Kitabı oku: «Das Königreich aus Kupfer - Daevabad Band 2»

Yazı tipi:

S. A. Chakraborty


Die Daevabad-Trilogie Bd. 2

Ins Deutsche übertragen von

Kerstin Fricke


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright © 2019 by Shannon Chakraborty. All rights reserved.

Titel der Englischen Originalausgabe: »The Kingdom of Copper« by S. A. Chakraborty, published 2019 by Harper Voyager an imprint of HarperCollins Publishers LLC, New York, USA.

Designed by Paula Russell Szafranski

Maps by Virginia Norey

Deutsche Ausgabe 2022 Panini Verlags GmbH,

Schlossstr. 76, 70176 Stuttgart.

Alle Rechte vorbehalten.

Geschäftsführer: Hermann Paul

Head of Editorial: Jo Löffler

Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: marketing@panini.de)

Presse & PR: Steffen Volkmer

Übersetzung: Kerstin Fricke

Lektorat: Mona Gabriel

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

YDCHAK002E

ISBN 978-3-7367-9847-2

Gedruckte Ausgabe:

1. Auflage, Februar 2022,

ISBN 978-3-8332-4177-2

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Für Shamik

ÜBERSICHT DER CHARAKTERE

DIE KÖNIGSFAMILIE

Daevabad wird momentan von der Qahtani-Familie regiert, den Nachfahren von Zaydi al Qahtani, dem Geziri-Krieger, der vor Jahrhunderten eine Rebellion anführte, den Nahid-Rat stürzte und für die Gleichberechtigung der Shafit sorgte.

GHASSAN AL QAHTANI, König über das magische Reich und Verteidiger des Glaubens

MUNTADHIR, Ghassans ältester Sohn von seiner ersten Frau, einer Geziri, und designierter Thronfolger

HATSET, Ghassans zweite Frau und Königin, eine Ayaanle, die aus einer mächtigen Familie in Ta Ntry stammt.

ZAYNAB, Ghassans und Hatsets Tochter, Prinzessin von Daevabad

ALIZAYD, der jüngste Sohn des Königs, wegen Verrats nach Am Gezira verbannt

Ihr Hofstaat und die Königsgarde

WAJED, Qaid und Heerführer der Dschinn-Armee

ABU NUWAS, ein Geziri-Offizier

KAVEH E-PRAMUKH, der Daeva-Großwesir

JAMSHID, sein Sohn und Emir Muntadhirs engster Vertrauter

ABUL DAWANIK, ein Handelsgesandter aus Ta Ntry

ABU SAYF, ein alter Soldat und Späher der Königsgarde

AQISA und LUBAYD, Krieger und Fährtenleser aus Bir Nabat, einem Dorf in Am Gezira

DIE HÖCHSTEN UND GESEGNETEN NAHID

Die Nahid, ursprüngliche Herrscher über Daevabad und Nachfahren Anahids, waren eine Familie außergewöhnlicher magischer Heiler, die dem Daeva-Stamm angehörte.

ANAHID, Suleimans Auserwählte und die Gründerin von Daevabad

RUSTAM, einer der letzten Nahid-Heiler und ein erfahrener Botaniker, ermordet von den Ifrit

MANIZHEH, Rustams Schwester und eine der mächtigsten Nahid-Heilerinnen seit Jahrhunderten, ermordet von den Ifrit

NAHRI, ihre Tochter, die nichts über ihre Eltern weiß und als Kleinkind im Menschenland Ägypten ausgesetzt wurde

Ihre Unterstützer

DARAYAVAHOUSH, der letzte Nachkomme der Afshin, einer Daeva-Familie der Militärkaste, die als rechte Hand des Nahid-Rates diente; bekannt als Geißel von Qui-zi ob seiner Gewalttätigkeit während des Krieges und der späteren Revolte gegen Zaydi al Qahtani

KARTIR, ein Daeva-Hohepriester

NISREEN, Manizhehs und Rustams ehemalige Assistentin und Nahris Mentorin

IRTEMIZ, MARDONIYE und BAHRAM, Soldaten

DIE SHAFIT

Personen, in deren Adern ebenso Menschen- wie Dschinn-Blut fließt. In Daevabad sind ihre Rechte stark eingeschränkt.

SCHEICH ANAS, ehemaliger Anführer der Tanzeem und Alis Mentor, vom König wegen Verrats hingerichtet.

SCHWESTER FATUMAI, Tanzeem-Anführerin, die für das Waisenhaus und die wohltätigen Einrichtungen der Gruppe zuständig war

SUBHASHINI und PARIMAL SEN, Shafit-Ärzte

DIE IFRIT

Daeva, die sich vor Tausenden von Jahren weigerten, sich Suleiman zu unterwerfen, und daraufhin verflucht wurden; Erzfeinde der Nahid.

AESHMA, ihr Anführer

VIZARESH, der Ifrit, der in Kairo auf Nahri aufmerksam wurde.

QANDISHA, die Ifrit, mit der Dara eine schreckliche Vergangenheit verbindet

DIE BEFREITEN SKLAVEN DER IFRIT

Nach Daras Tod durch die Hand von Prinz Alizayd erschütterten grausame Ausschreitungen Daevabad. Nur drei der einstmals versklavten Dschinn, die nun verfolgt und bedroht wurden, sind in der Stadt geblieben, wo die Nahid-Heiler sie vor Jahren befreit und wiederbelebt haben.

RAZU, eine Spielerin aus Tukharistan

ELASHIA, eine Künstlerin aus Qart Sahar

ISSA, ein Gelehrter und Historiker aus Ta Ntry



PROLOG

ALI

Alizayd al Qahtani hielt nicht einmal einen Monat bei seiner Karawane durch.

»Lauft, mein Prinz, lauft!«, schrie das einzige Ayaanle-Mitglied seiner Reisegruppe, das eines Nachts in Alis Zelt getaumelt kam, als sie am Südufer des Euphrat lagerten. Bevor der Mann mehr sagen konnte, ragte eine blutrote Klinge aus seiner Brust.

Ali sprang auf. Seine Waffen lagen bereits parat, und mit einem Hieb seines Zulfiqars hatte er die Rückseite des Zelts aufgeschlitzt, um in die Nacht hinauszufliehen.

Sie verfolgten ihn zu Pferde, aber der Euphrat glitzerte ganz in der Nähe; der Sternenhimmel spiegelte sich in der unruhigen schwarzen Oberfläche des Flusses. Während er inständig hoffte, seine Waffen gut gesichert zu haben, stürzte sich Ali ins Wasser, als auch schon die ersten Pfeile durch die Luft flogen und einer gefährlich nah an seinem Ohr vorbeisauste.

Das kalte Wasser wirkte wie ein Schock, doch Ali schwamm schnell, denn die Bewegungen waren ihm ebenso vertraut wie das Laufen, schneller als jemals zuvor und mit einer Anmut, die ihn selbst verblüfft hätte, wäre er nicht derart damit beschäftigt gewesen, sein Leben zu retten. Pfeile zischten um ihn herum ins Wasser und folgten seinem Weg, daher tauchte er tief, bis er kaum noch etwas sehen konnte. Der Euphrat war breit, und es dauerte einige Zeit, ihn zu überqueren, sich den Weg durch die Schlingpflanzen zu bahnen und gegen die starke Strömung anzukämpfen, die ihn flussabwärts ziehen wollte.

Erst als er auf das gegenüberliegende Ufer taumelte, überkam ihn eine erschreckende Erkenntnis: Er hatte nicht einmal auftauchen und Luft holen müssen.

Ali schluckte schwer und erschauerte in der kalten Brise, die durch seine nasse Dishdasha pfiff. Übelkeit stieg in ihm auf, aber es blieb keine Zeit, um über das nachzudenken, was im Fluss geschehen war – nicht, wenn berittene Bogenschützen auf der anderen Seite nach ihm Ausschau hielten. Sein Zelt brannte, aber der Rest des Lagers lag unangetastet und unheimlich still da, als hätten die anderen Reisenden seiner Gruppe den leisen Befehl erhalten, sämtliche Schreie, die sie in dieser Nacht vernahmen, zu ignorieren.

Man hatte Ali verraten. Und er würde gewiss nicht hier warten, um herauszufinden, ob entweder die Attentäter oder seine treulosen Gefährten den Fluss überqueren konnten. Mühsam rappelte er sich auf und rannte um sein Leben, wobei er direkt auf den Horizont zuhielt.

Es dämmerte längst, als seine Beine endlich nachgaben. Er brach zusammen und landete schmerzhaft auf dem goldenen Sand. Der Fluss war längst nicht mehr zu sehen. In jeder Richtung gab es nichts als Wüste, der Himmel war wie eine strahlende heiße Schüssel, die jemand auf den Kopf gestellt hatte.

Ali ließ den Blick über die ruhige Landschaft schweifen, während er nach Atem rang, aber er war allein. Erleichterung und Furcht rangen in seinem Inneren. Er war allein – mit einer riesigen Wüste vor sich und seinen Feinden im Rücken, mit nichts als seinem Zulfiqar und seinem Khanjar in seinem Besitz. Ohne etwas zu essen oder zu trinken, ohne Zelt oder Decke. Ihm war nicht einmal die Zeit geblieben, Turban und Sandalen mitzunehmen, die ihn vor der Hitze geschützt hätten.

Er war verloren.

Du warst schon die ganze Zeit verloren, du Narr. Das hat dir dein Vater deutlich zu verstehen gegeben. Alis Verbannung aus Daevabad war ein Todesurteil, was für jeden, der sich mit der Politik seines Stammes auskannte, offensichtlich war. Hatte er tatsächlich geglaubt, dagegen ankämpfen zu können? Oder dass man ihm einen einfachen Tod gewähren würde? Wäre sein Vater gnädig gestimmt gewesen, dann hätte er seinen jüngsten Sohn innerhalb der Stadtmauern im Schlaf erdrosseln lassen.

Zum ersten Mal wallte so etwas wie Hass in Alis Herzen auf. Das hier hatte er nicht verdient. Schließlich hatte er nur versucht, seiner Stadt und seiner Familie zu helfen, und Ghassan war nicht einmal so großzügig, ihm einen sauberen Tod zu gestatten.

Ihm standen Wuttränen in den Augen. Ali wischte sie grob und angewidert ab. Nein, so würde es mit ihm nicht zu Ende gehen, indem er aus Selbstmitleid weinte und seine Familie verfluchte, während er in einem unbekannten Winkel der Wüste dahinsiechte. Er war ein Geziri. Wenn die Zeit kam, würde Ali trockenen Auges und mit einem Glaubensbekenntnis auf den Lippen und einer Klinge in der Hand sterben.

Er richtete den Blick gen Südwesten, in die Richtung, in der sein Heimatland lag, in die er sein ganzes Leben lang gebetet hatte, und bohrte die Hände in den goldenen Sand. Dabei versuchte er, sich für das Gebet zu läutern, wie er es schon unzählige Male getan hatte, seitdem seine Mutter es ihn gelehrt hatte.

Danach hob er die Handflächen gen Himmel, schloss die Augen und nahm den stechenden Geruch des Sandes und Salzes wahr, der an seiner Haut haftete. Leite mich, flehte er. Schütze jene, die ich zurücklassen musste, und wenn meine Zeit gekommen ist – es schnürte ihm die Kehle zu –, wenn meine Zeit gekommen ist, dann hab bitte mehr Mitleid mit mir als mein Vater.

Ali berührte seine Stirn mit den Fingern. Danach erhob er sich.

Da ihn nichts als die Sonne durch die unendliche Ausdehnung aus Sand leiten konnte, folgte Ali ihrem unaufhörlichen Pfad am Himmel, ignorierte ihre gnadenlose Hitze und gewöhnte sich mit der Zeit daran. Der heiße Sand verbrannte ihm die Fußsohlen – bis er es irgendwann nicht mehr spürte. Er war ein Dschinn und konnte zwar nicht wie einst seine Vorfahren vor Suleimans Segen zwischen den Dünen dahintreiben und tanzen, aber die Wüste würde ihn auch nicht umbringen. Jeden Tag marschierte er, bis ihn die Erschöpfung überkam, und hielt nur zum Schlafen und Beten an. Dabei ließ er seinen Geist – seine Verzweiflung darüber, wie er sein Leben ruiniert hatte – unter der grellen weißen Sonne dahintreiben.

Der Hunger nagte an ihm. Wasser war kein Problem – seitdem die Marid ihn in Besitz genommen hatten, kannte Ali keinen Durst mehr. Er gab sich die größte Mühe, nicht darüber nachzudenken, was das bedeuten musste, und den neuen, ruhelosen Teil seines Verstands zu ignorieren, der sich an der Feuchtigkeit erfreute, die seine Haut benetzte und seine Gliedmaßen hinuntertropfte und die er einfach nicht als Schweiß bezeichnen wollte.

Wie lange er gelaufen war, bis sich die Landschaft endlich veränderte, konnte er nicht einmal sagen, aber irgendwann erhoben sich Felsklippen aus den Sanddünen, die an gewaltige, nach etwas greifende Finger erinnerten. Ali suchte in den zerklüfteten Felsvorsprüngen nach etwas Essbarem. Er hatte gehört, die Geziri auf dem Land seien dazu in der Lage, ein ganzes Festmahl aus wenigen Resten heraufzubeschwören, doch diese Art von Magie hatte Ali nie erlernt. Schließlich war er ein Prinz, der später Qaid werden sollte und sein ganzes privilegiertes Leben lang von Dienstboten umgeben sein würde. Wie er auf sich allein gestellt überlebte, war ihm nie beigebracht worden.

Verzweifelt und am Verhungern aß er jedes bisschen Grün, das er finden konnte, bis hinunter zu den Wurzeln. Was sich als Fehler herausstellte. Am nächsten Morgen beim Erwachen überkam ihn heftige Übelkeit. Asche bröckelte von seiner Haut, und er erbrach sich, bis nur noch eine brennende schwarze Substanz herauskam, die den Boden versengte.

In der Hoffnung, ein bisschen Schatten zu finden und sich dort erholen zu können, versuchte Ali, von den Klippen hinabzuklettern, aber ihm war so schwindlig, dass vor seinen Augen alles verschwamm und der Weg vor ihm zu wabern schien. Und schon im nächsten Augenblick verlor er auf den lockeren Steinen den Halt, rutschte aus und stürzte einen steilen Abhang hinunter.

Als er in einer steinigen Spalte landete, stieß er sich beim Aufprall die linke Schulter an einem hervorstehenden Felsen. Ein schmatzendes Geräusch hallte durch die Luft, und lodernde Hitze raste durch seinen Arm.

Ali keuchte auf. Er versuchte, das Gewicht zu verlagern, und schrie sofort auf, da ihm ein stechender Schmerz durch die Schulter zuckte. Mit verzerrtem Gesicht atmete er zaghaft ein und unterdrückte einen Fluch, weil sich die Muskeln in seinem Arm verkrampften.

Steh auf! Du wirst hier sterben, wenn du liegen bleibst. Aber Alis geschwächte Gliedmaßen wollten nicht mehr gehorchen. Blut tropfte aus seiner Nase und lief ihm in den Mund, als er hilflos zu den steilen Klippen hinaufstarrte, die sich vor dem hellen Himmel abzeichneten. Ein Blick die Spalte entlang enthüllte nichts als Sand und Steine. Es war – wie ein schlechtes Omen – ein toter Ort.

Er unterdrückte ein Schluchzen. Es gab schlimmere Arten zu sterben, wie er ganz genau wusste. Die Feinde seiner Familie hätten ihn auch fangen oder foltern können, oder er wäre von den Attentätern, die sich einen blutigen »Beweis« für ihren Sieg sichern wollten, in Stücke gehackt worden. Aber, Gott möge ihm vergeben, Ali war noch nicht bereit zu sterben.

Du bist ein Geziri. Du glaubst an den Allmächtigen. Gib jetzt nicht auch noch deine Ehre auf. Zitternd kniff Ali die Augen zu, um den Schmerz zu ertragen, und versuchte, etwas Trost in den heiligen Versen zu finden, die er vor so langer Zeit auswendig gelernt hatte. Doch das fiel ihm sehr schwer. Die Gesichter all jener, die er in Daevabad zurückgelassen hatte – des Bruders, dessen Vertrauen er letztendlich doch verloren hatte, der Freundin, deren große Liebe er getötet hatte, des Vaters, der ihn wegen eines Verbrechens, dessen er nicht schuldig war, zum Tode verurteilt hatte –, durchdrangen immer wieder die nahende Dunkelheit, und ihre Stimmen suchten ihn heim, während er langsam das Bewusstsein verlor.

Er erwachte, als ihm eine unfassbar widerliche Substanz eingeflößt wurde.

Ali riss würgend die Augen auf und hatte etwas im Mund, das sich körnig, metallisch und einfach falsch anfühlte. Vor seinen Augen verschwamm alles, und erst nach und nach kam die Silhouette eines breitschultrigen Mannes in Sicht, der neben ihm hockte. Das Gesicht des Mannes nahm langsam Gestalt an: eine Nase, die mehr als einmal gebrochen worden war, ein verfilzter schwarzer Bart, überschattete graue Augen.

Geziri-Augen.

Der Mann legte Ali eine schwere Hand auf die Stirn und schaufelte ihm noch etwas von diesem widerlichen Mehlbrei in den Mund. »Esst, mein Prinz.«

Ali röchelte. »Wa–was ist das?« Seine Stimme drang kaum lauter als ein Flüstern aus seiner ausgedörrten Kehle.

Der andere Dschinn strahlte. »Oryxblut und zerstoßene Heuschrecken.«

Ali drehte sich der Magen um. Er wandte sich zur Seite und wollte sich schon übergeben, aber der Mann hielt Ali den Mund zu, massierte seine Kehle und zwang die ekelerregende Mixtur zurück in seinen Magen.

»He, macht das nicht. Welcher Mann verwehrt denn etwas zu essen, das derart sorgfältig zubereitet wurde?«

»Daevabadi.« Eine zweite Stimme ergriff das Wort, und Ali erblickte zu seinen Füßen eine Frau mit dicken schwarzen Zöpfen und einem Gesicht, das aussah wie aus Stein gemeißelt. »Keine Manieren.« Sie hob Alis Zulfiqar und Khanjar hoch. »Schöne Klingen.«

Der Mann hob eine knorrige schwarze Wurzel hoch. »Habt Ihr das gegessen?« Als Ali nickte, schnaubte er. »Narr. Ihr könnt von Glück reden, dass Ihr jetzt kein Häufchen Asche seid.« Er hielt Ali den nächsten Löffel mit blutigen Knorpeln hin. »Esst. Ihr werdet die Kraft für die Reise nach Hause brauchen.«

Ali drückte den Löffel mit schlaffer Hand zur Seite, war noch immer benommen und nun darüber hinaus sehr verwirrt. Eine Brise wehte durch die Felsspalte und trocknete die Feuchtigkeit auf seiner Haut, woraufhin er erschauerte. »Nach Hause?«, wiederholte er.

»Bir Nabat«, antwortete der Mann, als wäre es das Offensichtlichste auf der Welt. »Zu Hause. Das ist eine Wochenreise gen Westen.«

Ali wollte den Kopf schütteln, doch sein Hals und seine Schultern waren ganz steif. »Ich kann nicht«, stieß er heiser hervor. »Ich … ich muss in den Süden.« Das war die einzige Richtung, die ihm einfiel; die Qahtani-Familie stammte ursprünglich aus der unwirtlichen Bergkette entlang der feuchten Südküste von Am Gezira, und er ging davon aus, dass er nur an diesem Ort Verbündete finden würde.

»In den Süden?« Der Mann lachte auf. »Ihr seid so gut wie tot und zieht in Betracht, Am Gezira zu durchqueren?« Er steckte Ali den nächsten vollen Löffel in den Mund. »In jedem Schatten dieses Landes lauern Attentäter, die nach Euch suchen. Es heißt, die Feueranbeter überschütten den Mann mit Reichtümern, der Alizayd al Qahtani tötet.«

»Aus diesem Grund sollten wir das auch tun, Lubayd«, warf die Frau ein und deutete ungehalten auf die Grütze. »Anstatt unsere Vorräte für einen Bengel aus dem Süden zu vergeuden.«

Ali schluckte das üble Gemisch unter einigen Schwierigkeiten hinunter und starrte sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Ihr würdet einen anderen Geziri für die Münzen Fremder töten?«

»Einen Qahtani würde ich sogar ohne Belohnung umbringen.«

Die in ihrer Stimme mitschwingende Feindseligkeit ließ Ali zusammenzucken. Der Mann – Lubayd – seufzte und sah sie genervt an, bevor er sich erneut Ali zuwandte. »Ihr müsst Aqisa verzeihen, Prinz, aber dies ist keine gute Zeit, um sich in unserem Land aufzuhalten.« Er stellte die Lehmschale auf den Boden. »Wir haben seit Jahren keinen Tropfen Regen mehr gesehen. Unsere Quelle versiegt, uns gehen die Lebensmittel aus, unsere Kinder und Alten sterben … Daher haben wir Nachrichten nach Daevabad geschickt und um Hilfe gebeten. Und wisst Ihr, was unser König sagt, der ebenso Geziri ist wie wir?«

»Nichts.« Ali spuckte auf den Boden. »Euer Vater antwortet uns nicht einmal. Also hört mir bloß auf mit Stammesbanden, al Qahtani.«

Ali war zu erschöpft, um sich vor dem Hass in ihrem Gesicht zu fürchten. Er beäugte das Zulfiqar in ihren Händen. Seine Klinge war stets scharf, also würde er zumindest nicht lange leiden müssen, falls sie beschlossen, ihn damit zu exekutieren.

Mühsam schluckte er die in seiner mit Oryxblut benetzten Kehle aufsteigende Galle hinunter. »Nun …«, murmelte er leise. »In diesem Fall kann ich nur zustimmen. Das müsst ihr nicht für mich vergeuden.« Bei diesen Worten zeigte er auf Lubayds Schale.

Einen langen Moment herrschte Schweigen. Dann fing Lubayd an zu lachen, und das Geräusch hallte laut durch die Felsschlucht.

Er lachte noch immer, als er ohne Vorwarnung Alis verletzten Arm packte und kraftvoll in die Länge zog.

Ali schrie auf, und vor seinen Augen tanzten schwarze Punkte. Doch als seine Schulter wieder zurückrutschte, hatte der stechende Schmerz nachgelassen. Er spürte ein Kribbeln in den Fingern, und das Gefühl kehrte in unerträglichen Wellen in seine taube Hand zurück.

Lubayd grinste. Er nahm seine Ghutra ab, die Kopfbedeckung aus Stoff, die die nördlichen Geziri-Dschinn trugen, und fertigte daraus rasch eine Schlinge. Dann zog er Ali an seinem unverletzten Arm auf die Beine. »Behaltet Euren Sinn für Humor, Junge. Ihr werdet ihn brauchen.«

Eine große weiße Oryx wartete geduldig am Eingang der Felsspalte und hatte eine Linie aus getrocknetem Blut an der Flanke. Lubayd ignorierte Alis Proteste und hievte ihn auf den Rücken des Tiers. Ali klammerte sich an die langen Hörner und beobachtete, wie Lubayd Aqisa das Zulfiqar wieder abrang.

Er legte es Ali auf den Schoß. »Lasst die Schulter heilen, dann könnt Ihr das vielleicht wieder schwingen.«

Ali betrachtete die Klinge ungläubig. »Aber ich dachte …«

»Dass wir Euch töten?« Lubayd schüttelte den Kopf. »Nein. Jedenfalls noch nicht. Nicht solange Ihr zu so etwas fähig seid.« Er deutete hinter sich in die Spalte.

Ali folgte seinem Blick. Er öffnete sprachlos den Mund.

Es war nicht etwa Schweiß, der seine Robe durchnässt hatte. Eine winzige Oase war um ihn herum entstanden, während er im Sterben gelegen hatte. Wasser gluckerte aus einer Quelle an der Stelle, an der eben noch sein Kopf gewesen war, und plätscherte über frisches Moos. Eine zweite Quelle speiste die Vertiefung, die sein Körper verursacht hatte, und füllte sich langsam. Hellgrüne Triebe ragten aus dem mit Blut befleckten kiesigen Boden, und die sich langsam entfaltenden Blätter waren feucht von Tau.

Ali holte ruckartig Luft und atmete die frische Feuchtigkeit in der Wüstenluft ein. Das Potenzial.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie Ihr das gemacht habt, Alizayd al Qahtani«, sagte Lubayd. »Aber wenn Ihr in Am Gezira Wasser in einen ausgedörrten Sandfleck holen könnt …« Er zwinkerte Ali zu. »Dann seid Ihr meiner Meinung nach weitaus mehr wert als ein paar fremde Münzen.«

* * *

NAHRI

Es war sehr still in den Gemächern von Emir Muntadhir al Qahtani.

Banu Nahri e-Nahid lief im Raum auf und ab, und ihre nackten Zehen versanken im dicken Teppich. Auf einem verspiegelten Tisch stand eine Weinflasche neben einem Jadebecher in der Form eines Shedu. Den Wein hatten die zurückhaltenden Diener hereingebracht, die Nahri auch beim Ablegen ihres schweren Hochzeitsgewands geholfen hatten; möglicherweise hatten sie das Zittern der Banu Nahida bemerkt und sich gedacht, der Wein könne helfen.

Nun starrte sie die Flasche an, die fragil aussah. Vermutlich ließ sie sich leicht zerbrechen, und es wäre kein Problem, eine Scherbe unter den Kissen des großen Bettes zu verstecken, dessen Anblick sie zu vermeiden suchte, um diesen Abend auf eine eindeutig dauerhaftere Weise zu beenden.

Und dann wirst du sterben. Ghassan würde eintausend Angehörige ihres Stammes dem Schwert übergeben und Nahri zwingen, jeder einzelnen Exekution beizuwohnen, um sie danach seinem Karkadann vorzuwerfen.

Sie wandte den Blick von der Flasche ab. Eine leichte Brise wehte durch das Fenster herein, und sie erschauerte. Sie trug ein feines blaues Seidengewand und eine weiche Kapuzenrobe, die der Kühle beide nicht viel entgegenzusetzen hatten. Die Heiratsmaske war das Einzige, was sie von ihrem vielfach verzierten Ensemble, in dem sie geheiratet hatte, noch trug. Die Maske bestand aus mit Schnitzereien versehenem Ebenholz und wurde mit Kupferklemmen und -ketten befestigt. Darauf waren Nahris und Muntadhirs Namen eingraviert. Die Maske sollte nach Vollzug verbrannt werden, und die Aschemarkierungen auf ihren Körpern würden am nächsten Morgen die Gültigkeit der Ehe beweisen. Laut der aufgeregten Geziri-Frauen, die sie zuvor beim Hochzeitsessen aufgezogen hatten, handelte es sich dabei um eine beliebte Tradition ihres Stammes.

Nahri teilte die Aufregung nicht. Sie schwitzte schon seit Betreten des Raums, und die Maske klebte an ihrer klammen Haut. Inzwischen hatte sie sie ein wenig gelockert, um sich von der Brise die erhitzten Wangen kühlen zu lassen. Sie erhaschte ihre Bewegung in dem gewaltigen Spiegel mit Bronzerand auf der anderen Seite des Raumes und wandte den Blick ab. So schön die Kleidungsstücke und die Maske auch sein mochten, so waren sie Geziri, und Nahri verspürte nicht das Verlangen, sich in der Tracht ihres Feindes zu sehen.

Sie sind nicht deine Feinde, rief sie sich in Erinnerung. »Feind« war Daras Wort gewesen, und an Dara wollte sie erst recht nicht denken. Nicht heute Nacht. Das konnte sie einfach nicht. Daran würde sie zerbrechen – und die letzte Banu Nahida von Daevabad würde nicht zerbrechen. Sie hatte ihren Ehevertrag mit ruhiger Hand unterschrieben, Ghassan, ohne zu zittern, zugeprostet und den König, der ihr mit dem Mord an Daeva-Kindern gedroht und sie gezwungen hatte, ihrem Afshin aufgrund der geschmacklosesten Vorwürfe zu entsagen, herzlich angelächelt. Wenn sie all das fertigbrachte, dann würde sie auch das überstehen, was in diesem Raum passierte.

Nahri durchquerte abermals das Schlafgemach. Muntadhirs weitläufige Gemächer befanden sich in einer der oberen Ebenen der riesigen Pyramide im Herzen des Palastkomplexes von Daevabad. Es war voller Kunstwerke: Gemälde auf Seidenleinwänden, zarten Wandbehängen und fein gefertigten Vasen, die alle mit Sorgfalt zur Schau gestellt wurden und eine gewisse magische Aura zu besitzen schienen. Nahri konnte sich Muntadhir nur zu gut in diesem wundersamen Raum vorstellen, wie er mit einem Becher teuren Weins in der Hand und einer weltgewandten Kurtisane auf dem Bett lag, Gedichte rezitierte und über die sinnlosen Freuden des Lebens plauderte, für die Nahri sowohl die Zeit als auch die Neigungen fehlten. Nirgends war auch nur ein Buch zu sehen, weder in diesem Raum noch in den anderen Gemächern, durch die man sie geführt hatte.

Sie blieb vor dem nächsten Bild stehen, einer Miniatur zweier Tänzer, die flammenartige Blumen heraufbeschworen, die wie Rubine funkelten und glitzerten.

Ich habe mit diesem Mann rein gar nichts gemein. Nahri konnte sich nicht einmal vorstellen, in welchem Prunk Muntadhir aufgewachsen war oder dass man umgeben vom gesammelten Wissen von Jahrtausenden nicht den Wunsch zu lesen verspürte. Das Einzige, was sie mit ihrem frisch angetrauten Gatten verband, war eine schreckliche Nacht auf einem brennenden Schiff.

Die Tür des Schlafgemachs wurde geöffnet.

Instinktiv wich Nahri von dem Gemälde zurück und zog sich die Kapuze ins Gesicht. Von draußen war ein leises Klirren zu hören, gefolgt von einem Fluch, und Muntadhir trat ein.

Er war nicht allein; tatsächlich hätte er es alleine womöglich gar nicht geschafft, denn er stützte sich schwer auf einen Bediensteten, und den Wein in seinem Atem konnte sie praktisch quer durch den ganzen Raum riechen. Zwei Dienerinnen folgten, und Nahri schluckte schwer, als sie ihm aus der Robe halfen und ihm den Turban abnahmen, wobei sie auf Geziriyya zu spotten schienen, bevor sie ihn zum Bett führten.

Er ließ sich auf die Bettkante sinken und wirkte sehr betrunken und auch verblüfft, nun hier zu sein. Auf dem Bett türmten sich wolkenartige Decken, und es war groß genug, um einer zehnköpfigen Familie Platz zu bieten – und nach all den Gerüchten, die sie über ihren Mann gehört hatte, ging sie davon aus, dass es schon diverse Male so viele Personen beherbergt hatte. Weihrauch brannte in einem Gefäß in einer Ecke neben einem Krug mit gesüßter Milch und Apfelblättern – ein traditionelles Daeva-Getränk für junge Bräute, die bald ein Kind unter dem Herzen tragen wollten. Zumindest das würde nicht passieren, hatte Nisreen ihr versichert. Man assistierte nicht zwei Jahrhunderte lang Nahid-Heilern, ohne einige narrensichere Methoden zur Schwangerschaftsverhütung zu erlernen.

Dennoch schlug Nahris Herz schneller, als die Dienstboten hinausgingen und leise die Tür hinter sich schlossen. Anspannung lag in der Luft wie eine dicke, schwere Wolke und wollte so gar nicht zu der feierlichen Stimmung passen, die von unten heraufdrang.

Endlich hob Muntadhir den Kopf und sah ihr in die Augen. Das Kerzenlicht tanzte auf seinem Gesicht. Zwar fehlte ihm Daras im wahrsten Sinne des Wortes magische Schönheit, aber er war ein äußerst attraktiver Mann, ein charismatischer Mann, hatte sie gehört, einer, der leicht zum Lachen zu bringen war und der häufig lächelte … zumindest bei allen anderen Menschen außer ihr. Sein dichtes schwarzes Haar war kurz geschnitten, sein Bart nach der neuesten Mode getrimmt. Während der Hochzeit hatte er seine königlichen Insignien getragen, die goldverbrämte elfenbeinfarbene Robe und den blau, lila und goldfarben gemusterten Seidenturban, die Kennzeichen der herrschenden al Qahtani-Familie, doch nun hatte er nur eine mit Perlen besetzte reinweiße Dishdasha an. Das Einzige, das sein makelloses Äußeres trübte, war die schmale Narbe, die seine linke Augenbraue teilte – ein Überrest von Daras Geißel.

Sie starrten einander lange Augenblicke an, ohne sich zu rühren. Ihr entging nicht, dass er zwar betrunken und ermattet, aber auch nervös war.

Endlich ergriff er das Wort. »Du verpasst mir doch keine Seuchengeschwüre, oder?«

Nahri kniff die Augen zusammen. »Wie bitte?«

»Seuchengeschwüre.« Muntadhir schluckte schwer und knetete die bestickte Tagesdecke. »Das hat deine Mutter immer Männern angetan, die sie zu lange angestarrt haben.«

Nahri ärgerte sich darüber, wie sehr sie diese Worte trafen. Sie war keine Romantikerin – ganz im Gegenteil pries sie sich für ihren Pragmatismus und ihre Fähigkeit, ihre Gefühle ignorieren zu können –, das hatte sie schließlich erst in dieses Zimmer geführt. Aber dies war ihre Hochzeitsnacht, und ein freundliches Wort von ihrem frisch angetrauten Ehemann wäre schon erstrebenswert gewesen; dass er sie begierig berühren wollte, statt sich Sorgen zu machen, sie könnte ihn mit einer magischen Krankheit verfluchen.

Sie ließ die Robe ohne Umschweife zu Boden fallen. »Bringen wir’s hinter uns.« Auf dem Weg zum Bett fummelte sie an den zarten Kupferklemmen herum, die ihre Maske sicherten.

»Sei vorsichtig!« Muntadhir streckte die Hand aus, zog sie aber sofort wieder zurück, als er ihre Finger berührte. »Vergib mir«, sagte er rasch, »aber die Maskenklemmen haben meiner Mutter gehört.«

Nahri erstarrte. Keiner im Palast erwähnte je Muntadhirs Mutter, Ghassans seit Langem tote erste Frau. »Ach ja?«

Er nickte, nahm ihr die Maske ab und entfernte geschickt die Klemmen. Im Vergleich zum opulent eingerichteten Raum und dem glitzernden Schmuck, den sie beide trugen, wirkten die Klemmen eher schlicht, doch Muntadhir hielt sie in der Hand, als wäre ihm gerade Suleimans Siegelring anvertraut worden.

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09 kasım 2024
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