Kitabı oku: «Kaspar Hauser. Wer er nicht war - wer er vielleicht war»

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Rudolf Stratz

Kaspar Hauser
Wer er nicht war - wer er vielleicht war

Saga

Kaspar Hauser. Wer er nicht war - wer er vielleicht war

Copyright © 1925, 2018 Rudolf Stratz und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711507230

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Zusammenstellung der Wichtigeren Literatur über Kaspar Hauser von 1828 - 1925

1828

 Vorläufige Mitteilungen über Kaspar Hauser. Nürnberg.

1830

 Polizeirat Merker: Kaspar Hauser nicht unmahrscheinlich ein Betrüger. Berlin.

 Stadtgerichts - Accessist Rudolf Giehrl (alias Heinrich Rainer?): Kaspar Hauser, der ehrliche Findling. Nürnberg. (Gegenschrift.)

 Schutzwort für den Nürnberger Findling Kaspar Hauser. Berlin. (desgl.)

1831

 Polizeirat Merker: Nachrichten über Kaspar Hauser. Berlin. Von Schmidt von Lübeck, Kgl. dänischer Justizrat: Über Kaspar Hauser. Altona.

 Kriminaldirektor J. E. Hitzig (Herausgeber des „Neuen Pitaval“): Einige wichtige Aktenstücke, den unglücklichen Findling Kaspar Hauser betreffend. Berlin. (Bgl. 1834.)

1832

 Anselm Ritter von Feuerbach: Kaspar Hauser. Ansbach. (Vgl. 1833.)

 Professor G. Fr. Daumer: Mitteilungen über Kaspar Hauser, von seinem ehemaligen Pflegevater. Nürnberg.

1833

 Polizeirat Merker: Einige Betrachtungen über Kaspar Hauser. Berlin.

 Pfarrer Fuhrmann: Kaspar Hausers Konfirmationsfeier. Ansbach.

 Derselbe: Trauerrede auf Kaspar Hauser. Ansbach.

 Scheuerlein: Kaspar Hausers Grab. Gedicht. o. Ort. Vermutlich 1833.

 Auselm von Feuerbach: Caspar Hauser. Voorbeeld eener Misdaad. Amsterdam. (Holländische Übersetzung, vgl. 1832.)

 Anselm von Feuerbach: Caspar Hauser. An account of an individual kept in a dungeon. London. (Englische in Amerika gemachte Übersetzung von H. G. Linberg, vgl. 1832.) Hiervon Nachdruck: Life of Caspar Hauser. London.

 Graf Stanhope: Auszug eines Briefes an den Lehrer Meyer. Karlsruhe. Als Manuskript gedruckt. (Vgl. 1834.)

1834

 Polizeirat Merker: Wichtige Aufklärungen über Kaspar Hausers Geschichte. Berlin.

 Pfarrer Fuhrmann: Kaspar Hauser. Ansbach.

 Derselbe: Caspar Hauser in den laatsten tijd zijns levens. (Holländische Übersetzung.) Amsterdam.

 Anonym (Geheimrat Ritter von Lang): Über Kaspar Hauser. Allgemeine Literatur-Zeitung, Jena.

 Dr. med. Heidenreich: Kaspar Hausers Verwundung usw. Berlin.

 Dr. med. Zimmermann: Kaspar Hauser. Nürnberg.

 J. H. Garnier: Einige Beiträge zur Geschichte Kaspar Hausers, Strassburg. (Berüchtigte Dunkelschrift.)

 Marheinecke: Das Leben im Leichentuch. Berlin. (Hintertreppenroman mit Kaspar-Hauser-Motiven.)

 (Friedrich seybold): Kaspar Hauser. Stuttgart. (Ähnlich.)

 Ludwig Scoper: Kaspar Hauser oder die eingemauerte Nonne. Nordhausen. (Ähnlich.)

 F. Hoffmann: Kaspar Hauser. Oberhausen.

 Ph. H. Welcker: Die tönenden Bilder. Mit einem Schlussgedicht auf Kaspar Hauser und Anhang über Kaspar Hauser. Gotha.

 (Nicht 1835, wie bei v. d. Linde.)

 G. Fr. Daumer: Caspar Hauser, An account usw. englisch, mit Bild. London.

 Kriminaldirektor J. E. Hitzig: Bijdragen tot de Geschiedenis van Caspar Hauser. Amsterdam.

 (Holländische Übersetzung, vgl. 1830.)

 G. F. Singer: Leben Kaspar Hausers. Regensburg.

 Ausführlicher Lebensabriss des berühmten Findlings Kaspar Hauser. Regensburg.

 Oettel: Die wichtigsten Momente aus Kaspar Hausers Leben. Ansbach.

 J. M. Frey: Geheimnisvolle Geschichte des Kaspar Hauser. Berlin.

 Derselbe: Caspar Hausers hemlightsfulla Historia. Stockholm. (Schwedische Übersetzung.)

 Derselbe: Polnische Übersetzung. Breslau.

 Über Kaspar Hausers Leben. Von ihm selbst geschrieben. Karlsruhe.

 Gaspard Hauser ou l’homme mysterieux. Lyon.

 Hofrat F. Schlemmer: Mausoleum memoriae Caspari Hauseri. Gedicht. Hanau.

 Graf Stanhope: Auszug eines Briefes an den Oberleutnant Hickel. Karlsruhe. Als Manuskript gedruckt. (Vgl. 1833.)

 Kaspar Hauser, der Sohn eines Pfarrers. In der Hildburg-hausener Dorfzeitung, dem Frankfurter Journal u. a. Blättern.

 Über Kaspar Hausers Leben. Von ihm selbst geschrieben. Karlsruhe. Als Manuskript gedruckt.

1835

 Polizeirat Merker: Noch einige Mitteilungen über Kaspar Hauser. Berlin.

 Lord Stanhope: Materialien zur Geschichte Kaspar Hausers. Heidelberg. (Vgl. 1836.)

 Ph. H. Welcker: Gedicht auf Kaspar Hauser. Gotha. (Zu vergleichen: Derselbe: „Die tönenden Bilder“, 1834.)

 Jules Janin: Gaspard Hauser, Journal des enfants. Paris.

 Gaspard Hauser in „Gazette des tribunaux“. Paris. Desgleichen in „Magasin pittoresque“. Paris. Desgleichen in „Echo Britannique“. Paris.

1836

 Lord Stanhope: Materialien zur Geschichte Kaspar Hausers. Englische Übersetzung. London.

1837

 W. C. Gr. A. (Caroline, angebliche Gräfin Albersdorf, geb. Lady Graham): Kaspar Hauser. Regensburg. 1 Band.

 Dieselbe: Caspar Hauser of Aanduidingen usw. Holländische Übersetzung.

 Der Mord, verübt an Ludwig Lessing aus Freienwalde. Aktenmässige Darstellung. Zürich.

1838

 D’Ennery: Gaspard Hauser. Drame, représenté au théâtre de l’Ambigu.

 Dupenty: Le pauvre Idiot. Drame, représenté à la Gaîté.

1839

 W. C. Gr. A. (Caroline, angebliche Gräfin Albersdorf, geb. Lady Graham): Kaspar Hauser. 2 Bändchen (vgl. 1837). München.

1840

 N. G. Mesis (Justiz-Aktura a. D. Sebastian Seiler): Kaspar Hauser, der Thronerbe Badens. (Angeblich) Paris. (In Wirklichkeit) Zürich. (Berüchtigte Dunkelschrist, die zuerst von einem F. Bumüller aus Hechingen dem badischen Gesandten Freiherrn Rüdt von Collenberg in Zürich überreicht wurde. Im Auftrag des badischen Ministers von Blittersdorf kaufte dann der badische Oberamtmann Dreyer die ganze, 2000 Exemplare starke Auflage auf. Dies Vorgehen der badischen Regierung hat wider ihre Absicht ausserordentlich viel zur Verstärkung der Prinzenlegende beigetragen.)

 Alexander Weil: Gaspard Hauser. In „Gazette du progrès“. Paris.

1845

 N. E. Mesis (S. Seiler): Kaspar Hauser (angeblich) Paris. (In Wirklichkeit) Zürich oder Bern. (In der Form schärferer Neudruck. vgl. 1840.)

1847

 N. E. Mesis (S. Seiler): Kaspar Hauser (vgl. 1840 und 1845). Neudruck.

1848

 N. E. Mesis (S. Seiler): Kaspar Hauser. Holländische Übersetzung. Haag. (Vgl. 1840, 1845 und 1847.)

1857

 Dänischer Professor Eschricht: Unverstand und schlechte Erziehung. Vorlesungen über Kaspar Hauser an der Kopenhagener Universität. Deutsch. Berlin.

1858

 F. K. Broch (in wirklichkeit der 48er Paulskirchen-Abgeordnete und revolutionäre Flüchtling Dr. G. F. Kolb): Kaspar Hauser. Zürich.

1859

 Professor G. Fr. Daumer: Enthüllungen über Kaspar Hauser. Frakfurt.

1860

 Aventures de Gaspard Hauser. Paris.

1872

 (Freiherr von Andlaw): Französische Broschüre über Kaspar Hauser, écrit en 1870. — Als Manuskript gedruckt, ohne Titel, Autor und Verleger. Baden-Baden.

 Dr. Julius Meyer: Authentische Mitteilungen über Kaspar Hauser. Ansbach. Mit dem Anhang: Mitteilungen aus den vom K. b. Gendarmerie-Major Hickel hinterlassenen schriftlichen Aufzeichnungen über Kaspar Hauser. Das massgebende, alle amtlichen Dokumente enthaltende Quellenwerk, auf dem jede ernsthafte Kaspar-hauser-Forschung beruht.

 W. Pierson: Geschichte Kaspar Hausers. Leipzig.

 Ober-Appellations-Gerichtsrat Freiherr von Tucher: Kaspar Hauser — kein Betrüger. In der „Allgemeinen Zeitung“ Nr. 40. Augsburg.

1873

 Professor G. Fr. Daumer: Kaspar Hauser. Regensburg.

1876

 O. Mittelstaedt: Kaspar Hauser und sein badisches Prinzentum. Heidelberg. Von einem hohen Juristen im Auftrag des badischen Hofes zur Zerstörung der Prinzenlegende verfasst. In den Anlagen VI bis VIII Veröffentlichung der im badischen Haus-Archiv befindlichen Akten über Tod und Beisetzung des am 16. Oktober 1812 verstorbenen Erbprinzen.

 P. Foissac: Révélation sur la naissance de Gaspard Hauser. (In „La chance ou la destinée“.) Paris.

1878

 Julius Meyer: Zur Geschichte der Herkunft Kaspar Hausers. Würzburg.

1881

 Joseph Hickel, herausgegeben von Dr. J. Meyer. Kaspar Hauser. Hinterlassenes Manuskript. Ansbach. (Vgl. 1872.)

1883

 . . . . . v. K. . . . . . (Fischer von Karlsruhe): Kaspar Hauser. Regensburg.

 Friedrich Kolb (vgl. 1858): Kaspar Hauser. Regensburg. (Gegenschrist im gleichen Verlag.)

1884

 F. Otto: Kaspar Hauser in „Das Buch merkwürdiger Kinder“. Leipzig.

1886

 Friedrich Leber: Kaspar Hauser. Historisches Schauspiel. Aufgeführt (Kaspr Hauser als Damenrolle!) in Ansbach.

1887

 Antonius von der Linde: Kaspar Hauser. Zwei Bände. Wiesbaden. Das umfangreichste Werk der Kaspar-Hauser-Literatur, auf alles vorhandene wissenschaftliche Material gestützt, in der Form — gegen Kaspar Hauser — sehr schroff.

 G. Valbert: La légende de Caspar Hauser, Revue des deux mondes. Paris.

1888

 Jules Hoche: Caspar Hauser in „Causes célèbres de l’Allemagne“. Paris.

 A. v. d. Linde: Zum Kaspar-Hauser-Schwindel. (Als Manuskript gedruckt.) I. Bd. Wiesbaden.

1889

 Dasselbe. II. Bd.

1892

 Baron Alexander von Artin: Kaspar Hauser. Zürich. (Berüchtigte Dunkelschrift in zahlreichen Auflagen.)

 Max Schütte: Kaspar Hauser. Hagen i. W. (Gegenschrift.)

 Elizabeth E. Evans: The story of Caspar Hauser. London.

1893

 Herzogin von Cleveland (Tochter Stanhope’s): The true story of Caspar Hauser. London and New York. (Gegenschrift gegen Evans: The Story of Caspar Hauser. Vgl. 1892.)

1894

 Frédéric Masson: Gaspard Hauser in „Napoléon et les femmes“. Paris. (Deutsche Übersetzung. 1895. Leipzig.)

1900

 Joseph Turquan: Gaspard Hauser in „Stéphanie de Beauharnais“, Paris. (Deutsche Übersetzung. Leipzig 1902.)

1901

 J. Braun: Kaspar-Hauser-Literatur. Im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“, Nr. 301, 302, 303.

1902

 Desgleichen: Nachträge in Nr. 4 und 186.

1903

 Kurt Martens: Kaspar Hauser. Drama. Berlin.

 Patrice de la Tour: Gaspard Hauser in „Monde Moderne“. Paris.

1904

 Andrew Lang: The mystery of Caspar Hauser. London. (2. Auflage 1905.)

1905

 Comte Fleury: Gaspard Hauser in „Les drames de l’histoire“. Paris.

1908

 Jakob Wassermann: Kaspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. Stuttgart. (Zahlreiche Auflagen.)

 Anselm Ritter von Feuerbach: Kaspar Hauser. Berlin. (Neudruck. Herausgegeben von Freiherrn von Egloffstein. Vgl. 1832.)

1911

 A. Saager: Das Rätsel Kaspar Hauser. Ansbach.

1912

 Zur hundertsten Wiederkehr von Kaspar Hausers ungefährem Geburtsjahr zahlreiche Aufsätze von Dr. Julius Meyer in „Der Sammler“ u. a., Jean Richepin in „Journal de l’Université“, Paris, in der „Gartenlaube“, „Frankfurter Zeitung“, „Neue Freie Presse“, „Pester Lloyd“, „Stuttgarter Neues Tageblatt“, „Münchener Zeitung“ u. a.

1922

 F. v. Oppeln: Das Rätsel Kaspar Hauser. Dresden.

1925

 Klara Hofer: Das Schicksal einer Seele. Die Geschichte vom Kaspar Hauser. — (Hierzu zahlreiche Aufsätze für und wider in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ u. a. O.)

 Sophie Hoechstetter: Das Kind von Europa. Die Geschichte des Kaspar Hauser. Nürnberg. Roman.

 Georg Gärtner: Kaspar Hauser (mit Bildern). Nürnberg.

 Dr. Eduard Berend: Erbprinz oder Betrüger? Kaspar Hausers geheimnisvolles Schicksal. Monatsschrift „Uhu“ Nr. 6.

 Oberarchivrat Dr. Jvo Striedinger: Wer war Kaspar Hauser? Vortrag im Historischen Verein München. „Münchner Neueste Nachrichten“ vom 25. März.

 Polizeidirektor i. R. Dr. Wagler: „Ein unaufgeklärter Fund.“ „Leipziger Neueste Nachrichten“ vom 4. März. (Betrifft die sog. „Flaschenpost“ von Lauffenburg.)

 Derselbe: Ein neu erschlossenes Dokument zur Abstammung Caspar Hausers. „Fränkischer Courier“ vom 19. April. Nürnberg. (Lösung des Anagramms der Flaschenpost.)

 Rudolph Strass: Das Rätsel Europas. Was wir von Kaspar Hauser wirklich wissen. „Gartenlaube“ Nr. 12, 13, 14, 15, 16.

 Jakob Wassermann: Der Schatten Kaspar Hausers. „Neue Freie Presse“, Nr. 21760. Wien.

 Rudolph Stratz: Kaspar Hauser — wer er vielleicht war. „Gartenlaube“, Nr. 23, 24, 25.

Es ist, um Kaspar Hauser herum, keine Literatur, sondern ein Schlachtfeld. Ein wütender, bald hundertjähriger Kampf zweier Geisterheere in den Lüften. Die Gänsekiele klirren, in Strömen fliesst die Tinte. Nach Erschöpfungspausen, je ungefähr alle zwanzig Jahre — nach 1830 — in den vierziger — dann in der Grosskamfzeit der siebziger Jahre — jetzt wieder im kritischen Jahre erster Ordnung 1925 — erneuern sich die Sturmangriffe der sich befehdenden Gewalthaufen.

„Hie Hauser, das Opfer!“ braust links das Feldgeschrei. „Hie Hauser, der Betrüger!“ gellt es rechts. Hier die Mitleidigen, da die Gerechten! Hier die Leichtgläubigen, da die Skeptiker! Hier die Phantasten, da die Philister!

„Hie Herz!“ — „Hie Hirn!“

Im Lager des Herzens — wie sollte es anders sein? — die Poeten — die Frauen — die Schwärmer. Unter dem Banner des Hirns die Juristen, die Polizisten, die Gelehrten. Hier die blaue Blume der Romantik statt der Logik. Hier der graue Verstand der Verständigen statt des Grauens der Geisterstunde. Dazwischen steht rathlos der homo sapiens — — der wissbegierige Leser, der sich aus dem wildgetürmten Chimborasso dicker Bücher, vergilbter Zeitungsstösse, verstaubter Flugschriften, ein Bild des „Rätsels von Nürnberg“ machen will! Er kann es nicht. Denn kaum eine dieser Schriften ist ein Ding für sich. Auf jeder leuchtet ein „J’accuse!“ In jeder will irgend jemand sich rechtfertigen, andere verdächtigen, dritte mit ins Getümmel reissen. Es ist ein Geknatter von Raketen, von Knallfröschen — leider auch von Stinkbomben. Denn es gab, früher wenigstens, so manche dunklen Chrenmänner, Hyänen des Schlachtfeldes, denen der Name Kaspar Hauser nur als Deckschild für Erpressungsversuche, Verleumdungsfeldzüge, verstellte Namen, gefälschte Druckorte, diente.

Man könnte ja nun dem homo sapiens raten: Lies alles — d. h. etwa ein Vierteltausend Bücher und Schriften in neun Sprachen! — oder wenigstens das Wesentlichste, und prüfe, wer Recht hat: ob die schönen Seelen, die in dem „Kind Europas“ das Opfer teuflischer Ränke, oder die schnöden Verstandesmenschen, die in ihm einen abgeseimten Spitzbuben sehen! —

Ja — wenn das so einfach wäre! Aber in dieser Arena sind Licht und Schatten ungleich verteilt! Die Hauser-Ungläubigen sind dabei sehr im Nachteil! Zwar gehören zu ihnen die klarsten Köpfe, die sachlichsten Beurteiler, die geschultesten Männer der Wissenschaft. Aber gerade, weil ihre Bücher wissenschaftlich sind, sind sie trocken und sensationsarm. Weil sie juristisch nüchtern, polizeilich gefühllos sind, zerstören sie schonungslos die Illusionen, die sich so geheimnisvoll um den Fall Hauser ranken und ihn erst lesenswert machen. Diese Enttäuschung tut manchem Leser weh. Er zürnt dafür dem Autor. Vor allem aber Eines: diese Hauptwerke gegen Kaspar Hauser sind fast sämtlich im Buchhandel längst vergriffen. Wo sie antiquarisch auftauchen, reisst man sie sich aus den Händen. Auch auf den Bibliotheken sind sie schwer zu bekommen.

Bei den Hauser-Gläubigen aber gibt es eine in jedem Buchladen erhältliche, ständing wachsende und blühende belletristische und halb belletristische Literatur, die in Form von Romanen, Seelen-Analysen, Stimmungsfeuilletons immer von neuem Kaspar Hausers Bild, in der schwermütigen Glorie eines Märtyrers, verklärt vor dem friedlichen Lämmchenhimmel der Biedermeierzeit dahinschweben lässt — dies Kind, kein Engel ist so rein — und dadurch immer von Neuem längst widerlegte fromme Legenden an Stelle längst offenkundiger, brutaler Tatsachen setzt. Hierdurch hat sich gerade in den letzten Jahren in weiten Kreisen der deutschen Öffentlichkeit eine Auffassung von Kaspar Hauser verbreitet, die sich mit dem bisschen Wirklichkeit, die wir von ihm wissen, in keiner Weise mehr deckt . . . . . .

Diese „Abwehr eines Notstandes“, dass, im Falle Kaspar Hauser, die wissenschaftliche Erkenntnis von der üppig wuchernden Empfindsamkeit von Jahr zu Jahr immer hoffnungsloser in die Ecke gedrückt wird, hat mich, der ich mich seit vielen Jahren mit der Kaspar-Hauser-Frage beschäftigte, zu der nachfolgenden kleinen Studie veranlasst. Diese anspruchslose Schrift soll nicht neue Enthüllungen bringen, sondern nur kurz und klar sagen, was ist — auf Grund erwiesener Tatsachen ist — und was — bei Zusammensassung aller wahrscheinlichsten Möglichkeiten zu einem Gesamtbild —, gewesen sein kann. Was Kaspar Hauser nicht war — und was er vielleicht war. Denn was er mit Sicherheit war, das warden wir nie ergründen.

Was war eigentlich damals geschehen? Hundertmal hat man es schon beschrieben. Also kurz:

Ein wundervoller, maiblauer, zweiter Pfingstnachmittag über den Türmen und Zinnen des alten Nürnberg. Anno 1828. Biedermeierzeit. Metternich. Romantik. Reaktion. Der Schuhmachermeister Weickmann sieht vor seinem Hause auf dem einsam gelegenen und heute, am Feiertag, besonders verkehrsarmen Unschlittplatz einen 16- bis 18jährigen Menschen den Bärleinhuter Berg hinab „wackeln“, der ihm etwa einem Kutschergehilfen zu gleichen scheint. Seinem Kollegen in Hans Sachs, dem Schuhmachermeister Beck dünkt der Fremde, der „mit starken Schritten“ die steile Gasse hinabkommt, eher ein Schneidergeselle, „pudelnärrisch“ anzuschauen — in hechtgrauem, tuchenem Spenser, langen, weiten grauen Hosen, einem niederen schwarzen Hut, engen Nagelschuhen.

Dieser — wie man annimmt, durch das menschenleere Hallerthürl nach Nürnberg einwandernde — Bursche lallt mehr als dass er spricht. Aber immerhin — er spricht — in abgerissenen Brocken — er versteht auch zur Not, was man ihm sagt. Er trägt einen grossen Brief in der Hand, adressiert an „den Herrn Rittmeister der 4. Esgaraton“. Rittmeister der 4. Escadron der 6. Nürnberger Cheveaulegers Grossfürst Constantin Nikolajewitsch war Herr von Wessenig. Der Schuhmacher Weickmann führt den Fremdling zu dessen Wohnung im „Schwarzen Kreuz“ in der Neuthorstrasse im Nordwesten der Stadt. Der Fremde antwortet auf alle Fragen des Dieners Merk des abwesenden Herrn von Wessenig: „Woass ih nit“ (weiss ich nicht = Wessenig? Hier beginnen — für manche Leute — bereits die Rätsel!). Er weist Braten und Bier von sich, nimmt gierig Wasser und Brot, wirst sich ermattet auf eine Strohschütte im Pferdestall und schläft.

Abends kommt der Rittmeister mit zwei Freunden von der Kirchweih in Erlangen Zurück. Es wird ihm gemeldet, ein Unbekannter warte mit einem Brief auf ihn. Der Rittmeister, ferner der Leutnant von Hugenpoët, der polizeiaktuar von Scheurl, des Rittmeisters Freunde, und sein Kutscher Hacker begeben sich in den Stall. Sie finden dort ein Geschöpf, das diesmal den Eindruck eines „wohlgenährten, gesunden und reinlichen Bauernburschen“ und eines „ungebildeten Naturmenschen“ machte. Der Naturmensch zog den Hut ab, sagte „Guer Gnaden“, verbeugte sich und überriechte, durch den Diener, den mitgebrachten, rothgesiegelten Brief.

Dieser Brief trug das Wasserzeichen der Papierfabrik J. Reindel in Mühlhof, im Bezirk des damaligen Landgerichts (Verwaltungsbezirks) Schwabach. Er wurde sechs Wochen später vom Magistrat in Nürnberg, zusammen mit einem langatmigen Aufruf an die Bevölkerung, veröffentlicht. Er ist ohne Unterschrift, datiert „von der Baireschen Gränz, dass Orte ist unbenannt. 1828.“ Versasst in übler Orthographie und der Ausdrucksweise des niederen Volkes, lautet er wörtlich:

„Hochwohlgebohrener Herr Rittmeister!

„Ich schücke ihnen ein Knaben der möchte seinem König getreu dienen Verlangte er, dieser Knabe ist mir gelegt worden (d. h. zur Erziehung auf die Schwelle gelegt. Anm. d. Verf.), 1812 den 7. Oktober, und ich selber ein armer Taglöhner, ich Habe auch selber 10 Kinder, ich habe selber genug zu tun, dass ich mich fortbringe, und seine Mutter hat mir um die Erziehund das Kind gelegt, aber ich habe seine Mutter hat mir um die Erziehung das Kind gelegt, aber ich habe seine Mutter nicht erfragen Können, jetzt habe ich auch nichts gesagt, dass mir der Knabe gelegt ist worden, auf dem Landgericht. (Soll heissen: die Behörden wissen nichts von seinem Dasein.) Ich habe mir gedenkt, ich müsste ihm für mein Sohn haben, ich habe ihm Christlichen Erzogen und habe ihm zeit 1812 Keinen Schritt weit aus dem Haus gelassen dass kein Mensch nicht weiss von wo Er auferzogen ist worden, und Er selber weiss nichts, wie mein Haus heisst (Im altbayerischen Bauernland tragen heute noch die Häuser eigene Namen und der Besitzer wird allgemein mit dem Hausnamen, nicht mit seinem Familiennamen genannt), und dass Ort weiss er auch nicht, sie derfen ihm schon fragen, er kann es aber nicht sagen, dass lessen Und schreiben Habe ich ihm schon gelehrt, er kann auch mein Schrift schreiben, wie ich schreibe (dies soll offenbar der Möglichkeit vorbeugen, dass man den Überbringer des Briefes nach seiner Handschrift auch für dessen Verfasser hält), und man wird ihm Fragen, was er werde, so sagt er will auch ein Schmolische (Cheveauleger, bis zum Ende des Weltkrieges bestehende bayrische Reitergattung, ungefähr Dragoner) werden, was sein Vater gewesen ist; Will er auch werden, wenn er Eltern häte wie er Keine hat, wer (wäre) er ein gelehrten Bursche worden Sie dersen ihn nur was Zeigen, so kann er es schon.

Ich habe im nur bis Neumark (offenbar Neumarkt in der Oberpfalz, wo die, von Rittmeister von Wessenig befehligte 4. Escadron der 6. Nürnberger Cheveaulegers noch vor Kurzem garnisoniert hatte) geweisst — da hat er selber zu ihnen hingehen müssen (von Neumarkt bis Nürnberg sind es gut dreissig Kilometer — also ein strammer Tagesmarsch für einen ortskundigen, wandergewohnten Menschen!!), ich habe zu ihm gesagt, wen er einmal ein Soldat iss, kome ich gleich und suche ihn Heim sonst hät ich mich vin mein Hals gebracht (würde ich hingerichtet! Hier zum ersten Male die Andeutung eines Berbrechens! Denn die Aufziehung eines Findlings um Gottes Lohn, wenn auch fern von den Menschen, aber mit Christenlehre, Lesen- und Schreibenlernen, ist doch nicht strafbar, sondern bedingt höchstens eine Ordnungsstrafe wegen unterlassener polizeilicher Anmeldung.)

„Bester Herr Rittmeister sie dersen ihm gar nicht tragtieren (rauh behandeln) er weiss mein Orte nicht wo ich bin, ich habe im mitten bei der Nacht fortgefürth er weiss nicht mehr zu Hauss! (Hier dieser Hinweis bereits zum vierten Mal!)

Ich empfehle mich gehorsamt, Ich mache mein Namen nich Kantbar den ich Konnte gestraft werden (wieder das schlechte Geweissen!).

„Und er hat Kein Kreuzer geld nicht bei ihm, weil ich selber nichts habe“ und nun ein niederträchtiger, die Treuherzigkeit der Mundart in dem langen, sonst ganz überzeugend in altbayerischem Volkston gehaltenen, Brief in das Lächerliche verzerrenderNachsatz: „Wen Sie ihn nicht Kalten, so müssen Sie im ab schlagen oder im Raufang auf henggen“. (Wenn Sie ihn nicht behalten, müssen Sie ihn abschlachten und im Rauchfang aufhängen — so wie der Bauer gegen Weihnachten sein Einlegschwein schlachtet und im Kamin selcht.)

Dem Brief beigelegt war ein Zettelchen in unorthographischer lateinischer Schrist:

Das

Kind ist schon getauft

sie (!) Heist Kasper in (einen) Schreib

name misen sie im selber

geben das Kind möchten

Sie auf Ziehen sein Vater

ist ein Schwolische (Cheveauleger) gewesen

wenn er 17 Jahr alt ist so

schicken sie im nach Nirnbe

rg (Nürnberg) zu 6ten Schwolische

Regiment da ist auch sein

Vater gewesen ich bitte um

die erzikung bis 17 Jahre

geboren ist e im 30. April

1812 im Jahr ich bin ein

armes Mägdelein ich kann

das Kind nicht ernehren

sein Vater ist gestorben

Hier wieder ein höhnischer Ulk: Der Zettel soll den Eindruck erwecken, als sei er von der Mutter des Kindes bei dessen Aussetzung vor sechzehn Jahren geschrieben. In Wirklichkeit war er mit noch ganz frischer Tinte, in derselben Handschrift und auf dem gleichen Papier verfasst wie der eigentliche Brief. Sollte er also wirklich etwa von der Hand der Mutter des Unbekannten stammen, so war er vor ganz kurzer Zeit von einer Person verfertigt, die längst nicht mehr „ein armes Mägdelein“, sondern mindestens eine Frau zu Mitte Dreissig war. Ein tatsächlicher Beweis für die Unechtheit des angeblich aus dem Oktober 1812 datierenden Zettels ist dessen Hinweis auf die Cheveaulegers in Nürnberg. Diese unterstanden 1812 allerdings, nach dem Hofund Staatshandbuch des Königreichs Bayern für 1812, als Chaveaulegers-Regiment Bubenhoven dem Generalcommando Nürnberg unter dem Brigadier der Cavallerie Fraf von Seydewitz, aber sie lagen in Bamberg in Garnison und Wurden erst 1816 nach Beendigung der Napoleonischen Kriege zum Teil nach Nürnberg verlegt. Noch bis in unser Jahrhundert hinein stand dann später wieder die 5. Eskadron in Neumarkt, bis das ganze Regiment nach Bayreuth übersiedelte.

Warum der junge Wilde gerade zu dem, in keiner Weise in der Öffentlichkeit bekannten, ruhig mit seiner Familie lebenden und seinen Dienst tuenden Rittmeister von Wessenig kam, hat man, trotz aller möglichen Vermutungen und Verdächtigungen, nie ergründet. Hier sangen die grossen Fragezeichen an.

Der Rittmeister von Wessenig ist ärgerlich über die Belästigung von unbekannter Seite. Er tut das einzig Vernünftige, was er tun kann: Sein Freund, der Polizeiaktuar von Scheurl, dem der junge Mensch wie ein ‚halb Wilder’ vorkommt, ist ja ohnedies zugegen. Ihm übergibt er Burschen und Brief, die ihm, Wessenig, beide gleichmässig unbekannt und unverständlich sind. Der Polizeiaktuar und der Hausknecht zum „Schwarzen Kreuz“ liefern das lallende, zur Abwechslung nach Anschauung des Polizeirottmeisters Wüst wohl beleibte, luftgebräunte, sich täppisch anstellende Wesen auf der Wachtstube ab, wo es ohne Mühe mit fester Hand mit Tinte auf einen Papierzettel seinen Namen: Kaspar hauser (das ‚h’ klein) niederschreibt.

Von der Polizeiwache aus wird Kaspar Hauser, wie von jetzt ab sein Name durch ein Jahrhundert geht, um elf Uhr Nachts in Amtsgewahrsam auf den Vestner Turm hoch oben auf der alten Hohenzollernburg ob Nürnberg gebracht und wirkt hier bei seinem Eintreffen ‚frisch, gesund und reinlich’. Der kgl. Stadtgerichtsarzt, Dr. Preu, der ihn untersucht, gibt nach sechs Tagen sein Gutachten dahin ab, dass „Kaspar Hauser aller menschlichen Gesellschaft beraubt, bei gutem Verstande, in jeder Art menschlichen Unterrichts und menschlicher Ausbildung versäumt worden sei, folglich einem in der Wildniss aufgewachsenen Thiermanschen zu vergleichen sei“.

Weiter ergründet man zunächst nichts. Denn der junge, sanste Wilde kann ja kaum ein paar verständliche Worte lallen. Man ist auf äusserliche Merkmale, die sich bei ihm finden, beschränkt: Der Unbekannte ist von untersetztem, kräftigem, wohlgeformtem Körperbau. Seine, etwas krausen, Haare sind hellbraun, die meist ausdruckslosen Augen blaugrau, die Hände — mindestens seit einiger Zeit — schwerer Arbeit ungewohnt. Auffallend weich und zart, unzweifelhaft anders als bei einem Normalmenschen, die Füsse. Eine Eigentümlichkeit — oder Fähigkeit? — beim Sitzen auf der Erde die Knie durchzudrücken, so dass sie flach aufliegen und die Höhlung der Kniekehle verschwindet. Impfnarben. Das ist nichts Merkwürdiges. Der Sohn der Wildnis soll, nach dem Begleitschreiben, 1812 geboren sein. Diesem Zeitpunkt entspricht auch sein Äusseres, wonach er am Beginn der Entwicklungsjahre steht. Die Impfung aber ist in Bayern schon seit 1807 gesetzlich eingeführt. Auffallend dagegen am Arm die Spur vielleicht einer Misshandlung. Eine ganz frisch verschorste Stelle wie von einem Stoss oder Schlag, die aber auch durch Unvorsichtigkeit entstanden sein kann.

Die Kleidung? Sie wurde schon beschrieben. Nach fünfzehn sachverständigen Nürnberger Schneidergutachten soll sie an eine Zusammenflickung aus einer ländlichen Bedienten-Livree erinnern. In den Taschen finden sich ein Rosenkranz, ein alter Schlüssel, etwas Goldsand in Papier und ein paar blauweisse Leinenfetzen, ferner einige erbauliche Heftchen wie „Geistliches Vergissmeinnicht“ — „Geistliche Schildwacht“ — „Gebet zu dem hl. Blut“ usw. — dann, wie unheimlicher Hohn, ein Heftchen: „Kunst, die verlorene Zeit und übel zugebrachten Jahre zu ersetzen.“ Diese Erbauungsbüchlein zeigen als Druckort Städte und Städtchen an der bayerisch-österreichischen Grenze — entsprechend dem Schreiben: „Von der Baireschen Gränz“ — den Wallfahrtsort der „Schwarzen Madonna“, Alt-Ötting, Burghausen, nur durch eine Brücke von der k. k. Monarchie geschieden, und schon in deren Bereich, Salzburg, auch Prag. Viel über die Herkunft des jungen Burschen beweist auch das nicht. Die Andachtsschriften der Klöster — so noch heute Kapuziner von Alt-Ötting — gehen weit über das bayerische Land, dessen katholischer Glaube eben erst im Umkreis von Nürnberg in Mittelfranken und nach Oberfranken hin in den vorwiegend protestantischen übergeht. In dem Begleitbrief heisst es, der Fremdling ist „Christlich“ erzogen. „Christlich“ heisst in dem Sprachschatz des altbayerischen Volks christlich-katholisch. Darauf deuten auch die katholischen Erbauungsbüchlein. Warum schickt man ihren Träger nun gerade mit dem Rosenkranz in die Hochburg des Luthertums im Königreich Bayern — nach Nürnberg zu den Ketzern?

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