Kitabı oku: «Die silbernen Schlangen (Bd. 2)»

Yazı tipi:

Roshani Chokshi

Die silbernene Schlangen

Aus dem amerikanischen Englisch von Hanna Christine Fliedner und Jennifer Michalski


Für Nicolas Cage, die Muse, mit der ich nicht gerechnet habe.

O Faust, leg das verfluchte Buch beiseite,

Sieh nicht hinein, ’s versucht dir deine Seele

Und häuft des Herren schweren Zorn auf dich.

Christopher Marlowe – Doktor Faustus

Prolog

Dreizehn Jahre zuvor …

Die Matriarchin des Hauses Kore umfasste das Weihnachtsgeschenk in ihrem Arm noch ein wenig fester. Das fein gearbeitete Miniaturtheater verfügte über farbenfroh bemalte Schauspieler und winzige Requisiten – Schwerter, Umhänge, ein Karussell, das sich drehte –, und einen roten Samtvorhang, den man mittels einer klitzekleinen Seilwinde öffnen und schließen konnte. Séverin würde begeistert sein. Die Idee dazu war ihr gekommen, nachdem sie in der Woche zuvor mit ihm im Theater gewesen war. Jeder andere Sechsjährige hätte das Geschehen auf der Bühne verfolgt, doch der kleine Séverin hatte unablässig das Publikum beobachtet.

»Du verpasst das ganze Spektakel, mein Schatz«, hatte sie ihn sanft ermahnt.

Woraufhin Séverin mit großen violetten Augen zu ihr aufgesehen hatte. »Meinst du?«

Danach ließ sie ihn in Ruhe schauen, und hinterher erzählte er hellauf entzückt, wie sich die Gesichter der Zuschauer verändert hatten, wenn auf der Bühne etwas passiert war. Einerseits schien ihm die Magie der Aufführung völlig entgangen zu sein. Andererseits hatte er sie möglicherweise vollständig durchschaut.

Die Matriarchin lächelte in sich hinein, als sie die Stufen des Landsitzes von Haus Vanth erklomm, dessen Fenster anlässlich der Winterversammlung einladend leuchteten. Obwohl die Versammlung stets an einem anderen Ort stattfand – dieses Jahr im kalten Schatten der Alpen an der Rhône –, hatte sich der Ablauf seit Jahrhunderten nicht verändert. Jedes Haus des Ordens von Babel brachte neue, ungezeichnete Schmiedekunstschätze aus den Kolonien mit, um sie bei der Mitternachtsauktion zu versteigern. Für viele der Häuser war es eine Herausforderung, zugleich aber auch ein Zeichen ihrer Macht und ihres Wohlstands, nicht nur eigene Schätze beisteuern, sondern ebenso neue ersteigern zu können. Alle Häuser hatten mindestens ein gesondertes Interessengebiet, einige unter ihnen verfügten allerdings über genügend Ressourcen, um mehreren Vorlieben zu frönen.

Das besondere Augenmerk des Hauses Kore lag auf dem Gebiet der Botanik, doch nicht ausschließlich. Die Kammern und Truhen ihres illustren Hauses waren gefüllt mit ebenso vielen Schätzen verschiedenster Art, wie es Sprachen auf der Welt gab. Andere Ordensfraktionen, wie Haus Dažbog in Russland, bezogen nur wenige herkömmliche Reichtümer aus ihren Kolonien, und so hatten sie sich stattdessen auf den Handel mit Schriftstücken und Geheimnissen spezialisiert.

So unterschiedlich die teilnehmenden Häuser auch waren, Sinn und Zweck der Winterversammlung blieb stets derselbe: den Eid zu erneuern, die westliche Zivilisation mit ihren Errungenschaften, vor allem aber die Babelfragmente, zu schützen, und so die göttliche Kunst des Schmiedens zu bewahren.

Allen hehren Zielen zum Trotz handelte es sich jedoch im Grunde um ein gigantisches Fest.

Das Anwesen des Hauses Vanth badete im Licht der frühen Wintersonne. Aus den Schornsteinen quoll Rauch und schlich katzenartig über das Dach. Die Matriarchin sah die Festlichkeiten bereits vor sich: Zimtstangen in Kelchen voll Glühwein, Gebinde aus Tannenzweigen und künstliche Schneeflocken, geschmiedet, um wie eingefangene Sterne zu funkeln … und zwischen alledem: Séverin. Ein entzückendes Kerlchen, ernsthaft und aufgeweckt. Das Kind, das sie sich für sich selbst gewünscht hätte.

Sie strich sich mit der Hand über den flachen Bauch. Manchmal wurde sie sich der Leere in ihrem eigenen Körper nur allzu bewusst. Doch dann fiel ihr Blick auf den Babelring an ihrem Finger und sie reckte das Kinn. Macht besaß einen feinen Sinn für Ironie, dachte sie. Die ureigene Macht der Frauen, die Freuden der Geburt zu erleben, war ihr versagt geblieben. Die Macht allerdings, die ihr aufgrund ihrer Geburt als Frau hätte versagt bleiben müssen, war ihr gewährt worden. Noch immer war ihre Familie empört darüber, wie ausgerechnet sie es geschafft hatte, die Matriarchin von Haus Kore zu werden.

Es musste ihnen ja nicht gefallen.

Sie mussten sich bloß fügen.

Zu beiden Seiten der schmiedeeisernen Eingangstür thronte je eine große, mit tropfenden Kerzen geschmückte Tanne. Auf der obersten Stufe der Freitreppe grüßte sie der Haushofmeister von Vanth.

»Willkommen, Madame, bitte erlauben Sie mir.« Er nahm ihr das Geschenk ab.

»Seien Sie ja vorsichtig«, ermahnte ihn die Matriarchin.

Sie lockerte die Schultern. Seltsamerweise fehlte ihr nun das Gewicht des Pakets. Für einen Moment hatte es sie daran erinnert, wie es sich anfühlte, Séverin zu tragen. Schläfrig hatte er sich mit seinem warmen Körper an sie geschmiegt, als sie ihn im Anschluss an den Theaterbesuch nach Hause gebracht hatte.

»Madame, verzeihen Sie.« Der Haushofmeister verzog bedauernd das Gesicht. »Ich möchte Sie nicht von den Feierlichkeiten fernhalten, aber … sie … ähem, wünscht, mit Ihnen zu sprechen.«

Sie.

Die Tanne zu ihrer Linken raschelte, als eine Frau dahinter hervortrat.

»Lassen Sie uns allein«, befahl die Frau dem Haushofmeister.

Sofort tat er wie geheißen. Die Matriarchin empfand eine widerstrebende Bewunderung für diese Dame, die weder Macht noch Status im Hause Vanth besaß und doch darin herrschte. Lucien Montagnet-Alarie hatte sie von einer archäologischen Exkursion in Algerien mitgebracht und sechs Monate später hatte sie ihm den gemeinsamen Sohn geschenkt: Séverin.

Es gab viele Frauen, die man wie sie mit dem Kind eines weißen Mannes im Bauch in ein fremdes Land verfrachtet hatte. Sie galten weder als Ehefrauen noch als Mätressen, sondern wandelten wie exotische Geister an den Rändern der Gesellschaft. Doch nie zuvor war der Matriarchin eine Person mit derartigen Augen untergekommen. Séverin mochte als Franzose durchgehen, die Augen aber hatte er von seiner Mutter: düster und violett, wie ein in Rauch gehüllter Abendhimmel.

Der Orden von Babel interessierte sich für Séverins Mutter genauso wenig wie für die haitianische Mutter des Erben von Haus Nyx. Dennoch hatte die Algerierin etwas Besonderes an sich. Das konnte daran liegen, dass sie sich nicht um Gepflogenheiten scherte und sich in ihre absurden Tuniken und Tücher hüllte. Oder an den Gerüchten, die sich um sie rankten. Angeblich besaß sie Kräfte jenseits der bekannten Schmiedegaben. Man erzählte sich, der Patriarch des Hauses Vanth habe sie in einer verwunschenen Höhle gefunden, eine Erscheinung mit unergründlichen Augen, aufgetaucht wie aus dem Nichts.

Geheimnisumwoben.

»Woher nehmen Sie das Recht, mir so aufzulauern?«

Kahina ging nicht darauf ein.

»Sie haben ihm etwas mitgebracht«, sagte sie.

Keine Frage, sondern eine Feststellung.

»Und?«

Ein Anflug von Schuldgefühlen durchzuckte die Matriarchin, als sie den Blick der anderen auffing: Hunger. Hunger nach allem, wozu sie als Matriarchin in der Lage war und was Kahina selbst versagt blieb. Kahina hatte die Macht besessen, Séverin zur Welt zu bringen, doch ihn ihren Sohn zu nennen, wurde ihr nicht gestattet.

Macht besaß Sinn für Ironie.

»Warum haben Sie dieses Geschenk gewählt?«

Die Frage brachte die Matriarchin des Hauses Kore aus dem Konzept. War das denn wichtig? Sie hatte schlicht und einfach gedacht, es würde ihm gefallen. Sie sah ihn schon vor sich, wie er hinter dem Miniaturtheater hockte und die Puppen bewegte, den Blick nicht auf die Bühne, sondern auf das imaginäre Publikum gerichtet.

Er hatte ein Gespür für Zusammenhänge und dafür, was in anderen Menschen Staunen hervorrief. Vielleicht würde einmal ein Künstler aus ihm.

»Lieben Sie ihn?«, fragte Kahina weiter.

»Wie bitte?«

»Lieben Sie meinen Sohn?«

Meinen Sohn. Die Worte waren wie ein Schlag ins Gesicht. Die Matriarchin konnte mit Séverin ins Theater gehen und ihn mit Geschenken überhäufen, so viel sie wollte – er gehörte nicht zu ihr. Für ihr Herz machte das jedoch keinen Unterschied.

»Ja«, antwortete sie.

Kahina nickte. Sie schien sich für etwas zu wappnen. Schließlich sagte sie: »Wenn das so ist … bitte … versprechen Sie mir, ihn zu beschützen.«

Teil I

Aus den Archiven des Ordens von Babel

Großmeister Boris Gorjunow, Haus Dažbog der russischen Fraktion

Im Jahre 1871, unter der Herrschaft des Zaren Alexander II.

Am heutigen Tage nahm ich meine Männer mit zum Baikalsee. Wir warteten dort bis nach Einbruch der Dunkelheit. Die Soldaten waren nervös, sprachen von ruhelosen Geistern im Wasser, doch sie sind von schlichtem Gemüt und ließen sich vermutlich zu sehr von den Berichten über Mädchen beeindrucken, die panisch um ihr Leben schrien. Möglicherweise wurden die Einheimischen mittels Geistschmiedekunst in Angst und Schrecken versetzt. Ich stellte einige Nachforschungen an, fand jedoch nichts. Pflichtschuldig habe ich nun beim Orden Verstärkung angefordert, doch bezweifle ich, dass wir etwas entdecken werden. Persönlich vernahm ich keine Todesschreie junger Mädchen, was bedeutet, dass sie entweder niemals zu hören waren oder dass inzwischen jede Hilfe zu spät kommt.

Séverin
Noch zwei Wochen bis zur Winterversammlung …

Séverin Montagnet-Alarie ließ den Blick über das Terrain schweifen, das einst der Garten der Sieben Sünden gewesen war. Seltene, namhafte Pflanzen hatten früher den Boden bedeckt: Aureum mit milchigen Blättern und Chrysanthemum parthenium von hellem Gelbgrün, knochenfarbene Hyazinthen und nachtblühende Fackeldisteln. Und doch waren es die Rosen gewesen, die sein Bruder Tristan am meisten geliebt hatte. Sie waren zuerst gepflanzt worden, und er hatte sie gehegt und gepflegt, bis sie mit ihren tiefroten Blütenblättern und dem betörenden Geruch aussahen und rochen wie der Inbegriff von Sünde.

Jetzt, gegen Ende Dezember, wirkten die Gärten kahl und trostlos. Séverin atmete tief ein, beißende Kälte drang in seine Lunge.

Der Wohlgeruch der Blumen war fast verflogen.

Er hätte natürlich sein Faktotum bitten können, einen Gärtner mit einer Schmiedegabe für Pflanzen zu engagieren. Jemanden, der die Anlage wieder in ihrer ganzen Pracht erstrahlen ließ. Aber er wollte keinen Gärtner. Er wollte Tristan.

Doch Tristan war tot und der Garten der Sieben Sünden war mit ihm gestorben.

An seiner Stelle befanden sich dort nun Hunderte geschmiedeter Illusionsteiche. Die spiegelglatten Oberflächen zeigten Bilder von Wüstenlandschaften oder, sofern sich der Abend bereits über das Anwesen senkte, den Himmel bei Dämmerung. Die Gäste des L’Éden waren von dieser Kunstform äußerst angetan. Sie wussten nicht, dass es Séverins Reue war, die ihn dazu veranlasst hatte – nicht sein Sinn für Ästhetik. Wenn er in die Teiche blickte, wollte er nicht sein eigenes Gesicht darin reflektiert sehen.

»Monsieur?«

Séverin wandte sich um. Eine seiner Wachen kam auf ihn zu.

»Ist alles vorbereitet?«, fragte er.

»Ja, Monsieur. Wir haben den Raum exakt so hergerichtet, wie Sie es verlangt haben. Ihr … Gast … befindet sich nun im Dienstzimmer neben den Stallungen.«

»Und haben wir auch Tee für unseren Gast?«

»Oui.«

»Très bien.«

Séverin atmete tief ein und zog die Nase kraus. Sie hatten die Rosenstöcke an den Wurzeln herausgezogen, sie verbrannt und den Boden versalzen. Trotzdem nahm er jetzt, Monate später, immer noch den Phantomgeruch von Rosen wahr.

SÉVERIN STEUERTE AUF ein kleines Gebäude in der Nähe der Pferdeställe zu. Er berührte das alte Taschenmesser von Tristan, das in seiner Sakkotasche steckte. Ganz gleich, wie oft er die Klinge auch säuberte, er bildete sich nach wie vor ein, die zarten Vogelfedern und Knochensplitter zu fühlen, die es vorher besudelt hatten. Erinnerungen an Tristans Gräueltaten. Der Beweis für seinen Hang zur Gewalt, den sein Bruder so sorgfältig vor ihnen verborgen hatte.

Manchmal wünschte Séverin, er hätte es nie erfahren. Er hätte Laila nicht aufsuchen dürfen. Dabei hatte er sie doch nur von dem irrsinnigen Schwur entbinden wollen, mit dem sie sich selbst dazu zwang, ihn als Mätresse zur Winterversammlung zu begleiten.

Aber er hatte sie nicht angetroffen. Stattdessen fand er Briefe an Tristan und daneben seine Gärtnertasche – von der Laila behauptet hatte, sie wäre verschwunden.

Liebster Tristan, ich dachte, ich würde dir einen Gefallen damit tun, keine Gegenstände von dir zu lesen. Nun aber frage ich mich jeden Tag, ob ich die dunkle Seite in dir früher hätte bemerken können. Vielleicht hättest du dich dann nicht an den armen Vögelchen vergangen. Ich lese alles in der Klinge. Das Töten. Deine Tränen. Auch wenn ich dich nicht in jeder Hinsicht verstanden habe, so habe ich dich doch von Herzen lieb. Bitte vergib mir …

Schon davor hatte Séverin gewusst, dass er sein Versprechen Tristan gegenüber nicht gehalten hatte: Er hatte nicht auf ihn aufgepasst. Doch erst anhand der Briefe erkannte er, wie sehr er tatsächlich versagt hatte. Danach dachte er fortwährend an seine Versäumnisse. Wenn Tristan geweint hatte, war er gegangen, um ihm seinen Freiraum zu lassen. Wenn Tristan wütend ins Gewächshaus gestürmt und tagelang nicht mehr herausgekommen war, hatte er ihn nicht gestört. Er hätte ihm nachlaufen müssen. Stattdessen hatte er ihn einfach seinen Dämonen überlassen.

Beim Lesen der Briefe sah er nicht nur Tristan mit dem todesstarren Blick vor sich, sondern auch die Mienen der anderen, von Enrique, Zofia, Hypnos. Und von Laila. Den glanzlosen Ausdruck in ihren Augen, den der Tod dort hinterlassen hatte. Ein Tod, für den er verantwortlich war, weil er nicht auf sie aufgepasst hatte. Weil er nicht gewusst hatte, wie.

Laila hatte ihn schließlich in ihrem Zimmer erwischt. Er erinnerte sich nicht an jedes einzelne ihrer Worte, aber an die letzten: »Du kannst nicht alle vor allem beschützen. Du bist auch nur ein Mensch, Séverin.«

Er hatte die Augen geschlossen, die Hand schon auf dem Türknauf. Dann muss sich das ändern.

SÉVERIN BETRACHTETE SICH als so etwas wie einen Künstler auf dem Gebiet des Verhörs.

Es kam auf die Kleinigkeiten an und die mussten mehr nach Zufall als nach Kalkül aussehen. Der wackelige Stuhl. Der widerlich süße Blumenduft. Die zu Beginn dargereichten versalzenen Köstlichkeiten. Und das Licht. Es wurde von versteckten Glasscherben reflektiert und warf überall blendend helle Tupfer an Decke und Wände, sodass man nicht anders konnte, als seine Aufmerksamkeit auf den Holztisch zu richten, auf dem soeben warmer, duftender Tee serviert worden war.

»Sitzen Sie bequem?«, fragte Séverin und nahm dem Mann gegenüber Platz.

Der zuckte zusammen. »Ja.«

Séverin lächelte und schenkte sich Tee ein. Der Mann vor ihm war dünn und blass und hatte einen gehetzten Ausdruck in den Augen. Er musterte den Tee misstrauisch. Séverin trank einen großen Schluck.

»Darf ich Ihnen auch etwas anbieten?«

Der Mann zögerte, dann nickte er.

»Warum … warum bin ich hier? Sind Sie …« Er senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Gehören Sie zum Orden von Babel?«

»Gewissermaßen.«

Einige Monate nachdem sie bei Haus Kore eingebrochen waren, hatte der Orden Séverin und die anderen damit beauftragt, nach dem verlorenen Schatz des Gefallenen Hauses zu suchen. Angeblich sollte er an einem Ort versteckt sein, den man den Schlafenden Palast nannte. Doch niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, wo dieser sich befand. Sollten sie erfolgreich sein, dürfte Séverin im Gegenzug die Kostbarkeiten als Erster genauer untersuchen – ein Privileg, das sonst nur Ordensmitgliedern vorbehalten war. Im Grunde wäre er ja auch längst einer von ihnen geworden, wenn der Wunsch danach nicht verloschen wäre. Nach alledem, was mit Tristan geschehen war.

Der Orden behauptete, er wolle den Schatz in seinen Besitz bringen, um dem Gefallenen Haus auch den letzten Rest Macht zu rauben, aber Séverin wusste es besser. Die Mitglieder des Gefallenen Hauses hatten ihre Karten offengelegt. Sie waren Schlangen, die lange Schatten warfen. Ohne ihre Reichtümer würden sie zwar deutlich schwächer dastehen, das war jedoch nicht der Hauptbeweggrund des Ordens. Die ganze Sache war viel simpler. Durch die Kolonien besaßen die Häuser Kostbarkeiten im Überfluss: Es gab Kautschuk im Kongo, Silber in der Mine von Potosí, Gewürze in Asien. Die verlorenen Wunder aber, die das Gefallene Haus gehortet hatte, stellten eine weitaus größere Verlockung dar. Die Ordensmitglieder würden sich wie die Wölfe darauf stürzen. Deswegen musste er schneller sein. Ihm ging es jedoch nicht um Gold oder Silber. Was er suchte, war wesentlich wertvoller: Die Göttliche Lyrik.

Es war ein Schatz, dessen Fehlen der Orden überhaupt nicht bemerken würde, da er schon seit langer Zeit nicht mehr auffindbar war. Überlieferungen des Ordens zufolge war es mithilfe des Buches möglich, die Babelfragmente zusammenzufügen, daher kannte man es auch unter dem Namen Die Göttliche Fügung. Waren die Fragmente einmal vereinigt, konnte man den Turm von Babel wiedererrichten und so zu göttlicher Macht gelangen. Diesen Plan hatte das Gefallene Haus vor fünfzig Jahren verfolgt und war dafür aus dem Orden ausgestoßen worden. Das Buch galt als verschollen.

Bis Roux-Joubert sich verplappert hatte.

Nach dem Kampf in den Katakomben hatten sich diejenigen Mitglieder des Gefallenen Hauses, die sie noch erwischt hatten, als nutzlose Informationsquellen erwiesen. Nicht nur hatte sich jeder Einzelne von ihnen das Leben genommen. Sie hatten sich auch ihre Gesichter und die Fingerspitzen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Nur Roux-Joubert hatte es nicht geschafft. Nach dem Mord an Tristan hatte er auf seiner Suizidtablette bloß herumgekaut, statt sie zu schlucken. Und so waren seine Geheimnisse nicht mit ihm ins Grab gewandert. Über mehrere Wochen hinweg war er eines langsamen Todes gestorben und hatte im Wahn zu reden begonnen.

»Der Papa vom Doktor ist ein böser Mensch«, sagte er und lachte hysterisch. »Sie, Monsieur, wissen natürlich alles über böse Väter. Sie haben bestimmt Mitleid … oh, wie gemein er doch ist … lässt den Doktor einfach nicht in den Schlafenden Palast … aber das Buch ist dort, es wartet auf ihn. Er wird es finden. Er wird uns das Leben nach dem Tod schenken …«

Er? Die Ungewissheit darüber, wer das letzte Oberhaupt des Gefallenen Hauses gewesen war, quälte Séverin. Es gab keinerlei Aufzeichnungen über ihn. Und obwohl die Ordensmitglieder enttäuscht waren, weil der Schlafende Palast nicht aufzufinden war, so beruhigte es sie doch, dass es dem Gefallenen Haus ebenfalls nicht gelungen war.

Nur er und Hypnos, der Patriarch von Haus Nyx, hatten nicht aufgegeben, hatten jede Niederschrift, jeden Bericht zweimal gelesen und nach jeder noch so kleinen Ungereimtheit gesucht – was sie schließlich zu dem Mann geführt hatte, der Séverin jetzt gegenübersaß. Ein alter, runzeliger Herr, der sich lange Zeit hatte versteckt halten können.

»Ich habe meine Schuldigkeit doch schon getan«, sagte dieser nun. »Ich war nicht einmal Mitglied des Gefallenen Hauses, nur einer der vielen Rechtsberater. Und ich habe dem Orden bereits gesagt, dass sie mir damals, als man sie stürzte, irgendeinen Trank verabreicht haben. Ich kann mich an keines ihrer Geheimnisse erinnern. Warum bringen Sie mich hierher? Ich besitze keine wertvollen Informationen.«

Séverin stellte seine Teetasse ab. »Ich bin überzeugt, dass Sie mich zum Schlafenden Palast führen können.«

Der Mann setzte einen höhnischen Gesichtsausdruck auf. »Den hat schon ewig niemand mehr gesehen, genau genommen seit …«

»Fünfzig Jahren. Ist mir bekannt«, sagte Séverin. »Soviel ich weiß, ist er gut versteckt. Aber wie mir meine Spitzel berichteten, hat das Gefallene Haus ein spezielles Paar Linsen hergestellt. Eine Tezcat-Brille, um genau zu sein. Sie soll den Standort des Schlafenden Palasts mitsamt seinen verlockenden Schätzen preisgeben.« Séverin lächelte. »Nun ja, jedenfalls haben sie diese Brille einer Person anvertraut, die offenbar gar nicht weiß, was sie da hütet.«

Der Mann starrte ihn mit offenem Mund an.

»W-woher …« Er konnte gerade noch an sich halten und räusperte sich. »Dabei handelt es sich bloß um ein Gerücht. Und ganz sicher befindet sich diese Tezcat-Brille nicht in meinem Besitz. Ich weiß nichts darüber, Monsieur. Das schwöre ich Ihnen bei meinem Leben.«

»Unkluge Wortwahl«, entgegnete Séverin.

Er holte Tristans Taschenmesser hervor und strich über die eingravierten Initialen: T.M.A. Tristan hatte damals keinen Nachnamen und so hatte Séverin den seinen mit ihm geteilt. Unten auf dem Messer war ein Uroboros abgebildet, eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz biss. Einst war sie das Symbol von Haus Vanth gewesen – dem Haus, dessen Patriarch er hätte werden können, wenn alles nach Plan verlaufen wäre. Wenn sein Traum vom Erbe nicht den Tod der Person verschuldet hätte, die ihm auf der Welt am liebsten war. Jetzt stand das Symbol für das, was er ändern wollte.

Selbst wenn sie Die Göttliche Lyrik fanden, würde es nicht reichen, um die anderen zu beschützen. Sie würden bis an ihr Lebensende eine Zielscheibe auf ihrer Brust tragen, und das konnte er nicht zulassen. Deswegen klammerte Séverin sich inzwischen an einen neuen Traum. Er träumte von der Nacht in den Katakomben, als Roux-Joubert sein Gesicht mit goldenem Blut beschmiert hatte, vom Gefühl seiner Wirbelsäule, die sich dehnte, um Platz für Flügel zu schaffen. Er träumte von dem Druck der Hörner, die ihm aus der Stirn sprossen und sich nach hinten bogen, von den glatten Spitzen, die seine Ohren streiften.

Wir könnten zu Göttern werden.

Genau das versprach Die Göttliche Lyrik. Wenn er das Buch besäße, könnte er sich in einen Gott verwandeln. Götter kannten keinen menschlichen Schmerz. Verluste und Schuldgefühle Sterblicher waren ihnen fremd. Und sie verfügten über die Macht der Wiederauferstehung. Er würde seine neuen Kräfte mit den anderen teilen, sie unbesiegbar machen, sie für immer beschützen. Und wenn sie ihn schließlich verließen, wie es von Anfang an ihr Plan gewesen war, würde er nichts fühlen müssen.

Denn dann wäre er kein Mensch mehr.

»Wollen Sie mich damit erstechen?«, fragte der Mann, deutete auf das Messer und stieß sich vom Tisch ab. »Wie alt sind Sie, Monsieur? Um die zwanzig? Denken Sie nicht, Sie sind noch ein bisschen zu jung, um Blut an Ihren Händen kleben zu haben?«

»Ich glaube, dem Blut ist mein Alter egal«, sagte Séverin und klappte die Klinge wieder ein. »Erstechen werde ich Sie trotzdem nicht. Welchen Sinn hätte das, wo ich Sie doch schon vergiftet habe?«

Der Blick des Mannes glitt zu der Teekanne. Über seinen Augenbrauen bildeten sich Schweißtröpfchen. »Sie lügen. Wäre der Tee vergiftet, hätten Sie sich selbst auch vergiftet.«

»Mit ziemlicher Sicherheit«, sagte Séverin. »Aber das Gift war ja nicht im Tee. Ihre Porzellantasse war damit versetzt. Also …« Er zog ein durchsichtiges Fläschchen aus der Tasche und stellte es auf den Tisch. »Hier ist das Gegengift. Gibt es wirklich nichts, was Sie mir gern sagen möchten?«

ZWEI STUNDEN SPÄTER verschloss Séverin einige Briefe mit Siegelwachs. Einen würde er sofort auf den Weg schicken, die anderen erst in zwei Tagen. Kurz zögerte er, doch dann riss er sich zusammen. Schließlich tat er es für sie. Für seine Freunde. Je mehr Rücksicht er auf ihre Gefühle nahm, desto härter würde seine Aufgabe werden. Und so bemühte er sich, nichts zu fühlen.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
30 temmuz 2024
Hacim:
436 s. 11 illüstrasyon
ISBN:
9783038801276
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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