Kitabı oku: «Arnulf. Der Herr der Elbe»
Robert Focken
Arnulf
Der Herr der Elbe
Historischer Roman

Focken, Robert : Arnulf. Der Herr der Elbe. Historischer Roman. Hamburg, acabus Verlag 2022
Originalausgabe
Epub-ISBN: 978-3-86282-820-3
PDF-ISBN: 978-3-86282-819-7
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Print-ISBN: 978-3-86282-818-0
Lektorat: Michael Haitel
Cover: © Guter Punkt, München (www.guter-punkt.de)
Covermotiv: © Uwe Jahrling
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© acabus Verlag, Hamburg 2022
Alle Rechte vorbehalten.
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Inhaltsverzeichnis
„Personenliste“
„Althochdeutsche und sonstige Begriffe“
„Prolog“
„Kapitel I“
„Kapitel II“
„Kapitel III“
„Kapitel IV“
„Kapitel V“
„Kapitel VI“
„Kapitel VII“
„Kapitel VIII“
„Kapitel IX“
„Kapitel X“
„Kapitel XI“
„Kapitel XII“
„Kapitel XIII“
„Kapitel XIV“
„Kapitel XV“
„Kapitel XVI“
„Kapitel XVII“
„Kapitel XVIII“
„Kapitel XIX“
„Kapitel XX“
„Kapitel XXI“
„Kapitel XXII“
„Kapitel XXIII“
„Kapitel XXIV“
„Kapitel XXV“
„Kapitel XXVI“
„Kapitel XXVII“
„Kapitel XXVIII“
„Kapitel XXIX“
„Kapitel XXX“
„Kapitel XXXI“
„Kapitel XXXII“
„Kapitel XXXIII“
„Kapitel XXXIV“
„Kapitel XXXV“
„Kapitel XXXVI“
„Kapitel XXXVII“
„Nachwort“
„Der Autor“
„Inhaltsverzeichnis“
Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt,
Der wird mein Bruder; sei er noch so niedrig,
Der heut‘ge Tag wird adeln seinen Stand!
Heinrich V. (W. Shakespeare)

Personenliste
Königliches Lager:
König Karl (Carolus Rex), Karl der Große
Prinz Karl der Jüngere, gen. Karolo
Prinz Ludwig (später: Ludwig der Fromme)
Erzkapellan Hildebald, Karls erster Berater
Einhard, königlicher Consiliarius (Ratgeber)
Ebo, Kanzlist und Königsbote
Billung, Ebos Leibwachenführer
Lager Prinz Karls d. Jüngeren (»Karolo«):
Hofkapellan Odilo
Truchsess Helisachar (»Mond«)
Iburis, Heerführer (gundfanari)
Gito, Vorleser und Lustknabe
Samson, Hofnarr
Lager Arnulfs:
Arnulf, Kriegsherr, gen. sax hamar, ehemaliger Offizier der königlichen Panzerreiter
Erika, Arnulfs Frau
Arthur, Arnulfs ältester Sohn
Grimbald, Arnulfs zweiter Sohn, gen. fersari oder humbalung,
Roswith, Arnulfs Tochter
Liudger, Missionspriester
Gallo, Marktvorsteher von Delbende
Heden, Schiffsführer, gen. wintblat
Swabo, Führer der Bogenschützen
Gea, Roswiths Freundin und Grimbalds Geliebte
Gerswind, Küchenmagd
Nordelbische Sachsen und Sonstige:
Wolfger, Bode der Holsten
Thanco, Bode der Stormarn
Ruotger, Neffe Thancos (Schänder!)
Wit Wituwa, Freundin Erikas
Ingobert, Herr der Ulzburg
Ragnar, dänischer Kriegsherr
Widukind, Herzog der Westfalen im Exil
Abodriten:
Drasco, oberster Fürst der Abodriten
Scedrag, Drascos Sohn
Agila, Priesterin
Althochdeutsche und sonstige Begriffe
Ahta: Ansehen, Ruhm, Achtung
Faz: Das männliche Geschlechtsteil
Fersari: Dichter, Liedermacher
Firinlust: Lust im fleischlichen Sinne
Foraleiso: Anführer (hier: Leibwachenführer von Ebo)
Giniscaft: Kriegertreue
Gundfanari: Heerführer (hier: Iburis)
Humbalung: Herzensbrecher, Schürzenjäger
Mahtigan: Allmächtiger
Missus domenicus: Königsbote, Sonderbeauftragter für bestimme Gebiete
Samantwist: das (ggf. intime) Zusammensein
Skaron: Schlachtordnung (sinngemäß: der kämpfende Teil des Heeres)
Snuoba: Halsband, Anhänger
Waba uwa: Fluss-Gottheit der Elbe
Skizan: Scheiße
Swonovi: Glöckchen
Tiufal Oug: Teufelsauge
Zarto: Liebling
Prolog
Mein Name ist Brun.
Ich stamme ab von Sachsen, die Land nahmen im Gau der Holsten, weit im Norden, wo schon der große Wall der Dänen am Horizont drohte. Meine Mutter kam von der Westküste, aus dem Stamm der Diutmarser. Sie waren sächsische Brüder der Holsten, zähe Leute, die von Heringen, Salzwasser und Krabben lebten. Verbrüdert waren die Holsten auch mit dem dritten Stamm der Nordelbier, den Sturimarn. Alle drei Stämme hatten einst den großen Schwur getan: Unsere Heere würden zusammenstehen, wenn die slawischen Reiter aus dem Eisenwald im Osten vorstießen oder die Dänen aus dem Norden! Die Sachsenstämme nördlich der Elbe nannte man auch nordliuti, aber es waren Fremde, Franken nämlich, die diesen Begriff erfanden.
Ich war bereits ein gestandener Mann mit Ansehen, als ich jenes Wort – nordliuti – zum ersten Mal hörte. Ein hochgewachsener Fremder in einem Gewand aus dunkler Wolle sprach es aus, denn für ihn schienen wir alle eins. Er war ein Franke aus dem Süden, aus dem Reich des Kriegsfürsten Karl. Dieser Mann trug ein Kreuz aus Bronze um den Hals und sprach mit rauer, lauter Stimme zu uns, lauter, als ein Gast es sich sonst erlauben durfte, der ohne ein Dutzend Bewaffneter erschien! Vom Gott Jesus Christus erzählte er und dass wir alle von einem Fürsten Adam und seinem Weib Eva abstammten. Von einem Feuer unter der Erde sprach er, das uns einst verschlingen würde, wenn wir nicht zu seinem Gott beteten. Da ballten die Ersten die Fäuste und schmähten ihn. So hieß ich ihn weiterzuziehen: Ich war der Vorsteher über mehrere Hofschaften und hatte für Recht und Ordnung zu sorgen. Ich konnte nicht zulassen, dass ein Fremdling vor unserer Tür erschlagen wird.
Später hörte ich, dass ein gieriger Kerl diesem einfältigen Christus-Mann auf der Landstraße das Bronzekreuz abriss. Anstatt froh zu sein, dass ihm nicht auch Wollgewand und Schuhe genommen wurden, schimpfte der Kreuzträger wie ein Irrsinniger und drohte und so ereilte ihn doch noch das Schicksal. Ich hatte keinen Anlass, an seinem Tod zu zweifeln: Der Kreuzträger war so leichtsinnig wie unbescheiden. Und ließ sein Jesusgott nicht all das ruhig geschehen?
Wir Sachsen, die wir dem alten Glauben anhängen, kämen nicht auf die Idee, dass Wodan oder Thor, Saxnoth oder Balda uns liebten. Die Götter blickten herab auf uns Menschen. Sie fochten ihre eigenen Kämpfe, hatten ihre eigenen Zwiste. Wenn wir einst als Einherjer auffahren in die Walhall, würden wir den Göttern nicht nahekommen, bestenfalls würden wir ihnen dienen! Und wir wussten, jeden von uns konnte es an jedem Tag treffen – wer wusste schon, wie lang der Lebensfaden war, an dem die Nornen am Fuß der Weltenesche webten?
Mich holte das Unheil einige Winter nach dem Tod jenes Frankenpriesters ein. War es Loki, der Schadengott, der die Sinne meines Nachbarn mit Neid vernebelte? Hunger konnte man stillen, Neid nicht! Mein Besitz, mein Vieh, mein Land – nach all dem gierte ein Edler aus alter Familie. Dieser Mann, der den Namen Wolfger trug, brach eine Fehde vom Zaun. Bald wurde sie zur Blutfehde. Im nebligen Morgengrauen eines Herbsttages überfiel er mit einer Schar Bewaffneter meinen Hof. Sie erschlugen meine Knechte, brachen in unser Haus ein und stachen auf mich ein, als gelte es, Tiere zu töten. Das Letzte, was ich sah, war Wolfger, wie er mit einer Schlinge mein Weib erdrosselte. Denn dieser Wolfger, der haben wollte, was mein war, würde später sagen: An meinen Händen klebt kein Blut! Und sie durchbohrten meine Kinder: den Ältesten, fast achtzehn Jahre, der sich noch mit einem Dolch wehrte; seinen Bruder, fünfzehn Jahre alt; meine Tochter, die noch ein Mädchen war und bis zum letzten Augenblick nach mir schrie.
Ich hörte sie sterben.
Doch ich selbst, ich starb nicht.
Abends stieg einer meiner Knechte, der überlebt hatte, in die Grube, in der man uns verscharren wollte. Er hatte meinen Atem gesehen, den Dampf in der kalten Luft. Abgedeckt mit ein paar Fellen brachte er mich auf einem Eselskarren zum Sohn eines Mannes, der einst mit meinem Vater befreundet gewesen war. Tage vergingen – Tage, in denen ich den Tod herbeiwünschte. Doch die Götter waren nicht so gnädig. Als ich soweit genesen war, dass ich einige Worte krächzen konnte, sprach mein Wirt freundlich klingende Dinge zu mir, ohne in meine Augen zu sehen. Dann ließ er mich fortbringen. Denn Wolfger war dabei, Bode der Holsten zu werden, Kriegsführer und Oberster Thing-Herr im Frieden. Und einen solchen Mann wollte man keinesfalls zum Feind haben!
Alte Freundschaften zählten nichts mehr.
Wer also hätte mich aufnehmen mögen?
Einen Mann gab es, der fürchtete nichts und niemanden. Er war nicht von sächsischem Blut, sondern ein Franke – sax hamar, so riefen sie ihn. Ein trutziger Kriegsmann, der mit dem großen Karl gebrochen hatte, um seine eigene Herrschaft zu gründen. Einer, der Männern Land zum Roden gab, wenn sie bereit waren, für ihn zu fechten. Der wusste, wann man stark sein musste und wann einfach nur klug. Ja, selbst die Dänen hatten Respekt vor diesem Mann! Ihre Schiffsführer überlegten sich dreimal, ob sie es wagten, einen seiner Handelsposten zu überfallen.
Zu diesem Mann brachte man mich. Mich, der ich nichts war als ein zerschlagener Habenichts. Ein Bittsteller von Rang, gewiss – aber ohne ein Silberstück in der Tasche! Und doch nahm der Franke mich auf. Seine Frau schenkte mir ihr Vertrauen, gab mir Pflichten und ließ mich über ihre Hörigen wachen. Sie war eine Sächsin aus großer, alter Herkunft und doch trug sie das Kreuz der Christenmenschen. In der Burg ließ sie ein Haus bauen, in der ihr Gott wohnte – oder so hoffte sie.
Fast zwölf Jahre sollte ich bei ihnen leben, auf der Burg Delbende1 auf dem Steilufer über dem mächtigen Strom. In dieser Zeit habe ich auch den großen König Karl gesehen, den Herrn der Welt, und ich sah seine Söhne mit den Kriegsscharen kommen. Ich, Brun, der Sohn des Hatto, weiß, wie sich alles zutrug. Gewiss, heute gibt es viele Geschichten darüber. Aber die meisten sind nicht mehr als das Geblöke von Lämmern. Weil sie von Franken erzählt werden oder von den Holsten oder gar den Slawen. Aber ich, ich war dabei. Ich habe alles miterlebt, bis zum Ende. Und glaubt mir: Solch eine Geschichte wie die vom Kriegsherrn Arnulf sax hamar und seinem Weib Erika wird noch in fernen Zeiten an Herdfeuern und in Thronsälen erzählt werden!
1 Lauenburg (Schleswig-Holstein)
Kapitel I
Im Jahre des Herrn 798 zeigte der Frühsommer am Unterlauf der Elbe ein mildes Gesicht. Meist war es warm, ohne heiß zu werden; alle paar Tage gingen Regenschauer über das Land, die gut waren für die Feldfrüchte, ohne die Feldarbeit zu sehr zu stören. Das Unkraut allerdings wuchs stärker als sonst, mancherorts stand es so hoch wie der Roggen und die Gerste – zumindest einige Meilen östlich von Delbende, nahe des Eisenwaldes, hinter dem die slawischen Siedlungen begannen. Die Slawen selbst – sie gehörten zum ruhmreichen Stamm der Abodriten – störte das nicht. Und die sächsischen Kaufleute, die gelegentlich im Osten unterwegs waren, kamen nicht wegen des Korns, sondern um Kupferbarren gegen Leinen und Bienenwachs zu tauschen, und Wolle gegen Bernstein. Dann waren da noch die Pferde: Die Abodriten züchteten anspruchslose, robuste Rösser mit dichtem Fell und niedriger Schulterhöhe, die wendig und genügsam waren. Und billiger als die sächsischen Pferde, die meist von der unteren Weser kamen und beste Weide gewohnt waren. Aus diesem Grunde bot der Markt von Delbende, der im Sommer unterhalb der Burg stattfand, auch abodritischen Pferdehändlern Platz.
Delbende war kein alter Markt wie etwa Bremun oder das fränkische Bardovyk2 auf der anderen Elbseite. Doch seit Arnulf sax hamar die Burg über der Uferhöhe errichtet hatte, wurden es jedes Jahr mehr Zelte, Wagen und Verschläge, die die Blockhäuser der Handelsstation umlagerten. Da waren Nordmänner mit kantigen Gesichtern und silbernen Armringen, Dänen zumeist, die Wetzsteine, Walrosszähne und Fässer mit gesalzenem Fisch feilboten; auch Holsten und Sturimarn, Sachsen also, die Eisenklingen, Hafer, Gerste und Ballen roher Schafwolle zeigten. Dann Slawen vom Mittellauf der Elbe mit gestapelten Fellen von Marder, Biber und Wolf. Nicht einmal Händler aus dem Frankenreich fehlten: Männer aus Regensburg zogen am Ende des Frühjahrs über den goldenen Steig nach Böhmen und segelten auf der Elbe hinab. Ihre Glasperlen, Silberringe und Stoffe zogen besonders die Frauen der Umgebung an.
Es schien ein Sonnabend wie viele andere zu sein, als der sax hamar genannte Burgherr von Delbende mit einigen Getreuen zwischen den Ständen hindurchschlenderte. Arnulf begrüßte Bekannte, nahm hier und da einen Becher mit dünnem Bier an und lauschte aufmerksam denen, die Neuigkeiten aus der Ferne zu berichten hatten. Auch an diesem, mit mildem Sonnenschein gesegneten Tag bemerkte Arnulf neue Gesichter zwischen den Tischen, Fässern und Ballen: Es hatte sich herumgesprochen, dass in Delbende Geld zu verdienen war. In den ersten beiden Jahren zahlten Händler keine Abgaben. Doch dann, im dritten Jahr, forderte der Burgherr von jedem, ob Franke, Slawe oder Friese, dreißig Pfund Eisenerzschlacke: Diese wurden dann alsbald von den Schmieden der Burg zu Schwertern und Äxten geschmiedet. Oder zu den gefürchteten Stoßlanzen, mit denen Arnulf einst als Führer der königlichen Panzerreiter feindliche Schildwälle zerstört hatte.
Nicht jeder, der diesen bärtigen, breitschultrigen Mann in der weinroten Tunika zwischen dem Volk sah, hätte in ihm auf den ersten Blick den Kriegsherrn sax hamar selbst vermutet. Keine der goldenen oder silbernen Ketten schmückte den Hals, die einheimische Edle so mochten. Arnulfs Gesicht mit dem kräftigen Kinn war mit zahlreichen kleinen Narben durchsetzt, die Haut war sonnenverbrannt; den Bart trug Arnulf kürzer als die meist wuchernden Sachsenbärte, das braune Haupthaar bedeckte die Ohren, ohne die Schulter zu berühren. Der Schwertgürtel wies lediglich ein paar Silberbeschläge auf, die Schwertscheide selbst war schmucklos. Aber in seinem ganzen Gebaren, den Blicken, die er mit seinen schuppengepanzerten Begleitern austauschte, war etwas, das von massivem Selbstbewusstsein zeugte und von verhaltener Kraft.
Es mag an einem der Gespräche mit den Händlern gelegen haben, dass Arnulf die Schiffe auf der Elbe zunächst nicht wahrnahm: Ein halbes Dutzend schlanker Schiffe mit geschwungenen, weit hochgezogenen Steven, die trotz einer milden Brise kraftvoll stromabwärts gerudert wurden. Tief lagen sie im Wasser, denn sie hatten Beute an Bord: Menschliche Beute, wie sich herausstellen sollte.
Die Schiffe waren vom Marktflecken aus – er lag eine halbe Meile vom Ufer entfernt, außerhalb der Hochwasserzone – kaum noch zu sehen, als Arnulf das Herz des Marktes ansteuerte: ein Blockhaus, so massiv wie der Panzer einer Schildkröte. Eine Hälfte davon diente als Warenlager, die andere war Kontor, Schenke und Vergnügungsort zugleich. In der übergroßen Türöffnung des Hauses stand ein fleischiger, wuchtig wirkender Mann Ende vierzig. Es war Gallo, der Vorsteher des Handelspostens. Gallo, ein alter Gefährte Arnulfs, war ein Neustrier, einer aus Westfranken also; es mochte an der Herkunft liegen, dass er Wert auf eindrucksvolle Kleidung legte: Ärmelborten und Kragenausschnitt seiner blauen Tunika waren mit Goldfäden durchsetzt und eine für Arnulfs Geschmack etwas alberne, dotterfarbene Mütze saß auf dem dichten schwarzen Haar. Gallo nickte Arnulf zu, hatte aber noch eine seiner Mägde zu maßregeln: »Wo hast du die Essigrüben, du Luder? Und wo sind die Honigtöpfe, he? Beweg dich, magad!«
Die Gescholtene, eine kaum achtzehn Jahre alte Frau mit filzigem, langem Haar und vielfach geflicktem Kleid, huschte in die Dunkelheit des Gebäudeinnern. Zurück blieb ein südländisch aussehender Bursche mit etwas verlegenem Lächeln – seinetwegen hatte die Kleine getrödelt und Gallos Unmut riskiert! Der Mann musterte den grimmig wirkenden Handelsvorsteher kurz und zog es vor, rasch in der Menge zu verschwinden.
»Die Slawenmädchen sind noch fauler als die Sächsinnen!«, schnaubte Gallo, was seine gewaltigen Schurrbarthaare zittern ließ. »Irgendwann jag ich die alle zurück in die Erdlöcher, aus denen sie gekommen sind!«
»Da ist so eine Sommersprossige«, grinste Arnulf, »von der reden meine Männer. Wenn ihr die verjagt, müsste ich mir Sorgen machen! Spaß beiseite, wo ist das Erz?«
»Und ich dachte, Ihr wolltet einen Krug Wein mit mir teilen«, murmelte der andere und Arnulf konnte ohne Mühe riechen, dass es nicht der erste Wein an diesem Tag gewesen wäre. Gallo zerrte zwischen den Stoffballen, die wie eine kleine Vormauer waren, einen ersten Korb mit rotbraunen Erzschlacken hervor. Die stämmigen Männer in Schuppenpanzern, die Arnulf begleiteten, nahmen den Korb auf – nicht ohne einen forschenden Blick durch die Türöffnung ins Innere der Schildkröte zu werfen.
»Jetzt nicht, Leute«, knurrte Arnulf vernehmlich und jeder wusste, was gemeint war. Die Mädchen in Gallos Diensten verdienten sich bisweilen ein Zubrot, in dem sie nett zu den Kriegern waren; die jungen Frauen waren meist Hörige, die stumpfer Fron oder einem prügelnden Herrn entlaufen waren.
»Arnulf?«, raunte Gallo plötzlich stockernst. »Habt Ihr die Schiffe gesehen? Die Besatzung sah nach Sachsen aus … Aber woher haben die solche schlanken, schnellen Schiffe?«
Arnulfs Blick suchte zwischen den Marktgebäuden das einige Hundert Schritt weit entfernte Flussufer ab. Aber zwischen den Erlen und Weiden war nur ein rundes Fischerboot zu sehen – jemand prüfte seine Aalreusen.
»Wer weiß«, murmelte Arnulf mit einem Stirnrunzeln. »Piraten würden kaum in hellem Tageslicht vorbeisegeln, mein Freund. Weil wir ihnen auf den Schwanz hauen, sobald sie auch nur an Land spucken!«
Gallo zuckte mit den Schultern. »Vielleicht wollten sie nur angeben. Wie gesagt, die waren flussabwärts unterwegs. Übrigens, was ich Euch noch sagen wollte …«
Aber der Zufall wollte es, dass in diesem Augenblick ein jüngerer Mann im Lederpanzer mit federndem Schritt durch die Menge drängte, niemand anders als Arnulfs Sohn Arthur. Arthur trug das dunkelbraune Haar lang, die Enden berührten fast die Schulter. Er war von kräftiger Statur, unterm Ärmelstoff der Tunika sah man die Wölbung der Armmuskeln, wenn er sich bewegte. Zwei Bewaffnete im selben Alter begleiteten ihn, alle drei führten Pferde an Rohhautriemen hinter sich her. Arnulf sah sie scherzen, sie hatten den zufriedenen Gesichtsausdruck von Leuten, die ein gutes Geschäft hinter sich und ein großes Vergnügen vor sich hatten.
»Ah, hier seid Ihr, beim Erz-Herrn!«, rief Arthur. Sofort begann er zu sprudeln. Er hatte fünf Rösser auf einen Schlag erworben. Bei einem abodritischen Händler-Züchter – ohne Arnulfs Meinung überhaupt erst einzuholen. Und warum auch nicht? Arthur – zehn Pfund schwerer und einen Zoll größer als sein Vater – führte bereits seine eigene Schwur-Mannschaft! Ein Schwert mit aufwendig verziertem Griff und ein Kurzschwert hingen an seinem Gürtel, beide handhabte er mindestens so geschickt wie Arnulf. Das behauptete Arthur jedenfalls von Zeit zu Zeit. Ja, Arthur war dabei, sich einen Namen im Grenzland zu machen!
Und musste es nicht genau so sein?
Arnulfs Blick glitt über die klugen Augen der Tiere, über ihr kurzes, gut gebürstetes Fell und die kräftigen dunklen Mähnen. Arthur hatte bereits einen Namen gefunden für die schönste der Stuten: »Windbraut! Ich werd’ sie selbst reiten!« Er hatte das eckige Gesicht des Vaters mit dem kräftigen Kinn und der massiven Stirn, während die eher spitze, kleine Nase an Arthurs Mutter Erika erinnerte. Von ihr hatte Arthur auch die Begeisterungsfähigkeit: Sein Grinsen hatte etwas Ansteckendes. Beide, Vater und Sohn, verspürten das Bedürfnis, diese Pferde möglichst schnell kennenzulernen und auszuprobieren. Der Burgherr vertröstete den alten Gefährten Gallo mit ein paar Worten und begann mit den jungen Kriegern in Richtung der markanten Anhöhe zu laufen, von der die Burg das Elbtal überblickte. Sie atmeten noch einmal den scharfen Geruch von grob gegerbten Häuten, getrocknetem Fisch und dem Mist von Pferden ein, während die Lanzenträger kläffende Hunde mit ein paar Stößen auf Abstand hielten.
»Für Euer Weib, Herr Arnulf!« Ein Mann in einem gelben Kaftan mit bronzefarbener Gesichtshaut winkte ihnen hinterher, wobei er eine Rolle schimmernden Stoffs hochhielt: »Seide aus Byzanz, streichelt die Haut!«
»Meine Frau wird genug gestreichelt, Elias! Habt Ihr nichts Nützliches?«
Die anderen lachten auf, doch der Kaufmann zählte mit heftigen Gesten sogleich ein halbes Dutzend edler Schmuckgegenstände auf – vergebens.
Zerlumpte Bettler steckten ihre Hände aus und junge, abgerissene Männer riefen sie vom Wegesrand aus an, weil sie in Arnulfs Dienst treten wollten.
Aber wer nicht einmal ein Kurzschwert vorweisen konnte, durfte nicht auf die Geduld des Burgherrn rechnen. Denn um ein Schwert zu schmieden, waren zehn bis zwanzig Pfund Erz nötig!
»Ihr könnt jetzt einen vollen Trupp in den Sattel bringen, richtig?«
Arnulfs Frage klang wie ein Lob, war auch so gemeint. Ein Trupp, das waren immerhin rund dreißig Mann. Das wiederum war ein Drittel einer Hundertschaft: Diese Ordnung hatten Arnulf und seine Männer aus dem Königsdienst in den wilden Norden mitgebracht.
»Wenn Ihr mir ein paar Schollen Land freihaltet, Vater«, lachte Arthur, »auf die ich meine Leute setzen kann, dann hab ich bald eine eigene Hundertschaft!«
»Dann seht zu«, grinste Arnulf mit einem Mundwinkel, »dass Ihr Kämpfer findet, die roden und entwässern und im Dreck wühlen wollen … Vor den Lohn hat der Herr den Schweiß gesetzt!«
Während dieses gut gelaunten Austauschs kamen ihnen zwei junge Frauen auf dem Burgweg entgegen: Roswith und ihre Freundin Gea. Arnulf spürte ein warmes Gefühl in der Brust, als er die kastanienbraunen Zöpfe seiner Tochter schwingen sah und ihr keckes Lachen aufnahm, das nur auf ihn gerichtet schien. Seine Tochter war fast so groß wie Erika, ihre Bewegungen, ihre unbekümmerte Miene freilich gingen eher nach dem Vater.
»Vater«, prustete sie ihnen übermütig entgegen, »wisst Ihr, wie Ihr und Arthur ausseht? Wie Krieger, die ihre Bräute heimführen! Den Pferden fehlen nur noch Schleifen aus Seide!«
»Du alberne Kröte«, rügte Arthur sie, während Arnulf sich ein Lächeln verkneifen musste. Mit einem strengen Blick zupfte er sie am Ohrläppchen.
»Weißt du, was frechen Jungfrauen passiert, Roswith?«
»War das denn so frech?« Sie machte mokante Schmolllippen, die normalerweise wirkten. »Dann bitte ich um Verzeihung!«
»Wir werden Brun fragen«, befand Arnulf augenzwinkernd. Denn mit einem Dutzend Schritt Abstand folgte den beiden eine hagere Figur am Stock, der Hofmeister Arnulfs, der die Mädchen nicht unbegleitet auf den Markt lassen durfte.
»Brun, wann hat meine Tochter zum letzten Mal die Rute gespürt?«
»Ist lange her, Herr Arnulf!« Bruns Schritte beschleunigten sich, eine Hand hielt die verblichene Filzmütze fest, die die grauen Haare bedeckte.
Arnulf freilich sah ihm an, dass er Arnulfs Ernst nicht ernst nahm; der Herr von Delbende erinnerte sich, dass Brun selbst Vater einer Tochter gewesen war, die nicht einmal Roswiths Alter erreicht hatte.
»Leute, das mit der Rute hol’ ich gerne nach«, bot Arthur fast schon fröhlich an. »Zehn übers Hinterteil, oder du und Gea bürsten zwei Wochen lang die Tiere ab! Wie wäre das?«
»Ziegendreck«, stieß Roswith augenrollend aus und die blonde Gea schlug die Hände vors Gesicht ob dieser Aussicht auf so viel Pferdeschweiß.
Doch war es keine wirkliche Drohung: Denn Freie schlug man nicht, im Gegensatz zu Hörigen und Sklaven.
»Schluss mit den Faxen«, sagte Arnulf schließlich. »Ihr seid im besten Heiratsalter, da muss man sich benehmen!«
»Gewiss, Vater.« Demütig schlug Roswith die Augen nieder. »Wir wollten Euch eigentlich um etwas bitten. Geht Ihr mit uns nach Bardovyk am Südufer? Der königliche Statthalter Graf Ekbert hält Hochzeit! Sie machen ein großes Fest mit Musik und Gauklern und Schauspiel!«
Mit zusammengekniffenen Augen sah Arnulf nach Süden, über den träge dahinfließenden blaugrauen Strom und auf Wald und Buschwerk am anderen Ufer – ganz so, als könne man den königlichen Stapelplatz Bardovyk von hier aus sehen. Aber der lag reichlich sechs, sieben Meilen südlich des Elbufers am Flüsschen Ilmenau.
»Du weißt, Roswith, dass Graf Ekbert uns die Pest an den Hals wünscht? Der Handel auf unserem Markt, das ist Handel, der auf seinem Stapelplatz nicht stattfindet … meinst du, seine Leute flechten uns Kränze, wenn wir da auftauchen?«
»Eben dies sagte ich ihr, Herr!«, sagte Brun ruhig und gesetzt, ohne unterwürfig zu klingen. Seine linke Augenhöhle sah an Arnulf vorbei, eine Folge des Mordanschlags ehedem, auch klebte der linke Arm aus demselben Grund ungelenk am Körper. Dass Arnulfs Gattin Erika »dasselbe« sage, schob er noch hinterher, und für einen Augenblick glaubte Arnulf, ein Lächeln in Bruns Mundwinkeln zu entdecken; das konnte freilich eine Täuschung sein, denn Brun zeigte selten eine tiefere Bewegung der Seele. Eben dies, diese stille Würde, beeindruckte Arnulf insgeheim – er selbst war von Zeit zu Zeit für einen rauchenden Ausbruch gut, obwohl er dem fünfzigsten Lebensjahr näher war als dem vierzigsten.
»Vater, bitte!« Roswith gab nicht auf. »Habt Ihr nicht neulich gesagt, dass Ihr Euch einmal mit Graf Ekbert zusammensetzen müsstet?«
»Hab ich das?«
»Ja, und das Fest wäre doch eine sehr gute Gelegenheit dafür!«
Arnulfs Tochter hatte die Fähigkeit, sich scheinbar belanglose Dinge zu merken, und sie dann zur rechten Zeit auszupacken: Ganz wie ihre Mutter! Arnulf zuckte mit den Schultern und murmelte, dass man darüber noch reden könne – später, freilich. Dann drückte er den Mädchen zwei Silberstücke in die Hand. »Damit könnt ihr euch bei Elias ein paar Verschönerungen kaufen. Und verspottet keinen mehr, klar? Sonst vermähl’ ich euch mit schrumpligen Awaren hinten im tiefsten Bayernland!«
Die Mädchen nahmen das Silber wie einen Trostpreis entgegen. Dann fiel Arnulf noch etwas ein. »Brun! Da waren Dänenschiffe auf dem Fluss! Habt Ihr irgendwas gesehen?«
»Dänen? Holsten, sage ich!«, sagte Brun mit einem Unterton. »Der Mann am Steuer, im ersten Schiff – bei Wodan, der sah aus wie Wolfger!«
Er spuckte aus und schritt den Mädchen hinterher.
Einer von Arthurs Leuten, ein schlanker Bursche um die zwanzig mit schulterlangen Zöpfen und kleinen Goldkugeln an den Bartenden, riskierte die Frage: Ob Brun mit Wolfger den gleichnamigen Führer der Holsten meinte?
»Genau«, nickte Arnulf. »Der Bode der Holsten! Der Mann, der Bruns Familie ermordet hat.«
Der Frager schwieg verlegen, während Arnulf wiederum auf den Fluss hinaussah, der so scheinbar friedlich und träge der fernen See entgegenzog. Zwei hellgraue Reiher mit weißen Hälsen kamen aus dem Schilfdickicht weiter flussabwärts und stießen auf Beutefische im seichten Wasser nieder. Dunkelgrau gefiederte Gänse wiederum trieben in der Flussmitte, wo sie immer wieder kurz unter der Wasseroberfläche verschwanden. Später am Tag, spätestens am nächsten Morgen würde der Adler wiederkommen, wusste Arnulf. Dann würden die Vögel den Schutz des Schilfs suchen, um nicht in die Fänge des Ar3 zu geraten. Arnulf mochte diesen Adler, beschloss er mit einem letzten Blick auf die Windungen des Stroms im Westen, dann schloss er sich wieder mit kräftigen Schritten den anderen Männern auf ihrem Weg zur Burg an.
* * *
Erika stand mit einem schlaksigen Jüngling und zwei aufgeregt flüsternden Mägden vor der Kapelle, die man in den östlichen Wall der Burg hineingebaut hatte. Mit dünnen Armen gestikulierend rief der junge Mann zwei Arbeitern mit nacktem Oberkörper etwas zu, die auf dem Dach der Kapelle zugange waren. Die beiden schauten ab und zu fragend herunter, wischten sich Schweiß von der Stirn und ruckelten mehr oder weniger stark am schweren Metallkörper, um ihn in die Aufhängung einzufügen.
»Die muss frei schwingen, Leute, ohne Berührung!«, rief Grimbald und fügte für seine Mutter etwas weniger laut hinzu: »Den vollen Klang haben wir nur, wenn nichts den Glockenkörper berührt!« Seine großen, dunklen Augen sprühten Zuversicht und sie wollte es glauben. Ihr jüngerer Sohn spielte schließlich die Leier und Flöte und wusste, wie Klang entstand. Die alte Aufhängung im Dachgebälk, an einem Querbalken, war kein Erfolg gewesen. Ein Missionspriester hatte sie einige Wochen zuvor ermutigt, einen besseren Platz zu finden: Gott kann lauter rufen! Dabei sendete das kostbare Stück wohl den einzigen bronzenen Gottesruf nördlich der Elbe aus. Dank Erikas Hartnäckigkeit war Arnulfs Schiffsführer Heden vor dem Osterfest mit drei Seglern und einer Handvoll Krieger solange an der Küste nach Westen gefahren, bis sie in der Bischofssiedlung Bremun4 fündig geworden waren. Die Glocke hatte ein halbes Vermögen gekostet – das Arnulf andernfalls für Waffen oder Pferde ausgegeben hätte.
Schon ertönten die ersten, vollen Schläge: um wie viel lauter als zuvor! Überall auf dem Burghof wendeten die Leute die Köpfe, Christen wie Heiden. Hühner krähten aufgeregt, Kinder staunten und die massigen Jagdhunde Arnulfs bellten laut in Richtung des Klangs, als melde sich da ein neuer Rivale. Auf den Wehrgängen jubelten ein paar der schuppengepanzerten Wächter Erika und Grimbald zu. Manche bekreuzigten sich und andere riefen etwas, das allerdings mehr nach Schlachtfeld als nach Kirche klang.