Kitabı oku: «Das purpurne Hemdchen»
Sara-Maria Lukas
DAS PURPURNE HEMDCHEN
Erotischer Roman
© 2017 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels
www.plaisirdamour.de
info@plaisirdamourbooks.com
© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg (www.art-for-your-book.de)
ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-310-1
ISBN eBook: 978-3-86495-311-8
Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Epilog
Autorin
„Vielleicht ist gerade der wirklich stark,
der den Mut hat, sich selbst zu begegnen.“
Kapitel 1
„Und du willst wirklich nichts mitnehmen?“
Sina lächelt geduldig. „Nein, Tante Laura.“
Sie legt den Arm um die fast einen Kopf kleinere alte Dame, die mit großen, tränenfeuchten Augen zu ihr aufsieht, und drückt sie sanft. „Mutter hätte es so gewollt. Der Pfarrer wird die Möbel und den Hausrat an Menschen verteilen, die es gut gebrauchen können.“
Tante Laura schüttelt den Kopf. „Ach Mädchen, ich will das noch nicht glauben. So lange haben wir nebeneinander gewohnt. Nun ist deine Mutter tot und du gibst einfach alles auf. Hast du dir das wirklich gut überlegt?“
Ein Anflug stechenden Zorns verursacht einen bitteren Geschmack in Sinas Mund. Sie will das nicht mehr hören, sie kann es nicht mehr hören. Dieser Satz verfolgt sie wie der Geruch in den engen Fluren der alten Reihenhäuser, mit dem sie seit ihrer Kindheit vertraut ist. Zu oft hat sie ihn in den letzten Wochen und Nächten als innere Stimme im Kopf gehört. Er fühlt sich wie ein riesiges Kaugummi an, das mit der einen Seite an ihrem Arsch und mit der anderen in ihrem Elternhaus klebt und sie daran hindern will, sich fortzubewegen.
Was soll dieses weinerliche Getue? Tante Laura ist nicht mal eine Verwandte, sondern nur die Nachbarin. Sie hatten doch in Wahrheit nie etwas miteinander zu tun, außer dass sie sich jeden Tag gesehen haben. Zu ihrer Mutter mag sie ja ein enges Verhältnis gehabt haben, aber die ist tot. Ende. Aus. Vorbei.
Echte Verwandte gibt es nicht. Nichts hält sie hier. Nichts, verdammt noch mal. Verfluchte Gefühlsduselei! Schluss mit dem sentimentalen Gesäusel!
Innerlich einen Seufzer ausstoßend und sich selbst für ihre Gedanken rügend, drückt Sina der Nachbarin den Hausschlüssel in die Hand. „Ich habe es dir doch erklärt. Meine Wohnung in Hamburg ist sehr klein, ich muss mich von den Sachen trennen. Und jetzt laufe ich los, sonst verpasse ich noch den Zug.“
Sie will nichts mehr erklären. Sie will endlich diesen letzten Akt des Abschieds hinter sich bringen, in den Zug steigen und der Kleinstadt den Rücken kehren.
„Der Pfarrer holt den Schlüssel morgen früh und bringt ihn dir zurück, wenn das Haus leergeräumt ist, und der Makler meldet sich nächste Woche bei dir. Falls irgendwas ist, hast du meine Handynummer.“
„Ja Kind, ich weiß. Pass auf dich auf.“
„Du auch, Tante Laura.“
Eine letzte kurze Umarmung, dann zieht Sina energisch den Reißverschluss ihrer Jacke hoch, legt den Schal fest um Hals und Kinn, dreht sich um und verlässt das Haus.
Die Rollen des Koffers blockieren im frisch gefallenen Schnee, als wollten sie sich weigern, ihr Zuhause zu verlassen. Neuer Zorn brodelt in ihrer Brust. Sie beißt die Zähne zusammen und blickt mit leicht verschwommenem Blick starr nach vorn, stapft ein letztes Mal an ihrem Elternhaus vorbei, ohne noch einmal den Kopf zu drehen. Ende. Aus. Schluss. Scheiß Gepäck. Scheiß Schnee.
Als sie Hamburg erreicht, ist es schon dunkel. Während der dreistündigen Zugfahrt hat sie sich kaum bewegt, sondern still dagesessen und aus dem Fenster gestarrt, dabei nichts von der Landschaft wahrgenommen, sondern die Erinnerungen ihrer Kindheit vor ihrem inneren Auge an sich vorbeiziehen lassen. Ein letztes Mal. Ab sofort ist nur noch der Blick nach vorn erlaubt.
Der Zug hält. Sina zerrt den schweren Koffer aus der Tür und sieht sich auf dem Bahnsteig um. Der Hamburger Bahnhof ist mindestens zehn Mal so groß wie der in ihrer Heimatstadt. Sie taucht in den Trubel ein wie eine Ameise in ihren Ameisenstaat. Anonym und in der Menge unsichtbar. Ein herrliches Gefühl. Der Bahnsteig ist voller Menschen, viele tragen Aktentaschen oder rollen kleine, schicke Trolleys hinter sich her. Vermutlich sind die meisten von ihnen Pendler auf dem Heimweg. Klar, es ist Freitag. Alle drängen routiniert aneinander vorbei, ohne sich gegenseitig umzurennen. Keiner beachtet sie. Kopfschüttelnd verdreht sie die Augen. Mein Gott, natürlich nicht.
Plötzlich läuft eine schauererregende Freude über ihren Rücken. Tief einatmend saugt sie die Atmosphäre in sich auf. Lärm, Lichter, Lachen, Schreien, Gerüche … Leben. Endlich das pralle Leben, und sie ist mittendrin, gehört dazu, ist ein Teil dieser sprudelnden, aufregenden Welt. Yeah!
Voller Tatendrang folgt sie dem Hinweisschild Richtung Ausgang. Draußen erfasst sie unvermittelt ein böiger Windstoß, und kalter Regen klatscht ihr ins Gesicht.
„Hey, was ist das denn für ein Empfang“, motzt sie lachend und zieht die Schultern hoch. In ihrem Glücksrausch kann ihr so ein bisschen mieses Wetter sicher nicht die Laune verderben. Sie hebt den Kopf und schnuppert. Es riecht anders als in den Bergen der Rhön. Ob das von der Elbe kommt? Nord- und Ostsee sind ja auch nah. Sie wird ganz kribbelig bei der Vorstellung, das alles bald zu sehen. Sie will barfuß am Strand laufen, das hat sie sich fest vorgenommen, egal, was für ein Wetter an dem Tag ist, an dem sie zum ersten Mal das Meer sieht.
Der Taxistand vor dem Hauptbahnhof ist nicht zu verfehlen. Sie wartet unter dem Dach, bis ein Wagen mit einer Fahrerin frei ist, steigt ein und nennt die Adresse des billigen Jugendhotels, das Sina übers Internet gefunden hat. Es ist nicht weit vom Bahnhof entfernt, doch zur Rushhour in Hamburg kommen selbst Taxis kaum voran. Staunend, und auch ein wenig eingeschüchtert, betrachtet sie durch die nasse Fensterscheibe das Gewusel von Autos und Menschen im Schein der Laternen. Als die Fahrerin endlich vor dem grauen mehrstöckigen Gebäude hält, zeigt die goldene Armbanduhr ihrer Mutter fast zwanzig Uhr an. Das ist zwar nicht ganz korrekt, denn die Uhr geht seit Jahren vor, aber das ist ihr egal. Sie trägt sie an diesem Tag sowieso zum letzten Mal.
Unter Aufbietung aller Kräfte betritt sie das Gebäude durch die schwere Schwingtür, die sich anscheinend weigern will, verschrammte, altmodische Rollkoffer mit hineinzulassen. Zum Glück ist die Empfangshalle leer und niemand beobachtet ihren ungelenken Kampf gegen die Tür. Die Kofferrollen scheppern unangenehm laut auf dem Fliesenboden, und Sina atmet erleichtert auf, als sie endlich vor dem Tresen steht und der Lärm aufhört, aber die junge Frau dahinter scheint ihn gar nicht bemerkt zu haben. Ihre Hände klappern ohne Unterbrechung auf der Computertastatur herum. Aus einem Gang rechts von ihr schlendern vier in Jeans und legere Jacken gekleidete Typen lachend und plaudernd heran. Unwillkürlich zieht Sina die Schultern hoch, doch die Männer gehen vorbei, ohne sie zu beachten. Entschlossen richtet sie sich kerzengerade auf. Neuanfang, alte Mimosensumpfkuh! Schon vergessen?
„Hallo“, grüßt sie, als die Rezeptionistin den Kopf hebt.
„Hi! Was kann ich für dich tun?“
„Sina Augustin, ich habe reserviert.“
„Moment …“ Ihre Finger mit den langen, schwarz lackierten Nägeln rasen erneut über die Computertastatur, während sie mit gerunzelter Stirn auf den Bildschirm sieht. In Sinas Kehle bildet sich ein Kloß. Wenn es nun mit der Reservierung per Mail nicht geklappt hat, was macht …
„Ah ja, hier habe ich dich. Zwei Nächte ohne Frühstück, richtig?“
Sina nickt erleichtert. „Ja.“
Die Rezeptionistin mustert sie unverhohlen. Mit ihren streichholzkurzen pechschwarzen Haaren, den schwarz geschminkten Augen und dem blutroten Lippenstift wirkt sie irgendwie abgefahren. Zuhause hätte sie in dem Outfit nie einen Job in einem der Kurhotels bekommen, denkt Sina. Aber dann lächelt die junge Frau offen und ganz normal. „Kleiner Wochenendtrip?“
„Ähm … nein. Ich ziehe hierher.“
Die schwarzen Augenbrauen zucken hoch. „Sag nicht, du willst innerhalb von zwei Tagen eine Wohnung in Hamburg finden.“
Sina schüttelt den Kopf. „Ich habe schon eine. Ich bekomme morgen den Schlüssel und am Montag werden die Möbel geliefert.“
„Oh, alles klar. Dann herzlich willkommen. Deine Zimmernummer ist die 317, der Aufzug ist da vorn rechts. WLAN kostet extra, Getränke gibt’s hier links im Automaten. Wenn du was brauchst, sprich mich einfach an“, rattert sie so schnell herunter, dass Sina kaum folgen kann, und hält ihr die Schlüsselkarte hin.
„Danke.“ Sie nimmt die kleine Plastikkarte und dreht sich Richtung Fahrstuhl. Fünf Minuten später steht sie in ihrem Hotelzimmer, lässt den Koffergriff los und sich rücklings auf die Matratze fallen. Geschafft.
Sina sitzt senkrecht im Bett und starrt auf die Leuchtanzeige ihres Handys. Es ist zwei Uhr. Ihr Blick irrt im Raum herum. Das Licht ist doch an, wieso sind die scheiß Stimmen trotzdem noch da?
„O Mann! Verpisst euch!“, stößt sie verzweifelt hervor und presst die Fäuste gegen die Schläfen. Es hilft nichts. Erneutes gedämpftes Männerlachen, ganz eindeutig. Ihre Lungenflügel ziehen sich schmerzhaft zusammen, ihr Herz dröhnt so heftig, dass der Brustkorb hart vibriert und sie nicht klar denken kann. Angespannt lauscht sie, fluchtbereit, kurz vor dem Aufspringen. Jetzt wird es leiser. Ja, tatsächlich, es entfernt sich. Eine Tür klappt. Stille. Ihr Verstand setzt ein, und sie versteht, was passiert ist. Sie ist im Hotel, und Männer gingen gerade lachend den Flur entlang. Es waren Gäste, normale Hotelgäste. Niemand ist in ihrem Zimmer. Natürlich ist niemand im Zimmer. Es hörte sich doch auch ganz anders an als sonst. Wieso ist ihr das nicht gleich aufgefallen?
Zitternd atmet sie aus und reibt die Haut über und unter ihren Brüsten, wie sie es immer nach den schlimmen Träumen tut, um den fiesen Druck zwischen den Rippen loszuwerden. Sachte und langsam atmen, damit sich die Verkrampfung löst, vorsichtig ein und ganz bewusst wieder aus, bis der Schmerz sich auflöst.
Als die Panikattacke endlich überwunden ist, wischt sie sich mit der flachen Hand über die klebrig verschwitzte Stirn, rappelt sich auf und tapst in das kleine Bad. Nachdem sie sich kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt hat, geht es ihr besser. Erleichtert legt sie sich wieder hin, starrt eine Weile an die Zimmerdecke und kann sich nicht davon abhalten, weiterhin misstrauisch zu lauschen. Auf der Straße fahren Autos. Klar. In einer so großen Stadt ist immer was los. Im Hotel bleibt es aber zum Glück still und irgendwann fallen ihr die Augenlider zu.
Der Wecker ihres Smartphones bimmelt um sieben. Sina schlägt die Augen auf und registriert sofort das Geprassel an den Fensterscheiben. Regen. Pah! Das blöde Wetter wird es nicht schaffen, ihr die Laune zu verderben. Zufrieden streckt sie sich unter der warmen, kuscheligen Bettdecke. Es gab im Laufe der restlichen Nacht keine fiesen Träume mehr. Das ist doch ein toller Start in ihr neues Leben. Yeah!
Voller Tatendrang springt sie aus dem Bett.
Während sie auf dem Klo hockt, betet sie sich selbst die To-do-Liste herunter, die sie längst auswendig kennt.
Um neun ist der Termin für die Schlüsselübergabe in der Wohnung, um zehn der beim Friseur. Das ist locker zu schaffen, denn laut dem Handy-Navi muss sie von ihrem neuen Zuhause bis zu diesem Haarstudio nur ein paar Minuten zu Fuß gehen. Danach will sie einen Laptop und peppige Klamotten für ihr nigelnagelneues Outfit kaufen. Vielleicht geht sie am Mittag in ein schickes Restaurant essen. Nein, sie wird sich doch lieber bei einem Imbiss etwas zwischen die Lippen schieben. Sie darf nicht übermütig werden, bevor sie Arbeit hat. Schließlich muss sie einige teure Anschaffungen tätigen, und ein Notgroschen sollte auf dem geerbten Sparbuch übrigbleiben, zumindest bis sie Geld verdient oder das Haus verkauft hat. Ach ja, auf keinen Fall vergessen, eine Tageszeitung zu besorgen. Bestimmt stehen auch in einer so großen Stadt nicht alle Jobs im Internet.
Nach dem Duschen flechtet sie ihre inzwischen hüftlangen braunen Haare, wie jeden Morgen in den letzten Jahren, zu einem dicken Zopf.
„Nur noch dieses eine Mal“, verspricht sie ihrem Spiegelbild. „Heute gibt es wieder eine richtige Frisur. Keine Zweifel mehr, Frau Augustin. Du bist stark und weißt, was du willst.“
Sie grinst und salutiert zackig. „Jawoll, Chefin.“
Erleichtert, dass alles so gut geklappt hat, verlässt Sina ihr neues Zuhause, nachdem sie den Mietvertrag unterschrieben hat. Den Wohnungsschlüssel so fest in der Hand haltend, als könnte er wegwehen, läuft sie die Straße entlang zu ihrem nächsten Termin. Da ist es schon: Haarstudio Madison.
Mit heftig klopfendem Herzen starrt Sina durch die großen Schaufenster. Sie schnaubt. Meine Güte! Ein Friseur ist doch kein Zahnarzt! Lächerlich! Entschlossen drückt sie die Glastür auf und betritt den Salon. Oh Mann. Sie hat null Ahnung, wie man sich in so einem Laden benimmt.
Der Raum ist hoch und hell. Mindestens zehn Kundinnen sitzen auf klobigen Sesseln vor großen Spiegeln an den Wänden, während mehrere Friseurinnen um sie herumwuseln und ihre Arbeit tun. Es ist sehr warm und duftet aufdringlich nach Parfüm und Haarspray. Erleichtert registriert sie, dass alle Mitarbeiter weiblich sind. Sie hat im Zug noch darüber nachgedacht, ob sie es ertragen könnte, wenn ein Mann ihre Haare schneiden würde. Zum Glück eine unnötige Sorge, wie sie jetzt feststellt.
Sina streift die Kapuze vom Kopf und zieht den Reißverschluss ihrer Jacke auf. Eine junge Angestellte wird auf sie aufmerksam, läuft hinter den kleinen Verkaufstresen im Eingangsbereich und lächelt sie strahlend an. „Hi! Ich bin Hanna. Was können wir für dich tun?“
„Ähm … ja, hi, ich bin Sina Augustin. Ich habe letzte Woche angerufen und den Termin für heute vereinbart.“
„Du bist die aus den Bergen, die neu nach Hamburg gezogen ist und eine stadtpassende Frisur möchte, stimmt’s?“
Sina nickt. „Genau.“
„Du hast mit mir telefoniert. Ich erinnere mich an unser Gespräch.“ Die sorgfältig geschminkte Friseurin mit den kurzen blonden Haaren zeigt zur Seite. „Hier ist die Garderobe, und dann komm. Wir können gleich beginnen.“
Sie läuft vorweg und deutet auf einen leeren Platz vor einem der großen Spiegel an der Wand. „Setz dich.“
Sina gehorcht, nachdem sie sich an der Garderobe ihrer Jacke entledigt hat. Beim Hinsetzen fällt ihr Blick auf ihr Spiegelbild. Im Gegensatz zu der souveränen Haarkünstlerin wirkt sie wie eine zehn Jahre ältere, blasse, langweilige Oma.
„Okay, wie möchtest du es haben?“, fragt Hanna hinter ihr, nachdem sie eine riesige Plastikschürze über Sinas Oberkörper geworfen hat, und lacht sie in den Spiegel blickend an.
Sina zögert und ärgert sich im gleichen Moment. Verdammt, sie weiß doch, was sie will! Also sollte sie jetzt die dämliche Mimosensumpfkuh gezielt ausknocken und loslegen. Sie strafft sich, räuspert sich und begegnet mutig dem Blick der Friseurin. „Es ist so: Ich komme aus einem kleinen Kurort in der Rhön. Da hat man keine große Ahnung von Mode. Hamburg ist … ähm … ein Neubeginn und ich will mich verändern.“
Hanna klatscht begeistert in die Hände. „So was ist meine Spezialität! Was stellst du dir vor?“
„Alles ab“, stößt Sina beherzt hervor.
Die Friseurin stutzt und ihre Augenbrauen zucken hoch. „Ganz kurz?“
Sina nickt bissig entschlossen. „Ja. So …“, sie deutet mit der Hand nach oben, „in der Art, wie du es trägst.“
Hanna rümpft die Nase. „Mmh … ich weiß nicht … Moment, lass mich mal überlegen.“ Sie zieht das Haargummi raus und löst den dicken Zopf. Dann drapiert sie die Strähnen in verschiedenen Variationen um Sinas Gesicht herum, die schweigend im Spiegel zusieht.
„Nö.“ Entschlossen schüttelt Hanna den Kopf. „Das steht dir nicht. Du hast so wahnsinnig tolle Haare und deine Gesichtsform ist“, sie überlegt, „… eher oval … dir möchte ich … warte mal.“
Sie läuft los und kehrt mit einer dicken Mappe zurück, die sie vor Sina auf die Ablage legt und aufschlägt. Sie blättert wild darin herum, stoppt abrupt und stupst den Zeigefinger auf ein Foto. „Hier. Sieh dir das mal an. Das würde dir super stehen. Wir kürzen um runde zwanzig Zentimeter, dann reichen sie noch über die Schulter. Du lässt sie von jetzt an offen und sie werden vorn herrlich glänzend bis knapp auf die Brust herabfallen. Das Haselnussbraun lockern wir mit hellen Strähnen auf. Es wird toll aussehen, und die Haare bleiben lang genug, um auch mal einen Knoten am Hinterkopf zu tragen, wenn du Lust hast. So wird die Frisur nie langweilig.“
Sina zögert. „Meinst du? Ich wollte die elenden Fusseln eigentlich loswerden.“
Hanna wedelt mit dem Kamm in der Hand ein deutliches, entschiedenes Nein. „Sieh mich mal an. Ich habe eine eher kleine, runde, unscheinbare Visage. Bei mir wirkt ein Kurzhaarschnitt pfiffig. Dein Gesicht ist ausdrucksstark. Du hast interessante große Augen, hohe Wangenknochen und herrlich geschwungene Lippen. Bei dir betonen lange, glatte Haare die feinen Gesichtszüge wie ein schöner Rahmen ein tolles Bild.“
Zweifelnd betrachtet Sina abwechselnd das Foto und ihr Spiegelbild. Ausdrucksstarkes Gesicht? Interessante Augen? Herrlich geschwungene Lippen? Sie? „Ähm … vielleicht vorn ein Pony?“, fragt sie zaghaft.
„Auf keinen Fall! Der würde bloß deine schöne hohe Stirn verstecken. Total ungünstig.“
Sina kann sich nicht entscheiden. Nachdenklich zwirbelt sie eine der langen Strähnen und starrt in den Spiegel.
„Pass auf, ich sag dir was.“ Hanna verschränkt die Arme vor der Brust. „Wir probieren diesen Schnitt. Du kombinierst ihn in den nächsten Tagen mit deinen liebsten Make-up-Variationen. Sollte er dir dann tatsächlich nicht gefallen, mache ich dir in einer Woche den Kurzhaarschnitt, ohne dass du noch mal was bezahlen musst.“
Make-up? Liebste Variationen? Fast bricht Sina in albernes Kichern aus. Meine Güte, sie weiß nicht mal mehr, was man dafür braucht. Sie ist wirklich ein total weltfremdes Dummchen geworden. Bloß nichts anmerken lassen. „Ähm … ernsthaft?“
„Yes.“ Hanna zwinkert. „Ich bin sicher, das Versprechen muss ich nicht einlösen.“
Sina nickt grinsend. „Okay, dann mal los.“
Während sie sich mit einem Kaffee vor der Nase unter Hannas Händen unangenehm ausgeliefert fühlt, ist die Haarkünstlerin voll in ihrem Element und bester Laune. „Das wird super aussehen. Du wirst es lieben, garantiert, diese Frisur passt perfekt zu deinem Typ“, plappert sie, summt eine Melodie vor sich hin und beginnt mit einem beiläufigen Smalltalk. „Wann bist du nach Hamburg gezogen?“
Sina überlegt. „Wenn man es genau nimmt, vor zwei Stunden.“
„Ups?“
Sie kichert. „Ich bin gestern angekommen, schlafe übers Wochenende in einem Hotel und habe heute Morgen die Schlüssel für mein neues Appartement bekommen. Montag werden die Möbel geliefert, dann ziehe ich richtig ein.“
„Wo ist deine Wohnung?“
„Ganz in der Nähe, Paula-Berg-Straße, das ist eine kleine Seitenstraße von …“
Die Friseurin reißt die Hände hoch. „Was? Bist du etwa bei uns unters Dach gezogen?“
„Ähm … es ist eine Dachwohnung, ja, Nummer siebzehn, vierter Stock.“
„Hey!“ Hanna stupst Sina lässig gegen den Oberarm. „Wir sind Nachbarn! Das ist klasse! Endlich eine Frau, die man gebrauchen kann! Wir haben sonst nur Bildschirmnerds und Rentner im Haus. Ich wohne in der WG in der zweiten Etage! Wir müssen unbedingt bald mal zusammen ein Bier trinken gehen.“
Sina spürt einen freudigen Schauer durch ihren Körper jagen. Sie kennt jetzt jemanden in Hamburg, sie gehört dazu, sie ist nicht mehr die Fremde, sie ist nicht mehr ganz allein. „Klar, gerne!“
„Wann hast du dir die Wohnung angesehen? Hans hat den Job in Köln doch so plötzlich bekommen, dass er quasi über Nacht verschwunden ist.“
Sina zuckt mit den Schultern. „Es gab keine Besichtigung. Ich habe die Anzeige im Internet entdeckt, als sie gerade mal eine halbe Stunde drin war, und die Immobilienfirma gleich angerufen. Die haben sie mir gegen Überweisung der Kaution reserviert und heute Morgen konnte ich den Mietvertrag unterschreiben.“
Hanna nickt deutlich beeindruckt. „Das war mutig. Es ist verdammt schwierig, in dieser Stadt eine bezahlbare Bleibe zu finden, und die kleine Dachbude ist echt gemütlich. Trotzdem hätte ich mich nicht getraut, ohne Sicherheiten so viel Geld zu überweisen. Was für ein Glück, dass du nicht angeschissen wurdest. Es gibt doch jede Menge Betrüger im Internet.“
Sina zuckt verlegen mit den Schultern. „Auf so eine Möglichkeit bin ich gar nicht gekommen. Als ich die Bilder sah, wollte ich die Wohnung unbedingt. Und als ich vorhin das erste Mal drinstand, war es genauso, wie ich es mir vorgestellt habe.“
In Gedanken sieht sie das kleine, leere Appartement vor sich und möchte einen begeisterten Juchzer ausstoßen. Ein wenig unsicher war sie schon gewesen, etwas zu mieten, ohne es vorher zu besichtigen, doch nun ist sie uneingeschränkt glücklich. Es ist ein nur achtunddreißig Quadratmeter kleiner Raum mit Schrägen. Aber es gibt eine gemütliche Miniküche mit Tresen und zwei Barhockern davor, ein weiß gefliestes Duschbad und einen klitzekleinen Balkon, der so in das Dach eingelassen ist, dass man rechts und links direkt auf die Dachziegel schaut. Der Boden ist mit hellem Laminat bedeckt und die Wände sind mit schlichter Raufaser tapeziert. Sie kann es kaum erwarten, das neue Bett und den Schrank mit dem halbhohen, passenden Regal aufzubauen.
„Was machst du beruflich?“, fragt Hanna.
„Erst mal suche ich nur irgendeinen Job zum Geldverdienen.“
„Was hast du gelernt?“
„Ähm …“ Sie atmet tief durch. Wenn die nette Friseurin ihre neue Nachbarin und vielleicht sogar eine Freundin wird, muss sie es sowieso erzählen. Also soll sich die Kuh in ihrem Hinterkopf gefälligst aus diesem Gespräch raushalten. „Noch nichts.“ Sie räuspert sich, um ihrer Stimme mehr Festigkeit zu geben. Ich habe einige Jahre lang meine Mutter versorgt. Sie war querschnittsgelähmt und hatte nach dem Tod meines Vaters nur mich. Sie ist vor ein paar Wochen gestorben.“
„Das tut mir leid.“
„Danke.“
Hanna will anscheinend keine traurige Stimmung aufkommen lassen, denn sie erlaubt nur einen kurzen Moment der unangenehmen Stille. „Okay, und nun bist du hier und hast dein Leben vor dir. Was soll ich dir über Hamburg erzählen?“ „Ähm …“ Sina überlegt. „Das Wichtigste wäre erst mal, ob es in der Nähe einen Waschsalon gibt?“
„Brauchst du nicht. Du kannst unsere Waschmaschine benutzen.“
„Ehrlich?“
Hanna nickt. „Wir haben im Keller eine Maschine und daneben eine Sparbüchse. Wer wäscht, steckt fünf Euro rein. Davon bezahlen wir den Energieverbrauch und Reparaturen, falls das gute Stück mal den Geist aufgibt.“
„Wow, das ist klasse. Und du bist sicher, deine Mitbewohner haben nichts dagegen?“
„Jap, bin ich.“ Sie grinst. „Die Maschine gehört nämlich mir.“