Kitabı oku: «Pikatzo»

Yazı tipi:

Pikatzo

Rita Janaczek

Buch 4 der Katzenbuchreihe


Impressum

©Rita Janaczek 2020

Machandel Verlag Haselünne

Charlotte Erpenbeck

Coverbild und Illustrationen: Pototska / depositphotos.com

ISBN 978-3-95959-298-7

1. Stillleben

Künstler sein ist kein Beruf, hatte Pias Vater mehr als einmal gewarnt, Künstler sein ist eine Fehlentscheidung. Aber Pia Lindefeld war ein kreatives Individuum, auch ein kämpferisches und besonders ein sehr bockiges. Nachdem sie sich ein Jahr nach dem Abi die Zusage der Uni für Bildende Künste erkämpft hatte, war sie mit ihrem Dickkopf so lange gegen die väterliche Wand gerannt, bis der Ytong zerbröselt und er seufzend in die Planung für das kommende Studium mit eingestiegen war. Er hatte ihr geholfen, eine Wohnung zu finden und zu renovieren. Auch beim Umzug in die Stadt hatte er mit angepackt. Wenn sie ganz ehrlich war, dann musste sie zugeben, dass er eigentlich alles allein gemacht hatte. Pia war froh, dass wenigstens er für sie da war. Ihre Mutter ließ sich nur selten sehen, seit sie direkt nach der Scheidung zu ihrem neuen Partner nach München gezogen war.

Der Start ins Studentenleben war super gewesen, aber inzwischen quälte sich Pia durch das zweite Semester. Manchmal war es genauso ätzend wie in der Schule. Schon da hatte sie die Vorgaben im Kunstunterricht mehr als flüssig gefunden, doch die gab es hier leider genauso. Sie war sich darüber im Klaren, dass auch die Kunst Technik brauchte, Kenntnis von Perspektiven, Farblehre und noch endlos mehr Wust, auf den sie gern verzichtet hätte und der sie in letzter Zeit immer häufiger panisch machte. Die Grundlagen und Vorschriften entsprachen einfach nicht ihrem intuitiven Verständnis von Kunst. Wie sollte sie bloß die anstehenden Prüfungen überstehen? Das geforderte Werkstück, Acryl auf Keilrahmen 100 x 100, stand immer noch klinisch weiß in ihrer kleinen Wohnung hinter dem Schreibtisch. Da sollte ein Stillleben entstehen, ausgerechnet ein Stillleben! Das war sowas von öde! Alles andere hätte sie lieber gemalt.

Frau Professorin Grell-Sebses schritt durch das Atelier der Uni, ihr Gesichtsausdruck immer gleich zitronensauer. Unter den Studenten kursierte das Grücht, sie sei schon mit nach unten weisenden Mundwinkeln auf die Welt gekommen. Ihr schwarzes, knöchellanges Kleid raschelte aufdringlich bei jedem ihrer Schritte. Alle hier fürchteten ihre bitterbösen Kommentare. Ihr Seminar schrammte nur knapp am Prädikat seelische Folter vorbei. Grell-Sebses konnte einem mit einem einzigen Blick das Gefühl geben, null Talent zu haben. Pia blickte unauffällig von ihrer Staffelei auf. Sie liebte es, frei zu malen und zu zeichnen, das war ihre wirkliche Stärke. Jetzt schlug die Professorin einen Bogen. Pia zuckte zusammen. Sie hoffte inständig auf ein Ende der Stunde, bevor die schwarze Gefahr ihr Machwerk erreichte. Aber heute war nicht sie das Ziel, denn gerade schoss sich Grell-Sebses auf Dominik ein, ausgerechnet Dominik. So laut, dass es auch ja jeder hören konnte, schüttete sie ihre Häme über ihm aus.

Als Pia am Abend von der Uni kam, gähnte ihr die weiße Leinwand frech entgegen. Missmutig hängte sie den alten, abgewetzten Trenchcoat ihrer Mutter an die Garderobe und schob die Vans von den Füßen. Sie öffnete die Tür zur kleinen Dachterrasse und ließ es eine Weile von draußen hineinwehen, während sie sich an der kleinen Küchenzeile einen Toast schmierte und Tee aufgoss. Als sie anschließend kauend an dem kleinen Tisch hockte, fiel ihr Blick nach draußen. Da saß sie wieder auf dem Nachbardach, die kleine, weiße, struppige Katze. Ob die niemandem gehörte? Ein wenig verkommen sah sie schon aus, auch ziemlich mager. Pia nahm den letzten Schluck Tee, seufzte und schob die Tür wieder zu. Sie wusch lieber ihr Geschirr ab, anstatt sich mit dem Stillleben zu befassen, das war definitiv.

Nach einem weiteren Tee und zwei Stunden büffeln für Kunstgeschichte kroch sie ins Bett. Morgen würde eine weiße Leinwand sie wie jeden Tag anklagend begrüßen.

Die Stimmung in der kleinen Studentenclique war gelöst. Die letzte schriftliche Prüfung hatten sie heute hinter sich gebracht, der Sommer kündigte sich mit T-Shirt-Temperaturen an und in ein paar Tagen würden die Semesterferien beginnen. Die kommenden Ergebnisse interessierten im Moment niemanden. Sie saßen zu fünft auf der Terrasse des Bistros, hatten Flammkuchen und Wein bestellt und redeten ausgelassen. Bereits in den ersten Wochen des Studiums hatte sich die kleine Gruppe nach und nach zusammengefunden, und in den letzten Wochen hatten sie dann festgestellt, dass nicht nur Pia Stillleben hasste.

„In der neunten Klasse hat unser Kunstlehrer mal Obst von zu Hause mitgebracht“, erzählte Dorina, „dann hat er ´nen Apfel, ein paar Trauben und eine Banane auf das Pult gelegt und wir sollten das Ganze malen. Die Banane hatte schon braune Flecken. Zuhause sieht mein kleiner Bruder das Bild und fragt mich, was das für eine hässliche Giraffe wäre.“

Alle lachten und Pia verschluckte sich beinahe an ihrem Wein.

„Ich denke im nächsten Semester wird es entspannter“, sagte Ulla.

„Glaub ich nicht dran“, wandte Dominik ein. „Jeder redet immer von Kunst als Ausdruck des eigenen Selbst, von Freiheit, Kreativität, und wie läuft es hier? Du sperrst ein wildes Tier in einen engen Käfig – und dadurch soll es lernen, wild zu sein?“

„Is klar“, grinste Dorina, „und das wilde Tier bist du.“

Lennie ließ ein tierisches Knurren hören und zeigte die Zähne.

„Man, das ist `ne Metapher“, beschwerte sich Dominik.

Die anderen vier nickten brav und gleichzeitig, dann gab es wieder gemeinsames Gelächter. Pia mochte Dominik, er war rein optisch zwar nicht ihr Typ, aber er war kreativ und intelligent, außerdem alles andere als oberflächlich.

„Morgen noch das Werkstück vorlegen, und wenn wir Glück haben, ist das dann unser letztes Stillleben“, konstatierte Dominik.

„Wie? Morgen?“, fragte Pia fassungslos. „Ich dachte, wir müssen Mittwoch abgeben!“

„Morgen ist Mittwoch“, warf Ulla trocken ein.

„Nicht nächste Woche?“ Die Hoffnung stirbt zuletzt.

„Neehee“, Dorina zog das ausführliche Statement in die Länge und sah Pia aus den Augenwinkeln an.

Die Hoffnung ist gerade auf dem Weg zum Container. Pias Körper spannte sich unangenehm.

„Definitiv morgen!“, bestätigte Dominik nochmal und alle nickten. „Sag bloß, du bist noch nicht fertig? Da kennt Grell-Sebses kein Pardon, Frist ist Frist“, ergänzte er besorgt.

„Doch natürlich, es fehlen nur noch ein, zwei Pinselstriche, Fünfminutensache.“ Das war natürlich gelogen. Die Leinwand stand noch immer so jungfräulich wie eh und je hinter dem Schreibtisch. Pia spürte, wie ihr der Puls bis zum Hals schlug, sie musste unbedingt nach Hause, und zwar sofort. Das war jetzt sowas von peinlich. Um keinen Verdacht zu erregen wartete sie noch ein paar Minuten, bis die imaginären Kopfschmerzen kamen, dann verabschiedete sie sich und sprintete zur U-Bahn. Das durfte nicht wahr sein, wie hatte sie sich mit dem Termin so versehen können? Eigentlich konnte sie unter Druck wesentlich stringenter arbeiten, doch das hier war mehr als Druck. Sie würde die Nacht durchmachen müssen. Trocknen würde das blöde Ding dann auch nicht mehr rechtzeitig.

Als sie in der Wohnung ankam, warf sie Schuhe und Mantel vom Leib, streifte sich das alte Oberhemd ihres Vaters über, das sie als Malkittel nutzte, und legte den Küchentisch mit Folie aus. Die Leinwand war natürlich größer als der Tisch, das Teil wackelte, die Farben und Utensilien stellte Pia auf die Anrichte. Eine Staffelei wäre jetzt ideal gewesen. Sie hatte oft darüber nachgedacht, sich eine anzuschaffen, aber wo hätte sie die in der kleinen Wohnung aufstellen sollen? Sie verschwendete keinen weiteren Gedanken an hätte, könnte oder wäre und legte los. Etliche Stunden arbeitete sie mit wachsender Unzufriedenheit, das Ergebnis überzeugte sie überhaupt nicht, maximal Obertertia. Gegen fünf Uhr morgens legte sie das Machwerk entnervt auf den Balkon. Bei der lauen Vorsommerluft würde es draußen sicherlich schneller trocknen als in ihrer kleinen Bude. Auch ihre Utensilien stellte sie einfach nach draußen, lediglich die teuren Pinsel wusch sie sorgfältig aus und legte sie auf ein altes Tuch neben die Spüle. Dann kroch sie völlig übermüdet ins Bett.

Sie hätte heulen können. Das Bild in ein Laken gewickelt saß sie in der U-Bahn und starrte auf den Boden. Das war‛s dann wohl, womöglich war ihr das dritte Semester jetzt versperrt. Die Blicke von Professorin Grell-Sebses allein hätten schon gereicht, der Redeschwall danach hätte nicht nötig getan. Zuletzt hatte Pia gar nicht mehr zugehört, the Person you have called ist überhaupt nicht mehr available. Wie sollte sie dieses Desaster nur ihrem Vater beibringen? Er tat alles für sie, unterstützte sie wo er nur konnte, auch finanziell, obwohl er selbst Probleme hatte, über die Runden zu kommen. Außerdem wollte sie mit den anderen zusammenbleiben und auf keinen Fall dieses verdammte zweite Semester wiederholen. Ihre Hand krallte sich um den Rand des Keilrahmens. Irgendwie sah das Bild ja jetzt richtig gut aus, über Nacht gereift, nur war es alles andere als ein Stillleben, und das war das Problem. Als sie am Morgen nach zwei Stunden Schlaf wieder aufgestanden war, hatte das Bild völlig anders ausgesehen, die Joghurtbecher mit den Farbresten hatten kreuz und quer auf dem Balkon gelegen. Die verschiedenen Flaschen und die Schale, die sie gestern mehr schlecht als recht auf die Leinwand gebracht hatte, waren nur noch in Fragmenten zu erkennen. Die Acrylfarbe, die völlig abstrakt darüber gearbeitet wurde, machte das Bild zu einem surrealistischen Traum. Hätte sie dieses Machwerk in einer Galerie entdeckt, sie hätte sich gewünscht, so malen zu können. Sie hatte einen dunklen Verdacht, wer ihr das eingebrockt hatte, eine verräterische orange Signatur war am unteren rechten Rand zu erkennen, der Täter hatte vermutlich weißes Fell und vier Pfoten.

„Ist der Platz noch frei?“ Der dunkelhaarige Typ setzte sich, bevor sie geantwortet hatte. Sie nickte nachträglich und wandte ihren Blick, um nach draußen zu sehen.

„Sie malen?“, quatschte er sie von der Seite an. Pia hatte so gar keine Lust auf Konversation, aber er machte einen netten Eindruck und zickig rüberkommen wollte sie auch nicht.

„Ich studiere Kunst“, das klang gerade so hochtrabend, dass sie die Antwort am liebsten gelöscht hätte.

„Ich studiere Sport“, schob er nach. „Kann man auch nichts mit anfangen.“ Er grinste wie ein Schuljunge und schob seinen Rucksack zwischen den Füßen zurecht.

Sie sah hinaus auf die Tunnelwände, die an ihr vorbeizogen, und war überzeugt, die kurze Unterhaltung dadurch beendet zu haben.

„Darf ich mal sehen?“

Pia wusste nicht, ob sie seine Hartnäckigkeit interessant oder lästig finden sollte. Sie drehte sich zu ihm, erst jetzt wurde ihr bewusst wie dicht sie nebeneinandersaßen, und zog das Laken ein Stück zur Seite. Er pfiff durch die Zähne. „Das haben Sie gemalt? Also wenn ich so malen könnte, würde ich mir die Uni sparen.“ Er grinste wieder.

„Das sagen Sie nur so.“ Sie konnte nicht leugnen, dass sein Kompliment sie verlegen machte.

„Nein, ehrlich. Das sieht richtig gut aus.“

Sie spürte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg. „Ich hab es nicht allein gemalt“, gab sie ehrlich zu. „Die Basis kommt von mir, und ein … ein Freund hat daran weitergearbeitet.“

Er nickte und fuhr sich mit der Hand durch das wirre, halblange Haar. „Ich würde es gern jemandem zeigen.“ Er kramte ein Smartphone aus der Jackentasche. „Darf ich?“

Pia zuckte mit den Schultern, er nahm das sofort als Zustimmung und brachte sein Handy in Position. Sie nahm das Laken komplett herunter, positionierte das Bild so, dass er genug Abstand hatte und ließ es von ihm ablichten. Sie gab ihm auch noch ihre Handynummer, als er sie darum bat und eine Station danach stieg er aus.

Als sie in ihrer Wohnung war, hatte Pia keine Ahnung mehr, warum sie sich dazu hatte hinreißen lassen. Sie kannte diesen Mann überhaupt nicht und der hatte jetzt ihre Nummer. Sicherlich konnte er problemlos herausfinden, wo sie wohnte. Womöglich war er ein Hacker und würde sie jetzt über das Smartphone ausspionieren und irgendwann beginnen, sie zu stalken. Sein Interesse an dem Bild war sicher nur ein Vorwand gewesen. Wie bescheuert kann man sein? Sie schob das Bild hinter den Schreibtisch und wünschte sich, die Leinwand wäre noch immer unberührt und weiß und sie könnte den heutigen Tag einfach aus ihrer Biografie streichen.

2. Farbtiger

Als Pia am nächsten Morgen mit leichten Kopfschmerzen aufwachte, war sie noch immer schlechtlaunig. Daher beschloss sie als erste gute Tat des Tages, der Uni so fern wie möglich zu bleiben, Weltbewegendes würde in den letzten zwei Wochen vor den Semesterferien ohnehin nicht mehr geschehen. Unter der Dusche verharrte sie eine Weile unbeweglich mit geschlossenen Augen und genoss das beruhigende Fließen des warmen Wassers. Dann drängte sich ihr wieder der vergangene Tag in den Sinn. Sie versuchte die Situation zu analysieren und sich mit dem Gedanken abzufinden, dass sie es gründlich vermasselt hatte. Die Katze hatte daran überhaupt keine Schuld, sie, Pia, hatte das unvermeidliche Stillleben von Woche zu Woche geschoben, über das gesamte Semester hinweg. Dieses Desaster geschah ihr ganz recht, es war ihre Verantwortung, es hätte problemlos und ganz entspannt laufen können.

Schon bevor sie sich Frühstück machte, öffnete Pia die Tür zur Dachterrasse, es war Bilderbuchwetter. Als sie sich mit einem Seufzer am Tisch niederließ, fiel ihr Blick wie immer nach draußen, über die Dächer der alten Wohnblocks. Und da saß sie wieder auf dem Nachbardach, die kleine, weiße, nein, die grellbunte Katze. Sie machte einen apathischen Eindruck, das Fell war durch die Farbe völlig verklebt. Pia ließ die Tasse sinken und trat auf die Terrasse. Auch wenn das Tier vorher schon kränklich und hager ausgesehen hatte, so war der jetzige Zustand wohl der Tatsache geschuldet, dass sich die Mieze in der letzten Nacht künstlerisch völlig verausgabt hatte. Da musste sie sich jetzt kümmern, es waren schließlich ihre Farben, die waschecht im Fell des Tieres klebten. Die Mieze ließ sich nicht anlocken und gab nur ein jämmerliches Maunzen von sich. Das Nachbardach grenzte beinahe übereck an ihre Dachterrasse, es gab einen Spalt, der kaum einen Meter breit war, aber darunter gähnte ein Abgrund, der vier Stockwerke hinunterreichte. Da würde sie auf keinen Fall drüber steigen, zu solch einem Stunt fehlten ihr die Nerven. Pia stellte ein Schälchen mit Kondensmilch auf, vielleicht würde die Katze sich dadurch anlocken lassen. Sie war schließlich auch zuvor schon auf ihre Dachterrasse gelangt.

Geschlagene zwei Stunden später saß das Tier noch immer an der gleichen Stelle. Selbst von weitem konnte Pia erkennen, wie der kleine Körper zitterte. Ihr fiel nur Dominik ein, der sicherlich mit einem großen Ausfallschritt auf das Nachbardach gelangen konnte, ganz ohne Anstrengung, oder mit einem kleinen Sprung. Sie würde ihn anrufen, und zwar sofort. Im Moment dieses Gedankens klingelte ihr Smartphone, sicher einer aus der Clique. Pia achtete gar nicht auf die Nummer im Display und nahm das Gespräch an.

„Hier ist Keno, wir kennen uns aus der U-Bahn.“

Kennen? Ohne nachzudenken schoss es aus ihr heraus: „Ich hab hier einen Notfall. Ich muss sofort auflegen.“

„Kann ich helfen?“ Seine Stimme klang so besorgt, als würde er für eine kitschige Schmonzette vorsprechen.

„Nein.“

„Dann melde ich mich später nochmal, okay?“

Sie drückte ihn weg, ohne noch etwas zu sagen. Blödmann! Erst die billige Anmache in der U-Bahn und dann ihr Handy blockieren.

Dominik erreichte sie nicht, stattdessen Lennie beim dritten Versuch. Die zwei waren oft zusammen unterwegs und wohnten im gleichen Block.

„Ich bin grad in der Umkleide, Dominik und ich waren schwimmen. Was gibt’s denn?“

„Bei mir sitzt ´ne Katze auf dem Nachbardach, die hat sich mit meiner Farbe versaut und ist total verklebt.“

„Wem gehört die denn?“

„Keine Ahnung. Ich glaub, sie ist ein Streuner“, mutmaßte Pia knapp.

„Dann lass sie da doch einfach sitzen.“ Hilfsbereitschaft klang anders.

„Die geht ein da oben. Die lass ich da nicht sitzen, verdammt.“

„Ist ja okay, Pia. Dominik und ich sind in ´ner halben Stunde bei dir.“

Da hatte Pia doch auf absolute Helden gesetzt. Dominik und Lennie waren eine richtige Hilfe, was das Diskutieren des richtigen Plans anbelangte, über den Spalt auf das andere Dach wollte allerdings keiner von ihnen. Ihre Bedenken deckten sich haargenau mit denen, die Pia gehabt hatte.

„Aber ihr seid Jungs!“

„Is klar. Aber ein falscher Schritt und wir sind Leichen. Wenn das nicht so übereck läge, würde ich es sogar riskieren.“ Lennie verschränkte die Arme.

„Wir könnten einen Kescher mit Teleskopstiel besorgen und versuchen, die Katze von hier aus zu fangen“, war Dominiks sicherheitsbewusster Vorschlag.

„Wer hat denn so ein Ding?“

Pia konnte die beiden schon verstehen, sie hatte ja selbst Bedenken gehabt. Und wenn wirklich etwas passierte, das würde sie sich nie verzeihen. Nein, sie würde nicht drängeln. Wenn die beiden beschlossen hatten, nicht aufs Nachbardach zu steigen, dann würde sie das akzeptieren. „Ist doch was für Angler. Kennt ihr einen?“, schob sie nach.

„Nee, keine Ahnung. Aber wir könnten einen im Angelgeschäft besorgen“, schlug Dominik vor.

„Ja, direkt im Erdgeschoss“, witzelte Lennie.

„Da gibt’s doch diesen Laden direkt hinter dem Bahnhof. Ich fahr mit der U-Bahn hin. Da bin ich in einer dreiviertel Stunde wieder hier.“ Dominik ließ es mehr wie eine Frage klingen.

„Was kostet denn so ein Ding? Ist bestimmt nicht billig“, wandte Lennie ein. „Nur für das eine Mal hier mit der Katze, das lohnt doch gar nicht. Und Fische gibt’s hier oben auch nicht so viele.“ Er grinste.

„Kannst du mal einmal ernst bleiben?“ Pia knuffte ihn entnervt in die Seite. Sie warf einen Blick auf das benachbarte Dach. Die Katze harrte noch immer an gleicher Stelle aus, und genauso unschlüssig standen sie herum. Die chinesischen Tonkrieger wären dagegen impulsiv rübergekommen.

„Dann geh ich jetzt rüber“, platzte Pia in die Stille und riss entschlossen die Tür zur Dachterrasse auf. Eilig trat sie nach draußen, um keine Zeit zu haben, es sich anders zu überlegen. Als sie ihr rechtes Bein über das Geländer schwang, meldete sich ihr Handy. Sie schwang das Bein zurück und war erleichtert, denn so merkten die beiden Männer nicht, dass auch ihr der Mut fehlte.

„Wir können ja beim Nachbarblock mal anklingeln. Die haben doch sicher einen Hausmeister, der da rauf kann“, fiel Pia ein, während sie ihr Smartphone entgegennahm, das Dominik ihr herüberreichte.

Keno betrachtete die Lage von der Dachterrasse aus. „Es wäre leicht, wenn es nicht so blöd übereck läge.“ Er runzelte die Stirn, sein ungekämmtes Haar gab ihm etwas Verwegenes.

Jetzt, wo dieser athletisch aussehende Sportstudent in ihrer Wohnung stand, wusste Pia nicht mehr, was sie da eben am Telefon geritten hatte. Der Gedankenblitz war unkontrolliert aus ihr hochgeschossen, als Keno sich am anderen Ende gemeldet hatte und sie hatte ihn mit ihrem inneren Auge bereits von Dach zu Dach springen sehen. Auf Kenos Frage, ob jetzt alles wieder okay sei, hatte sie mit einer Gegenfrage geantwortet. „Kannst du Katzen retten?“ Die Tatsache, dass die beiden anderen noch hier in ihrer kleinen Wohnung waren, sicherte die Situation ab, es gab ja nichts Verfängliches.

Als würde Keno den ganzen Tag nichts anderes machen, landete er mit einem eleganten Sprung auf dem Nachbardach. Pia blieb beinahe das Herz stehen, so ohne Vorankündigung hatte sie mit diesem Stunt nicht gerechnet. Die Katze rührte sich nicht, anscheinend ging es dem Tier wirklich schlecht. Keno redete beruhigend auf den Tiger ein, während er sich langsam und mit ruhigen Bewegungen dem Farbklecks näherte. Ohne Widerstand ließ sich das verklebte Knäuel aufheben. Einen Moment lang hielt er die Katze dicht am Körper. Pia konnte nicht umhin den Anblick mit einem Strom innerer Wärme richtig süß zu finden. Dann reichte Keno ihnen mit lang ausgestrecktem Arm das Tier entgegen. Dominik lehnte sich weit über das Geländer und nahm es in Empfang. Mit einem großen Satz folgte der Retter, schwang sich über das Geländer und grinste. „Jetzt könnte ich einen Kaffee gebrauchen.“

Pia fragte sich, wie sie hier in der U-Bahn bei den anderen Fahrgästen wohl rüberkamen. Drei Männer und eine Frau, die eine kleine rote Reisetasche mit sich trugen, aus der es miaute. Sie hatten den Tierarztbesuch gemeinsam gemacht, gemeinsam das Wartezimmer blockiert, zusammen den Tierarzt mit Fragen gelöchert, sogar gemeinsam bezahlt. Pia war heilfroh, die Rechnung hätte ihre Finanzen gesprengt. Als kleines Dankeschön würde sie die drei Mitstreiter heute Abend bekochen, Nudeln mit Pesto, soviel Anstand musste sein. Die Mieze war jetzt nackt, abgeschoren, weil sich Acrylfarbe nicht auswaschen lässt. Durch das gespritzte Aufbaupräparat gestärkt, schimpfte sie jetzt vor sich hin.

„Willst du die behalten oder bringst du sie ins Tierheim?“, wollte Lennie wissen.

„Ein Haustier steht nicht wirklich bei mir auf dem Plan“, gab Pia zu, „aber ich würde es nicht übers Herz bringen, sie ins Tierheim zu geben.“

„Sie gehört ja quasi schon zur Familie“, grinste Keno.

Pia sah ihn finster an. Wie konnte der denn jetzt von Familie reden? Sie kannten sich doch gar nicht. Ihr war auch nicht bekannt, dass vier Stunden jemals gereicht hätten, um eine Familie zu gründen. Es war vielleicht ein Fehler gewesen, auch ihn an der Rechnung zu beteiligen, womöglich stellte er noch irgendwelche Ansprüche. „Wenn, dann gehört sie zu mir. Sie treibt sich ja schon wochenlang auf meinem Dach herum. Willst du dein Geld wiederhaben?“

„Hast du eine Sperre, was Familie angeht?“, fragte Keno erheitert.

„Nein, ich krieg nur Probleme, wenn mir Unbekannte sofort so dicht auf die Pelle rücken.“

„Ich sitz dir gegenüber, Dominik rückt dir auf die Pelle.“

„Du weißt genau, was ich meine, Keno.“

Der grinste nur.

„Bleib mal locker, Pia“, kam Lennie ins Gespräch. „Immerhin kennst du schon seinen Namen, er hat die Katze gerettet und irgendwie passt er auch ganz gut zu uns.“

Pia blickte wortlos vor sich hin. Ja, fall mir mal gepflegt in den Rücken, Lennie. Ihr innerer Peilsender versuchte auszuloten, wie die Geschehnisse der letzten Stunden in diese Situation münden konnten und wo das jetzt hinführen sollte. Die alte Komödie kam ihr in den Sinn, drei Männer und ein Baby. In ihrem hin und wieder leicht paranoiden Gedankenlabyrinth gab es gerade einen Keno, der alles eingefädelt hatte, die Begegnung in der U-Bahn und die passgenauen Anrufe, nachdem er die Katze auf dem Dach platziert hatte. War natürlich Blödsinn, die Mieze hatte sich schon immer dort rumgetrieben. Das Ganze war auch ohne diese bescheuerten Hirngespinste schon abenteuerlich genug.

„Wir sollten noch Katzenfutter besorgen“, holte Keno sie aus ihren Gedanken.

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131 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783959592987
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