem Wege gerichtlichen Prozesses zu schlichten, was bis dahin mit dem Schwerte ausgemacht wurde. Nicht mehr heftete der Ritter, dessen Knecht eine Stadt abgefangen und in den Turm gelegt hatte, den Fehdebrief an ihre Tore; die Reichsstände, die beide auf das gleiche Gebiet Erbansprüche zu haben behaupteten, überzogen sich nicht mehr mit Krieg, sondern warteten auf die Entscheidung des Kammergerichts, meist sehr lange. Als die französischen Raubkriege am Ende des 17. Jahrhunderts die Pfalz bedrohten und schließlich verwüsteten, sah sich das erschreckte Reichskammergericht nach einer anderen Stätte um, wo es sich niederlassen könnte, und wo es gesicherter wäre. Es eignete sich dazu nur eine Reichsstadt, und zwar eine von Frankreichs Grenze hinreichend entfernte; man wies daraufhin, daß im 15.Jahrhundert, als man Speier bezog, Lothringen, Elsaß, die Freigrafschaft und sogar das Erzbistum Besançon, damals Bisonz, noch zum Reich gehörten und die Pfalz deckten. Die Städte, an welche man zunächst dachte, verlockte die Aussicht, das Kammergericht zu beherbergen, durchaus nicht; denn sie fürchteten die Einmischung der hochgeborenen Herren, die demselben vorstanden, in ihr Regiment. Frankfurt, Schweinfurt, Augsburg, Memmingen widersetzten sich nachdrücklichst; in Mühlhausen in Thüringen und Dinkelsbühl war die Bürgerschaft dem Plane geneigt, nicht aber der Rat. In Friedberg und Wetzlar lagen die Dinge anders; da war kein hochmütiges Patriziat, auf nichts als auf seine Alleinherrschaft bedacht, da bestand der Rat aus kleinen Kaufleuten und Handwerkern, welche froh waren, durch den Zuzug vieler wohlhabender Familien ihre Einnahmequellen zu vermehren. Die verschiedenen Kommissionen, welche Wetzlar in Augenschein nahmen, stellten fest, daß die Bürgerschaft 400 Mann stark sei, worunter nicht über 20 Katholiken wären; die Nahrung der Bürger sei Ackerbau, Viehzucht und Tabaksbau, das übliche Getränk Bier, Wein werde wenig getrunken. Sie lobten Luft und Wasser als gesund, die wohlfeilen Preise und die Obst- und Gemüsegärten, welche die Stadt umgäben, auch drei Apotheken und 2 Ärzte gebe es. Dagegen wären die Häuser mit Stecken geflochten und mit Lehm übertüncht, meist mit Stroh gedeckt und ohne Brandmauern, was Feuersgefahr bedeute, und das Wasser müßte bei Feuersbrünsten von der Lahn heraufgeschafft werden. Nur wenige Häuser wären aus Stein oder hätten steinernes Erdgeschoß, auch hätten sie nicht einmal rechte Küchen und gemauerte Schornsteine. Da die meisten Zimmer der Erdgeschosse zu ebener Erde wären, herrsche Feuchtigkeit und wegen der Pferde, Rinder und Schweine, die die meisten Bürger hielten, übler Geruch. Die Straßen wären teils gar nicht, teils schlecht gepflastert und sehr unflätig. Es sei ferner keine Post vorhanden, die Briefe müßten zur Beförderung nach Gießen getragen werden, mit der Kaufmannschaft sehe es schlecht aus, es mangle an geschickten Handwerkern und an allerlei Gewerbe. Die Schulen wären so schlecht, daß man die Kinder schon im zarten Alter auf auswärtige Schulen würde schicken müssen. Die Stadt liege an einem Abhang, so daß das Fahren in Kutschen beschwerlich und bei Schnee und Glatteis auch das Gehen für nicht wohlgeübte Fußgänger gefährlich sein würde. Kurz, Wetzlar sei, obwohl eine Reichsstadt, so gar unansehnlich, daß das Kammergericht ohne Verminderung der ihm gebührenden Achtung und selbst ohne Nachteil der Hoheit des Heiligen Römischen Reichs darin nicht wohnen könne. Niemand erwähnte die liebliche Lage der hügelumgebenen Stadt, die uns so anzieht; ein Kammergerichts-Prokurator schilderte Wetzlar »als einen bergigten, nahe an einem unfreundlichen Himmel gelegenen Ort, als einen nicht durch den Geist ihrer Bürger, sondern durch die Beschaffenheit eins von der Natur stiefmütterlich behandelten Bodens fast unwirtlichen Aufenthalt, des verjagten höchsten Reichsgerichts letztes Los und rauher Wohnsitz«.
Es scheint indessen, daß diese schonungslosen Urteile etwas übertrieben und von Katholiken ausgegangen waren, die ein Mißfallen an der wesentlich protestantischen Richtung der Stadt hatten; denn als der Stadtrat sich bereit erklärte, den Franziskanern mehr Platz anzuweisen, ihnen das Almosensammeln zu gestatten, öffentliche Prozessionen in wie vor der Stadt zu erlauben, ja sogar die Jesuiten aufzunehmen, milderte sich der Widerstand sichtlich, und als der beflissene Magistrat außerdem noch Abschaffung der Strohdächer und Reinhaltung der Straßen und Plätze versprach, kam es zur Einigung. Eine dringende Einladung von seiten Dinkelsbühls hatte keine andere Folge als einen Wechsel von Schmähschriften zwischen den beiden Städten.
Im Jahre 1693 konnte das Kammergericht in Wetzlar feierlich eröffnet werden, wobei der Erzbischof von Trier vom Thron herab eine Rede hielt. Anstatt jedoch die Streitigkeiten anderer zu entwirren, gerieten die Herren untereinander in schwere Mißhelligkeiten, die durch die Willkür und den Hochmut des älteren Präsidenten, Freiherrn von Ingelheim, genährt wurden. Es bildeten sich zwei Parteien, deren Mittelpunkt auf der einen Seite Ingelheim, auf der anderen der jüngere Präsident Reichsgraf von Golms-Laubach war. Während Ingelheim beschuldigt wurde, den Lauf der Gerechtigkeit zu hindern, klagte Graf von Wartenberg, ein Anhänger des Ingelheim, den Grafen Solms der Parteilichkeit an. Ingelheim drohte einem Herrn von Pyrk den Degen in den Leib zu stoßen und Nytz ging so weit zu erklären, daß Pyrk von seiner Hand sterben müsse, sei es auch in der Kirche. Kam es dazu auch nicht, so beschlagnahmte doch die Ingelheimsche Partei die Besoldung des besonders verhaßten Pyrk. Dieser scheint allerdings ein sehr bissiger, dabei nicht unwitziger Mann gewesen zu sein; er ließ das kaiserliche Reskript, das zu seinen Gunsten sprach, drucken und setzte ihm als Motto den Vers aus den Psalmen vor: »Große Farren haben mich umgeben, fette Ochsen haben mich umringt, ihre Rachen sperren sie auf wider mich wie ein reißender und brüllender Löwe.« Er nannte ferner den Kammergerichts-Prokurator Flender, der zur Ingelheimschen Partei gehörte, vor Zeugen einen Schelmen und galgenwürdigen Gaudieb. Schelm und Dieb waren offenbar die damals unter Kavalieren üblichen Schimpfworte. Flender schob die von Pyrk gegen ihn ausgestoßenen Beschimpfungen zurück und erklärte, ihn so lange für einen galgenwürdigen Schelmen halten zu wollen, bis Pyrk entweder ihm ein galgenmäßiges Schelmenstück nachweise oder die ausgestoßene Beleidigung widerrufe. Pyrk unterließ beides. Inzwischen war vollständiger Gerichtsstillstand eingetreten, und die ruhigen Elemente verlangten nach einer außerordentlichen Visitation, die der Sache ein Ende mache.
Es begab sich um diese Zeit, daß ein marktschreierischer Zahnarzt mit einer Truppe von Gauklern und Seiltänzern nach Wetzlar kam und seine Bühne auf dem Marktplatz, dem alten Rathause gegenüber, aufschlug, welches der entgegenkommende Rat dem Kammergericht abgetreten hatte. Die Gaukler führten eine Posse auf, worin als Hauptperson ein Richter figurierte, der, feierlich mit dem Szepter in der Hand, auftrat, um einen Prozeß zu führen, aber der Bestechung zugänglich war und zuletzt offener Verhöhnung anheimfiel, indem der Hanswurst die Kleider mit ihm tauschte und sich statt seiner auf den Richterstuhl setzte. Graf Solms-Laubach, der als Biedermann geschildert wird, sah die Posse für eine heillose Satire an, die das Kammergericht verspotte, und beschuldigte den älteren Präsidenten, Freiherrn von Ingelheim, der Aufführung mir Wohlgefallen zugesehen und sogar die Gaukler beschenkt zu haben. Mit Hilfe des Kaisers setzte er durch, daß der Schauspieldirektor und Zahnarzt, es war Joh. Eisenbart, seine Bühne vor dem Rathause abbrechen und an einer anderen Stelle aufrichten mußte.
Inzwischen hatte Herr von Pyrk verschiedene Streitschriften drucken lassen mit langen Titeln, von denen der eine anfing »Gedämpftes Ehrengift«, der andere »Pyrkisches Echo oder Widerschall, d. i. abgedrungene Retorsion und Ehrenrettung«; er erklärte in der letzteren die ganze Ingelheimsche Partei für galgenmäßige Schelme. Die Kammergerichts-Visitation, die endlich in Wetzlar eintraf, verlangte zuerst von allen, die einander beschimpft hatten, die Beschimpfungen zu beweisen; das veranlaßte neue Schriften, über deren Verfassen und Drucken wieder lange Zeit hinging. Die Untersuchung schloß damit, daß Ingelheim und Nytz freigesprochen wurden, Pyrk dagegen wurde seiner Stelle entsetzt und seine Schmähschriften wurden vor seinen Augen durch den Kammergerichts-Pedellen zerrissen und ihm vor die Füße geworfen. Es war eine für die Sieger vielleicht nicht ganz so befriedigende, aber für das Opfer leidlichere Rache, als wenn man ihm, wie es vor 100 Jahren wohl geschah, das Herz aus dem Leibe gerissen und ins Gesicht geschmissen hätte. Übrigens hatten die Visitatoren wohl den Auftrag gehabt, den Freiherrn von Ingelheim zu schonen; denn Pyrk wurde bald darauf »wegen seiner beim Reichskammergericht bewiesenen Treue und nützlichen Dienste und im Hinblick auf seine bekannten guten Eigenschaften« zu einem böhmischen Oberappellationsrat auf der Herrenbank ernannt. Im Jahre 1711 wurde nach siebenjährigem Stillstand das Gericht wieder eröffnet. Fast wäre der Streit sofort aufs neue ausgebrochen, weil die Abgeordneten des gräflich wetterauischen Collegii und des Collegii der Prälaten in einem mit 6 Pferden bespannten Wagen zu fahren beanspruchten wie die Abgeordneten der Reichsfürsten; aber es gelang, den Unfrieden im Keime zu ersticken. Seit die Fehden im Reich nicht mehr mit dem Schwert, sondern mit dem Wort ausgefochten wurden, waren ihrer nicht weniger geworden, und der Verzicht auf die Selbsthilfe hatte die Menschen zwar äußerlich gesitteter, aber weichlicher, kleinlicher und würdeloser gemacht; man begreift, daß ein Jerusalem in dieser Umgebung zum Selbstmord kam, und daß der Freiherr von Stein ihr an gewidert den Rücken wandte.
Von Zeit zu Zeit tauchte im Schoße der Kammergerichtsgesellschaft der Wunsch auf, Wetzlar wieder zu verlassen. Man zählte alle Mängel der Stadt von neuem auf: ihre schlechten Wege, die schlechte Polizei, indem das Landvolk die Preise der Waren nach Belieben selbst bestimmte, die Baufälligkeit des alten Rathauses, die Lage des Kirchhofs inmitten der Stadt. Das Beerdigen am Markte, das in fast allen Städten des Reichs schon mit dem 16. Jahrhundert nicht mehr stattfand, verursachte so heftige und gefährliche Ausdünstungen, daß man, so hieß es, im Sommer vor Sonnenaufgang über dem ganzen Platz einen blauen Dunst wahrnehmen könne. Mit einiger Nachgiebigkeit hinsichtlich der Franziskaner und Jesuiten pflegte der Rat die Anstände zu überwinden; er verlegte nun sogar den Friedhof vor die Mauern, wo sich zwar zuerst niemand begraben lassen wollte. Wie man in manchen Sagen dem Teufel, der die Brücke gebaut hat und zum Lohn die Seele dessen fordert, der zuerst hinübergeht, einen Hahn oder Pudel entgegentreibt, so schickte man hier eine verstorbene Henkersgattin voran, womit der Bann gebrochen war.
Im Zusammenhang mit Beerdigungen entstand in der Mitte des 18. Jahrhunderts zwischen dem Kammergericht und der Stadt Wetzlar ein merkwürdiger Streit. Der damalige Kammergerichtspräsident Graf Karl von Wied verlor seine Gattin durch den Tod und wollte ihre Leiche nach dem Wiedschen Erbbegräbnis in Runkel führen. Da nun sowohl die Stadt Wetzlar wie der Landgraf von Hessen als Schutzherr der Stadt das Recht in Anspruch nahmen, dem Leichnam bis an die Grenze des Stadtgebiets das Geleit zu geben, kam es zu ernstlichem Streit und sogar zu Tätlichkeiten, worauf der Graf von Wied um des Friedens willen sich dazu bequemte, die Verstorbene in der Stiftskirche von Wetzlar beisetzen zu lassen, weniger nachgiebig als der Graf von Wied war die Witwe des ersten Kammergerichtspräsidenten, jenes unbeliebten, triumphierenden Freiherrn von Ingelheim, der dreiundachtzigjährig starb. Ohne sich durch die Wetzlarer Stiftskirche locken zu lassen, ließ sie den Leichnam in einen Sack stecken und in der Abenddämmerung durch Heiducken fortschaffen, die, wie man sich erzählte, an der Grenze den Sack über die Mauer geworfen hätten.
Es scheint nicht, daß die Anwesenheit des Kammergerichts der armen Stadt Wetzlar die erhoffte Blüte gebracht habe, wenn sie auch die Ursache war, daß der junge Goethe dort unsterblichen Liebesschmerz erlebte, der für alle Zukunft einen Glanz auf die alte Reichsstadt warf. Damals hatte sie nichts, um sich über ihr fadenscheiniges Dasein zu trösten, als das Bewußtsein einer schöneren Vergangenheit, das die Kaiser nährten, die ihrerseits an den letzten, ihnen gebliebenen Reichsrechten festhielten. Wenn der Landgraf von Hessen, der schutzherrliche Alp, allzu drückend wurde, wandte sich die Stadt klagend an den jeweiligen Kaiser, der dann verwarnend eingriff. Joseph I. schrieb dem Fürsten, er könne nicht gestatten, daß die Stadt Wetzlar an ihrer Unmittelbarkeit, ihren Landeshoheiten und Rechten, ihren Freiheiten und Privilegien, die sie kundbarlich von kaiserlicher Majestät und dem Reich habe, gestört und verkürzt werde; er versehe sich dazu, daß der Herr Landgraf aus dem ihm zustehenden Schutzrecht keine Gewalt und Obrigkeit machen wolle. Karl VI. erneuerte die Mahnung und fügte hinzu, er wolle nicht leiden, daß die Stadt Wetzlar gleichsam in eine Munizipalstadt umgeschaffen und unstatthaften Zumutungen ausgesetzt werde, sondern er wolle sie bei ihrer Unmittelbarkeit und den derselben anklebenden Gerechtsamen erhalten.
Als Joseph II. die Huldigung der Reichsstädte durch Kommissare einnehmen ließ, beschloß der Stadtrat im Verein mit dem Vertreter des Kaisers, dem Grafen Franz Spauer von Pflaum und Valme, die Festlichkeit mit Pomp zu begehen. Unter dem Läuten der Glocken und Donner der Geschütze hielt der Kommissar mit vier sechsspännigen Staatswagen und einigen vierspännigen Reisewagen seinen Einzug, begleitet von vier Hofkavalieren, nämlich einem Grafen von Spauer, einem Grafen von Firmian, dem Reichsgrafen Franz Karl von Metternich zu Virneburg und Beilstein und dem Freiherrn von Sternbach, von Edelknappen, Offizieren, Heiducken, Läufern und Lakaien und schließlich von der eigens errichteten und eingeübten Wetzlarer Bürgergarde, deren Offiziere blaue Uniformen mit gelben Unterkleidern und silberne Tressenhüte trugen. Am Neustädter Tore, wo die Ehrenpforte errichtet war, überreichten Bürgermeister und Rat die Stadtschlüssel und brachten ledige Bürgerstöchter einen Blumenstrauß mit schriftlichem Glückwunsch dar. Der Huldigungseid wurde auf dem Rathause geleistet, vor demselben fand die Huldigung der Bürgerschaft und zuletzt die der Judenschaft statt.
Trotz dieses Sichanklammerns an die Vergangenheit ging es abwärts. Im Jahre 1770 mußte die Wollenstrumpfweberzunft sich zahlungsunfähig erklären. Sie überließ die Walkmühle, die ihr gehörte, ihren Gläubigern und erklärte sich für aufgelöst. Ein großer Brand vernichtete mitten in der Stadt viele Häuser, darunter das Rathaus, den Sitz des Reichskammergerichts. Das alte Kaufhaus, wo der Stadtrat inzwischen getagt hatte, war schon Jahrzehnte vorher »bei einer gänzlichen Windstille« eingestürzt.
Jetzt sind neue Sterne über Wetzlar aufgegangen mit elektrisch hellem Licht: die beiden größten, umgeben von einem Gewimmel kleinerer, heißen Buderus und Leitz, Eisenwerke und optische Industrie, und haben der verarmten Stadt Zustrom von Geld und Menschen vermittelt. Vor ihnen erblaßt ein wenig der sanftschimmernde Himmelsstern Goethe, der sonst etwa Besucher nach Wetzlar lockte; aber noch heute suchen zuweilen welche das ehrwürdige Deutsche Haus auf, wo Amtmann Buff als Verwalter der Güter des Deutschen Ordens wohnte, und die anmutig vornehmen Räume, wo Lotte ihren Bräutigam und seinen glühenden Freund empfing. Kaum beachten sie den großartigen Zeugen des Mittelalters, den Dom, sowenig wie der junge Goethe, versunken in den Genuß seiner Schmerzen und seines Genius, ihn gewürdigt zu haben scheint.
Wenn man die schmale, steile Treppe hinaufsteigt, die von der Hauserstraße zum hochgelegenen Buttermarkt hinaufführt, steht man bestürzt vor dem phantastischen Bauwerk, das an den Turm von Babel erinnert, wie Maler des 16. oder 17. Jahrhunderts ihn etwa darstellten. Man fragt sich, ob das zum Dienst des Christengottes errichtet wurde, oder was für ungeheuren Göttern man hier Altäre baute. Allmählich entwirrt man sich das chaotische Gebilde: es ist ein Dom im Dom, ein alter romanischer Bau im Gehäuse eines gotischen, der nicht vollendet, so wie jener nicht ganz abgerissen wurde. Neben und hinter dem gewaltigen gotischen Turme steht der alte romanische aus schwarzem Basalt und ein dunkles altertümliches Portal mit zwei Rundbogen, in der Mitte getragen von einer zierlichen, adlergeschmückten Säule. Dieser Turm wird Heidenturm genannt, obwohl der spätere, gotische mit dem seltsam bekrönten Haupte titanischer wirkt. Der Eindruck der Absonderlichkeit läßt zuerst die Andacht der Schönheit nicht aufkommen; wenn aber die hereinbrechende Nacht das erhabene Ungetüm anhaucht und das beruhigte Monument, halb Pyramide, halb Obelisk erscheint, gibt man sich gern dem Zauber hin, der den gemütlichen Marktplatz in ein Fabelland verwandelt. Tatsächlich hat die so überraschend sich darstellende Kirche nichts Verfängliches oder Verhängnisvolles an sich; Protestanten und Katholiken teilen sich in sie, wie es scheint mit brüderlicher Vertraulichkeit.
Außer einigen schönen Häusern, die meistens aus dem 17. oder 18. Jahrhundert sind, dem Haus zum Reichsapfel, dem Gasthaus zum Römischen Kaiser, dem Gasthaus zum Adler am Kornmarkt, ferner dem Gasthaus zum Dom und dem Hotel zum Herzoglichen Haus, das zeitweise dem Kammergericht gehörte, am Buttermarkt, dem Jerusalem-Haus und anderen gutgebauten Häusern aus alter Zeit, außer der steinernen Lahnbrücke, die schon im 13. Jahrhundert da war, sowie das Hospital, von dem nur noch ein paar Glocken in das neue übergegangen sind, hat Wetzlar noch ein Denkmal besonderer Art aufzuweisen, das ich in der Frühe eines Sommermorgens aufsuchte. Aus der Stadt hinaus, am Friedhof vorüber, kommt man in die sich öffnende, von bewaldeten Hügeln begleitete Landschaft. Ein alter Wartturm taucht auf, der einst die städtische Landwehr befestigte, leuchtend wallen hügelige Fluren in die blaue Ferne. Zwischen betautem Grase am Fuße einer Anhöhe liegen zwei Steine, auf deren einem die Inschrift steht: »Monumentum facti et executionis Friderici Holstuch alias Tile Kolup, falso se imperatorem Fridericum II fingentis, in Wetzflaria capti, damnati, combusti, in hac valle imperiali tumulati, jussu imperatoris Rudolfi I MCCLXXXIV.« Auf deutsch: Denkmal der Tat und Einrichtung des Friedrich Holstuch, auch Tile Kolup genannt, welcher sich fälschlich für Kaiser Friedrich II. ausgab, in Wetzlar ergriffen, verurteilt, verbrannt und in diesem Kaisergrunde verscharrt wurde auf Befehl des Kaisers Rudolf I. 1284. Ein Herr von Gülich, dem der Kaisergrund gehörte, ließ Ende des 18. Jahrhunderts die Steine mit der von ihm verfaßten Inschrift setzen, auf der Notiz eines älteren Chronisten fußend, daß an der betreffenden Stelle sich ein derartiger Denkstein befunden haben solle.
Viele aus den Quellen gezogene Zeugnisse sprechen dafür, daß sich wirklich am Kaisergrunde bei Wetzlar die grausige Schlußszene eines tragischen Kampfes abgespielt hat.
Etwa dreißig Jahre nach dem Tode Friedrichs II., der in Italien sechsundfünfzigjährig starb, tauchte ein Mann auf, der eben dieser Kaiser zu sein behauptete. Es war ein schöner Greis, der dem Hohenstaufen glich; er schien sehr alt zu sein, aber er war rüstig und sein Gesicht erleuchtete oft jugendliches Feuer. Um sich zu beglaubigen, führte er Tatsachen an, die kein anderer als der Kaiser selbst oder seine nächsten Freunde hätten wissen können. Alte Ritter, die Friedrichs Feldzüge mitgemacht hatten, Bauern, Städte, ja Fürsten schlossen sich ihm an. Es war nicht nur, daß seine Liebenswürdigkeit, Leutseligkeit und Freigebigkeit hinriß: alle diejenigen, die mit Rudolfs Regiment unzufrieden waren, namentlich die Feinde des Papstes und der Pfaffen, hofften in ihm einen Führer zu finden. Dagegen bekämpfte ihn grimmig die von Rudolf begünstigte Geistlichkeit, allen voran der bei jedermann verhaßte Erzbischof Sifrid von Köln. Aus Köln verjagt, begab er sich nach Neuß, wo er begeisterte Aufnahme fand, und wo er sich zwei Jahre als Kaiser anerkannt hielt. Dieser Erfolg gab ihm den Mut zu einem allzu kühnen, aber folgerichtigen Schritte: er forderte nämlich König Rudolf von Habsburg auf, sich ihm zu stellen und seine Krone niederzulegen. Rudolf, der den falschen Friedrich bis dahin nicht recht ernst genommen hatte, rückte nun mit Heeresmacht vor Wetzlar; denn dort war der angebliche Hohenstaufe mit Freuden aufgenommen. Nicht unbewegt sah Rudolf der Begegnung entgegen; denn er hatte den Verstorbenen verehrt und hätte sich verpflichtet gefühlt, ihm zu weichen, wenn er ihn erkannt hätte; aber das war nicht der Fall. Da hingegen manche auf seine Seite traten, andere schwankten, unterwarf ihn Rudolf der Folter, die ihm das gewünschte Geständnis erpreßte, er sei ein Betrüger, heiße Dietrich Holzschuh oder Tile Kolup und habe vermittels schwarzer Kunst und Zauberei seine Rolle spielen können. Daraufhin wurde er zum Feuertode verurteilt und mit einem treugebliebenen Anhänger verbrannt, der Überlieferung nach dort, wo jetzt die Steine liegen. Auf der Anhöhe über dem Grunde standen als Zuschauer König Rudolf, Erzbischof Erich von Magdeburg, Bischof Volrad von Halberstadt, die Grafen von Anhalt, Wernigerode, Blankenburg, Leiningen und viele andere Herren und Ritter, vor allem natürlich der Erzbischof von Köln, der als Vorsitzender des Fürstengerichts das Urteil gesprochen hatte. Anwesend waren auch die Bürgermeister und Schöffen von Wetzlar, adlige Herren, die sich durch Auslieferung des Usurpators die Verzeihung des zürnenden Königs zu erwerben gewußt hatten. Durch die gewaltsame Lösung wurde das Dunkel, in das die Begebenheit gehüllt ist, nicht gelichtet; denn die durch Tortur erpreßten Aussagen sind belanglos. Wer war der Mann, der Kaiser Friedrich ähnlich sah? Woher kam er? Hieß er wirklich Dietrich Holzschuh? War er vielleicht ein Knappe des verstorbenen Kaisers gewesen und wußte er daher so viele ihn betreffende Dinge? War er ein Wahnsinniger oder ein Betrüger? Woher hatte er das viele Geld, das ihm zur Verfügung stand? War er durch Feinde des Königs gedungen?
Was ich an jenem Sommermorgen im Kaisergrund mit dem inneren Auge sah war so: Ich sah den rechtschaffenen König Rudolf, der ausgezogen war, einen unverschämten Betrüger und Friedensstörer zu strafen, betroffen von der wundersamen Erscheinung, die ihm vor den Toren von Wetzlar entgegentrat. Dieser Friedrich war ein Betrüger und doch keiner, weil er ein Wahnsinniger war, der der Kaiser zu sein glaubte. Und er war es, solange er es glaubte. War dieser Mann so alt, wie Friedrich hätte sein müssen, wenn er lebte? Manchmal schien er hundertjährig und älter und morsch, als müsse er vor einem Luftzug zusammenfallen; aber wenn sein Gefühl ihn hinriß, strahlte er von Kraft und Jugend, trotz des weißen Haars, das ihm wirr ums Gesicht hing. Er war ein Träumender und sprach seltsam ergreifende Dinge aus Tiefen des Traums. Er war Friedrich, verzehrt von Schmerzen und hell im Bewußtsein seines Namens. Er war ein Sinnbild herrlicher Vergangenheit und stand geisterhaft schaurig vor dem Bringer der neuen Zeit, dem der gemütliche Humor auf den Lippen erstarb angesichts dieser Flamme aus der Asche.
Solange Friedrich träumt, ist er der Kaiser und herrscht; aber wenn man ihn rauh antastet, ihn martert, dann erwacht er und ist ein armseliger, gehetzter Kranker, der sich fürchtet und zittert und nach Hause möchte. Irgendein Wort aber des Hohns oder der Schande stürzt ihn wieder in den Abgrund seines Wahns: er ist wieder Friedrich, der Kaiser. Er wirft sich in das Feuer wie in die Glorie, die ihm gebührt und besser ansteht, als vor der Verlegenheit der einen und dem verbissenen Hasse der anderen zu stehen. Rudolf handelt, wie er muß, wenn er den Betrüger, den Zerstörer seines Friedenswerks aufopfert; und dennoch, solange die beiden sich gegenüberstehen, ist Rudolf der falsche und der mit Purpurfetzen behangene Bettler der echte Kaiser, der Hohenstaufe, der von Gottes Gnaden.
Friedrich:
So empfängt Habsburg seinen Kaiser! Knechte dingt er,
Nicht ihn zu stützen, denn er ist sehr alt,
Nein, ihn zu greifen, vor sich herzustoßen
Als einen Missetäter. Rudolf! Hättst du das geglaubt,
Wenn jene umbrische Sibylle dir's
Geweissagt hätte,
Die bei Arquata uns den Weg vertrat?
Sie griff in deines Rappen Zügel, hielt ihn,
Ein alt gebrechlich Weib, und rief: Heil dir,
Gottes Erwählter! Hoch, hoch wirft du steigen
Und dein Geschlecht! Du sprachst, zu mir dich wendend:
»Die Törin sieht nicht weiter als ein Maulwurf.
Nie steig ich höher, Herr, als du mich hebst
In deiner Gnade; und ob hoch oder nieder,
Findst du mich treu.« Was sagte ich darauf?
Rudolf:
Im tiefsten Busen regt sich ein Erinnern,
Haucht auf verwischte Bilder. War's in Umbrien,
Wo uns, als wir am Quell vom Pferde stiegen,
– Uns dürstete – ein Trupp Banditen überfiel
Und den von Arnstein fingen und entführten,
Des roter Bart sie trog, als wär's der Kaiser?
Graf v. Katzenellenbogen:
So hört ich's einst von meinem Vater sagen,
Der auch dabei war!
Friedrich:
Katzenellenbogen?
Ich seh, du bist sein Sohn. Gleichst ihm zwar wenig,
Er kurz und fett, du schlank, fast wie ein Mädchen;
Doch deine Augen sind's, die ihn bezeugen.
So schmale hatt' er, bläulich spiegelnde,
Daß ich ihn wohl zu necken pflegte,
Sein Vater hab ihn aus Jerusalem
Von einer Sulamith.
Graf v. Katzenellenbogen:
Ist das Magie nicht,
Spricht Wahrheit hier. So wärst du Kaiser Friedrich!
Mir ist zumut, als drehte sich der Himmel!
Friedrich:
Ihr zögert, schweigt. Grüßt mich denn keiner, keiner
Erkennt mich? Bin ich nicht mehr ich,
Weil Schnee mein Blondhaar deckt, weil Alter
Und Kummer meinen stolzen Rücken krümmte,
Die Wange einfiel, die einst straff und braun?
Kenn ich doch euch und weide mich
An euren Zügen, draus Vergangenheit,
Zeit meiner Jugend, meiner Herrlichkeit
Wie aus dem Spiegel glänzt, und ihr steht stumm,
Verlegnen Blicks. Ihr werft euch nicht
In meine Arme, auf die Knie vor mir,
Dem letzten Staufer, den ein Wunder sparte!
Graf v. Regenstein:
Eben das Wunder lähmt uns. Kaiser Friedrich,
Den Gift zu früh entseelte, liegt begraben
Im Dome zu Palermo. Wenn er lebte,
Hätt' er geschwiegen, als der Feinde Wut
Ihm Söhn und Enkel schlachtete? Der Frauen
Und Kinder selbst nicht schonte? Wär' er nicht,
Ein Löwe, starken Sprungs in Feindes Nacken
Gefallen? Läg' er nicht im Grabe, Staub,
Soweit er Fleisch war, hätt' er zugesehen,
Wie Konradins, des Knaben, edles Haupt
Das Beil des Henkers abhieb? Zugesehen,
Wie Manfred mit Verrätern rang und fiel?
Und ohne Hülf und Rache Heinz, den Liebling,
Im Turme wimmern hören?
Friedrich:
Schweig!
Grausamer, schweig! Reiß nicht von meinem Herzen
Die Narbe! Glaubst du etwa, in der Hand
Wägen zu können, was ich litt? Kein Abgrund
Faßt all die Qualen, die mein Herz ertrug.
Von meinem Reiche fern hab ich Jahrzehnte
In Knechtsgestalt gelebt, mein Bettlerelend
Gefristet. Und in Lumpen noch gefürchtet,
Erkannt zu werden. Sie verfolgten mich
Noch übers Meer, nach Asien, Trapezunt
Und Persien. Dies gesalbte Haupt
War feiler Mörder Ziel. Der große Gaukler
In der Tiara war auf meinen Fersen.
Ach, daß der Haß scharfsichtiger, treuer ist
Als Liebe! Häscher und Banditen, die
Erkannten mich! Syrien und Palästina
Verbarg mich ihnen nicht. Aus schmählichster
Vermummung blitzen sahn sie meiner Ahnen
Verderblich Adlerauge. Jener Wüstenscheik,
Der auf Kamelen flog, wie Wolken fliegen,
Weit – weit – unendlich weit – auch jener kannte mich
Und sandte Sklaven mir und Sklavinnen
Und Gold und Purpur, rot wie adlig Blut.
»Da man im Abendland,« sprach er, »den Herrn
Der Welt verstößt, heilig sei mir dein Haupt
In Dornen.« So der Scheik. Und weiter, weiter,
Rasende Flucht bei Nacht, bei Tagesgrauen
In alten Gräbern mit der Fledermaus
Verborgen. So verfolgte mich
Der böse Greis in Rom.

Schwäbisch-Hall
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Natur hat diese Stadt gewiegt und Kunst sie gebildet. An zwei Abhängen, die der Kocher durchbricht, steigt sie anmutig prächtig hinauf, auch wo sie groß wirkt noch traulich wie die Landschaft, der sie verschwistert ist. Jenseits erhebt sich wie ein Fabelbau die ritterlich-kirchliche Komburg, und dahinter der Einkorn, einst Träger einer Wallfahrtskirche, jetzt ein dunkelgrün bewaldeter Kegel. Hier ist Burg, Strom, Insel, Felsarchitektur, auf, nieder, Winkel und Bogen, alles so glücklich benutzt und ineinander gewachsen, daß es wie ein lobpreisender Auszug deutscher Welt vor dem überraschten Wanderer liegt.
Die freigebige Natur, die jedem Ort etwas verleiht, womit er sich nährt und woran er erwächst, schenkte hier zur Schönheit Nutzen in einer Salzquelle, die schon in geschichtsloser Zeit von Tieren und Menschen aufgesucht wurde. Sie gehörte zum Gebiet der Grafen von Westheim, und diese, die zugleich Grafen des Kochergaues waren, haben wohl zuerst Versuche planmäßiger Salzbereitung angestellt. Die königlichen Beamten, denen der Betrieb anvertraut wurde, vermutlich Adlige der Umgegend, lebten nach der Überlieferung in sieben Burgen, die im Jahre 1718 bis auf eine noch alle vorhanden waren. Der große Brand von 1728 ließ nur noch eine übrig, die sogenannte Keckenburg, ein Fachwerkbau auf steinernem Untergeschoß. Der Ertrag der Quelle wurde in 111 gleiche Teile geteilt, die verpachtet wurden, und man unterschied Obereigentum, Lehn genannt, und Nutzeigentum oder Erb, dessen Besitzer Erbsieder hießen. Mit dem Beginn des 14. Jahrhunderts war die ursprünglich königliche Quelle ganz im Besitz der Erbsieder. Sie bildeten den reichsten und vornehmsten Teil der Bürgerschaft, aus deren Mitte der Rat besetzt wurde.
Jetzt ist die Haal, der Platz, wo die Quelle gefaßt ist, verödet. Mit Eröffnung des Steinsalzwerks Wilhelmsglück wurde die alte Quelle von Hall, die der König von Württemberg durch Ankauf sämtlicher Aktien erworben hatte, aufgegeben und wird seitdem nur noch zu Solbädern benutzt. Das in gutem Geschmack erbaute Solbad liegt auf der baumbeschatteten Insel Unterwöhrd, die durch Stege und Brücken mit den verschiedenen Stadtteilen verbunden ist. Diese Brücken mit ihren Türmen, ihrem Holzdach, die Ufermauern, die Gebüsche, die kleinen, zutraulich übers Wasser geneigten Giebelhäuser setzen sich bei jeder Wendung zu neuen, unaussprechlich anziehenden Bildern zusammen. Das unerschöpfliche Durcheinanderspielen der Linien wirkt so, als wären die Winkel und Plätze und Häusergruppen weniger zur Benutzung als zur Lust eines müßigen Riesenkindes hingestellt, das sich mit wunderlichen Bausteinen die Zeit vertreibe. Von bösartig lauernden und furchtsam zusammengeschrumpften Häusern umringt steht der Malefizturm da; hier hauste vielleicht der Henker mit Folterzeug und Schwert, und aus diesen verwegenen Schornsteinen konnte man vielleicht nachts auf ihren Besen die blanken Hexen fahren sehen. An das Badtörlein beim Josenturm duckt sich ein kleines gequetschtes Haus mit einem spitzen Hut, wie ein Zauberer ihn tragen möchte; im Süden der Stadt unweit des malerisch reizvollen Weilertores erstreckt sich ein Stück Stadtmauer neben dem Henkersturm. Hier ist es, fern von den Lichtern und der Bewegung der Stadt, wenn der Abend fällt, feucht, einsam und schaurig; aber selbst die Stätten düsterster Erinnerung sind durch den Genius des Ortes ins Märchenhafte, oft Drollige gerückt. Überaus anheimelnd sind die spielzeughaften Häuser, die am Rosenbühel behutsam zum gewaltigen Neuen Bau hinaufklettern. Gemütlich und doch zugleich, seiner Bedeutung gemäß, eine Hoheit darstellend, empfängt uns die Mitte der Stadt, der Markt. Vom stillen Haalplatz durch die Haalstraße hinaufsteigend, kommt man zur Rückseite des Rathauses, an dessen Seiten Treppen zum Marktplatz hinaufführen. Dieser erste Aufstieg ist Vorbereitung eines zweiten: zur Michaeliskirche, die den Markt bekrönt, leitet eine breitausladende Freitreppe, die in den wesentlich mittelalterlichen Platz ein neues festliches Raumgefühl glücklich einführt. Auf beiden Seiten begrenzen ihn herrschaftliche Giebelhäuser, der Kirche gegenüber schließt ihn das Rathaus ab, das nach dem großen Brande von 1728 errichtet wurde, ein Barockbau von heiterer Pracht, der Umgebung angemessen mehr anmutig als imposant. Reizend belebt den Platz ein großer rechteckiger Brunnen, dessen Rückseite geschmückt ist durch drei Heroengestalten unter gotischem Baldachin: Simson mit dem Löwen, Sankt Michael mit dem Drachen und Sankt Georg mit dem Lindwurm. Das wehrhafte Mittelalter hatte eine Vorliebe für die kämpfenden Göttersöhne, Vorbilder des Kampfes gegen die Heiden sowohl wie gegen das Böse. Ein schmiedeeisernes Gitter mit kunstvollen Verschlingungen faßt den Brunnen ein, zu dem rechts der Pranger hinzutritt, ein hübsches Bauglied und zugleich ein Instrument der Justiz. Aus der Mitte des Brunnens speit ein abenteuerliches, steinernes Ungetüm Wasser.
Dies schöne Reich beherrscht die Michaeliskirche. Da alle Salzquellen in der heidnischen Zeit als heilig galten, kann man annehmen, daß auch in Hall schon in Urzeiten ein Gott verehrt wurde, vielleicht Wodan, den gewöhnlich der Erzengel Michael verdrängte. Im Jahre 1156 wurde die Kirche durch den Bischof von Würzburg geweiht in Anwesenheit eines Sohnes Friedrich Barbarossas, des zwölfjährigen Herzogs Friedrich von Rothenburg, der in jungen Jahren vor Rom an der Pest starb. Diese romanische Kirche wurde im Jahre 1427 als zu klein abgebrochen, die neue war erst hundert Jahre später vollendet. Von der alten sind nur die vier unteren Stockwerke des Turms übriggeblieben und die Vorhalle. Auf einer Konsole an der Mittelsäule, die sie stützt, steht im langen Gewande ein schöner Dämon, der Erzengel Michael, der das Schwert gegen den sich aufbäumenden Drachen richtet. Seine hochaufgestellten Flügel gleichen zornigen Flammen; seine Gestalt sowie die dunkle Vorhalle überhaupt hat etwas altertümlich Geheimnisvolles. Anders ist der Eindruck des Inneren: licht, leicht, majestätisch, die Seele zu befreiendem Aufschwung emporhebend. Die beiden mit dem Mittelschiff gleichhohen Seitenschiffe setzen sich in einem Kapellenkranz um den Chor fort, der länger als das Schiff und um mehrere Stufen über dasselbe erhöht ist. Es ist von großer Wirkung, daß der Blick inmitten der Kirche noch höher hinauf und tiefer ins Weite geführt wird. Der Reichtum an Altären, Grabdenkmälern und allem sonstigen Zubehör gibt dem Raum die sinnliche Fülle und das Wohnliche. In einer Seitenkapelle befindet sich ein heiliges Grab, das dem von Gmünd verwandt ist; der göttliche Leichnam ist hier bewegter und schöner, aber weniger feierlich. Herrlich ist das Triumphkreuz über dem Hochaltar mit dem überlebensgroßen Christus, einem Werk des Ulmer Meisters Michael Ehrhardt. Zwischen der Menge geschnitzter Altäre und heiliger Bilder blickt überraschend von der Nordwand des Mittelschiffs das Porträt einer vornehmen jungen Dame in die Kirche, auf dem schön geformten Antlitz ein spöttisch überlegenes, herablassendes und doch anmutig liebenswürdiges Lächeln. Sie stammt der Umschrift nach aus dem Geschlecht der Bonhöffer, die als Goldschmiede aus Holland einwanderten und im 17. und 18. Jahrhundert zu hohen Stellungen gelangten.
Vor der Kirche wurde einst auf ummauertem Platze unter einer Linde das alte Gaugericht gehalten, und noch im Jahre 1462 wird ein »freyheimlich Gericht« dort erwähnt. Im Anfang des 16. Jahrhunderts wurde die Linde gefällt und die Mauer abgetragen. Als ein Überbleibsel des königlichen Gerichts ist auch das Kampfgericht anzusehen, eine sehr altertümliche Einrichtung, die noch lange in Hall bestanden hat. Ritter, die keinen ordentlichen Richter finden konnten, durften in Hall miteinander kämpfen, bis der Sturz des einen dem andern erlaubte, das Gottestodesurteil auszuführen.
War Hall durch sein Salz in vieler Leute Munde, so kam es durch seine Münze in vieler Leute Hand. Die dort geprägten Haller oder Häller waren so verbreitet, daß der Name noch jetzt als Bezeichnung für eine kleine Münze verständlich ist. Das besonders feine Gepräge der Häller war vielleicht die Ursache, daß sie sosehr in Aufnahme kamen. Sie zeigten auf einer Seite das Kreuz, auf der anderen eine Hand, das Symbol der Macht, entweder auf Gott oder, wahrscheinlicher, auf den Kaiser deutend; später blieb eine Seite leer und Kreuz und Hand nebst Reichsadler füllten die andere. Nach einer Bestimmung Kaiser Wenzels durfte dies Gepräge nur in Augsburg, Nürnberg, Köln und Hall geschlagen werden. Von demselben Kaiser, der sich eine Zeitlang städtefreundlich zeigte, erwarb Hall das Münzrecht, das eigentlich ein kaiserliches Hoheitsrecht war, auf ewige Zeiten für sich. Unter den Münzmeistern, die eine hochangesehene Stellung einnahmen, fällt der Name Martin Lerch auf, der später nach Regensburg kam und dort, weil er im Zorn einen Knecht erschlagen hatte, das große Kruzifix im Vorhof von St. Emmeram stiftete.
Kreuz, Hand und Reichsadler gingen in das Wappen der Stadt über, dessen Farbe rot und gelb war, das Rot und Gold, das mit Schwarz verbunden zur Zeit der Freiheitskriege die Farbe des frei und einig zu erneuernden Reiches wurde. Die Haller rühmten sich nämlich des Rechts, den sogenannten Verlorenen Haufen zu stellen, der im Vordertreffen war und eine rotgelbe Fahne führte; von anderer Seite wird behauptet, diese Fahne sei keine andere als die Sturmfahne gewesen, die die Schwaben seit alters dem Reichsheer vorantragen durften.
Unter Friedrich I. wurde Hall eine Stadt, indem es Markt und Mauern erhielt, und es war infolgedessen gut staufisch. War auch Barbarossa selbst nie in Hall, so doch sein Sohn Heinrich VI. als Reichsverweser, der hier den neuen Herzog von Brabant belehnte, ferner Philipp von Schwaben, fünfmal Heinrich VII., der unglückliche Sohn Friedrichs II., und sechsmal Konrad IV. Die Haller gingen in der Hohenstaufentreue so weit, daß sie, weil sie Friedrich II. Zuzug leisteten, vom Papste mit dem Bann belegt wurden, und daß Prediger in Hall auftreten durften, die, nachdem durch Glockengeläut das Volk zusammengerufen war, auf dem Markte verkündeten, der Papst, die Bischöfe, Prälaten und Priester wären Ketzer, weil sie in Laster und Todsünde lebten, die Franziskaner und Dominikaner wären Irrlehrer, nur sie selbst sagten die Wahrheit, und wenn sie nicht gekommen wären, würde Gott die Steine haben reden lassen, damit der wahre Glauben nicht verlorengehe. Kaiser Friedrich und sein Sohn wären vollkommen und gerecht.
Niemals hat irgendein Kaiser grundsätzlich und dauernd die Städte begünstigt; wenn die Staufer einen Stand bevorzugten, so waren es die Ritter, deren Hilfe sie zu ihren Feldzügen benötigten, während die Städte zu voller Blüte und Leistungsfähigkeit im allgemeinen erst später kamen. So bereicherten die Hohenstaufen zwei Familien, die Hohenlohe und die Limpurg, beide Nachbarn der Stadt Hall, die dem eben sich entfaltenden Gemeinwesen durch die kaiserliche Gunst sehr gefährlich zu werden drohten.
Die Hohenlohe, die von Weikersheim ausgingen, gerieten durch die Begabung mit Öhringen, Waldenburg und Neuenstein in Halls unmittelbare Nachbarschaft. Diese Familie, die sich Jahrhunderte hindurch auf einer immergleichen Höhe von Tüchtigkeit und Gesundheit erhielt, brachte gerade um diese Zeit einige in Kampf und Verwaltung ausgezeichnete Männer hervor, unter denen Gottfried, ein unentwegter, tätiger Anhänger der Hohenstaufen, der bedeutendste war. Über den Zoll, das Geleitrecht und das Jagdrecht kam es zwischen den Nachbarn häufig zu Zwistigkeiten. Graf Kraft von Hohenlohe nahm einmal den Haller Patrizier Gilg Senfft, den er auf einem Gebiet jagend antraf, wo nach seiner Meinung ihm das Jagdrecht zustand, gefangen und warf ihn in Waldenburg in den Turm. Folgenschwerer und bedenklicher aber waren die Beziehungen zu den Limpurgern, die zur Hohenstaufenzeit auf Limpurg neben Hall auftauchten.
Walter von Schüpf, dem wahrscheinlich Heinrich VII. die Aufsicht über die staufischen Güter anvertraute, erbaute auf einem Hügel oberhalb Hall die Burg, von der noch ein paar jetzt sorgfältig behütete Trümmer übriggeblieben sind. Wahrscheinlich war diese Familie, die sich von den alten fränkischen Herzögen ableitete, schon lange in der Kochergegend ansässig; sie hatten einen Streitkolben, die fränkische Heerspitze und den Schenkenbecher im Wappen. Die semperfreien Erbschenken von Limpurg hatten ursprünglich nur das Afterschenkenamt von der Krone Böhmen zu Lehen, erst durch die Goldene Bulle kam das Reichserbschenkenamt an sie und blieb bei ihrem Hause bis zu dessen Erlöschen. Den Titel semperfrey erhielten sie im 15. Jahrhundert, im 17. wurden sie Grafen. Bei allen Königs- und Kaiserkrönungen hatte der Älteste des Geschlechts das Amt zu verrichten, indem er vom Pferde stieg und den Becher voll mit Wasser vermischten Weins dem Neugekrönten zum Trinken reichte. Pferd und Becher erhielt er hernach geschenkt. Der Becher, aus dem Maximilian II. 1562 getrunken hat und den er dem Reichserbschenken Christoph schenkte, ist noch vorhanden. In schöner getriebener Arbeit ist der Triumph des Bacchus darauf dargestellt, während auf dem Deckel ein geflügelter Löwe oder Greif das böhmische Wappen hält. Zum letztenmal vollzog Graf Vollrath das Amt bei der Krönung Kaiser Josephs I. im Jahre 1690. Im Jahre 1713 starb die Familie im Mannesstamm aus. Im Kreuzgang des Ritterklosters Komburg, dessen Schirmherren sie sehr zum Leidwesen des Klosters wurden, hatten sie ihre Begräbnisstätte. Dort steht unter gotischem Baldachin aufrecht auf einem Löwen Schenk Georg I., gestorben im Jahre 1475, schlank, gerade wie ein Lichtstrahl, ganz gerüstet, die linke Hand am Schwert, in der rechten eine Lanze, die ihn um ein Stück überragt und die stolze Haltung der Figur betont. Alles, was das Rittertum an Kühnheit und Ehre besaß, ist in dieser Gestalt wie in einem Symbol ausgedrückt. Er ist von zehn Wappen umgeben und wird in der lateinischen Umschrift als des heiligen Reiches Erbschenk de sanguine ducum Francorum et Suevorum bezeichnet. Das schöne Denkmal Friedrichs V. aus derselben Zeit hat eine deutsche Umschrift: des hyligen Rychs Erb schenk Semper frey. Am Tag nach bartolme. Got Gnad im. Von diesem Friedrich wird eine liebliche Legende erzählt. Als er einmal bei Tüngen Hasen jagte, geriet eines der verfolgten Tiere in die dortige Kirche, sprang auf den Altar und schmiegte sich schutzsuchend an das Marienbild. Die Hunde, die dem Flüchtling in die Kirche nachgesetzt waren, blieben bescheiden vor dem Altar stehen. Als der Schenk das sah, nahm er das Häschen, trug es ins Freie und ließ es laufen, indem er sagte: »Zeuch hin, lieber Has, du hast Freiheit in der Kirche gesucht und gefunden; dieweil meine Hunde die Freiheit an dir gehalten haben, so will ich sie auch nicht brechen.« Das Grabmal seiner Frau Susanne von Thierstein befindet sich auch in der Schenkenkapelle.
Trotz aller Treue, die Hall den Hohenstaufen bewiesen hatte, fügte Konrad IV. der Stadt ernstlichen Schaden zu, indem er Walter von Schüpf die erbliche Schirmvogtei mit der Gerichtsoberhoheit über Hall verlieh, wodurch die Schenken das Recht erhielten, Schultheißen und Schöffen zu ernennen. Nicht damit genug, überließ er ihm auch noch einen Anteil an der Hallschen Steuer, also eine Art Finanzhoheit, und im Jahre 1255 mußte die Stadt förmlich anerkennen, daß sie verpflichtet sei, den Schenken zu dienen. Es schien damit aus der königlichen Stadt eine Limpurger Landstadt werden zu sollen. Aus eigener Kraft hätte Hall damals das ihm auf den Nacken gelegte Joch kaum abwerfen können, aber das Glück kam ihm zu Hilfe: Rudolf von Habsburg nämlich hob alle Akte seiner Vorgänger bis 1245 auf, wodurch sie Reichsgüter verschenkt oder in irgendeiner Form weggegeben hätten. Dadurch wurde der Grund zu Halls Reichsfreiheit von neuem gelegt. Die Einteilung des Reichs in Landvogteien, die Rudolf von Habsburg einführte, und wobei Hall zur Reichslandvogtei Wimpfen geschlagen wurde, versetzte es in die schwäbischen Kreise; aus dem fränkischen Hall wurde Schwäbisch-Hall.
Die gegenseitige Befehdung und Eifersucht zwischen Hall und Limpurg hörte nicht auf, wenn auch Kaiser Rudolfs segensreicher Eingriff die Unabhängigkeit der Stadt wiederhergestellt hatte. Es gab jedoch auch Zeiten der Freundschaft, wo Schenken und Haller Patrizier in einem Schlößchen, das die Limpurger nahe bei dem die Stadt gegen ihr Gebiet abschließenden Tore erbaut hatten, zusammen pokulierten. Eines Nachts, im Jahre 1430, geriet bei einer solchen Gelegenheit der Schenk wegen des Jagdrechts mit seinen Gästen so heftig in Streit, daß er sie mir gezogenem Schwert bis ans Tor verfolgte. Daraufhin ließ der Stadtrat das Tor zumauern zum Ärger der Schenken, die dadurch einen großen Umweg zu machen gezwungen wurden. Auf ihre Klage soll Kaiser Sigismund geantwortet haben, daß seinethalb »seine lieben Söhne und Untertanen zu Hall ihre Tore alle zumauern und mit Leitern über die Mauern aus- und einsteigen möchten, es könne ihnen das niemand wehren.« Das Tor blieb vermauert, bis hundert Jahre später Schenk Erasmus die Burg mitsamt der Stadt Unterlimpurg den Hallern zum Verkauf anbot. Waren auch die Limpurger damals keine gefährlichen Nachbarn mehr, und war auch das »alt zerrissen grundlos Schloß« nichts wert, so erwarb die Stadt doch um 42 000 Gulden das Gebiet als erwünschte Abrundung ihres Landes. Das Tor wurde geöffnet, die Stadt hatte über die Ritter gesiegt; aber als die Schenken ausstarben, war auch die Herrlichkeit der Städte vorüber.
Halls dritter Nachbar war das Stift Komburg. Ursprünglich war es eine Burg, die sich ein Graf von Rotenburg am Ende des 11. Jahrhunderts erbaut hatte. Von seinen vier Söhnen, Einhard, Burkhard, Rugger und Heinrich, wurden zwei von der damals das Abendland bewegenden kirchlichen Strömung ergriffen und verwandelten die Burg in ein Kloster, dessen Ruf sich bald so verbreitete, daß ein mainzisches Ehepaar, das in seinem Hause einen Schatz entdeckte, denselben zur Vollendung der drei steinernen Türme der Klosterkirche stiftete. Der dritte Abt des Klosters, Hartwig, hat seinen Namen dadurch denkwürdig gemacht, daß er den berühmten Kronleuchter schenkte, der jetzt den edelsten Schmuck der ziemlich liederlich barockisierten Kirche bildet. Seltsam spukte in dem reichsunmittelbaren Kloster der Rittergeist fort, aus dem es hervorgegangen war. Verschiedene Äbte legten gern den Harnisch an und lagen mit ihren Nachbaren in Fehde, so Konrad von Münkheim und Gottfried von Stetten. Im Anfang des 13. Jahrhunderts wurde die Bestimmung gemacht, daß keiner als Konventuale aufgenommen werden sollte, der nicht edel von Vater und Mutter sei. Die adligen Mönche führten ein weltliches, verschwenderisches Leben, wovon die Folge war, daß das Kloster aus den Zahlungsschwierigkeiten und unangenehmen Verwicklungen nicht heraus kam. Nach langen Kämpfen wurde es endlich in ein weltliches Chorherren- oder Ritterstift verwandelt, als welches es bis zur Säkularisation im Jahre 1803 bestanden hat. Seine wertvolle Bibliothek, die reich an Inkunabeln ist, enthält eine niederländische Handschrift des Reineke Fuchs. Die reichgegliederte Gebäudemasse, die der Berg hoch über das Tal hinaushebt, als wolle er ein gelungenes Meisterwerk weithin sichtbar machen, ist überraschend wirkungsvoll. Die mit Türmen besetzte Mauer umgibt den Gipfel wie ein Kronreif, aus dem die alten Kirchtürme mächtig hervorragen. Die Vereinigung zweier Hauptmächte des Mittelalters, der Kirche und des Rittertums, kommt hier zu monumentaler Erscheinung.
Den schlimmsten Nachbar, denjenigen, der es zuletzt verschlingen sollte, bekam Hall, als Eberhard I. von Württemberg, von den Zeitgenossen der Recke, von seinem respektvolleren Volke später der Erlauchte genannt, seine kleine Grafschaft auszudehnen unternahm. Damals schritten die Kaiser noch gegen das Bestreben der Fürsten, sich einen Territorialstaat zu bilden, strafend ein; aber sie verfuhren dabei so wenig folgerichtig, daß Albrecht dem Eberhard die Landvogtei von Niederschwaben übertrug, wodurch vierundzwanzig Städte, darunter Hall, unter seinen Schirm, und das hieß soviel wie unter seine Gewalt, kamen. Gegen den landgierigen Grafen bildete sich jedoch ein Landfriedensbund, in dem neben verschiedenen Herren zweiundzwanzig Städte vertreten waren, und in dem Kriege, den Heinrich VII. anführte, verlor er seine ganze Grafschaft. Es kam die Zeit der großen und einflußreichen Städtebündnisse, wo eine Entwicklung möglich schien, die derjenigen der schweizerischen Eidgenossenschaft ähnlich gewesen wäre; indessen ein Enkel Eberhards I., Eberhard der Greiner, machte ihr durch den Sieg bei Döffingen ein Ende, den der Alternde mit dem Tode seines Sohnes zahlen mußte.
In allen diesen Fehden fand der zahlreiche hallsche Adel Gelegenheit, sich zu betätigen. Als ein Hund von Wenkheim im Jahre 1438 in Rothenburg o. d. Tauber turnierte, war er von dreißig Edlen von Hall begleitet; und doch hatte damals schon ein großer Teil der Patrizier die Stadt verlassen. Die Unzufriedenheit der vom Regiment ausgeschlossenen Handwerker führte zu drei sogenannten Zwietrachten, deren Folge die gänzliche Auswanderung der Geschlechter war. Bei der zweiten Zwietracht, die im Jahre 1340 stattfand, änderte Ludwig der Bayer zugunsten der Handwerker die Verfassung, so daß künftig zwölf Edelleute, sechs Mitterbürger und acht Handwerker im Rat vertreten sein sollten. Auch ein Nichtadliger sollte das Amt des Städtmeisters, so hieß in Hall der Bürgermeister, bekleiden dürfen.
Entrüstet über die kaiserliche Entscheidung wanderten etwa fünfundzwanzig bis dreißig adlige Familien aus und ließen sich zum Teil in Straßburg nieder, wo eine Straße nach ihnen Haller Gasse benannt wurde. Immerhin blieben noch hundertundvierzehn adlige Familien zurück, die auch verfassungsgemäß das Übergewicht hatten.
Im Anfang des 15. Jahrhunderts wurde ein hervorragender Mann, Hermann Büschler, Städtmeister, der, aus mittelfreiem Stande hervorgegangen, vom Adel ungern gesehen wurde. Als er um Aufnahme in die Trinkstube der Patrizier nachsuchte, wurde sie abgeschlagen, obwohl seine Frau aus altadligem Geschlecht, eine Hornberger aus Rothenburg war; als geladener Gast, wurde ihm geantwortet, sollte er willkommen sein, nicht als berechtigtes Mitglied. Als nun Hermann Büschler mit verschiedenen des Rats eine bürgerliche Trinkstube gründete, wendeten sich die Geschlechter an den Schwäbischen Bund und setzten mit dessen Hilfe durch, daß die Trinkstube geschlossen und eine Veränderung der Verfassung im aristokratischen Sinne eingeführt wurde. Nachdem alle Versuche Büschlers, dies Verfahren auf dem Rechtswege zu bekämpfen, durchkreuzt worden waren, floh er aus Hall, um persönlich vor den Kaiser zu gelangen. Ein Rad um den Hals, Asche auf dem Kopf, ein Schwert in der Hand, so sei er, erzählt man, in Frankfurt am Main bis zum Kaiser vorgedrungen. Man wollte ihn in seinem närrischen Aufzuge nicht vorlassen, allein Maximilian, der öfters in Hall gewesen war, erkannte ihn wohl wieder und hieß ihn sprechen. Indem er seine Sache vortrug, soll Büschler gesagt haben, er wolle sich gerne dem Feuer, dem Rade, dem Strang, dem Schwert unterwerfen, wenn er strafbar sei. Vielleicht war dem Kaiser die Persönlichkeit Büschlers sympathisch, der außerdem eine gerechte Sache vertrat; Maximilian schickte eine Kommission nach Hall, die anordnete, daß die Verfassung Ludwigs des Bayern wiederhergestellt werde. Diese Verfassung hinderte nicht, daß sich wieder eine Oberschicht bildete; aber der alte Adel, der Jahrhunderte hindurch die Geschicke der Stadt geleitet hatte, verschwand gänzlich und für immer. Die Adelsheim, Crailsheim und Theurer waren schon nach der ersten Zwietracht aufs Land gezogen, nach der zweiten und dritten folgten ihnen die Backenstein, die Bebenburg, Erbküchenmeister des Reichs, die Berler, oft Reichsschultheißen von Hall, die Clingenfels, Egen, Geyer, Gottwollshausen, Münzmeister, Ottendorf, Lamparter von Ramspach, Sturmfeder und Eschelbach. Zum Teil starben sie bald aus. Der Städtmeister Simon Berler, der das Haupt der Adelsverschwörung gewesen war, soll ruhelos im Land herumgewandert und in Armut gestorben sein. Der letzte Büschler starb im 18. Jahrhundert wahnsinnig im Arbeitshause.
Man kann es als einen Vorzug ansehen, daß durch die Auswanderung des Adels die Bevölkerung vereinheitlicht wurde, andererseits bedeutete sie einen Verlust und nicht nur durch das Sinken der Steuerkraft, was sich ziemlich bald wieder ausglich. Der Adel, so herrschsüchtig er im Inneren war, war er es auch nach außen, im allgemeinen stets auf das Ansehen, die Erweiterung, den Glanz der Stadt bedacht, und dadurch, daß er in den Waffen geübt, und nicht durch Erwerbsarbeit behindert war, in der Lage, große Pläne auszuführen. Gewiß waren auch die Zünfte wehrfähig und stets zur Verteidigung der Mauern bereit, auch ihnen lag das Wohl der Stadt am Herzen, auch aus ihrer Mitte gingen tüchtige und unternehmende Männer hervor; aber sie waren doch ihrer Natur und Aufgabe nach behutsam und sparsam, ein unentbehrliches Gegengewicht gegen den verwegenen Übermut des Adels, einseitig ohne ihn. Die kurzsichtige Überhebung und Herrschsucht des Adels hatte die unheilbare Spaltung herbeigeführt.
Die letzten 50 Jahre vor der dritten Zwietracht waren für Hall eine Zeit der Blüte, die sich in monumentalen Bauten ausdrückte. Damals entstanden das große Bollwerk, von dem nur der Pulverturm unterhalb des Bahnhofs übriggeblieben ist, der Brunnen am Fischmarkt, die Michaelskirche, das Spiral am Markt und die schönen Patrizierhäuser in der Oberen Herrengasse. In den Grundstein der Kirche schloß man ein Glas voll roten Weins, ein Glas mit Korn, einen rheinischen Goldgulden, einen hällischen Reichstaler und einen hällischen Pfennig, eine Bleitafel mit der Jahreszahl und den Namen des regierenden Kaisers und der amtierenden Ratsherren. An den Namen Hermann Büschlers, der es ursprünglich zum Schutze gegen Limpurg erbaute, knüpft sich das Büchsenhaus oder der sogenannte Neue Bau, der die Stadt von ihrem höchsten Punkte aus beherrscht. Die Schmucklosigkeit des vorderen Giebels, dessen einzige Zierde das kaiserliche und das hällische Wappen bilden, läßt ihn um so gewaltiger erscheinen. Das Haus wurde beim Übergang an Württemberg Staatseigentum, aber später von der Stadt zurückgekauft und soll jetzt zur Abhaltung von Festen und Tagungen eingerichtet werden; ein der stolzen Lage auf dem Felsenvorsprung und der herausfordernden Massigkeit entsprechender Zweck findet sich nicht.
Auch mit kaiserlichen Besuchen, an denen es Hall nie gefehlt hat, wurde die Stadt in diesem Zeitraum mehrfach beehrt. Friedrich III., der sich, aus Wien durch Mathias Corvinus vertrieben, einstweilen von seinen Reichsstädten versorgen ließ, kam im Jahre 1485 nach Hall. Als auf einem abschüssigen Wege Kühe vor seinen Wagen gespannt werden mußten, sagte er mit habsburgischem Humor: »Seht, die Kühe müssen das Römische Reich führen!« Vier Jahre später kam sein Sohn Maximilian, gleichfalls umgänglich und gutgelaunt, aber frisch und unternehmend, um bei einer Versammlung des Schwäbischen Bundes gegenwärtig zu sein. Er nahm am Palmsonntage an der Prozession teil, und als er bemerkte, daß der hölzerne, auf Rädern laufende Palmesel durch die Stadtbüttel gezogen wurde, sagte er: »Haben die Herren von Hall sonst niemand, das Bild Christi zu führen, als die Schergen?« was den Anlaß gab, daß zwei Ratsherren an die Stelle der Büttel traten, bis die Reformation den ganzen Brauch aufhob. Im November des Jahres 1495 zog der Kaiser spät abends mit 350 Pferden ein, um die Huldigung entgegenzunehmen, die am folgenden Tage auf dem Markt durch Rat und Bürgerschaft geleistet wurde. Am Nachmittage fand auf Maximilians Wunsch ein Tanz der Geschlechter auf dem Rathause statt. Bei einem folgenden Besuche stieg der Kaiser bei Michael Senfft ab, der im Schwabenkriege den Haller Zuzug geführt und sich so ausgezeichnet hatte, daß der Kaiser ihn nach der Schlacht mit einem Pferde beschenkte. Damals soll es vorgekommen sein, daß ein fahrender Bettler den Kaiser als seinen Bruder ansprach, weil sie beide von Adam abstammten. Der Kaiser soll ihm einen Kreuzer gegeben und gesagt haben: »Gang hin und heiß dir einen jeden Bruder von Adam her einen Kreuzer geben, so wirst du reicher werden, als ich bin!« Ein heikler Besuch in veränderter Zeit war der Karls V., von dem die evangelische Stadt Hall fürchtete, er werde ihr Zwang in Glaubenssachen antun. Er kam mit 800 Pferden und einem Gefolge, das, wie er selbst, einfach und ganz und gar in Schwarz gekleidet war, weil er um seine verstorbene Frau Juana trauerte; auch die Ratsherren, die ihm entgegenritten, trugen sich schwarz. Vier Ratsherren hielten den schwarzen damastenen, mit goldenen Adlern bestickten Baldachin über ihn, während er einzog, Herolde trugen ihm einen goldenen Adler und ein goldenes Schwert voran. Im Haufe Hermann Büschlers am Markt, das noch steht, stieg er ab, nahm den goldenen, mit Dukaten gefüllten Pokal entgegen, den man ihm überreichte, und gab dann seiner gnädigen Gesinnung gegen die Stadt Ausdruck. Beim Essen, das am anderen Tage in der Frühe stattfand, gab es unter anderem: Weinbeeren, Maien in Schmalz gebacken, Eier doppelt übereinandergestürzt, gedämpfte kleine Rübchen, gebackene Schnitten, Torten, Erbsensuppe, dürre Forellen, Stockfisch, blaue Karpfen, heißen Hecht, gebratene Birnen, Reis mit Mandelmilch, Fladen und Konfekt. Dazu nahm der Kaiser dreimal einen Schluck Wein aus einem venezianischen Glase. Nach dem Essen, es war um elf Uhr, fand die Huldigung statt. Dabei ereignete es sich, daß, als die anwesenden Ratsherren zwei Fenster aushoben, wo der Kaiser und der Kanzler standen, vermutlich damit er besser sehen und gesehen werden könne, und einem der Herren das schwere Fenster aus der Hand gleiten wollte, daß der Kaiser, um es zu verhindern, zugriff. »Dies Stück der Demut,« sagt der Chronist, »hat allen Menschen wohlgefallen.« Nach erfolgter Huldigung verabschiedete sich Karl, indem er dem Städtmeister und einigen Ratsherren die Hand gab, und brach nach Crailsheim auf, von den Hallern bis an die Grenze ihres Gebiets geleitet. Dort erwartete ihn der Markgraf Georg von Brandenburg, begrüßte die Majestät und sagte zu denen von Hall: »Da hat euer Geleit ein End.« Nachdem sie erwidert hatten: »Ja!« sagte er weiter: »So hebt meines an,« womit die Zeremonie beendet war. Bis Hall hatten die Hohenlohe das Geleit gehabt.
Der letzte Kaiser, den die Stadt Hall einziehen sah, war der den Protestanten freundlich gesinnte Maximilian II.; er kam einmal mit der ganzen Familie, der Kaiserin, den Prinzen und Prinzessinnen, ein anderes Mal mit der Kaiserin. Der letzte Krieg, an dem die Haller sich beteiligten und der ihnen teuer zu stehen kam, war der schmalkaldische; der Kaiser ließ sich die verscherzte Gnade mit vielem Gelde abkaufen.
Reformator der Stadt war Johannes Brenz, nicht aus Hall, sondern aus Weilderstadt gebürtig, wo sein Vater Stadtschultheiß war. Auf der Heidelberger Universität befreundete er sich mit einigen jungen Hallern, die ihn seiner der neuen Lehre geneigten Vaterstadt empfahlen. Brenz war unbedingter Anhänger Luthers. Sehr jung, mit zweiundzwanzig Jahren, wurde er Prediger an der Michaelskirche und Ausgangs- und Mittelpunkt der reformatorischen Bewegung. Er war ein Mann von unbeugsamer Überzeugungstreue, tatkräftig, gewissenhaft und furchtlos, durch seine Sittenstrenge manchem unbequem. Als er im Jahre 1548 dem Stadtrat zuredete, das sogenannte Interim nicht anzunehmen, verlangte der Kaiser seine Auslieferung, was einem Todesurteil gleichkam. Der Rat mußte schwören, von dem kaiserlichen Auftrage nichts verlauten zu lassen. Es wird erzählt, daß durch einen seltsamen Zufall einer der Ratsherren, Philipp Büschler, das Ratszimmer erst betreten habe, als der Eid schon geleistet gewesen sei. Er habe eilig auf einen Zettel die Worte geschrieben: fuge fuge Brenti cito citius citissime! und habe einen Boten damit zum Pfarrer geschickt. Brenz soll gerade mit Frau und Kindern beim Mittagessen gewesen sein, als er abgerufen wurde und von dem im Hofe wartenden Boten den Zettel empfing. Ohne noch einmal ins Haus zurückzukehren, ging er sofort dem nächsten Stadttor zu. Unterwegs, so heißt es, begegnete ihm der kaiserliche Kommissar und fragte, wohin er gehe? »In die Vorstadt zu einem Kranken,« antwortete Brenz; worauf ihn der Kommissar für den folgenden Tag zum Mittagessen einlud. »So Gott will,« soll Brenz erwidert haben. Er fand zunächst ein Asyl bei demselben Schenken Erasmus, der einige Jahre vorher die Limpurg der Stadt verkauft hatte. Seine damals schon schwindsüchtige Frau sah Brenz nicht wieder. Mit seinem Sohne starb die Familie aus.
Der Dreißigjährige Krieg verwüstete Hall weniger als viele andere Orte, kostete der Stadt aber dreieinhalb Millionen Gulden und ein Drittel der Bevölkerung. Es ist zu verwundern, wieviel eine Stadt, die kaum jemals mehr als 8000 Einwohner hatte, leisten konnte. Allerdings verfügte sie über ein ansehnliches Gebiet mit drei Städten, 21 Pfarrdörfern und Weilern und Höfen und 20 875 Einwohnern. Als Hall an Württemberg überging, brachte es Schulden von beinah anderthalb Millionen Gulden mit, aber auch einen Schatz an unvergänglicher Schönheit und kostbarer Erinnerungen.

Schwäbisch-Gmünd
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Die Schwabenmädchen haben den Ruf besonderer Lieblichkeit; schöner können keine sein, als die von Gmünd. Sie sind schlank und behende und ihr feines Gesicht leuchtet von Geist. Es wäre denkbar, daß die lange Beschäftigung mit schönen Dingen, denn seit dem 18. Jahrhundert ist die Anfertigung von Schmucksachen das blühendste Gewerbe in Gmünd, den Sinn für das Schöne so ausgebildet hätte, daß er sich auch in den Schöpfungen offenbarte, die die Natur der Frau zugewiesen hat. Schon lange jedoch, bevor an Gegenstände der Kultur gedacht wurde, zog sich an der himmlischen Kuppel, die über Gmünd sich wölbt, die reizende Linie der Alb mit Hohenstaufen und Hohenrechberg hin, die das Auge an das Schöne gewöhnte. Umfangen und umschirmt in samtgrüner Mulde liegt die Stadt da; in dieser Muschel war eine Perle zu liegen bestimmt.
Als Haupt der Gemeinde erhebt sich über die niedrigeren Häuser das breite und hohe Giebeldach der Heiligkreuzkirche, die über einer alten romanischen erbaut wurde. An ihr haben zwei Glieder der weitgewanderten und weitberühmten Künstlerfamilie der Parler im 14. und 15. Jahrhundert gearbeitet, Vater und Sohn, Heinrich und Johannes; vollendet wurde sie erst im 15. Jahrhundert. Sie ist ein herrliches Denkmal des gotischen Stiles in seiner Blüte, aber in gemäßigter Auffassung. Das Aufstreben der senkrechten Linie wird überall durch die wagerechten zurückgehalten, wodurch das Münster nicht sosehr den stürmischen Schwung mancher anderen Dome, sondern den Charakter ruhiger Vollkommenheit, Majestät erhalten hat; so ist zum Beispiel der reiche Chor zweigeschossig und die Linie der Teilung durch einen Umgang betont, wie auch dadurch, daß die Fenster im unteren Geschoß bedeutend breiter als die im oberen sind. Wie auf einem Gebirge wachsen im Sommer zwischen seinen grauen Steinen Glockenblumen, die der leiseste Lufthauch bewegt. Von den Portalen, großen steinernen Bilderbogen, kann man die Weltschöpfung, das Weltgericht und die Welterlösung durch Maria und Christus ablesen; denn die mittelalterliche Kunst wollte gerade das, was der modernen durchaus verboten ist: erzählen, belehren, erleuchten. Nicht solche Begebenheiten werden hier dargestellt, wie sie dem einzelnen etwa zustoßen, sondern der große Kampf und die unabwendbare Tragik des zwischen Himmel und Hölle hingespannten menschlichen Lebens in Symbolen, die der ganzen Christenheit geläufig und verständlich waren. Die Hauptdarstellungen sind unterstützt durch einzelne Figuren von Propheten, Aposteln, Königen, die an jeder Stelle ihre besondere Wirkung und Bedeutung haben, sowohl für das Auge wie zum Verständnis der sinnvollen Geschichte. Manche unter den plastischen Gruppen haben durch Stilisierung jene Fremdheit und Undurchdringlichkeit bekommen, die das Kunstgebilde über das Lebendige erhebt, so die jetzt im Inneren aufgestellte Verkündigung. Der Fülle des Chors und der Nord- und Südportale ist die monumentale Einfachheit der Westfassade ebenbürtig. Die durch Strebepfeiler angedeutete Gliederung der Halle, drei wundervoll gearbeitete Rundfenster, fünf hohe Blendfenster im Giebel und das Portal bilden den Schmuck der gewaltigen, der Abendsonne zugekehrten Wand. Die über die Mauer hinaufgeführten, in Fialen endigenden Spitzen der Strebepfeiler umgeben das ganze Gebäude wie mit einem Kranz von Lanzenspitzen oder versteinerten Flammen, dem der Kranz wagerecht vorspringender Wasserspeier in Gestalt von tierhaften und dämonischen Ungetümen entspricht. Diese doppelte Umrandung verleiht dem Münster etwas Kriegerisches: es ist eine Gottesburg, die himmlische Heerscharen, unterstützt von knirschenden Teufeln, gegen die Hölle verteidigen.
Nach diesem erschütternden Vorspiel wirkt das Innere als beruhigende Erfüllung. Die Übereinstimmung der Zahlenverhältnisse, wie sie die Gotik errechnete und ergrübelte, hat eine Musik hervorgebracht, die den Eintretenden wie Orgelklang begrüßt. Nicht, was das Auge sieht oder wovon der Verstand sich Rechenschaft geben könnte, ist es, was ergreift; sondern etwas, was vom Gewölbe, von den uns umwandelnden Säulen, von dem Bogengänge der Fenster strömt und uns durchdringt, von allen Seiten, besonders von den zehn Chorkapellen fließen dem großen Wohllautstrome Stimmen zu, die ihn anschwellen lassen und seine Harmonie bereichern. Unter den Kunstwerken, die die Kirche füllen, ist das steinerne Heilige Grab das eindrucksvollste. Auf einer Tumba ausgestreckt liegt der überlebensgroße Leichnam Christi, dahinter stehen die drei Marien und in gleichem Abstande von ihnen zu beiden Seiten je ein Engel; vor dem Sarkophage sitzen drei schlafende Wächter. Während diese mannigfaltig bewegt sind, stehen die Trauernden wie Säulen, liegt der Tote wie ein Felsen am Horizonte. Die unzugängliche Entrücktheit des Todes tritt uns erschreckend entgegen und ein Schmerz, der währen soll, solange die Menschheit währt; es ist, als umgäbe diese Gruppe nicht die Luft der Lebendigen, sondern raumlose Ewigkeit. Obwohl das Material des Steins sich gut zu diesem Werk eignet, har man doch den Eindruck, als wäre es nach einem hölzernen Vorbild gearbeitet.
Am Karfreitag des Jahres 1497, während am Heiligen Grabe Andacht gehalten wurde, stürzten plötzlich die beiden Türme ein, welche als einzige Zeugen des älteren romanischen Baus übriggeblieben waren, wahrscheinlich infolge davon, daß man den Bogen entfernt hatte, der den Chor vom Schiff trennt, um einen ungehemmten Blick durch die ganze Halle zu ermöglichen. Einer der Türme durchbrach das Kirchendach und riß eine Lücke, die erst dadurch ganz geschlossen wurde, daß der Nürnberger Patrizier Sebald Schreyer, der, vor der Pest flüchtend, einen längeren Aufenthalt in Gmünd genommen hatte, aus Dankbarkeit für die genossene Gastfreundschaft eine Kapelle an der beschädigten Stelle stiftete. Der kunstsinnige Mann stattete sie mit allem Zubehör aus, dabei zugleich die Künstler seiner Vaterstadt beschäftigend; einen Altar, seinem Lieblingsheiligen Sebaldus geweiht, ließ er in Dürers Werkstatt anfertigen. Dieser Altar befindet sich jetzt in einer anderen Kapelle, während in der Schreyerkapelle der sogenannte Sippenaltar aufgestellt ist. Der Stammbaum Christi, der aus dem schlafenden Stammvater Jesse als aus seiner Wurzel hervorwächst, sich vielfach verzweigt und endlich in der Maria und ihrem Sohne gipfelt, war ein beliebter Gegenstand mittelalterlicher Kunst. Der holzgeschnitzte Altar von Gmünd, dessen Mitte vier heilige Frauen einnehmen, umgeben von den beturbanten Häuptern sagenhafter Könige in reicher Verzweigung, und dessen Spitze der Gott am Kreuz bildet, hat in seiner Verschlungenheit etwas Romantisches, das es begreiflich macht, wenn manche glauben, das Werk sei nach einer Skizze des Baldung Grien, Gmünds größtem Sohne, gefertigt.
Unter den Grabsteinen hat der des im Jahre 1285 verstorbenen Bürgermeisters Bertold Klebzagel, aus der 1807 abgerissenen alten Michaelskapelle hierher versetzt, besonderes historisches Interesse. Klebzagel war nach einer erstmaligen Austreibung der Adligen aus Gmünd Bürgermeister, der zwar selbst zu den Geschlechtern gehörte, sich aber im Kampf auf die Seite der Bürgerschaft gestellt hatte. Zu den zahlreichen Adelsfamilien gehörten die Rinderbach, Rauheimer, Feierabend, Horkheim, Euler, Fetzer, Zeiselmüller, Eytakofen. Viele vom Landadel, so die Edlen von Wolfskehl, die Wöllwarth, die von Degenfeld, die von Lauingen, die Blarer von Wartensee, hatten Häuser in der Stadt. Ein Ritter Wolfskehl blieb in der Schlacht bei Döffingen, ebenso Joh. Wolf von Thal, der den Gmünder Heerhaufen anführte. Bis 1462 blieb der Adel am Regiment, dann kamen die Zünfte zur Herrschaft und regierten bis 1551, in welchem Jahre Karl V. wieder eine aristokratisch-oligarchische Verfassung einführte. Der Goldschmied Hans Blezger war der letzte Bürgermeister aus den Zünften. Hoch über der Tür der Schatzkammer hängt eine Ritterrüstung von mailändischer Arbeit, die dem berühmten Bürgermeister Johann Rauchbein, einem langen, hageren Manne, gehört haben soll, der durch seinen persönlichen Eifer das Eindringen der Reformation in Gmünd verhindert hat. In dem barocken Orgelgehäuse, einem von Giganten gestützten Gerüst, auf dem Engel musizieren, glaubt man schon die neue Kunst, die Musik, zu hören, die im Begriff war, den Ausdruck der Empfindungen aufzunehmen, der in Holz und Stein bis an die äußerste Grenze gelangt war.
Sehr altertümlich, wunderlich und malerisch steht neben der Kirche ein Holzturm auf einem Fundament von Quadersteinen, in dessen pyramidenförmiger Spitze die Glocken hängen. Er diente erst als Glockenturm, seit die beiden Osttürme im Jahre 1497 eingestürzt waren; die beiden ältesten von den Glocken, die damals in ihn übertragen wurden und deren kleinste Susanna heißt, hat der Weltkrieg geschont. Es wird angenommen, daß der Sonderling einst zu einem Kirchhofstor oder zu einem der bewehrten Adelstürme gehörte, wie sie im 13. und 14. Jahrhundert beliebt waren.
Bis zum Jahre 1803 wurde auf dem Kirchplatz alljährlich am grünen Donnerstag und am Karfreitag ein Passionsspiel aufgeführt, das, nachdem es Jahrhunderte hindurch der Stadt Stolz und Lust gewesen, vielleicht auch ausgeartet war, von dem neuen Herrn, dem Staate Württemberg, abgeschafft wurde. Das Spiel begann um 7 Uhr abends auf einer gedeckten Bühne, während die Zuschauer unter freiem Himmel saßen. Alle Stände beteiligten sich daran nach einer Regel, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben mochte; eine Familie, welche durch Generationen die Darsteller des Herrn geliefert hatte, wurde d'Herrgottles genannt. Seltsam grotesk muß der Zug des kreuztragenden Christus gewirkt haben, der sich am Karfreitag durch die Stadt bewegte, und in welchem barocke und vielleicht noch spätere Elemente dem Althergebrachten augenscheinlich sich beigemischt hatten.
Auf weißem Pferde reitend, eröffnete die Prozession der Tod mit Krone und Szepter. Ihm folgte zu Pferd ein Sardenbläser, der mit abgerissenen Trauertönen auf Schreckliches vorbereitete. Dann kamen Adam und Eva, zwei uralte weißgekleidete Leute mit Pflug und Ochsen. Nun nahte sich, wieder zu Pferd, der Hohe Rat der Juden, der von alten, angesehenen Bürgern dargestellt wurde, darauf der Judenhauptmann zu Pferde. Die nächste Gruppe bildete die Rotte der Henker mit den Leidenswerkzeugen, denen Christus folgte mit dem Kreuz, das Simon von Kyrene ihm tragen half. Ihm nach gingen die heiligen Frauen, Johannes und die Töchter Jerusalems. Unerwartet kamen die sieben Todsünden und der heilige Joseph, von Kindern an einem Bande geführt, dann Tod und Teufel, die in einem kleinen Wagen das Söhnchen des Pilatus und das Töchterchen des Herodes führten. Die heilige Genoveva mit Schmerzensreich, von vier Jägern begleitet, und eine Menge von Büßern machten den Beschluß.
Gmünd kam durch Handel empor, glücklich an der Straße gelegen, die von Augsburg nach dem Neckar und Rhein führte. Daneben hatten die Erzeugnisse der Waffen- und Sensenschmiede weithin Ruf, sowie die der Paternostermacher und Perlarbeiter, lauter Gewerbe, die der Kunst nahestehen. Die auf Schmuckgegenstände angewendete Goldschmiedekunst entfaltete sich im 18. Jahrhundert; es gab damals in der kleinen Stadt 250 Goldschmiedemeister. Die Einführung fabrikmäßigen Betriebs, welcher im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts stattfand, schadete dem Wert der Arbeit. Massenfabrikation unechter und billiger Ware trat in den Vordergrund, die persönliche Arbeit des Mittelalters verdrängend, die jedem Stück gründliche Vollendung und eigenartiges Gepräge gab. Vergeblich suchte man jetzt in Gmünd Schmuck, der sich durch überlieferte Form auszeichnete. Natürlich traf das Abhandenkommen des Schönheitssinnes und gewissenhafter Arbeit nicht allein Gmünd, sondern das ganze Abendland.
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