Kitabı oku: «Unser Sommer im Mirabellengarten»
Rumer Godden
Unser Sommer im Mirabellengarten
Roman
Aus dem Englischen von Elisabeth Pohr
Kampa
I
Immer wieder, während des ganzen heißen Augusts in Frankreich, überaßen wir uns an den Mirabellen. Joss und ich fühlten uns schuldig. Wir waren noch in dem Alter, in dem wir Gier für ein kindliches Laster hielten, und diese Annahme gab unserem Schuldgefühl einen Beigeschmack von Hoffnungslosigkeit, denn bis dahin hatten wir geglaubt, dass wir unsere Laster mit den Jahren verlieren würden. Aber keines von ihnen verschwand. Hester schämte sich natürlich gar nicht, Will – der damals noch Willymaus genannt wurde – und Vicky waren noch zu klein, um auch nur die untersten Zweige zu erreichen, aber sie fanden die heruntergefallenen Früchte im Gras. Uns allen war es streng verboten, auf die Bäume zu klettern.
Der Garten von Les Œillets war dreigeteilt: Zuerst kam die Terrasse und der von Kieswegen durchzogene Garten, der das Haus umgab; dahinter und durch eine niedrige Buchsbaumhecke von ihm abgetrennt lag die Wildnis mit ihren Statuen und zugewachsenen Pfaden, und zwischen der Wildnis und dem Fluss der von hohen Mauern umgebene Obstgarten. Ein blau gestrichenes Tor am Ende der Mauer führte zum Ufer des Flusses.
Uns erschien der Obstgarten riesengroß, und er mag es auch wirklich gewesen sein, denn die Mirabellenbäume allein bildeten sieben Alleen. In dem hohen Gras unter ihnen lag selbst in diesem brennend heißen Sommer den ganzen Tag lang der Tau. Die Bäume waren alt, krumm, mit Flechten und Moos bedeckt, aber ihre Früchte werde ich nie vergessen. Im Speisesaal des Hotels baute sie Mauricette auf den mit Weinblättern ausgelegten Desserttellern zu wundervollen Pyramiden auf. »Reines-claudes«, sagte sie deutlich, sooft sie den für uns bestimmten Teller auf den Tisch stellte, damit wir uns den Namen der Früchte einprägten, aber wir hatten uns an ihnen schon vorher so satt gegessen, dass wir nicht zugriffen. Im Obstgarten brauchten wir die Früchte nicht zu pflücken – sie fielen von den Bäumen in unsere Hände.
Im Schatten sah man, dass die Mirabellen mit einem blassblauen Reif bedeckt waren, aber in der Sonne leuchtete das Fruchtfleisch bernsteinfarben durch die hellgrüne Haut. Wenn diese geplatzt war, schmeckte der Saft besonders warm und süß. Kein Wunder, dass wir, die aus den Straßen und kleinen Vorgärten von Southstone kamen und noch nie einen Obstgarten gesehen hatten, viel zu viele aßen.
»Die übliche Sommerkrankheit«, sagte Mademoiselle Zizi.
»Magenverstimmung«, sagte Madame Corbet.
Ich weiß nicht, ob es das eine oder das andere Leiden war, aber von da an hieß es in unserer Familie nur der »Mirabellensommer«.
»Wenn jemand die Geschichte dieses Sommers aufschreiben sollte, dann du«, sagte ich zu Joss, »denn sie ist hauptsächlich dir passiert.« Aber Joss sagte: »Ausgeschlossen«, wie sie immer alles ablehnt oder mit sich allein ausmacht, sodass niemand weiß, was sie wirklich denkt.
»Du bist es doch, die so gern in Worten schwelgt«, fuhr sie fort. »Und außerdem …«, sie machte eine kleine Pause, »… ist sie dir genauso passiert wie mir.«
Darauf wusste ich keine Antwort. Ich bin jetzt erwachsen – oder doch beinahe erwachsen –, »und wir können es noch immer nicht vergessen!«, sagte Joss.
»Die meisten Menschen erleben … das … nicht einmal in dreißig oder vierzig Jahren«, sagte ich zu unserer Verteidigung.
»Die meisten Menschen erleben es überhaupt nicht«, sagte Joss.
Wenn ich das, womit ich gerade beschäftigt bin, für einen Augenblick unterbreche, wann immer ich still sitze oder nachts wach liege, was seit damals immer wieder vorkommt, und meine Gedanken kreisen lasse, bin ich zurück in Les Œillets. Ich rieche noch immer den heißen Staub und den kühlen Putz der Mauern, den Duft von Jasmin und sonnenbeschienenen Buchsbaumblättern und von Tau im hohen Gras, das Aroma von Monsieur Armands Kochkünsten, das Haus und Garten erfüllte, und die Gerüche von dem Haus selbst, nach feuchter Wäsche und Möbelpolitur, in die sich immer auch ein bisschen der Gestank der Kanalisation mischte. Ich höre noch immer die Geräusche, die anscheinend nur in Les Œillets zu hören waren: das Rauschen der Pappeln entlang der Hofmauern, das Plätschern einer Wasserleitung in der Küche, vermischt mit dem Klang schriller französischer Stimmen, das dumpfe Getrommel, das Rex mit seinem Schweif auf dem Fußboden vollführte, und andere Klopflaute, wenn jemand unten am Fluss Wäsche wusch; das Tuten der flussaufwärts fahrenden Schleppkähne und Mauricettes tonlosen Singsang – sie sang immer durch die Nase –, das rasche, schnatternde Französisch, in dem sich Toinette und Nicole von Fenster zu Fenster im ersten Stock miteinander unterhielten, die fernen, gedämpften Geräusche des Städtchens und – ganz nah – den Plumps eines springenden Fisches oder einer zu Boden fallenden Mirabelle.
»Aber ihr seid doch sehr froh gewesen, wieder zurückzukommen«, sagte Onkel William.
»Wir sind nie zurückgekommen«, sagte Joss.
Das Sonderbare an der Sache ist, dass Joss und ich, als alles in Les Œillets vorüber war, noch immer sechzehn und dreizehn Jahre alt waren – genauso alt wie an jenem erstickend heißen Abend Anfang August, an dem wir ankamen. Wir – das waren Mutter, Joss, Hester, die beiden Kleinen, Willymaus und Vicky, und ich: Cecil. Es muss neun Uhr abends gewesen sein.
»Warum kommt ihr so spät?«, fragte Mademoiselle Zizi. »Tagsüber verkehren genug Züge.«
»Wir wollten in der Gare de l’Est warten, bis sich Mutters Zustand gebessert hat.«
»Aber er hat sich nicht gebessert«, sagte Willymaus.
»Und wir hatten den ganzen Tag nichts zu essen«, sagte Vicky. »Nichts als Brot und ein bisschen scheußliche Wurst.«
»Und die Orangen, die wir auf die Reise mitgenommen hatten«, sagte Hester, die in allen Dingen sehr genau ist. »Zwölf Orangen. Wir haben sie im Zug gegessen.«
Mademoiselle Zizi schauderte, und mich ließ der Gedanke, in die Kategorie jener Familien eingeordnet zu werden, die im Zug Orangen essen, vor Scham erröten.
Vor dem Bahnhof standen keine Taxis, aber nach einer verweifelten Viertelstunde, an die ich nicht gern denke – der ganze Tag war wie ein böser Traum gewesen –, fand sich ein Träger, der bereit war, unser Gepäck auf einem Handkarren ins Hotel zu bringen.
Als unsere kleine Prozession den Bahnhof verließ, begann es zu dämmern. Männer kamen vom Angeln zurück, Frauen standen plaudernd in den Haustüren oder in ihren sonderbar ordentlich angelegten Gärten, wo Gladiolen und Zinnien, die im Zwielicht seltsame Färbungen annahmen, hinter Eisengittern zu schweben schienen. »Franzosen haben keine Gärten«, sagte Onkel William später einmal, »sie züchten Blumen.« Kinder spielten auf den Straßen. Willymaus und Vicky starrten sie verwundert an. Ich glaube, sie bildeten sich ein, die einzigen Kinder auf der ganzen Welt zu sein, die zu so später Stunde noch nicht im Bett waren.
Rings um uns war der Trubel der fremden Stadt, der fremden Häuser und fremden Straßen. Auch wir wurden angestarrt, aber wir fühlten die Blicke der Leute nicht. Wir fühlten gar nichts. Unsere Körper schienen nicht zu uns zu gehören, sondern getrennt von uns weiterzulaufen, während wir wie die Blumen im Dämmerlicht schwebten. Vielleicht waren wir zu müde, um irgendetwas fühlen zu können.
Der Handkarren holperte über das Straßenpflaster, das wir als unverkennbar französisch erkannten, obwohl wir nie zuvor auf solchem Pflaster gegangen waren. Sooft der Träger in eine neue Straße einbog, stöhnte Mutter leise auf. Der Weg erschien uns endlos, und als wir schließlich die Pforten des Hotels erreichten, brannte bereits Licht in den Häusern, und die meisten Türen waren geschlossen. In Les Œillets wurden die Hunde jeden Abend um neun Uhr ins Freie gelassen, die äußeren Tore geschlossen, und nur eine kleine Pforte blieb offen, durch die der Handkarren nicht einfahren konnte. Wir mussten, noch immer von unseren Körpern losgelöst, warten, während der Träger läutete.
Wir hörten das Klingeln und gleich darauf tiefes Hundegebell. Damals kannten wir Rita und Rex natürlich noch nicht, aber wir wussten sofort, dass es das Bellen großer Hunde war. Zwei Stimmen geboten ihnen Ruhe, eine schrille weibliche und die tiefere Stimme eines Mannes – oder eines Jungen, der mit der Stimme eines Mannes sprach. Diese Vermutung erwies sich als richtig, denn es war ein großer Bursche, der schließlich erschien. Seine weiße Schürze, die wir schimmernd auf uns zukommen sahen, schlappte um seine Beine, seine Schuhe schlappten auch, und eine Strähne seines Haars fiel ihm über die Augen, als er sich vorbeugte, um den Riegel zurückzuschieben. Er hielt die Gartentür für uns auf, und als wir an ihm vorbeigingen, schlug uns ein Geruch entgegen von Schweiß, Zigaretten und … »Sind das Zwiebeln?«, flüsterte ich.
»Nein, Knoblauch«, flüsterte Hester zurück. »Erinnerst du dich nicht an die Wurst in der Gare de l’Est?« Der Bursche war schmutzig, ungepflegt und lächelte nicht.
Dann gingen wir in das Hotel und – »Guter Gott! Ein ganzes Waisenhaus!«, sagte Eliot.
Bei einer späteren Gelegenheit entschuldigte er sich für diese Äußerung. »Ihr hattet doch alle graue Flanellkleider an«, sagte er und fragte: »Warum hattet ihr alle graue Flanellkleider an?«
Hester schaute zu ihm auf. »Vielleicht waren Sie sehr lange nicht in England«, sagte sie leise. »Es waren unsere Schuluniformen.«
In England waren wir – Joss ausgenommen – stolz auf sie gewesen. Es gibt zwei Kategorien von Familien: Für die einen bedeutet die Schuluniform eine Verschlechterung, sie gibt ihnen das Gefühl, genauso zu sein wie jedermann sonst; die anderen empfinden sie als eine Verbesserung, als eine bessere, vollständigere Ausstattung, als sie je zuvor besessen haben. Wir gehörten zu der zweiten Kategorie. Die graue Jacke und die kurze Hose für Willy, unsere von St. Helena vorgeschriebenen grauen Mäntel, Röcke und Hüte waren unsere besten Kleider, die einzigen, die sich für eine Reise eigneten.
»Andere Mädchen haben noch andere Kleider«, sagte Joss oft.
»Nicht wenn ein Onkel William sie bezahlt«, sagte Mutter.
Im Augenblick schossen Joss’ Augen hasserfüllte Blitze auf Eliot, obwohl man von ihm nicht erwarten konnte zu wissen, wen er vor sich hatte. Unsere Schulhüte hatten die Form von Suppentellern. Vicky sah mit ihrem aus wie ein Pilz mit zwei Beinen, wogegen Joss’ Hut auf ihren vielen dunklen Haaren zu klein wirkte und, da er ihre Stirn frei ließ, sie fast hässlich erscheinen ließ; auch war der Faltenrock zu kurz.
Natürlich ereigneten sich noch sehr viele Dinge, ehe Eliot dazu kam, sich wegen seiner Bemerkung über das Waisenhaus zu entschuldigen. Er trat überhaupt erst viel später in Erscheinung, aber es ist immer Eliot, an den wir uns erinnern, wenn wir an unsere Ankunft in Les Œillets denken. Er war der Lichtpunkt des Abends.
»Als er kam, war nichts mehr schrecklich«, sagte Hester, aber ich musste hinzufügen: »Außer dem ganz Schrecklichen!«
II
»Was? Nur zwei Pässe?«, rief Mademoiselle Zizi, als ich am nächsten Morgen unsere Reisedokumente ins Büro brachte. »Meine Schwester Joss hat ihren eigenen Pass, wir anderen sind in dem meiner Mutter eingetragen.« Es war mir entsetzlich unangenehm, dies sagen zu müssen. Der Hotelbursche, der uns eingelassen hatte, hörte jedes Wort – er hieß Paul, wie wir jetzt wussten. Während er das Messinggitter polierte, konnte er auf unsere Pässe hinunterschielen, und seine verächtliche Miene verriet deutlich, dass er sich nie damit abfinden würde, mit dem Pass seiner Mutter zu reisen.
Ich hatte für meinen eigenen Pass gekämpft. »Warum kann Joss einen haben und ich nicht?«
»Sie ist sechzehn«, hatte Mutter gesagt. »Du vergisst, wie jung du bist.«
Je drei Jahre trennten uns Kinder voneinander – Vaters Forschungsreisen dauerten gewöhnlich drei Jahre –, aber Joss und ich waren stets »die Großen«, so wie Willymaus und Vicky »die Kleinen« waren, während Hester sich in einer Art Niemandsland zwischen uns allen befand. Joss-und-Cecil – das war immer ein einziges Wort gewesen, das allerdings mit sich gebracht hatte, dass ich manchmal älter sein musste, als ich sein konnte. Jetzt war ich selbst in eine Art Niemandsland verwiesen. Ich sah ein, dass dieser Umstand unvermeidlich war – mit dreizehn Jahren ist man gar nichts, nicht Kind, nicht Frau, nichts … offiziell Deklariertes, dachte ich, wie Joss es jetzt war –, aber ich fühlte mich zurückgesetzt, und das tat weh. Der eigene Pass war eine offizielle Bestätigung der Position, die Joss jetzt einnahm. Sie war so selbstverständlich in sie hineingerutscht und hatte mich zurückgelassen, wie sie aus unserem gemeinsamen Schlafzimmer in ihr eigenes übergesiedelt war. »Es gibt gewisse Dinge …«, hatte Mutter mit Absicht vage angedeutet – obwohl sie wusste, dass ich natürlich ganz genau wusste, um was für Dinge es sich handelte – und hatte Willymaus und Joss die Schlafzimmer tauschen lassen, sodass er nun mein Zimmergenosse war.
Selbstverständlich wäre Hester viel passender für mich gewesen, aber sie konnte nicht von Vicky getrennt werden. »Ich muss nämlich mit meinem Fuß in ihrem Bett schlafen«, sagte Hester.
»Mit dem ausgestreckten Fuß in ihrem Bett?«, fragte ich.
»Ja, sonst schläft sie nicht ein.«
»Ist dir denn nicht kalt?«
»Nur manchmal«, sagte Hester und beschwor mich, Mutter kein Wort davon zu sagen. Obwohl die im Haus herrschende, meistens friedliche Atmosphäre in der Hauptsache Hester zu verdanken war, konnte ich mich eines Schrecks nicht erwehren. Ich versuchte, Vicky ins Gewissen zu reden. »Wie kann ich denn sonst wissen, dass sie da ist?«, fragte Vicky, als ob das eine Rechtfertigung wäre.
»Es ist aber sehr ungezogen!«
»Es macht mir nichts aus, ungezogen zu sein«, sagte Vicky.
Durch unsere Familie hätte man eine Linie ziehen können, auf deren einer Seite Hester, Vicky und ich, auf deren anderer Joss und Willymaus standen. Unser Nachname war Grey. Ich hätte es ja vorgezogen, Shelmerdine zu heißen oder de Courcy oder ffrench mit kleinem »ff«, oder einen Doppelnamen mit Bindestrich wie Stuyvesant-Knox zu führen, aber wir hießen einfach Grey. »Immer noch besser als Bullock«, sagte Joss. Ganz waren wir aber nicht davongekommen, denn Onkel William ist ein Bullock, William John Bullock, und Vicky, Hester und ich sind genauso unverkennbare Bullocks wie er: klein, plump, mit rosigen Gesichtern und Augen, die so blau sind wie Rittersporn.
Das war für Hester und Vicky nicht schlimm, denn alle Bullocks waren als Kinder hübsch. Vicky mit ihrem hellblonden Haar und dem festen, perlfarbenen kleinen Körper war bezaubernd, und Hester hatte sich mit dem Lockenkopf und der Rosigkeit den Reiz ihrer frühesten Kindheit bewahrt. Aber bei mir hatte sich die kindliche Rundlichkeit in Onkel Williams derbe Untersetztheit ausgewachsen, mein blondes Haar war dunkler und fahler geworden, die Rosigkeit einer frischen Röte gewichen. Man konnte unmöglich gewöhnlicher aussehen als Onkel William, und ich hätte so gern aufsehenerregend ausgesehen. Warum war es mir nicht von Geburt an vergönnt, so auszusehen wie Joss, so zu sein wie Joss? Joss und Willymaus waren schlank, dunkelhaarig, und ihre Haut hatte die Farbe von Elfenbein, wodurch ihre Wimpern und Haare noch dunkler erschienen. »Wie Schneewittchen«, konstatierte Hester mit der einzigen Spur Neid, die ich je an ihr bemerkt habe. Außerdem wirkten beide ungewöhnlich apart: Willymaus hatte das spitze Gesicht eines Elfen und Joss die mandelförmigen Augen, denen sie ihren Kosenamen verdankte. »Weil die Chinesen Schlitzaugen haben«, sagte Joss.
»Angeblich!«, belehrte sie Vater, als er einmal zu Hause war. »Die meisten Chinesen haben genauso gerade Augen wie andere Menschen.«
»Auf chinesischen Bildern haben sie immer Schlitzaugen«, sagte Joss, die alles zu wissen glaubte, was Bilder betraf. Sie und Willymaus waren gleichermaßen begabt und eingebildet. Joss beschäftigte sich ernsthaft mit Malerei, und Willymaus hatte ein Hobby, das wir »Dressur« nannten. Es dauerte Jahre, bevor wir herausfanden, dass dieser Ausdruck eher mit Pferden als mit Kleidern zu tun hat. Willys Skizzenbücher, sein Handwerkskasten und die Puppen, über die sich Onkel William so entsetzte – »Puppen! Großmächtiger Gordon!« –, gehörten zu diesem Hobby. Die Bücher enthielten eine Sammlung von Modebildern, Entwürfen für Kleider und Stoffmuster; den Arbeitskasten mit seinen Scheren und Stecknadeln brauchte Willymaus, um seine Entwürfe auf den Puppen zu drapieren – »Ich nähe nicht selbst«, sagte er, »das wird in meinem Atelier erledigt werden!« –, und die Puppen Miss Dawn und Dolores. Seine Modelle waren keine gewöhnlichen Puppen, sondern hölzerne Figuren mit beweglichen Gelenken, wie sie von Malern und Bildhauern benutzt werden. Onkel William hatte sie Joss für ihre Malstudien geschenkt, aber zu Mutters Bestürzung wollte sie sie nicht einmal berühren, während Willymaus sie sofort in Beschlag nahm. Mit uns kleinen Bullocks konnte Mutter leicht fertigwerden, obwohl wir oft ungezogen und widerspenstig waren – »Das ist nichts Ungewöhnliches«, sagte Mutter –, aber mit Joss und Willymaus erging es ihr, als ob sie in unserem stillen Bauernhof zwei junge Schwäne ausgebrütet hätte. »Was immer ich tue, ist falsch!«, sagte unsere arme Mutter.
Und so schien es wirklich zu sein. Als Joss zum Beispiel geklagt hatte, die Zeichenlehrerin in St. Helena tauge nichts, hatte Mutter sie an einem Fernkurs eines Lehrgangs in London teilnehmen lassen, aber das hatte zu Schwierigeiten geführt. »Lieber Mr A …«, hatte Joss nach der zweiten Lektion an ihren fernen Meister geschrieben, »ich sende Ihnen, wie Sie wünschten, die Zeichnung einer Blume, für die ich eine Kreuzkrautblüte als Vorlage benutzt habe, und die Skizze einer Frau – meiner Mutter –, aber einen nackten Mann habe ich leider nirgends auftreiben können.«
Bei Joss und Willymaus bekam sogar der Name Grey eine gewisse Eleganz. Joanna und William Grey machten sich als Namen ganz gut, aber Cecil oder Victoria Grey? Beides klang gleichermaßen nichtssagend, während Hester Grey immerhin ganz gut zu Hester passte.
War es von Anfang an unfair gewesen, mich so weit hinter Joss zurückzulassen, fand ich es jetzt, wo Joss »erblüht« war – wie die Leute sagen, wenn sie von jungen Mädchen sprechen –, besonders unfair, da ich einsah, dass es das richtige Wort war. Sie war wie ein Baum oder ein Zweig, an dem plötzlich alle Knospen aufgebrochen waren.
Sie wollte sich nicht mehr vor mir ausziehen, und ich war ganz froh darüber, denn mein rosiger Kinderkörper war von oben bis unten noch immer ganz eben, während sie eine Taille hatte, die so schlank und geschmeidig war, dass ich nicht anders konnte, als sie anzustarren und ihre Kurven zu bewundern, die sich in ihren schlanken Beinen verjüngten. Sie hatte schwellende Brüste, und ich wusste genau, wie weich und zart sie waren, denn einmal hatte ich sie aus Neugierde berührt, aber Joss war aufgesprungen und hatte mich angeschrien. Je mehr sie heranwuchs, desto reizbarer wurde sie. Sie neigte zu Wutausbrüchen, die manchmal geradezu absurd waren, und ihre Rastlosigkeit erweckte den Eindruck einer ständigen Erregung, was umso sonderbarer wirkte, als ihre Miene immer gleichmäßig heiter und zurückhaltend war. Fast geheimnisvoll erschien mir ihr Ausdruck, denn nur das leiseste Erröten ihrer Wangen verriet die Erregung in ihrem Innern. »Ist Joss schön?«, fragte ich mit einem Stich im Herzen.
»Nur jetzt«, sagte Mutter, »nur gerade jetzt.«
Ich versuchte verzweifelt, meine Position neben Joss zu behaupten. Cecil de Courcy, de Haviland, Cecil du Guesclin, Winnington-Withers … Winter. Das war ein schöner Name, und ich nahm mir vor, mich seiner zu bedienen, wenn ich Schriftstellerin oder Nonne geworden sein würde: Cecil Winter, Schwester Cäcilia Winter. Aber ich war weder eine Schriftstellerin noch eine Nonne und wusste auch noch gar nicht, ob ich jemals das eine oder das andere werden würde. Derzeit glich ich mehr einem Chamäleon, das seine Farbe von der Umwelt empfängt, und als ich sah, dass Mademoiselle Zizis Lippen zuckten, als sie unsere Namen in Mutters Reisepass las, wurde ich schamrot – genauso wie am Vorabend, als Hester verriet, dass wir im Zug Orangen gegessen hatten. Der Pass hatte kaum genug Seiten für uns alle.
»Was hast du dir nur dabei gedacht, die ganze Kinderschar quer durch Frankreich zu jagen?«, fragte Onkel William später.
»Von Jagen kann gar keine Rede sein«, sagte Mutter. »Wir sind langsam mit dem Zug gefahren.« Manchmal schien Mutter nicht älter zu sein als Hester, und dieser Reisepass mit dem einzigen Stempel wirkte trotz der vielen Namen geradezu kindisch.
»Et votre père?«, fragte Madame Corbet.
»Ja! Wo ist euer Vater?«, fragte Mademoiselle Zizi.
»In Tibet«, sagte Hester.
»In Ti-bet?«
Ohne Hester, die nie gelernt hat, mit Bedacht zu agieren, hätte ich die Situation besser gelöst. Es war sonderbar, dass ich immer wünschte, man würde uns nicht für gewöhnliche Leute halten, aber sehr zu meinem Verdruss über und über rot wurde, sooft sich herausstellte, dass wir kein bisschen ungewöhnlich waren.
»Juste ciel! Was macht er denn in Tibet?«, fragte Mademoiselle Zizi.
»Blumen pflücken«, sagte Hester.
»Blumen pflücken!«, wiederholte Mademoiselle Zizi auf Französisch, und Paul lachte höhnisch auf, was mich dazu veranlasste, ihn streng anzufahren: »Il est botaniste!«, was beinahe wie ein wirklicher französischer Satz klang. »Er ist auf einer Forschungsreise«, fügte ich auf Englisch hinzu. »Das ist er fast immer«, sagte Hester.
Mademoiselle Zizi und Madame Corbet sahen einander an. »Mon Dieu! Mon Dieu! Et quoi?«, sagte Madame Corbet. »Il n’y a personne pour s’occuper de tout ce monde-là?«
Ohne auf unsere Anwesenheit die geringste Rücksicht zu nehmen, fingen sie an, sich in ihrer Muttersprache über uns zu unterhalten. »Sie sind noch nie zuvor in Frankreich gewesen«, sagte Mademoiselle Zizi, nachdem sie einen Blick in die Pässe geworfen hatte.
»Sie sind überhaupt noch nirgends gewesen«, bemerkte Madame Corbet.
»Das ist nicht richtig!«, entgegnete ich hitzig. »Meine Schwester Joss ist in Indien zur Welt gekommen, nur ist Mutters Reisepass abgelaufen – das ist alles.« Aber sie hörten mir nicht zu.
»Und Französisch sprechen sie auch nicht!«
Das verletzte mich, denn bis dahin hatte ich mir eingebildet, dass Joss und ich – besonders aber ich – sehr gut Französisch sprachen. »Kein Wunder! Du hast genug gelernt«, pflegte Joss zu sagen, was gar nicht nett von ihr war, denn in St. Helena war das Auswendiglernen französischer Gedichte die häufigste Strafaufgabe.
»Mach dir nichts draus«, flüsterte Hester. »Du siehst doch, wie es dir hilft, dass du in der Schule nicht gut gewesen bist.« Tatsächlich war Französisch die einzige Sache, in der ich jemals besser als Joss gewesen war, und die Stunden, die ich damit verbracht hatte, »Le temps a laissé son manteau«, »De vent, de froideur et de pluie«, »Mignonne, allons voir si la rose« und die Gedichte von Verlaine, die ich mit der Zeit so sehr liebte, auswendig zu lernen, kamen mir jetzt sehr zugute. Während des ganzen schrecklichen Tages war ich imstande zu verstehen, was die Leute sagten, und tatsächlich war es viel eher ich gewesen als Joss, die uns alle sicher nach Les Œillets gelotst hatte. Ich konnte Französisch sprechen, aber Paul – der zu wissen schien, was mir durch den Kopf ging – schniefte, fuhr sich mit dem Finger über die Nase und wischte ihn an seinem Hosenboden ab, was einen sehr ungezogenen Eindruck machte.
»Niemand kann von uns erwarten, dass wir uns um sie kümmern«, sagte Madame Corbet.
»Wir können uns um uns selbst kümmern«, sagte ich würdevoll. »Wir sind keine kleinen Kinder.«
Mademoiselle griff nach Joss’ Reisepass, warf einen Blick hinein und schleuderte ihn auf den Schreibtisch. »Sechzehn! Ein Kind!«, sagte sie und fragte mich dann auf Englisch: »Habt ihr denn gar keine Verwandten? Gar niemanden, der herkommen könnte?«
Bevor ich es verhindern konnte, hatte Hester geantwortet: »Onkel William.«
Onkel William ist Mutters Bruder und zehn Jahre älter als sie … »Es könnten ebenso gut hundert sein«, sagte Joss. Die meisten Erwachsenen sind wie Eisberge: drei Zehntel sichtbar, sieben Zehntel unter Wasser – darum ist ein Zusammenstoß mit ihnen auch so unerwartet schmerzhaft –, aber Mutter war wie ein Kind, leicht zu durchschauen, ehrlich und zugänglich … »für jeden Taugenichts«, pflegte Onkel William zu sagen.
Manchmal fragte ich mich, ob er auch Vater in diese Kategorie der Taugenichtse einreihte, aber er äußerte sich nicht dazu, obwohl Onkel William mit seiner Meinung selten hinter dem Berg hielt. »Wenn ihr auf mich gehört hättet!«, war sein Lieblingssatz. Ich glaube nicht, dass Mutter auf ihn gehört hat, als sie Vater heiratete, aber als sie Joss aus Indien heimbrachte – weil man Babys nicht auf Forschungsreisen mitnehmen kann –, ist er ihr doch entgegengefahren und hat sie nach Southstone gebracht … »Und in die Belmont Road«, sagte Joss bitter.
»Woher wussten wir, dass es hassenswert ist«, fragte sie später, »wenn sich doch alle unsere Erinnerungen auf Southstone beschränken?« Wir konnten das hässliche kleine Haus mit Rauputz, den falschen Tudor-Giebeln und den Bleiglasfenstern nicht ausstehen und schämten uns dafür. »Blödsinnig, Glas in so viele kleine Stücke zu zerschneiden«, sagte Willymaus, aber es war eines von Onkel Williams Häusern – er besaß mehrere in Southstone –, und er war gütig genug, uns darin wohnen zu lassen. »Er ist so gütig!«, sagte Mutter und seufzte.
Onkel William verwandte viel Geld, Zeit und Mühe auf uns Kinder – »Und Wörter«, sagte Hester. »Haufenweise Wörter!« –, während Vater nur in großen Zeitabständen nach Hause kam und auch dann kaum je von seinen Farn- und Orchideensammlungen aufblickte, um seine Frau und Kinder anzusehen. Ich bin nicht ganz überzeugt, dass er die beiden Kleinen voneinander unterscheiden konnte, und dennoch liebten wir ihn und erwarteten sehnsüchtig seine Heimkehr. Wir liefen uns die Füße platt, um Botengänge für ihn zu verrichten, und waren stolz darauf, zu ihm zu gehören. »Na schön«, sagte Hester. »Wenn Onkel William alt sein wird, werde ich eben für ihn sorgen.«
Brauchten wir Onkel William? Ich war mir nie ganz klar darüber, ebenso wenig wie ich je herausfand, ob Mutter sehr dumm oder sehr klug war. Sie war völlig außerstande, mit Willymaus fertigzuwerden. »Er sagt, er will sie nicht tragen«, sagte sie und ging in die Schule, um seine neue Kappe zurückzugeben.
»Dann darf er nicht mehr in die Schule kommen«, sagte der Direktor.
Mutter besprach die Angelegenheit mit Willymaus, und … »Er zieht es vor, nicht mehr in die Schule zu gehen«, sagte Mutter, und Willymaus blieb der Schule fern, bis Onkel William davon hörte.
»Warum kann ich nicht in eine Mädchenschule gehen?«, fragte Willymaus. »Sie haben keine Kappen, und ich könnte vielleicht meinen Muff tragen.«
»Großmächtiger Gordon!«, sagte Onkel William.
Der Muff war aus weißem Pelz und mit Satin gefüttert. Willymaus hatte ihn mit dem Geld gekauft, das Onkel William ihm zu seinem fünften Geburtstag geschenkt hatte.
»Was hast du dir gekauft, mein Junge? Einen Kricketschläger? Eine Eisenbahn?«
»Einen Muff«, sagte Willymaus.
»Großmächtiger Gordon!«, sagte Onkel William. Wir haben nie herausgefunden, wer dieser Gordon war, aber Willymaus veranlasste Onkel William sehr oft, ihn anzurufen oder zu sagen: »Ein einziger Junge in dem ganzen Wurf, und der ist kein Junge!«
Willymaus war damals noch klein, aber ich glaube, wir selbst hätten uns manchmal gewünscht, einen richtigen Jungen zum Bruder zu haben. »Er ist eben Willymaus«, sagte Mutter. So verstand sie ihn, wie sie jeden von uns – sogar Joss – auf ihre Art verstand. Vielleicht wären wir weniger unzufrieden und ungezogen gewesen, wenn unsere Erziehung ihr allein überlassen geblieben wäre.
Wenn ich zurückdenke, vermute ich, dass wir unzufrieden waren, weil wir uns in Southstone niemals wohlfühlten, und dass unsere Ungezogenheit dieser Unzufriedenheit zuzuschreiben war. Es war, als hätte man uns in eine Modellierform hineingepresst, in die wir nicht passten. Vor allem waren wir viel ärmer als die Leute, die wir kannten – arm schon deshalb, weil wir Onkel Williams Schwester, Nichten und Neffe waren. Andererseits hatten wir diesen seltsamerweise immer abwesenden Vater, während die Väter anderer Kinder in Büros gingen, Züge erreichen mussten und Mitglieder des Sussex Club waren. Auch Mutter war nicht wie andere Mütter, sie war überhaupt nicht wie eine Erwachsene. Sie war offensichtlich lieber mit Vicky, Willymaus oder einer von uns anderen zusammen, statt Bridge zu spielen, Wohltätigkeitsbasare zu organisieren oder mit den Damen der guten Gesellschaft von Southstone zum Vormittagskaffee, Mittagessen oder Tee zusammenzukommen. Wenn wir in einem der großen roten Ziegelhäuser mit den weiten Rasenflächen, Lorbeersträuchern und sorgfältig kiesbestreuten Auffahrten zum Tee geladen waren, fühlten wir uns wie Eindringlinge – mit Ausnahme von Hester, die überall zu Hause war. Wir waren anders, gehörten dazu und doch wieder nicht, und Außenseiter zu sein ist ein unbehaglicher Zustand. Wir wollten gar nicht dazugehören, fühlten uns aber gedemütigt, weil wir nicht dazugehörten. Jetzt weiß ich, dass es für uns nicht gut war, in Southstone zu leben. In einer anderen, größeren Stadt, in London etwa, wären wir vielleicht keine Außenseiter gewesen.
»In London«, sagte Joss träumerisch, »kann man irgendwer sein. Man weiß nie, neben wem man sitzt. Es kann ebenso gut ein Bettler sein wie ein Herzog.«
»Oder ein Dieb«, sagte Onkel William, der sehr bestimmte Ansichten über London hatte.
»Southstone …«, fing ich an.
»Ist der Ort, in dem du lebst«, sagte Onkel William.
»In Southstone«, sagte ich verzweifelt, »ist alles mittel, mittel, mittel!« So war es auch. Es gab weder Bettler noch Herzöge. »Nur Mittelmäßigkeiten!«
»Mein liebes Kind, so ist die Welt.«
»Die ganze Welt besteht doch nicht aus Mittelmäßigkeiten«, sagte Joss.
»Aber der größte Teil! Warum solltet ihr anders sein?«
Wir konnten keinen Grund dafür angeben, wussten aber und fühlten mit jedem Herzschlag, dass wir anders waren. »Wie werden wir jemals aus Southstone wegkommen?«, fragte ich Joss in meiner Verzweiflung.
Dann waren wir sehr frech zu Mutter, was zur Folge hatte, dass sie mit uns nach Vieux-Moutiers und Les Œillets fuhr.
Ich weiß nicht genau, wie sie darauf kam. Wahrscheinlich waren Joss und ich ungewöhnlich widerspenstig und schwierig gewesen, denn ich folgte neuerdings Joss’ Beispiel, tyrannisierte Mutter, ging abscheulich mit Hester um, fuhr die Kleinen an und kritisierte alles. Nicht nur aus Gewohnheit, sondern auch ganz grundsätzlich war ich auf Joss’ Seite.
»Oh, Mutter! Du bist so langsam!«
»Müssen wir ausgerechent so einen widerlichen alten Teekannenwärmer haben?«
»Musst du diesen Hut tragen?«
Ich glaube, zu dieser Zeit war sie nur glücklich, wenn sie mit Willymaus und Vicky allein war. Sie und Hester ähnelten einander zu sehr, um zu wissen, ob sie sich glücklich oder unglücklich fühlten, wenn sie zusammen waren – es war so, als wollte man herausfinden, ob man sich in seiner eigenen Haut glücklich fühlt oder nicht.
»Wozu musst du diese Einkaufstasche mit dir herumtragen?«, fragte Joss.
»Um meine Einkäufe hineinzutun«, sagte Mutter erstaunt.
»Warum muss Hester Schuhe mit Gummisohlen auf der Straße anhaben?«
»Weil sie an den Strand geht.«
Dieses Zwiegespräch spielte sich auf dem Weg zum Strand ab.
Wir verreisten nie in den Sommerferien – »Als ob wir in anderen Ferien verreisten«, murrte Joss –, sondern verbrachten lange Tage mit unseren Picknickkörben am Strand. »Muss das sein?«, fragte Joss.
»Ich dachte, es gefällt dir«, sagte Mutter, aber Joss schauderte.
Unsere Picknicke waren eine Angelegenheit, die bei uns noch hausbackener war als bei anderen Familien. Wir schleppten Körbe und Taschen, die mit Handtüchern und Thermosflaschen zum Bersten vollgestopft waren, und eine scheußliche Proviantdose aus Aluminium, die Vater einmal aus Indien mitgebracht hatte und die auf der Straße immer aufging. Wir waren mit Eimern und Spaten, Krabbennetzen, Wolljacken und Papiertüten beladen. »Wie an einem Feiertag!«, sagte Joss. »Und muss Hester unbedingt mit allen Leuten reden? Sie ist ein schrecklich lautes Kind!«
Wenn wir an den Strand gingen, mussten wir unsere alten verschlissenen Baumwollkleider tragen, die wir »Vogelscheuchen« nannten. »Ich kann euch nicht helfen!«, sagte Mutter. »Ich kann nicht zulassen, dass ihr eure guten Kleider mit Salzwasser und Öl beschmutzt.«
»Wir haben gar keine guten Kleider«, sagte Joss.
Mutter war sanftmütig, aber an diesem Tag gingen wir zu weit. Ich weiß nicht mehr, was wir taten, aber schließlich verlor sie die Geduld.
»Ihr seid unerträglich selbstsüchtig!«, sagte sie.
Wenn Mutter zornig war, wurde sie nicht blass wie Joss, sondern puterrot. »Ihr denkt immer nur an euch!«
Wir starrten sie an. An wen sollten wir denn sonst denken?
»Alle Leute sagen mir, dass ihr schlecht erzogen seid, und sie haben leider recht.«
»Du hast uns doch selbst erzogen!«, sagte Joss.
»Leider haben sie recht!«, wiederholte Mutter.
»Und was gedenkst du dagegen zu tun?«, fragte ich, unverschämt, wie ich war, und Hester ließ ihr Händchen verstohlen in Mutters Hand gleiten.
»Ihr werdet schon sehen, dass ich etwas dagegen tun werde!«
»Was?«
Mutter holte tief Atem. »Ich werde mit euch nach Frankreich fahren und euch auf die Schlachtfelder führen.«
»Auf die französischen Schlachtfelder?«
Der Ton, in dem wir das sagten, war noch immer unverschämt, klang aber doch ein wenig gedämpfter – wie vereinzeltes Gewehrfeuer vor der Kapitulation. »Warum?«
»Damit ihr seht, wie andere Menschen sich aufgeopfert haben«, sagte Mutter, »sich um euretwillen aufgeopfert haben – und was andere Menschen zu geben bereit sind. Vielleicht wird euch das lehren, über euch nachzudenken und euch zu schämen … die Schlachtfelder und die heilige Johanna!«, sagte Mutter. »Die heilige Johanna auf dem Scheiterhaufen! Wir werden dort halten, wo sie verbrannt wurde – wo immer es war –, und uns den Platz ansehen.«
»Oh Mutter, nicht mitten in den Sommerferien.«
»Sommerferien oder nicht – wir fahren hin!«, sagte Mutter und presste ihre Lippen aufeinander.
»Ph! Du hast doch gar nicht genug Geld«, sagte Joss, aber es klang ein wenig erschrocken.
»Ich werde mich an dem Erbe bedienen.«
»Das Erbe ist für das College.«
»Diese Reise wird eine Art College für euch sein«, sagte Mutter. »Sie wird euch erziehen. Ihr müsst lernen … was ich euch nicht lehren kann«, sagte Mutter mit zitternder Stimme.
Sie unterließ es, Onkel William um Rat zu fragen, und ging stattdessen zu Mr Stillbotham.
Mr Stillbotham war ein älterer Herr, Theosoph und unseres Wissens der einzige Mensch, der in der Belmont Road wohnte und Reisen unternahm. Von Vater konnte man natürlich nicht behaupten, dass er in der Belmont Road wohnte. Mr Stillbotham verbrachte jeden Winter an der französischen Riviera. Wir bewunderten ihn schon aus diesem Grund, fanden aber auch, dass er mit seinem silberweißen Haar, seinem Kneifer, seinen blau-weiß gestreiften Hemden und seiner Fliege sehr distinguiert aussah. Wir schätzten auch sein Verhalten uns gegenüber, denn er war immer höflich und voller Bewunderung – besonders für Joss.
»Zögernd mit erschreckten Füßen,
Wo Bach und Fluss zusammenfließen«,
pflegte Mr Stillbotham zu sagen, wenn er sie sah. Da er in unseren Augen genau die Person war, die uns richtig beraten konnte, stimmten wir Mutter zu.
»Sie wollen Ihre Toten besuchen?«, fragte er, als Mutter ihm erklärte, die Schlachtfelder besuchen zu wollen. »Sie sind nicht tot, sie leb…«, aber für die Zwecke, die Mutter mit unserem Besuch verband, mussten sie tot sein, und darum fiel sie ihm ins Wort. »Können Sie mir ein nicht zu teures Hotel in der Nähe der Soldatenfriedhöfe empfehlen?«, fragte sie.
»Les Œillets in Vieux-Moutiers.« Es war das erste Mal, dass wir den Namen hörten. »Vor dem Bahnhof stehen immer genügend Autos.«
Die heilige Johanna war offenbar in Rouen verbrannt worden. »Wenn Sie die günstigere Route über Newhaven und Dieppe wählen, können Sie unterwegs in Rouen halten«, sagte Mr Stillbotham, »oder den Nachmittag in Paris verbringen, falls Sie dies vorziehen.«
Einen Nachmittag in Paris verbringen! Neben dieser Möglichkeit hatte die heilige Johanna nicht die geringste Chance. »Ich werde in den Louvre gehen«, sagte Joss, »und die Mona Lisa sehen und die Nike von Samothrake!«
»Ich werde die Geschäfte sehen!«, sagte Willymaus und wurde totenblass wie immer, wenn er aufgeregt war.
»Erinnert ihr euch an die Erdbeertörtchen, die kleinen Erdbeertörtchen in Sirup, die uns Vater einmal mitgebracht hat?«, fragte Vicky. »Sie waren aus Paris!«, sagte sie ehrfürchtig.
Hester und ich verfolgten wie immer viel weniger hochfliegende Ziele. Sie war mit der Aussicht, Postkarten zu kaufen und mit ihrem Brownie Fotos zu machen, völlig zufrieden, während ich, das Chamäleon, die Absicht hatte, mich jedem von ihnen der Reihe nach anzuschließen. »Gut!«, sagte Mutter. »Auf diese Art werdet ihr mehr davon haben.« Wir alle waren gleichermaßen aufgeregt.
»Wenn ihr auf mich hören würdet …«, sagte Onkel William, doch niemand hörte ihm zu.
»Na schön! Aber kommt nicht zu mir, wenn ihr in Schwierigkeiten geraten seid und Hilfe braucht!«
»Wir werden keine Hilfe brauchen«, sagte Mutter würdevoll, aber am Tag vor unserer Abreise wurde sie von einer Bremse ins Bein gestochen. »So eine kleine Fliege«, sagte Hester, »und was sie alles angerichtet hat!«
Als Mutter im Zug von Dieppe nach Paris den Strumpf auszog, war ihr Bein geschwollen und purpurrot, grün und blau. »Es sieht aus wie ein Bluterguss«, sagte Hester. »Hast du dir das ganze Bein zerquetscht? Von oben bis unten?«, fragte sie ungläubig.
Mutter schüttelte den Kopf. Als ob sie die Kontrolle über ihre Hände verloren hätte, drehte sie ihre Handtasche zwischen den Fingern hin und her, und obwohl sie sich sehr heiß anfühlte, zitterte sie.
»Du bist krank!«, sagte Joss vorwurfsvoll, und Mutter konnte das nicht leugnen.
Der Tag sollte nicht nur enttäuschend, sondern auch schockierend werden. Vom Zug aus betrachtet, sah Frankreich nicht viel anders aus als England; die Landschaft wies die Farben der Gemälde John Constables auf, mit denen wir aufgewachsen waren, und in Paris sahen wir weder den Louvre oder die schönen Geschäfte noch kamen wir dazu, Erdbeertörtchen zu essen. Wir kauften keine einzige Postkarte und machten keine Fotos. Wir warteten im Wartesaal darauf, dass es Mutter besser ging. Eine Zugbegleiterin in dunkelblauem Overall mit einem schwarzen gehäkelten Tuch um die Schultern war auf uns aufmerksam geworden und musterte uns, aber wir waren viel zu eingeschüchtert, um mit ihr zu sprechen. »Warum seid ihr nicht zu Cook gegangen? Oder zu Lunn? Oder zu American Express? Überall hätte man euch geholfen.« Onkel William hat uns diese Fragen später oft gestellt, aber Joss und ich hatten keinen anderen Gedanken im Kopf, als Mutter, Hester, die Kleinen, uns selbst und unser Gepäck nach Vieux-Moutiers und Les Œillets zu schaffen.
Um sieben Uhr abends sollte ein Zug nach Vieux-Moutiers fahren. Ich erinnere mich, bei einem kleinen Wagen Brötchen und Wurst gekauft zu haben. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte kaufen können, und Joss hatte sich geweigert mitzukommen. »Aber du bist doch die Älteste!«, sagte ich.
»Aber du bist die Beste in Französisch!«, sagte Joss mit grausamem Hohn.
Wir drängten uns wie eine Herde verängstigter Schafe zusammen und schnupperten. Der Knoblauchgeruch der Wurst stieg uns in die Nase. Da wir aber Knoblauch noch nie vorher gerochen hatten, schenkten wir die Wurst der Zugbegleiterin und aßen die Brötchen.
Ich erinnere mich, dass Mutter aufschrie und sich auf die Lippen biss, als Vicky ihr Bein berührte. »Sorgt euch nicht!«, sagte sie einen Moment später. »Gott schickt einem nicht mehr, als man ertragen kann.« Aber sie musste sich gleich wieder auf die Lippen beißen. Ich erinnere mich auch, dass Willymaus plötzlich verschwunden war. »Il est parti voir les locos«, sagte die Zugbegleiterin, aber Willymaus war zum Zeitungskiosk gegangen, wo eine neue Ausgabe der Vogue auslag, die er sich ansehen wollte.
An die Fahrt im Zug kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber daran, dass Mr Stillbotham sich geirrt hatte und keine Taxis vor dem Bahnhof standen. »Mais c’est bien loin«, sagte der Träger, was uns veranlasste, den Handkarren zu nehmen.
»Mutter kann doch nicht gehen!«, sagte Hester.
»Sie muss.« Eine erschreckende Härte war über uns gekommen. Wir packten sie unter den Armen und zogen sie weiter. Sie stöhnte und stolperte, und Hester weinte. Schließlich kamen wir vor den Toren von Les Œillets an.
Während wir warteten, nachdem der Träger geläutet hatte, ließ ich die anderen stehen und ging ein paar Schritte weiter, da mich plötzlich das Gefühl überfallen hatte, dass hier ein riesiger Garten sein müsse. Ich sage »plötzlich«, weil es mich tatsächlich wie mit einem Messerschnitt von den anderen loslöste. Durch das Tor blickte ich in einen Hof, der rings um einen viereckigen Rasenplatz mit Kies bestreut war. Beiderseits des Hauses führten Wege in ein tiefes Dickicht. Das Tageslicht war jetzt fast erloschen, und die Silhouetten der Bäume entlang der Hofmauern zeichneten sich graugrün vom Himmel ab, während der Garten schwarz in der Tiefe seiner Schatten lag. Ununterbrochen war ein leise plapperndes Geräusch zu hören – das typische Flüstern französischer Pappeln, das ich damals noch nicht kannte. Ein Vogel stieß einen schlaftrunkenen Ruf aus, eine Eule antwortete mit jenem seltsamen nächtlichen Schrei, den ich als solchen erkannte, obwohl ich ihn noch nie gehört hatte.
Von Weitem schlug mir der sommerliche Duft von frisch gemähtem Heu entgegen, und aus nächster Nähe kam der schwere, süße Duft einer Blüte. Es muss eine weiße Blüte sein, dachte ich, Jasmin oder weißer Flieder. Von dem Zwischenhalt in Paris und der Bahnfahrt war meine Haut trocken wie ausgeglühte Asche, und die kühle Nachtluft tat meinen Wangen wohl. Tiefer Friede erfüllte mich, alle Schrecknisse und Bedenken des Tages schienen von mir abzufallen. Das war wirklich das Hôtel Les Œillets, nicht die Fata Morgana, der wir entgegengereist waren. Wir waren am Ziel.
»L’hôtel n’accepte pas les malades«, sagte Madame Corbet.
»Heißt das, dass sie Kranke nicht aufnehmen?«, fragte ich Joss.
»Es scheint so.«
Das Büro von Les Œillets war ein winziger Raum neben der Treppe und zu klein, um als Zimmer bezeichnet zu werden. Aus der Halle führten ein paar Stufen zu einem Zwischengeschoss mit einem Treppenabsatz und ein paar Türen. Das Büro war ein Nebenraum dieses Treppenabsatzes und von ihm nur durch eine Theke und ein Messinggitter getrennt. Hinter der Theke war gerade genügend Raum für eine Kasse, ein Schlüsselbrett mit Postfächern und Madame Corbets Schreibtisch mit ihren Rechnungsbüchern und dem Telefon. Nun standen wir – Joss, Hester, Willymaus, Vicky und ich – vor dem Messinggitter. Willys Augen waren genau auf Höhe der Theke, während die Spitze von Vickys Hut gerade über sie hinausragte.
Das Treppenhaus war blassgrün getäfelt und die Täfelung wie ein Sieb von sonderbaren Löchern durchbohrt, die allerdings die Eleganz keineswegs beeinträchtigten. Auch die Halle war elegant. Es war sonderbar, dass wir, die Eleganz nie vorher gesehen hatten – obzwar es unser Lieblingswort war –, sofort von ihr beeindruckt waren, Hester ausgenommen. »Es ist nicht ein bisschen wie das Metropole oder das Cavendish«, sagte sie enttäuscht. Das Metropole und das Cavendish waren die großen Hotels an der Esplanade von Southstone, aber mir gefiel Les Œillets besser. Die Treppe führte mit einem graziösen Schwung in den ersten Stock, der Handlauf des Geländers war aus dunklem, poliertem Holz, die Baluster, die ihn stützten, waren schlank und weiß. Auf halbem Weg nach oben befand sich ein kreisrundes Fenster, durch das man einen Blick auf dunkle Baumwipfel erhaschte, und an den Wänden hingen kristallene Wandleuchter, die zu dem Kristalllüster in der Mitte der Halle passten. Wir blickten staunend zu ihm auf, denn wir hatten noch nie einen Kristalllüster gesehen. Der Fußboden der Halle bestand aus viereckigen Marmortafeln, die Stühle waren vergoldet, die Polsterung aus verblasstem Brokat, und an den Wänden standen vier kleine Tische. »Aber es sind nur halbe Tische!«, sagte Willymaus verblüfft. Auch Konsolentische hatten wir noch nie gesehen.
Inmitten dieser prächtigen Halle nahmen sich unsere Koffer recht armselig aus. Wir hatten noch anderes, noch schäbigeres Gepäck: einen Korb, die Tüte mit den Orangen, ein braunes Packpapierpaket, das die Gummistiefel der Kleinen enthielt, und einen unordentlichen Haufen von Regenmänteln mit herunterhängenden Gürteln. Außerdem trug jeder von uns seine persönlichen Schätze mit sich. Joss’ Zeichenbrett mit dem darangeschnallten Malkasten sah natürlich sehr nett aus, Hester hatte ihre Kamera umgehängt, Willymaus schleppte sich mit Miss Dawn und Dolores, seinen Skizzenbüchern und seinem Arbeitskasten ab, und Vicky hielt das Körbchen mit Nebukadnezar im Arm. Nebukadnezar war ein Schwein, das sie in der Schule aus Kartoffeln mit Augen und Beinen aus Zündhölzern gebastelt hatte und von dem sie sich niemals trennte, obwohl es schon ein wenig zu schrumpeln begann. »Wenn er ganz zusammengeschrumpft ist, werde ich ihn aufessen«, sagte Vicky. Mutter saß auf einem Stuhl, den Hut schief auf dem Kopf, die Jacke ihres Kostüms falsch zugeknöpft. Sie hatte den Kopf an die Rückenlehne des Stuhls gestützt, die Augen geschlossen, und ihr Gesicht schien jetzt genauso fleckig zu sein wie ihr Bein. Wir Kinder sahen schlampig und schmutzig aus, auf Hesters und Vickys Wangen hatten die Tränen Schlieren durch den Schmutzfilm gezogen, ihre Socken waren hinuntergerutscht, und unsere Schuhe waren staubig. Ich sah vollkommen ein, dass wir nicht zu den Familien gehörten, die einem Hotel zur Zierde gereichen.
»Ich nehme an, dass es einen Arzt gibt, der unsere Mutter in ein Krankenhaus bringt«, sagte Joss auf Englisch.
»L’hôtel n’accepte pas les enfants seuls.«
»Das Hotel nimmt Kinder ohne Begleitung nicht auf.«
»Aber wenn wir doch keine Begleitung haben?«, sagte Hester.
Madame Corbet saß hinter dem Messinggitter und hatte ihre Hotelbücher vor sich ausgebreitet. An diesem heißen Sommerabend trug sie eine schwarze hochgeschlossene Bluse und hatte ein schwarzes gehäkeltes Tuch mit Pompons, vorne gekreuzt, um ihre Schultern gelegt. An ihrem rechten Zeigefinger steckte eine schmutzige Schutzkappe aus Zelluloid, und gelbliche Hautverfärbungen auf ihrem Gesicht ließen auch dieses fleckig erscheinen. Ihr schwarzes Haar war in zwei Schnecken über dem Scheitel aufgetürmt, und ihre Oberlippe zierte ein schwarzes Schnurrbärtchen, das Willymaus – der auf den Zehenspitzen stand, um über die Theke sehen zu können – sofort ins Auge stach. Tatsächlich musterte er es während der ganzen langen Unterredung.
Joss war verzweifelt, was ich an der Blässe ihrer Wangen und an ihren weit aufgerissenen Augen erkannte. Sie hatte Mutters große alte Handtasche an sich genommen, die an ihr noch unförmiger aussah. »S’il vous plaît, aidez-nous!«, sagte sie. Ich wusste, wie schwer es ihr fiel, sich so zu erniedrigen, aber Madame Corbet zuckte nur mit den Schultern, sodass ihr Haarknoten wackelte und die Pompons an ihrem Umhängetuch tanzten.
»Et qu’est-ce que je peux y faire, moi? Je ne suis pas la patronne. Je suis Madame Corbet, c’est tout.« Sie sagte das in einem Ton, als ob es das Letzte vom Letzten wäre, Madame Corbet zu sein.
»Wenn es nicht Ihr Hotel ist, wo ist denn …« Joss zog eine Liste zurate, die Mr Stillbotham uns gegeben hatte. »Wo ist Mademoiselle de Presle?«
»Mademoiselle Zizi? Elle va diner au Château de Méry.«
Joss und ich blickten einander an. Hat sie gesagt, dass Mademoiselle Zizi zum Abendessen ausgeht? In Southstone aßen wir um sieben Uhr zu Abend, und jetzt war es fast zehn.
»Au Château de Méry«, wiederholte Madame Corbet mit Nachdruck.
Das Zimmermädchen, das uns geholfen hatte, unser Gepäck hereinzuschaffen, und jetzt abwartend bei der Treppe stand, schlug die Augen zum Himmel auf und bekreuzigte sich. Es war eine unverschämte Geste, die Madame Corbet veranlasste, den Ton ihrer Stimme zu verschärfen.
»Y sont des amis …«
»Amis heißt Freunde«, erklärte ich Hester. »Mademoiselle de Presle geht in ein großes Haus, in ein château, was Schloss bedeutet, um Freunde zu besuchen.«
»Des amis à Monsieur Eliot …«, sagte das Mädchen. Warum betonte sie so nachdrücklich, dass es sich um ›Freunde von Mr Eliot‹ handelte?
Madame Corbet nahm keine Notiz von dem Mädchen, sondern wandte sich an uns: »Möglicherweise wird auch der Präsident der Handelskammer zugegen sein«, und ich dachte: So, sie spricht also Englisch!
»Dann können wir wohl nicht mit Mademoiselle de Presle sprechen?«, fragte Joss.
»Natürlich nicht!«
»Aber was sollen wir denn tun?«
Madame Corbet zuckte mit den Schultern. »Vous feriez bien d’aller au commissariat. Oui, allez au commissariat!«
»Commissariat?« Was war das? Wieder sahen wir einander verblüfft und ratlos an. »Polizei«, sagte der Hotelbursche von seinem Platz auf der Treppe aus. »Polizei gehen!«
Joss wurde so flammend rot im Gesicht, als ob Madame Corbet sie geohrfeigt hätte. »Komm!«, sagte sie zu uns.
Wir machten kehrt und folgten Joss durch die Halle, wobei wir um zwei große Wolfshunde herumgehen mussten, die ihre dunklen Köpfe hoben. Einer wedelte mit dem Schweif – es war das erste Zeichen von Freundlichkeit, das Les Œillets uns zukommen ließ. Vielleicht war es dieses kleine Zeichen, das Madame Corbets Schamgefühl erweckte.
»Vous pouvez laisser les bagages«, rief sie uns nach.
»Danke, nein«, wehrte Joss ab.
Das war ihr Stolz, aber nicht sehr zweckmäßig. Der Träger war bereits gegangen, und ich weiß nicht, wie wir es fertiggebracht hätten, mit Mutter, den Kleinen und dem Gepäck zur Polizeistation zu gehen. Aber in diesem Augenblick erhoben sich die Hunde, wedelten noch heftiger mit den Schweifen als vorher und sahen erwartungsvoll zu einer der Türen im Zwischengeschoss. Sie öffnete sich, und Mademoiselle Zizi und Eliot traten heraus.
Es war das erste Mal, dass wir jemanden im Frack sahen. Onkel William besaß natürlich einen Smoking, aber weiter reichte unsere Vorstellungskraft nicht. Ich spreche ausdrücklich zuerst vom Frack, denn es war Eliot, der unsere Blicke auf sich zog. Jetzt erscheint es mir sonderbar, dass wir in dem Augenblick, da wir zum ersten Mal in unserem Leben einen Herrn und eine Dame in Abendkleidung sahen, zuerst den Herrn anschauten, aber etwas anderes kam gar nicht infrage. Hester schnappte nach Luft.
»Waren Sie jemals bei der Marine?«, fragte Joss Eliot später einmal. Ich wusste, wie sie auf diese Idee kam: Er war groß, schlank und braun gebrannt und sah aus, wie Marineoffiziere in Zeitschriften auszusehen pflegen. Selbst die scharfen Falten in seinen Augenwinkeln erweckten den Eindruck, als hätte er oft die Augen zusammengekniffen, um in die Sonne zu schauen. »Waren Sie jemals bei der Marine?«
»Wahrscheinlich!«, sagte Eliot.
»Wissen Sie es nicht sicher?«, fragte Hester ungläubig.
»Ich weiß, dass ich Soldat gewesen bin«, sagte Eliot. »Zigeuner, Schneider, Soldat, Seefahrer, ein reicher Mann, ein armer Mann …« Hester unterbrach ihn.
»Sie können doch unmöglich alles gewesen sein?«, sagte sie.
»So ziemlich alles«, sagte Eliot.
Wir nahmen als selbstverständlich an, dass seine Augen blau waren. Er hatte braunes, leicht angegrautes Haar und ungewöhnlich hohe Wangenknochen. »Von meiner chinesischen Großmutter«, sagte er ernst, und wir glaubten ihm. Noch heute scheint mir, dass seine Hände und Füße so klein waren wie die eines Orientalen. »Ich stamme von Dschingis Khan ab«, sagte er später einmal, und Hester fragte: »Wer war Dschingis Khan?«
»Ein grausamer Tatar«, sagte Eliot und strich ihr über das Haar.
Seine Kleider waren so makellos – ein Wort, das ich Willymaus beigebracht hatte, weil es mir außerordentlich gefiel –, dass sie aussahen, als hätte er sie eben erst gekauft.
»Er hat sie auch wirklich immer erst gekauft!«, sagte Hester später. »Armer Eliot! Er konnte seine Kleider niemals lange behalten.«
»Was soll das heißen?«
»Er hat es selbst gesagt. ›Ein Jammer, dass ich diesen Mantel so gern trage!‹, hat er gesagt. ›Es fällt mir schwer, mich von ihm zu trennen.‹ Er hat den karierten gemeint und natürlich nur laut gedacht. Er hat nicht gewusst, dass ich in der Nähe war. Toinette hat oft gesagt, dass seine Hemden und Pyjamas immer neu waren.«
An jenem ersten Abend hatte er an seinen Frack eine Menge Medaillen angesteckt. »Seine eigenen?«, fragte Onkel William sehr misstrauisch, aber … »Natürlich waren es seine eigenen«, sagten wir entrüstet.
Er trug eine dunkelrote Nelke im Knopfloch, die uns ein Symbol für Eliot zu sein schien. Warum machen Blumen, die ein Mann gekauft hat, so viel mehr Eindruck als Blumen, die von Frauen gekauft werden? Ich könnte nicht sagen, warum, aber es ist so. Vater brachte ja auch Blumen nach Hause, aber sie waren getrocknet, gepresst, braun – das Leben war aus ihnen gewichen. Die Nelke in Eliots Knopfloch lebte.
Hinter Eliot kam Mademoiselle Zizi. Als wir sie erblickten, waren wir sprachlos vor Verlegenheit, denn Mademoiselle Zizi war … »Nackt!«, flüsterte Hester. Ihr Nacken, ihre Arme und Schultern waren nackt. »Vorne und hinten!«, sagte Hester bestürzt. Bevor wir Mademoiselle Zizi gesehen hatten, wussten wir gar nicht, was für kleine Puritaner wir waren.
Insgeheim fand ich sie sehr schön. Sie hatte üppiges dunkelrotes Haar, und ihre Augen waren fast übernatürlich groß – wie die Augen von Sonnenblumen, dachte ich. »Ihre Lider sind blau angestrichen«, sagte Hester verblüfft. Ihr Mund war sehr, sehr rot, und das wenige, was von ihrem Kleid vorhanden war, bestand aus schwarzer Gaze.
Ich bemerkte, dass Willymaus das Kleid zuerst kritisch, dann befriedigt musterte. »Das ist ein wirkliches Kleid!«, wisperte Willymaus. »Und dieser Duft!«
»Ist der Duft die Dame?«, fragte Vicky. Er hatte sich in der ganzen Halle ausgebreitet, als Mademoiselle Zizi mit Eliot die Treppe heruntergekommen war.
Bei unserem Anblick blieben sie überrascht stehen, und in diesem Augenblick war es, dass Eliot ausrief: »Guter Gott! Ein ganzes Waisenhaus!«
Joss war zu wütend, um zu bemerken, dass er englisch gesprochen hatte.
»Machen Sie sich keine Sorgen!«, sagte sie spitz. »Wir bleiben nicht hier.« Dann wandte sie sich mit einem scharfen Befehl an uns: »Kommt! Erst werden wir das Gepäck wegschaffen und dann zurückkommen, um Mutter abzuholen.«
Mit ihren Malsachen unterm Arm schritt sie an Eliot vorbei zur Tür. Sie trug zwei Koffer, an einem von ihnen hing Vicky, die Nebukadnezars Körbchen trug. Wir anderen wankten mit unserem Gepäck getreulich hinter ihr her. Paul ging zur Tür, um sie zu öffnen, aber Eliot trat vor und versperrte uns den Weg.
»Wohin wollt ihr so spät in der Nacht gehen?«
»Zur Polizei!« Joss war so zornig, dass ihre Nasenflügel bebten.
»Zur Polizei? Warum?«
»Wegen euch Franzosen«, sagte Joss wütend.
»Ich bin kein Franzose, ich bin Engländer«, sagte Eliot.
Mutter musste diese Worte gehört haben, denn sie stöhnte leise auf und sagte: »Bitte!« Eliot schaute an uns vorbei zu ihr hinüber und machte ein langes Gesicht. »Zizi«, sagte er, »sie ist krank!«
Er ging rasch zu Mutter und beugte sich über sie; dann ergriff er ihre Hand, fühlte ihren Puls und stellte allerhand Fragen, die sie allerdings nach jenem leisen »Bitte!« nicht mehr beantworten konnte. Hilflos rollte ihr Kopf an der Rückenlehne des Stuhls hin und her.
»Sie ist sehr krank, Zizi«, sagte er. »Wir müssen helfen.«
»Aber … unser diner.« Ihr gebrochenes Englisch klang recht angenehm.
»Gleichwohl.«
»Wir werden zu spät kommen!«
»Gleichwohl.« Es klang wie ein Befehl. »Irène«, rief er Madame Corbet zu, »rufen Sie Doktor Giraux an!« Und Mauricette befahl er: »Schließen Sie die Zimmer auf!«
Ich hörte das Klicken, als Madame Corbet den Hörer abhob. Das Zimmermädchen zuckte mit den Schultern und ging zu dem Schlüsselbrett. Paul nahm Joss die Koffer ab, aber Mademoiselle Zizi blieb regungslos am Fuß der Treppe stehen, ihr schönes Kleid hochgerafft.
III
Das Erwachen an einem fremden Ort kann sich wie eine zweite Geburt anfühlen. Ich glaube, auf mich wirkte es noch überraschender als auf andere, denn soweit ich zurückdenken konnte, war ich Tag für Tag in demselben Schlafzimmer in der Belmont Road aufgewacht, dem typisch englischen Schlafzimmer mit der verblassten graublauen Tapete, den ewig gleichen weißen Vorhängen, dem blauen Linoleum und dem braunen Bettvorleger – der stellenweise so abgetreten war, dass das weiße Innere durch das Braun durchschien –, den weißen emaillierten Eisenbetten mit den türkisch gemusterten Daunendecken und den Bildern an der Wand, die nichts anderes waren als eingerahmte Drucke aus alten Beilagen der Illustrated London News. Sie stammten noch aus Onkel Williams und Mutters Kinderzimmer, aber Joss hatte sie von der Wand genommen und an ihrer Stelle ein chinesisches Bild aufgehängt. Als sie in Willys Zimmer umzog, nahm sie es mit, und ich hängte die Drucke wieder auf. »Cecil ist so sentimental!«, sagte Joss.
Wenn ich frühmorgens zwischen Wachen und Schlafen in meinem Bett lag, konnte ich alle die gewohnten Morgengeräusche hören und erkennen: den Milchmann und sein Pony, die eiligen Schritte des Zeitungsjungen, das Plumpsen der Zeitung, wenn er sie durch den Schlitz des Briefkastens warf, den Briefträger – obwohl er nur sehr selten etwas für uns abzugeben hatte –, das Tratschen der Spatzen, das Glockenspiel der Rathausuhr, Mutters leichte Schritte, wenn sie behände die Treppe hinunterlief, um die Flamme hochzudrehen, damit wir heißes Badewasser hätten.
An diesem Morgen erreichte eine hohe, klare Tonfolge, zerlegt in kleine spitze Töne, meine Ohren. Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich erkannte, dass es der Morgengesang der Vögel war. Das Zimmer war in ein frühes Dämmerlicht getaucht, die Decke hoch über mir und die Wände weit entfernt, da es ein sehr großes Zimmer war. Ich entdeckte das oberste Ende eines grünen Fensterladens und sah dann, dass die Läden von der Decke bis zu dem kahlen Fußboden reichten, der aus einfachen polierten Planken bestand. Es war ein ungeheuer großes Bett, und neben mir lag Willymaus.
Wir hatten ohne Kopfkissen geschlafen. Zu unserer Überraschung waren in den Betten keine vorhanden gewesen, und wir waren zu schüchtern gewesen, um danach zu fragen. Außerdem war das Wort oreiller so schwer auszusprechen. Ich erinnere mich, wie verdutzt wir waren, als wir sie schließlich im Kleiderschrank entdeckten. Warum Toinette sie dort aufbewahrte, habe ich nie erfahren.
Die Bettlaken fühlten sich so heiß und trocken an, als ob die Baumwolle, aus der sie gewebt waren, brüchig geworden wäre. Ich schwang die Beine über den Bettrand, glitt hinunter und fühlte, als ich zum Fenster ging, an meinen Sohlen, wie kühl die Planken waren. Nach wenigen Augenblicken fand ich heraus, wie sich die Läden öffnen ließen, und riss sie auf.
Ich blickte in grüne Baumkronen. Zuerst dachte ich, dass das Haus von Bäumen umringt sei, dann aber sah ich, dass es eine einzelne Pappel vor meinem Fenster war, die das Zimmer mit ihrem Rauschen erfüllte, und dahinter ein anderer großer Baum, der mir eine Weide zu sein schien, obwohl ich nie gewusst hatte, dass Weiden so groß werden können. Zwischen ihren hängenden Zweigen erspähte ich, weiter weg, dicht gedrängte Reihen von Obstbäumen, von denen einige schwer mit Früchten beladen waren. Vielleicht war es dieser erste Anblick, der in mir für immer den Eindruck hinterließ, dass der Garten von Les Œillets so grün, so grün und golden war wie die ganze Landschaft an der Marne, die sich jenseits der Stadt und entlang des Flusses meilenweit über die Champagner-Weinberge erstreckte. Aber nicht nur Weinberge, sondern auch Kirschplantagen, denn die Umgebung von Vieux-Moutiers war auch eine Kirschengegend, und ihre eingelegten Kirschen sind weltbekannt. Mutter hatte nur die Schlachtfelder im Sinn gehabt und nicht daran gedacht, sich auch sonst über die Gegend zu erkundigen. Ich bin sicher, dass es nicht ihre Absicht gewesen war, uns in eine luxuriöse Ecke Frankreichs zu bringen, wo die Bäume und Weinberge im Herbst fast in Gold getaucht sind.
Wir sollten diese Pracht ja nie zu Gesicht bekommen, wussten auch damals kaum etwas über sie. Aber als ich da am offenen Fenster stand, bekam ich einen Vorgeschmack auf jene grüne und bernsteinfarbene Zeit und das Verständnis für die herrliche Landschaft, die sich im Morgendunst rings um Vieux-Moutiers in der Ferne verlor. Das Städtchen selbst lag verborgen hinter den Bäumen, aber ich erhaschte einen Blick auf Häuser, die am Hang eines Hügels emporkletterten, der von einem großen Bauwerk – einer Burgruine oder einem Schloss mit Wällen und Türmen – gekrönt war. Die Häuser waren gelblich weiß und drängten sich unterhalb der Wälle zusammen. Ich hatte den Eindruck, dass sie nach unten strebten, wahrscheinlich einem Fluss entgegen, denn ich hörte das Plätschern eines Ruderbootes. Da es aus nächster Nähe kam, schloss ich, dass der Fluss gleich hinter dem Obstgarten vorbeifließen müsse.
Unsere Zimmer lagen im zweiten Stock, und wenn ich hinunterschaute, konnte ich eiserne Stufen mit einem verschnörkelten Eisengeländer sehen, die von einer am Haus entlanglaufenden Terrasse in einen Garten führten, der nur aus Kies und kleinen Blumenbeeten zu bestehen schien. Ich erfuhr erst später, dass Robert, der schweigsame, unfreundliche Gärtner, seine ganze Zeit damit verbrachte, den Kies zu rechen und die Blumenbeete in Ordnung zu halten. In der Mitte des Gartens war ein rundes Beet mit einer eisernen Urne, in der Geranien wuchsen, und kleinere Rabatten an den Seiten waren mit Blumen bepflanzt, deren Farben selbst im Licht des frühen Morgens grell leuchteten. Das Ganze wirkte genau wie die Gärten, die in unseren Französischbüchern abgebildet waren, hässlich und steif. Aber im Hintergrund, jenseits einer niederen Buchsbaumhecke, konnte ich einen Dschungel von Gras und Sträuchern, Bäumen und Bambusstauden erahnen, Kaskaden von Rosen und Schlingpflanzen, unter denen eine riesige Araukarie fast zu ersticken drohte. Durch diese Wildnis wanden sich vermooste Wege, die von schimmernden weißen Statuen flankiert waren. Einige von ihnen waren zerbrochen, ihre Arme und Beine abgehauen, und eine war zu Boden gestürzt. Jenseits dieser Wildnis glaubte ich einen Obstgarten zu erkennen und in seiner hohen Mauer eine blaue Tür. Während ich noch zu der Tür hinüberschaute, ertönte vom Fluss her das Tuten eines Schleppkahns.
Im Garten war es hell, aber es war ein junges Licht, in dem noch keine Sonne war, klar, mit einem Stich ins Grünliche, der von den Bäumen und Sträuchern kam. Der tiefe Frieden, der an den Toren von Les Œillets über mich gekommen war, erfüllte mich wieder. Ich hätte vor Freude und Wohlbehagen in den Gesang der Vögel einstimmen können. Während ich noch in meinem Pyjama am Fenster stand und in den Garten hinunterschaute, trat ein Mann aus dem Haus und ging die eiserne Treppe hinunter. Es war ein alter Mann mit weißem Haar und einem kleinen weißen Spitzbart; von oben sah er fast viereckig aus. Er hatte eine blaue Baumwollhose und einen weißen Mantel an und ein Béret auf dem Kopf, was ich noch immer komisch fand. Er schleppte eine Unmenge von Dingen mit sich: etwas, das wie eine Staffelei mit langen Beinen aussah, einen Klappstuhl, eine Kassette und einen bauchigen weißen Sonnenschirm von der Art, wie ihn die Leute vor ihren Strandhäuschen in Southstone aufstellten. Er schien in Eile zu sein. Ich sah ihm nach, als er über den Kiesweg hastete, in der Wildnis verschwand, zwischen den Obstbäumen kurz auftauchte und schließlich an der blauen Tür anlangte, vor der er seine Siebensachen abstellen musste, um das Tor öffnen zu können.
»Das war Monsieur Joubert«, sagte Eliot, als ich ihn später fragte. »Monsieur Joubert, der sich das erste Licht zunutze machen wollte.«
»Wer ist Monsieur Joubert?«
»Ein Maler.«
Ein Maler! Joss würde sich freuen, das zu hören!
»Ein sehr berühmter Maler«, sagte Mademoiselle Zizi. »Selbst eine unwissende kleine Engländerin sollte wissen, wer Marc Joubert ist.«
»Er sah gar nicht berühmt aus«, sagte ich zu meiner Verteidigung. »Er war so komisch angezogen, und er sah …«, ich versuchte, das richtige Wort für seine Eile zu finden, »… ängstlich aus.«
»Was er vermutlich auch war«, sagte Eliot. »Das Morgenlicht ist nur von ganz kurzer Dauer. Ich glaube steif und fest …«, seine Stimme klang herausfordernd, als wäre es absurd, an etwas zu glauben, »dass, sobald ein menschliches Wesen aus dem Haus tritt, der Morgen entweiht ist … ausgenommen ein Mensch wie Monsieur Joubert oder …«, und seine Blicke ruhten nachdenklich auf uns, »… oder vielleicht Kinder.«
»Hast du Kinder so gern?«, fragte Mademoiselle Zizi.
»Ich kenne keine«, sagte Eliot.
Vorläufig aber beobachtete ich Monsieur Joubert, ohne seinen Namen zu kennen. Die blaue Tür fiel mit einem gedämpften Krach ins Schloss, und dann hörte ich ein anderes Geräusch, das aus dem Zimmer nebenan kam und von dem ich nun wusste, dass es mich geweckt hatte. Es war Joss in dem kleinen Raum neben unserem Schlafzimmer – sie hatte ihn gewählt, obwohl er eigentlich für Willymaus bestimmt gewesen war –, und das Geräusch verriet, dass sie einen ihrer Anfälle hatte.
»Die Nerven«, pflegte Mutter zu sagen, aber Onkel William war eher geneigt, sie als Gallenprobleme zu bezeichnen. Vermutlich hatten beide recht. Jedenfalls traten diese Anfälle immer zu den ungelegensten Zeiten auf, und als ich jetzt hörte, was vorging, begann sich ein düsterer Schleier über den Tag zu legen. Ich wusste, dass es ein schwerer, schrecklicher, vermutlich ein demütigender Tag werden würde, und nun war Joss zu nichts zu gebrauchen. Ich ging zu ihr und fand sie so, wie ich erwartet hatte: Sie würgte und erbrach, ihre Haut war sonderbar grüngelb verfärbt, ihre Augen sahen aus, als ob sie vor Schmerzen aus den Höhlen quellen wollten. Nun wird sie tagelang im verdunkelten Zimmer liegen müssen, und ich werde die Verantwortung für alles allein zu tragen haben.
»Vielleicht hast du die Suppe nicht vertragen«, sagte ich, während ich ihr den Kopf hielt.
»Ich – habe – die Suppe – gar nicht gegessen.« Obwohl sie sich zwischendurch übergab, merkte ich doch, dass sie beleidigt war. In diesem Augenblick fiel mir ein, dass auch ich beleidigt war. Das Mädchen Mauricette hatte uns ein Tablett mit der Suppe in Tassen gebracht, nachdem man uns zu Bett geschickt hatte: Joss und mich in einem Atemzug mit Hester, Vicky und Willymaus … »Und zwischen Hester, Vicky, Willymaus und uns wird doch wohl noch ein Unterschied sein«, sagte Joss.
»Es tut mir leid. Das war mein Fehler«, sagte Eliot, als ich ihn zur Rede stellte – Joss weigerte sich, darüber zu sprechen. »Ihr dürft nicht vergessen, dass wir alle ein bisschen verwirrt waren.« Eliot, der sehr charmant sein konnte, lächelte Joss an und legte seine Hand auf ihre. »Wollen Sie mir nicht verzeihen?«
»Nein«, sagte Joss und entzog ihm ihre Hand.
Aber das ereignete sich viel später. Jetzt fragte ich Joss: »Soll ich Mutter holen?«
»Sei nicht so dumm. Eine Nonne ist bei ihr.«
»Eine Nonne?« Abergläubische Schauer liefen mir über den Rücken. »Dann … stirbt sie also?«
»Sei doch nicht so dumm«, sagte Joss wieder, aber ihre Stimme klang schwächer. »Viele Krankenschwestern sind Nonnen – besonders in Frankreich.«
»Woher weißt du das?«
»Madame hat es mir gesagt. Ich war gestern Abend noch einmal bei ihr im Büro …« Sie war die wenigen Schritte vom Waschtisch zu ihrem Bett getaumelt und konnte nicht weitersprechen. Kaum hatte sie sich hingelegt, musste sie wieder aufstehen. Ich half ihr auf die Beine, und als der Anfall vorüber war, fiel sie mit geschlossenen Augen und in kalten Schweiß gebadet rücklings in ihr Bett zurück. Der Waschtisch bestand nur aus einem schweren Porzellanwaschbecken und einem Krug. Ein Toiletteneimer war nicht vorhanden, wohl aber ein seltsamer Gegenstand, der aussah wie eine emaillierte Fußbadewanne oder eine Puppenwanne auf Beinen – ein Bidet war uns bisher noch nicht untergekommen –, für unsere Zwecke aber zu flach war. »Wenn du irgendwo eine Schüssel oder einen Eimer bekommen könntest, müsste ich nicht immer aufstehen«, flüsterte Joss.
»Wo sollte ich so etwas bekommen?«, fragte ich bestürzt.
»Unten. Irgendwo muss irgendetwas zu finden sein. Geh und schau nach.«
»In einem fremden Haus?«
»Das ist doch kein Haus. Es ist ein Hotel.«
»Aber wenn ich jemandem begegne?«
»Dann fragst du, wo du einen Eimer finden kannst.«
Ich schreckte vor der Schwierigkeit des Auftrags zurück, musste aber gehen. »Was heißt ›Eimer‹ auf Französisch?«, fragte ich.
Obwohl ich sehr leise hinunterschlich, knarrte die Treppe unter meinen Füßen. Ich erinnere mich noch genau, wie überrascht ich war, bei Tageslicht zu sehen, dass die Löcher in der blassgrünen Täfelung von Einschüssen herrührten. »Natürlich«, erklärte Mademoiselle Zizi immer wieder. »Sie haben mit Maschinengewehren in das Treppenhaus geschossen.«
»Und die Einschusslöcher sind geblieben?«, staunten die Gäste.
»Wie Sie sehen«, sagte Mademoiselle Zizi mit einem stolzen Lächeln.
»Wenn es mein Haus wäre, hätte ich sie längst auffüllen lassen«, sagte Joss.
Aus Angst vor den Hunden ging ich sehr vorsichtig hinunter, schämte mich aber meiner Feigheit, als ich sie in der Halle liegen sah, angekettet an den Fuß eines niedrigen Bettes. Sie mussten wissen, dass ich am Abend vorher schließlich doch Asyl bekommen hatte, denn sie wedelten mit den Schweifen.
Außer der Angst vor den Hunden hatte mich auch der Gedanke eingeschüchtert, dass Madame Corbet in ihrem Büro sein könnte. Aber das Messinggitter war heruntergelassen, die Theke abgeräumt und die Halle menschenleer. Rechter Hand schloss sich an die Halle ein türenloser Saal mit einer eingebauten Bar und an ihrem anderen Ende, dem Garten zu, ein zweiter Raum an, der ein Gewächshaus gewesen sein musste, von dem aus man durch Glastüren auf die Terrasse gelangte. In dem Saal standen kleine Eisentische, umringt von grün gestrichenen Stühlen, Garderobenständern und hölzernen, mit Messingreifen beschlagenen Kübeln, die mit Sand gefüllt und für Zigarettenstummel bestimmt waren. Die Bar war mit weißen Tüchern zugedeckt. Links von der Halle waren Türen, eine von ihnen mit der Aufschrift Restaurant, und in der Rückwand eine grün bespannte Schwenktür, die meiner Meinung nach in die Küche führen musste.
Als ich sie aufstieß, sah ich, dass ich nicht mehr weiterzugehen brauchte. Am Ende eines kurzen Flurs war ein mit Blumenvasen und Schalen beladener Tisch. Ich packte die erstbeste Schale und stand, fast bevor die Tür aufgehört hatte zu schwingen, wieder in der Halle, bedachte jeden der Hunde mit einem freundlichen Klaps und war eben im Begriff, die Treppe hinaufzueilen, als sich eine der weißen Türen im Zwischengeschoss öffnete und ein Mann auf den Treppenabsatz trat. Er hatte Lederpantoffeln an den Füßen und einen seidenen, gemusterten Morgenmantel an – wie ein Schauspieler, dachte ich – und rauchte eine Zigarette. Es war Eliot.
Wir blieben beide wie angewurzelt stehen. Ich wusste genau, wie lächerlich ich wirken musste, eingewickelt in meinen Regenmantel, aus dem die blau-weiß gestreiften Pyjamabeine hervorsahen, mit den nackten Füßen und dem, wie bei einem Baby, mit einem blauen Band straff nach hinten gespannten Haar. Aber mit einem Schlag vergaß ich plötzlich, mich meines Aussehens zu schämen, und starrte ihn an. Dies war ein anderer Eliot, nicht der freundliche Engländer von gestern Abend, ein anderer, kalter und … rücksichtsloser Mensch, dachte ich. Sonderbar, dass mir dieses Wort in den Sinn kam, da mir doch die volle Bedeutung des Begriffs »Rücksicht« eigentlich unbekannt war. »Eliots Augen sind gar nicht blau«, sagte Hester später einmal, »sie sind graugrün wie Kieselsteine.« Als ich ihm jetzt auf der Treppe so dicht gegenüberstand, sah ich, dass sie grau waren und ein kalter Zorn aus ihnen blitzte. »Was hast du hier unten zu suchen?«
Ich hielt ihm die Schüssel entgegen. »Joss, meine Schwester, ist krank.«
»Mein Gott, diese Kinder!«, rief er aus, zog die Tür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. Dann schlug er einen etwas freundlicheren Ton an. »Zu viel gegessen?«, fragte er, aber ich erinnerte mich, dass ich beleidigt war, und zeigte ihm die kalte Schulter.
»So etwas tut meine Schwester nicht«, sagte ich und ging die Treppe hoch.
Als wir einen oder zwei Tage später Eliot aus irgendeinem Grund brauchten, sagte ich: »Ich werde ihn holen!«, und ging durch die Halle zu dem Treppenabsatz und der weißen Tür.
»Wohin gehst du?«, fragte Hester.
»In sein Zimmer.«
»Das ist nicht Eliots Zimmer«, sagte Hester. »Das ist das von Mademoiselle Zizi.«
IV
»Wer hat den Mann in mein Zimmer gelassen?«, fragte Joss.
Es war nach der Teestunde jenes ersten denkwürdigen Tages – »Nur dass es keinen Tee gegeben hat«, sagte Vicky; den goûter der französischen Kinder hatten wir noch nicht kennengelernt –, es war also nach der Stunde, in der es Tee hätte geben sollen, dass Eliot zu uns kam, als wir verloren rund um einen Tisch in der Bar saßen, und fragte: »Fehlt nicht eine von euch?« Dann forderte er mich auf, ihn zu Joss hinaufzuführen.
Sie lag steif und flach ausgestreckt auf ihrem Bett und rührte sich nicht, solange er im Zimmer war. Ihr loses Haar ringelte sich auf den Kissen, und im Halbdunkel der geschlossenen Fensterläden sah ihr bleiches Gesicht so klein aus wie das eines jener Hutzelmännchen, die wir aus Rüben schnitzelten. Sie hätte ebenso gut viel älter oder viel jünger sein können, als sie wirklich war, und Eliot schlug ihr gegenüber einen Ton an, wie er einem Kind in Vickys Alter angemessen gewesen wäre.
»Geht es unserem kleinen Mädchen schon besser?«
Sie antwortete ihm einsilbig. »Ja.«
»Kopf hoch. Bald wird es dir wieder besser gehen.«
»Ja.«
»Keine Wünsche? Du kannst haben, was du willst!«
»Nein.«
Ich glaube, Eliot wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. »Du sorgst dich doch nicht allzu sehr um deine Mutter? Sie ist bei uns gut aufgehoben.« Keine Antwort. Eine Weile zögerte er noch, dann verließ er das Zimmer, und sofort fuhr Joss aus ihren Kissen auf.
»Wer hat ihn hereingelassen?«
»Ich …«
»Wie konntest du es wagen?«
»Aber … er kümmert sich doch um uns.«
Sie sah mich verwundert an. »Wer hat das gesagt?«
»Mutter. Sie hat ihn darum gebeten.«
»Sie war schon immer idiotisch!«, sagte Joss.
Die Übelkeit kehrte zurück, und ich sah zu, wie sie sich qualvoll in die Schüssel neben ihrem Bett erbrach. Als sie endlich erschöpft in die Kissen zurücksank, brachte ich – wie ich es jetzt schon zum Überdruss gewohnt war – ihr einen Waschlappen, wusch ihr den Schweiß von Gesicht und Händen und trocknete sie mit einem Handtuch ab. An ihrem Zusammenzucken merkte ich, dass jede Berührung ihr wehtat, aber sowie sie wieder imstande war zu sprechen, krächzte sie: »Du musst … es Mutter sagen!«
Ich stand mit dem Handtuch in der Hand neben ihrem Bett und versuchte, den Frosch hinunterzuwürgen, der mir in der Kehle zu stecken schien. »Ich kann es Mutter nicht sagen«, stammelte ich. »Joss, sie … sie haben sie ins Krankenhaus gebracht!«
Joss war zu krank gewesen, um verständigt zu werden, aber für mich war es ein zweigeteilter Tag geworden: zweigeteilt zwischen Les Œillets und der Belmont Road.
Sobald ich mich angezogen hatte, war ich zu Mutters Zimmer gegangen und hatte leise an die Tür geklopft. Als mir geöffnet wurde, sah ich, dass Joss recht gehabt hatte – da war wirklich eine Nonne. Sie trug ein weißes Gewand mit einer Kordel, an der ein Kruzifix hing, und um den Kopf hatte sie einen langen schwarzen Schleier. Ich hatte vorher nie eine Nonne aus der Nähe gesehen und starrte sie verblüfft an. Sie legte den Zeigefinger an die Lippen und schüttelte den Kopf. Der Angstschweiß drang mir aus allen Poren, und auf Zehenspitzen schlich ich davon.
Das Nächste war, dass Hester und Vicky frühstücken wollten. »Hier gibt es kein Frühstück«, sagte ich verzagt. Da sie aber darauf beharrten, dass es »unten« genug zu essen gebe, blieb mir schließlich nichts übrig, als mit ihnen in den Speisesaal zu gehen, wohin Willymaus schon auf eigene Faust vorausgegangen war. In dem weitläufigen Raum versuchte ich, mich so weit gereist und souverän zu benehmen, wie selbst Joss es nur hätte wünschen können, aber Hesters helle, unbefangene Stimme konnte ich nicht dämpfen und Vickys hartnäckig geäußerte Frühstückswünsche nicht zum Schweigen bringen. Vicky war so halsstarrig britisch wie John Bull selbst. »Ich will mein Frühstück haben«, rief sie. Ich gab ihr Kaffee und ein Croissant. »Das ist kein Frühstück«, sagte Vicky. »Ich will ein Ei.«
»In Frankreich isst man keine Eier zum Frühstück.«
»Aber natürlich könnt ihr Eier bekommen«, sagte Eliot. »Viele Leute fragen danach.« Er fügte noch als Mahnung hinzu, ich solle kein Reise-Snob sein, aber ich war ein Reise-Snob und außerdem auch ein Snob, was mein Alter betraf. Vicky war ich jedoch nicht gewachsen. Wie immer setzte sie ihren Willen durch, und ich musste schließlich nicht nur ein Ei, sondern – wie für ein Baby – auch Milch und Marmelade für sie bestellen.
Es war Paul, der uns das Frühstück brachte, und ich begriff bald, dass Mauricette sich nur selten herabließ, uns zu bedienen. Paul stellte die Milch und die Marmelade absichtlich vor mich. »Essuie-toi l’bec avec ta bavette!«, sagte er. Dass er damit hatte sagen wollen ›Wisch dir den Schnabel mit deinem Lätzchen ab!‹ verstand ich erst, nachdem ich hinaufgegangen war und das Wort bavette in unserem Taschen-Larousse nachgeschlagen hatte, aber ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass er eine herabwürdigende Bemerkung beabsichtigt hatte, und warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
Er war ein hoch aufgeschossener, magerer, schmutziger und schmieriger Bursche, der zu seiner blauen Baumwollhose und einem zerfetzten Hemd die weiße Schürze und grau-weiße Leinenschuhe trug, die uns schon am Abend vorher aufgefallen waren – wir hatten noch nicht gelernt, diese Schuhe espadrilles zu nennen. Seine Hemdsärmel waren immer aufgerollt, seine Ellbogen so spitz wie Messerschneiden, und als er sich umdrehte, sah ich, dass seine Schulterblätter hervortraten. Eine Strähne seines dünnen blonden Haars fiel ihm in die Stirn, und seine Wangen waren eingefallen. In jenen ersten Tagen wusste ich noch nichts über Paul, aber trotz meiner Sorglosigkeit und Unwissenheit beunruhigte mich dieses Gesicht von Anfang an. Wir waren gekommen, um die Schlachtfelder zu besichtigen, und dieses Gesicht gehörte zu ihnen, obwohl wir es nicht ahnten.
Wer war Paul? Niemand wusste es. Selbst sein Name hätte nahezu jeder Nationalität angehören können. Es war einer der wenigen, deren Aussprache von einem Land zum anderen kaum wechselt. Dem Namen nach hätte man Paul ebenso gut für einen Franzosen wie für einen Engländer, Deutschen, Österreicher oder Russen halten können. Seine Mutter, sagte Madame Corbet verächtlich, sei »mit den Soldaten gegangen«.
»Wohin?«, fragte Hester, aber niemand gab ihr eine Antwort. »Unser Vater ist Botaniker«, sagte Hester zu Paul. »Und deiner?«
»Un troufion«, sagte Paul, und als wir ihn verständnislos ansahen, tat er, als würde er marschieren, und salutierte.
»Ach so, ein Soldat!«, sagte ich.
»Wie hat er geheißen?«, fragte Hester, aber anscheinend hatte sein Vater keinen Namen gehabt.
»J’avais une p’tite sœur«, sagte Paul eines Tages.
»Eine kleine Schwester?« Hester begann, ein wenig Französisch zu verstehen.
»Une mulâtre«, sagte Paul geringschätzig.
»Aber du bist doch nicht mulât… wie hast du sie genannt?«, fragten wir verblüfft und fuhren fort: »Wo ist denn deine kleine Schwester?«
Paul zuckte mit den Schultern.
»Weißt du es nicht?«
Er schüttelte den Kopf. »Elle a disparu.«
Hester sah mich fragend an.
»Sie ist verschwunden«, sagte ich.
»Meint er, dass sie tot ist?«, fragte Hester.
Ich versuchte, diese Fährte zu verfolgen. »Morte?«, fragte ich mitleidig.
»Perdue«, sagte Paul. »Pssst!«, und machte eine Bewegung, als würde er etwas wegwerfen.
»Aber Schwestern können einem doch nicht abhandenkommen.«
Pauls Schweigen schien anzudeuten, dass das durchaus möglich sei. Uns wurde schwindlig.
Beim Abbruch des amerikanischen Lagers war Paul dort gefunden worden, und zwar von den Soldaten selbst, die sich seiner liebevoll annahmen. Als sie nach Amerika zurückkehrten, hatte man ihn ins Armenhaus, ins Hôtel-Dieu, gebracht. »In Gottes Hotel?«, fragte Hester. »Das muss gut gewesen sein.« Aber Madame Corbet sagte, das sei ein Haus, wo alte Leute darauf warten zu sterben und Wahnsinnige sowie misshandelte Kinder aus den Gerichtssälen landen. »Das klingt gar nicht so gut«, sagte Hester argwöhnisch.
Madame Corbet schien darüber nicht weiter beunruhigt. »Was hätte man in einer so kleinen Stadt mit ihm machen sollen?«, fragte sie und fügte hinzu, dass Paul sich schlecht benommen habe, abgehauen und von der Polizei wieder zurückgebracht worden sei – und dass Mademoiselle Zizi ihn aus purer Herzensgüte hier arbeiten lasse.
Wir hatten nicht den Eindruck, dass er sehr gütig behandelt wurde. Wie wir bald herausfanden, begann Paul seine Arbeit um sechs Uhr morgens – oder noch früher, wenn eine Gesellschaft zum Frühstück erwartet wurde – und beendete sie um Mitternacht, oder noch später, wenn es ein diner gab. Zwar hatte er mehr als genug zu essen – jeder, der für Monsieur Armand, den Küchenchef, arbeitete, hatte eine Menge zu essen –, aber seine Schlafstätte war ein Verschlag unter der Treppe, der nicht einmal ein Fenster hatte, und sein Bett bestand aus Planken und einer Matratze, einem schmutzigen Kissen und einer Decke von der Art, wie man sie Hunden gibt.
»Aber das alles war kein Grund, auf mich loszugehen«, sagte ich später, aber anscheinend war es das doch. Ich glaube jetzt, dass unsere Ankunft – das plötzliche Auftauchen einer so ahnungslosen, so rosigen und wohlbehüteten Kinderschar – in Paul einen Schmerz auslöste, wie er ihn noch nie zuvor empfunden hatte, und dass ihm, besonders wenn Joss in seiner Nähe war, jeder seiner Fettflecke, jeder seiner abgebrochenen schwarzen Nägel ein Dorn im Auge war und ihm der üble Geruch, mit dem er bis dahin unbewusst gelebt hatte, in die Nase stieg.
Am ersten Morgen wussten wir nichts von alledem. Ich musterte ihn sehr von oben herab und wandte dann kühl meinen Blick ab. Dies gelang mir nicht so gut, wie Joss es zustande gebracht hätte, aber es war die beste Imitation, die ich aufbringen konnte. Ich bestrich Vickys Croissant mit Marmelade und goss die Milch in ihre Tasse, dann tauchte ich – dem Beispiel eines dicken Franzosen in der Ecke folgend – mein eigenes Croissant in den schwarzen bitteren Kaffee und aß es auf diese ungewohnte Weise. Es schmeckte abscheulich, war aber französisch.
Nach dem Frühstück schickte ich Hester, Willymaus und Vicky los, die Gegend zu erkunden. Ich sah, wie sie durch die Alleen des Obstgartens jagten, und meine Beine juckten, es ihnen gleichzutun. Obwohl ich ein Teenager war, hatte ich noch immer das Bedürfnis, zu laufen, zu tollen, mich wie ein Fohlen auf dem Boden zu wälzen. Aber ich fühlte Pauls Augen auf mich gerichtet, und da Mutter und Joss krank waren, war ich überdies so schwer mit Sorgen beladen, wie Onkel William es immer war. Ich trat auf die Terrasse hinaus, blieb auf der obersten Stufe der Eisentreppe stehen und stützte mich auf das Geländer, das die Sonne bereits erwärmt hatte.
Die Onkel-William-Stimmung hielt nicht lange an. Die Geräusche meines ersten richtigen Morgens in Frankreich schlugen über mir zusammen. Aus einem oberen Stockwerk hörte ich die Stimmen zweier Frauen, die ich von Joss’ Fenster aus – das im Gegensatz zu den unseren auf die Straße ging – durch das Tor hatte kommen sehen und jetzt als die beiden Zimmermädchen erkannte. Sie schwangen Matratzen auf die Fensterbretter, schüttelten den Staub aus Tüchern und Besen. Eine rief von ihrem Fenster aus der anderen zu: »Toinette, la clé du quatorze«, und die andere schrie zurück: »En bas, Nicole, sur le tableau.« Was ich an alledem so bezaubernd fand, weiß ich nicht, aber ich war einfach hingerissen. Irgendwo plätscherte Wasser – ich vermutete, dass es aus der Küche kam, da es sich mit dem Klirren von Tellern und einer tiefen männlichen Stimme mischte, die Anweisungen gab. Im Speisesaal trällerte Mauricette näselnd ein kleines Lied:
»Je l’ai tellement dans la peau,
C’est mon homme.
Que j’en suis marteau,
C’est … mon … homme.«
Im Büro klapperte eine Schreibmaschine. Über den Garten hinweg sah ich in das taufrische Grün der Wildnis und des Obstgartens und in den sonnigen Dunst der Ferne, und plötzlich hielt mich nichts mehr im Haus. Langsam ging ich die Stufen hinunter, über den Kies, vorbei an den Blumenbeeten und schlüpfte durch eine Lücke in der Buchsbaumhecke. Die Füße vom Tau benetzt und den Kopf in der Sonne, schlenderte ich in den Obstgarten, und bevor ich wusste, was ich tat, hatte ich den Arm nach einer Mirabelle ausgestreckt. Sie fiel warm und weich in meine Hand. Ich sah mich rasch nach allen Seiten um – da aber niemand kam und keine Stimme mich schalt, biss ich nach kurzem Zögern in das reife goldene Fleisch. Dann aß ich noch eine und wieder eine, bis ich schließlich, übersättigt von den süßen Früchten und erfüllt von Entzücken, auf meinen Posten zurückkehrte.
Von Mademoiselle Zizi war keine Spur zu sehen, aber nach einer Weile trat Eliot aus dem Haus. Er war in einer seiner abweisenden Launen, distanziert und unzugänglich. Wieso ich damals schon begriff, dass er solche Zeiten hatte, weiß ich nicht, aber plötzlich – als wäre meine erste Mirabelle ein Apfel der Erkenntnis gewesen – war ich älter und weiser geworden und versuchte gar nicht erst, mit ihm zu sprechen. Er hatte eine weiße Leinenhose an und ein dunkelblaues Hemd und ging an mir vorbei, hinaus in die Sonne, als wäre ich nicht da. Mauricette brachte ihm einen Liegestuhl, aber er schnauzte sie an. Wie herrlich, auf Französisch ebenso fluchen zu können wie auf Englisch! Mein Entzücken verflog allerdings so rasch, wie es gekommen war, und ich war plötzlich wieder niedergeschlagen, als mir bewusst wurde, dass wir eine ganz normale Familie waren, die nirgends in der Welt herumgekommen war und gar nichts wusste.
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