Kitabı oku: «Seewölfe - Piraten der Weltmeere 153»
Impressum
© 1976/2015 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
ISBN: 978-3-95439-477-7
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
1.
Gegen Mittag entwickelte der handige Nordwest bösartige Schärfe.
Wolkenbänke schoben sich über die Kimm, die See wurde fast schwarz. Philip Hasard Killigrew betrachtete die langen weißen Schaumstreifen und zog die Brauen zusammen, bis sie nur noch von einer steilen Falte über der Nasenwurzel getrennt wurden.
„Das kommt ja ganz schön dick, was?“ fragte Ben Brighton, der Bootsmann und erste Offizier der „Isabella“.
„Noch dicker“, brummte Hasard. Der Wind zerrte an seinem schwarzen Haar und ließ Luvwanten und Pardunen wie zu straff gespannte Saiten vibrieren. Die ranke Galeone mit den überlangen Masten segelte raumschots durch den Kanal, auf dem Weg von Plymouth zur Themse-Mündung. Länger als ein halbes Jahrzehnt waren die Seewölfe nicht mehr in ihrer Heimat gewesen. Jetzt hatten sie endlich wieder Merry Old England erreicht, hatten die „Bloody Mary“ in Plymouth auseinandergenommen und die Perücke des dicken Nathaniel Plymson schwimmen lassen – und auch schon gemerkt, daß die Schätze der „Isabella“, die Ausbeute ihrer tollkühnen Raids rund um die Welt, geradezu magisch Galgenvögel, Halsabschneider und alles mögliche Gesindel anzog.
„Gei auf Marssegel! Fier weg Großsegel und Blinde!“
Hasards Stimme übertönte mühelos das Orgeln des Sturms. Zu viele Segel würden sie jetzt nur in Schwierigkeiten bringen, falls der Wind umsprang. Pete Ballie stand am Ruder, die ankerklüsengroßen Fäuste um die Speichen des Rads gelegt, und hielt eisern Kurs. Auf der Kuhl lüftete Ed Carberry seine Decksmannen an und drohte, ihnen eigenhändig die Haut in Streifen von einem gewissen edlen Körperteil zu ziehen. Aber das tat er immer. Solange der Profos fluchte, Old O’Flynn Geister sah und der Schiffszimmermann den baldigen Untergang wegen der Bohrwürmer prophezeite, war auf der „Isabella VIII.“ die Welt in Ordnung.
Philip und Hasard, die siebenjährigen Zwillinge, kauerten einträchtig neben dem Kombüsenschott und teilten sich die Reste einer Kokosnuß mit dem Schimpansen Arwenack.
Mit dieser Koskosnuß hatte es eine besondere Bewandtnis: sie war nämlich nicht einfach aufgeschlagen worden, sondern sozusagen als Kriegswaffe zu Bruch gegangen. Als die wilde Horde des Banditenführers Patrick „Red Fox“ Killarney über die „Isabella“ hergefallen war, hatten sich auch die beiden Jungen ein bißchen an dem Kampf beteiligt. Ihr Großvater, der alte O’Flynn, hatte ihnen vorher erklärt, daß gleich die Fetzen fliegen würden und sie sich gefälligst gefechtsmäßig zu benehmen hätten. Womit er meinte, daß sie unter Deck bleiben und nicht einmal eine Nasenspitze zeigen sollten. Und hinterher war dann beim besten Willen nicht mehr herauszufinden gewesen, ob Philip und Hasard das absichtlich mißverstanden oder ob die Erwachsenen sich tatsächlich so unklar ausgedrückt hatten.
Die Zwillinge jedenfalls legten das „gefechtsmäßige Benehmen“ so aus, daß sie sich mit einem Haufen von Kokosnüssen ausrüsteten und die Dinger durch das Kombüsenschott den Feinden an die Köpfe warfen.
Den Köpfen war das gar nicht gut bekommen. Einigen Kokosnüssen auch nicht. Die letzten Bruchstücke verhalfen eben jetzt den Zwillingen und dem Schimpansen zu einem Festmahl, und sie fanden gerade noch Zeit, die Schalen außenbords zu feuern, bevor Big Old Shane sie mit seiner Donnerstimme unter Deck scheuchte.
Der Seewolf ließ Manntaue spannen und die Luken verschalken.
Auch unter Fock und Besan lief die „Isabella“ jetzt eine Höllenfahrt. Der Nordwest wurde böig, so richtig biestig, überkommende Seen gurgelten über das Backbordschanzkleid, klatschten auf die Kuhl und liefen brodelnd und zischend durch die Speigatten ab. Dan O’Flynn hangelte sich über den Niedergang zum Achterkastell hoch und blieb keuchend neben Hasard und Ben Brighton stehen.
„Wäre vielleicht besser, uns in eine geschützte Bucht zu verholen!“ schrie der junge Mann über das immer heftigere Toben der Elemente hinweg.
„Ganz meine Meinung. Backbord voraus müßte jetzt jeden Moment das Hatchet-Cliff auftauchen. In der Bucht dahinter sind wir sicher wie in Abrahams Schoß.“
„Aye, aye! Ich entere mal in den Großmars. Wenn wir Glück haben, können wir die Einfahrt mit halbem Wind anliegen.“
Der Seewolf nickte nur.
Bei diesem Windchen war es keine Kleinigkeit, in den Ausguck zu entern, aber Dan O’Flynn wußte, was er tat. Er hatte immer noch die schärfsten Augen der Crew. Daran würde sich wohl auch so schnell nichts ändern, obwohl sich Dan sonst in jeder Beziehung gemausert hatte und überhaupt nicht mehr an das Bürschchen von früher erinnerte.
Geschickt wie eine Katze enterte er in die Wanten und schwang sich über die Segeltuchverkleidung der Plattform.
Er hatte das Spektiv mitgenommen und hakte einen Arm fest um den Mast, der sich bei jedem Wellenberg bedrohlich verneigte. Der Sturm pfiff und sauste, ein paar Männer blickten besorgt nach oben. Inzwischen bedeckten die dunklen, tiefhängenden Wolken fast den ganzen Himmel. Wie sie so dahinjagten, sah es aus, als würden sie jeden Augenblick an den Mastspitzen hängenbleiben. Dan wurde kräftig durchgerüttet. Doch nach einer Weile übertönte seine Stimme das Brausen.
„Hatchet-Cliff Backbord voraus. Genau drei Strich vorlicher als dwars!“
„Runter mit dir!“ rief Hasard. „An die Brassen! Anluven! Wir werden die Bucht mit halbem Wind anliegen!“
Die Rahen knirschten, als sie dichter geholt wurden, die „Isabella“ schwang nach Backbord herum.
Dan O’Flynn war schon vor dem Manöver abgeentert. Er hielt sich an einem der Manntaue fest und prüfte aus schmalen Augen das Rigg, das unter den Böen ächzte. Ein schwerer Brecher klatschte gegen die Bordwand, die „Isabella“ holte nach Steuerbord über – und im nächsten Moment gellte Dans Stimme über die Kuhl.
„Wahrschau! Die Rah!“
Krachend sauste die Großmarsrah mitsamt dem aufgegeiten Segel nach unten.
Stage brachen und pfiffen wie Peitschenschnüre durch die Luft. Die Männer spritzten blitzartig auseinander. Ed Carberry, Ferris Tukker und ein halbes Dutzend anderer fluchten um die Wette, und diesmal beteiligte sich sogar der immer ruhige Ben Brighton daran.
„Über Bord mit dem Zeug!“ kommandierte Hasard. Die zerbrochene Rah war ohnehin zu nichts mehr zu gebrauchen. „Himmelarsch, kappt das verdammte Fall, bevor der ganze Mast zu Bruch geht!“
Smoky und Ferris Tucker stürzten sich mit Enterbeilen auf das wirre Tauwerk, das verdächtig an der Großrah zerrte. Wieder gab es einen scharfen, peitschenartigen Knall, dann konnten die Männer die Trümmer in die Tiefe fahren lassen. Leewärts, wohlweislich. Die „Isabella“ wäre nicht das erste Schiff gewesen, das sich auf diese Weise im Sturm selbst leckgeschlagen hätte.
Minuten später konnte Hasard auch mit bloßem Auge die Klippe erkennen, die in ihrer Form tatsächlich an die Klinge einer Axt erinnerte.
Die Einfahrt der Bucht war breit genug. Hasard kannte das Gebiet und wußte, daß es keine gefährlichen Untiefen gab. Wie ein windzerzauster Schwan rauschte die „Isabella“ auf den dunklen Einschnitt zu. Fock und Besan wurden weggefiert, kaum daß sie die Einfahrt passiert hatten, und mit der letzten Fahrt lief die Galeone in die Bucht, wo sie vor dem immer wütender von Nordwesten heranheulenden Sturm geschützt war.
Der Anker faßte Grund, die „Isabella“ sackte leicht achteraus und schwoite um die Trosse. Vorsichtshalber ließ der Seewolf zusätzlich den zweiten Buganker ausbringen. Minuten später lag die Galeone tatsächlich sicher wie in Abrahams Schoß, und Ben Brighton wischte sich aufatmend den Schweiß von der Stirn.
„Möchte wissen, ob die Dons es noch vor dem Sturm bis zur Küste geschafft haben“, meinte er nachdenklich.
Hasard zuckte mit den Schultern. Die Spanier hatten ihnen Patrick „Red Fox“ Killarney auf den Hals gehetzt, den Banditenführer und ehemaligen irischen Rebellen. Immerhin bewies diese Tatsache, daß der Bursche über Kontakte zu irgendwelchen Agenten Seiner Allerkatholischsten Majestät verfügte. Die beiden spanischen Galeonen waren in die Tiefe gefahren, die Besatzungen hatten sich zum größten Teil in die Boote retten können. Und auch die Banditen, die an Bord gewesen waren – wohl um die Spanier bei dem geplanten Enterkampf zu unterstützen. Der Seewolf glaubte noch vor sich zu sehen, wie der große, knochige Mann mit dem brandroten Haarschopf im Bug eines Bootes gestanden und die Fäuste geschüttelt hatte. Was er schrie, war nicht zu verstehen gewesen, aber Hasard konnte sich denken, daß es sich um eine wüste Verwünschung gehandelt hatte.
„Mit etwas Glück dürften sie es geschafft haben“, sagte er gedehnt. Und nach einer Pause: „Dieser Rotkopf ist von der zähen Sorte. Ich werde das Gefühl nicht los, daß wir dem Burschen nicht zum letztenmal begegnet sind.“
„Madonna!“ kreischte der spanische Capitan entsetzt.
Das Tosen des Sturms übertönte seine Stimme. Die heranrollende Woge packte das quergeschlagene Boot, hob es hoch in die Luft und schleuderte es krachend auf die scharfkantige Klippe. Menschen schrien, das Bersten und Splittern der Planken mischte sich mit dem Tosen der Elemente. Die Küste war ein kompakter Schatten zwischen dem aufgewühlten Meer und den jagenden Wolken, gesäumt von der fahlen Linie des Strandes, wo gerade die ersten Überlebenden an Land wateten.
„Hart Steuerbord!“ brüllte Patrick Red Fox Killarney, der sein Boot bisher mit Geschick und Instinkt vor größerem Schaden bewahrt hatte. Er bediente die Pinne, beobachtete die Wellenberge, die den kleinen Kahn immer wieder in schwindelerregende Höhen trugen und steil abstürzen ließen, und starrte erbittert zu dem weißen, schäumenden Brandungsstreifen hinüber. Wenn sie nicht vorher einen Brecher erwischten oder querschlugen, würde es sie wohl glücklich auf den Strand werfen. Red Fox schauerte bei dem Gedanken an das zerschmetterte Boot. Zwecklos, irgendwelche Überlebenden aus der kochenden See fischen zu wollen. Sie konnten von Glück sagen, wenn sie es selbst bis zur Küste schafften.
Die verdammten Spanier hatten nicht glauben wollen, daß sich da ein Unwetter zusammenbraute. Statt sich wie die Besessenen in die Riemen zu legen, hatten sie einen gemütlichen Rundschlag gepullt, und Red Fox Killarney konnte nichts gegen die Sturheit der Offiziere ausrichten, da seine eigenen Leute in den verschiedenen Booten verteilt waren.
Jetzt hockte der Erste der „Navarre“ bleich wie ein Laken auf der Ducht und überließ dem rothaarigen Banditen das Kommando, weil er eingesehen hatte, daß der zumindest die Küstengewässer von Plymouth besser kannte.
„Brecher achteraus!“ schrie einer der Männer hysterisch.
„Pullt!“ brüllte Red Fox. „Schneller, wenn euch euer Leben lieb ist! Hool weg! Hoool weg …“
Das Donnern des Brechers verschluckte seine Worte, schäumend und kochend rauschte es unter dem Bootskiel durch. Der Kahn tanzte wie eine Nußschale unter einem Wasserfall, wurde von der nächsten Woge gepackt und emporgehoben, aber irgendwie schafften sie es auch diesmal, vor dem Wind zu bleiben und nicht quer zwischen die Wellenberge zu geraten, was unweigerlich zum Kentern geführt hätte.
Minuten später gerieten sie in den Brandungsbereich, wurden von Urgewalten gepackt und vorwärts gewirbelt. Aber sie landeten auf Sand, zerschellten nicht zwischen den Klippen, und die Männer brauchten nur noch wenige Schritte durch das kochende Wasser zu waten, um den Strand zu erreichen.
Taumelnd und stolpernd hasteten sie zu den anderen hinüber, die sich im Schutz von Klippen und dicken, rundgewaschenen Felsblöcken zusammendrängten.
Das letzte Boot schaffte es ebenfalls bis zum Strand. Der spanische Capitan, der die gesunkene „Marguerite“ befehligt hatte, war bleich wie ein Laken. Wut ließ seine Zähne knirschen und seine schwarzen Augen flackern. Er hatte den ehrgeizigen Plan gehabt, die „Isabella“ zu kapern und den legendären Seewolf gefangenzunehmen – El Lobo del Mar, wie man ihn in Spanien nannte. Jetzt ruhten die „Marguerite“ und die „Navarre“ auf dem Meeresgrund. Männer waren gestorben, die Überlebenden an der Küste des feindlichen England gestrandet. Und den Schuldigen, diesen verdammten rothaarigen Iren, durften sie nicht einmal zur Hölle schicken, weil er der einzige war, der ihnen in dieser prekären Lage noch weiterhelfen konnte.
Red Fox Killarney lehnte zusammengekauert an einer der Klippen.
Auch in seinen Augen glomm die Wut wie ein Feuer. Er begriff das einfach nicht. Schon wieder hatte er eine Niederlage einstecken müssen und nur mit Mühe und Not seine Haut gerettet. Seit er den Plan gefaßt hatte, sich die Reichtümer im Bauch der „Isabella“ unter den Nagel zu reißen, hatte es überhaupt nur Niederlagen gegeben. Zuerst der Plan, die Galeone zu überfallen, während der Seewolf mit seinen Leuten unterwegs war, um die vier Männer zu befreien, die die Banditen gefangengenommen hatten. Nicht genug damit, daß die neun Männer auf der „Isabella“ mit der zweifachen Übermacht der Banditen regelrecht Ball gespielt hatten – auch die Gefangenen hatten sich befreien können, obwohl sie eigens in ein neues Versteck gebracht worden waren. Während Red Fox mit den spanischen Agenten sprach, waren seine Leute auf die zweite Hälfte der Seewölfe gestoßen und hatten prompt die zweite vernichtende Niederlage eingesteckt. Und als Killarney erschienen war und, rasend vor Wut, Philip Hasard Killigrew zum Duell gefordert hatte, war der Banditenhäuptling so sang- und klanglos untergegangen, daß er immer noch nicht begriff, wie das hatte geschehen können.
Die Flüche des spanischen Capitans unterbrachen seine Gedanken.
Killarney biß die Zähne zusammen. Am liebsten hätte er den Kerl einfach niedergeschlagen, aber er brauchte ihn noch.
„Eure eigene Schuld, Amigo“, knurrte der Banditenhäuptling gallig. „Ich habe euch gewarnt. Ich habe euch den Rat gegeben, auf Verstärkung zu warten, um die Galeone mit mehr als nur zwei Schiffen anzugreifen …“
„Gewarnt! Gewarnt! Ist der Kerl vielleicht ein Übermensch, daß man einen ganzen Verband braucht, um ihn zu vernichten?“
„Ihr habt ihn jedenfalls unterschätzt. Ich habe euch gesagt, daß diese Männer wie die leibhaftigen Teufel kämpfen …“
Killarney ballte die Hände, weil die Bilder des Kampfes auf der „Isabella“ wieder vor seinen Augen auftauchten.
Man hatte sie abfahren lassen wie dumme Jungen und sie einfach so lange immer wieder ins Wasser befördert, bis sie hatten aufgeben müssen. Mit einer Bratpfanne waren sie verprügelt worden, mit einem Holzbein getreten, mit einer Lieknadel gepikt, als ob das alles nichts weiter als ein amüsantes Feierabend-Vergnügen gewesen wäre. Sogar ein Affe hatte mitgemischt. Dann waren da noch die beiden Jungen gewesen, die aus der Kombüse mit Kokosnüssen geworfen hatten – Zwillinge. Knirpse, die sich wie ein Ei dem anderen glichen, die das gleiche schwarze Haar und die gleichen eisblauen Augen hatten wie der Seewolf.
An dieser Stelle stockten Killarneys Gedanken.
Eine steile Falte erschien auf seiner Stirn. Er sah sich um, entdeckte den spanischen Agenten mit dem Namen Lorenzo unter den nassen, frierenden Männern und kämpfte sich schräg gegen den Wind zu ihm hinüber.
„Schöne Bescherung, die du uns da eingebrockt hast!“ begrüßte ihn der Spanier.
„Eure eigene Schuld!“ Killarney mußte schreien, um den Sturm zu übertönen. „Hör zu, Lorenzo! Könntet ihr es schaffen, mit einem Logger oder irgendeinem anderen Kahn den Verband zu erreichen, von dem dieser blöde Hund von Capitan gesprochen hat?“
Lorenzo zuckte zusammen wegen der Beleidigung seines Landsmanns. Aber im Augenblick interessierte ihn mehr, was der rothaarige Banditenhäuptling inzwischen ausgebrütet hatte. Red Fox Killarney war ein Lump, ein geldgieriger Halunke, vielleicht sogar ein Verräter an der spanischen und irischen Sache, aber er war auch clever, gerissen und ungemein hartnäckig, wenn es galt, ein einmal gestecktes Ziel zu verfolgen.
„Sicher“, erwiderte Lorenzo gedehnt. „Das ließe sich hinkriegen. Aber wie wollen wir einen Logger auftreiben? Weder ihr noch wir können uns hier an der Küste offen sehen lassen.“
Red Fox blickte aus schmalen Augen auf die kochende See hinaus. Er mußte immer noch schreien, der Sturm würde so schnell wohl auch nicht abflauen. Aber das paßte im Grunde ganz gut in Killarneys Pläne.
„Die ‚Isabella‘ hat sich bei dem Wetter garantiert in eine geschützte Bucht verholt“, sagte er. „Wenn wir uns Pferde und Wagen beschaffen, könnten wir verdammt schnell die Insel Wight erreichen. Wir haben Freunde dort. Strandräuber – Leute, die nicht viele Fragen stellen, wenn es was zu holen gibt. Und der Sturm verschafft uns einen Vorsprung.“
„Einen Vorsprung wozu?“ fragte der Spanier mit zusammengekniffenen Augen.
Killarney grinste.
„Einen Vorsprung, um eine perfekte Falle zu bauen“, sagte er. „Wir erwischen die ‚Isabella‘ doch noch! Und du und deine Freunde – ihr werdet euch rühmen können, El Lobo del Mar gefangengenommen zu haben.“
2.
Der Sturm tobte den ganzen Tag und die halbe Nacht und flaute dann so plötzlich ab, als sei ihm die Luft ausgegangen.
In der Bucht hatte er der „Isabella“ nichts anhaben können. Längst waren eine neue Großmarsrah geriggt und die restlichen Schäden behoben worden. Ferris Tucker strich wie ein grollender Geist durchs Schiff, kontrollierte jede Luke, jede Planke und jeden Augbolzen. Al Conroy, der Stückmeister, prüfte mit der gleichen Gründlichkeit den Zustand der Geschütze. Ed Carberry fluchte mal wieder das Blaue vom Himmel, aber der einzige, der wirklich Grund zum Jammern hatte, war der Kutscher, der in seiner eigenen Kombüse fast einen Salto geschlagen und dabei ein Mehlsäckchen beschädigt hatte.
Jetzt sahen Kutscher und Kombüse wie gepudert aus, und zum Schaden hatte der Koch und Feldscher der „Isabella“ natürlich auch noch den Spott, letzteren in reichem Maße. Der Profos lüftete Blacky, Smoky und Bill an, um den „verdammten Saustall“ aufzuräumen. Die Zwillinge beteiligten sich an der Aktion, und der Kutscher, gerührt ob dieses freiwilligen Einsatzes, ließ sie besonders tief in den Sack mit den getrockneten Weinbeeren greifen, was für die beiden ja auch der Sinn der Übung gewesen war.
Früh am Morgen ging die „Isabella“ ankerauf und segelte aus der Bucht.
Der Wind war kein Wind mehr, sondern höchstens ein lächerliches Säuseln, aber da er raumschots einfiel, liefen sie trotzdem Fahrt. Bill kauerte im Großmars, suchte die Kimm ab und beobachtete die grüne, hügelige Küste. Der Himmel war klar bis auf ein paar weiße Schönwetter-Wolken, die Sonne strahlte, und die starke Dünung, die der Sturm zurückgelassen hatte, glänzte wie mit großen, gleißenden Flecken von Quecksilber besät.
Bill mußte zweimal hinschauen, ehe er die Umrisse des treibenden Bootes erkannte.
Eine Nußschale von Kahn. Eher noch das Beiboot eines Fischerei-Loggers, der mit ein paar Mann Besatzung auskam. Eines Loggers, der im Sturm gekentert sein mußte, wie sich Bill klarmachte.
„Deck!“ rief er. „Boot steuerbord querab! Treibt genau auf uns zu und – verdammt, da liegt einer drin!“
„Wirst du wohl das Fluchen lassen, zum Teufel!“ schrie Carberry mit Stentorstimme.
„Ja, ver …“ Bill schluckte den Rest, weil ihm einfiel, daß er schließlich irgendwann wieder abentern mußte. „Ein Schiffbrüchiger, glaube ich“, meldete er. „Muß wohl zu einem Logger gehören, den der Sturm umgelegt hat.“
Inzwischen war das Boot auch vom Achterkastell aus zu sehen.
Hasard kniff die Augen zusammen, aber die reglose Gestalt in der Nußschale konnte er erst Minuten später erkennen. Ein Mann, der bäuchlings über der Ducht zusammengebrochen war. Die Riemen hatte er verloren. Wenn er sich tatsächlich von einem sinkenden Logger gerettet hatte, dann mußte er schon seit Stunden so treiben: zuerst in der kochenden See und jetzt in der immer noch bedrohlich steilen Dünung – bedrohlich jedenfalls für diese Nußschale, bei der es an ein Wunder grenzte, daß sie nicht längst quergeschlagen und gekentert war.
„Beiboot klarmachen!“ befahl Hasard. „Ferris, Batuti, Blacky, Luke! Backbrassen die Rahen! Wir drehen bei!“
„Könnte das ein Spanier sein?“ fragte Ben Brighton neben ihm. „Jemand von den beiden Galeonen, die wir auf Tiefe geschickt haben?“
Hasard kniff die Augen zusammen. „Glaube ich nicht! Erstens könnte er nach menschlichem Ermessen nicht mehr hier herumschwimmen, zweitens kann ich mir nicht vorstellen, daß die Spanier ein so kleines Beiboot an Bord hatten.“
„Stimmt auch wieder. Wahrscheinlich hat Bill recht – irgendein Logger, der im Sturm gekentert ist.“
Die „Isabella“ hatte an Fahrt verloren, jetzt wurden die Segel aufgegeit, die an den gegengebraßten Rahen killten. Ferris Tucker, Blacky, Luke Morgan und Batuti, der hünenhafte Gambia-Neger, schwenkten das Beiboot aus und fierten es ab, bis der Kiel aufs Wasser klatschte.
Inzwischen waren auch die Zwillinge und der Kutscher aus der Kombüse aufgetaucht. Philip und Hasard kauten mit vollen Backen. Der Kutscher hielt eine Bratpfanne in der Hand, an der noch etwas Mehl haftete – dieselbe Bratpfanne, mit der er bei dem Kampf in Plymouth um sich geschlagen hatte.
Bei diesem Kampf hatte er endlich mal so gekonnt, wie er wollte, da hatten sie jede Hand gebraucht und ihm nicht mit dem Argument kommen können, daß sich der Feldscher, der die Verwundeten zu behandeln hatte, gefälligst aus der Schußlinie heraushalten müsse. Und eine solide eiserne Bratpfanne konnte es durchaus mit jeder anderen Waffe aufnehmen. Es war schon eine Schande, daß ihm anschließend dieses Mißgeschick mit dem Mehlsack hatte passieren müssen.
Ziemlich trübsinnig sah er zu, wie das Beiboot ablegte und die Männer auf die treibende Nußschale zupullten.
Die Zwillinge enterten in die Steuerbord-Wanten, wo bereits der Schimpanse Arwenack auf einer Webleine schaukelte. Er empfing ein paar getrocknete Weinbeeren, die ihm genauso gut schmeckten, wie den beiden Jungen, was Sir John, den roten Ara-Papagei, dazu veranlaßte, ziemlich ungehalten über ihren Köpfen herumzuflattern und sie in bester Carberry-Manier als Rübenschweine und Nachkommen triefäugiger Wassermänner zu beschimpfen.
Das Beiboot der „Isabella“ hatte inzwischen den treibenden Kahn erreicht und wendete.
Luke Morgan setzte in die Nußschale über, um die Vorleine wahrzunehmen und zu belegen. Das kleinere Boot wurde in Schlepp genommen: kein Problem für Ferris Tucker und Batuti mit ihren muskelbepackten Hünengestalten. Luke Morgan kauerte auf der Ducht und hob vorsichtig den Kopf des Mannes an. Bewußtlos war der Schiffbrüchige nicht. Er stöhnte leise, seine Augen flackerten. Unverständliche Laute drangen über seine Lippen, und Luke klopfte ihm beruhigend auf den Rücken.
„Ist ja schon gut, Junge! Gleich hast du’s überstanden. Ein verdammter Don bist du nicht, eh?“
Wieder bestand die Antwort aus unverständlichen Lauten. Aber es waren immerhin englisch klingende Laute, und auch Luke Morgan begrub den Verdacht, daß es sich bei dem Mann um einen Überlebenden von der „Marguerite“ oder der „Navarre“ handeln könne.
Einen Unterschied hätte es ohnehin nicht bedeutet.
Die Seewölfe kämpften für ihr Land, aber sie kämpften nicht gegen Wehrlose oder Gegner, die sich bereits ergeben hatten. Wenn ein Mensch in Not war und Hilfe brauchte, spielte es keine Rolle, ob er Engländer, Spanier oder was auch immer war. Und inzwischen gab es schon so manchen „verdammten Don“, der die Gerüchte über die angeblich so blutrünstigen Seewölfe nicht mehr glaubte, weil er es besser wußte.
Minuten später wurde der Schiffbrüchige mitsamt seinem kleinen Boot an Bord genommen.
Schlaff sank er auf die Planken, völlig erschöpft, mit geschlossenen Augen, und niemand zweifelte daran, daß er am Ende seiner Kraft war.
Die Spanier von „Marguerite“ und „Navarre“ und die englischen Banditen kampierten in einem Waldstück in Höhe der Insel Wight.
Lorenzo und Ernesto, den Agenten Seiner Allerkatholischsten Majestät, war es gelungen, auch die beiden Kapitäne von Red Fox Killarneys Plan zu überzeugen. Pferde und Wagen, von einem Bauern für spanische Golddublonen erworben, wurden gegen Boote und Kleidungsstücke eingetauscht – gebrauchte Kleidungsstücke, die keinerlei Anspruch auf Eleganz erheben konnten. Aber auch die spanischen Offiziere hatten eingesehen, daß sie sowenig wie möglich auffallen durften. Und jetzt, in ausgefransten Kniehosen, verwaschenen Hemden und einfachen Wämsern, sahen sie überhaupt nicht mehr vornehm aus, sondern wie ganz normale Menschen.
Für die erfahrenen Seeleute war es trotz der steilen Dünung kein Problem, mit den kleinen Booten nach Wight überzusetzen.
Red Fox übernahm die Führung und lotste die ganze Horde in eine versteckte Bucht. Die Männer waren ausgehungert und durchgefroren, doch das würde sich rasch ändern. In dem kleinen Dorf mit seinen windschiefen, düsteren Steinhäusern, zu dem sich Red Fox mit einigen Kumpanen durchschlug, hatten noch bis vor kurzem die Strandräuber das Sagen gehabt. Killarney nahm auch nicht an, daß sich daran seit seinem letzten Besuch etwas geändert hatte, aber er hielt es für besser, vorsichtig zu sein und sicherzugehen.
Sein alter Kumpane Barnabas Ahab, Big Barnabas genannt, war der Wirt eines Gasthauses mit dem schönen Namen „Totenkiste“.
Die „Totenkiste“ lag am Rand des Dorfes auf einer Klippe: ein langgestreckter Steinbau mit Ställen, Anbauten und tiefen Kellern, der schon manchem Sturm getrotzt hatte und so zerzaust wirkte wie die wenigen Kiefern und die struppigen Riesendisteln ringsum.
Jetzt am hellen Tag herrschte wenig Betrieb. Ein paar finstere Gestalten schütteten Wein in sich hinein und würfelten.
Big Barnabas stand hinter dem Schanktisch: ein nicht besonders großer, aber ungeheuer breit gebauter Mann mit langen, baumelnden Gorilla-Armen, braunem Zottelhaar, buschigen Brauen und einer pockennarbigen Kraterlandschaft von Gesicht, das durch die plattgeschlagene Nase und den verbogenen Kiefer auch nicht mehr viel häßlicher werden konnte. Wenn er grinste, wandten sich zartbesaitete Gemüter zur Flucht.
Aber Red Fox Killarney war kein zartbesaitetes Gemüt und breitete theatralisch die Arme aus, als Big Barnabas Ahab strahlend auf ihn zuwalzte.
Die beiden Ober-Halunken umarmten sich, schüttelten sich die Hände, klopften sich auf die Schultern und versicherten sich gegenseitig wortreich ihre außerordentliche Wiedersehensfreude.
Danach floß Rum in tassengroße Zinnbecher und von dort in durstige Kehlen. Beide Seiten klagten ausgiebig über den miserablen Gang der Geschäfte – damit gleich klar war, daß es mit eventuell erwarteten freundschaftlichen Hilfeleistungen leider nichts werden würde. Dann kam man zum Geschäft, und es dauerte nicht mehr lange, bis Barnabas Ahabs tiefliegende Augen begierig funkelten.
Die Aussicht auf einen Anteil an den Schätzen der „Isabella“ ließ ihn in neuerliche Beteuerungen unverbrüchlicher Freundschaft ausbrechen. Die Würfelspieler wurden zu Rate gezogen, weiterer Rum floß, schließlich begaben sich zwei Abordnungen auf den Weg. Eine, die die restlichen Banditen und die Spanier zur „Totenkiste“ geleiten sollte, die zweite, die im Dorf für zwei schnelle, gut besegelte Boote sorgen würde.
Mit Hilfe von Barnabas Ahab und seinen Strandräubern wurden die notwendigen Vorbereitungen in Rekordzeit getroffen.
Schon eine knappe Stunde später legte das erste Boot ab. An Bord befanden sich Ernesto, der Agent, der Capitan der „Navarre“ und ein halbes Dutzend Spanier. Sie wußten ungefähr, wo sie die Verstärkung finden konnten, die sie brauchten, und sie wurden beflügelt von der Aussicht, endlich den gehaßten und gefürchteten El Lobo del Mar zu überwältigen.
Das zweite Boot, ein solider Logger, sollte erst gegen Abend in See gehen.
Red Fox Killarney wählte eine Besatzung von zehn Mann aus, die er dazu verdonnerte, höchstens noch am Rum zu riechen. Der Gedanke an Gold, Perlen und Edelsteine erleichterte ihnen den Verzicht, außerdem gingen Red Fox, Big Barnabas und der Spanier Lorenzo mit gutem Beispiel voran – da sie einen klaren Kopf brauchten, um sich gegenseitig zu belauern.
Der Rest der Männer sorgte dafür, daß in der „Totenkiste“ die Wände wakkelten.
Sie feierten bereits den Sieg. Der Rum ließ sie sehr schnell vergessen, daß sie alle schon am eigenen Leib erfahren hatten, wie schwer es war, gegen die Crew der „Isabella“ einen Sieg zu erringen.
„Hm“, meinte der Kutscher.
Er hockte neben dem Schiffbrüchigen, der am Schanzkleid der Kuhl lehnte, und blickte ziemlich ratlos drein. Den blutigen Riß in der Kopfhaut des Mannes hatte er bereits mit Salzwasser und Salbe behandelt. Getrunken hatte der Bursche auch: erst Wasser, dann Rum, dann eine Schale kräftiger Fleischbrühe. Aber er wirkte immer noch verwirrt und apathisch, und der Koch und Feldscher der „Isabella“ wußte nicht mehr, was er noch mit dem Patienten aufstellen solle.
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