Kitabı oku: «Unser Sommer im Mirabellengarten»
Rumer Godden
Unser Sommer im Mirabellengarten
Roman
Aus dem Englischen von Elisabeth Pohr
Kampa
I
Immer wieder, während des ganzen heißen Augusts in Frankreich, überaßen wir uns an den Mirabellen. Joss und ich fühlten uns schuldig. Wir waren noch in dem Alter, in dem wir Gier für ein kindliches Laster hielten, und diese Annahme gab unserem Schuldgefühl einen Beigeschmack von Hoffnungslosigkeit, denn bis dahin hatten wir geglaubt, dass wir unsere Laster mit den Jahren verlieren würden. Aber keines von ihnen verschwand. Hester schämte sich natürlich gar nicht, Will – der damals noch Willymaus genannt wurde – und Vicky waren noch zu klein, um auch nur die untersten Zweige zu erreichen, aber sie fanden die heruntergefallenen Früchte im Gras. Uns allen war es streng verboten, auf die Bäume zu klettern.
Der Garten von Les Œillets war dreigeteilt: Zuerst kam die Terrasse und der von Kieswegen durchzogene Garten, der das Haus umgab; dahinter und durch eine niedrige Buchsbaumhecke von ihm abgetrennt lag die Wildnis mit ihren Statuen und zugewachsenen Pfaden, und zwischen der Wildnis und dem Fluss der von hohen Mauern umgebene Obstgarten. Ein blau gestrichenes Tor am Ende der Mauer führte zum Ufer des Flusses.
Uns erschien der Obstgarten riesengroß, und er mag es auch wirklich gewesen sein, denn die Mirabellenbäume allein bildeten sieben Alleen. In dem hohen Gras unter ihnen lag selbst in diesem brennend heißen Sommer den ganzen Tag lang der Tau. Die Bäume waren alt, krumm, mit Flechten und Moos bedeckt, aber ihre Früchte werde ich nie vergessen. Im Speisesaal des Hotels baute sie Mauricette auf den mit Weinblättern ausgelegten Desserttellern zu wundervollen Pyramiden auf. »Reines-claudes«, sagte sie deutlich, sooft sie den für uns bestimmten Teller auf den Tisch stellte, damit wir uns den Namen der Früchte einprägten, aber wir hatten uns an ihnen schon vorher so satt gegessen, dass wir nicht zugriffen. Im Obstgarten brauchten wir die Früchte nicht zu pflücken – sie fielen von den Bäumen in unsere Hände.
Im Schatten sah man, dass die Mirabellen mit einem blassblauen Reif bedeckt waren, aber in der Sonne leuchtete das Fruchtfleisch bernsteinfarben durch die hellgrüne Haut. Wenn diese geplatzt war, schmeckte der Saft besonders warm und süß. Kein Wunder, dass wir, die aus den Straßen und kleinen Vorgärten von Southstone kamen und noch nie einen Obstgarten gesehen hatten, viel zu viele aßen.
»Die übliche Sommerkrankheit«, sagte Mademoiselle Zizi.
»Magenverstimmung«, sagte Madame Corbet.
Ich weiß nicht, ob es das eine oder das andere Leiden war, aber von da an hieß es in unserer Familie nur der »Mirabellensommer«.
»Wenn jemand die Geschichte dieses Sommers aufschreiben sollte, dann du«, sagte ich zu Joss, »denn sie ist hauptsächlich dir passiert.« Aber Joss sagte: »Ausgeschlossen«, wie sie immer alles ablehnt oder mit sich allein ausmacht, sodass niemand weiß, was sie wirklich denkt.
»Du bist es doch, die so gern in Worten schwelgt«, fuhr sie fort. »Und außerdem …«, sie machte eine kleine Pause, »… ist sie dir genauso passiert wie mir.«
Darauf wusste ich keine Antwort. Ich bin jetzt erwachsen – oder doch beinahe erwachsen –, »und wir können es noch immer nicht vergessen!«, sagte Joss.
»Die meisten Menschen erleben … das … nicht einmal in dreißig oder vierzig Jahren«, sagte ich zu unserer Verteidigung.
»Die meisten Menschen erleben es überhaupt nicht«, sagte Joss.
Wenn ich das, womit ich gerade beschäftigt bin, für einen Augenblick unterbreche, wann immer ich still sitze oder nachts wach liege, was seit damals immer wieder vorkommt, und meine Gedanken kreisen lasse, bin ich zurück in Les Œillets. Ich rieche noch immer den heißen Staub und den kühlen Putz der Mauern, den Duft von Jasmin und sonnenbeschienenen Buchsbaumblättern und von Tau im hohen Gras, das Aroma von Monsieur Armands Kochkünsten, das Haus und Garten erfüllte, und die Gerüche von dem Haus selbst, nach feuchter Wäsche und Möbelpolitur, in die sich immer auch ein bisschen der Gestank der Kanalisation mischte. Ich höre noch immer die Geräusche, die anscheinend nur in Les Œillets zu hören waren: das Rauschen der Pappeln entlang der Hofmauern, das Plätschern einer Wasserleitung in der Küche, vermischt mit dem Klang schriller französischer Stimmen, das dumpfe Getrommel, das Rex mit seinem Schweif auf dem Fußboden vollführte, und andere Klopflaute, wenn jemand unten am Fluss Wäsche wusch; das Tuten der flussaufwärts fahrenden Schleppkähne und Mauricettes tonlosen Singsang – sie sang immer durch die Nase –, das rasche, schnatternde Französisch, in dem sich Toinette und Nicole von Fenster zu Fenster im ersten Stock miteinander unterhielten, die fernen, gedämpften Geräusche des Städtchens und – ganz nah – den Plumps eines springenden Fisches oder einer zu Boden fallenden Mirabelle.
»Aber ihr seid doch sehr froh gewesen, wieder zurückzukommen«, sagte Onkel William.
»Wir sind nie zurückgekommen«, sagte Joss.
Das Sonderbare an der Sache ist, dass Joss und ich, als alles in Les Œillets vorüber war, noch immer sechzehn und dreizehn Jahre alt waren – genauso alt wie an jenem erstickend heißen Abend Anfang August, an dem wir ankamen. Wir – das waren Mutter, Joss, Hester, die beiden Kleinen, Willymaus und Vicky, und ich: Cecil. Es muss neun Uhr abends gewesen sein.
»Warum kommt ihr so spät?«, fragte Mademoiselle Zizi. »Tagsüber verkehren genug Züge.«
»Wir wollten in der Gare de l’Est warten, bis sich Mutters Zustand gebessert hat.«
»Aber er hat sich nicht gebessert«, sagte Willymaus.
»Und wir hatten den ganzen Tag nichts zu essen«, sagte Vicky. »Nichts als Brot und ein bisschen scheußliche Wurst.«
»Und die Orangen, die wir auf die Reise mitgenommen hatten«, sagte Hester, die in allen Dingen sehr genau ist. »Zwölf Orangen. Wir haben sie im Zug gegessen.«
Mademoiselle Zizi schauderte, und mich ließ der Gedanke, in die Kategorie jener Familien eingeordnet zu werden, die im Zug Orangen essen, vor Scham erröten.
Vor dem Bahnhof standen keine Taxis, aber nach einer verweifelten Viertelstunde, an die ich nicht gern denke – der ganze Tag war wie ein böser Traum gewesen –, fand sich ein Träger, der bereit war, unser Gepäck auf einem Handkarren ins Hotel zu bringen.
Als unsere kleine Prozession den Bahnhof verließ, begann es zu dämmern. Männer kamen vom Angeln zurück, Frauen standen plaudernd in den Haustüren oder in ihren sonderbar ordentlich angelegten Gärten, wo Gladiolen und Zinnien, die im Zwielicht seltsame Färbungen annahmen, hinter Eisengittern zu schweben schienen. »Franzosen haben keine Gärten«, sagte Onkel William später einmal, »sie züchten Blumen.« Kinder spielten auf den Straßen. Willymaus und Vicky starrten sie verwundert an. Ich glaube, sie bildeten sich ein, die einzigen Kinder auf der ganzen Welt zu sein, die zu so später Stunde noch nicht im Bett waren.
Rings um uns war der Trubel der fremden Stadt, der fremden Häuser und fremden Straßen. Auch wir wurden angestarrt, aber wir fühlten die Blicke der Leute nicht. Wir fühlten gar nichts. Unsere Körper schienen nicht zu uns zu gehören, sondern getrennt von uns weiterzulaufen, während wir wie die Blumen im Dämmerlicht schwebten. Vielleicht waren wir zu müde, um irgendetwas fühlen zu können.
Der Handkarren holperte über das Straßenpflaster, das wir als unverkennbar französisch erkannten, obwohl wir nie zuvor auf solchem Pflaster gegangen waren. Sooft der Träger in eine neue Straße einbog, stöhnte Mutter leise auf. Der Weg erschien uns endlos, und als wir schließlich die Pforten des Hotels erreichten, brannte bereits Licht in den Häusern, und die meisten Türen waren geschlossen. In Les Œillets wurden die Hunde jeden Abend um neun Uhr ins Freie gelassen, die äußeren Tore geschlossen, und nur eine kleine Pforte blieb offen, durch die der Handkarren nicht einfahren konnte. Wir mussten, noch immer von unseren Körpern losgelöst, warten, während der Träger läutete.
Wir hörten das Klingeln und gleich darauf tiefes Hundegebell. Damals kannten wir Rita und Rex natürlich noch nicht, aber wir wussten sofort, dass es das Bellen großer Hunde war. Zwei Stimmen geboten ihnen Ruhe, eine schrille weibliche und die tiefere Stimme eines Mannes – oder eines Jungen, der mit der Stimme eines Mannes sprach. Diese Vermutung erwies sich als richtig, denn es war ein großer Bursche, der schließlich erschien. Seine weiße Schürze, die wir schimmernd auf uns zukommen sahen, schlappte um seine Beine, seine Schuhe schlappten auch, und eine Strähne seines Haars fiel ihm über die Augen, als er sich vorbeugte, um den Riegel zurückzuschieben. Er hielt die Gartentür für uns auf, und als wir an ihm vorbeigingen, schlug uns ein Geruch entgegen von Schweiß, Zigaretten und … »Sind das Zwiebeln?«, flüsterte ich.
»Nein, Knoblauch«, flüsterte Hester zurück. »Erinnerst du dich nicht an die Wurst in der Gare de l’Est?« Der Bursche war schmutzig, ungepflegt und lächelte nicht.
Dann gingen wir in das Hotel und – »Guter Gott! Ein ganzes Waisenhaus!«, sagte Eliot.
Bei einer späteren Gelegenheit entschuldigte er sich für diese Äußerung. »Ihr hattet doch alle graue Flanellkleider an«, sagte er und fragte: »Warum hattet ihr alle graue Flanellkleider an?«
Hester schaute zu ihm auf. »Vielleicht waren Sie sehr lange nicht in England«, sagte sie leise. »Es waren unsere Schuluniformen.«
In England waren wir – Joss ausgenommen – stolz auf sie gewesen. Es gibt zwei Kategorien von Familien: Für die einen bedeutet die Schuluniform eine Verschlechterung, sie gibt ihnen das Gefühl, genauso zu sein wie jedermann sonst; die anderen empfinden sie als eine Verbesserung, als eine bessere, vollständigere Ausstattung, als sie je zuvor besessen haben. Wir gehörten zu der zweiten Kategorie. Die graue Jacke und die kurze Hose für Willy, unsere von St. Helena vorgeschriebenen grauen Mäntel, Röcke und Hüte waren unsere besten Kleider, die einzigen, die sich für eine Reise eigneten.
»Andere Mädchen haben noch andere Kleider«, sagte Joss oft.
»Nicht wenn ein Onkel William sie bezahlt«, sagte Mutter.
Im Augenblick schossen Joss’ Augen hasserfüllte Blitze auf Eliot, obwohl man von ihm nicht erwarten konnte zu wissen, wen er vor sich hatte. Unsere Schulhüte hatten die Form von Suppentellern. Vicky sah mit ihrem aus wie ein Pilz mit zwei Beinen, wogegen Joss’ Hut auf ihren vielen dunklen Haaren zu klein wirkte und, da er ihre Stirn frei ließ, sie fast hässlich erscheinen ließ; auch war der Faltenrock zu kurz.
Natürlich ereigneten sich noch sehr viele Dinge, ehe Eliot dazu kam, sich wegen seiner Bemerkung über das Waisenhaus zu entschuldigen. Er trat überhaupt erst viel später in Erscheinung, aber es ist immer Eliot, an den wir uns erinnern, wenn wir an unsere Ankunft in Les Œillets denken. Er war der Lichtpunkt des Abends.
»Als er kam, war nichts mehr schrecklich«, sagte Hester, aber ich musste hinzufügen: »Außer dem ganz Schrecklichen!«
II
»Was? Nur zwei Pässe?«, rief Mademoiselle Zizi, als ich am nächsten Morgen unsere Reisedokumente ins Büro brachte. »Meine Schwester Joss hat ihren eigenen Pass, wir anderen sind in dem meiner Mutter eingetragen.« Es war mir entsetzlich unangenehm, dies sagen zu müssen. Der Hotelbursche, der uns eingelassen hatte, hörte jedes Wort – er hieß Paul, wie wir jetzt wussten. Während er das Messinggitter polierte, konnte er auf unsere Pässe hinunterschielen, und seine verächtliche Miene verriet deutlich, dass er sich nie damit abfinden würde, mit dem Pass seiner Mutter zu reisen.
Ich hatte für meinen eigenen Pass gekämpft. »Warum kann Joss einen haben und ich nicht?«
»Sie ist sechzehn«, hatte Mutter gesagt. »Du vergisst, wie jung du bist.«
Je drei Jahre trennten uns Kinder voneinander – Vaters Forschungsreisen dauerten gewöhnlich drei Jahre –, aber Joss und ich waren stets »die Großen«, so wie Willymaus und Vicky »die Kleinen« waren, während Hester sich in einer Art Niemandsland zwischen uns allen befand. Joss-und-Cecil – das war immer ein einziges Wort gewesen, das allerdings mit sich gebracht hatte, dass ich manchmal älter sein musste, als ich sein konnte. Jetzt war ich selbst in eine Art Niemandsland verwiesen. Ich sah ein, dass dieser Umstand unvermeidlich war – mit dreizehn Jahren ist man gar nichts, nicht Kind, nicht Frau, nichts … offiziell Deklariertes, dachte ich, wie Joss es jetzt war –, aber ich fühlte mich zurückgesetzt, und das tat weh. Der eigene Pass war eine offizielle Bestätigung der Position, die Joss jetzt einnahm. Sie war so selbstverständlich in sie hineingerutscht und hatte mich zurückgelassen, wie sie aus unserem gemeinsamen Schlafzimmer in ihr eigenes übergesiedelt war. »Es gibt gewisse Dinge …«, hatte Mutter mit Absicht vage angedeutet – obwohl sie wusste, dass ich natürlich ganz genau wusste, um was für Dinge es sich handelte – und hatte Willymaus und Joss die Schlafzimmer tauschen lassen, sodass er nun mein Zimmergenosse war.
Selbstverständlich wäre Hester viel passender für mich gewesen, aber sie konnte nicht von Vicky getrennt werden. »Ich muss nämlich mit meinem Fuß in ihrem Bett schlafen«, sagte Hester.
»Mit dem ausgestreckten Fuß in ihrem Bett?«, fragte ich.
»Ja, sonst schläft sie nicht ein.«
»Ist dir denn nicht kalt?«
»Nur manchmal«, sagte Hester und beschwor mich, Mutter kein Wort davon zu sagen. Obwohl die im Haus herrschende, meistens friedliche Atmosphäre in der Hauptsache Hester zu verdanken war, konnte ich mich eines Schrecks nicht erwehren. Ich versuchte, Vicky ins Gewissen zu reden. »Wie kann ich denn sonst wissen, dass sie da ist?«, fragte Vicky, als ob das eine Rechtfertigung wäre.
»Es ist aber sehr ungezogen!«
»Es macht mir nichts aus, ungezogen zu sein«, sagte Vicky.
Durch unsere Familie hätte man eine Linie ziehen können, auf deren einer Seite Hester, Vicky und ich, auf deren anderer Joss und Willymaus standen. Unser Nachname war Grey. Ich hätte es ja vorgezogen, Shelmerdine zu heißen oder de Courcy oder ffrench mit kleinem »ff«, oder einen Doppelnamen mit Bindestrich wie Stuyvesant-Knox zu führen, aber wir hießen einfach Grey. »Immer noch besser als Bullock«, sagte Joss. Ganz waren wir aber nicht davongekommen, denn Onkel William ist ein Bullock, William John Bullock, und Vicky, Hester und ich sind genauso unverkennbare Bullocks wie er: klein, plump, mit rosigen Gesichtern und Augen, die so blau sind wie Rittersporn.
Das war für Hester und Vicky nicht schlimm, denn alle Bullocks waren als Kinder hübsch. Vicky mit ihrem hellblonden Haar und dem festen, perlfarbenen kleinen Körper war bezaubernd, und Hester hatte sich mit dem Lockenkopf und der Rosigkeit den Reiz ihrer frühesten Kindheit bewahrt. Aber bei mir hatte sich die kindliche Rundlichkeit in Onkel Williams derbe Untersetztheit ausgewachsen, mein blondes Haar war dunkler und fahler geworden, die Rosigkeit einer frischen Röte gewichen. Man konnte unmöglich gewöhnlicher aussehen als Onkel William, und ich hätte so gern aufsehenerregend ausgesehen. Warum war es mir nicht von Geburt an vergönnt, so auszusehen wie Joss, so zu sein wie Joss? Joss und Willymaus waren schlank, dunkelhaarig, und ihre Haut hatte die Farbe von Elfenbein, wodurch ihre Wimpern und Haare noch dunkler erschienen. »Wie Schneewittchen«, konstatierte Hester mit der einzigen Spur Neid, die ich je an ihr bemerkt habe. Außerdem wirkten beide ungewöhnlich apart: Willymaus hatte das spitze Gesicht eines Elfen und Joss die mandelförmigen Augen, denen sie ihren Kosenamen verdankte. »Weil die Chinesen Schlitzaugen haben«, sagte Joss.
»Angeblich!«, belehrte sie Vater, als er einmal zu Hause war. »Die meisten Chinesen haben genauso gerade Augen wie andere Menschen.«
»Auf chinesischen Bildern haben sie immer Schlitzaugen«, sagte Joss, die alles zu wissen glaubte, was Bilder betraf. Sie und Willymaus waren gleichermaßen begabt und eingebildet. Joss beschäftigte sich ernsthaft mit Malerei, und Willymaus hatte ein Hobby, das wir »Dressur« nannten. Es dauerte Jahre, bevor wir herausfanden, dass dieser Ausdruck eher mit Pferden als mit Kleidern zu tun hat. Willys Skizzenbücher, sein Handwerkskasten und die Puppen, über die sich Onkel William so entsetzte – »Puppen! Großmächtiger Gordon!« –, gehörten zu diesem Hobby. Die Bücher enthielten eine Sammlung von Modebildern, Entwürfen für Kleider und Stoffmuster; den Arbeitskasten mit seinen Scheren und Stecknadeln brauchte Willymaus, um seine Entwürfe auf den Puppen zu drapieren – »Ich nähe nicht selbst«, sagte er, »das wird in meinem Atelier erledigt werden!« –, und die Puppen Miss Dawn und Dolores. Seine Modelle waren keine gewöhnlichen Puppen, sondern hölzerne Figuren mit beweglichen Gelenken, wie sie von Malern und Bildhauern benutzt werden. Onkel William hatte sie Joss für ihre Malstudien geschenkt, aber zu Mutters Bestürzung wollte sie sie nicht einmal berühren, während Willymaus sie sofort in Beschlag nahm. Mit uns kleinen Bullocks konnte Mutter leicht fertigwerden, obwohl wir oft ungezogen und widerspenstig waren – »Das ist nichts Ungewöhnliches«, sagte Mutter –, aber mit Joss und Willymaus erging es ihr, als ob sie in unserem stillen Bauernhof zwei junge Schwäne ausgebrütet hätte. »Was immer ich tue, ist falsch!«, sagte unsere arme Mutter.
Und so schien es wirklich zu sein. Als Joss zum Beispiel geklagt hatte, die Zeichenlehrerin in St. Helena tauge nichts, hatte Mutter sie an einem Fernkurs eines Lehrgangs in London teilnehmen lassen, aber das hatte zu Schwierigeiten geführt. »Lieber Mr A …«, hatte Joss nach der zweiten Lektion an ihren fernen Meister geschrieben, »ich sende Ihnen, wie Sie wünschten, die Zeichnung einer Blume, für die ich eine Kreuzkrautblüte als Vorlage benutzt habe, und die Skizze einer Frau – meiner Mutter –, aber einen nackten Mann habe ich leider nirgends auftreiben können.«
Bei Joss und Willymaus bekam sogar der Name Grey eine gewisse Eleganz. Joanna und William Grey machten sich als Namen ganz gut, aber Cecil oder Victoria Grey? Beides klang gleichermaßen nichtssagend, während Hester Grey immerhin ganz gut zu Hester passte.
War es von Anfang an unfair gewesen, mich so weit hinter Joss zurückzulassen, fand ich es jetzt, wo Joss »erblüht« war – wie die Leute sagen, wenn sie von jungen Mädchen sprechen –, besonders unfair, da ich einsah, dass es das richtige Wort war. Sie war wie ein Baum oder ein Zweig, an dem plötzlich alle Knospen aufgebrochen waren.
Sie wollte sich nicht mehr vor mir ausziehen, und ich war ganz froh darüber, denn mein rosiger Kinderkörper war von oben bis unten noch immer ganz eben, während sie eine Taille hatte, die so schlank und geschmeidig war, dass ich nicht anders konnte, als sie anzustarren und ihre Kurven zu bewundern, die sich in ihren schlanken Beinen verjüngten. Sie hatte schwellende Brüste, und ich wusste genau, wie weich und zart sie waren, denn einmal hatte ich sie aus Neugierde berührt, aber Joss war aufgesprungen und hatte mich angeschrien. Je mehr sie heranwuchs, desto reizbarer wurde sie. Sie neigte zu Wutausbrüchen, die manchmal geradezu absurd waren, und ihre Rastlosigkeit erweckte den Eindruck einer ständigen Erregung, was umso sonderbarer wirkte, als ihre Miene immer gleichmäßig heiter und zurückhaltend war. Fast geheimnisvoll erschien mir ihr Ausdruck, denn nur das leiseste Erröten ihrer Wangen verriet die Erregung in ihrem Innern. »Ist Joss schön?«, fragte ich mit einem Stich im Herzen.
»Nur jetzt«, sagte Mutter, »nur gerade jetzt.«
Ich versuchte verzweifelt, meine Position neben Joss zu behaupten. Cecil de Courcy, de Haviland, Cecil du Guesclin, Winnington-Withers … Winter. Das war ein schöner Name, und ich nahm mir vor, mich seiner zu bedienen, wenn ich Schriftstellerin oder Nonne geworden sein würde: Cecil Winter, Schwester Cäcilia Winter. Aber ich war weder eine Schriftstellerin noch eine Nonne und wusste auch noch gar nicht, ob ich jemals das eine oder das andere werden würde. Derzeit glich ich mehr einem Chamäleon, das seine Farbe von der Umwelt empfängt, und als ich sah, dass Mademoiselle Zizis Lippen zuckten, als sie unsere Namen in Mutters Reisepass las, wurde ich schamrot – genauso wie am Vorabend, als Hester verriet, dass wir im Zug Orangen gegessen hatten. Der Pass hatte kaum genug Seiten für uns alle.
»Was hast du dir nur dabei gedacht, die ganze Kinderschar quer durch Frankreich zu jagen?«, fragte Onkel William später.
»Von Jagen kann gar keine Rede sein«, sagte Mutter. »Wir sind langsam mit dem Zug gefahren.« Manchmal schien Mutter nicht älter zu sein als Hester, und dieser Reisepass mit dem einzigen Stempel wirkte trotz der vielen Namen geradezu kindisch.
»Et votre père?«, fragte Madame Corbet.
»Ja! Wo ist euer Vater?«, fragte Mademoiselle Zizi.
»In Tibet«, sagte Hester.
»In Ti-bet?«
Ohne Hester, die nie gelernt hat, mit Bedacht zu agieren, hätte ich die Situation besser gelöst. Es war sonderbar, dass ich immer wünschte, man würde uns nicht für gewöhnliche Leute halten, aber sehr zu meinem Verdruss über und über rot wurde, sooft sich herausstellte, dass wir kein bisschen ungewöhnlich waren.
»Juste ciel! Was macht er denn in Tibet?«, fragte Mademoiselle Zizi.
»Blumen pflücken«, sagte Hester.
»Blumen pflücken!«, wiederholte Mademoiselle Zizi auf Französisch, und Paul lachte höhnisch auf, was mich dazu veranlasste, ihn streng anzufahren: »Il est botaniste!«, was beinahe wie ein wirklicher französischer Satz klang. »Er ist auf einer Forschungsreise«, fügte ich auf Englisch hinzu. »Das ist er fast immer«, sagte Hester.
Mademoiselle Zizi und Madame Corbet sahen einander an. »Mon Dieu! Mon Dieu! Et quoi?«, sagte Madame Corbet. »Il n’y a personne pour s’occuper de tout ce monde-là?«
Ohne auf unsere Anwesenheit die geringste Rücksicht zu nehmen, fingen sie an, sich in ihrer Muttersprache über uns zu unterhalten. »Sie sind noch nie zuvor in Frankreich gewesen«, sagte Mademoiselle Zizi, nachdem sie einen Blick in die Pässe geworfen hatte.
»Sie sind überhaupt noch nirgends gewesen«, bemerkte Madame Corbet.
»Das ist nicht richtig!«, entgegnete ich hitzig. »Meine Schwester Joss ist in Indien zur Welt gekommen, nur ist Mutters Reisepass abgelaufen – das ist alles.« Aber sie hörten mir nicht zu.
»Und Französisch sprechen sie auch nicht!«
Das verletzte mich, denn bis dahin hatte ich mir eingebildet, dass Joss und ich – besonders aber ich – sehr gut Französisch sprachen. »Kein Wunder! Du hast genug gelernt«, pflegte Joss zu sagen, was gar nicht nett von ihr war, denn in St. Helena war das Auswendiglernen französischer Gedichte die häufigste Strafaufgabe.
»Mach dir nichts draus«, flüsterte Hester. »Du siehst doch, wie es dir hilft, dass du in der Schule nicht gut gewesen bist.« Tatsächlich war Französisch die einzige Sache, in der ich jemals besser als Joss gewesen war, und die Stunden, die ich damit verbracht hatte, »Le temps a laissé son manteau«, »De vent, de froideur et de pluie«, »Mignonne, allons voir si la rose« und die Gedichte von Verlaine, die ich mit der Zeit so sehr liebte, auswendig zu lernen, kamen mir jetzt sehr zugute. Während des ganzen schrecklichen Tages war ich imstande zu verstehen, was die Leute sagten, und tatsächlich war es viel eher ich gewesen als Joss, die uns alle sicher nach Les Œillets gelotst hatte. Ich konnte Französisch sprechen, aber Paul – der zu wissen schien, was mir durch den Kopf ging – schniefte, fuhr sich mit dem Finger über die Nase und wischte ihn an seinem Hosenboden ab, was einen sehr ungezogenen Eindruck machte.
»Niemand kann von uns erwarten, dass wir uns um sie kümmern«, sagte Madame Corbet.
»Wir können uns um uns selbst kümmern«, sagte ich würdevoll. »Wir sind keine kleinen Kinder.«
Mademoiselle griff nach Joss’ Reisepass, warf einen Blick hinein und schleuderte ihn auf den Schreibtisch. »Sechzehn! Ein Kind!«, sagte sie und fragte mich dann auf Englisch: »Habt ihr denn gar keine Verwandten? Gar niemanden, der herkommen könnte?«
Bevor ich es verhindern konnte, hatte Hester geantwortet: »Onkel William.«
Onkel William ist Mutters Bruder und zehn Jahre älter als sie … »Es könnten ebenso gut hundert sein«, sagte Joss. Die meisten Erwachsenen sind wie Eisberge: drei Zehntel sichtbar, sieben Zehntel unter Wasser – darum ist ein Zusammenstoß mit ihnen auch so unerwartet schmerzhaft –, aber Mutter war wie ein Kind, leicht zu durchschauen, ehrlich und zugänglich … »für jeden Taugenichts«, pflegte Onkel William zu sagen.
Manchmal fragte ich mich, ob er auch Vater in diese Kategorie der Taugenichtse einreihte, aber er äußerte sich nicht dazu, obwohl Onkel William mit seiner Meinung selten hinter dem Berg hielt. »Wenn ihr auf mich gehört hättet!«, war sein Lieblingssatz. Ich glaube nicht, dass Mutter auf ihn gehört hat, als sie Vater heiratete, aber als sie Joss aus Indien heimbrachte – weil man Babys nicht auf Forschungsreisen mitnehmen kann –, ist er ihr doch entgegengefahren und hat sie nach Southstone gebracht … »Und in die Belmont Road«, sagte Joss bitter.
»Woher wussten wir, dass es hassenswert ist«, fragte sie später, »wenn sich doch alle unsere Erinnerungen auf Southstone beschränken?« Wir konnten das hässliche kleine Haus mit Rauputz, den falschen Tudor-Giebeln und den Bleiglasfenstern nicht ausstehen und schämten uns dafür. »Blödsinnig, Glas in so viele kleine Stücke zu zerschneiden«, sagte Willymaus, aber es war eines von Onkel Williams Häusern – er besaß mehrere in Southstone –, und er war gütig genug, uns darin wohnen zu lassen. »Er ist so gütig!«, sagte Mutter und seufzte.
Onkel William verwandte viel Geld, Zeit und Mühe auf uns Kinder – »Und Wörter«, sagte Hester. »Haufenweise Wörter!« –, während Vater nur in großen Zeitabständen nach Hause kam und auch dann kaum je von seinen Farn- und Orchideensammlungen aufblickte, um seine Frau und Kinder anzusehen. Ich bin nicht ganz überzeugt, dass er die beiden Kleinen voneinander unterscheiden konnte, und dennoch liebten wir ihn und erwarteten sehnsüchtig seine Heimkehr. Wir liefen uns die Füße platt, um Botengänge für ihn zu verrichten, und waren stolz darauf, zu ihm zu gehören. »Na schön«, sagte Hester. »Wenn Onkel William alt sein wird, werde ich eben für ihn sorgen.«
Brauchten wir Onkel William? Ich war mir nie ganz klar darüber, ebenso wenig wie ich je herausfand, ob Mutter sehr dumm oder sehr klug war. Sie war völlig außerstande, mit Willymaus fertigzuwerden. »Er sagt, er will sie nicht tragen«, sagte sie und ging in die Schule, um seine neue Kappe zurückzugeben.
»Dann darf er nicht mehr in die Schule kommen«, sagte der Direktor.
Mutter besprach die Angelegenheit mit Willymaus, und … »Er zieht es vor, nicht mehr in die Schule zu gehen«, sagte Mutter, und Willymaus blieb der Schule fern, bis Onkel William davon hörte.
»Warum kann ich nicht in eine Mädchenschule gehen?«, fragte Willymaus. »Sie haben keine Kappen, und ich könnte vielleicht meinen Muff tragen.«
»Großmächtiger Gordon!«, sagte Onkel William.
Der Muff war aus weißem Pelz und mit Satin gefüttert. Willymaus hatte ihn mit dem Geld gekauft, das Onkel William ihm zu seinem fünften Geburtstag geschenkt hatte.
»Was hast du dir gekauft, mein Junge? Einen Kricketschläger? Eine Eisenbahn?«
»Einen Muff«, sagte Willymaus.
»Großmächtiger Gordon!«, sagte Onkel William. Wir haben nie herausgefunden, wer dieser Gordon war, aber Willymaus veranlasste Onkel William sehr oft, ihn anzurufen oder zu sagen: »Ein einziger Junge in dem ganzen Wurf, und der ist kein Junge!«
Willymaus war damals noch klein, aber ich glaube, wir selbst hätten uns manchmal gewünscht, einen richtigen Jungen zum Bruder zu haben. »Er ist eben Willymaus«, sagte Mutter. So verstand sie ihn, wie sie jeden von uns – sogar Joss – auf ihre Art verstand. Vielleicht wären wir weniger unzufrieden und ungezogen gewesen, wenn unsere Erziehung ihr allein überlassen geblieben wäre.
Wenn ich zurückdenke, vermute ich, dass wir unzufrieden waren, weil wir uns in Southstone niemals wohlfühlten, und dass unsere Ungezogenheit dieser Unzufriedenheit zuzuschreiben war. Es war, als hätte man uns in eine Modellierform hineingepresst, in die wir nicht passten. Vor allem waren wir viel ärmer als die Leute, die wir kannten – arm schon deshalb, weil wir Onkel Williams Schwester, Nichten und Neffe waren. Andererseits hatten wir diesen seltsamerweise immer abwesenden Vater, während die Väter anderer Kinder in Büros gingen, Züge erreichen mussten und Mitglieder des Sussex Club waren. Auch Mutter war nicht wie andere Mütter, sie war überhaupt nicht wie eine Erwachsene. Sie war offensichtlich lieber mit Vicky, Willymaus oder einer von uns anderen zusammen, statt Bridge zu spielen, Wohltätigkeitsbasare zu organisieren oder mit den Damen der guten Gesellschaft von Southstone zum Vormittagskaffee, Mittagessen oder Tee zusammenzukommen. Wenn wir in einem der großen roten Ziegelhäuser mit den weiten Rasenflächen, Lorbeersträuchern und sorgfältig kiesbestreuten Auffahrten zum Tee geladen waren, fühlten wir uns wie Eindringlinge – mit Ausnahme von Hester, die überall zu Hause war. Wir waren anders, gehörten dazu und doch wieder nicht, und Außenseiter zu sein ist ein unbehaglicher Zustand. Wir wollten gar nicht dazugehören, fühlten uns aber gedemütigt, weil wir nicht dazugehörten. Jetzt weiß ich, dass es für uns nicht gut war, in Southstone zu leben. In einer anderen, größeren Stadt, in London etwa, wären wir vielleicht keine Außenseiter gewesen.
»In London«, sagte Joss träumerisch, »kann man irgendwer sein. Man weiß nie, neben wem man sitzt. Es kann ebenso gut ein Bettler sein wie ein Herzog.«
»Oder ein Dieb«, sagte Onkel William, der sehr bestimmte Ansichten über London hatte.
»Southstone …«, fing ich an.
»Ist der Ort, in dem du lebst«, sagte Onkel William.
»In Southstone«, sagte ich verzweifelt, »ist alles mittel, mittel, mittel!« So war es auch. Es gab weder Bettler noch Herzöge. »Nur Mittelmäßigkeiten!«