Kitabı oku: «Vorbei. Eine Geschichte aus Heidelberg»
Rudolf Stratz
Vorbei. Eine Geschichte aus Heidelberg
Illustriert von C. Münch
Saga
Vorbei. Eine Geschichte aus HeidelbergCopyright © 1920, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507056
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk
– a part of Egmont www.egmont.com
ls die blauen Höhen des Odenwaldes immer deutlicher über der Rheinebene hervortraten und der Zug sich Heidelberg näherte, hielt er es nicht mehr auf seinem Platze in dem Abteil erster Klasse aus, das er mit seiner Frau allein inne hatte. Er trat zum Fenster und schaute hinaus in den goldig warmen Hochsommertag.
„Da ... sieh, Herta!“ sagte er fröhlich aufgeregt. „Das ist schon Ladenburg ... da stecken die Kanonenkugeln von 1849 noch im Stationsgebäude — und jetzt gleich ... pass auf ... da fahren wir über den Neckar …“
Die junge Frau blickte auf den Fluss hinunter. Ihr Gesicht, das an sich ganz hübsch war, hatte einen teilnahmlosen Ausdruck. „Der ist aber schmal!“ meinte sie.
„Ja. Hier! Weiter oben, bei Heidelberg, ist er breiter. Ganz breit. Gott … Heidelberg! Da ist man nun endlich ’mal wieder da — nach so viel Jahren — und morgen abend um zehn Uhr muss man schon wieder weg! In die Tretmühle hinein! Dafür ist der Mensch nun ’mal preussischer Regierungsrat!“
„Anderthalb Tage sind doch genug für das Stiftungsfest von solch einem Korps!“
„Ja. Dir! Dir ist immer gleich alles genug!“ Er unterdrückte ein leichtes Seufzen und spähte wieder in die Ferne. „Da ... jetzt kann ich schon den Turm auf dem Königstuhl erkennen … siehst du ihn? Schön — wie der alte Berg sich so gerade über der Stadt erhebt — nicht?“
„Ja. Sehr hoch ist er nicht!“
„Nun ja ... Alpen gibt’s keine in der Pfalz! Das kannst du auch nicht verlangen!... Gott ... Herta, freu dich doch mit mir! Sei doch ein bisschen vergnügt ...“
„Ich bin’s ja!“
„Aber du zeigst es nicht! So wie ich!“ Er lachte übermütig, riss sich plötzlich die Reisemütze vom Kopf und warf sie zum Fenster hinaus, in ein Wäldchen von grünumrankten Hopfenstangen.
Gie blieb auch dabei gelassen und frug ohne Erstaunen: „Was soll denn das nun wieder heissen?“
„Das heisst, dass die Kappe ihre Schuldigkeit getan hat! Alt genug war sie. Jetzt kommt was Besseres an die Reihe.“ Er öffnete seinen Handkoffer und nahm eine silbergraue Korpsmütze und ein dreifarbiges Band heraus. „Hilf mir, bitte, einmal das Curonenband umlegen ... so ... unter der rechten Schulter durch ... danke ... und nun die Mütze auf! Weiss Gott … man fühlt sich wahrhaftig gleich um zehn Jahre jünger …“
Und er sah jugendlich genug aus, wie er heiter in den Spiegel blickte. Ein kluges, lebendiges Gesicht schaute ihm da entgegen, vernarbte Schmisse einer wilden Burschenzeit überall unter dem spitzgeschnittenen braunen Vollbart, aber in den dunklen Augen der Ernst des mitten im Leben stehenden Mannes. Er drehte sich nach seiner Frau um und lachte wieder. „Na — wie gefall’ ich dir jetzt?“
Ihr spitzes Kindergesicht war unbelebt wie bisher, und sie antwortete: „Du siehst wie ein alter Gymnasiast aus! Das ist doch zu sonderbar ... ein erwachsener Mann mit solch einer Mütze ...“
„Ja — die trägt das Korps Curonia in Heidelberg nun einmal seit neunzig Jahren!“
„Aber bei uns daheim haben die Schüler vom Gymnasium farbige Mützen getragen. Da muss ich immer an die dummen Jungen denken.“
Er behielt die silberfarbene Kappe auf, aber seine Züge hatten sich verdüstert. „Du hast wirklich ein Talent, einem die Stimmung zu verderben!“ sagte er und setzte sich müde wieder hin und schwieg, bis der Zug in den langgestreckten Bahnhof einfuhr. Da verscheuchte er seine dunklen Gedanken und sprach halblaut, wie zu sich selbst: „Das ist Heidelberg!“
„Das ist Heidelberg? Aber da sind ja lauter Fabriken und Rauch und graue Mietshäuser!“
Er nickte trübe: „Wo du hinschaust, Herta — da ist eben Rauch und ist es grau! Nun komm! ... Wir wollen uns eilen!“
Sie stiegen aus. Durch einen Kofferträger wurde ihr Gepäck in eins der vielen Hotels am Bahnhof gebracht. Dort bat er seine Frau noch einmal: „Zieh dich nur recht rasch um, damit wir noch rechtzeitig zum Frühschoppen kommen! Sonst fahren die Leute ohne uns weg!“ Dann trat er wartend vor den Gasthof und sah die Anlagen hinab und lächelte erinnerungsvoll. Das war alles noch wie damals! Die Sonne schien wie einst durch das Laubdach der Kastanienzweige, vom Berghang schimmerten ganze Wälder der südlichen Edelbäume über graue Häuser und Häuschen, und wie einst bummelten buntbemützte Studenten mit grossen Doggen des Weges und fuhren die Engländerinnen in ihren grünen und braunen, um den Hut gewundenen Reiseschleiern hinauf zum Schloss und schauten erstaunt auf den bärtigen Mann in dem farbigen akademischen Jugendschmuck und blätterten im Bädeker, als ob er da irgendwo als Sehenswürdigkeit verzeichnet sein müsse.
Eine halbe Stunde stand er da, in Gedanken an eine Zeit verloren, die ihm so nahe schien, als sei er vor wenigen Wochen erst, von allen Korpsbrüdern umringt und von jedem einzeln Abschied nehmend, um Mitternacht in den Schnellzug gestiegen und hinaus in das Dunkel und in das Leben gefahren. Dann erschien endlich seine Frau. Er winkte dem nächsten Kutscher, und sie fuhren in die Stadt hinein.
Die war wegen des Korpsjubiläums an vielen Orten beflaggt. Vor Konditoreien und Elfenbeinschnitzerläden, vor Kneipen, Friseurgeschäften und Paukzeughandlungen hingen die Curonenfahnen und waren grüne Reiser an den Türen angebracht. Aber er achtete jetzt nicht darauf. Er schaute nur nach vorn, ob sie noch zurecht kämen, und sagte dann, ehe noch die Droschke um die letzte Wegbiegung rasselte: „Na — Gott sei Dank — sie sind noch da!“
Von zwanzig, dreissig schrillen Bubenstimmen tönte das althergebrachte, unermüdlich abgeleierte:
„Juchheirassasa!
Die Curonen sind da!
Die Curonen sind lustig!
Sie rufen Hurra!“
und dann ein allgemeines Geschrei und Getümmel, wenn von oben aus den Fenstern des Korpshauses, vor dem die Bengel sich drängten und sangen, ein Regen von Nickelstücken niederging. Auch viele andere Leute standen neugierig um das schmucke Schlösschen, eine Menge Wagen war davor aufgefahren, die Peitschen knallten, die Hunde bellten, die Diener in bunten Röcken sprangen, und innen im Hause und Garten schmetterte die Musik ihre Weisen in das Gelächter und Stimmengewirr der Festgäste. Es waren ihrer wohl ein paar hundert. Auf weissen Haaren wie auf kahlen Platten und den Blondköpfen der jungen Füchse schimmerten die silbergrauen Mützen, und unter ihnen schauten Gesichter aller Art wieder wie einst zum Schloss empor und zum Neckar hinab — altersstreng und verwittert oder milde geworden im Lauf der Zeit — tatenfroh und müde — gesund und kränklich — geistig gewachsen unter der Last des Lebens oder allmählich abgestumpft und verflacht — sie alle, die da sassen, waren auf tausend verschiedenen Wegen in die Welt hinausgewandert — in die Schreibstuben des Staates und auf eigene Scholle, auf Exerzierplätze, in Krankenräume und Gerichtssäle, auf Ahnenschlösser und das Parkett des Hofes und in stille Gelehrtenzimmer — viele selbst weit übers Meer — und doch waren sie alle Brüder des Korps Curonia und trugen alle das gleiche Band. Und ebenso hatten alle die Damen, die zur Feier mitgekommen — von den gutmütig lächelnden, rundlichen Studentenmamas bis zu den vergnügten jungen Frauen der ebenfalls jungen „alten Herren“ und den insgeheim auf den Glanz ihrer Brüder neidischen Backfischen — jede einen kleinen buntsilbernen Korpszirkel als Schmuck an der Brust. Überall war ein solches Gedränge, dass das neu angekommene Ehepaar kaum hindurch konnte. Herta spürte auch gar keine Lust dazu. Sie hatte etwas Kopfschmerzen. So blieb sie stehen und sah das bunte Bild an — ohne Abneigung, aber auch ohne Interesse, so wie man etwa in das Getümmel eines Wartesaals auf dem Bahnhof schaut. „O Goot ... die vielen Leute!“ sagte sie, weiter nichts, und folgte dann doch ihrem Gatten auf dem Weg, den er ihr bahnte, bis in das Allerheiligste, den mit unzähligen Photographien und Daguerreotypien, Schlägern, Trinkhörnern, Tierfellen und silbernen Weihgeschenken geschmückten Kneipsaal.
An dessen Schwelle machte auch er suchend Halt. Wohin er blickte, nur fremde Gesichter. Wo waren denn nur die Korpsbrüder seiner vier Semester geblieben? Viel waren es überhaupt nicht gewesen, ein Dutzend im ganzen höchstens. Von denen waren ein paar schon gestorben, andere im Ausland oder sonst am Kommen verhindert. Aber einer oder zwei mussten doch da sein, die mit ihm zusammen das Curonenband getragen ...
„Donnerwetter, Leibfuchs ... hierher angeschwirrt!“ rief neben ihm aus der Ecke ein tiefer Bass. Er drehte sich um und lachte laut auf. „Herrgott ... Mähler ... da bist du ja ... na ... das ist ja famos … erlaub’, dass ich dich meiner Frau vorstelle: mein Leibbursch, der dicke Mähler ... du weisst ja ... ich hab’ dir ja schon viel von ihm erzählt ... na und wo stecken denn nun die übrigen Leute?“
„Nur eine einzige Säule …“ sagte der andere phlegmatisch. „Keiner ist da … ausser mir und jetzt du ... Mögen sie! Wir sind uns genug!“ Er wandte sich an Herta. „Wissen Sie, Korpsschwester: ich hab’ drei Leibsüchse gehabt, aber der da ist der einzige, der was taugte!“
Dabei låchte er über das misstrauisch abwehrende Gesicht, das die junge Frau bei der Anrede mit „Korpsschwester“ machte. Es zuckte belustigt auf seinen weitläufigen, von den weissen Schlängelchen alter Narben geäderten und nur spärlich von Bart bedeckten Zügen, und die kleinen, aber scharfen Augen blickten schläfrig-schlau auf das Ehepaar, während er sich mit dem Taschentuch über den feuchten Kahlkopf fuhr. Denn es war hier innen sehr heiss, besonders für einen Mann, der wie er zwar auffallend gross und breitschultrig, aber noch korpulenter war.
Und sein einstiger Leibfuchs dachte mit einer keifen Regung des Unbehagens, über die er sich selbst kaum Rechenschaft gab: Er ist vor der Zeit klug und dick geworden, der gute Mähler. Natürlich: jeder Mensch entwickelt sich in seiner Richtung weiter. Das, womit er uns seinerzeit so imponiert hat — und einem unklaren, jungen Schwarmkopf wie mir ganz besonders — sein unglaublicher und dabei so gemütlicher und grundgescheiter Egoismus, seine gutmütige und offenherzige Ironie über so ziemlich alles, was es damals Wichtiges für uns gab — das hat sich nun im Lauf der Dinge noch verstärkt. Nur hat man auch selbst einen freieren Blick dafür bekommen. Aber was half das jetzt? „Also wollen wir uns setzen!“ sagte er. „Da ist ja gerade noch ein Platz frei!“
Leopold Mähler blieb noch stehen. „Erlaubt nur,“ meinte er lachend, „dass ich euch vorher mit meinem Hauskreuz bekannt mache: meine Frau Barbara ... mein Leibbursch, Viktor von Brunold, nebst Gemahlin …“
Neben ihm hatte sich eine junge Dame erhoben und lachte, vergnügt und ein wenig befangen, wie ein Mensch, der sich in einer ihm ganz ungewohnten Umgebung, im Tabakrauch, zwischen den Waffen und Trinkhörnern der Männerkneipe, befindet und sich dabei eigentlich sehr wohl fühlt. Und so, kameradschaftlich-heiter, wie sie es bei den anderen gesehen, streckte sie erst dem Regierungsrat die Hand hin, dann seiner Frau. Sie war wohl einen halben Kopf grösser als Herta, sehr schlank und sehr gut angezogen, braune Haare und braune Augen. Und Viktor von Brunold wusste nicht recht: War sie hübsch oder schien sie ihm nur so ... in diesem Augenblick ... und war im nächsten Moment wieder anders und auch wieder hübsch. Ihr Gesichtsausdruck war so wechselnd wie ein Spiegel, in dem die Eindrücke der Aussenwelt wellengleich einander folgten. Das machten die Augen: Die waren so jung und frisch, und don ihnen aus belebte sich das ganze frohe und leichtgerötete Antlitz. Und er dachte sich mit stillem Neid, während man Platz nahm: Dieser Mähler ist doch immer noch derselbe raffinierte Lebenskünstler! Was hat der sich da wieder für eine famose Frau aufgegabelt! Dann sagte er: „Verzeih, — ich wusste gar nicht, dass du verheiratet bist!“
„Schon seit fünf Jahren!“
„Und das hast du mir nicht angezeigt?“
„Doch!“ sagte der andere und fing wieder an, sich seinem Teller mit Kaviar zu widmen, vor dem eine Rotweinflasche stand. „Hab’ ich getan! Aus Moskau! Aber es gingen damals offenbar eine Menge Briefe verloren“
„Was hast du denn in Moskau gemacht?“
„Geld verdient!“
„Eigentlich habt ihr doch genug bei Mähler und Kompanie!“
„Man hat nie Geld genug. Wir haben eine Filiale unserer Berliner Fabrik in Moskau gegründet; die leitete ich und fühlte mich sehr wohl unter den Russen und wäre jetzt noch dort — aber als Ehemann ... die Bärbel,“ er wies mit vollen Backen auf feine Frau, „will durchaus nicht hin! Hilft nichts! Sie geht nun einmal nicht mit!“
Und die junge Frau neben ihm bestätigte: „Nein. Ich tu’s nicht! Moskau ist sicher greulich! Ich will da sein, wo es nett ist!“
„Hier zum Beispiel?“
„Ja! Ach, was hab’ ich mich auf die Tage in Heidelberg gefreut! Und wie hab’ ich meinen Mann plagen müssen, bis er seine Faulheit überwand ...“
„Das nennst du Faulheit! Ich nenn’ es Geschäfte!“
„Nun ja … also beides! die Hauptsache ist doch — du willst von deiner häuslichen Bequemlichkeit nicht los! Aber nun sind wir doch mit Gottes Hilfe hier und ... wahrhaftig, Herr von Brunold: ich trinke so gut wie gar keinen Wein — aber seit ich hier bin, ist es mir vom Morgen bis zum Abend, als hätte ich einen leichten Schwips! So vergnügt bin ich! Ich möchte immer trällern und untergefasst mitten auf der Strasse gehen und mit dem Stock in der Luft fuchteln, wie die jungen Studenten überall!“
„O Bärbel! Bärbel!“ sagte ihr Mann kopfschüttelnd und mit seinem Kaviar beschäftigt.
„Jawohl!“ Sie achtete nicht auf ihn, sondern wandte sich, wie nach Bestätigung suchend, an Herta, die teilnahmlos dasass. „Ich denk’ es mir jetzt alle Tage: Wenn ich wieder auf die Welt komme, werd’ ich ein Mann! Dazu bin ich fest entschlossen! Ihr wisst es ja gar nicht, wie gut ihr es habt!“
„Geplagte Ehemänner sind wir! erwiderte Leopold Mähler phlegmatisch blinzelnd und kaute.“
„Nein — blasiert seid ihr! Ihr habt alles gehabt und alles genossen und könnt euch nun gar nicht in die Lage derer hineindenken, denen es nicht so gut im Leben gegangen ist — ja — lächle nur so überlegen … Sagen Sie, Herr von Brunold: ist Leopold denn immer so furchtbar blasiert gewesen?“
„Immer! So wie jetzt hat er schon vor fünfzehn Jahren hier auf derselben Stelle gesessen und still was Gutes verzehrt und sich sein Teil gedacht, wenn die anderen sich über Gott weiss was ausregten …!“
„Und Sie — waren Sie auch so?“
Er musste lachen und verneinte lebhaft. Und das konnte man ihm auf den ersten Blick glauben. Er hatte jetzt noch eine warmblütige Jugendsrische an sich, als sei nicht ein halbes Menschenalter vergangen, seitdem die silbergraue Mütze der Curonen zuletzt auf seinem braunen, dichten Haar gesessen — einen Drang, zu erleben und sich mitzuteilen, auf Menschen zu wirken und sie auf sich wirken zu lassen. Und Bärbel Mähler nickte. „Ja. Ihnen glaub’ ich’s, dass Sie einmal des Nachts Laternen ausgelöscht und Ladenschilder abgehoben haben! Mein Mann hat sicher nur dabei gestanden und von ferne zur Schläue und Vorsicht gemahnt ...“
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