Kitabı oku: «Wir Seezigeuner (Abenteuer-Klassiker)»
Robert Kraft
Wir Seezigeuner
(Abenteuer-Klassiker)
Erlebnisse des Steuermanns Richard Jansen aus Danzig

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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-7583-618-2
Inhaltsverzeichnis
I. Band.
II. Band.
III. Band.
IV. Band.
V. Band.
I. Band.
Inhaltsverzeichnis
In welcher Gestalt sich mir mein Schicksal nahte.
Wie ich in eine fremde Welt hineinspringe.
Wie ich speiste und mir dann etwas nicht gefallen ließ.
Die Doppelgängerin, und was ich über Lady Blodwen erfuhr.
Prüfungen, Und wie die Sache kitzlig wird.
Eine Gespenstergeschichte, und was ich im Geisterturm erlebte.
Vorbereitungen und Abreise.
Kapitän Algots.
Das rätselhafte Wrack, und wie wir auf demselben den Klabautermann finden.
Eine kleine Seeschlacht, und was für Entdeckungen wir machten.
Leben an Bord.
Senorita Mercedes Calioni, und wie sie auf dem Seile tanzt.
Häuptling Kididimo und wie Karlemann mit ihm ›Snob‹ macht.
Ich bekomme die Wahrheit zu hören und glaube sie nicht.
Ein geheimnisvoller Besuch, und wie ich selbst zum Sklavenhändler werde.
Das verschwundene Wrack, und wie ich einen Schädel rasiere.
Die Mannschaft des ›Knipperdolling‹.
Die Leuchtturminsel, und wie Karlemann eine neue Triebkraft erfindet.
Bittere Offenkundigkeiten und ein süßes Geheimnis.
Eine Verhaftungsgeschichte.
Wie mein Schiffsarzt und noch manches andere flöten geht.
Es geht noch viel mehr futsch.
Gegenüber dem Nichts.
In Karlemanns Reich.
Was für eine ungeheuerliche Behauptung Karlemann Aufstellt.
Ich werde von Karlemann noch mehr eingeweiht.
Wie ich Missgeburten und anderes sammle.
Auf der Rückfahrt. – Einiges über Goliath und Hans.
Was Doktor Selo hinterlassen hat.
Wieder auf der Leuchtturminsel. – Der Fischmensch.
IN WELCHER GESTALT SICH MIR MEIN SCHICKSAL NAHTE.
Inhaltsverzeichnis
Es war am 10. Mai des Jahres 1859, ein wunderschöner Sonntagmorgen und gerade mein vierundzwanzigster Geburtstag, als ich aus Leibeskräften immer um einen großen Eichbaum herumrannte, der in der Nähe von Leytenstone, einer weiteren Vorstadt Londons, einsam auf einer blumigen Wiese stand.
Nicht etwa, daß ich dies zur körperlichen Erholung oder Uebung tat, auch handelte es sich nicht um eine Wette, noch weniger wollte ich auf diese Weise meinen Geburtstag feiern – sondern hinter mir her war ein wild gewordener Ochse oder vielmehr ein Stier, den ich in seiner Ehre gekränkt hatte, und der mich nun durchaus auf seine Hörner spießen wollte.
Während ich so, was mich meine langen Beine tragen, um den dicken Baum herumlaufe, einen Meter hinter mir immer das verrückte Vieh mit den gefährlichen Hörnern auf dem Kopfe, gestatte ich mir, mich vorzustellen. Damals freilich dachte ich an alles andere als an solch eine Vorstellung.
Richard Jansen aus Danzig, von Beruf Seemann, seit zwei Jahren Steuermann. Daß ich damals, als ich immer um den Baum herumrannte, gerade vierundzwanzig Jahre alt war, habe ich bereits gesagt.
Alt? Vierundzwanzig Jahre jung! – so muß es heißen, wenn man dies mit ergrauten Haaren schreibt.
Sonst will ich von mir nur noch erwähnen, daß ich, als man mich einmal unter den Meßapparat der holländischen Fremdenlegion stellte, zwangsweise, 1 Meter 94 Zentimeter maß, mit etwas hohen Stiefelhacken erreichte ich genau die Höhe von 2 Metern, trug ich einen Zylinder, so ging ich durch keine Tür, dabei war ich so eine Art von langbeinigem Windhund mit eingedrückten Weichen, und meine respektablen Schlenkerbeine kamen mir damals, als der wilde Stier hinter mir her war, außerordentlich zustatten.
Meine letzte Reise hatte ich als zweiter Steuermann auf einem englischen Dampfer nach Valparaiso gemacht. Nach anderthalb Jahren kamen wir zurück, die Besatzung wurde in London abgemustert. Ich erhielt rund hundert Pfund Sterling ausgezahlt.
Na, ich war noch jung – ach, noch so jung! – und ein Kopfhänger bin ich nie gewesen. Und nun das langweilige Leben mit Pökelfleisch und blau angelaufenem Salzspeck und steinharten Erbsen und wurmzernagtem Hartbrot! Anderthalb Jahre lang! Und der Seemann hat überhaupt ein ganz besonderes Blut in seinen Adern und ganz besondere Ansichten über den schnöden Mammon! Und wenn er kein Geld mehr hat, sucht er sich einfach eine andere Heuer und ist an Bord wieder wohlversorgt.
Hundert Goldfüchse in der Tasche! Hei, wie die brannten! Lordmayor, was kostet dein London? Also nun man los! Natürlich immer per Equipage, immer aus einem Tingeltangel ins andere und den geschminkten Weibsbildern Champagner eingetrichtert!
Gott sei Dank, es währte nicht einmal ganze acht Tage, so hatte die liebe Seele wieder Ruhe. Der schnöde Mammon war glücklich totgeschlagen. Jetzt also in das Heuerbureau einer Schiffsgesellschaft gegangen, Papiere vorgelegt – jawohl, mit Kußhänden, sogar gleich die Stelle eines ersten Steuermanns, zum ersten Male – zehn Pfund im Monat, ach, war ich glücklich! – Da bricht in London der große Dockstreik aus, die im Hafen liegenden Schiffe werden nicht gelöscht und nicht befrachtet, natürlich gehen keine Schiffe mehr ab, und alles ist vorbei!
Jetzt schnell zu einem Heuerbas, dort Boardingmaster genannt, der mich auf Papiere, Kleidersack und auf mein ehrliches Gesicht hin in Kost und Logis nimmt, bis ich eine Heuer gefunden habe, die Schulden mit der Advancenote, d. h., mit der als Vorschuß gezahlten Heuer einiger Monate, deckend.
Wenn man damals geahnt hätte, daß dieser Streik der Londoner Dockarbeiter – die deutschen Arbeiter nannten das damals noch ›Stricke‹ – so lange währen und alle englischen Häfen in Mitleidenschaft ziehen würde, so hätte kein Heuerbas einen stellenlosen Seemann auf Risiko aufgenommen. Na, Ausnahmen gibt es ja schließlich immer, und mit mir hatte die Fatje Mine auch schon eine Ausnahme gemacht, hatte ich bei der doch schon manche Fünfpfundnote wechseln lassen, ohne einen Penny wieder herauszubekommen, hatte ich bei der doch schon manchmal tief in der Kreide gesessen, als Matrose noch, und meine Schulden immer ehrlich bezahlt. Aber wenn ich selbst geahnt, daß der Streit so lange dauerte, so hätte ich doch die paar Schillinge aufgetrieben und wäre als vollausgerüsteter Seemann schleunigst nach Holland gefahren.
So blieben alle Seeleute in London, und ich begab mich nach dem Westindia-Dock zur Fatje Mine, die mich mit offenen Armen aufnahm und gleich ans Kap der guten Hoffnung, wie wir ihren gewaltigen Busen bezeichneten, drückte. Sie hatte noch einen Mann, der war der eigentliche Boardingmaster, aber seine Frau, die Fatje Mine, eine überdicke Holländerin von ungefähr 125 Kilo, schon über das mittlere Alter hinaus, hatte die Hosen an und war die Seele des Seelenverkäufergeschäftes.
Und nach sechs Wochen hatte sie mich denn auch wie noch manch anderen braven Seemann mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele samt Kleidersack in der Tasche. Denn natürlich hatten wir doch unsere Papiere und Sachen abgeben müssen. Und was soll denn ein Matrose ohne Papiere und Zeug anfangen? Und in meinem Kleidersack befand sich auch noch der kostbare Sextant, ohne welches Instrument der Steuermann aufhört, ein Steuermann zu sein. Und von Hause hatte ich keinen Pfennig zu erwarten. Also konnte ich gar nicht mehr fort, jetzt hieß es warten, bis … bis in die Puppen, bis in London wieder die Seefahrerei losging.
Nun, man ist bei den Heuerbasen stets gut aufgehoben, mögen sie auch samt und sonders Seelenverkäufer sein. Ehe diese abgeschafft werden können, müssen erst andere Einrichtungen getroffen sein daß, der stellenlose Steuermann Kredit erhält. Wir hatten jeder ein gutes Bett, bekamen gut und reichlich zu essen, und ich besonders hatte nicht zu klagen; denn ich hatte bei der Fatje Mine von jeher einen großen Stein im Brett gehabt, und wenn ich sie einmal allein erwischen konnte, in der Küche oder noch besser im dunklen Keller, am allerliebsten aber in der Speisekammer, so schlang ich meinen Arm um ihre dralle Taille und drückte ihr einen Kuß auf; das nahm sie durchaus nicht übel, im Gegenteil, dafür schmierte sie mir die Butter etwas dicker aufs Brot, legte auf die obere Schnitte noch extra eine Schinkenscheibe, steckte mir einmal eine Buttel Bier zu, eine Handvoll Tabak, den sie erst ihrem Alten aus dem Knasterkasten stibitzte – die anderen Logierer hatten nicht etwa solche Vorteile, da gab es nichts bei der Fatje Mine.

Nur Geld bekam ich nicht von ihr. Anpumpen ließ sie sich nicht. Die Fatje Mine war selber auf jeden roten Penny versessen wie der Teufel auf jede Seele. Ich versprach ihr sogar, sie nach dem Tode des Alten zu heiraten, meinetwegen noch eher, ich, ihr zwei Meter langes Herzblättchen – allein auch das zog nicht. Und in derselben Geldklemme befanden sich natürlich auch meine Maate, und es wimmelte doch in der Nachbarschaft von Bierhäusern, und trotzdem litten wir an ewigem Durst.
Zuerst hatten wir uns ja zu helfen gewußt, jeder hatte doch irgend etwas Versetzbares bei sich gehabt. Ich für meinen Teil hatte zuerst meine silberne Uhr zu Samuel Cohn getragen; dann war die goldene Nadel darangekommen, die ein seidenes Halstuch zusammenhielt; dann dieses Halstuch selbst, dann eine Meerschaumpfeife; dann zuletzt sogar mein Taschenmesser. Jetzt war mir von meinen früheren Besitztümern nur noch in der rechten Westentasche ein silberner Zahnstocher geblieben, den mir auf der vorletzten Reise eine schwarze Hotelköchin in Kapstadt als Andenken ihrer unwandelbaren Liebe geschenkt hatte. Samuel Cohn hatte mir beim zufälligen Anblick desselben sofort einen Penny dafür geboten, war bis zu drei Pence in die Höhe gegangen, allein ich … ich … nicht gerade, daß ich mit besonderer Zärtlichkeit an die schmalzduftende Köchin aus dem Mohrenlande gedacht hätte … es widerstrebte mir eben, auch noch mein letztes Besitztum zu veräußern; was nützten mir denn jetzt noch drei Pence, und ein silberner Zahnstocher ist doch etwas Schönes, es macht doch immer einen gewissen Eindruck von Wohlhabenheit, wenn man sich mit solch einem silbernen Dinge in den Zähnen herumstochert – kurz, ich war eben trotz der Einflüsterungen aller Teufel nicht zu bewegen, ihn in Bier umzusetzen.
Eines Abends stehe ich in der Cablestreet unter einer Laterne und philosophiere über die Nichtigkeit dieses Daseins, da … »Hallo, Stürmann!!« … da ist’s der Ernst, ein deutscher Matrose, mit dem ich die vorletzte Reise zusammen gemacht hatte, ebenfalls noch als Matrose, wenn auch schon im Besitze des Steuermannspatentes.
Ist mit der ›Anna Colmann‹ von Australien gekommen, heute abend abgemustert worden, hat die ganze Tasche voll Geld.
Herrgott im Himmel, wurde das eine Sauferei! Man verzeihe den Ausdruck, aber anders läßt es sich nicht bezeichnen.
Wie gewöhnlich an Land weckte mich das erste Morgengrauen. Tatsache war, daß ich in meinem Bett lag. Aber fragt mich nur nicht, wie ich hineingekommen war. Keine Ahnung! Doch Kopfschmerzen und solche Schwachheiten gab’s bei mir nicht. Auch sonst war alles in Ordnung, meine Sachen lagen sauber zusammengefaltet auf dem Stuhle.
Alles um mich herum schnarchte noch. Wenn ich einmal wach bin, duldet es mich nicht mehr in der Koje. Also mit gleichen Füßen heraus, angezogen, aus der Küche ein Waschbecken geholt und in den Hof an die Plumpe gegangen.
Als ich das Waschbecken zurücktrug, war in der Küche schon Mary, das Faktotum des Hauses, eine Jungfrau von etlichen dreißig Jahren, seit einem Jahrzehnt schon verlobt mit einem Werftschreiber, der gleichfalls in diesem Boardinghause wohnte. Die diesem Verlobungsverhältnisse nach und nach entsprießenden Kinder gab Mary irgendwo anders zum Aufheben. Aber sonst war es ein gutes Mädchen.
»Na, da gratuliere ich dir schönstens zum Geburtstage, und laß dir’s immer recht gut gehen.«
Mit diesen Worten reichte sie mir ihre rote, aufgesprungene Hand.
Was, Geburtstag? War denn heute der zehnte?
»Jawohl, weißt du denn gar nicht mehr, was du gestern abend alles zusammengeschwatzt hast? Von der Sonne und von Maikäfern und von Blumen. Und dann hast du den Kopf auf den Tisch gelegt und wie ein kleines Kind geheult. Du wolltest doch heute in die Country hinaus. Da habe ich dir schon Kragen und Vorhemdchen und Schlips zurechtgelegt, heute ist doch Sonntag, und dort steht dein Frühstück.«
Eine dunkle Erinnerung überkam mich. In halb bewußtlosem Zustande hatte ich, wie es so manchmal geht, gestern abend gewußt, daß heute mein Geburtstag sei, hatte eine unbändige Sehnsucht nach Sonnenschein und blumigen Wiesen gehabt, die mich zwischen Häusern manchmal überfällt, und hatte mit Ernst für heute früh einen Ausflug in die Umgegend verabredet.
»Aber auf Ernsten brauchst du nicht zu rechnen, der war wie ein Sack, und Geld hat er auch keins mehr, er hat noch Schulden gemacht, und überhaupt, das ist ja gar keine Gesellschaft für dich. Na hier, weil heute dein Geburtstag ist.«
Und sie gab mir erst ein Päckchen Tabak – und dann noch zwei Schillinge.
Mir stieg es ganz heiß zum Herzen empor.
»Mary, du bist ein Engel – nein, du bist ein gutes Mädchen – wenn du nicht schon verlobt wärst… «
Und ich zog sie an meine Brust, zog sie hintern Ofen, ich küßte sie, ich tat, was ich konnte. Ihr Bräutigam schlief ja noch – und dann band ich ihres Bräutigams Vorhemdchen, Kragen und Schlips um, und während ich den dickbelegten Butterschnitten zusprach, wichste Mary meine Stiefel, was sonst jeder selbst tun mußte. Aber heute war mein Geburtstag.
Nach Leytenstone sollte ich gehen. Das sei die nächste grüne Umgebung, welche man ohne Eisen- und Pferdebahn, die Sonntags so früh noch nicht gingen, erreichen könne. Den Weg hatte mir Mary schon gestern abend beschrieben, sie tat es noch einmal. Die Beschreibung war einfach genug: immer geradeaus.
Ich war sauber abgebürstet, machte in dem blauen Anzuge mit den Trichterhosen einen ganz manierlichen Eindruck. Daß Ernst nicht zum Aufstehen zu bewegen war, davon hatte ich mich bereits überzeugt.
»Na, da adjüs, Dick,« sagte Mary. »Zum Mittagessen kannst du wieder dasein, und bringe mir ein paar Blumen von der Wiese mit.«
»Die ganzen Taschen voll,« versetzte ich und machte mich, den qualmenden Kalkstummel zwischen den Zähnen, die Hände in den Hosentaschen, auf den Weg.
Es ging den letzten Rest der Cablestreet entlang, dann durch Whitechapel Road, dann kam Bow, das alte, ursprüngliche London, dann das klassische Stratford.
Hier machte ich einmal Halt. Unterdessen war es neun geworden, die Bierhäuser machten für zwei Stunden auf, ich zog mir eine Flasche Baß Ale zu Gemüte, wo einem hinterher die Kohlensäure so schön aufsteigt.
Dann ging es weiter durch Leyton, und dann kam Leytenstone. Das letzte Haus dieser Vorstadt ist die altberühmte Wirtschaft ›the green man‹, wo ich mir eine zweite Flasche Baß Ale zu Gemüte zog.
Und dann, gleich dahinter, begann die englische ›Country‹ in ihrer ganzen Lieblichkeit. Im üppigsten Graswuchs prangende Wiesen, durchsetzt von niedrigem Gestrüpp, und mit einzelnen, mächtigen Eichen bestanden, zum Schutze der weidenden Kühe gegen Sonne und Regen vom einstigen Walde stehen gelassen oder angepflanzt – das ist rings um London der Charakter der englischen Landschaft.
Und im blauen Aether jubilierten die Lerchen.
Ach, Lerchenschlag und blumige Wiesen! Das war’s, wovon ich an Bord auf einsamer Nachtwache manchmal träumte. Ich langer Lümmel war trotz aller Lasterhaftigkeit überhaupt etwas sentimental veranlagt. Zu meiner Entschuldigung diene, daß ich das Gymnasium bis zur Obersekunda besucht hatte. Wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, so wäre ich Pastor geworden.
Eine halbe Stunde war ich so spaziert, als ich mich nach einem Ruheplätzchen umschaute. Eine mächtige Eiche, die etwa hundert Schritte vom Wege ab auf der Wiese stand, dünkte mir am geeignetsten dazu. Weiter abseits zog sich eine lange, hohe Mauer hin, jedenfalls eine Meierei umschließend.
Es mochte ja verboten sein, die Wiesen zu betreten; aber was machte ich mir aus so etwas! Es trampelten doch auch Kühe darauf herum.
Zwischen mir und der Eiche graste eine kleine Herde, und mir fiel sofort ein prachtvolles, schneeweißes Exemplar auf, mit gewaltigen Hörnern. Das war jedenfalls der Leitstier, der seinen Harem überwachte.
Leser, war ich damals nicht ein glücklicher Mensch?
Dieser schneeweiße Ochse sollte es sein, der meinem Leben eine ganz andere Wendung gab, der mich zum Freibeuter und Piraten machte, der mich von Stufe zu Stufe sinken ließ, bis zum steckbrieflich verfolgten Raubmörder herab!
Und ich hatte dem Ochsen doch gar nichts getan.
WIE ICH IN EINE FREMDE WELT HINEINSPRINGE.
Inhaltsverzeichnis
Also um nach jenem Baume zu kommen, mußte ich an der Herde vorüber. Furcht vor Rindern kannte ich nicht. Ich bin mit Kühen und Ochsen zusammen aufgewachsen, hatte aber noch niemals einen wildgewordenen Stier zu sehen bekommen und kannte dergleichen nur vom Hörensagen.
Eben wegen meiner früheren Bekanntschaft interessierte ich mich für Kühe. Außerdem hatte ich überhaupt stets für schöne Formen ein empfängliches Auge – und nicht nur für menschlichweibliche Formen.
Wirklich, dieser weiße Stier war ein Staatsexemplar. Ich blieb in der Nähe stehen, um mir den herrlichen Gliederbau näher zu betrachten.
Ach, wäre ich doch nicht stehen geblieben!
Die Tiere wendeten die Köpfe nach mir, schnaubten. Eine Kuh brüllte, eine zweite brüllte. Der Stier, immer starr nach mir blickend, peitschte die Lenden mit dem Schweif. Es war ein böser Blick, mit dem er mich betrachtete.
»Na na, mein liebes Tierchen,« sagte ich freundlich, »ich will dir doch keine Konkurrenz machen …«
Ja, hatte sich was! Es war ein englischer Ochse, der kein Deutsch verstand. Oder er hielt mich eben für einen Nebenbuhler und hörte in seiner Eifersucht überhaupt nicht.
Plötzlich nimmt das Vieh den Kopf zwischen die Vorderbeine, den Schwanz kerzengerade hinten herausgereckt und so in voller Karriere auf mich los!
Nun wußte ich, was es geschlagen hatte. Ich brauchte keine Erfahrung zu haben, um zu wissen, daß es nicht gut sei, mit solchen spitzen Korkziehern in Berührung zu kommen. Und meine einzige Bewaffnung bestand in dem silbernen Zahnstocher. So beschloß ich, die Defensive zu ergreifen, d. h., zu retirieren, mich lieber auf meine langen Beine zu verlassen.
Also schleunigst die Pfeife aus den Zähnen genommen, kehrt gemacht und – heidi! – was mich meine Beine trugen nach dem Baume gerannt, in dessen Schatten ich hatte schlummern und träumen wollen.
Daraus wurde nun natürlich nichts. Der Stier blieb mir auf den Fersen. Und leider war kein Ast so tief, daß ich ihn hätte ergreifen und mich hinaufschwingen können.
Auch die Hoffnung trog mich, daß der Stier in seiner blinden Wut sich den Kopf an dem Stamme, hinter den ich schnell gesprungen war, zerschmettern oder sich doch wenigstens mit seinen spitzen Hörnern festnageln könne. Ich wollte vorsichtig hinter dem Stamme vorlugen, hatte aber nicht viel Zeit dazu, der Stier war schon hinter mir.
Und das Karussellspiel begann. Wie lange es dauerte, weiß ich nicht. Die Rundgänge zählte ich nicht, und meine Taschenuhr war bei Samuel Cohn. Einholen tat er mich ja nicht. Dazu machte er viel zu große Bogen, während ich mich immer dicht am Stamme hielt, also einen kürzeren Weg beschrieb, und auf den genialen Gedanken, einmal schnell kehrt zu machen und mich in seine Korkzieher laufen zu lassen, kam das tolle Vieh nicht. Uebrigens war ich deshalb schon auf meiner Hut, blickte ab und zu immer einmal hinter mich, achtete auch auf das Pusten und Schnaufen.
Aber so konnte das nicht weitergehen. Um zwölf mußte ich zum Mittagessen zu Hause sein. Nachservieren gab’s bei der Fatje Mine nicht. Doch was tun? Weit und breit kein Mensch zu sehen, der mir auch wenig hätte helfen können, es müßte denn gerade ein amerikanischer Buffalo-Jäger gewesen sein.
Ich sah meine einzige Rettung in jener Mauer, welche sich etwa noch 150 Schritte entfernt befand.
Wenn ich um den Baum herumgaloppierte, daß sie mir gerade vor die Augen kam, musterte ich sie recht genau.
Sie war offenbar viel zu hoch, als daß ich ihren Rand im Sprunge mit den Händen erreichen konnte. Außerdem hatte ich eine höllische Angst vor Glasscherben, mit denen ich einmal als Junge eine böse Erfahrung gemacht. Aber dort, etwas seitwärts, wurde sie durch ein Stückchen Bretterzaun unterbrochen, der bedeutend niedriger war.
Mein Entschluß war gefaßt. Entweder – oder. Jetzt kam es darauf an, wer schneller war, ich oder der Ochse. In solchen Fällen, wenn es ums Leben geht, darf man seine Person zuerst nennen.
Zuerst die Pfeife, welche durch den Luftzug noch immer brannte, ausgedrückt, damit ich sie in die Tasche stecken konnte, weil ich dann doch meine beiden Hände brauchte, und nun los, für Gott, König und Vaterland!!
Ohne Zweifel war das Vieh schneller als ich. Glücklicherweise aber war mein Verfolger über die Aenderung meiner Taktik verdutzt, er blieb stehen, was ich ganz deutlich merkte, blickte mir nach – schon hoffte ich, meinen Schritt mäßigen zu können, als sich der Ochse abermals in Karriere setzte, mir nach. Es hatte nur einiger Zeit bedurft, ehe sein gehörntes Ochsengehirn meinen neuen Rückzugsplan begriffen.
Trotzdem sah ich mich bereits gerettet. Ich hatte durch das Simulieren meines Feindes einen guten Vorsprung gewonnen und schlenkerte meine Spazierhölzer mächtig. Nun rief ich bloß noch den heiligen Petrus als den Schutzpatron aller Wasserratten an, daß er dort oben auf dem Zaune keine Nägel habe wachsen lassen, oder sie möchten doch wenigstens so weit auseinanderstehen, daß ich unverletzt dazwischengreifen könnte, auch für meine unschuldigen Hosen stehte ich zum Schutzpatron um gütige Rücksicht empor — und dann hing ich oben und schwang mich hinauf.
Dem heiligen Petrus sei Dank – überhaupt keine Nägel! Und dann stand ich drüben auf der anderen Seite.
Was ich nun beschreibe, war für mich nur eine Vision, hatte ich zum Anblick doch auch nur wenige Sekunden Zeit. Aber einmal habe ich ein sehr gutes Auge, und dann ist wohl bekannt, daß sich gerade bei solchen visionsartigen Zuständen dem Gedächtnis alles außerordentlich scharf einprägt. Noch heute sehe ich alles und fast jede einzelne Person deutlich vor mir.
Es war ein parkähnlicher Garten, in dem ich mich befand; zwischen den Bäumen schimmerten in der Ferne weiße Häuser, und auf dem Kieswege, dicht vor mir, bewegte sich ein seltsamer Zug.
Ja, war ich denn durch den Sprung über die Bretterwand plötzlich in die klassischen Zeiten des alten Rom oder Griechenland versetzt worden? Ich entschied mich für Rom, noch vor Christi Geburt.
Vornweg schritten feierlich zwei Männer, mit langen Lanzen bewaffnet, bekleidet mit der weißen Toga, welche von einem silbernen Gürtel zusammengehalten wurde, an den nackten Füßen Sandalen, das lange, schwarze Haar aus der Stirn von einem silbernen Reif zurückgehalten. Diesen Lanzenträgern folgten sechs andere Männer, noch sehr jung, ausgesucht schöne Jünglinge, ganz ebenso nach römischem Muster gekleidet, aber anstatt der Lanzen in den Händen Saiteninstrumente, Flöten und Zimbeln, auf denen sie eine alte, schwermütige Weise spielten.
Hierauf kamen vier Römer, welche eine offene Sänfte trugen, und diese ward noch von sechs römischen Rittern begleitet, ausgerüstet mit stählernem Schuppenpanzer und Beinschienen, das Haupt mit einem phantastischen Helm bedeckt, die Unterschenkel aber bis auf die Sandalen nackt; diese waren mit kurzen, breiten Schwertern bewaffnet, welche sie entblößt in der Hand hielten.

Ihnen schlossen sich noch eine ganze Menge von römischen Jungfrauen an, alle mit der weißen Tunika bekleidet, das Haar in der bekannten römischen Weise aufgesteckt, reichgeschmückt mit Ketten, Reifen und anderem Zierrat. Jede hatte in beiden Händen etwas zu tragen, meist zierliche Kästchen, die Toilettengegenstände einer reichen Römerin enthaltend, andere wiederum trugen silberne Tafeln und Teller, auf denen Weintrauben, Birnen, Feigen, Granatäpfel und andere Früchte lagen, welche hier nur aus dem Treibhause stammen konnten.
Ich hatte einmal ein berühmtes Gemälde gesehen: Reiche Römerin auf dem Wege zum Bade – hier war dieses tote Bild zur lebendigen Wirklichkeit geworden. Ganz genau dasselbe.
Nun fehlt noch die Hauptperson, eben die nach dem Bade getragene römische Herrin.
Auf der offenen Sänfte stand ein goldener oder doch vergoldeter Thronsessel, und auf diesem saß ein Mädel – (ich schreibe absichtlich so, wie ich mich damals ausdrückte). – Sie mochte vielleicht zwanzig Jahre alt sein, ihre Gestalt wurde von dem weiten Gewande unkenntlich gemacht, welches sich von dem der Dienerinnen nur dadurch unterschied, daß es aus einem feineren Stoff und mit einem Purpursaum eingefaßt war – ganz genau wie auf jenem Bilde – auch trug sie um die Stirn ein goldenes, reich mit Juwelen besetztes Band. Es war ein römischer Tituskopf, freilich ein solcher von rotblonden Locken, welche in der Sonne Funken sprühten, und auch sonst hatte die Dame, wie ich nun doch lieber sagen will, wenig Aehnlichkeit mit einer Römerin. Das war eine Engländerin oder doch eine echte Germanin. Sonst ein seltsames Gesicht, das der jungen Dame! Wäre es ein Mann gewesen, so hatte man von weibischen oder mädchenhaften Zügen gesprochen. Da es aber einem Weibe angehörte, so war es ein hübsches, trotziges Knabengesicht.
Man sieht, ich hatte die wenigen Sekunden, die mir zum Studium der ganzen Szene blieben, ausgiebig benutzt. Das lag eben in der ganzen Situation, auch kam mir die Erinnerung an jenes Bild zu Hilfe.
Aber noch ist eine andere Hauptperson zu erwähnen: Die feine, reichberingte Hand der jungen, römischen Herrin spielte mit den gelben Kopfhaaren eines ausgewachsenen, mächtigen Löwen, oder vielmehr einer Löwin, welche würdevoll neben der Sänfte einherschritt, fessellos, ohne Maulkorb – der sicherste Schutz für den, dem es gelungen war, die Wildheit des furchtbaren Raubtieres für sich selbst in Treue zu verwandeln.
So bewegte sich die Prozession feierlich an der Mauer entlang.
Da kam ich über die Bretterwand voltigiert. Ich kann nur sagen, daß die Menschen gar nicht recht dazukamen, über mein unerwartetes Erscheinen zu staunen – ich hatte mit dem ersten Blick alles umfaßt, der Zug dagegen geriet gar nicht ins Stocken, obgleich alles mich wie ein Phantom anstarrte – da plötzlich donnerte, krachte und prasselte es hinter mir, verschwunden war die Bretterwand, und aus der Staubwolke tauchte die weiße Gestalt des riesigen Ochsen auf.
Der hatte nicht nötig gehabt, die Bretterwand erst zu übersteigen. Nun ein einziges Stutzen, dann wieder den behörnten Kopf zwischen die Vorderbeine genommen und von neuem mit einem dumpfen Brüllen der Wut drauf los!
Unbeschreiblich ist die Szene, die sich jetzt abspielte. Es währte ja alles nur einen einzigen Augenblick. Und dennoch erinnere ich mich jeder Einzelheit noch ganz deutlich.
Ein wilder Stier! Dieser Gedanke genügte. Die vordersten beiden Römer ließen die Lanzen fallen und flohen dem nächsten Gebäude zu. Die römischen Spielleute schleuderten Harfen, Flöten und Zimbeln von sich und folgten. Die römischen Schwertträger schlossen sich ihnen gleichfalls an, und wen das Schwert beim Laufen hinderte, der warf es weg. Die Jungfrauen hatten natürlich erst recht ihre Kästchen und die Schalen mit dem ganzen Gemüse fallen lassen, rafften ihre langen Gewänder hoch und liefen, was sie laufen konnten.
Und der Löwe? Der machte mir den meisten Spaß. Er mochte schon wissen, daß mit einem wildgewordenen Stier schlecht Kirschenessen ist, oder es war ein angeborener Instinkt, wie ja auch in der Wildnis der Löwe dem Kafferbüffel ängstlich aus dem Wege geht – kurz, auch mein Löwe kniff den Schwanz ein und jagte wie ein Hase über die Blumenbeete davon.
Die Träger hatten die Sänfte gleich fallen lassen, um ihr Heil in schleuniger Flucht zu suchen, und das sollte für die Dame bös werden.
So unsanft plötzlich auf den Boden gesetzt, war sie mit dem Thronsessel umgestürzt, raffte sich schnell wieder auf, aber sie stand mit den Füßen auf dem schleppenden Gewande, hatte sich darin verwickelt, konnte keinen Schritt tun, und so stand sie etwas zusammengeduckt da, die Hände erhoben, um sie vor die Augen zu schlagen, damit sie den Tod nicht sehe, der dort in Gestalt eines wütenden Stieres auf sie zugerast kam, aber zu dieser Bewegung schon nicht mehr fähig, vor Entsetzen zur Statue erstarrt.
Denn der Stier hatte von seinem zuerst erspähten Opfer, von mir, abgelassen, jetzt reizte die weiße Gestalt seine Wut, er stürmte gegen sie an, im nächsten Augenblick mußte er seine spitzen Hörner in ihren Leib gebohrt haben, dann sie in die Lüfte schleudernd …
Wie alles geschah, wußte ich später nicht mehr. Mit einem Male stand ich zwischen der Dame und dem Stier, eine der weggeworfenen Lanzen in der Hand – und dessen entsinne ich mich noch deutlich, daß ich ganz klar dachte: das ist Eschenholz, das Ding ist besser als mein silberner Zahnstocher — und dann hatte ich die Stahlspitze dem Stier vorn in die Brust gerannt.