Kitabı oku: «Autochthone Minderheiten und Migrant*innen»
Sarah Oberbichler
Autochthone Minderheiten und Migrant*innen
Mediale Argumentationsstrategien von 1990 bis 2015 am Beispiel Südtirols
Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte
Band 29
Sarah Oberbichler
Autochthone Minderheiten und Migrant*innen
Mediale Argumentationsstrategien von 1990 bis 2015 am Beispiel Südtirols

Inhalt
Vorwort
Einleitung
Fragestellungen und Thesen
Methodisches Vorgehen
Zentrale Ergebnisse
Teil 1
1. Forschungsstand und theoretischer Rahmen
1.1 (Historische) Migrationsforschung
1.2 Migrant*innen und Medien
1.3 Migration und Diskurs
1.4 Diskurs und digitale Korpora
1.5 Die Tageszeitungen Dolomiten und Alto Adige
2. Das Korpus – 20.000 Artikel und Leserbriefe
2.1 Das Korpus
2.2 Die Begründung der Wahl der Zeitungen, des Zeitraums und der Konzentration auf regionale Berichterstattung
2.3 Begründung des Miteinbezugs von Leserbriefen
2.4 Themenfelder im Korpus Migration und Südtirol
3. Methodischer Rahmen
3.1 Auswertungsmethoden: Die vergleichende diskurshistorische Argumentations- und Inhaltsanalyse
3.2 Analysestrategie- und vorgehen: Blended Reading
3.3 Auflistung der Argumentationsmuster
Teil 2
1. Migration in Südtirol – Historische Hintergründe und vergleichende Medienanalyse
1.1 Flucht und Vertreibung nach Südtirol von 1990 bis heute
1.2 Die Südtiroler Moscheekonflikte zwischen 1990 und 2014
1.3 Die Entstehung illegaler Barackensiedlungen in den frühen 1990er-Jahren
1.4 Wohnen in Südtirol – Diskriminierung durch das Wohnbauförderungsgesetz 2008
1.5 Der lange Weg zum Integrationsgesetz 2011
2. Reflexion – Kontinuität, Wandel, Zugehörigkeit und der Einfluss der Politik
2.1 Trends und Brüche im Sprechen über Migration
2.2 Migrant*innen und Sprachgruppenzugehörigkeit
2.3 Migrant*innen und Flüchtlinge als Akteur*innen
2.4 Medien als politische Kommunikationskanäle
Zusammenfassung
Deutsche vs. italienische Migrationsberichterstattung
Positive vs. negative Wahrnehmung von Migration
Abbildungsverzeichnis
Quellen- und Literaturverzeichnis
Zeitungen
Parlamentsdebatten des Südtiroler Landtags
Weitere politische Dokumente
Literatur
Vorwort
Freiwillige und unfreiwillige Migrationsbewegungen sind historisch gesehen nicht neu. Damals wie auch heute verändern sie Gesellschaften und bestimmen das Weltgeschehen. Auch in Südtirol sind Migrant*innen – zumindest in den Medien – in den letzten 25 Jahren immer sichtbarer geworden. Der Titel „Autochthone Minderheiten und Migrant*innen“ verweist dabei bereits auf die Komplexität des Zusammenlebens alter und neuer Minderheiten in Südtirol. Denn wenn in Südtirol von Migrant*innen als neue Minderheiten gesprochen wird, dann deshalb, um diese von den alten, also historisch gewachsenen, Sprachgemeinschaften abzuheben, d. h. von der deutschen, der italienischen und der ladinischen Sprachgruppe. Das bedeutet, wir haben es in Südtirol mit komplexen Minderheitenverhältnissen zu tun. Um die autochthonen Minderheiten in Südtirol zu schützen, wird ihr Zusammenleben durch ein dissoziatives Konfliktlösungsmodell geregelt, das dem politischen System aufgesetzt ist und die ethnische Trennung vorsieht. Migrant*innen sind von diesem Minderheitenschutz jedoch ausgeschlossen und müssen sich den ethnisch getrennten Realitäten in Südtirol anpassen. Wie in einem solchen System Migrant*innen wahrgenommen werden und inwiefern sich das Sprechen über Migration in den jeweiligen Sprachgruppen unterscheidet, ist die zentrale Frage, der in diesem Buch nachgegangen wird. Hierbei liegt der Fokus auf der Region, trotzdem reflektiert dieses Buch auch globale Migrationsphänomene. Denn Migrationsdiskurse folgen weltweit ähnlichen Argumentationsstrategien. So auch in Südtirol. Spannend wird es jedoch dann, wenn globale Migrationsdiskurse von ethnischen Diskursen durchwoben werden. Nahezu bruchlos reflektiert die Südtiroler Presse die fragmentierte Gesellschaft in Südtirol, wodurch medial konstruierte Wirklichkeit besonders gut sichtbar wird.
Weil eine wissenschaftliche Arbeit nie das Werk einer einzelnen Person ist, soll auch all jenen gedankt werden, die zum Entstehen dieses Buches beigetragen haben. Zu besonderem und tiefempfundenem Dank bin ich meinen Betreuer*innen Prof. Dr. Eva Pfanzelter und Prof. Dr. Dirk Rupnow verpflichtet. Danken möchte ich auch all jenen, die bei der Erschließung der Quellenbasis behilflich waren. Armin Sparer vom Dolomiten-Archiv der Athesia GmbH bearbeitete engagiert die unzähligen Anfragen für tausende Artikel der Dolomiten, die Stadtbibliothek Cesare Battisti und dort Elisa Nicolini stellten digitalisierte Ausgaben der Alto Adige zur Verfügung und die Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann unterstützte bei der Digitalisierung von Teilen der Alto Adige. Doz. Dr. Hans Heiss danke ich für die Bereitstellung von Material aus dem Archiv der Grünen, Nadja Schuster und Dr. Karl Tragust von der Südtiroler Landesverwaltung standen außerdem dankenswerterweise für Interviews zur Verfügung.
Einleitung
„Dass Südtirol von der modernen Völkerwanderung verschont bleiben sollte, war wohl eine Utopie der Wenigen.“1 (Dolomiten)
Südtirol blieb – wie die deutschsprachige Tageszeitung Dolomiten 1996 berichtete – nicht von der „modernen Völkerwanderung“ verschont. Bereits ein Blick in die Südtiroler Tageszeitungen zeigt, wie präsent und brisant das Thema Migration für die Südtiroler Bevölkerung seit den frühen 1990er-Jahren ist, auch wenn oder gerade weil für sie die Erfahrung mit Menschen ausländischer Herkunft eine relativ neue ist. Allzu leicht wird vergessen, dass das heute wohlhabende Südtirol bis Ende der 1980er-Jahres stärker von Auswanderung als von Einwanderung geprägt war – aus ökonomischen Gründen, aber auch aus politischen und militärischen.
Erst in den späten 1980er-Jahren – mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Konjunktur und der Stabilisierung des Arbeitsmarktes – kam es zu einer Intensivierung der Einwanderung, motiviert durch soziale Sicherheit und Arbeit.2 Zum Einstieg einige Zahlen dazu: 1990 lebten laut den Erhebungen des Landesinstituts für Statistik nicht mehr als 5.099 ausländische Staatsbürger*innen in Südtirol,3 bis 2017 stieg die Zahl auf 48.018 an. Ende 2018 lebten damit 139 unterschiedliche Nationalitäten im Land.4 Albanerinnen und Albaner bildeten die größte Gruppe, gefolgt von Menschen deutscher und marokkanischer Herkunft.5
Trotz rasanten Zuwachses und großer Vielfalt war und ist die Sichtbarkeit von Migrant*innen in der Südtiroler Öffentlichkeit mehrheitlich auf die Darstellung in den Medien beschränkt. In politischen oder gesellschaftlichen Kontexten sind sie hingegen kaum präsent. Medien spielen eine Schlüsselrolle bei der Konstruktion des Fremden. So gehen mit Migration immer medial produzierte und vermittelte Vorstellungen des Fremdseins einher. Medien als machtvolle Instanzen tragen wesentlich dazu bei, welches Bild von Migration sich im kollektiven Wissen6 einer Gesellschaft verankert bzw. niederschlägt. Wenn Medien (über Migrant*innen) berichten, konstruieren sie also Wirklichkeit bzw. Medienrealität, womit sie das Denken und Argumentieren der Rezipient*innen steuern und beeinflussen. Ausländische Bürger*innen in Südtirol sind aufgrund eingeschränkter Mitsprachemöglichkeit der lokalen Medienwirklichkeit, oder besser gesagt, den zwei ethnisch getrennten Wirklichkeiten, besonders ausgeliefert. Denn Südtirols Mediensystem ist, wie auch Südtirols Gesellschaft, gespalten und die zwei größten Tageszeitungen, die deutschsprachige Dolomiten und die italienischsprachige Alto Adige – beide Grundlage vorliegender Arbeit –, berichten stets im Interesse ihrer eigenen Sprachgruppe und der eigenen politischen Leitgedanken.
Vorliegendes Buch erforscht die Wahrnehmung von Migration in den Südtiroler Tageszeitungen. In diesem Zusammenhang strukturiert sich die Arbeit in zwei wesentliche Teile. Im ersten Teil der Arbeit geht es um eine Darstellung des Forschungsstandes, der Methoden und des methodischen Vorgehens: Das erste Kapitel bietet eine Übersicht über den Forschungsstand und bettet die Arbeit in einen theoretischen Rahmen ein. Das zweite Kapitel beschreibt das Textkorpus, das dieser Arbeit zugrunde liegt. Das dritte Kapitel erläutert die herangezogenen Methoden, begründet die Kombination verschiedener Ansätze und beschreibt das methodische Vorgehen. Anschließend werden in diesem Kapitel die ausformulierten Schlussregeln der in den Tageszeitungen vorkommenden Argumentationen aufgelistet.
Der zweite Teil der Arbeit dient der Analyse: Im ersten und umfangreichsten Kapitel wird der historische und politische Rahmen zum Thema Einwanderung in Südtirol rekonstruiert und die durch die vergleichende diskurshistorische Argumentationsanalyse/Inhaltsanalyse erhaltenen Ergebnisse werden erläutert. Den ersten Schwerpunkt bildet das Thema Flucht und Vertreibung, es folgen die Südtiroler Moscheekonflikte und die Entstehung illegaler Barackensiedlungen in den frühen 1990er-Jahren. Die Themen Wohnen und Integration schließen das Kapitel ab. Im zweiten Kapitel werden – aufbauend auf dem vorhergehenden Kapitel – Fragen geklärt, die über die einzelnen Diskurse (Flüchtlingsdiskurs, Moscheebaudiskurs etc.) hinausgehen: So zum Beispiel die Frage nach der historischen Kontinuität von Argumentationsmustern, der ethnischen Debatte beider Sprachgruppen, der Mitsprachemöglichkeiten der Migrant*innen sowie der Rolle der Politik im Migrationsdiskurs.
Fragestellungen und Thesen
Südtirols spezielle Geschichte und das daraus entstandene politische System zum Schutz der historisch gewachsenen Minderheiten erschweren eine pluralistische Denkweise, die jedoch für die Aufnahme und Integration neuer Minderheiten erforderlich ist. Südtirol stellt einen Überlagerungsraum von Ethnisierungserfahrungen autochthoner und neuer Minderheiten dar;7 Um die autochthonen Minderheiten in Südtirol zu schützen, wird ihr Zusammenleben durch ein dissoziatives Konfliktlösungsmodell geregelt, das dem politischen System aufgesetzt ist und die ethnische Trennung vorsieht.8 Ein wichtiges Strukturelement ist hierbei die Proporzreglung.9 Die ethnische Trennung soll Gleichberechtigung zwischen den unterschiedlichen Sprachgruppen in Südtirol schaffen, indem die Unterschiedlichkeit bewahrt und erhalten wird. Auf der anderen Seite wird die Unterschiedlichkeit von Migrant*innen als etwas Negatives wahrgenommen.10 Außerdem wirken sich historisch bedingte Sorgen vor einer Überbevölkerung bzw. Neuauflage der Italianisierung, sprich die Verdrängung der deutschen bzw. ladinischen Sprache und Kultur durch die italienische (wie dies in der Zeit des Faschismus ab 1922 unter der Regierung Mussolinis der Fall war), negativ auf die Wahrnehmung von Migration in Südtirol aus.11
Um zu erforschen, wie Migrant*innen in einem derartigen Setting medial wahrgenommen werden, sind folgende Fragestellungen zentral:
(1) Welchen Stellenwert nehmen die Migrant*innen und die dadurch gewachsenen neuen Minderheiten in Südtirol, als einem von Minderheiten bewohnten Gebiet ein? Welcher Raum wird ihnen zugesprochen? Wie werden sie von deutsch- und italienischsprachiger Seite wahrgenommen? Wie werden sie thematisiert, politisiert, instrumentalisiert?
(2) Ist ein differenzierter Diskurs vorhanden und wenn ja, wie sieht dieser aus? Inwiefern wird in den Berichterstattungen eine Bedrohung des besonderen Südtirol-Modells durch die Zuwanderung ausländischer Bürger*innen gesehen und inwieweit wird damit das etablierte Arrangement durcheinandergebracht?
(3) Ab wann wird Migration ein öffentlich diskutiertes Thema und in welchem Kontext? Welche politischen und historischen Ereignisse (regional, national, international) beeinflussen die Wanderungsbewegungen?
(4) Wie wirkt sich die Zuwanderung auf die ethnische Debatte in Südtirol aus? Wie wirken sich die historischen Konflikte bzw. deren immer wieder aktualisierte Erinnerung (Italianisierung, Majorisierung) auf die Zuwanderung aus?
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, vorhandene Defizite in der Forschung auszugleichen, zentrale Argumentationsstrategien der Südtiroler Tageszeitungen zum Thema Migration offenzulegen sowie einen historischen Zugang zu schaffen. Zuwanderung ist aus wirtschaftlicher Sicht in Südtirol unverzichtbar geworden, jedoch ist das Land nach wie vor von einer notwendigen Integration der neuen Minderheit weit entfernt, politisch aber vor allem auch kulturell. In den Südtiroler Medien wird die wachsende Fremdenfeindlichkeit Jahr für Jahr spürbarer, wobei es sprachgruppenspezifische Unterschiede bei der Wahrnehmung gibt. Zu analysieren, wie es zur derzeitigen Situation kam, liegt im Hauptinteresse des vorliegenden Projektes.
Basierend auf dem Vergleich der Tageszeitungen Alto Adige und Dolomiten und unter Berücksichtigung des auf Trennung ausgerichteten politischen Systems ergeben sich folgende zwei Thesen:
Erstens wird argumentiert, dass sich das spezielle, von ethnischen Diskursen dominierte politische und soziale System in Südtirol auf die Wahrnehmung von Migration auswirkt, und zwar in beiden bzw. drei autochthonen Minderheiten unterschiedlich: Migrant*innen in Südtirol müssen sich nicht nur in eine fremde Gesellschaft, sondern auch in das komplexe System von Mehrsprachigkeit und Minderheitenschutz integrieren, welches Migrant*innen, also neue Minderheiten, nicht kennt. So leben in der Provinz Bozen neben den neuen Minderheiten auch die alten, autochthonen Minderheiten – die Deutschsprachigen, die mit ihr verbundenen Ladinischsprachigen und die Italienischsprachigen – seit den 1920er-Jahren in Parallelgesellschaften nebeneinander. Geregelt wird dieses Nebeneinander durch ein institutionelles System, das zum Schutz der Sprache und der Kultur der Minderheiten eine weitreichende Trennung im Bereich der öffentlichen Stellen, der Sprachrechte, der Bildung, der politischen Repräsentation und teilweise auch der Sozialmittel vorsieht. Um diesen Schutz zu gewährleisten, muss festgestellt werden, wer zur jeweiligen Sprachgruppe gehört. Aus diesem Grund wird alle zehn Jahre die Sprachgruppenzugehörigkeit erhoben, die den Umfang der einzelnen Gruppen ermittelt. Mit der Erklärung wird die Zugehörigkeit zu einer der drei offiziellen Sprachgruppen – italienisch, deutsch und ladinisch – in Südtirol ermittelt und somit deren Stärke erhoben, aufgrund derer öffentliche Stellen und Sozialmittel verteilt werden.12
Bis 2015 konnten Migrant*innen erst mit dem Erlangen der italienischen Staatsbürgerschaft die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung ablegen, seitdem ist aber der Zugang auch für Menschen mit ausländischem Pass geöffnet worden.13 Auch sie müssen seitdem mit dieser Erklärung die Zugehörigkeit oder, im Falle der neuen Bürger*innen, die Zuordnung zu einer der drei ethnischen Gruppen14 bekannt geben. Die Ergebnisse der Zugehörigkeitserklärung bilden die Basis für den ethnischen Proporz. Dieser räumt anschließend den drei Sprachgruppen das Recht ein, in Relation zu ihrer zahlenmäßigen Stärke berücksichtigt zu werden. Aus diesem Grund ist der Proporz neben dem Zweisprachigkeitssystem in allen öffentlichen Bereichen ein wichtiger Pfeiler des Autonomiestatus in Südtirol. Migrant*innen bringen durch ihre aktive Entscheidung für eine der beiden bzw. drei Gruppen das historisch institutionalisierte System ins Ungleichgewicht15: Durch die Zuordnung zu einer der drei Gruppen können sie einen – wenn auch geringen – Einfluss auf das bisher dagewesene Gleichgewicht der Sprachgruppen und somit den Proporz nehmen. Die potentielle Verschiebung der Proporzaufteilung wird auf deutschsprachiger Seite durchaus mit Sorge betrachtet. Diese Sorge begünstigt nicht zuletzt zum Teil konträre Haltungen: Zum einen eine abwehrende Haltung gegenüber Menschen aus dem Ausland, zum anderen ein Wunsch, Migrantinnen und Migranten bewusst in die eigene ethnische Gruppe zu integrieren. Integration wird dadurch zu einem Mittel im Kampf um den Erhalt der eigenen Sprachgruppe und Zugewanderte werden zum politischen Subjekt, um das im Sinne der Sprachgruppen gekämpft wird: Während die italienische Sprachgruppe seit Jahren einen Rückgang der italienischen Gruppe durch die Integration von Migrant*innen zu kompensieren sucht, hat neuerdings auch die deutsche Gruppe die Einwandernden als potentielle Wählerschicht entdeckt.
Zweitens wird angenommen, dass sich die Zuwanderung in Südtirol mehr negativ als positiv auf das Zusammenleben der drei Sprachgruppen in Südtirol ausgewirkt hat und dass es nur bedingt zu einem Wir-Gefühl und Zusammenrücken der drei autochthonen Bevölkerungsgruppen gekommen ist.
Der italienische Politiker Renzo Gubert hatte 1991 einen Artikel im Tiroler Almanach16 veröffentlicht, bei dem er drei Szenarien aufzeigte, wie sich der Zuzug „weit entfernt lebender Völker“17 auf das Zusammenleben von „bodenständigen Gruppen“ auswirken kann:
„a) […] die Ankunft von Gruppen mit einer betont unterschiedlichen Identität wird zur Folge haben, daß die Wahrnehmung der Ähnlichkeit unter den bodenständigen Gruppen verstärkt und die der Unterschiedlichkeit abgeschwächt wird;
b) […] die bodenständigen Gruppen neigen dazu, die Wahrnehmung der Gemeinschaftlichkeit der Interessen (die an das gemeinsame Land gebunden sind) eher als die Unterschiedlichkeit zu verstärken […]
c) Vergrößerung der Unterschiedlichkeit innerhalb der bodenständigen Gruppen, allgemeine Verringerung des internen Zusammenhaltes durch die Tatsache, daß gegenüber der neuen Situation eine Stellung eingenommen werden muß […].“18
Renzo Guberts Überlegungen und Fragen, wie sich Zuwanderung auf das Zusammenleben von unterschiedlichen bodenständigen Gruppen auswirken könnte, hatten durchaus seine Berechtigung. Mehr als Zukunftsprojektionen waren 1991 angesichts vernachlässigbarer Zuwanderung aber nicht möglich. 25 Jahre später sind wir durchaus in der Lage, mögliche Antworten auf derartige Überlegungen zu finden. Die vorliegende Forschungsarbeit unternimmt einen ersten Schritt in diese Richtung, rekonstruiert die Migrationsgeschichte seit 1990 und legt Diskurse über Migration offen.
Empirisch verifiziert und überprüft werden die Thesen durch eine vergleichende qualitative Analyse der beiden Tageszeitungen – der deutschsprachigen Dolomiten und der italienischsprachigen Alto Adige sowie durch die Auswertung von Archivmaterial und politischen Debatten. Das Interesse liegt hierbei bei der Auswertung von Argumentationen, die fester Bestandteil im Sprechen über Migration sind und wichtige Rückschlüsse auf das kollektive Wissen einer Gesellschaft geben. Ziel dieser Arbeit ist es nicht, anhand der gefundenen Argumentationen unmittelbar auf deren Wirkung zu schließen. Es ist jedoch mittlerweile gut erforscht, dass Medien nicht nur informierend, sondern in großen Maßen meinungs- und bewusstseinsbildend sind.19 Sie geben Aufschluss über die üblichen Denkweisen bzw. über das kollektive Gedächtnis, das wenig mit Wahrheit oder Logik zu tun haben muss.
Methodisches Vorgehen
Grundlage für die Analyse bildet ein speziell für diese Untersuchung zusammengestelltes Korpus zum Thema Migration und Südtirol, das den Zeitraum von 1990 bis 2015 abdeckt und etwas mehr als 20.000 Zeitungsartikel und Leserbriefe der Dolomiten und Alto Adige umfasst. Bewusst wurden für die Analyse der Wahrnehmung von Migration die beiden auflagenstärksten Südtiroler Tageszeitungen herangezogen, da sie innerhalb der eigenen Sprachgruppe die wichtigsten Medien darstellen und dadurch meinungsbildend für breite Bevölkerungsgruppen sind. Da die Fragestellungen an lokale Ereignisse gekoppelt sind, wurde die Auswertung zudem auf die Lokalberichterstattung beschränkt.
Um eine Zeitungskollektion dieser Größe auswerten zu können, wurde auf das computergestützte Analyseprogramm ATLAS.ti zurückgegriffen. Diese qualitative Analysesoftware ermöglicht es einerseits, Textstellen manuell zu kodieren, zu interpretieren und zu verknüpfen, und andererseits, automatisierte Analysen in Form von Stichwortsuchen und ähnlichem durchzuführen. Ebenfalls können Ergebnisse quantitativ dargestellt werden. Doch erst durch die Verbindung von Mikro- und Makroanalyse, sprich durch die Verknüpfung von computergestützten und hermeneutischen Methoden, kann ein diskurshistorischer Analysezugang zur Zeitungskollektion geschaffen und valide Forschungsergebnisse erhalten werden. Dieser semi-automatische Zugang verlangt jedoch die Bildung von Subkorpora, die einer genauen Lektüre und ebenfalls einem Vergleich der beiden Tageszeitungen unterzogen werden müssen, weshalb das Korpus auf fünf zentrale Diskurse eingeschränkt wurde: Es wird also im Folgenden um Flüchtlingsdiskurse von 1990 bis 2015, Moscheebaudiskurse von 1990 bis 2014, Integrationsdiskurse von 1990 bis 2014, Barackenlagerdiskurse von 1990 bis 1993 und Wohnungsdiskurse von 2007 bis 2011 gehen.
Um diese Diskurse zu untersuchen, hat sich die Methode der vergleichenden diskurshistorischen Argumentationsanalyse als geeignet erwiesen, die als Zugriffsobjekt der Diskursanalyse verstanden werden kann. Der Sprachwissenschaftler Martin Wengeler20 – zur Düsseldorfer Schule der Diskursanalyse angehörig – formulierte eine Reihe von Argumentationsmuster für den Migrationsdiskurs und etablierte bzw. begründete die Argumentationsanalyse als geeignete diskurshistorische Methode für die Analyse der Wahrnehmung von Migration. Außerdem wurden formale und inhaltliche Kriterien (Erscheinungsjahr, journalistische Form und Artikulationsmöglichkeiten von Migrant*innen) miteinbezogen.
Im Sinne der diskurshistorischen Spielart der Kritischen Diskursanalyse (Wiener Schule) geht die Argumentationsanalyse mit der Einbeziehung des politischen und historischen Kontextes einher, die sozusagen als Einstiegsanalyse betrachtet werden kann. Die Kontextualisierung nimmt deswegen auch einen wesentlichen Teil in dieser Arbeit ein. Einerseits ermöglicht sie es, Ereignisse in einen größeren Kontext einzuordnen und Interpretationsfehler bestmöglich zu vermeiden, auf der anderen Seite bildet die Rekonstruierung der Ereignisse einen erstmaligen, tiefergehenden Einblick in die Migrationsgeschichte Südtirols.
Die vorliegende Forschungsarbeit ist aus all den genannten Gründen als innovativ in mehreren Richtungen einzustufen: Die Geschichte der jüngeren Migration in Südtirol ist bis heute eine weitgehende ungeschriebene. Aufgrund mangelnder Quellen hat sich das Thema Migration in der Südtiroler Geschichtsschreibung noch kaum etabliert und historische Studien zur Südtiroler Einwanderungsgeschichte beschränkten sich mit wenigen Ausnahmen auf die Auswertung statistischer oder politischer Materialien. Erstmalig untersucht mit dieser Studie eine Forschungsarbeit das kollektive Wissen der zwei größten ethnischen Gruppen in Südtirol über einen Zeitraum von 25 Jahren hinweg und bettet dieses Wissen in einen historischen bzw. politischen Rahmen ein. Darüber hinaus betritt diese wissenschaftliche Arbeit auch methodisches Neuland. Sie kann als Beispiel dafür dienen, wie mithilfe von Text-Mining Methoden größere Textdatenbestände organisiert und quantitativ sowie qualitativ ausgewertet werden können. Die Verknüpfung von Makro- und Mikroanalyse hat sich als gewinnbringend gezeigt und hat es überhaupt erst ermöglich, einen Korpus von mehr als 20.000 Artikeln strukturiert inhaltlich zu analysieren.
Zentrale Ergebnisse
Der Vergleich der italienischen und der deutschen Berichterstattung hat gezeigt, dass beide ethnischen Bevölkerungsgruppen unterschiedliche Informationen und Meinungen präsentiert bekommen. Da die beiden auflagenstärksten Tageszeitungen in Südtirol einen wesentlichen Beitrag zur Bildung des kollektiven Wissens der Bevölkerung leisten, kann zurecht resümiert werden, dass beide Sprachgruppen unterschiedliche Standpunkte vertreten. Dadurch können gemeinsame Zustimmungsprozesse erschwert und notwendige Maßnahmen zur Regulierung von Migration und Integration verzögert werden.
Während in der Alto Adige Migrant*innen häufiger als Gefahr wahrgenommen werden, wurden sie in der Dolomiten immer wieder (politisch) instrumentalisiert. Weit auseinander gingen außerdem die Vorstellungen zum Thema Integration. Beide Sprachgruppen nutzten ihre Tageszeitungen nicht nur zur Verbreitung unterschiedlicher Standpunkte, sondern auch zur Kritik der jeweils anderen Gruppe. Insbesondere in der Alto Adige wurde die deutsche Migrationspolitik an den Pranger gestellt und die Vorhaben deutschsprachiger Politiker*innen kritisiert. Die italienische Sprachgruppe nahm dabei die Rolle der kritischen Beurteilerin ein, die die unmenschliche und die Gesellschaft spaltende Politik der deutschen Partei anklagte. Die Dolomiten stellte hingegen den Traditions- und Heimatbezug in den Vordergrund und griff wiederholt auf ein traditionell-konservatives Repertoire an (christlichen) Werten zurück, wodurch der Verweis auf kulturelle bzw. christliche Anschauungen aber auch die Angst vor dem Verlust von Traditionen und insbesondere des Status quo einen wesentlichen Bestandteil bildeten. Auch dies führte zu Ablehnung und Kritik auf italienischsprachiger Seite. War zu Beginn der 1990er-Jahre in den Tageszeitungen tatsächlich so etwas wie ein Wir-Gefühl unter den Sprachgruppen auszumachen, führte die Zuwanderung von Menschen anderer Länder insgesamt jedoch zu mehr Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen in Südtirol. Während des Untersuchungszeitraums konnte jedenfalls im Analysekorpus weder eine Annäherung der gemeinsamen Interessen noch eine steigende Tendenz des Zusammengehörigkeitsgefühls der autochthonen Bevölkerungsgruppen ausgemacht werden. Jedoch waren unterschiedliche Ansichten und Kritik an der jeweilig anderen Sprachgruppe im Migrationsdiskurs der Zeitungen stetig präsent.
Stärker als angenommen bestimmten politische Akteur*innen die Darstellung und die Wahrnehmung von Migrantinnen und Migranten in den Medien mittels direkter oder indirekter Rede. Die Aufmerksamkeit der italienischsprachigen Tageszeitung galt hierbei vorwiegend italienischsprachigen Politiker*innen, während sich die deutschsprachige Zeitung mehr der deutschsprachigen Politik widmete. Lediglich die Südtiroler Volkspartei war in beiden Tageszeitungen eindeutig überrepräsentiert und kann somit als die meinungsbildende Partei eingestuft werden.
Mithilfe der Tageszeitungen konnten Akteur*innen gezielt Inhalte verbreiten, die die Stimmung in der Bevölkerung lenken sollten. Ging es darum, (politische) Maßnahmen zu legitimieren, die die Zuwanderung von Menschen mit ausländischem Pass einschränkten, war die Darstellung der Migrant*innen als Gefahr eine logische Konsequenz. Wenn es aber galt, Zustimmung für die eigene Partei zu gewinnen, waren Argumente, die die einheimische Bevölkerung in den Vordergrund stellten, eine wirksame Maßnahme. Der politische Nutzen von Zugewanderten wurde wiederum hervorgehoben, wenn es darum ging, einen Vorteil für die eigene Sprachgruppe zu erkämpfen. Für jede Situation gab es wirksame Argumente, mit denen für oder gegen bestimmte Maßnahmen plädiert, mit denen kritisiert oder pauschalisiert, Ängste verstärkt oder Ängste vermindert wurden. Zudem können gewisse Trends im Sprechen über Migration und Flucht nachgezeichnet werden. Denn es waren stets dieselben Argumentationen, die Generation für Generation den Migrationsdiskurs begleiteten.
Darüber hinaus ist in beiden Tageszeitungen seit den 2000er-Jahren eine Radikalisierung im Reden über Migration im Sinne eines deutlichen Anstiegs des Gefahrendiskurses zu erkennen. Gleichzeitig konnte auch festgestellt werden, dass etwa die Caritas, jener Wohlfahrtsverband, der sich stets mit der Beratung, Unterstützung und Unterbringung von Flüchtlingen auseinandersetzte, in den Tageszeitungen nach und nach an Aufmerksamkeit einbüßte, während rechtspopulistische Parteien und ihre fremdenfeindliche Weltanschauung deutlich an Präsenz gewannen. All dies trägt dazu bei, dass Menschen sich ablehnender zum Thema Migration positionieren.
_________________
1 Fremde Gäste für die Gastwirtschaft, in: Dolomiten, 10.01.1996.
2 Rainer Girardi / Eva Pfanzelter, Migration in Zahlen: Ein- und Auswanderung in Südtirol in den amtlichen Statistiken, in: Eva Pfanzelter / Dirk Rupnow (Hrsg.), einheimisch – zweiheimisch – mehrheimisch, Bozen 2017, 43–67, 44.
3 Rainer Girardi, Geschichtlicher Abriss und demographische Daten zur Migration in Südtirol, in: Roberta Medda-Windischer / Gerhard Hetfleisch / Maren Meyer (Hrsg.), Migration in Südtirol und Tirol. Analysen und multidisziplinäre Perspektiven, Bozen 2011, 77–95, 81.
4 ASTAT, [https://astat.provinz.bz.it/de/bevoelkerung.asp], eingesehen am 29.12.2018.
5 Girardi / Pfanzelter, Migration in Zahlen, 48.
6 Medien sind Teil des schriftlichen Nachlasses der Menschheit und gehören somit zum kulturellen Gedächtnis, vgl. dazu: Aleida Assmann / Jan Assmann, Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis, in: Klaus Merten / Siegfried J. Schmidt / Siegfried Weischenberg (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, Opladen 1994, 114–140.
7 Hans Karl Peterlini, Between Stigma and Self-Assertion: Difference and Belonging in the Contested Area of Migration and Ethnicity, in: Georg Grote / Hannes Obermair (Hrsg.), A Land on the Threshold. South Tyrolean Transformations 1915-2015, Bern 2017, 341–360.
8 Günther Pallaver, Transformationsmodelle der Südtiroler Autonomie 1972-2012. Konfliktlösungsmodell, Konkordanzdemokratie, Parteien, in: Günther Pallaver (Hrsg.), Politika 12 (=Jahrbuch für Politik), Bozen 2012, 205–241, 206.
9 Der „ethnische Proporz“ bezeichnet das Recht der drei Sprachgruppen (Deutsche, Ladiner und Italiener), im Verhältnis zu ihrer zahlenmäßigen Stärke berücksichtigt zu werden. Geregelt werden dabei die Stellenbesetzung im öffentlichen Dienst, die Zusammensetzung der Organe der örtlichen Körperschaften sowie die Verteilung der Haushaltsmittel des Landes. Abgedruckt in: Südtiroler Landesregierung – Bozen (Hrsg.), Südtirols Autonomie. Beschreibung der autonomen Gesetzgebungs- und Verwaltungszuständigkeit des Landes Südtirol, Bozen o.J., 91.
10 Peterlini, Between Stigma and Self-Assertion, 345.
11 Roberta Medda-Windischer, Diversity Management „neuer“ Minderheiten in Alto Adige/Südtirol, in: Medda-Windischer / Hetfleisch / Meyer (Hrsg.), Migration in Südtirol und Tirol, 19–33, 20.
12 Oskar Peterlini, Autonomie und Minderheitenschutz in Südtirol und im Trentino. Überblick über Land und Geschichte, Recht und Politik, Bozen-Trient 22000, 167 f; Medda-Windischer, Diversity Management, 20.
13 Eike Pokriefke, Abschlusstagung „Ethnische Differenzierung und soziale Schichtung in der Südtiroler Gesellschaft“, in: [http://www.apollis.it/download/19dextBwIFTX.pdf], eingesehen am 18.05.2018.
14 1991 wurde zu den drei bekannten Sprachgruppen eine vierte Kategorie („andere“) hinzugefügt, die für EU-Bürger*innen und Drittstaatangehörige eine Möglichkeit bietet, wenn sie die Erklärung für Wohngeld oder für andere Dienstleistungen brauchen. Abgedruckt in: Medda-Windischer, Diversity Management, 20.
15 Markus Costa, Integrationspolitik in Südtirol. Kritische Analyse der Integrationspolitik unter den Aspekten der Assimilationstheorie und des Multikulturalismus in einer ethnisch fragmentierten Gesellschaft, Diplomarbeit, Innsbruck 2012, 71–72.
16 Emil Juen (Hrsg.), Tiroler Almanach / Almanacco Tirolese, Innsbruck 1991.
17 Renzo Gubert, Die neuen Völkerwanderungen und die alpinen Volksgruppen, in: Juen (Hrsg.), Tiroler Almanach, 10–14, 10.
18 Gubert, Die neuen Völkerwanderungen, 10.
19 Siegfried Jäger, BrandSätze. Rassismus im Alltag, Diusburg 1992.
20 Martin Wengeler, Topos und Diskurs: Begründung einer argumentationsanalytischen Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960-1985), Tübingen 2003.
Teil 1
1. Forschungsstand und theoretischer Rahmen
1.1 (Historische) Migrationsforschung
Migration ist in einigen Disziplinen ein gut erforschtes Feld. Der wissenschaftliche Zugang erfolgt jedoch zumeist aus geographischer, politikwissenschaftlicher, ethnologischer, pädagogischer oder soziologischer Perspektive. Solche Arbeiten erforschen das Thema Migration mittels utilitaristischer Ansätze, sie suchen Antworten auf Fragen, die Integration, kulturelle Differenzen oder soziale Unzufriedenheit umfassen sowie Handlungsmöglichkeiten für die Politik aufzeigen. Sie erforschen Migration als gegenwärtiges Phänomen, häufig ohne historische Entwicklungen zu berücksichtigen.
Obwohl die historische Migrationsforschung anderen Disziplinen hinterherhinkte, hat sich seit den 1990er-Jahren doch einiges getan. Mittlerweile ist sie zu einem anerkannten Zweig in der Geschichtswissenschaft geworden.21 Diese Entwicklung zeigt sich in der Entstehung von Überblickswerken, Handbüchern oder Enzyklopädien. In diesem Zusammenhang zu nennen sind die Werke von Klaus J. Bade22, die Enzyklopädie von Jochen Oltmer23, Dirk Hoerders globale Geschichte der Migration24 oder das Buch „Migration. Globale Entwicklungen seit 1850“25, herausgegeben von Albert Kraler, Karl Husa, Veronika Bilger und Irene Stracher. Diese migrationshistorischen Arbeiten auf der Makroebene zielen darauf ab, Migration als Normalität und nicht als Sonderfall der Geschichte zu begreifen. Sie verbreiten die Auffassung, dass die Geschichtsschreibung gerade wegen Wanderungsbewegungen über nationale Grenzen hinausgehen müsse.26 Gerade das Verhältnis von Mobilität und Sesshaftigkeit war eine der ersten intensiv diskutierten Fragen der historischen Migrationsforschung, wenn auch die erste Generation von Historiker*innen noch sehr von „sozialwissenschaftlichen Modernisierungstheorien“ beeinflusst war und eine Idee der „immobilen Vormoderne“ bei der traditionelle Gesellschaften immobil gewesen seien, verbreitete.27 Ein Beispiel dafür ist Wilbur Zelinsky’s28 Artikel „The Hypothesis of the Mobility Transition“ aus dem Jahr 1971. Klaus. J. Bade und dem von ihm geleiteten Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS)29 ist es jedoch zu verdanken, dass sich der Stellenwert und das Ausmaß der historischen Migrationsforschung in den 1990er-Jahren deutlich verbesserten. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass die Erforschung der Migrationsgeschichte auch heute noch ein Randphänomen darstellt.30
Historische Migrationsforschung und die Herausforderungen für die Zeitgeschichte
Aufbauend auf der Tatsache, dass Hör- und Sichtbarkeit noch lange nicht für alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen gelten und die homogene Vorstellung von Volk, Territorium und Geschichte seit dem 19. Jahrhundert die Geschichtsschreibung über das Andere lange Zeit verdrängt hatte,31 nahm sich das Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck mit Dirk Rupnow und Eva Pfanzelter dem vernachlässigtem Thema Migration an. Das Institut für Zeitgeschichte in Innsbruck öffnete sich somit einem neunen Forschungsschwerpunkt, mit Blick auf die transnationale und globale Geschichte, ohne das Regionale aus den Augen zu verlieren. Wie in Innsbruck üblich, wurde auch die Geschichte des benachbarten Südtirol in das neue Arbeitsfeld aufgenommen. So entstand die vorliegende Arbeit im Rahmen des vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck (in Kooperation mit der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen in Brixen) geleiteten Projektes „(Arbeits-)migration in Südtirol seit dem Zweiten Autonomiestatut“32, das sich die Erforschung der Migrationsgeschichte in Südtirol zur Aufgabe gemacht hat und 2017 erfolgreich abgeschlossen werden konnte.
Die Erschließung von neuen Quellen – im Besonderen Archivmaterial – ist eine der Hauptaufgaben von Zeithistoriker*innen. So haben auch die seit 2013 durchgeführten Migrationsprojekte33 an der Zeitgeschichte in Innsbruck zum Beispiel gezeigt, dass die Geschichte der Migration und Migrant*innen nur unzureichend in den Archiven repräsentiert ist. Zwar kann die Realität der Migrationsgesellschaft nicht mehr geleugnet werden, doch fehlt es häufig an grundlegenden Materialien, da kaum systematisch gesammelt oder vorhandenes Material aus Platzgründen vernichtet wurde.34 Nicht zuletzt bilden Landes- und Staatsarchive in ihren Sammlungen lediglich die hegemoniale Struktur der Gesellschaft ab, während die Geschichten von Migrant*innen ungesehen bleiben.35
Dasselbe trifft auch auf Südtirol zu. Primärmaterialien, mit deren Hilfe sich die Geschichte der modernen Zuwanderung nach Südtirol rekonstruieren ließe, beschränken sich auf Statistiken des Landesinstituts für Statistik, politische Akten des Südtiroler Landtages, Zeitungsberichte oder müssen anhand von Interviews bzw. Umfragen selbst erstellt werden.
Migrationsforschung in Südtirol
Die Erfassung Südtirols als Einwanderungsland hat sich gerade deshalb in der Südtiroler Geschichtsschreibung noch kaum etabliert und historische Studien zur Südtiroler Einwanderungsgeschichte beschränkten sich bis dato auf die Auswertung statistischer Materialien, wie etwa Rainer Girardis geschichtlicher Abriss zur Migration in Südtirol.36 Dieser ist Teil einer umfassenden Studie37 der European Academy of Bozen/Bolzano (EURAC)38, die 2011 in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Migrant*innen in Tirol (ZeMIT)39 herausgegeben wurde und zum ersten Mal das vernachlässigte Thema der Migration in Südtirol und Tirol umfassend aufgegriffen hatte. Dabei fasst das Sammelwerk eine Reihe von Aufsätzen zusammen, die sozial-, politik- sowie rechtswissenschaftliche Zugänge zur Migration in Tirol und Südtirol bieten. Die historische Dimension bleibt aber auch hier ein Randthema. Gleiches gilt für das im Jahr 2013 herausgegebene Buch „Migrationspolitik und Territoriale Autonomie. Neue Minderheiten, Identität und Staatsbürgerschaft in Südtirol und Katalonien“40, herausgegeben von Roberta Medda-Windischer und Andrea Carlà, sowie die Studie „Standbild und Integrationsaussichten der ausländischen Bevölkerung Südtirols. Gesellschaftsleben, Sprache, Religion und Wertehaltung“41, alles Forschungen der EURAC. Diese Publikationen stellen die Migrationspolitik, rechtliche Grundlagen, das Verhältnis zu den autochthonen Minderheiten in Südtirol, sozialwissenschaftliche Studien sowie grenzübergreifende Vergleiche in den Vordergrund, der historische Blick auf das Thema Migration und Südtirol wird jedoch trotz der erstaunlichen Vielfalt an Studien und Untersuchungen weitgehend unberücksichtigt gelassen.
Eine Langzeitstudie (1992–2012) und darüber hinaus grenzübergreifende Vergleiche bietet hingegen die 2016 an der University of Leicester erschienene Dissertation von Verena Wisthaler42, ebenfalls Mitarbeiterin des Instituts für Minderheitenrechte der EURAC. In ihrer Arbeit untersucht Wisthaler die Identitätskonstruktion regionaler und nationalistischer Parteien in Korsika, Südtirol, Schottland, des Baskenlandes und Wales und fragt nach der Auswirkung von Zuwanderung auf die Bildung von kollektiven Identitäten in Minderheitengebieten. Als Basis dienten der Autorin Parteiprogramme, Parlamentsdebatten, thematische Dokumente zur Einwanderung, Integrationspolitiken sowie Gesetze. Der lange Untersuchungszeitraum erlaubte es Wisthaler, auf Veränderungen des politischen Diskurses im Laufe der Zeit einzugehen und somit historische Entwicklungen aufzuzeigen.
Auch mit Identitätsbildungen, internationalen Vergleichen sowie der Frage nach Abgrenzung und Inklusion von Migrant*innen in Minderheitengebieten (Südtirol und Katalonien; Südtirol und Québec) beschäftigen sich Christina Isabel Zuber43 sowie Lorenzo Piccoli.44 Die Befunde internationaler Vergleiche können wie folgt zusammengefasst werden: Während in Südtirol und Korsika Migration als ein überwiegend negatives Phänomen wahrgenommen wird, überwiegen im Baskenland, in Wales und Schottland positive Diskurse. Zuwanderung wird dort – berücksichtigt werden müssen allerdings die Publikationsdaten der Untersuchungen, die vor der letzten Massenmigration 2015 liegen – als Chance und Bereicherung erkannt, während in Südtirol und Korsika Migrant*innen problematisiert sowie als Belastung und Gefahr für die öffentliche Sicherheit, das Sozialsystem und die nationale Identität wahrgenommen werden.45 Der Vergleich mit Katalonien hat darüber hinaus gezeigt, dass Migrant*innen dort als eine Chance für Unabhängigkeitsprojekte wahrgenommen werden, während dies in Südtirol nicht der Fall ist.46 In Québec und Südtirol überwiegt die Sorge um die nationale Identität, womit die Anpassung von Migrant*innen an die eigene Minderheitengruppe – besonders durch das Erlernen der Sprache – als überlebenswichtig erachtet wird.47
Keine dieser Studien vergleicht jedoch die Wahrnehmung von Migration der verschiedenen Sprachgruppen innerhalb Südtirols. Gerade dieser Vergleich ist jedoch von Bedeutung, da er – obwohl nicht international, schließlich aber interlingual und verschiedene ethnische Gruppen betreffend – Denkmuster einer sich als gespalten präsentierenden Südtiroler Bevölkerung offenlegen kann.
Mit Einwanderung in Südtirol allgemein beschäftigen sich die Werke „Einwanderungssituation in Südtirol. Analyse im Rahmen des Projektes ‚Sprach- und Kulturvermittlung an Migrant/innen‘“48 von Elisabeth Ramoser aus dem Jahr 2002 und das von der Caritas Diözese Bozen-Brixen herausgegebene Band „Südtirol wird bunter. Hintergründe und Informationen zu Einwanderung und Integration“49 (2008) von Sabine Trevisani-Fernati.
Ein Buch, in dem Stimmen von Migrant*innen in Südtirol die Grundbasis bilden, erschien außerdem 2009 in Brixen. Fernando Biague50, der Autor des Buches, hat in diesem Werk fünf Lebensgeschichten und ihre Migrationsprojekte genauer unter die Lupe genommen und räumt dabei gezielt mit Vorurteilen gegenüber Migrant*innen auf. Einen klaren bildungspolitischen und integrationsfördernden Auftrag verfolgt zudem das von Annemarie Profanter51 herausgegebene Buch über Badanti (Pflegekräfte) in Südtirol. Ähnlich wie Biague möchte auch Profanter Migrant*innen mehr Sichtbarkeit verleihen, in dem sie ihre Geschichten und Erzählungen in den Vordergrund stellt. Darüber hinaus sind Publikationen zu nennen, die sich im Speziellen mit dem Thema Migration und Integration in Südtirol auseinandersetzt. So zum Beispiel eine Studie der Landesbeobachtungsstelle52 zur Einwanderung, die die Integration von jungen Migrant*innen in den Fokus stellt oder ein Bericht der Koordinierungsstelle für Einwanderung53 über Zuwanderung und Integration in Südtirol. Ebenfalls entstanden in den letzten Jahren eine Reihe von Diplomarbeiten, die sich der Frage der Integration von Migrant*innen in Südtirol gewidmet haben und dabei politikwissenschaftliche sowie erziehungswissenschaftliche Zugänge bieten.
All diese Studien haben ihren Wert in der Erkenntnis von Gegenwartsphänomenen, in der Erklärung von destabilisierenden Aspekten und im Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Migration. Sie können jedoch – wie bereits erwähnt – keinen Blick auf Migration als zeithistorisches Phänomen schaffen. Publikationen, die aus geschichtlicher Perspektive und mit den Methoden der historischen Disziplin nach Ursachen, Wesen und Veränderung von Migration fragen, stecken noch in den Kinderschuhen. Das seit 2017 abgeschlossene Forschungsprojekt zur Geschichte der (Arbeits-)Migration in Südtirol seit dem Zweiten Autonomiestatut, durchgeführt von der Universität Innsbruck (unter der Leitung von Eva Pfanzelter und Dirk Rupnow) in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Bozen in Brixen (dort mit Teil-Projektleiterin Annemarie Augschöll Blasbichler), ist das erste große Projekt, das das Thema Migration aus zeitgeschichtlicher Perspektive beleuchtet. Die vorliegende Arbeit ging aus diesem Projekt hervor; zwei aus dem Projekt hervorgegangene Publikationen54 fassen außerdem die zentralen Ergebnisse zusammen.
1.2 Migrant*innen und Medien
Befunde und Forschungsstand
Wird die Forschungslandschaft zum Thema Migration und Medien näher betrachtet, lassen sich mehrere Schwerpunkte bzw. Forschungsrichtungen herauskristallisieren: Die Darstellung von Migrant*innen in den Medien, die Mediennutzung von Zugewanderten sowie Rezeptionsstudien, die sich mit der Wirkung der Migrationsberichterstattung auseinandersetzen. Methodisch bzw. methodologisch kann zudem zwischen qualitativen, quantitativen und diskursanalytischen Studien unterschieden werden. Da sich die vorliegende Arbeit mit der Darstellung von Migrant*innen in Medien befasst, beschränkt sich der Forschungsüberblick aufgrund der Vielzahl an Studien vorwiegend auf diesen Schwerpunkt.
Wichtige Überblickswerke zur zum Thema Migration und Medien im deutschsprachigen Raum sind die Sammelbände und Bücher von Christoph Butterwegge und Gudrun Hentges55, Georg Ruhrmann56, Urs Dahinden57, Joachim Trebbe58, Rainer Geißler und Horst Pöttker59 sowie Heinz Bonfadelli60. Internationale Beiträge zum Thema Migration und Medien und insbesondere Beiträge zur Konstruktion von Krisen durch Medien versammelt das Buch „Migrations and the Media“61 von Kerry Moore, Bernhard Gross und Terry Threadgold. Vergleiche zwischen Europa und den USA und insbesondere die Grenz-Berichterstattung zeichnet das von Giovanna dell’Orto und Vicki L. Birchfield herausgegebene Buch „Reporting at the Southern Borders“62 nach. Vorwiegend mit Diskriminierung von Migrant*innen und ethnische Minderheiten in Medien beschäftigen sich zudem die Bücher: „Medien und Fremdenfeindlichkeit“63 von Bernd Scheffer und „Feindbild Minderheit“64 von Wolf-Dietrich Bukow.
In der US-amerikanischen Forschung kann ebenfalls auf eine lange Tradition an Analysen zurückgegriffen werden. Neuere Studien konzentrieren sich zunehmend auf die Darstellung von asiatischen Minderheiten oder Migrant*innen im Allgemeinen, wie etwa das Buch „Framing Immigrants“65 von Chris Haynes, Jennifer Merolla und Karthick Ramakrishnan oder aktuelle Aufsätze in internationalen Zeitschriften.66 Ältere Untersuchungen hingegen stellen stärker die Repräsentation von African Americans in den Fokus.67
Medienanalysen, die internationale oder interlinguale Vergleiche zum Thema haben, finden sich im Vergleich zu nationalen und intralingualen Studien seltener. Am häufigsten wird der angloamerikanische Raum zum Vergleich herangezogen. Eine komparative Inhaltsanalyse deutscher und australischer Zeitungen bietet etwa Sigrid Luchtenberg68. Rodrigo Zamith69 hingegen stellt die französische und die amerikanische Presse gegenüber und Ralf Koch70 vergleicht deutsche und amerikanische Zeitungen. Eine deutsch-französische Gegenüberstellung hat Daniela Wehrstein71 durchgeführt, indem sie das Thema Islam in deutschen und französischen Pressetexten untersuchte. Vergleiche europäischer Länder finden sich hingegen bei Barbara Laubenthal72, die soziale Bewegungen illegal Zugewanderter in der Schweiz, in Frankreich und Spanien untersuchte sowie bei Thomas Niehr und Karin Böke73, die deutschsprachige Printmedien in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich nach sprachlichen Prägungen und historischen Entwicklungen durchforsteten. Eine vergleichende Studie zur europäischen Grenzregion Saar-LorLux hat Elena Enda Kreutzer74 in ihrer Dissertation durchgeführt. Ihre Arbeit betritt mit der Grenzforschung Neuland und mit einem Analysezeitraum von 1990 bis 2010 kann sie als Langzeitstudie eingeordnet werden. Kreutzer wendet jedoch für ihre Untersuchung ein Stichprobenverfahren an, womit die Repräsentativität deutlich geschmälert wird.
Während sich die Forschungsbefunde der Sammelbände und Überblickswerke von Bonfadelli, Butterwegge, Ruhrmann usw. mehrheitlich auf die Situation in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder nordischen Ländern beziehen, ist die Forschungsliteratur zum Thema Migration in Italien recht überschaubar. Das liegt auch daran, dass erste empirische Untersuchung in Deutschland bereits in den 1970er-Jahren entstanden,75 als Italien sich erst langsam zu einem Einwanderungsland entwickelte. Erst in den letzten Jahren haben auch Analysen italienischsprachiger Medien zugenommen. Als ein wichtiges Gesamtwerk kann das 2016 von Marco Binotti, Marco Bruno und Valeria Lai erschiene Buch „Tracciare Confini. L`immigrazione nei media italiani“76 genannt werden. Die Autoren setzen sich in diesem Buch kritisch mit der italienischen Forschung zum Thema Migration und Medien auseinander und geben einen Überblick über das gesamte Spektrum der Repräsentation von Migrant*innen in italienischsprachigen Medien. Insbesondere Marco Bruno hat sich auch in unzähligen Aufsätzen und Buchbeiträgen mit dem Migrationsthema befasst.77 Ebenfalls sind seit 2010 mehrere italienisch- bzw. englischsprachige Aufsätze mit Medienanalysen in Italien veröffentlicht worden.78
Betrachtet man die Forschungslage zum Thema Medien – und im Besonderen Zeitungsanalyse – in Südtirol, können einzelne Publikationen einen Leitfaden bieten. Die Koordinierungsstelle für Integration hat in ihrem Jahresbericht 2013 „Einwanderung und Südtirol“79 beispielsweise eine Medienanalyse zum Ausländerbild durchgeführt. Analysiert wurden insgesamt 217 Artikel der Alto Adige und 199 Artikel der Dolomiten. Das daraus entstandene Kapitel schließt mit dem Fazit, dass „keiner der untersuchten Artikel bewusst rassistische Elemente (enthält), allerdings können auch eine unbewusste bzw. nicht durchdacht und unsensible Wortwahl, wie sie häufig vorkommt, zur Verzerrung und somit zu Vorurteilen bzw. Ängsten bei den Lesern führen“80. Die Analyse kann jedoch keine historische Entwicklung und keine Muster aufzeigen, weshalb sie für die vorliegende Studie wenig aussagekräftig ist.
Im Folgenden werden die wichtigsten Forschungsergebnisse der oben angeführten Literatur grob zusammengefasst sowie kritisch reflektiert:
Es wird überwiegend negativ über Migrant*innen berichtet
Die Erkenntnis, dass Medien Migrant*innen in einer überwiegenden skandalisierenden und diffamierenden Weise präsentieren, ist in unzähligen Standardwerken angeführt.81 Demzufolge werden nach dem Motto only bad news are good news in den Medien vorwiegend negative und skandalöse Nachrichten verbreitet. Der Schwerpunkt bei der Nachrichtenbeschaffung liegt auf der Aktualität und ist damit durch Punktualität und inhaltliche Reduktion gekennzeichnet.82 Laut Rainer Geißler hat dieser Negativismus mehrere Facetten: 1) Neu Zugewanderte bedrohen die öffentliche Sicherheit 2) Migrant*innen kosten den Steuerzahler*innen Geld, belasten das soziale Sicherungssystem sowie die öffentlichen Haushalte 3) Migranten sind Problemgruppen, sie machen Probleme und haben selbst viele Probleme.83 Dazu kommt die quasi natürliche Verbindung mit Schwerpunkten wie Drogenhandel, Gewalt, Prostitution und Kriminalität, womit der Eindruck erweckt werden kann, dass diese Themen selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt von Migrant*innen sind.84
Gegen diese Erkenntnis lassen sich aber auch Einwände einbringen. Viele der genannten Untersuchungen liegen bereits eine längere Zeit zurück und entsprechen nicht mehr den derzeitigen Vorkommnissen. Zudem klammern die meisten Untersuchungen aus, dass es sehr wohl eine positiv konnotierte Wahrnehmung von Migrant*innen in Medien gibt und vor allem in Tageszeitungen ein bewusst ausgewogenes Bild von Migrant*innen gezeichnet wird – ganz im Auftrag von Friedensstiftung und Friedenserhaltung.
Das heißt, Medien geben durchaus positive und vorurteilsfreie Nachrichtenmeldungen wieder, weshalb der Vorwurf an die Medien, sie würden das Thema Migration durchwegs problematisieren, etwas zu kurz greift.85
Trotzdem muss auch die bewusste Fremdenfreundlichkeit in den Medien kritisch reflektiert werden. Bernd Scheffer86 kritisiert in seinem Aufsatz, dass fremdenfreundliche Medienpraxis offenbar nur dann besonders effektiv zu sein scheint, wenn diese die fremdenfeindliche Praxis mit ihren eigenen Mitteln schlägt – sprich stark emotional besetzt und ähnlich unreflektiert ist. Denn auch hier gilt: Sensationalisierung, Polarisierung und Emotionalisierung verkaufen sich besser als die Darstellung eines normalen Alltags.87 Anita Moser spricht in diesem Zusammenhang von positiver Diskriminierung. Migrant*innen werden dabei als gute und fähige Menschen dargestellt, die das Idealbild eines gut integrierten Menschen widerspiegeln.88 Die Wahrnehmung von Migrant*innen als normaler Bestandteil der Gesellschaft ist durch die Rezeption von Medien nach wie vor nicht möglich.
Migrant*innen werden überrepräsentiert versus marginalisiert
Priska Bucher und Andrea Piga kommen in ihrem Aufsatz „Medien und Migration – ein Überblick“89 zum Fazit, dass Migrant*innen in Medien deutlich unterrepräsentiert sind, sprich zu wenig über Zugewanderte geschrieben wird. Auch Heinz Bonfadelli90 und Margret Lünenborg91 kommen zur selben Schlussfolgerung. Andererseits hebt Ruhrmann hervor, dass bestimmte ethnische Gruppen in den Medien deutlich überrepräsentiert werden. In diesem Zusammenhang nennt Ruhrmann Menschen türkischer Herkunft, über die in den 1980er-Jahren in deutschen Medien häufiger berichtet wurde als über Migrant*innen anderer Herkunft. Damit wurde eine verzerrte Häufigkeit von Migrant*innen gezeichnet.92 Auch Gabriel Weimann93 ist zum Schluss gekommen, dass bestimmte Gruppen von Zugewanderten in den Medien deutlich mehr Aufmerksamkeit erhalten, als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprechen würde. Diese Aufmerksamkeit richtet sich an erster Stelle gegen Gruppen, die als unerwünscht gelten. Dazu zählt Weimann Menschen türkischer Abstammung sowie Personen aus afrikanischen und arabischen Ländern.
Befunde von Analysen italienischsprachiger Medien deuten zudem auf eine Überrepräsentation von Migrant*innen in der sogenannten cronaca nera hin, sprich jenem Teil der Zeitung, in dem Verbrechen und Kriminalitätsfälle aufgelistet werden.94 Beide Schlussfolgerungen, sowohl jene der Marginalisierung als auch jene der Überrepräsentation, stehen dabei nicht zwangsläufig im Widerspruch. In der bloßen Erwähnung sind Migrant*innen unterrepräsentiert, insbesondere in nicht problematisierenden Berichterstattungen. Zudem werden ihnen kaum Artikulationsmöglichkeiten zugestanden.95 Diese passive Rolle, in die Migrant*innen durch Medien gezwängt werden, unterstreicht nach Ruhrmann und Sommer zudem die politische Einflusslosigkeit von Menschen mit Migrationsgeschichte.96 Medien tragen also deutlich dazu bei – so Erol Yildiz97 – welche Diskurse dominant sind und in welchen Migrant*innen marginalisiert werden. So sind Migrant*innen etwa in bestimmten Diskursen überrepräsentiert – wie etwa im Kriminalitätsdiskurs –, und in anderen Diskursen – wie etwa Alltagsdiskursen – unterrepräsentiert.98
Kritisch angemerkt werden muss jedoch, dass die Beurteilung der Repräsentation von Migrant*innen prinzipiell schwer objektiv festlegbar ist.99 Viele Studien beschränken sich auf die Untersuchung der Wahrnehmung ganz bestimmter ethnischer Gruppierungen oder ziehen (problematische) Ereignisse als Untersuchungsgegenstand heran. Dies kann dazu führen, dass die Normalität, die durchaus auch in den Medien zu finden ist, verloren geht.100
Kriminalisierung von Migrant*innen
Laut Bucher und Piga werden Migrant*innen nebst den Bereichen Wirtschaft und Politik häufig im Zusammenhang mit Kriminalität thematisiert, wohingegen über ihren Lebensalltag wenig berichtet wird. Ebenfalls Meldungen über geglückte Verständigung bzw. geglückte Integration fehlen vielfach.101 Auch Geißler102 und Ruhrmann103 bestätigen die auffällig häufige Verbindung von Kriminalität und Migration und verweisen auf die Rolle der Ethnizität, die besonders in der Kriminalitätsberichterstattung über Migrant*innen eine Rolle spielt, auch wenn es dafür keinen augenscheinlichen Grund gibt. Susanne Spindler hält fest, dass Medien im Hinblick auf Kriminalität und Gewalt als Verkünder der öffentlichen Moral fungieren. Sie zeigen auf, was gut und was als böse zu beurteilten ist. Sie stellt dabei fest, dass abweichendes Verhalten von Zugewanderten häufig mit dem „Migrationshintergrund“ in Zusammenhang gebracht wird.104 Analysen italienischsprachiger Zeitungen haben zudem ergeben, dass im letzten Jahrzehnt die Meldungen in den cronaca nera zugenommen haben und dass es einen großen Unterschied zwischen der Repräsentation von Kriminalitätsfällen und der realen Kriminalität von Menschen mit Migrationsgeschichte gibt.105 Zu einem vergleichbaren Ergebnis kam auch Georg Ruhrmann 2005 in Bezug auf deutschsprachige Medien. Ihm zufolge hat sich das Thema Kriminalität in der Berichterstattung verdoppelt, obwohl sich die reale Kriminalität nicht in dieser Form entwickelt hat.106
Dualismus
Christoph Butterwegge kam zur Schlussfolgerung, dass die Art und Weise, wie die Medien über Migrant*innen berichten, eine Hierarchie geschaffen hat, wonach bestimmte Gruppen von Ausländer*innen als Fremde, andere jedoch willkommen Gäste sind. In der Lokalpresse sei dieser Dualismus besonders stark ausgeprägt. Auf der einen Seite befinden sich die „Elitenmigration“, von der man sich generell Vorteile verspricht und auf der anderen Seite die „Elendsmigration“, die als überaus problematisch beobachtet wird.107 Auch Susanne Spindler zeigt auf, dass positive Berichte oft in Verbindung mit „Expertenmigration“ stehen, sprich Migrant*innen, die für die lokale Wirtschaft gebraucht werden und somit einen Nutzen für die Gesellschaft darstellen.108 Die als gute Migrant*innen wahrgenommenen Menschen werden jedoch strikt von anderen Zugewanderten getrennt, die als Gefahr für die soziale Sicherheit betrachtet werden.109
Warum Medienanalysen einer Kontextualisierung bedürfen
Werden die Forschungsbefunde zum Thema Migration und Medien zusammengetragen, lässt sich feststellen, dass das Sprechen über Migration über die Grenzen hinweg – oberflächlich betrachtet – nach denselben Mustern verläuft. Man könnte selbst den Eindruck gewinnen, dass es keine Rolle spiele, im Rahmen welcher gesellschaftlicher sowie politischer Kontexte die Berichterstattung über Migration stattfindet oder wie viele Migrant*innen in einem Gebiet leben, in dem Medien über Migration berichten. Dies entspräche auch der gängigen Vorstellung, dass Medien neue Wirklichkeit und damit Nationalismus und Rassismus erzeugen.
Bezieht man jedoch die gesellschaftlichen und politischen Kontexte in die Analysen ein, so spiegeln sich in der Berichterstattung über Migration stets Denkund Argumentationsweisen wider, die in der Gesellschaft bereits existieren. Dies zeigt sich vor allem durch regionale Spezifika, die sich wesentlich auf das Sprechen über Migration auswirken. Das heißt, Gesellschaft, Politik und Medien bedingen sich – auch im Migrationsdiskurs – gegenseitig und gerade wegen lokaler Eigenheiten.
Bei einem Großteil der in diesem Kapitel angesprochenen Medienanalysen handelt es sich um Inhaltsanalysen oder speziell im amerikanischen Raum um Framinganalysen110, die nicht nach dem Kontext fragen, in dem Medieninhalte entstanden sind. Arbeiten mit kommunikations-, medienwissenschaftlichen oder sprachwissenschaftlichen Ansätzen ziehen selten politische, kulturelle und historische Hintergründe mit ein, in denen mediale Inhalte entstanden sind. Doch die Bedeutung von Sprache entsteht nicht in ihrem Gebrauch, sondern erst in Verbindung mit relevantem Kontext. Um komplexe soziale Probleme zu erforschen, ist es notwendig, den Kontext als Teil der Analyse zu begreifen, da sonst sprachliches Verhalten missinterpretiert werden kann.
Eine Ausnahme bilden beispielsweise die Arbeiten von Ruth Wodak, Bernd Matouschek sowie Martin Reisigl, auf die im Abschnitt Migration und Diskurs noch näher eingegangen wird. Mit dem Ansatz der diskurshistorischen Analyse, die insbesondere die Integration von Text und Kontext hervorhebt, plädieren die Autoren für eine multidimensionale Dekonstruktion von Sprache und Argumentationen, indem jegliche verfügbare Informationen zu historischen Hintergründen, in dessen Rahmen Diskurse entstehen, in die Analyse eingebettet werden.111
Der Einfluss der Medien auf die Wahrnehmung von Migration und die Rolle der Politik
Niklas Luhmann schrieb 1996: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“112 Es ist heute eine unumstrittene Tatsache, dass Medien einen deutlichen Einfluss darauf haben, welche Frames und welche Argumentationen den Diskurs über Menschen anderer Herkunft bestimmen. Wie sehr der Alltagsdiskurs von Mediendiskursen gespeist ist, verdeutlichen die Untersuchungen von Siegfried Jäger, der in seinem Buch „BrandSätze. Rassismus im Alltag“113 Alltagshaltungen mithilfe von Interviews untersuchte. Jäger resümiert, dass die Befragten nicht nur Begriffe, sondern auch Argumentationen wortwörtlich von Medien übernahmen, insbesondere dann, wenn sie komplexere Zusammenhänge erklären sollten. Medien sind deshalb nicht nur informierend, sondern im weitaus größeren Maß bewusstseinsbildend.
Es geht aber nicht nur darum, was Medien berichten, sondern auch wie. Medien stehen eine Reihe von Konzepten zur Verfügung, wie sie Migration auf die Tagesordnung bringen können. So kann zum Beispiel eine Nachrichtenmeldung über eine Migrationsreform das Konzept der erhöhten wirtschaftlichen Kosten enthalten. Gleichzeitig kann die Nachrichtenmeldung aber auch ein positiveres Konzept vermitteln, indem hervorgehoben wird, dass mit der Reform die Trennung von Familien verhindert wird.114 Aus diesem Grund können Medieninhalte auch nie als „einfache Wiederspiegelungen und Abbilder einer beobachterunabhängigen Wirklichkeit“115 betrachtet werden. Sie liefern nie nur reine Abbildungen oder Beschreibungen als solche.116 In diesem Zusammenhang wird auch von konstruierter Realität oder einfach Medienrealität gesprochen.117
Medienberichte sind oft einseitig, ungenau und verzerrt. Auch politische Nachrichten präsentieren eine Politik-Illusion, wenn sie sich auf prominente Personen und auf die Meinung bestimmter Parteien konzentrieren.118 Massenmedien als Spiegel der Wirklichkeit zu betrachten, ist also mehr als naiv, trotzdem eine notwendige Sichtweise. Wir haben für viele Realitätsbereiche keinen anderen Zugang zur Wirklichkeit als über Medien. Die Medienrealität hat für die Gesellschaft einen vergleichbar objektiven Wert, wie es die individuelle Weltanschauung hat. So wie wir in unserer Wahrnehmung begrenzt sind, sind Medien in ihrer Darstellung von Realität begrenzt. Wichtig ist deshalb, Medien als „informationsverarbeitende Systeme“ zu begreifen – sie bewerten, selektieren, interpretieren und entwerfen ein Bild der Welt, das für die Bedürfnisse der Rezipient*innen zugeschnitten ist.119
Darüber hinaus ist die journalistische Praxis beeinflusst von Interessen sozialer, politischer oder kultureller Institutionen.120 Das heißt, Medieninhalte werden stets von unterschiedlichen Interessen (Redaktion, Zielpublikum, Wirtschaft und Politik) gelenkt. Im quellenkritischen Umgang mit Medieninhalten stellen sich deshalb Fragen nach der Herkunft der Nachricht, nach Kriterien der Auswahl sowie nach der Kondensierung der ausgewählten Nachricht.121 Aus diesem Grund müssen Medien als Quelle indirekter Erfahrung gesehen werden, denn die Informationen, die durch Medien über Migrant*innen vermittelt werden, strukturieren die Vorstellung der Rezipient*innen und bestätigen bereits vorhandene Ansichten und Vorurteile.122
Insbesondere Politikerinnen und Politiker haben ein beständiges Interesse daran, ihre Argumentationen in der Presse zu verlauten. Denn für politische Parteien ist die Fremddarstellung politischer Botschaften in den Medien eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Form der Kommunikation mit der Bevölkerung. Menschen, die in der Politik tätig sind, beliefern Medien nicht selten mit Eigendarstellungen. Christiane Eilders123 hat festgestellt, dass Parteien und Verbände in übermäßigen Anteilen in den Medien vertreten sind, während andere Gruppen wie Kirchen oder zivilgesellschaftliche Vereine unterrepräsentiert sind.124 Nicht alle Parteien und politischen Akteur*innen werden in den Medien zu gleichen Teilen präsentiert. Weniger bekannte Politiker*innen und schwächere Parteien sind häufig – selbst wenn sie großartige Arbeit leisten – in den Medien marginalisiert.125
Es obliegt den Medien, zu entscheiden, was als veröffentlichungswürdig erachtet wird und wie viel Aufmerksamkeit sie einer Person oder einer Thematik schenken. Dijk stellte fest, dass üblicherweise führenden Politiker*innen – insbesondere bei Konflikten – um ihre Meinung gefragt werden, selbst wenn diese eine Minderheitenmeinung vertreten. In Nachrichtenmeldungen über Migrant*innen müssten im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattungen jedoch auch die Meinungen wichtiger und kompetenter Vertreter*innen dieser kleineren Gruppen berücksichtigt werden, was aber meistens nicht der Fall ist.126 Diese Art der Berichterstattung wirkt wiederum auf das politische Handeln ein, denn je größer die Aufmerksamkeit der Presse, desto höher ist die Bedeutung des Themas in der Bevölkerung und dadurch wiederum für die Politik.127 Nick Couldry zum Beispiel argumentierte, dass Medien wie eine Art Metafeld funktionieren, da sie andere Bereiche, wie etwa die Politik, deutlich beeinflussen können.128 Die Beziehung zwischen Medien und Politiker*innen kann also als bidirektional verstanden werden. Medien formen die öffentliche Meinung, um politische Entscheidungen zu legitimieren, und spiegeln damit die Interessen der etablierten Elite wider. Gleichzeitig treiben Medien aber auch die politische Entscheidungsfindung voran, indem sie öffentliche Meinung zu Politiker*innen formen, die darauf reagieren müssen.129 Diese öffentliche Meinung ist jedoch zumeist nichts anderes als eben eine politische Meinung. So beschreiben Brigitta Busch und Michał Krzyzanowski130 die Beziehung zwischen dem Feld der Politik und dem Bereich der Medien als eine Kette der Re-Kontextualisierung, die in zwei Richtungen erfolgt: vom politischen Diskurs in die Medien (z. B. durch das Zitieren von Reden und andere politische Stellungnahmen) und von den Medien wiederum in den politischen Diskurs (z. B. Politiker*innen zitieren Medien als öffentliche Meinung, obwohl sie ihre eigenen in den Medien abgedruckten Statements zitieren).
Mit einer derartigen Einflussnahme und Agenda-Setting Funktion stehen die Medien unter besonderem Interesse bei der Ermittlung von Immigrationsdiskursen, denn sie sind das Zentrum der Repräsentation von Migration und versammeln Informationen, die in Feldern wie Politik, Recht, Bildung und Alltag entstanden sind.131
1.3 Migration und Diskurs
Diskurse sind nichts Individuelles, sie sind sozial. Jeder Mensch ist ein Teil von Diskursen; er trägt nicht nur zu seiner Gestaltung bei, sondern verinnerlicht Schemata und Modelle (oft vermittelt durch Medien, Organisationen, Erziehung usw.), die eben nicht individuell sind, sondern im Laufe der Sozialisation angeeignet werden. Dabei sind Diskurse alles andere als harmlose Prozesse. Sie bestimmen Handlungen und üben Macht aus, sie können sogar zu Angriffen auf Migrant*innen, Überfällen auf Flüchtlingsunterkünften oder Terror verleiten.132 Diskurse haben also die Macht, Handlungen zu ermöglichen oder zu verhindern, auch bestimmen sie, wie und auf welche Art gehandelt werden soll.133 Diskursanalysen thematisieren deshalb Texte mit Einbezug des sozialgeschichtlichen Hintergrundes, auf den sie sich beziehen und auf den sie sich wiederum auswirken. Denn sprachliche Prozesse speisen sich aus realen Ereignissen und reale Ereignisse wiederum werden durch sprachliche Prozesse beeinflusst.134
Schemata und Modelle im Sprechen über Migration werden ebenfalls oder gerade wegen fehlender Alltagserfahrungen im Laufe der Sozialisation angeeignet. Der mediale Migrationsdiskurs trägt wesentlich zu dieser Sozialisation bei. Zu ermitteln, wie Medien Migrationsdiskurse steuern und dadurch Macht ausüben, ist wesentlicher Bestandteil der Diskursanalyse. Wissenschaftliche Beiträge, in denen Migrationsdiskurse untersucht und dafür unterschiedliche Herangehensweisen der Diskursanalyse verwenden werden, haben sich gerade die Beantwortung derartiger Fragen zur Aufgabe gemacht.
Wesentlich sind hierbei die Aufsätze von Ruth Wodak und Bernd Matouschek.135 Sie heben verschiedene Formen von Migrationsdiskursen hervor und resümieren, dass in Österreich der Mitleids- und Bevormundungsdiskurs in einem starken Zusammenhang mit dem Rechtfertigungs- und Begründungsdiskurs steht, womit eine restriktive Migrationspolitik legitimiert wird.136 Zu nennen sind zudem die Untersuchungen von Margarete Jäger. In ihrem Aufsatz „Skandal und noch einmal“137 deckt sie diskursive Verschiebungen und Benennungspraxen des Einwanderungsdiskurses in (West-)Deutschland auf. Darüber hinaus hat sie in ihrem jüngsten Buch zum Flüchtlingsdiskurs in deutschen Medien 2015 und 2016 gemeinsam mit Regina Wamper herausgearbeitet, dass es – unter Anzweifelung einer wirklichen Krise – 2015 und 2016 auf jeden Fall zu einer diskursiven Krise kam: „Diskursiv wurde der Notstand ausgerufen, Katastrophisches beschrieben und prognostiziert, es wurde also massiv denormalisiert.“138 Stereotype und Topoi des antimuslimischen Rassismus hat zudem Yasemin Shooman139 anhand deutscher Medienberichterstattung und Zuschriften an die Türkische Gemeinde Deutschlands (TGD) offengelegt.
Auch Diskursanalysen, die Migration und soziale Medien zum Gegenstand haben, gehören zur neueren Forschung. Marieluise Mühe etwa analysierte rassistische Diskurse über Flüchtlinge in sozialen Medien in Deutschland. Sie stellte fest, dass rassistische Kommentare in Online-Debatten ein Feindbild von jungen, muslimischen Männern konstruieren, die der Armut entflohen sind. Auch schlussfolgert sie, dass sich das Medium Facebook verstärkt auf die einseitige Wahrnehmung von Flüchtlingen auswirkt.140 Eine Diskursanalyse der Sarrazin-Debatte nahm Sebastian Friedrich141 vor und identifizierte eine Verschiebung des Diskurses nach der Veröffentlichung von Thilo Sarrazzins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Er stellte fest, dass Migrant*innen zunehmend über das „Leistungsparadigma“ ausgegrenzt werden.142
Im englischsprachigen Raum hat Christopher Hart143 Migrationsberichterstattungen mithilfe einer Kombination von Diskursanalyse und Kognitionswissenschaft untersucht. Aidan McGarry und Helen Drake144 haben wiederum den Sicherheitsdiskurs in Frankreich unter dem Aspekt der Politisierung von Roma analysiert und Mikko Kuisma145 hat eine Arbeit zum Thema ökonomischer Nationalismus im Migrationsdiskurs von Finnen veröffentlicht. Kiumsa hatte dabei Argumentationen ausgemacht, die Migrant*innen in gute bzw. in böse Zugewanderte einteilen. Irland als Untersuchungsfeld für eine Diskursanalyse der Migration hat zudem Elaine Burroughs146 gewählt, und untersuchte mithilfe einer Argumentationsanalyse die diskursive Repräsentation von illegalen Migrant*innen in irischen Medien.
Kritische Diskursanalyse, historische Diskurssemantik und die Topos-Analyse
Sowohl in den Geistes-, als auch in den Sprach- und Sozialwissenschaften werden dem Begriff Diskurs unterschiedliche Bedeutungen und weit gestreute Verwendungsweisen zugemessen. Es gibt also keine einheitliche Definition des Diskursbegriffes, jedoch findet sich ein gemeinsamer Nenner in der wissenschaftlichen Anwendung des Begriffes. Denn der wissenschaftliche Einsatz – so resümiert Joachim Landwehr – richtet sich immer auf die Untersuchung des Sprach- und Zeichengebrauchs, unabhängig davon, ob es sich um mündliche oder schriftliche Texte, kleine oder große Korpora, bildliche der akustische Medien handelt.147
Die Analyse von Argumentationsstrategien bzw. Argumentationsmustern nimmt in der Diskursforschung eine bedeutende Stellung ein, insbesondere im Rahmen des in Wien von Ruth Wodak begründeten diskurshistorischen Ansatzes der Kritischen Diskursanalyse sowie im Rahmen der in Düsseldorf durch Georg Stötzel begründeten historischen Diskurssemantik. Aus diesem Grund wird in diesem Abschnitt sowohl auf die Kritische Diskursanalyse als auch auf die historische Diskurssemantik eingegangen. Ebenfalls werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der jeweiligen Topos-Analysen herausgearbeitet, wobei die Argumentationsanalyse der Düsseldorfer Schule schließlich vorbildgebend für die vorliegende Arbeit war (siehe Kapitel 3, Teil 1).
Die Kritische Diskursanalyse wurde unter Anlehnung des Diskursbegriffs von Foucault von Mitarbeiter*innen des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) entwickelt. Wichtige Vertreter*innen sind der niederländische Sprachwissenschaftler Teun van Dijk, die österreichische Linguistin Ruth Wodak und der britische Sprachwissenschaftler Norman Fairclough. Sigfried Jäger hat im deutschsprachigen Raum zudem einen eigenen Ansatz zur Kritischen Diskursanalyse entwickelt.148 Die Kritische Diskursanalyse als interdisziplinäres Forschungsprogramm vereint ein breites Spektrum an Ansätzen, Theorien und Methoden. Allen gemeinsam ist der Fokus auf die Analyse von sozialen Macht-, Dominanz und Ungleichheitsstrukturen, die sich in Sprache manifestieren. Es geht also um das Aufdecken von Wirklichkeitsverzerrungen und irreführenden Repräsentationen von Ereignissen. Wobei auch festgehalten werden muss, dass es der Kritischen Diskursanalyse nicht um richtig oder falsch geht, aber doch darum, was mit derartigen Diskursen bewirkt werden kann.149
Während Siegfried und Margarete Jäger im Wesentlichen auf den Theorien und Arbeiten von Michel Foucault und Jürgen Link aufbauen, betont Ruth Wodak, die sich unter anderem auf Jürgen Habermas bezieht, stärker die pragmatische Dimension der Diskursanalyse und versteht Diskurse als soziale Praxis in einem mit zu beachtenden Kontext.150 Eine Spielart der Kritischen Diskursanalysen ist deshalb die diskurshistorische Analyse, die von Ruth Wodak in Zusammenarbeit mit weiteren Wissenschaftler*innen entwickelt wurde.151 Wesentlicher Bestandteil des diskurshistorischen Ansatzes ist die Verbindung von Analysen sprachlicher Äußerungen mit dem Kontext, in dem diese entstanden sind. Denn Aussagen stehen nie für sich allein, sondern sind Bestandteil eines Diskurses, die in sprachliche, nichtsprachliche, gesellschaftliche, politische Kontexte und Handlungsräume eingebettet sind.152 Wodak beschreibt dabei drei Dimensionen, die zentral für die diskurshistorische Analyse sind: Der Inhalt der Daten, die eingesetzte diskursive Strategie (zum Beispiel Argumentationsstrategien und Topoi) sowie die linguistische Realisierung des Inhaltes und der Strategie.153 Argumentationen bilden in der diskurshistorischen Analyse eine der fünf diskursiven Strategien und sind wesentlich bei der Präsentation des positiven wir und negativen Anderen.154
Argumentationsstrategien bzw. Topoi sind also ein Bestandteil der diskurshistorischen Spielart der kritischen Diskursanalyse. Ruth Wodak und Martin Reisigl haben in ihrem Buch „Discourse and Discrimination: Rhetorics of Rasism and Antisemitism“155 eine Reihe von Argumentationsstrategien im österreichischen Migrationsdiskurs ausgemacht. Darunter u. a. den topos of danger, den topos of threat, den topos of humanitarianism oder den topos of justice. Martin Reisigl hat im Rahmen eines Vergleiches rechtspopulistischer und faschistischer Rhetorik ebenfalls unter Anwendung der Argumentationsanalyse Strategien wie den Topos des Nichts-Wissens oder den Topos der Freiheit formuliert.156
Auf ähnliche Art und Weise hat auch der Sprachwissenschaftler Martin Wengeler Argumentationsmuster bzw. Topoi formuliert und in einem großangelegten Forschungsprojekt Migrationsdiskurse untersucht. Anders als Wodak oder Reisigl ist die Argumentationstheorie von Wengeler jedoch nicht der Wiener Gruppe zuzuordnen, sondern der von Georg Stötzel begründeten Historischen Diskurssemantik, bei der die Analyse von argumentativen Topoi ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen.157 Georg Stötzel ist der Gründungsvater der Düsseldorfer Schule, der unter anderem auch die Sprachwissenschaftler*innen Matthias Jung, Karin Böke und Martin Wengeler angehören. Ihre Überlegungen zur Diskursgeschichte bauen auf Arbeiten von Dietrich Busse und Wolfgang Teubert auf,158 die das Programm der Historischen Diskurssemantik formulierten und sich dabei an Foucaults Diskurstheorie anlehnten. Sie waren es auch, die mit ihrer Behauptung, „Argumentationsanalyse könne eine Art von Tiefensemantik leisten und damit einen Ausschnitt einer Diskursanalyse im Foucault’schen Sinne darstellen“159, die systematische Begründung und Anwendung der Argumentationsanalyse möglich machten. Die Düsseldorfer Schule hatte also die Argumentationsanalyse neben Schlüsselwörtern, Metaphernfeldern und expliziten Sprachthematisierungen als ein Zugriffsobjekt der Diskursanalyse in ihr Methodenset aufgenommen. Sie kam insbesondere bei Auswertungen des Migrationsdiskurses in den 1990er- Jahren durch Martin Wengeler zur Anwendung und etablierte sich dadurch zunehmend.160 Laut Wengeler sollte durch die Argumentationsanalyse ein Zugang zu dominanten Denkmustern geschaffen werden, die immer Teil eines Diskurses sind, wobei er auch stets den subjektiven Charakter der Analyse betonte, da die Überzeugungskraft einer Argumentation nur subjektiv bestimmt werden könne.161
Wie die Wiener Schule verstand auch Wengeler Argumentationen als konstitutives Element von Diskursen.162 Aber es gab auch Unterschiede zwischen den beiden Schulen. Während Vertreter*innen der diskurshistorischen Analyse Argumentationsstrategien dafür nutzten, um plausible bzw. trugschlüssige Aussagen aufzudecken und diese zu kritisieren,163 standen ideologie- und machtkritische Überlegungen bei der Historischen Diskurssemantik im Hintergrund. Dies bedeutete natürlich keineswegs, dass nicht auch die Düsseldorfer Schule ihre Untersuchungen kritisch reflektierte und auf gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen aufmerksam machte.164 Insbesondere Wengeler hatte den kritischen Anspruch, Veränderungen von „Wirklichkeitssichten“ aufzuzeigen und den Einfluss auf das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung offen zu legen.165
1.4 Diskurs und digitale Korpora
Die digitale Revolution hat den Umgang mit Texten für Wissenschaftler*innen maßgeblich verändert; Immer mehr Texte werden in ein digitales Format gebracht,166 womit Forscher*innen immer größere Mengen zur Auswertung zur Verfügung stehen. Dieses digitale Format ermöglicht nicht nur einen vereinfachten Zugang zum Text, die schiere Größe an Daten verlangt zudem einen Rückgriff auf Methoden, die automatisierte bzw. semi-automatisierte Strukturierungen von Texten vornehmen können.167 Denn für Forschende ist es nicht möglich, die immer größer werdenden Textbestände allein zu bewältigen.168 Diese Grenze ist nicht erst bei Millionen von Zeitungsartikeln anzusetzen, es reichen bereits einige Zehntausende.
Die wachsenden Datenbestände bedürfen also zunehmend des Rückgriffs auf Methoden der digitalen Geisteswissenschaft. Die alleinige Anwendung von digitalen Analysen steht jedoch zunehmend unter Kritik, weil sie nicht in der Lage sind, linguistische Muster im Kontext zu verorten. Umgekehrt wird aber auch die auszugsweise Analyse von Texten ohne Miteinbezug des Gesamtkorpus hinterfragt. So betonen einzelne Wissenschaftler*innen169, dass für eine repräsentative Diskursanalyse eben auch ein vollständiges Korpus analysiert werden müsse. Kritisiert wird beispielsweise die auszugsweise Auswahl von Texten, wodurch Zweifel bezüglich der Repräsentativität der Studie aufkommen würden. Auch könne die Analyse von einer kleinen Anzahl an Texten oder Textfragmenten keine Aufschlüsse über Entwicklungen über Jahre hinweg leisten.170 Immer häufiger gibt es deshalb Ansätze, Diskursanalysen in digitalen Textkorpora durchzuführen. Zu verweisen sei in diesem Fall auf die Studie von Costas Gabrielatos und Paul Baker171, die die diskursive Konstruktion von Flüchtlingen und Asylsuchenden mithilfe von Konkordanz- und Schlüsselwortanalyen untersuchten und dafür ein 140 Millionen Wörter umfassendes Korpus von britischen Presseartikeln zwischen 1996 und 2005 heranzogen. Auf die Arbeit und Methodik von Gabrielatos und Bakers aufbauend, analysierte des Weiteren Alyona Boeva172 die Migrations- und Flüchtlingsberichterstattung britischer und amerikanischer Zeitungen im September 2015. Ebenfalls mit (semi-)automatischen Identifikationen und Analysen von Argumentationen haben sich im Rahmen der Förderlinie eHumanities des BMBF drei interdisziplinäre Projekte beschäftig: e-Identity, ePol und VisArgue.173
Zur Problematisierung qualitativer Forschung in der digitalen Geisteswissenschaft
Die Anwendung von Methoden aus dem Repertoire der digitalen Geisteswissenschaften ist seit der digitalen Revolution stark angestiegen. Die Kombination von Diskursanalysen und Text Mining Methoden stellt aber nach wie vor ein neues Forschungsfeld dar.
Bereits im Jahr 2000 argumentierte der italienische Literaturwissenschaftler Franco Moretti,174 es wäre unmöglich alle Bücher innerhalb eines Interessengebiets zu lesen und führte die Methode des Distant Reading zur Analyse großer Datenmengen ein. Morettis Distant Reading galt – wie auch Matthew Jockers’175 (2013) macroanalysis – als Antwort auf den Umgang mit riesigen Datenmengen. Es handelt sich hierbei um Methoden, die es ermöglichten, einen Zugang zu immensen Datenbeständen zu erhalten, ohne jeden Text einzeln lesen zu müssen. Beide Begriffe, Distant Reading als auch macroanalysis, wurden jedoch in starker Abgrenzung zu zum exakten Lesen gebraucht. Jockers hob hervor: „The sheer quantity of available data makes the traditional practice of close reading untenable as an exhaustive or definitive method of evidence gathering”176. In der aktuellen Debatte werden hingegen immer stärker die Grenzen der quantitativen Big Data Analyse bzw. der Makroanalyse hervorgehoben; Forschungsfragen könnten nur bis zu einer bestimmten Grenze beantwortet und Hypothesen nur bis zu einem gewissen Punkt überprüft werden.177 Das exakte Lesen bzw. die akribische Detailanalyse durch Forschende sei deshalb nach wie vor die Methode, um in einem Forschungsprojekt zu validen Forschungsergebnissen zu kommen.178
Zwischen Mikro- und Makroanalyse
Es steht außer Frage, dass computergestützte Analyseverfahren essentiell für die Auswertung von großen Datenmengen sind und zu einem erheblichen Erkenntnisgewinn historischer, politischer oder sozialwissenschaftlicher Analysen beitragen. Sie dienen der Strukturierung von ursprünglich unstrukturierten Textdaten und schaffen einen Zugang zu Datenmaterial, das ohne computergestützte Auswertung nicht hätte erschlossen werden können.179
Trotzdem sind der computerbasierten Auswertung eindeutig Grenzen gesetzt, wie Jeffrey Drouin in seinem Artikel „ Close- and Distant-Reading Modernism: Network Analysis, Text Mining, and Teaching the Little Review” treffend zum Ausdruck brachte: „[…] the main weakness of big data methodologies is their inability to read the works that their algorithms quantify, to see what they actually say or how they position themselves in context”180. Mit dieser Aussage traf Drouin den Nerv des eigentlichen Problems: Die Unfähigkeit der Erfassung des historischen oder diskursiven Kontextes. Auch Paul Baker stellte fest: „However, a traditional corpus-based analysis is not sufficient to explain or interpret the reasons why certain linguistic patterns were found (or not found). Corpusanalysis does not usually take into account the social, political, historical, and cultural context of the data.”181 Aus diesem Grund sind automatisierten Auswertungen insbesondere bei qualitativen Textanalysen (Diskursanalysen) klare Grenzen gesetzt. Selbst wenn es diskurslinguistische Methoden gibt, die auch eine Diskursanalyse mittels Makroanalyse ermöglichen, wie zum Beispiel die Berechnung von Kollokationen,182 für eine schlüssige Interpretation und für die Kontextualisierung sind fraglos nach wie vor die Kenntnis des Gesamttextes sowie die menschliche Kompetenz des hermeneutischen Sinnverstehens des Forschenden gefragt.183 Für ein diskursanalytisches Verstehen müssen also Kontextinformationen miteinbezogen werden, weshalb Detailanalysen notwendig sind.184
Die Kombination von Mikro- und Makroanalyse – in Stulpes und Lemkes Nomenklatur als Blended Reading bezeichnet – scheint einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma zu bieten. Eine Schlussfolgerung, zu der neben Drouin185 und Baker186 unter anderem auch Hitchcock187, Fraas/Pentzold188, Lemke/Stulpe189, Lemke/Wiedemann190, Yanni Alexander Loukissas191 gekommen sind. Hierbei geht es um die Verknüpfung von computerbasierten Auswertungen (z. B. Frequenzanalysen) mit qualitativen Analysen, die mithilfe des genauen Lesens durchgeführt werden (z. B. Diskursanalysen).
1.5 Die Tageszeitungen Dolomiten und Alto Adige
Südtirols Medienlandschaft wird von zwei großen Tageszeitungen dominiert: der italienischsprachigen Alto Adige und der deutschsprachigen Dolomiten. Beide Tagblätter sind nicht nur die auflagenstärksten Zeitungen, sie sind auch wesentliche Repräsentanten der jeweiligen Sprachgruppe. So informiert die deutschsprachige Tageszeitung die deutsche Sprachgruppe, ihr italienischsprachiges Pendant richtet sich hingegeben an die italienischsprachigen Leser*innen. Sie sind auch die wesentlichen Meinungsträger in Südtirol; Während die Dolomiten das meistgelesene schriftliche Medium auf deutscher Seite darstellt – der weiteste Leserkreis umfasste 2016 259.000 Leser*innen über 14 Jahre –,192 bedient das italienischsprachige Blatt den Großteil der italienischsprachigen Bevölkerung in Südtirol. Andere Tageszeitungen in Südtirol spielen hingegen lediglich eine untergeordnete Rolle.193
Die Tageszeitung Dolomiten der Athesia-Presse wurde 1945 gegründet und konnte nach 1947 als die einzige deutschsprachige Tageszeitung in Südtirol verzeichnet werden. Ebenfalls arbeitete die Zeitung eng mit der Südtiroler Volkspartei zusammen und war – insbesondere im Rahmen der Südtirol-Frage – das wesentliche Sprachrohr der Südtiroler Bevölkerung. Die Athesia-Presse hatte also kaum ernsthafte Gegner.194 Zum ersten Mal in Frage gestellt wurde das Monopol der Dolomiten und des Athesia Verlagshauses mit der Zeitschrift Die Brücke. Es folgten Wochenzeitschriften und Monatszeitschriften wie die Volkszeitung oder Tandem, trotzdem konnten diese Zeitschriften nicht das absolute Monopol der Dolomiten antasten. Dies änderte sich erst 1980 mit der Gründung der Wochenzeitschrift FF-Die Südtiroler Illustrierte, die mit ihrem unabhängigen Journalismus eine Konkurrenz zur Dolomiten darstellte. Ebenfalls die 1996 gegründete Neue Südtiroler Tageszeitung kurz Tageszeitung stellte und stellt ein erfolgreiches Gegenpol zur Dolomiten dar.195
Während sich die Athesia als zentrales Medienunternehmen auf deutscher Seite etablieren konnte, dominierte die Alto Adige den italienischsprachigen Markt. Bis 1945 hatte die italienische Bevölkerung in Südtirol ohne eigene Tageszeitung auskommen müssen. Die Comitato di Liberazione Nationale (CLN) nahm sich schließlich dem Anliegen einer italienischsprachigen Zeitung an und fungierte bis zur Gründung der Genossenschaft SETA – Socita editrice tipografica atesina – im Dezember 1945 als Herausgeberin der Alto Adige. Das italienische Tagblatt hatte nach einem anfänglichen Auflagenrekord – bedingt durch das Fehlen nationaler Zeitungen – jedoch mit finanziellen Problemen und Umsatzschwierigkeiten zu kämpfen.196 Seit den 1990er-Jahren gibt es auch für die Alto Adige regionale Alternativen. Dazu gehörten die Mattino dell’ Alto Adige, die seit 1991 erschien und 2003 eingestellt wurde, die Corriere dell’ Alto Adige, eine Beilage der nationalen Tageszeitung Corriere della Sera und Il Giorno dell’ Alto Adige. Regionale italienische Tageszeitungen sind in Südtirol jedoch dadurch limitiert, dass die Anzahl der italienischsprachigen Südtirol*innen gering ist und nationale Zeitungen bereits viel abdecken.197 2016 schließlich verkaufte die Finegil Editoriale SPA 71 Prozent der Druckereigenossenschaft SETA SPA, Herausgeberin der Alto Adige und der Trentino. Die Athesia-AG kaufte diese Anteile und konnte somit die Alto Adige in den Medienkonzern einverleiben. Damit ging eine historische Epoche zu Ende, war doch die jeweils eigene Tageszeitung für die zwei großen Sprachgruppen in Südtirol ein von den Alliierten im Mai 1945 eigens erteiltes Recht. Beide Tagesblätter waren von Anfang an identitäts- und meinungsstiftend für die jeweils ethnische Gruppe und gingen politisch weit auseinander. Diese Gruppen erhaltende Manipulation hat sich bis heute erhalten.198 Gespannt kann deshalb in die Zukunft geblickt werden, denn noch ist offen, wie sich die Einverleibung der Alto Adige in die Athesia-AG auf die Berichterstattung auswirken wird.
Ethnische Berichterstattung, mangelnde Meinungspluralität, Autoreferenzialität und die Folgen für die Migrationsberichterstattung
Medien stellen Öffentlichkeit her. Diese Öffentlichkeit sollte möglichst alle Bürger*innen eines Landes umfassen und ihnen die gleichen Informationsmöglichkeiten bieten. Gerade dies ist aber nur möglich, wenn alle Bürger*innen Zugriff auf dieselben Medien haben und dieselben Sprachen verstehen. In Südtirol ist jedoch Gegenteiliges der Fall. Da in Südtirol nicht von einer Gesamtgesellschaft die Rede sein kann, sondern vielmehr von nebeneinander lebenden Subgesellschaften mit eigenen Medien, fehlt es an einer wünschenswerten und notwendigen Berichterstattung für die Gesamtgesellschaft. Eine Umfrage aus dem Jahr 2000 hatte beispielsweise ergeben, dass zur damaligen Zeit lediglich 9 Prozent der italienischsprachigen Bevölkerung auch ab und an zur deutschsprachigen Dolomiten griff und immerhin 22 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung auch die Alto Adige las.199 Diese Trennung gilt und galt nicht nur für die Adressaten, sondern auch für die Auswahl der Nachrichten. Neben den allgemeinen Parametern der Nachrichtenfaktoren, also den Merkmalen, die den Nachrichtenwert bestimmen, gibt es in Südtirol den zusätzlichen ethnischen Nachrichtenfaktor.200
Die Tageszeitungen können also im Grunde als Spiegel des sozialen bzw. politischen Systems verstanden werden, das auf der ethnischen Trennung der drei Sprachgruppen – der deutschen, italienischen und ladinischen – beruht. Das bedeutet, dass jede Gruppe ihre eigenen einsprachigen Medien besitzt und als Folge dessen eine jeweils andere mediale Wirklichkeit präsentiert bekommt. Dadurch wird die Bevölkerung nicht auf gleiche Art und Weise über politisches Handeln aufgeklärt und es kommt vor, dass Medien der einen Sprachgruppe eine politische Maßnahme als unbedingt notwendig verkaufen, während Medien der anderen Gruppe diese als nutzlos bezeichnen. Im ethnisch geteilten Südtirol erschweren deshalb getrennte Realitäten gemeinsame Zustimmungsprozesse. Denn wenn eine getrennte Massenkommunikation zu einer segmentierten Öffentlichkeit führt, ist die Legitimation des politischen Systems asymmetrisch und brüchig.201 In der Zuwanderungspolitik hat dies insofern weitreichende Folgen, als Rechte, die sich u.a. auf wohlfahrtstaatliche Leistungen und politische Partizipation beziehen, stets durch die Gesamtbevölkerung legitimiert werden müssen.202 Das getrennte System verhindert eine Wir-Identität zwischen den beiden Sprachgruppen, vielmehr arbeiten beide Gruppen in wichtigen Fragen gegeneinander,203 was sich auch in der Migrationsberichterstattung widerspiegelt.
Eine weitere Charakteristik für das Südtiroler Mediensystem ist die mangelnde Meinungspluralität. Sowohl die Alto Adige als auch die Dolomiten haben innerhalb ihrer Sprachgruppe eine Reichweite von über 80 Prozent. Dies bedeutet, dass – laut einer ASTAT-Studie aus dem Jahr 2000 – 88 Prozent der deutschen-ladinischen Bevölkerung täglich die Dolomiten liest und 82 Prozent der italienischsprachigen Bevölkerung mindestens einmal pro Woche zur Alto Adige greift.204 Obwohl Südtirol eine wachsende Anzahl an regionalen und überregionalen Medien zur Verfügung stehen, fehlen nach wie vor konkurrenzfähige Alternativen. Unabhängige und kritische (Print-)Medien müssten in Südtirol mehr Einfluss und finanzielle Mittel erhalten, um am Leben erhalten zu werden.205 Geschieht dies nicht, werden Informationen weiterhin einseitig verbreitet. Dies wirkt sich im Besonderen auf die Wahrnehmung von Migration aus. Zugewanderte sind in Südtirol außerhalb des medialen Raums kaum öffentlich sichtbar, weshalb es dem Großteil der Bevölkerung nicht möglich ist, sich ein eigenes oder ausgewogenes Bild über viele Themen zu machen. 2016 kam es zudem zu einem großen Rückschritt für die Meinungspluralität in Südtirol, als die Alto Adige in den Medienkonzern der Athesia-GmbH einverleibt wurde.
Neben der ethnischen Berichterstattung und der mangelnden Meinungspluralität ist das Südtiroler Mediensystem auch von ethnischer Autoreferenzialität geprägt. Dies bedeutet, dass Ereignisse und (politische) Akteur*innen der eigenen Sprachgruppe stärker berücksichtigt werden. So dominieren in der deutschsprachigen Zeitung deutschsprachigen Personen und in der italienischsprachigen die italienischen. Die ethnische Autoreferenzialität führt ebenfalls dazu, dass sich die Alto Adige stärker auf Ereignisse in den Ballungszentren konzentriert, dort, wo die italienischsprachige Bevölkerung eine Mehrheit bildet. Dies wirkt sich auch auf die Migrationsberichterstattung aus. Denn ebenfalls Migrant*innen suchen ihren neuen Lebensmittelpunkt bevorzugt in den Ballungszentren Südtirols. So lebt zum Beispiel ein Drittel aller Zugewanderten in der Landeshauptstadt Südtirols.206 Die Alto Adige bildet somit eine unterschiedliche (Medien-)Realität ab als die Dolomiten, die ihren Fokus stärker auf den ländlichen Raum legt,207 wo sich lange Zeit nur vereinzelt Migrant*innen niedergelassen haben. Erst in den letzten Jahren kam es auch hier zu einem Anstieg.208
2. Das Korpus – 20.000 Artikel und Leserbriefe
2.1 Das Korpus
Das Korpus Migration und Südtirol umfasst insgesamt 20.788 ausgewählte und digitalisierte Zeitungsartikel (Berichte, Meldungen, Interviews, Kommentare, Leserbriefe etc.) zum Thema Migration und Südtirol. Grundlage für das Medienkorpus bilden die zwei auflagenstärksten Tageszeitungen Südtirols, die italienischsprachige Alto Adige und die deutschsprachige Dolomiten, von 1990 bis 2014/15. Beide Tageszeitungen erscheinen täglich und umfassen durchschnittlich 7.000 (Dolomiten) und 14.000 (Alto Adige) Seiten pro Monat. Für die Erstellung eines für die Beantwortung der Forschungsfragen angemessenen Korpus und zur Eingrenzung des schieren Umfangs an Nachrichtenmeldungen wurde lediglich die regionale Berichterstattung beider Tageszeitungen berücksichtigt und nach Stichworten durchsucht.
Das Korpus liegt in digitalisierter Form vor und setzt sich aus eingescannten PDF-Dateien oder bereits in Textdateien umgewandelte Ausgaben der Tageszeitungen zusammen. Längst digitalisierte Bestände (PDF-Dateien mit Texterkennung) der Alto Adige stehen in der Stadtbibliothek Bozen in Form von CDs zur Verfügung, dieser Bestand deckt die Jahre 1990 bis 1999 ab. Die Jahrgänge 2000 bis 2003 wurden von der Verfasserin in den Räumlichkeiten der Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann in Bozen digitalisiert. Und die Jahrgänge 2004 bis 2015 konnten dem Online-Archiv209 der Alto Adige entnommen werden. Dieses Online-Archiv stellt Textdateien sowie PDF-Ausgaben der Tageszeitung kostenpflichtig zur Verfügung.
Textdateien der Dolomiten können nach persönlicher Absprache vom Dolomiten-Archiv der Athesia AG kostenpflichtig erworben werden. Das Dolomiten-Archiv der Athesia archiviert die Dolomiten seit 1991. Der Jahrgang 1990 wurde von der Verfasserin selbst digitalisiert. Die eingescannten PDF-Seiten wurden mittels Texterkennung in maschinenlesbare PDFs – nicht in XML-Dateien – umgewandelt und somit für die weitere computerbasierte Auswertung aufbereitet.
Obwohl die Qualität der Scans sehr gut ist, treten Fehler bei der Texterkennung auf. Unebenheiten in der Zeitung und unterschiedliche Schriftbilder verursachen durchschnittlich fünf bis zehn Fehler pro Seite. Für Positiv-Suchen – wie es in dieser Arbeit der Fall ist – stellt dies kein größeres Problem dar. Bereits 80 Prozent Buchstabengenauigkeit reichen aus – so auch Konstantin Baierer und Philipp Zumstein –, um aussagekräftige Ergebnisse zu erlangen.210 Bei Zeitungen aus dem 21. Jahrhundert und qualitativ hochwertigen Scans liegt die Buchstabengenauigkeit zudem weit über 80 Prozent. Darüber hinaus muss bedacht werden, dass die computergestützte Volltextsuche weitaus mehr Resultate liefert als das händische Durchblättern der Zeitungen. Obwohl bei einer Buchstabengenauigkeit von 90 bis 99 Prozent selbstverständlich einzelne Inhalte unentdeckt bleiben, steht dies in keiner Relation zur Ungenauigkeit der manuellen Suche.211 Der Verzicht auf eine computergestützte und komplexe Volltextsuche hätte die Zahl der gefundenen Artikel deutlich eingeschränkt. Allzu häufig verbergen sich wichtige Aussagen gerade dort, wo Überschriften nicht explizit auf das Thema Migration hinweisen. Auch wäre es im vorgegebenen Zeitrahmen nicht möglich gewesen, ein derart großes Korpus auf jede einzelne Überschrift, geschweige denn jedes einzelne Wort zu durchsuchen. Aus diesem Grund ist selbst eine leicht fehlerhafte computergestützte Volltextsuche effektiver als das eigenständige Durchsuchen von Zeitungen und hat somit seine Berechtigung.

Grafik 1: Frequenzanalyse aller Zeitungsartikel des Korpus Migration und Südtirol
Die Anzahl der in den beiden Tageszeitungen gefundenen Artikel ist beträchtlich. Insgesamt 10.065 wurden im Zeitraum von 1990 bis 2014/15 der Dolomiten entnommen und 10.723 der Alto Adige. Für die deutschsprachige Dolomiten wurden folgende Suchbegriffe herangezogen:
Nicht-EU-Bürger*, Nicht-EG-Bürger*, Zuwander*, Zugewanderte*, Saisonkräfte*, Saisonarbeitskräfte*, ausländisch*, *migra*, Einwander*, Ausländer*, Gastarbeiter*, Saisonarbeiter*, Fremdarbeiter*, Fremde, Flüchtling* (asylant*, asylberechtigt*, asylsuchend*, Asylwerber*, Asylbewerber*).
Für die italienischsprachige Alto Adige:
extracomunitar*, migra*, stranier*, lavorator* stagional*, profugh* (rifugiat*, fuggiasc*, fuggitiv*, asilo politico, richiedenti asilo).
Das Resultat der Stichwortsuche ist ein individuell zusammengestelltes Korpus mit individuell gewählten Stichworten. Die Keywords wurden speziell für die Beantwortung der Forschungsfragen gewählt. Bewusst wurde dabei auch auf Begriffe wie Illegale oder clandestini verzichtet, da sie stets in Zusammenhang mit den bereits oben aufgeführten Begriffen vorkamen. Grafik 1 zeigt die absolute Frequenz der entnommenen Zeitungsartikel beider Tageszeitungen zwischen 1990 und 2014.
Nicht jeder Artikel, der die oben genannte Stichworte enthielt, wurde in das Subkorpus aufgenommen. Kamen Stichworte ohne weitere Thematisierung und Kontextualisierung vor, hat dies zum Ausschluss jener Artikel geführt. Es handelt sich hierbei um durchschnittlich 20 Prozent der vorgefundenen Artikel, die für die Beantwortung der Forschungsfragen als nicht relevant angesehen wurden. Fraglos hätte die Wahl anderer Stichworte zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt. So wurde beispielsweise bewusst nicht nach Nationalitäten oder Herkunftsländern gefragt. Eine möglichst vollständige Suche wäre nur unter extrem hohem Zeitaufwand möglich gewesen und die Konzentration auf einige wenige Nationalitäten oder Länder hätte zu einer selektiven Auswahl und somit Verzerrung der Ergebnisse geführt.
2.2 Die Begründung der Wahl der Zeitungen, des Zeitraums und der Konzentration auf regionale Berichterstattung
Bewusst wurde für diese Arbeit auf die auflagenstärksten Tageszeitungen in Südtirol, die deutschsprachige Dolomiten und die italienischsprachige Alto Adige, zurückgegriffen. Diese Wahl liegt nicht nur in der Tatsache begründet, dass beide Tageszeitungen das politische und soziale System in Südtirol widerspiegeln, sondern auch darin, dass beide Tagblätter die wesentlichen Meinungsträger in Südtirol sind und das gespannte Verhältnis zwischen den Sprachgruppen reflektieren.212 Für die Analyse der Wahrnehmung und Darstellung von Migration in einer ethnisch gespalteten Gesellschaft bieten sich deshalb in besonderer Weise die ethnisch getrennten Tageszeitungen des Landes an.
Soziale Medien wie Facebook, Twitter etc., die mittlerweile fraglos eine wesentliche Rolle in der Meinungsbildung spielen, konnten hingegen in dieser Arbeit keine Berücksichtigung finden. Die immense Anzahl an Zeitungsartikeln der Dolomiten und Alto Adige hatte eine Eingrenzung des Themas auf die beiden großen Tageszeitungen notwendig gemacht. Außerdem bietet Eva Pfanzelter in ihrem Aufsatz Menschenhass 2016? „Soziale“ Medien und Migration213 einen kleinen Einblick in dieses Thema. Ebenfalls überregionale Medien, wie etwa die Bild-Zeitung oder Die Zeit, die ebenfalls – wenn auch in weitaus geringerem Ausmaß – zur Meinungsbildung in Südtirol beitragen, wurden in dieser Arbeit nicht berücksichtigt. Sie hätten wenig zur Beantwortung der Forschungsfragen beitragen können und den Rahmen dieser Arbeit gesprengt. Die Fragestellungen dieser Forschungsarbeit sind an lokale Ereignisse gekoppelt, für dessen Beantwortung sich die Lokalpresse nun einmal am besten eignet. Auch ist es die Lokalberichterstattung, die in Südtirol die breite Masse erreicht und somit wesentlich zur Meinungsbildung im Land beiträgt. Dies kann ebenfalls statistisch belegt werden. Eine ASTAT-Studie hatte 2006 ergeben, dass in Südtirol 89 Prozent der Frauen und 83 Prozent der Männer täglich zu einer der lokalen Tageszeitungen greift und das Hauptinteresse der Rezipient*innen an der lokalen Berichterstattung liegt.214
Im Allgemeinen betrachtet wird von Tageszeitungen verlangt, dass sie Öffentlichkeit herstellen, zur Meinungsbildung beitragen sowie das Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge fördern. Sie sollen zudem eine Kritik- und Kontrollfunktion einnehmen und zur Sozialisation und Integration der Bevölkerung beitragen. Eine ihre Hauptaufgaben ist es, der Leserschaft eine uneingeschränkte Möglichkeit der politischen, sozialen und kulturellen Partizipation zu bieten.215 In einer durch ethnische Minderheiten geprägten Gesellschaft, wie es jene in Südtirol ist, bilden Tageszeitungen einen wesentlichen Beitrag zur Friedenstiftung. Mit ethnischen Minderheiten wird einerseits auf die autochthonen Minderheiten verwiesen, aber auch auf neue Minderheiten im Sinne von Migrant*innen und Flüchtlingen. Den Tageszeitungen in Südtirol kommt die Aufgabe zu, ein öffentliches Klima zu schaffen bzw. aufrechtzuerhalten, das ethnische Konflikte dekonstruiert, Vorurteile abbaut und dadurch Spannungen minimiert.216 Wesentlich bei der Lokalberichterstattung ist außerdem der Einfluss des Raums auf die Inhalte der Zeitung. Die Strukturen der lokalen Lebenswelt dienen als Prinzipien, nach denen Wirklichkeit in der lokalen Berichterstattung konstruiert wird.217 Es wird davon ausgegangen, dass sowohl der Raum und als auch die Zeitung in einer ständigen Wechselwirkung zueinanderstehen. Aus diesem Grund bildet für die vorliegende Forschungsarbeit die Rekonstruktion des politischen und historischen Kontexts eine wesentliche Grundlage.
Der für die Analyse der Wahrnehmung von Migration in den Südtiroler Tageszeitungen gewählte Zeitraum (1990–2014/15) stand nicht von Anfang an fest, sondern wurde mittels stichprobenartiger Voruntersuchungen ermittelt. Diese haben ergeben, dass Migrant*innen in den späten 1970er-Jahren sowie in den 1980er-Jahren medial kaum präsent waren. Dies lag daran, dass Südtirol zu dieser Zeit mehr Auswanderungs- als Einwanderungsland war, eine Tatsache, die sich Ende der 1980er-Jahre umkehrte. 1990 stieg die Anzahl zugewanderter Menschen in die Provinz Bozen erheblich an und damit auch die Migrationsberichterstattung. Aus diesem Grund wurde das Jahr 1990 als Ausgangsjahr für die Analyse gewählt. Beendet wurden die Auswertungen 2014, womit das Korpus einen Zeitraum von 25 Jahren umfasst. Lediglich der Flüchtlingsdiskurs wurde auf 2015 – den Höhepunkt der weltweiten Massenflucht – ausgedehnt.
2.3 Begründung des Miteinbezugs von Leserbriefen
Neben Berichten, Meldungen, Kommentaren, Interviews, Reportagen, Portraits und Umfragen wurden auch Leserbriefe in das Untersuchungskorpus aufgenommen. Leserbriefe sind – im Unterschied zu den restlichen Textsorten – zumeist von Privatpersonen verfasst, die mit wertenden Äußerungen an die Medienöffentlichkeit treten.218 Trotzdem können sie nicht als Form der direkten Meinungsäußerung verstanden werden, sondern stellen einen bedeutenden Teil der Printöffentlichkeit dar.219 Die Briefe werden redaktionell ausgewählt, wodurch eine selektive Vorauswahl stattfindet. Diese kann mitunter stark vom Interesse der jeweiligen Zeitung gelenkt sein. Publizierte Leserbriefe reflektieren also die Anliegen der Redakteure bzw. der Zeitung, die wiederum bestimmten ideologischen oder politischen Grundsätzen folgt.220
Veröffentlichte Leserbriefe sind typischerweise redaktionell bearbeitet, sprich gekürzt und in einigen Fällen auch stilistisch bearbeitet. Leserbriefschreiber*innen – und das hat sich auch in den beiden Südtiroler Tageszeitungen gezeigt – greifen zudem auf Ausdrücke und Argumentationsstränge zurück, die ihnen aus vorangegangen Nachrichtenmeldungen bekannt sind. Sie kreieren deshalb keine neuen Inhalte, sondern stärken zumeist bereits vorhandene Diskurse. Leserbriefe sind also durch intertextuelle Bezüge gekennzeichnet und nehmen Bezug auf bereits existierende Aussagen.221 All diese Faktoren machen es legitim, Leserbriefe als einen Teil der Medienrealität zu begreifen und in das Korpus aufzunehmen. Werden Zitate aus Leserbriefen in dieser Arbeit wiedergegeben, sind diese stets als Leserbriefe gekennzeichnet. Auch wird klar hervorgehoben, bei wie vielen Texten zu einem Diskurs es sich um Leserbriefe handelt. Gleiches gilt auch für die anderen Textsorten.
2.4 Themenfelder im Korpus Migration und Südtirol
Themen, die in den 1990er-Jahren die Migrationsberichterstattung bestimmten, waren einerseits die Errichtung illegaler Barackensiedlungen in Bozen und andererseits die Ankunft von Flüchtlingen aus Albanien und Ex-Jugoslawien. Zu Beginn der 1990er-Jahre ließen sich Zugewanderten aus Nord-, Zentral- und Südafrika aufgrund des mangelnden Wohnungsangebots in Bozen illegal und in selbstgebauten Siedlungen nieder. Auch wenn es sich lediglich um einige Hunderte Menschen handelte, führten die inhumanen Zustände sowie die politisch kommunizierte Unlösbarkeit ihrer Situation zu einer übermäßigen Medienpräsenz. Ebenfalls bildete die Umsiedlung von Roma-Flüchtlingen und Sinti – die sich ebenfalls in illegalen Barackensiedlungen (den sog. Zigeunerlagern) in Bozen niedergelassen hatten – einen Höhepunkt in der Migrationsberichterstattung der 1990er-Jahren.
Die Ankunft und Aufnahme von Flüchtlingen, die den Kriegen und Umwälzungen in Albanien und Ex-Jugoslawien entflohen, markierte zwischen 1990 und 2000 den zweiten wichtigen Themenschwerpunkt. 1991 wurde Südtirol zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg mit der Aufnahme einer größeren Anzahl von Schutzsuchenden konfrontiert. Es waren jene Menschen, die aus Albanien nach Italien flohen und im Rahmen des staatlichen Asylsystems in ganz Italien verteilt wurden. 1992 folgten Schutzsuchende aus dem ehemaligen Jugoslawien, die aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen ihre Heimat verlassen mussten. Die geplante staatliche Zuweisung von weiteren Menschen aus dem Kosovo im Jahr 1999 fand ebenfalls ein breites Echo in den Tageszeitungen, auch wenn die Zuweisung schließlich nicht zustande kam. Während die Migrantinnen und Migranten in den Barackensiedlungen mit überwiegend negativen Schlagzeilen etikettiert wurden, gab es für Flüchtlinge in den 1990er-Jahren mehr Verständnis und Hilfsbereitschaft – mit Ausnahme der Roma-Flüchtlinge aus Mazedonien, die in sogenannten Zigeunerlagern Unterkunft gefunden hatten.
2002 waren Saisonarbeitskräfte aufgrund fehlender Kontingentzuweisungen ein wichtiges Gesprächsthema in Südtirol, aber lediglich die deutschsprachige Dolomiten berichtete regelmäßig über die einzelnen Umstände. Dies lag nicht zuletzt daran, dass Gastarbeiterinnen und -arbeiter in den Bereichen Tourismus und Landwirtschaft dringend gebraucht wurden, beides Sektoren, in denen vorwiegend Deutschsprachige tätig waren und sind. Die italienischsprachige Bevölkerung arbeitete und arbeitet hingegen eher in der Industrie.
In der Alto Adige hingegen bildete das neu erlassene Bossi-Fini Gesetz die Grundlage für eine breite Debatte um illegale Migrant*innen, den sogenannten clandestini. Zurecht kann hierbei von einer Korrelation zwischen einem politischen Ereignis und der Migrationsberichterstattung gesprochen werden. Darüber hinaus hatte die steigende Anzahl von Menschen mit ausländischem Pass die Medienaufmerksamkeit auf sich gezogen. Sowohl der freie Zugang zum italienischen Arbeitsmarkt als auch das freie Niederlassungsrecht in der EU für Menschen aus der Slowakei (2006) sowie Rumänien und Bulgarien (2007) hatten zu einem deutlichen Zuwachs von Menschen anderer Herkunft geführt.
Debatten um Integration, Wohnbauförderung sowie Moscheebauten dominierten zwischen 2006 und 2009 die Berichterstattung beider Tageszeitungen. All diese Themen fanden aufgrund von Wahlkampfaussagen wichtiger deutschsprachiger und italienischsprachiger Parteien (Südtiroler Volkspartei, Freiheitlichen, Lega Nord) ihren Weg in die Tageszeitungen. So hatten in der Alto Adige beispielsweise die Parlamentswahl 2006, die Landtags- und Parlamentswahl 2008 sowie die Europawahl 2009 deutlichen Einfluss auf die Präsenz von oben genannten Migrationsthemen. In der Dolomiten schien hingegen lediglich die Landtagswahl 2008 die Migrationsberichterstattung zu beeinflussen. Während lokale Wahlen sich also auf den Migrationsdiskurs beider Tagblätter auswirkten, war dies bei nationalen oder gesamteuropäischen Wahlen nicht der Fall.
Nicht mit regionalen bzw. nationalen Wahlen, sondern mit der Verabschiedung des Landesgesetzes Integration ausländischer Bürgerinnen und Bürger im Jahr 2011, ging eine weitere öffentlich geführte Debatte über Integration einher. Darüber hinaus erregte die Ankunft von Flüchtlingen als Folge des Arabischen Frühlings die mediale Öffentlichkeit. Das Thema Integration kam zum letzten Mal im Jahr 2013 auf die Tagesordnung, diesmal im Rahmen der Stopp der Gewalt-Debatte der Dolomiten, die sich gegen Übergriffe von Eingewanderten richtete und auf einer hochemotionalen Ebene geführt wurde. Ab 2014 wurden zudem Flüchtlinge aus Asien, Afrika und dem Nahen Osten zu einem Dauerthema in beiden Tagblättern.
Natürlich gab es auch Sachverhalte, die durchgehend eine wichtige Rolle spielten. Dazu gehörten die Fragen nach der Unterbringung von Zugewanderten und Flüchtlingen sowie die Gewalt- und Kriminalitätsberichterstattung (darunter auch Illegalität): beides Themen, denen in den 25 Untersuchungsjahren unverhältnismäßig viel Raum zugesprochen wurde.
3. Methodischer Rahmen
3.1 Auswertungsmethoden: Die vergleichende diskurshistorische Argumentations- und Inhaltsanalyse
Um die der Arbeit zugrundeliegenden Forschungsfragen beantworten zu können, ist die Kombination von mehreren Methoden notwendig. Die wichtigste Säule bildet die vergleichende diskurshistorische Argumentationsanalyse, die es ermöglicht, beide Tageszeitungen, unabhängig ihrer sprachlichen Realisierung nach Mustern und Schemata über einen langen Zeitraum hinweg, zu untersuchen. Vorbild für die methodische Auswertung waren Martin Wengelers praxisnahen Arbeiten, der – zur Düsseldorfer Schule der Diskursanalyse angehörig – eine Reihe von Argumentationsmustern für den Migrationsdiskurs formulierte. Diese Methode ermöglicht es, Strukturen und Muster von expliziten und impliziten Argumentationen zu analysieren und über eine längere Zeitspanne zu vergleichen. Zudem war die Wiener Schule in Hinblick auf die Kontextualisierung von Diskursen wegweisend. Die Argumentationsanalyse hat sich besonders für die interlinguale Gegenüberstellung der beiden Zeitungen Dolomiten und Alto Adige angeboten, da die Analyse auf inhaltlicher Ebene geführt wird und dadurch die Lexik nicht im Vordergrund steht.222
Die Argumentationsanalyse hat sich im Besonderen im Migrationsdiskurs etabliert, da sie eine „sinnvolle diskursanalytische Interpretation eines Textkorpus“223 ermöglicht und Denkmuster offenlegen kann.224 Sie ist ein passendes Instrument, um Argumentationen – wahr oder nicht wahr – zu erfassen, die in öffentlichen Diskursen Meinungen bilden oder Handlungen rechtfertigen.225 Für die Begründung einer diskurshistorisch ausgerichteten Argumentationsanalyse steht die Richtigkeit einer Position oder Entscheidung nicht im Vordergrund. Es geht ausschließlich um die Erfassung des kollektiven Wissens einer gegebenen Zeit.226 Diesen Grundsatz verfolgt auch vorliegende Forschungsarbeit.
Den Überlegungen zur diskurshistorischen Argumentationsanalyse liegen unter anderem die Arbeiten von Josef Kopperschmidt227 und Manfred Kienpointner228 zugrunde. Die von Kopperschmidt sogenannte mikrostrukturelle Argumentationsanalyse kann sich auf eine Vielzahl von Texten konzentrieren und ist so für eine Diskursanalyse einsetzbar. Dabei unterscheidet er zwischen formaler, materialer und funktionaler Analyse, wobei für diese Arbeit eine Mischform von formaler und materialer Argumentationsanalyse sinnvoll ist. Die funktionale Ebene ist für die Diskursanalyse nicht anwendbar. Auf formaler Ebene geht es um die Typologisierung und Analyse der allgemeinen Formprinzipien/kontextabstrakten Mustern von Argumenten über einen längeren Zeitraum hinweg.229 Präziser gesagt, geht es um die Analyse von impliziten Schlussregeln, die den Topoi230 der antiken Rhetorik naheliegen.231 Diese Topoi können, in einem öffentlichen Diskurs gebraucht, in der Gesellschaft verbreitete Denkgewohnheiten und Einstellungen offenlegen. Kienpointner hat in seinem Buch „Alltagslogik“ eine Reihe kontextabstrakter Mustern formuliert, die für das Argumentieren einer Sprachgemeinschaft prototypisch sind.232 Für Martin Wengeler reicht es jedoch nicht aus, nur allgemeine/formale Argumentationsmuster (z. B. Kausalschemata oder Vergleichsschemata) ausfindig zu machen, sondern sie müssen mit spezifischen Inhalten gefüllt werden. Um eine diskursgeschichtlich ausgerichtete Argumentationsanalyse durchführen zu können, wird also die formale Topik mit der materialen/inhaltlichen Topik verbunden. Dadurch können „Unterschiede in der Verwendung typischer Topoi zwischen verschiedenen Gruppen zu einem Zeitpunkt und zwischen diesen Gruppen zu verschiedenen Zeitpunkten in einem Themenbereich herausgefunden“233 und anschließend verglichen werden.234
Da Argumentationen meist implizit bleiben, muss das Gesagte zunächst interpretativ erschlossen werden. Dies geschieht durch die Ableitung von Schlussregeln bzw. Topoi aus impliziten Argumenten. Aufgrund der Vielzahl an Variationen können Argumente nicht singulär verglichen werden, durchaus aber Schlussregeln, die Argumente mit gleicher Schlussfolgerung zusammenfassen.235 Diese Schlussregeln können in der Analyse als knappe Stichworte, Ausdrücke, Kurzsätze oder Regeln formuliert werden. Die Dominanz, das Vorkommen und die Veränderung dieser Muster ermöglichen anschließend einen Vergleich von dominanten Denkmustern über die Zeit und darüber hinaus den Vergleich von Diskursen in verschiedenen Medien. So z. B. der Migrationsdiskurs der Tageszeitungen Dolomiten und Alto Adige.236 Beide Südtiroler Tageszeitungen berichten in unterschiedlichen Sprachen und repräsentieren ihre jeweilige Sprachgruppe und Kultur. Es kann hierbei nicht von einem internationalen Vergleich gesprochen werden, trotzdem handelt es sich um zwei unterschiedliche Kulturen, die zwei unterschiedliche Sprachen sprechen und eine Art Parallelgemeinschaft führen. Dieser interlinguale und doch intranationale Aspekt ist für die Auswertung nicht unbedeutend, da auch die Denkmuster/das kulturelle Gedächtnis237 keine Gemeinsamen sind. Dadurch ergeben sich prototypische Argumente, die nur für eine Sprachgruppe charakteristisch sind.
Für die diskursgeschichtliche vergleichende Argumentationsanalyse in Südtirol gilt also zu klären, ob:
• die beiden Sprachgruppen die gleichen Argumente/Argumentationsmuster verwenden oder nicht,
• es Gemeinsamkeiten/Parallelen in den Diskursen der jeweiligen Sprachgruppen gibt und ob diese zur selben Zeit oder phasenverschoben auftreten,
• es eine Veränderung/einen Wandel im Gebrauch bestimmter Argumentationsmuster gibt und dieser synchron verläuft,
• bestimmte Argumentationsmuster signifikant für die jeweilige Sprachgruppe sind.238
Eine diskurshistorische Analyse – und hier wird auf die Wiener Schule der Diskursanalyse verwiesen – darf neben dem argumentativen Aspekt nicht die Ebene des „nicht-sprachlichen gesellschaftlichen Kontextes“239 vergessen. Die Bedeutung der einzelnen Topoi entsteht nicht nur durch den Gebrauch im Diskurs, sondern auch in Verbindung mit dem relevanten Kontext. Um es einfach auszudrücken: Sprachliche Äußerungen finden an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit und aus einem bestimmten Grund statt, weshalb gesellschaftliche, historische und kulturelle Kontexte zu beachten sind. Bernd Matouschek unterschiedet hierbei drei Kontexte auf der Makroebene:
• Der diskursive Kontext: die inhaltliche/thematische Verknüpfung der einzelnen Texte (Intertextualität)
• Der soziale Kontext: Um den Bezug zum nicht-sprachlichen Kontext herzustellen, müssen auch verfügbare Sozialdaten miteinbezogen werden (Daten zur Einwanderung, Asylanträge, Arbeitsmarktlage, Lebensverhältnisse der Migrant*innen, Kriminalstatistiken usw.)
• Der historische Kontext: Die untersuchten Texte sind in einer vergangenen Zeit entstanden, weshalb es für die Analyse auch wichtig ist, den relevanten geschichtlichen Hintergrund zu beschreiben.240
Um formale und inhaltliche Merkmale der Zeitungsartikel festzuhalten, wurde zeitgleich mit der Argumentationsanalyse eine Inhaltsanalyse durchgeführt. Denn durch inhaltsanalytische Verfahren können formale Aspekte wie Darstellungsformen, Medientypen oder Zeiträume erschlossen und anschließend graphisch dargestellt werden. Die Inhaltsanalyse ist besonders effizient in der Verarbeitung großer Datenbestände und hilft bei der Strukturierung, Abrufung und Einordnung einzelner Texte. Unterschieden werden muss bei der Methode der Inhaltsanalyse zwischen qualitativen und quantitativen Verfahren.241 Für diese Arbeit wurden quantitative Verfahren angewendet, mit dessen Hilfe folgende Kriterien erfasst wurden:
• Datum (Jahr und Monat)
• Art des Mediums (Dolomiten oder Alto Adige)
• Artikulationsmöglichkeiten von Migrant*innen (Kommen zu Wort bzw. kommen nicht zu Wort)
• Journalistische Form (Nachrichten/Meldungen, Berichte, Reportagen, Dokumentationen, Leitartikel/Kommentare/Glosse, Interviews, Pressemitteilungen, Leserbriefe)
Die Kombination von Diskursanalyse und Inhaltsanalyse hat sich als gewinnbringend gezeigt. Durch die Inhaltsanalyse wurden die einzelnen Artikel mit den notwendigen Metadaten versehen, die für die Strukturierung, Einordnung und Auswertung der Artikel notwendig sind. Außerdem konnten inhaltliche Aspekte wie die Artikulationsmöglichkeiten von Migrant*innen erhoben werden.
3.2 Analysestrategie- und vorgehen: Blended Reading
Blended Reading bezeichnet eine Analysestrategie, die menschliche und computergestützte Kompetenzen kombiniert. Konkret bedeutet das, dass Analyseverfahren aus dem Repertoire des Text Mining mit der Notwendigkeit, Einzeltexte selbst zu lesen, verknüpft werden. Als Text Mining wird hierbei ein weitgehend automatisierter Prozess der Wissensentdeckung auf der Basis computergestützter Programme verstanden. Dieser Prozess steht dem genauen Lesen einzelner Texte und dessen Interpretation gegenüber. Die beiden Politologen, Alexander Stulpe und Matthias Lemke, unterscheiden drei wesentliche Analyseebenen des Blended Reading: Verfahren erster Ordnung sind datenstrukturierend, dienen also der basalen Strukturierung des Textdatenbestandes im Zeitverlauf (z. B. Frequenzanalysen). Verfahren zweiter Ordnung sind quantitativ und eröffnen erste Wege zur inhaltlichen Erschließung des Textmaterials (z. B. Topic Modelle oder Kookkurrenzanalysen). Verfahren dritter Ordnung sind qualitativ und interpretengestützt (manuelle Annotation relevanter Textstellen). Diese Verfahren stehen nicht starr nebeneinander, sondern umschließen sich vielmehr, womit maschinelle und manuelle Analyse in einem ständigen Austausch stehen.242
Analyseprogramm
Um der schieren Anzahl von Zeitungsartikeln gerecht zu werden, ist der Einsatz computerbasierter Programme sinnvoll und notwendig. Für die vorliegende Forschungsarbeit hat sich der Rückgriff auf das qualitative Analyseprogramm ATLAS. ti als vorteilhaft erwiesen, da es eine Kombination von automatisierter und manueller Analyse zulässt, Netzwerkanalysen ermöglicht und einen unkomplizierten Rückgriff auf die Volltexte gestattet. ATLAS.ti erlaubt es, neben der manuellen Kodierung von Texten, komplexe automatisierte Stichwortsuchen durchzuführen.
Für die manuelle Kodierung mit ATLAS.ti wird der Text zunächst in Kategorien eingeordnet und nach Analysefragen sortiert und kodiert. Des Weiteren können die erarbeiteten Konzepte auf der Basis einer netzwerkartigen Datenstruktur gespeichert werden. D. h., Daten werden mithilfe von Kodes miteinander verknüpft. Es können sowohl Verweise auf Datenmaterial als auch Zitate im Datenmaterial erstellt werden. Kodes enthalten Stichwörter und mit Memos werden Textnotizen zugefügt. Auf der Grundlage dieser netzwerkartigen Datenstrukturen und deren Speicherung erhält man eine Gesamtübersicht, die alle Verweise enthält.243
In einem ersten Schritt werden Familien gebildet. Diese Familien fassen alle Artikel einer bestimmten Ordnungsstruktur zusammen (zum Beispiel Jahrgänge oder Themenfelder). In einem weiteren Schritt werden Unterkategorien festgelegt. Hierbei werden die Artikel mit Kodes manuell und/oder mit einer komplexen Stichwortsuche maschinell beschlagwortet. Anschließend können all jene Artikel, die zu einer bestimmten Unterkategorie gehören, mithilfe einer Netzwerkanalyse auf einem Blick erfasst werden. Durch das Query Tool ist es schließlich möglich, komplexere Analysen durchzuführen. Dabei kann nach mehr als einem Kode gefragt werden, etwa nach bestimmten z. B. logisch definierbaren Kombinationen von Kodes.
Vom Korpus zu validen Analyseergebnissen – eine 7-Schritte-Methode
Schritt 1: Frequenzanalyse
Ein erster wichtiger Schritt ist die Herstellung eines sinnvollen Zugangs zum Zeitungskorpus, womit eine Basis für weitere Analyseschritte geschaffen und eine basale Strukturierung des Textdatenbestandes vorgenommen wird.244 Die Frequenzanalyse bietet hierbei einen idealen Einstieg und gibt den Auftakt zur computergestützten Analyse. Frequenzanalysen zählen relative und absolute Häufigkeiten von Zeitungsartikeln bzw. Suchbegriffen und geben dadurch einen Aufschluss über die Anzahl von Texten im Zeitverlauf bzw. über die Verbreitung von bestimmten sprachlichen Mustern.245
Grafik 2 visualisiert die absoluten Häufigkeiten von Zeitungsartikeln des Subkorpus Migration und Südtirol. Hierbei handelt es sich um jenes Korpus, der aus dem Gesamtbestand der digitalisierten Tageszeitung Dolomiten und Alto Adige mittels komplexer Begriffssuche extrahiert wurde.

Grafik 2: Frequenzanalyse aller Zeitungsartikel des Korpus Migration und Südtirol
Der Frequenzgraph bietet erste Einstiegspunkte für das weitere genaue Lesen. Der Graph wirft Fragen auf, die eine weitere genauere Untersuchung einzelner Zeitabschnitte unabdingbar machen. Diese Fragen können wie folgt lauten: Warum wurde 1991/1992 so häufig über Migration berichtet, obwohl zu dieser Zeit nicht mehr als 5.099246 Menschen mit ausländischem Pass in Südtirol lebten? Was ist der Grund für quantitative Unterschiede in der Berichterstattung beider Tageszeitungen (zum Beispiel 2002, 2006 oder 2009) und wann wird besonders selten über Migration gesprochen?
Um Rückschlüsse auf die Verwendung von bestimmten Stichwörtern oder Mehrworteinheiten im Korpus zu erhalten, bietet sich ebenfalls die Durchführung einer Frequenzanalyse an. Ein Beispiel für eine solche Frequenzanalyse ist in Grafik 3 zu finden. Die Grafik zeigt, wann bestimmte Bezeichnungen für Migrant*innen in der deutschsprachigen Tageszeitung besonders häufig auftreten oder wie sich die Verwendung der Begriffe im Laufe der Zeit verändert hat. Die in der Legende angegeben Begriffe umfassen dabei alle Benennungsmöglichkeiten (z. B. Flüchtling*, Aslylwerber*, Geflüchtete* usw.). Treten zu einem Zeitabschnitt Häufungen auf (zum Beispiel 1999 der Begriff Flüchtlinge oder der Anstieg des Begriffs Ausländer und Einwanderer 2007 und 2008) oder zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen beiden Tageszeitungen, bietet sich eine genauere Betrachtung durch manuelle Analysen an.

Grafik 3: Frequenzanalyse der Begriffe Einwanderer, Ausländer, Migrant, Saisonarbeiter, Flüchtlinge
Schritt 2: Inhaltliche Auswertung
Nachdem Frequenzanalysen erste Einstiegspunkte und wichtige Hinweise zu signifikanten Diskursen offengelegt haben, kommt es zu ersten inhaltlichen Analysen. Ziel dieser inhaltlichen Erschließung ist die Generierung essentieller Diskurse bzw. Themen, die für die weiteren Analysen von Bedeutung sind. Diese Themen können entweder durch genaues Lesen oder – falls es das gewählte Analyseprogramm zulässt – durch computerbasierte Methoden wie Kookkurrenzanalysen bzw. Topic Modelle erschlossen werden. Im Falle der manuellen Analyse werden die Überschriften der Artikel überflogen und dadurch wesentliche Themen und Entwicklungen festgehalten. Dasselbe Ziel wird mit computerbasierten Methoden angestrebt. Kookkurrenzanalysen können nicht mehr nur einfache Wortfrequenzen aufzeigen, sondern auch die Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens mehrerer Worte.247 Mit Topic Modellen können Themen und Trends innerhalb eines Diskurses automatisch identifiziert bzw. auch gezielt ausgeschlossen werden.248 Sowohl Kookkurrenzanalysen als auch Topic Modelle – die für diese Arbeit aus technischen Gründen nicht durchgeführt werden konnten – bedürfen jedoch ebenfalls einer steten Gegenprüfung durch genaues Lesen der Texte.
Eine gezielte Auseinandersetzung mit dem Korpus ist wesentlich für diesen Analyseschritt, denn sie ermöglicht es Forscher*innen, ein Gefühl für das eigene Korpus zu erhalten und Nähe aufzubauen. Das Korpus wirkt besser einschätzbar und den eigenen Analysen wird mehr Vertrauen geschenkt.
Schritt 3: Erstellen von Subkorpora
Jene Informationen, die durch das Lesen von Texten bzw. mithilfe von Kollokationsanalysen/Topic Modellen gewonnen werden, können in einem dritten Schritt für erneute Stichwortsuchen herangezogen werden. Diese Stichwortsuchen dienen dem Erstellen von Subkorpora, die auf ein spezifisches Thema zugeschnitten sind. Das heißt, dem Gesamtkorpus werden kleinere thematische Einheiten entnommen, die abgetrennt vom restlichen Korpus weiteren Analysen zur Verfügung stehen. Möglich sind beispielsweise Eingrenzungen zu Themen wie Integration, Moscheebau oder Flucht etc. Hierfür werden zunächst alle Textstellen autokodiert, die die gesuchten Stichworte enthalten. Im Konkreten heißt dies, dass alle Artikel, die beispielsweise die Begriffe Moschee, Gebetshaus, Minarett enthalten, mit einer auto-coding Funktion beschlagwortet und unter dem Überbegriff Moscheebau zusammengefasst werden. Anschließend können die kodierten Artikel problemlos wiedergefunden werden. Diese so entstandenen Subkorpora bilden nun die Basis für die qualitative Auswertung der Texte.
Schritt 4: Qualitative Auswertung
Das Fundament für die qualitative Auswertung wird durch die Annotation des Textmaterials gelegt. Dabei handelt es sich um einen Analyseschritt, der durch genaues Lesen und durch den Interpreten, die Interpretin zu erbringen ist. Es gibt verschiedene methodische Zugänge, um Zeitungsartikel diskursanalytisch zu erfassen. Eine dieser Möglichkeiten bildet die vergleichende diskurshistorische Argumentationsanalyse, die in dieser Arbeit zur Anwendung gekommen ist. Je nach Themenschwerpunkt werden dabei mehrere Hunderte bis mehrere Tausende Artikel nach Argumentationen durchsucht und im ATLAS.ti Programm manuell annotiert, sprich relevante Textstellen werden mit Kodes versehen. Auch was Argumentationsanalysen anbelangt, gibt es jedoch bereits Ansätze, diese zu automatisieren. Erste Versuche sind zum Beispiel bei Noah Bubenhofer249 zu finden.
Schritt 5: Computergestützte Auswertung und Strukturierung der Codes
Für das weitere Vorgehen sind wiederum computergestützte Verfahren notwendig. Denn die manuell gesetzten Kodes müssen nun strukturiert, organisiert und für die weitere Interpretation zugänglich gemacht werden. Das Query Tool des Analyseprogramms ATLAS.ti enthält Funktionen, die Kodes miteinander verknüpfen, sie aber auch gegenseitig ausschließen können. Abbildung 1 zeigt zum Beispiel ein Netzwerk von Textstellen, die dem Argumentationsmuster der Notwendigkeit (Notwendigkeits-Topos) zugeordnet wurden, zum Subkorpus Moscheebau gehören (Moschee COOCCUR Notwendigkeits-Topos) und Teil von Zeitungsartikeln sind, die der Form nach ein Leserbrief oder ein journalistischer Beitrag sind. Derartige Visualisierungen helfen, den Überblick zu behalten. Ebenfalls erlauben sie einen schnellen Rückgriff auf den Originaltext, um die Textstellen im Kontext analysieren zu können.

Abbildung 1: Computergestützte Strukturierung der Kodes im ATLAS.ti Programm
Schritt 6: Quellenkritische Betrachtung der Textstellen
Spätestens mit dem sechsten Schritt ist das hermeneutische Sinnverstehen und das genaue Lesen des Wissenschaftlers und der Wissenschaftlerin unentbehrlich und der Technik eindeutig Grenzen gesetzt. Nun werden die einzelnen Textausschnitte (annotierten Textstellen) quellenkritisch betrachtet, interpretiert und – was für Diskursanalysen essentiell ist – in den kulturellen, historischen, politischen Kontext eingeordnet. Denn die Bedeutung der Sprache entsteht nicht durch den Gebrauch, sondern erst in Verbindung mit dem relevanten Kontext.
Schritt 7: Synthese
Der letzte Schritt umfasst das Verschriftlichen, sprich die Zusammenführung der einzelnen Erkenntnisse zu einem stimmigen und stringenten Text. Auch im letzten Schritt erscheint es sinnvoll, die durch die maschinellen Analysen erhaltenen quantitativen Daten mit den Ergebnissen der qualitativen Auswertung zu verknüpfen. Das bedeutet, dass Visualisierungen der quantitativen Ergebnisse mit den Interpretationen in Beziehung gesetzt werden. Auch hier kommt es zu einem ständigen Wechsel zwischen den Ergebnissen, die durch das Lesen aus der Ferne sowie durch das genaue Lesen gewonnen werden. Das bedeutet, ebenfalls beim Verschriftlichen der Forschungsergebnisse macht eine Kombination von Mikround Makroanalyse Sinn und vergrößert zudem die Repräsentativität der Analyse.
3.3 Auflistung der Argumentationsmuster250
Nachfolgende Tabelle gibt alle Argumentationsmuster wieder, die im Teil 2 dieser Arbeit beschrieben werden:
| Schlussregel in kurzen Stichworten | Ausformulierte Schlussregel | |
| Anpassung | Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft | Wenn Migrant*innen sich an die Kultur bzw. Werte und Regeln der Aufnahmegesellschaft anpassen, sind sie „gute“ Ausländer*innen und haben auch dementsprechend Unterstützung verdient. |
| Belastung | Migrant*innen/Flüchtlinge als Belastung | Weil das Land mit einem Problem stark belastet ist, sollten Handlungen ausgeführt werden, die diese Belastung verringern. |
| Christliche Werte | Wir müssen christliche Werte leben | Weil Maßnahmen oder Handlungen mit den Grundsätzen des Christentums vereinbar bzw. nicht vereinbar sind, müssen diese Maßnahmen oder Handlungen ausgeführt bzw. unterlassen werden. |
| Diskriminierung | Migrant*innen werden diskriminiert | Weil Migrant*innen diskriminiert werden, bedarf es Maßnahmen, die diese Diskriminierung unterbinden. |
| Echtheit | Nur echte Flüchtlinge aufnehmen | Weil nur „echte“ Flüchtlinge aufgenommen und untergebracht werden sollen, müssten Maßnahmen ergriffen werden, die die Einreise „unechter“ Flüchtlinge verhindern bzw. die alleinige Aufnahme „echter“ Flüchtlinge fördern. |
| Folgen | Folgen für die Sprachgruppen in Südtirol | Weil aufgrund der zunehmenden Einwanderung bestimmte Handlungen (nicht) ausgeführt werden, kommt es zu einer Annäherung oder Abgrenzung zwischen den bodenständigen Sprachgruppen. |
| Gefahr | Migrant*innen/Flüchtlinge als GefahroderGefahr (für die eigene Sprachgruppe) / für den sozialen Frieden | Weil eine (politische) Handlung bzw. Entscheidung bestimmte gefährliche Folgen hat, sollte sie nicht ausgeführt werden bzw. ist sie abzulehnen. |
| Gegenseitigkeit | Integration als gegenseitiger ProzessoderVorwurf einer fehlenden Gegenseitigkeit | Weil Integration nur durch gemeinsamen Einsatz von Migrationsgesellschaft und Aufnahmegesellschaft möglich ist, sollte diese Gegenseitigkeit gefördert werden.Weil Christ*innen in muslimischen Ländern ihre Religion nicht frei ausüben dürfen, sollte dies den Muslim*innen in christlichen Ländern ebenfalls versagt bleiben. |
| Gemeinsam | Wir müssen gemeinsam handeln | Weil eine Person/ein Land/eine Gruppe nicht alleine die Herausforderung stem-men kann, braucht es die Zusammenarbeit aller. |
| Geschichte | Auch wir waren einmal Migrant*innen/Flüchtlinge | Weil auch wir einmal Flüchtlinge/Migrant*innen waren und auf Hilfe angewiesen waren, sollten wir Flüchtlinge/Migrant*innen unterstützen. |
| Großzügigkeit | Nicht zu großzügig sein | Weil Großzügigkeit gegenüber Migrant*innen die Zuwanderung verstärkt, sind Handlungen zu unterlassen, die Südtirol zu „attraktiv“ für Zuwanderung machen. |
| Hilfe | Wir müssen den Flüchtlingen helfen | Weil eine Notsituation eingetreten ist, sollten Maßnahmen ergriffen werden, die Hilfe verschaffen. |
| Humanität | Humanitärere Behandlung der Migrant*innen/Flüchtlinge | Weil Handlungen aus humanitären Gründen (nicht) geboten sind, sind diese Handlungen zu befürworten bzw. abzulehnen. |
| Image | Moscheen zerstören die (Kultur-)Landschaft | Wenn eine politische Handlung ausgeführt wird bzw. unterbleibt, schädigt dies dem Image des Landes. Daher ist die Handlung (nicht) abzulehnen bzw. (nicht) auszuführen. |
| Kennenlernen | Wir müssen uns kennenlernen | Wenn Einheimische und Zuwanderer sich besser kennenlernen, können die mit Zuwanderung und Integration verbundenen Probleme und Konflikte gelöst werden. |
| Kosten | Migrant*innen kosten (nicht) zu viel | Weil etwas viel bzw. wenig Geld kostet, sollten Handlungen ausgeführt werden, die die Kosten verringern bzw. brauchen keine Handlungen ausgeführt werden, die die Kosten verringern. |
| Kriminalität | Die Siedlung als Hort der Kriminalität | Weil Menschen kriminelle Handlungen begehen bzw. nicht begehen, sollten Maßnahmen ergriffen werden bzw. brauchen keine Maßnahmen ergriffen werden, die zur Unterlassung solcher Handlungen führen. |
| Landessprachkenntnisse | Integration durch Landessprachkenntnisse | Weil Kenntnisse der Landessprache Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration sind, sollen Migrant*innen die Sprache erlernen. |
| Machbarkeit | Integration ist (nicht) machbar | Weil die Förderung der Integration (nicht) durchführbar bzw. (nicht) umsetzbar ist, sollte diese Förderung vertreten bzw. aufgegeben werden. |
| Notwendigkeit | Moschee als Notwendigkeit | Weil die Bereitstellung von Strukturen für die islamische Gemeinschaft notwendig werden wird, sollen Maßnahmen dahingehend ausgeführt werden. |
| Nutzen | Migrant*innen als wirtschaftlicher Nutzen | Weil eine Handlung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten einen bzw. keinen Nutzen erbringt, sollte sie ausgeführt bzw. nicht ausgeführt werden. |
| Nutzlosigkeit | Das überarbeitete Wohnbauförderungsgesetz ist nutzlos | Weil bestimmte Maßnahmen/Handlungen nutzlos sind, sollten diese nicht ausgeführt/unterlassen werden. |
| Partizipation | Integration durch (soziale/politische) Partizipation | Weil die politische Teilnahme und die Möglichkeit der Mitsprache für eine mögliche Integration (nicht) förderlich sind, sollten diese (nicht) ermöglicht werden. |
| Pflicht | Wir müssen unserer Pflicht nachkommen | Weil eine Handlung bzw. die Unterlassung einer Handlung der (moralischen, ethischen, religiösen oder gesetzlichen) Pflicht entspricht, soll diese Handlung ausgeführt bzw. unterlassen werden. |
| Politischer Islam | Moschee als politischer Ort | Weil die Errichtung einer Moschee nicht nur dem religiösen Zweck diene, sondern Moscheen auch Zentren politischer Lehren und politischer Entscheidungen seien, sollten keine Moscheen gebaut werden. |
| Populismus | Vorwurf des Populismus | Weil rechtspopulistische Parteien Themen für sich missbrauchen und dadurch Konflikte verstärken, sollten Maßnahmen dagegengesetzt werden. |
| Realität | Migration ist Realität | Weil die Einwanderung und die Niederlassung von Migrant*innen Realität geworden ist, muss die Integration der neuen Bürger*innen angegangen werden. |
| Recht | Migrant*innen haben ein Recht auf einen Ort des Gebets | Weil Migrant*innen aufgrund kodifizierten Rechts ihre Religion frei ausüben können, sind Entscheidungen, wie die Bereitstellung eines Gebetsraumes, zu akzeptieren. |
| Schule | Integration durch Schule | Weil der Besuch der Schule die Integration in die Gesellschaft fördert, sollte dort angesetzt werden. |
| Selbstbewusstsein | Christ*innen müssen Selbstbewusstsein haben | Weil den Christ*innen Selbstbewusstsein fehlt, müssen Maßnahmen ergriffen werden, die dieses Selbstbewusstsein stärken. |
| Selektion | Integration durch Selektion | Weil Migrant*innen mit bestimmten Eigenschaften sich besser in die Gesellschaft integrieren lassen, sollten auch nur diese zuwandern dürfen. |
| Steuerung | Wir müssen Integration steuern | Um die Integration fördern zu können, sollte durch Vereine, Gesetzte, Politik usw. aktiv zur Verbesserung der Integration beigetragen werden bzw. sollte Integration aktiv gesteuert werden. |
| Untätigkeit | Wir sind zu untätig | Weil der Staat bzw. das Land oder eine bestimmte Personengruppe untätig geblieben sind, kommt es zu negativen Folgen, die vermieden werden müssen. |
| Verantwortung | Wir müssen Verantwortung übernehmen | Weil ein Land bzw. eine Gruppe oder eine Person (mit)verantwortlich ist für die Entstehung von Problemen, sollte es bzw. sie sich an der Lösung der entstandenen Probleme beteiligen. |
| Verständnis | Wir müssen Verständnis zeigen | Wenn wir mehr Verständnis füreinander aufbringen, können Probleme und Konflikte gelöst werden. |
| Verteilung | Migrant*innen/Flüchtlinge verteilen | Weil eine zu große Anzahl von Migrant*innen bzw. Flüchtlingen an einem Ort die Integration verhindert bzw. den Ort überlastet, sollten größere Gruppen aufgeteilt werden. |
| Vorrang | Vorrang den Südtiroler*innen | Weil Einheimische stets den Vorrang behalten sollten, seien Handlungen zu unterlassen bzw. zu unternehmen, um die diese Vorrangstellung beizubehalten. |
| Vorteil | Migrant*innen erhalten zu viele Vorteile | Weil Migrant*innen gegenüber den Einheimischen zu viele Vorteile genießen, sollte etwas dagegen unternommen werden. |
| Vorurteil | Wir dürfen keine Vorurteile haben | Weil Vorurteile gegen bestimmte Gruppen bzw. Handlungen bestehen, gibt es ein bestimmtes Problem. Wenn solche Vorurteile beibehalten bzw. aufgegeben werden, kann das Problem (nicht) gelöst werden. |
| Zahlen | Es gehen (nicht) zu viele Wohnungen an Migrant*innen | Weil die Zahlen einen bestimmten, in einem inhaltlich spezifischeren Topos behaupteten Zusammenhang belegen, sollte eine bestimmte Handlung ausgeführt bzw. unterlassen werden. |
_________________
21 Sylvia Hahn, Historische Migrationsforschung (=Historische Einführung 11), Frankfurt am Main-New York 2012, 69 ff; Josef Ehmer, Migration in der historischen Forschung – Themen und Perspektiven, in: Heinz Fassmann / Julia Dahlvik (Hrsg.), Migrations- und Integrationsforschung – multidisziplinäre Perspektiven, Göttingen 22012, 95–108, 96.
22 Klaus J. Bade / Pieder C. Emmer / Leo Lucassen / Jochen Oltmer (Hrsg.), Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn-München-Wien-Zürich 22008; Klaus J. Bade, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2002; Klaus J. Bade, Migration in der europäischen Geschichte seit dem späten Mittelalter, Halle an der Saale 2002.
23 Jochen Oltmer, Migration im 19. und 20. Jahrhundert (=Enzyklopädie deutscher Geschichte 86), Berlin-Boston 32016.
24 Dirk Hoerder, Cultures in Contact: World Migrations in the Second Millenium, Durham 2002.
25 Albert Kraler / Karl Husa / Veronika Bilger / Irene Stracher (Hrsg.), Migration. Globale Entwicklungen seit 1850, Wien 2007.
26 Michael G. Esch, Historisch-sozialwissenschaftliche Migrationsforschung als Delegitimationswissenschaft, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften (2018), Nr. 19(1), 60–78, 61.
27 Ehmer, Migration in der historischen Forschung, 91.
28 Wilbur Zelinsky, The Hypothesis of the Mobility Transition, in: Geographical Review (1971), Nr. 61(2), 219–249.
29 Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), [https://www.imis.uni-osnabrueck.de/startseite.html], eingesehen am 20.11.2017.
30 Michael G. Esch / Patrice G. Poutrus, Zeitgeschichte und Migrationsforschung: Eine Einführung, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 2 (2005), 338–344, 338.
31 Dirk Rupnow, Migration – Archiv – Geschichte: Herausforderungen und Perspektiven, in: Pfanzelter / Rupnow (Hrsg.), einheimisch – zweiheimisch – mehrheimisch, 25–33, 26 f.
32 (Arbeits-)migration in Südtirol, in [http://zeitgeschichte-suedtirolmigration.uibk.ac.at/], eingesehen am 25.10.2018.
33 Zum Beispiel die Projekte: Deprovincializing Contemporary Austrian History, gefördert vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung FWF (Leitung: Dirk Rupnow); Spurensuche: Hall in Bewegung. Feldforschung und Ausstellung zur Arbeitsmigration in Hall und Umgebung, Kooperationsprojekt zwischen Institut für Zeitgeschichte, Gemeindemuseum Absam, Stadtarchiv und Stadtmuseum Hall in Tirol sowie drei Schulen in Hall in Tirol und Rum im Rahmen des „Sparkling Science“-Programmes des BMWF (Projektleitung: Dirk Rupnow); Migration und Erinnerungskultur, gefördert vom BMWFW-Programm „Sparkling Science“.
34 Rupnow, Migration – Archiv – Geschichte, 26 und 27.
35 Dirk Rupnow, The History and Memory of Migration in Post-War Austria: Current Trends and Future Challenges, in: Günter Bischof / Dirk Rupnow (Hrsg.), Migration in Austria (=Contemporary Austrian Studies 26), Innsbruck 2017, 51.
36 Girardi, Geschichtlicher Abriss, 77–95.
37 Roberta Medda-Windischer / Gerhard Hetfleisch / Maren Meyer (Hrsg.), Migration in Südtirol und Tirol. Analysen und multidisziplinäre Perspektiven, Bozen 2011.
38 EURAC Research, [http://www.eurac.edu/en/Pages/default.aspx], eingesehen am 15.02.2015.
39 Zentrum für Migrant*innen in Tirol, [http://www.zemit.at/de/], eingesehen am 15.02.2015.
40 Medda-Windischer / Carlà, Migrationspolitik und Territoriale Autonomie.
41 Roberta Medda-Windischer / Heidi Flarer / Rainer Girardi / Francesco Grandi, Standbild und Integrationsaussichten der ausländischen Bevölkerung Südtirols. Gesellschaftsleben, Sprache, Religion und Wertehaltung, Bozen 2011.
42 Verena Wisthaler, Immigration and Collective Identity in Minority Nations: A longitudinal comparison of Stateless Nationalist and Regionalist Parties in the Basque Country, Corsica, South Tyrol, Scotland and Wales, Dissertation, Leicester 2016, Online-Version unter: [https://lra.le.ac.uk/bitstream/2381/38751/1/2016wisthalerwvphd.pdf], eingesehen am 21.11.2017.
43 Christina Isabell Zuber, Comparing the politics behind the immigrant integration laws of Catalonia and South Tyrol, in: GRITIM-UPF Working Paper Series (2014), Nr. 22.
44 Lorenzo Piccoli, Redrawing Identity Boundaries trough Integration Policies: Strategies of Inclusion/Exclusion of Immigrants in Québec and South Tyrol (=European Diversity and Autonomy Papers EDAP 1), Bozen 2013.
45 Wisthaler, Immigration and Collective Identity in Minority Nations, 261 ff.
46 Zuber, Comparing the politics, 20.
47 Piccoli, Redrawing Identity Boundaries trough Integration Policies, 22.
48 Elisabeth Ramoser / Amt für Weiterbildung (Hrsg.), Einwanderersituation in Südtirol. Analyse im Rahmen des Projekts „Sprach- und Kulturvermittlung an Immigrant/innen, Bozen 2002.
49 Sabine Trevisani-Farneti / Caritas Diözese Bozen-Brixen (Hrsg.), Südtirol wird bunter. Hintergründe und Informationen zu Einwanderung und Integration, Meran 2008.
50 Fernando Biague, Das Migrationsprojekt: Ausländer erzählen, Brixen 2009.
51 Annemarie Profanter (Hrsg.), Badanti – Pflegen in der Fremde/Badanti – assistere in terra straniera, Brixen 2014.
52 Landesbeobachtungsstelle zur Einwanderung (Hrsg.), Giovani immigrati in Alto Adige. Ricerca sull’integrazione dei giovani di nazionalità straniera nati o cresciuti in provincia di Bolzano, Bozen 2006.
53 Autonome Provinz Bozen-Südtirol / Abteilung Arbeit (Hrsg.), Einwanderung und Integration. Ein Bericht der Koordinierungsstelle für Einwanderung, Bozen 2013, in: [http://www.provinz.bz.it/arbeit/service/publikationen.asp], eingesehen am 15.02.2015.
54 Eva Pfanzelter / Dirk Rupnow (Hrsg.), einheimisch – zweiheimisch – mehrheimisch. Geschichte(n) der neuen Migration in Südtirol, Bozen 2017; Kurt Gritsch, Vom Kommen und Gehen. Migration in Südtirol, Bozen 2016.
55 Christoph Butterwegge / Gudrun Hentges / Fatma Sarigöz (Hrsg.), Medien und multikulturelle Gesellschaft, Opladen 1999; Christoph Butterwegge / Gudrun Hentges (Hrsg.), Massenmedien, Migration und Integration. Herausforderung für Journalismus und politische Bildung, Wiesbaden 2006.
56 Georg Ruhrmann / Denise Sommer, Migranten in den Medien – von der Ignoranz zum Kontakt?, in: Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik (ZAR) (2005), Nr. 25, 123–127.
57 Urs Dahinden / Daniel Süss (Hrsg.) Medienrealitäten, Konstanz 2009.
58 Joachim Trebbe, Ethnische Minderheiten, Massenmedien und Integration. Eine Untersuchung zu Massenmedialer Repräsentation und Medienwirkungen, Wiesbaden 2009.
59 Rainer Geißler / Horst Pöttker (Hrsg.), Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Problemaufriss – Forschungsstand – Bibliographie, Bielefeld 2005; Rainer Geißler / Horst Pöttker (Hrsg.), Media, Migration, Integration. European and North American Perspectives, Bielefeld-New Brunswick-London 2009; Rainer Geißler / Horst Pöttker (Hrsg.), Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Forschungsbefunde, Bielefeld 2009.
60 Heinz Bonfadelli / Heinz Moser (Hrsg.), Medien und Migration. Europa als multikultureller Raum, Wiesbaden 2007.
61 Kerry Moore / Bernhard Gross / Terry Threadgold (Hrsg.), Migrations and the Media, New York 2012.
62 Giovanna dell’ Orto / Vicki L. Birchfield (Hrsg.), Reporting at the Southern Borders. Journalism and Public Debates on Immigration in the U.S. and the E.U., New York 2014.
63 Bernd Scheffer (Hrsg.), Medien und Fremdenfeindlichkeit, Alltägliche Paradoxien, Dilemmata, Absurditäten und Zynismen, Opladen 1997.
64 Wolf-Dietrich Bukow, Feindbild Minderheit, Opladen 1996.
65 Chris Haynes / Jennifer Merolla / Karthick Ramakrishnan, Framing Immigrants. News Coverage, Public Opinion, and Policy, New York 2016.
66 Einige aktuelle Aufsätze: Kjersti Thorbjørnsrud, Framing Irregular Immigration in Western Media, in: American Behavioral Scientist (2015), Nr. 59(7), 771–782; Dana Mastro / Riva Tukachinsky / Elizabeth Behm-Morawitz / Erin Blecha, News Coverage of Immigration: The Influence of Exposure to Linguistic Bias in the News on Consumer’s Racial/Ethnic Cognitions, in: Communication Quarterly (2014), Nr. 62(2), 135–154; Andrea Masini / Peter Van Aelst / Thomas Zerback / Carsten Reinemann / Paolo Mancini/ Marco Mazzoni / Marco Damiani / Sharon Coen, Measuring and Explaining the Diversity of Voices and Viewpoints in the News, in: Journalism Studies (2017), 2324–2343.
67 Joan Nordquist, Gender and racial images/stereotypes in the mass media: A bibliography, Santa Cruz 2011.
68 Sigrid Luchtenberg, Migration und Multikulturalität in den Printmedien. Eine vergleichende Analyse deutscher und australischer Zeitungen, in: Bernd Scheffer (Hrsg.), Medien und Fremdenfeindlichkeit. Alltägliche Paradoxien, Dilemmata, Absurditäten und Zynismen, Opladen 1997, 255–276.
69 Rodrigo Zamith, Just off the Wire. AP’s and AFP’s Coverage of Immigration in France and the United States, in: Dell’ Orto / Birchfield (Hrsg.), Reporting at the Southern Borders, 88–105.
70 Ralf Koch, „Zigeuner, Neger, Farbige und Gastarbeiter“. Vom Verfallsdatum bestimmter Begriffe, in: Ralf Koch (Hrsg.). Medien mögen’s weiß. Rassismus und Nachrichtengeschäft. Erfahrungen von Journalisten in Deutschland und den USA, München 1996, 23–44.
71 Daniela Wehrstein, Deutsche und französische Pressetexte zum Thema Islam. Die Wirkungsmacht impliziter Argumentationsmuster, Berlin-Boston 2013.
72 Barbara Laubenthal, Der Kampf um Legalisierung. Soziale Bewegungen illegaler Migranten in Frankreich, Spanien und Schweiz, Gießen 2006.
73 Thomas Niehr / Karin Böke, Diskursanalyse unter linguistischer Perspektive – am Beispiel des Migrationsdiskurses, in: Reiner Keller / Andreas Hirseland / Werner Schneider / Willy Viehöver. (Hrsg.), Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse (Forschungspraxis 2), Wiesbaden 2004, 325–351.
74 Elena Enda Kreutzer, Migration in den Medien. Eine vergleichende Studie zur europäischen Grenzregion SaarLorLux, Bielefeld 2016.
75 Eine vollständige Übersicht über den Forschungsstand bietet Daniel Müller in seinem Beitrag: Die Darstellung ethnischer Minderheiten in deutschen Massenmedien, in: Geißler / Pöttker (Hrsg.), Massenmedien, 83–126.
76 Marco Binotti / Marco Bruno / Valeria Lai (Hrsg.), Tracciare Confini. L’immigrazione nei media italiani, Milano 2016.
77 Eine Auflistung seiner Publikationen kann unter folgendem Link gefunden werden: [http://www.lettere.uniroma1.it/sites/default/files/1180/MarcoBruno*Solo*pubblicazioni*interventi*convegni*ago2016.pdf], eingesehen am 05.12.2017.
78 Anna Triandafyllidou, Nation and Immigration: A Study of the Italian Press Discourse, in: Social Identities (2015), Nr. 5, 65–88; Fabio Quassoli, „Clandestino”. Institutional discourses and practices for the control and exclusion of migrants in contemporary Italy, in: Journal of Language and Politics (2013), Nr. 12(2), 203–225; Marcello Maneri, L’immigrazione nei media. La traduzione di pratiche di controllo nel linguaggio in cui viviamo, in: Anuac, Anno I (2012), 24–37; Marco Bruno, Media Representations of Immigrants in Italy: Framing Real and Symbolic Borders, in: REMHU – Revista Interdisciplinar da Mobilidade Humana (2016), Nr. 46(24), 45–58, Giuseppe Sciortino / Asher Colombo, The flows and the flood: the public discourse on immigration in Italy, 1969–2001, in: Journal of Modern Italian Studies (2010), Nr. 9(1), 94–113. Einen Überblick über Forschungsliteratur in Hinblick auf das Thema Migration und Medien in Italien gibt folgende Internetseite: [http://www.cestim.it/08media.htm], eingesehen am 05.12.2017.
79 Autonome Provinz Bozen-Südtirol / Abteilung Arbeit (Hrsg.), Einwanderung und Integration. Ein Bericht der Koordinierungsstelle für Einwanderung, in: [http://www.provinz.bz.it/arbeit/service/publikationen.asp], eingesehen am 15.02.2015.
80 Ebenda, S. 107.
81 Schahrzad Farrokhzad, Exotin, Unterdrückte und Fundamentalistin. Konstruktionen der „fremden Frau“ in deutschen Medien, in: Butterwegge / Hentges (Hrsg.), Massenmedien, Migration und Integration, 129–136, hier. 59; Geißler, Medien und Migranten, in:[http://www.mediendaten.de/fileadmin/Migration/Texte/Geissler*Medien*und*Migranten.pdf], eingesehen am 14.07.2014; Georg Ruhrmann, Medienberichterstattungen über Ausländer: Befunden – Perspektiven – Empfehlungen, in: Butterwegge / Hentges / Sarigöz (Hrsg.), Medien und multikulturelle Gesellschaft, 95–108, 98; Margret Lünenborg / Katharina Fritsche / Annika Bach, Migrantinnen in den Medien. Darstellung in der Presse und ihre Rezeption, Bielefeld 2011, 22; Christoph Butterwegge, Massenmedien, Migrant/innen und Rassismus, in: Butterwegge / Hentges / Sarigöz (Hrsg.), Medien und multikulturelle Gesellschaft, 64–89, 68.
82 Farrokhzad, Exotin, Unterdrückte und Fundamentalistin, 59.
83 Geißler, Medien und Migranten, in: [http://www.mediendaten.de/fileadmin/Migration/Texte/Geissler*Medien*und*Migranten.pdf], eingesehen am 14.07.14.
84 Ernst Schulte-Holtey, Grenzmarkierungen: Normalisierung und diskursive Ausgrenzung, Duisburg 1995.
85 Vgl. dazu auch: Christine Bischoff, Blickregime der Migration. Images und Imaginationen des Fremden in Schweizer Printmedien, Münster-New York 2016, 29.
86 Bernd Scheffer, Medien und Fremdenfeindlichkeit: eher Gefühls- als Vernunftprobleme. Schlägt man die Fremdenfeindlichkeit am besten mit ihren eigenen Waffen?, in: Butterwegge / Hentges (Hrsg.), Massenmedien, Migration und Integration, 129–136.
87 Scheffer, Medien und Fremdenfeindlichkeit, 129.
88 Anita Moser, Migration: Was Mainstream-Medien (nicht) thematisieren und wie sich die Kunst dazu verhält, in: Andreas Kriwak / Günther Pallaver (Hrsg.), Medien und Minderheiten, Innsbruck 2012, 251–273, 256.
89 Priska Bucher / Andrea Piga, Medien und Migration – ein Überblick, in: Urs Dahinden / Daniel Süss (Hrsg.), Medienrealitäten, Konstanz 2009, 33–49, 38.
90 Heinz Bonfadelli, Die Darstellung ethnischer Minderheiten in den Massenmedien, in: Heinz Bonfadelli / Heinz Moser (Hrsg.), Medien und Migration. Europa als multikultureller Raum, Wiesbaden 2007, 95–116, 103.
91 Lünenborg / Fritsche / Bach, Migrantinnen in den Medien, 22.
92 Ruhrmann / Sommer, Migranten in den Medien, 123–127; Georg Ruhrmann, Fremde im Mediendiskurs, Ergebnisse empirischer Presse, TV- und PR-Analysen, in: Matthias Jung / Martin Wengeler / Karin Böke (Hrsg.), Die Sprache des Migrationsdiskurses. Das Reden über „Ausländer“ in Medien, Politik und Alltag, Opladen 1997, 58–70, 63 ff.
93 Gabriel Weimann, Communicating unreality. Modern media and the reconstruction of reality, Thousand Oaks-London-New Dheli 2000, 222 ff.
94 Binotti / Bruno / Lai, Tracciare Confini, 56.
95 Ruhrmann / Sommer, Migranten in den Medien, 123–127; Bucher / Piga, Medien und Migration, 38; Oliver Gruber, Politisierte Zuflucht: Asyl im Brennpunkt politischer Öffentlichkeitsarbeit, in: Sieglinde Rosenberger (Hrsg.), Asylpolitik in Österreich. Unterbringung im Fokus, Wien 2010, 62–82, 64.
96 Ruhrmann / Sommer, Migranten in den Medien, 123–127.
97 Erol Yildiz, Stigmatisierende Mediendiskurse in der kosmopolitanen Einwanderungsgesellschaft, in: Butterwegge / Hentges (Hrsg.), Massenmedien, Migration und Integration, 35–53, 38.
98 Ebenda.
99 Trebbe, Ethnische Minderheiten, 81 f.
100 Bischoff, Blickregime der Migration, 30.
101 Bucher / Piga, Medien und Migration, 38.
102 Rainer Geißler, „Ausländerkriminalität“ – Vorurteile, Missverständnisse, Fakten. Anmerkungen zu einer vielschichtigen Problematik, in: Gabriele Kawamura-Reindl / Rolf Keicher / Wolfgang Krell (Hrsg.), Migration, Kriminalität und Kriminalisierung. Herausforderung an Soziale Arbeit und Straffälligenhilfe, Freiburg im Breisgau 2002, 27–45.
103 Ruhrmann, Fremde im Mediendiskurs, 63 ff.
104 Susanne Spindler, Wer hat Angst vor Mehmet? Medien, Politik und Kriminalisierung von Migration, in: Gudrun Hentges / Bettina Lösch (Hrsg.), Die Vermessung der sozialen Welt. Neoliberalismus – extreme Rechte – Migration im Fokus der Debatte, Wiesbaden 2011, 283–294, 292.
105 Binotti / Bruno / Lai, Tracciare Confini, 49–57.
106 Ruhrmann / Sommer, Migranten in den Medien, 123–127.
107 Butterwegge, Massenmedien, Migrant/innen und Rassismus, 64–89.
108 Spindler, Wer hat Angst vor Mehmet?, 285.
109 Gudrun Hentges, Von „Knochenbrechern“ und dem „schwarzen Dreieck“ Moskau – Minsk – Kiew. Migrationsberichterstattung im Spiegel, in: Butterwegge / Hentges (Hrsg.), Massenmedien, Migration und Integration, 89–110, 108.
110 Das Konzept des Framing geht auf den Soziologen Erving Goffman zurück. Goffman beschreibt damit Interpretationsmuster- und strukturen für soziale Phänomene. Abgedruckt in: Trebbe, Ethnische Minderheiten, 50.
111 Theo van Leeuwen / Ruth Wodak, Legitimizing immigration control: a discourse-historical analysis, in: Discourse Studies (1999), Nr. 1(1), 83–118, 91.
112 Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Opladen 1996.
113 Jäger, BrandSätze.
114 Haynes / Merolla / Ramakrishnan, Framing Immigrants, 19 f.
115 Dahinden / Süss, Einleitung: Medienrealitäten, 9.
116 Dorothe Liehr, Ereignisinszenierung im Medienformat. Proteststrategie und Öffentlichkeit – eine Topologie, in: Martin Klimke / Joachim Scharloth (Hrsg.), 1986. Handbuch zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegungen, Stuttgart 2007, 23–36, 23.
117 Dahinden / Süss, Einleitung: Medienrealitäten, 17.
118 Winfried Schulz, Politische Kommunikation. Theoretische Ansätze und Ergebnisse empirischer Forschung, Wiesbaden 32011, 67.
119 Schulz, Politische Kommunikation, 76 ff.
120 Harald Bauder, Immigration Dialectic. Imagining Community, Economy, and Nation, Toronto-Buffalo-London 2011, 37.
121 Dahinden / Süss, Einleitung: Medienrealitäten, 17.
122 Bucher / Pigga, Medien und Migration, 33.
123 Christiane Eilders, Massenmedien als Produzenten öffentlicher Meinungen – Pressekommentare als Manifestation der politischen Akteursrolle, in: Barbara Pfetsch / Silke Adam (Hrsg.), Massenmedien als politische Akteure. Konzepte und Analysen, Wiesbaden 2008, 27–52.
124 Ebenda, 34.
125 Regula Hänggli, Key Factors in Frame Building: How Strategic Political Actors Shape News Media Coverage, in: American Behavioral Scientist (2012), Nr. 56(3), 300–317, 304.
126 Teun A. van Dijk, Eliten, Rassismus und die Presse, in: Siegfried Jäger / Jürgen Link (Hrsg.), Die vierte Gewalt. Rassismus und die Medien, Duisburg 1993, 80–131, 88.
127 Alihan Kabalak / Birger P. Priddat / Markus Rhomberg, Medien als Schnittstelle zwischen politischen und ökonomischen Strukturen – Poltische Kommunikation in der Perspektive der Institutionenökonomie, in: Pfetsch / Adam (Hrsg.), Massenmedien als politische Akteure, 52–73, 55–58.
128 Nick Couldry, Media rituals. A critical approach, London 2003, 668.
129 Christopher Hart, Critical Discourse Analysis and Cognitive Science. New Perspectives on Immigration Discourse, New York 2010.
130 Brigitta Busch / Michał Krzyzanowski, Media and Migration: Exploring the Field, in: Michi Messer / Renée Schroeder / Ruth Wodak (Hrsg.), Migrations: Interdisciplinary Perspectives, Wien-Heidelberg-New York-Dordrecht-London 2012, 277–282.
131 Bauder, Immigration Dialectic, 38.
132 Siegfried Jäger, BrandSätze, 24 ff.
133 Stefan Jordan, Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft, Paderborn 2009, 190.
134 Jäger, BrandSätze, 24 ff.
135 Zum Beispiel: Ruth Wodak, „Us“ and „Them“: Inclusion/Exclusion – Discrimination via Discourse, in: Gerald Delanty / Ruth Wodak / Paul Jones (Hrsg.), Migration, Identity, and Belonging, Liverpool 2008, 54–78; Van Leeuwen / Wodak, Legitimizing immigration control: a discourse-historical analysis, in: Discourse Studies (1999), Nr. 1(1), 83–118; Bernd Matouschek / Ruth Wodak / Franz Januschek, Notwendige Maßnahmen gegen Fremde? Genese und Formen von rassistischen Diskursen der Differenz, Wien 1995; Bernd Matouschek, Soziodiskursive Analyse öffentlicher Migrationsdebatten in Österreich. Zu Theorie, Methodik und Ergebnissen einer diskurshistorischen Untersuchung, in: Jung / Wengeler / Böke (Hrsg.), Die Sprache des Migrationsdiskurses, 106–120; Majid KhosraviNik / Michał Krzyzanowski / Ruth Wodak, Dynamics of Representation in Discourse: Immigrants in the British Press, in: Messer / Schroeder / Wodak (Hrsg.), Migrations, 283–295.
136 Bernd Matouschek / Ruth Wodak, „Rumänen, Roma … und andere Fremde“. Historisch-kritische Diskursanalyse zur Rede von den „Anderen“, in: Gernot Heiss / Oliver Rathkolb (Hrsg.), Asylland wider Willen. Flüchtlinge in Österreich im europäischen Kontext seit 1914, Wien 1995, 210–238; Bernd Matouschek / Ruth Wodak, Rassistische Diskurse in Österreich seit 1989. Der ökonomische Begründungsdiskurs als Sonderfall fremdenfeindlicher und rassistischer Rechtfertigungsdiskurse, in: Jung / Wengeler / Böke (Hrsg.), Die Sprache des Migrationsdiskurses, 131–189.
137 Margarete Jäger, Skandal und doch normal. Verschiebungen und Kontinuitäten rassistischer Deutungsmuster im deutschen Einwanderungsdiskurs, in: Sebastian Friedrich / Regina Wamper / Jens Zimmermann (Hrsg.), Der NSU in bester Gesellschaft: zwischen Neonazismus, Rassismus und Staat, Duisburg 2015, 30–48.
138 Margarete Jäger / Regina Wamper (Hrsg.), Von der Willkommenskultur zur Notstandsstimmung. Der Fluchtdiskurs in deutschen Medien 2015 und 2016, Duisburg 2017, 181.
139 Yasemin Shooman, Keine Frage des Glaubens. Zur Rassifizierung von „Kultur“ und „Religion“ im antimuslimischen Rassismus, in: Sebastian Friedrich (Hrsg.), Rassismus in der Leistungsgesellschaft. Analysen und kritische Perspektiven zu den rassistischen Normalisierungsprozessen der „Sarrazindebatte“, Münster 2011, 59–76. Ebenda, 26.
140 Marieluise Mühe, Rassistische Diskurse im Einwanderungsland Deutschland. Das Aushandeln von Flucht und Asyl über soziale Medien im lokalen Raum, Working Paper Nr. 15 / Center for North African and Middle Eastern Politics, Freie Universität Berlin, Berlin 2017.
141 Sebastian Friedrich, Rassismus in der Leistungsgesellschaft. Einleitung, in: Friedrich (Hrsg.), Rassismus in der Leistungsgesellschaft, 8–38.
142 Ebenda, 26.
143 Hart, Critical Discourse Analysis.
144 Aidan McGarry / Helen Drake, The Politicization of Roma as an Ethnic „Other”: Security Discourse in France and the Politics of Belonging, in: Umut Korkut / Gregg Bucken-Knapp / Aidan McGarry / Jonas Hinnfors / Helen Drake (Hrsg.), The Discourse and Politics of Migration in Europe (=Europe in Transition: The NYU European Studies Series), New York 2013, 73–93.
145 Mikko Kuisma, „Good“ and „Bad“ Immigrants: The Economic Nationalism of the True Finns’ Immigration Discourse, in: Korkut / Bucken-Knapp / McGarry / Hinnfors / Drake (Hrsg.), The Discourse and Politics of Migration in Europe, 93–109.
146 Elaine Burroughs, Discursive representations of ‘illegal immigration’ in the Irish newsprint media: The domination and multiple facets of the ‘control’ argumentation, in: Discourse & Society (2015), Nr. 26(2), 165–183.
147 Joachim Landwehr, Historische Diskursanalyse, Frankfurt am Main 2008, 15.
148 Reiner Keller, Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen (=Qualitative Sozialforschung), Wiesbaden 42011, 27.
149 Kathrin Braun, Im Kampf um Bedeutung: Diskurstheorie und Diskursanalyse in der interpretativen Policy Analyse, in: Zeitschrift für Diskursforschung/Journal for Discourse Studies (2014), Nr. 1(4), 77–101, 92 ff.
150 Keller, Diskursforschung, 27.
151 Van Leeuwen / Wodak, Legitimizing immigration control, 85.
152 Ruth Wodak / Katharina Köhler, Wer oder ist „fremd“? Diskurshistorische Analyse fremdenfeindlicher Rhetorik in Österreich, in: SWS-Rundschau (2010), Nr. 50(1), 33–55, 35.
153 Van Leeuwen / Wodak, Legitimizing immigration control, 91.
154 Christopher Hart, Argumentation meets adapted cognition: Manipulation in media discourse on immigration, in: Journal of Pragmatics (2013), Nr. 59, 200–209, 201.
155 Martin Reisigl / Ruth Wodak, Discourse and Discrimination: Rhetorics of Rasism and Antisemitism, London-New York 2011, 74 ff.
156 Martin Reisigl, Rechtspopulistische und faschistische Rhetorik: ein Vergleich, in: Totalitarismus und Demokratie, (2012), Nr. 9(2), 303–323.
157 Manfred Kienpointner, Topoi, in: Sven Roth / Martin Wengeler / Alexander Ziem (Hrsg.), Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft (=Handbücher Sprachwissen, 19), Berlin-Boston 2017, 187–212, 210.
158 Claudia Bluhm / Dirk Deissler / Joachim Scharloth / Anja Stukenbrock, Linguistische Diskursanalyse: Überblick, Probleme, Perspektiven, in: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht 88 (2000), 3–19, 10.
159 Martin Wengeler, Historische Diskurssemantik als Analyse von Argumentationstopoi, in: Dietrich Busse / Wolfgang Teubert (Hrsg.), Linguistische Diskursanalyse. Neue Perspektiven, Wiesbaden 2013, 189–215, 189.
160 Ebenda.
161 Bluhm / Deissler / Scharloth / Stukenbrock, Linguistische Diskursanalyse, 10.
162 Martin Reisigl, Die Stellung der historischen Diskurssemantik in der linguistischen Diskursforschung, in: Busse / Teubert (Hrsg.), Linguistische Diskursanalyse, 243–273, 258.
163 Kienpointner, Topoi, 203.
164 Bluhm / Deissler / Scharloth / Stukenbrock, Linguistische Diskursanalyse, 10.
165 Kienpointner, Topoi, 203.
166 Noah Bubenhofer / Joachim Scharloth‚ Maschinelle Textanalyse im Zeichen von Big Data und Data-driven Turn – Überblick und Desiderate, in: Zeitschrift für germanistische Linguistik (ZGL) (2015), Nr. 43(1), 1–26, 1.
167 Matthias Lemke / Andreas Niekler / Gary S. Schaal / Gregor Wiedemann, Content Analysis between Quality and Quantity. Fulfilling Blended-Reading Requirements for the Social Sciences with a Scalable Text Mining Infrastructure, in: Datenbank Spektrum (2015), Nr. 15, 7–14; Gerhard Heyer / Uwe Quasthoff / Thomas Wittig, Text Mining: Wissensrohstoff Text. Konzepte, Algorithmen, Ergebnisse, Bochum 2006.
168 Gregor Wiedemann, Opening up to Big Data: Computer-Assisted Analysis of Textual Data in Social Sciences, in: Forum: Qualitative Sozialforschung (2013), Nr. 14(2), 23.
169 Zum Beispiel: Veronica Koller / Gerlinde Mautner, Computer Applications in Critical Discourse Analysis, in: Carolin Coffin / Ann Hewings / Kieran O’Halloran (Hrsg.), Applying English Grammar: Corpus and Functional Approaches, London 2004, 216–228, 218.
170 Costas Gabrielatos / Paul Baker, Fleeing, Sneaking, Flooding: A Corpus Analysis of Discursive Constructions of Refugees and Asylum Seekers in the UK Press 1996-2005, in: Journal of English Linguistics (2008), Nr. 36, 5–38, 7.
171 Ebenda.
172 Alyona Boeva, Discursive construction of refugees, migrants and asylum seekers in British and American news sources, in: Procedia – Social and Behavioral Sciences (2016), Nr. 236, 53–58.
173 Miriam Butt / Gerhard Heyer / Katharina Holzinger / Cathleen Kantner / Daniel A. Keim / Jonas Kuhn / Gary Schaal / André Blessing / Sebastian Dumm / Mennatallah El-Assady / Valentin Gold / Matthias Lemke / Maike Müller / Andreas Niekler / Maximilian Overbeck / Gregor Wiedemann, Argumentanalyse in digitalen Textkorpora, [http://www.dhd2016.de/abstracts/sektionen-001.html], eingesehen am 12.01.2018.
174 Franko Moretti, Conjectures on world literature, in: New Left Review (2000), Nr. 1, 54–68.
175 Matthew Jockers, Macroanalysis: Digital Methods and Literary History, Urbana 2013.
176 Ebenda, 9.
177 Jesper Verhoff, The cultural-historical value of and problems with digitized advertisements. Historical newspapers and the portable radio, 1950-1969, in: Tijdschrift voor tijdschriftstudies 38 (2015), 51–60, 55.
178 Claudia Fraas / Christian Pentzold, Big Data vs. Slow Understanding? Voraussetzungen und Vorgehen computerunterstützter Analyse transmedialer multimodaler Diskurse, in: Zeitschrift für germanistische Linguistik (ZGL) (2015). Nr. 43(1), 122–133, 130.
179 Alexander Stulpe / Matthias Lemke, Blended Reading. Theoretische und praktische Dimensionen der Analyse von Text und sozialer Wirklichkeit im Zeitalter der Digitalisierung, in: Matthias Lemke / Gregor Wiedemann (Hrsg.), Text Mining in den Sozialwissenschaften. Grundlagen und Anwendungen zwischen qualitativer und quantitativer Diskursanalyse, Wiesbaden 2016, 16–62, 18 ff.
180 Jeffrey Drouin, Close- and Distant-Reading Modernism: Network Analysis, Text Mining, and Teaching the Little Review, in: The Journal of Modern Periodical Studies (2014), Nr. 5(1), 110–135, 111 f.
181 Gabrielatos / Baker, Fleeing, Sneaking, Flooding, 34.
182 Noah Bubenhofer, Quantitativ informierte qualitative Diskursanalyse. Korpuslinguistische Zugänge zu Einzeltexten und Serien, in: Kersten Sven Roth / Carmen Spiegel (Hrsg.), Angewandte Diskurslinguistik. Felder, Probleme, Perspektiven, Berlin 2013, 109–134, 112 f.
183 Fraas / Pentzold, Big Data vs. Slow Understanding, 130.
184 Danah Boyd / Kate Crawford, Critical Questions for Big Data, in: Information, Communication & Society (2012), Nr. 15(5), 662–679, 670 f.
185 Drouin, Close- And Distant-Reading Modernism, 110-135.
186 Paul Baker, Using Corpora in Discourse Analysis, New York 2006.
187 Tim Hitchcock, Big Data, Small Data and Meaning, abgedruckt in: [http://historyonics.blogspot.nl/2014/11/big-data-small-data-and-meaning*9.html], eingesehen am 04.11.2017.
188 Fraas / Pentzold, Big Data vs. Slow Understanding, 122–133.
189 Matthias Lemke / Alexander Stulpe, Text und soziale Wirklichkeit. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendung von Text-Mining-Verfahren in sozialwissenschaftlicher Perspektive, in: Zeitschrift für germanistische Linguistik (ZGL) (2015), Nr. 43(1) 52–83.
190 Das Buch von Matthias Lemke und Gregor Wiedemann (2016): Text Mining in den Sozialwissenschaften. Grundlagen und Anwendungen zwischen qualitativer und quantitativer Diskursanalyse fasst eine Reihe von Autoren zusammen, die zu genannten Forschungserkenntnissen gekommen sind.
191 Yanni Alexander Loukissas, A place for Big Data: Close and distant readings of accessions data from the Arnold Arboretum, in: Big Data & Society (2016), 1–20.
192 Athesia Medien, Markt und Mediendaten, in: [http://www.athesiamedien.it/Werben-Startseite/Dolomiten/Dolomiten/(wd)/Markt-%20&%20Mediendaten], eingesehen am 09.05.2018.
193 Hermann Atz, Der (ethnische) Medienkonsum der Südtiroler Bevölkerung. Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren auf die Nutzung von Medien in der Mutter- und der Zweitsprache, in: Pallaver (Hrsg.), Die ethnisch halbierte Wirklichkeit, 67–88, 68 ff.
194 Ebenda, 42.
195 Judith Klein, Südtirols Medienlandschaft, in: Medienimpulse 1 (2015), 1–9, 6, [http://www.medienimpulse.at/pdf/Medienimpulse*Suedtirols*Medienlandschaft*Klein*20150319.pdf], eingesehen am 05.08.2017.
196 Leo Hillebrand, Getrennte Wege. Die Entwicklung des ethnischen Mediensystems in Südtirol, in: Pallaver (Hrsg.), Die ethnisch halbierte Wirklichkeit, 41–66, 43.
197 Klein, Südtirols Medienlandschaft [http://www.medienimpulse.at/pdf/Medienimpulse*Suedtirols*Medienlandschaft*Klein*20150319.pdf], eingesehen am 05.08.2017.
198 Hillebrand, Getrennte Wege, 41–66, 61.
199 Atz, Der (ethnische) Medienkonsum der Südtiroler, 75.
200 Günther Pallaver, Die ethnische Berichterstattung der Südtiroler Medien. Print- und elektronische Medien im Vergleich. Ergebnisse quantitativer Untersuchungen, in: Pallaver (Hrsg.), Die ethnisch halbierte Wirklichkeit, 88–115, 88.
201 Günther Pallaver, Demokratie und Medien in ethnischen fragmentierten Gesellschaften. Theoretische Überlegungen zur Überwindung kommunikativer Schranken, in: Pallaver (Hrsg.), Die ethnisch halbierte Wirklichkeit, 9–36, 12 ff.
202 Friedrich Blahusch, Zuwanderungspolitik im Spannungsfeld ordnungspolitischer und ethnisch-nationalistischer Legitimationsmuster, Frankfurt am Main 1999, 11.
203 Günther Pallaver, Voraussetzungen für eine sprachgruppenübergreifende „Wir-Identität“. Zehn Thesen für eine gemeinsame Kommunikation in Südtirol, in: Pallaver (Hrsg.), Die ethnisch halbierte Wirklichkeit, 134–138, 138.
204 Atz, Der (ethnische) Medienkonsum der Südtiroler, 75.
205 Florian Platter, „Der Rundfunk gehört den Bürgern!“. Konzept zur Gründung eines nicht-kommerziellen, partizipativen, multilingualen und interkulturellen Offenen Fernsehkanals in der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol, Diplomarbeit, Wien 2009, 143 und 175.
206 ASTAT Nr. 29/2015, Ausländische Wohnbevölkerung 2014, Bozen 2015, 4–9.
207 Antje Plaikner, Lesernähe und regionale Tageszeitungen, in: Valentin Dander / Veronika Gründhammer / Heike Ortner / Daniel Pfurtscheller / Michaela Rizzolli (Hrsg.), Medienräume. Materialität und Regionalität, Innsbruck 2013, 147–163, 157.
208 ASTAT Nr. 29/2015, Ausländische Wohnbevölkerung 2014, Bozen 2015, 4–9.
209 http://www.altoadige.kataweb.it/altoadige/
210 Konstantin Baierer / Philipp Zumstein, Verbesserung der OCR in digitalen Sammlungen von Bibliotheken, in: Journal for Library Culture / Zeitschrift für Bibliothekskultur (2016), Nr. 4(2), 72–83, 73.
211 Günter Mühlberger, Digitalisierung historischer Zeitungen aus dem Blickwinkel der automatisierten Text- und Strukturerkennung (OCR), in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie (ZfBB) (2011), Nr. 58(1), 10–18, 17.
212 Pallaver, Die ethnische Berichterstattung, 88–99.
213 Eva Pfanzelter, Menschenhass 2016? „Soziale“ Medien und Migration, in: Pfanzelter / Rupnow (Hrsg.), einheimisch – zweiheimisch – mehrheimisch, 183–203.
214 ASTAT Nr. 20/2007, Die Lesegewohnheiten der Südtiroler – 2006, Bozen 2007. 5 ff.
215 Carolin Hermann, Im Dienste der örtlichen Lebenswelt. Lokale Presse im ländlichen Raum, Opladen 1993, 15 ff.
216 Pallaver, Demokratie und Medien, 12 ff.
217 Hermann, Im Dienste der örtlichen Lebenswelt, 25 ff.
218 Constanze Spiess, Diskurshandlungen: Theorie und Methode linguistischer Diskursanalyse am Beispiel der Bioethikdebatte (=Sprache und Wissen 7), Berlin-Boston 2011, 274.
219 Sonja Baláž, Die Integration der Russischsprachigen in die estnische Gesellschaft: Diskursanalyse der estnischsprachigen Tageszeitung Postimees (1995-1999), Dissertation, Greifswald 2011, 38; Nicolas Ruth, Was ist ACTA? Eine Diskurs- und Medienanalyse zum Ursprung des Urheberstreits (=Populäre Kultur und Medien 6), Berlin 2013, 57.
220 Jim Riordan / Sue Bridger (Hrsg.) Dear Comrade Editor. Reader’s Letters to the Soviet Press under Perestroika, Bloomington-Indianapolis 1992, 2.
221 Spiess, Diskurshandlungen, 274.
222 Wengeler, Historische Diskurssemantik.
223 Ebenda, 190.
224 Ebenda, 189–193.
225 Martin Wengeler, Zur historischen Kontinuität von Argumentationsmustern im Migrationsdiskurs, in: Butterwegge / Hentges (Hrsg.), Massenmedien, Migration und Integration, 11–34, 13.
226 Wengeler, Historische Diskurssemantik, 191.
227 Josef Kopperschmidt, Methodik der Argumentationsanalyse, Stuttgart-Bad Cannstatt 1998.
228 Manfred Kienpointner, Alltagslogik: Struktur und Funktion von Argumentationsmustern, Stuttgart-Bad Cannstatt 1992.
229 Wengeler, Historische Diskurssemantik, 189–193.
230 „Ein Topos ist ein Standard des von einer Gesellschaft jeweils internalisierten Bewusstseins-, Sprachund/oder Verhaltenshabitus, ein Strukturelement des sprachlich-sozialen Kommunikationsfuges, eine Determinante des in einer Gesellschaft jeweils herrschenden Selbstverständnisses und des seine Tradition und Konventionen regenerierenden Bildungssystems“. Abgedruckt in: Lothar Bornscheuer, Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft, Frankfurt am Main 1976, 96.
231 Martin Wengeler, Argumentation im Einwanderungsdiskurs. Ein Vergleich der Zeiträume 1970-1973, in: Jung / Wengeler / Böke (Hrsg.), Die Sprache des Migrationsdiskurses, 124.
232 Kienpointner, Alltagslogik.
233 Wengeler, Historische Diskurssemantik, 193.
234 Ebenda, 194 f.
235 Wengeler, Argumentation im Einwanderungsdiskurs, 125.
236 Wengeler, Historische Diskurssemantik, 200–202; Martin Wengeler, „Ausländer dürfen nicht Sündenböcke sein“-Diskurslinguistische Methodik, präsentiert am Beispiel zweier Zeitungstexte, in: Ingo H. Warnke / Jürgen Spitzmüller, Methoden der Diskurslinguistik. Sprachwissenschaftliche Zugänge zu transtextuellen Ebenen, Berlin-New York 2008, 207–236, 216.
237 Zum Thema „kulturelles Gedächtnis“ vgl. Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 52005.
238 Karin Böke / Matthias Jung / Thomas Niehr / Martin Wengeler, Vergleichende Diskurslinguistik. Überlegungen zur Analyse internationaler und intralingualer Textkorpora, in: Martin Wengeler (Hrsg.), Sprachgeschichte als Zeitgeschichte, Hildesheim-Zürich-New York, 2005, 245–283, 264–270.
239 Matouschek, Soziodiskursive Analyse, 114 f.
240 Ebenda.
241 Yvonne Ehrenspeck / Alexander Geimer / Steffen Lepa, Inhaltsanalyse, in: Uwe Sander / Friederike von Gross / Kai-Uwe Hugger, Handbuch Medienpädagogik, Wiesbaden 2008, 351–256, 351.
242 Stulpe / Lemke, Blended Reading, 43 ff.
243 Agnes Mühlmeyer Mentzel, Das Datenkonzept von ATLAS.ti und sein Gewinn für „Grounded-Theorie“ Forschungsarbeiten, in: [http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/1621/3126], eingesehen am 08.02.2015.
244 Stulpe / Lemke, Blended Reading, 44.
245 Gregor Wiedemann / Matthias Lemke / Andreas Niekler, Postdemokratie und Neoliberalismus – Zur Nutzung neoliberaler Argumentation in der Bundesrepublik Deutschland 1949–2011. Ein Werkstattbericht, in: Zeitschrift für Politische Theorie (2013), Nr. 4(1), 80–96, 90.
246 Girardi, Geschichtlicher Abriss, 78.
247 Bubenhofer, Quantitativ informierte qualitative Diskursanalyse, 112 ff.
248 Tze-I Yang / Andrew J. Torget / Rada Mihalcea, Topic Modeling on Historical Newspaper, in: Proceedings of the 5th ACL-HLT Workshop on Language Technology for Cultural Heritage, Social Sciences, and Humanities, Portland, OR, USA, 96–104, 97.
249 Noah Bubenhofer, Korpuslinguistische Analyse von Argumentationsmustern, in: [https://www.bubenhofer.com/korpuslinguistik/kurs/index.php?id=anwendungen*argumentation.html], eingesehen am 23.10.2017.
250 Vgl. Wengeler, Topos und Diskurs. (Ein Teil der Muster sind von Wengeler entlehnt, andere haben sich aus der Analyse der Südtiroler Tageszeitungen ergeben).
Teil 2
1. Migration in Südtirol – Historische Hintergründe und vergleichende Medienanalyse
Das Kapitel Historische Hintergründe und vergleichende Medienanalyse bespricht die Auswertung fünf zentraler Südtiroler Migrationsdiskurse (Flüchtlingsdiskurs, Moscheebaudiskurs, Barackenlagerdiskurs, Wohnbaudiskurs und Integrationsdiskurs). Flucht als eine Form der unfreiwilligen Migration wird hierbei ebenfalls unter dem Begriff Migration zusammengefasst und Migration als Überbegriff für jegliche Form der Wanderung verwendet.251 Selbstverständlich gilt es zu unterscheiden zwischen (Arbeits-)migrant*innen und Flüchtlingen, wenn auch die Tageszeitungen gerade diese Unterscheidung manchmal gar nicht zulassen. Flucht ist nicht erst seit heute – auch nicht erst seit den 1990er-Jahren – ein Thema für Südtirol. Wie im nachfolgenden Kapitel aufgezeigt wird, haben Flüchtlingsbewegungen in Südtirol eine lange Geschichte. Deshalb – und auch wegen der aktuellen Brisanz des Themas – wurde der Flüchtlingsdiskurs als eigenständiger Diskurs in die Arbeit aufgenommen.
Zur Kontextualisierung der Diskurse wurden Wortprotokolle, Gesetzesentwürfe, Beschlussanträge und Anfragen des Südtiroler Landtags, die online abgerufen werden können,252 sowie ASTAT-Statistiken und Archivmaterial der Caritas ausgewertet. Dieser Kontextualisierung folgt die vergleichende Medienanalyse. Dafür wurden insgesamt 3.468 Artikel der Dolomiten und 2.616 Artikel der Alto Adige nach Argumentationen untersucht und beide Tageszeitungen gegenübergestellt.
Einzelne Ausschnitte aus diesem Kapitel wurden in Beiträgen von Sammelbänden oder Zeitschriften publiziert.253
1.1 Flucht und Vertreibung nach Südtirol von 1990 bis heute
Der politische und historische Rahmen
Über 60 Millionen Menschen sind seit 2014 aufgrund von Kriegen, Terror und Menschenrechtsverletzungen aus ihrem Heimatland geflohen, die höchste Zahl, die das UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) jemals verzeichnete und die höchste Zahl seit dem Zweiten Weltkrieg.254 Lediglich ein Bruchteil aller Geflohenen nahm und nimmt den gefährlichen Weg nach Europa auf sich und die meisten Menschen suchen Schutz in Nachbarländern wie dem Libanon oder der Türkei.255 Trotzdem entwickelte sich die Flüchtlingsfrage in Europa zu einer der größten Herausforderungen der Zeit, Folgen, wie der Rückzug auf den Nationalstaat, Wiedereinführung von Grenzkontrollen oder sogar der Austritt aus der Europäischen Union wie im Fall Großbritanniens, stellen die Europäische Union vor eine Zerreißprobe.
Auch Südtirol wurde und wird als Grenzregion und wichtiges Durchzugsland in den Norden mit den Herausforderungen der Fluchtbewegungen konfrontiert. Vergessen wird jedoch allzu leicht, dass Vertreibung und Flucht kein neues Phänomen für Europa und auch nicht für Südtirol darstellen. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Südtirol zum Transitland für Tausende Geflüchtete: italienische Zivilisten, illegal zurückkehrende Optant*innen, Jüd*innen sowie vor der alliierten Justiz fliehende Nationalsozialisten*innen.256 In den 1990er-Jahren kam es erneut zu Massenfluchtbewegungen, diesmal aus Albanien und Jugoslawien. Seit 2011 sind es Flüchtende aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten, die in Europa Schutze vor Verfolgung, Terror und Krieg suchen.
Die Flüchtlinge und der politische Diskurs der 1990er-Jahre
In Hinblick auf die Gesetzgebung verfügte und verfügt Südtirol als autonome Provinz über keinerlei Kompetenzen im Bereich des Asylrechts und der Flüchtlingsaufnahme sowie bei der Schließung von Rückübernahmeabkommen mit den jeweiligen Ursprungsländern. Trotzdem werden den Regionen und (autonomen) Provinzen von der Regierung Zuständigkeiten übertragen, die die soziale, kulturelle, aber auch wirtschaftliche Integration der Schutzsuchenden umfassen. Dazu gehören Kompetenzen in den Bereichen Gesundheitswesen, Schulwesen, Wohnbau, Teilnahme am öffentlichen Leben sowie Maßnahmen gegen Diskriminierung. Die Südtiroler Landesregierung übernahm in den 1990er-Jahren diese Zuständigkeiten jedoch nicht offensiv,257 sondern verfolgte gegenüber den Flüchtlingen eine Politik des Wegschauens. Es lag auch nicht im Interesse des Landes, Maßnahmen für die Integration von Neuankömmlingen zu erlassen. Denn die Südtiroler Volkspartei sah laut Parteiprogramm ihre Hauptaufgabe darin, das „[…] Land mit seiner Bevölkerung vor Überfremdung […] zu bewahren“258 und nicht eine multikulturelle Gesellschaft zu begünstigen.
Als in Folge des Zusammenbruchs des Ostblocks mit Ende des Kalten Krieges 1991 über 25.000 Menschen aus Albanien über die Meerenge von Otranto nach Italien flüchteten,259 und davon 361 Menschen aufgrund staatlicher Überweisung in Südtirol Unterkunft fanden,260 stießen Vorschläge zur „kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen“ Integration der Schutzsuchenden vonseiten des SVP-Abgeordneten Franz Pahl bei der Landesregierung auf wenig Interesse.261 Dieser hatte die Einführung von Sprachkursen für Flüchtlinge, die Eingliederung der Jugendlichen und Kinder in die Schule sowie die Integration in den Arbeitsmarkt vorgeschlagen. Ebenfalls sollten „zwischen Einheimischen und Flüchtlingen […] nur jene Unterschiede gemacht werden, die der Sachlage nach geboten sind und nur, solange sie geboten sind.“262 Die Forderungen des SVP-Abgeordneten blieben bei der Landesregierung jedoch ungehört. Daran änderte sich auch nichts, als im August 1991 weitere 20.000 sogenannter boat people Italien erreichten, die in Rostlauben die Adria überquerten und auf ein besseres Leben hofften. Damals gingen auch die Bilder des extrem überfüllten Flüchtlingsschiffs Vlora um die Welt, die die dramatische Situation der Fliehenden zeigten.263 Italien war auf die Ankunft einer derart großen Anzahl von Menschen nicht vorbereitet: Es fehlte an Flüchtlingsheimen, funktionierenden Systemen zur Verteilung und generell an zentralen und lokalen Behörden zur Verwaltung.264
Primäres Ziel der italienischen Regierung war es deshalb, die Flüchtlinge landesweit auf verschiedene Einrichtungen zu verteilen. Zweck dieser Verteilung war es zudem, die Kontrolle über die Neuankömmlinge zu bewahren, indem soziale Bindungen getrennt wurden, andererseits sollte die Aufnahme in den Arbeitsmarkt in den einzelnen Regionen auf diese Weise erleichtert werden.265 In Südtirol wurde die ehemalige Kaserne Cesare Battisti bei Welsberg als Unterkunft zur Verfügung gestellt und die dort untergebrachten albanischen Bürger*innen wurden auf Staatskosten versorgt.266 Die Landesregierung in Südtirol selbst zeigte sich gegenüber den Geflüchteten jedoch äußerst zurückhaltend, weshalb der Landtagsabgeordnete Franz Pahl zu Recht das „stille Nichtstun“ der Südtiroler Volkspartei sowie die „Warteposition“ des Landes beklagte:
„Begreiflich zwar, daß eine politische Landesführung, die ein Leben lang mit dem ethnischen Überlebenskampf beschäftigt war […], es nicht gerne sieht, wenn […] auch einem kleinen Land neue Aufgaben aufgenötigt werden. Begreiflich ist das aber nur psychologisch, politisch logisch ist es nicht.“267
Die Aufnahme der Flüchtlinge erfordere, so der Politiker Pahl, ein Umdenken bei der Landesführung und ein Überwinden der historisch begründeten Ängste, da es sich diesmal um keine „italienische Einwanderung, sondern um eine humane Hilfsaktion“268 handle.
Die Landesregierung begegnete den Flüchtlingen aus Albanien jedoch mit Skepsis. Zudem sah sich die Gemeinde Welsberg mit der Zahl der Neuankömmlinge überfordert. Die Bevölkerung als auch die Politiker*innen von Welsberg äußerten ihre Bedenken und erklärten, 361 Flüchtlinge für einen kleinen Ort wie Welsberg seien zu viel.269 Franz Pahl hielt auch hier entgegen: „Aber ein Vielfaches an Touristen heißen wir willkommen. […] Eine Partei mit ethischer Legitimation muß sich hier entscheiden für ein neues Humandenken, das nicht nur die Südtiroler Sozialbedürfnisse abdeckt.“270 Die aufgekommen Unruhen veranlassten Abgeordnete der Alternativen Grünen Fraktion dazu, weitere Bemühungen zu fordern, um eine friedliche Integration der Geflüchteten zu erreichen. Dazu gehörten die Verteilung der Neuankömmlinge auf alle Gemeinden Südtirols, die Intensivierung von Sprachkursen, die Einschulung von Kindern sowie die Vermittlung von Arbeitsplätzen.271
Ähnlich wie die Anfragen von Franz Pahl blieben auch die Bemühungen der Grünen weitgehend unberücksichtigt – nicht zuletzt, weil die Aufnahme von Flüchtlingen im Land erst gar nicht in Erwägung gezogen wurde. So ist im Parteiprogramm der bis heute den Landtag dominierenden Südtiroler Volkspartei aus dem Jahr 1993 im Hinblick auf den Umgang mit Flüchtlingen zu lesen:
„Die Südtiroler Volkspartei hat Verständnis für politische Flüchtlinge und tritt dafür ein, dass auch Südtirol im Rahmen seiner Möglichkeiten diesen Menschen im eigenen Land konkrete Hilfe bietet. […] Sie ist überzeugt und wird sich dafür einsetzen, dass den Menschen vor Ort geholfen wird. Nur eine solche Hilfe kann effektiv und von dauerhafter Wirkung sein.“272
Geholfen werden sollte laut Parteiprogramm in den Krisenländern bzw. Herkunftsländern und nicht im eigenen Land. Dies änderte jedoch nichts daran, dass Geflüchtete auch in Südtirol eine Realität darstellten und diese Realität auch Maßnahmen zur Eingliederung verlangte. Stattdessen setzte die SVP weiterhin auf finanzielle Unterstützung in den jeweiligen Herkunftsländern, selbst nach der Ankunft weiterer Schutzsuchender aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens zwischen 1991 und 1999. Geflohen waren jene Menschen vor den kriegerischen Auseinandersetzungen in Jugoslawien, die maßgeblich durch das Serbien Miloševićs verursacht wurden. Als Folge der innerjugoslawischen Bürgerkriege kam es zu massiven Bevölkerungsbewegungen aus Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo. Medienberichte über die Gräueltaten brachten die EU-Mitgliedstaaten unter moralischen und politischen Handlungsdruck, die es aber trotzdem nicht vermochten, die Zivilist*innen vor den Massakern zu schützen.273 Die Südtiroler Landesregierung selbst beteiligte sich 1995 mit der Verdoppelung von Spenden der Südtiroler Bevölkerung an die Caritas.274 Die Hilfe für Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien verhielt sich aber nach der Zuweisung durch die italienische Regierung von zunächst 340 bis 380 Menschen in der Wackernell-Kaserne in Mals und 130 Personen in Wiesen-Pfitsch erneut zögerlich.275
Dass Hilfe im eigenen Land für die Landesregierung keine Option darstellte, zeigte sich insbesondere und ebenfalls im Jahr 1995, als sich die Situation in Bosnien-Herzegowina zunehmend verschlechterte und immer mehr Menschen außerhalb ihres Landes Schutz suchen mussten. Anfragen seitens der Gesellschaft für bedrohte Völker und der Grünen, weitere Menschen in Südtirol aufzunehmen, wurden von der Landesregierung wenig beachtet.276 Selbst der persönlichen Bitte des Ministers für Flüchtlinge und Vertriebene der Republik Bosnien-Herzegowina, Martin Raguž, weitere Flüchtlinge aus Bosnien in der Provinz Bozen aufzunehmen, kam die Landesregierung nicht nach. Wie Landeshauptmann Luis Durnwalder laut Dolomiten am 22. August 1995 sagte, sei es „[…] im Falle der bosnischen Flüchtlinge viel besser, konkrete humanitäre Hilfe zu leisten, als Lösungen zu verlangen, die, wie weitere Flüchtlinge aufzunehmen, nicht durchführbar sind.“277 In Südtirol betrug das Verhältnis zwischen aufgenommenen Flüchtlingen und Einwohner*innen im Jahr 1995 1:1.500. Im Vergleich: In Österreich kam im selben Zeitraum ein Flüchtling auf 120 Einwohner*innen.278 Es handelte sich deshalb nicht, wie Landeshauptmann Durnwalder betonte, um eine Frage der Durchführbarkeit, sondern vielmehr um eine Frage des Willens, und der war seitens der Landesregierung nicht gegeben. Auch Forderungen seitens der Grünen und der inzwischen neu gegründeten Freiheitlichen Partei im Jahr 1999, Flüchtlingsunterkünfte zu errichten sowie Flüchtlingsbeauftragte zu ernennen,279 blieben von der Südtiroler Landesregierung ungehört.
Diese Haltung war vor allem für jene Menschen dramatisch, die unabhängig von der staatlichen Überweisung nach Südtirol kamen und deshalb nicht in den staatlichen Einrichtungen untergebracht wurden. Zu diesen gehörten auch Roma-Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien, insbesondere aus Mazedonien, von denen sich rund 300 nach Südtirol durchschlugen. Sie verfügten über eine außerordentliche Aufenthaltsgenehmigung „aus humanitären Gründen“, lebten in der Provinz jedoch in einem illegalen Lager am Ex-Vives-Gelände in Bozen-Süd unter prekären und hygienisch untragbaren Zuständen.280 Für jene Roma-Flüchtlinge, die in ihrer Heimat mehrheitlich ein bürgerliches Leben geführt hatten, also einer Arbeit nachgegangen und sesshaft gewesen waren, war diese Situation besonders tragisch.281 Erst nach einem Brand 1996 löste die Stadt das Lager aufgrund der katastrophalen Zustände auf und befasste sich mit Lösungen für eine humane Unterbringung.282 Nach langen Verhandlungen und trotz wenig Kooperationsbereitschaft der Gemeinden wurden schließlich zwei Wohnplätze gefunden: In der Sader-Kaserne in Vahrn wurden etwa 130 der geflüchteten Personen untergebracht, 40 bis 45 Menschen kamen in einem ehemaligen Treibstoffdepot in Meran-Untermais unter.283
Die Unterbringung der Roma war jedoch alles andere als unproblematisch, denn der Großteil der Anrainer*innen wehrte sich gegen die Umsetzung der Pläne der Landesregierung – so gut wie niemand wollte die mazedonischen Flüchtlinge in der unmittelbaren Nachbarschaft haben. Sowohl in Meran als auch in Vahrn kam es deshalb zu Protestkundgebungen. In Meran befürchteten Hoteliers durch das Lager einen Image-Verlust: „Skandal! Roma-Lager am Ortseingang – Das Aus für den Tourismus; 10 Pensionen mit 300 Betten bangen um ihre Existenz“284, stand beispielsweise auf einem der Protestschilder. Auch in Vahrn befürchtete die Bevölkerung durch die Ansiedlung von Roma-Flüchtlingen Auswirkungen auf den lokalen Tourismus: „Der Gast sucht in Südtirol Ruhe und eine heile Welt“285, meinte Josef Thaler, Präsident des Brixner Tourismusvereins. Die Roma-Flüchtlinge würden dieses Bild stören. Ebenfalls die Freiheitlichen verurteilten die Verteilung der Roma-Flüchtlinge in verschiedene Unterkünfte: Die Errichtung von auf das ganze Land verstreuten Zigeunerlagern bringt nicht nur zusätzlichen sozialen Sprengstoff, sondern zieht immer neue Gruppen an.“286
Aus diesem Grund sollte laut Pius Leitner Hilfe nicht vor Ort, sondern in den jeweiligen Herkunftsländern stattfinden:
„Das Zigeunerproblem ist zu einem guten Teil auch ein Flüchtlingsproblem. Es kann nur gelöst werden, wenn sich der Zustand von Krieg, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen, Rechtsunsicherheit usw. in den Herkunftsländern ändert.“287
Für die Flüchtlinge, die bereits in Südtirol lebten, konnten die Vorschläge der Freiheitlichen jedoch weder eine Verbesserung ihrer Situation noch eine Lösung bedeuten.
Die Flüchtlingspolitik der 2000er-Jahre
Zu ersten konkreten politischen Maßnahmen zum Schutz von Menschen, die in Südtirol zeitweilig oder auch langfristig Aufnahme suchten, kam es in den 2000er-Jahren. Auslöser dafür war die mitunter katastrophale Situation kurdischer Flüchtlinge im Jahr 1999 und 2000, die auf dem Weg in den Norden Europas einen Zwischenaufenthalt in Südtirol von ein bis vier Tagen einlegten.288 Da die Errichtung einer Flüchtlingsunterkunft von der Landesregierung abgelehnt wurde, mussten die Schutzsuchenden ihre Aufenthaltstage im Bozner Bahnhofspark, im Obdachlosenheim oder im ehemaligen Hotel Tre Gobbi in Bozen verbringen.289
Die Gesellschaft für bedrohte Völker kritisierte deshalb erneut die Untätigkeit der Landesregierung. In einem Schreiben an die Abgeordneten und Fraktionen der Landesregierung am sechsten Oktober 1999 forderte diese die Landesregierung auf, ihre Pflicht in der Flüchtlingsversorgung nachzukommen:
„Es ist vollkommen unverständlich, daß ein reiches Land wie Südtirol Flüchtlingen keine Unterkunft bietet und sie dem Zufall bzw. dem Idealismus von Freiwilligen-Organisationen überläßt. […] Allein in den vergangenen zwei Wochen hat die Bahnpolizei in Bozen mehr als 300 Kurden an der Weiterreise nach Deutschland gehindert. […] Die Hälfte davon fand Unterkunft bei den Patres in Muri Gries, ein weiterer Teil war gezwungen, im Bahnhofspark zu übernachten. Wie in allen Fällen gehört die Abwesenheit der öffentlichen Verwaltung zu den blamablen Details dieser Flüchtlingstragödien.“290
Daraufhin forderten die Grünen in einem Antrag die Erarbeitung eines Gesamtkonzepts zur zeitweiligen Flüchtlingsunterbringung.291 Im Landtag wurde dieser Antrag angenommen und im Juli 2000 schließlich genehmigte die Landesregierung den sogenannten Landesplan für Flüchtlinge. Dort hieß es: „Die Autonome Provinz Bozen gewährleistet den Flüchtlingen, welche sich kurz, mittel- oder langfristig in Südtirol aufhalten, Hilfe und Unterstützung […].“292 Vorgesehen waren Maßnahmen, die die Errichtung eines Aufnahmezentrums für eine kurze Aufenthaltsdauer (max. fünf Tage), finanzielle Unterstützung und die Bereitstellung von Wohnungen bzw. die Unterbringung in Privathaushalten für eine längere Anwesenheit (durchschnittlich ein Jahr) sowie Asylantenwohnheime für mittelfristige Aufenthalte umfassten. Ebenfalls war die Errichtung eines Flüchtlingszentrums für außergewöhnliche Notfälle vorgesehen.293
Auch die berufliche Integration wurde als ein Grundsatz der Flüchtlingshilfe angeführt:
„Neben der notwendigen humanitären Hilfe, soll den Flüchtlingen durch Bildungs- bzw. Berufsbildungsangebote die persönliche und berufliche Entfaltung bzw. Entwicklung ermöglicht werden.“294
Darüber hinaus genehmigte die Landesregierung den von Landesrat Otto Saurer im Dezember 1999 vorgebrachten Landessozialplan 2000 bis 2002, in dem zum ersten Mal der Bereich Flüchtlinge eigens angeführt wurde. Der Landessozialplan sah neben Maßnahmen zur Unterbringung von geflüchteten Menschen auch Integrationsmaßnahmen für Neuankömmlinge vor.295 Die Landesregierung hatte somit politische Rahmenbedingungen geschaffen, um Geflohenen eine bessere Unterstützung zu bieten. Als jedoch Cristina Kury von den Grünen im Jahr 2002 bei der Landesregierung nachfragte, was von den Maßnahmen des Landesplans für Flüchtlinge bereits umgesetzt worden sei, musste Landesrat Saurer gestehen, dass nicht alle Maßnahmen ausgeführt werden konnten, und schob dies u. a. auf die Schwierigkeiten der Strukturenbereitstellung sowie auf die Unvorhersehbarkeit von Fluchtbewegungen.296 Aus dem Landessozialplan 2007 bis 2009 geht jedoch hervor, dass bis 2006 72 Schlafplätze für Flüchtlinge in ganz Südtirol geschaffen wurden. Ziel bis 2009 war die Schaffung weiterer 78 Plätze.297
Weil es bis 2011 zu keinen größeren Fluchtbewegungen nach Italien und somit Südtirol kam und nur wenige Geflüchtete Schutz in der Provinz Bozen suchten, hielten sich in den 2000er-Jahren weitere politische Debatten über Flüchtlinge in Grenzen. Lediglich die Freiheitlichen griffen das Thema von Zeit zu Zeit auf. Zum Beispiel wurde am Weltflüchtlingstag im Jahr 2003 in einer Pressemitteilung darauf aufmerksam gemacht, dass die Asylpolitik nicht mit der Einwanderungspolitik zu vermischen sei.298 Oder 2004, nach den Anschlägen in Madrid, wurde eine Verschärfung des Asylrechtes (Beschleunigung der Verfahren, Meldepflicht und verschärfte Kontrollen für Asylberwer*innen, strikte Unterscheidung zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und echten, politischen Flüchtlingen und sofortige Abschiebung bei gefälschter Identität) für Südtirol gefordert.299
Die Flüchtlinge und der politische Diskurs 2011 bis 2014
Zur ersten gesetzlichen Verankerung von politischen Maßnahmen hinsichtlich der Integration von Menschen anderer Nationalitäten kam es 2011. Zwar führte bereits der Landessozialplan für 2000 bis 2002 die Integration geflüchteter Menschen als eine wesentliche Aufgabe an, doch erließ die Südtiroler Landesregierung erst 2011 auf Druck der Opposition ein Integrationsgesetz für Zugewanderte und Flüchtlinge. Dieses schuf in den Bereichen sozialer Spracherwerb, Fürsorge, Gesundheit, Wohnbauförderung sowie Aus- und Weiterbildung Möglichkeiten, die über staatliche Bestimmungen hinausgingen. Ebenso sah das Integrationsgesetz die Schaffung eines mehrjährigen Programms zur Einwanderung, die Gründung einer Antidiskriminierungsstelle sowie eines Landeseinwanderungsbeirates vor.300 Zu Recht kritisierten die Grünen jedoch, dass dieses Gesetz keine spezifischen Verpflichtungen gegenüber „Flüchtlingen, Staatenlosen, Asylbewerbern und Personen, die unter internationalem Schutz stehen“301 vorsah. Angesichts der Ankunft Tausender Flüchtlinge aus Nordafrika in Italien und der Unterbringung von 0,9 Prozent jener Geflohenen (das entsprach 169 Asylwerbenden) im Jahr 2011 wurde der Landesregierung deshalb erneut übermäßige Zurückhaltung vorgeworfen. Denn für die Flüchtlinge, die aufgrund des Ausbruchs des Bürgerkriegs in Libyen ihre Heimat verlassen mussten und in Südtirol unter anderem in Bozen, Meran und Vintl (Fischerhaus) Aufnahme fanden, enthielt das Integrationsgesetz keine spezifischen Maßnahmen zur Eingliederung in die Südtiroler Gesellschaft.
Auslöser für die Flucht Tausender aus Nordafrika stammender Menschen nach Italien war die arabische Demokratie-Bewegung, auch Arabischer Frühling genannt, die 2011 in Tunesien und Ägypten zu einem Sturz der Regime führte und folglich Protestbewegungen in Libyen, Jemen und Syrien hervorrief. Sie begannen als Bürgeraufstände und waren gegen die Willkür der Regime gerichtet.302 In Libyen mündeten die Proteste jedoch in einen Bürgerkrieg zwischen Aufständischen und den regierungstreuen Truppen des Machthabers Muammar al-Gaddafi, was zu einer Flucht über einer Million Menschen aus Libyen führte.303 Obwohl Italien 2011 im Gegensatz zu den Nachbarländern Libyens (zum Beispiel Ägypten oder Tunesien) lediglich einen Bruchteil der nordafrikanischen Geflüchteten aufnahm und die Zahl der aufgenommen Schutzsuchenden für Italien keinesfalls eine neue Dimension darstellte, löste jene Flüchtlingsbewegung in Europa enorme Ängste vor einem unaufhaltsamen Zustrom irregulärer Migrant*innen aus. So ging Italiens Außenminister Franco Frattini im Frühjahr 2011 von 200.000 bis 300.000 Menschen aus, die nach Italien flüchten und einen Exodus biblischen Ausmaßes verursachen würden. Auch der italienische Innenminister Roberto Maroni (Lega Nord) befürchtete, dass die libyschen Flüchtlinge Italien in „die Knie zwingen“ würden. Prognosen, die keinerlei Bezug zur Realität hatten und sich im Nachhinein als maßlose Übertreibung entblößten.304 Italien setzte anschließend auf die Abwehr der Flüchtlinge und unterzeichnete im Juni 2011 mit Libyen eine Vereinbarung für den Kampf gegen die illegale Einwanderung. Obwohl in Libyen der Bürgerkrieg noch nicht geendet hatte, wurden tausende Schutzsuchende zurückgeschickt.305
Die Panikmache in Italien übertrug sich auf Südtirol, wo sich die Landesregierung erneut zögerlich und ablehnend gegenüber jenen Menschen zeigte, die vor kriegerischen Auseinandersetzungen flüchteten. Landeshauptmann Luis Durnwalder äußerte sich im März 2011 in der Dolomiten wie folgt: „Südtirol verfügt über wenige geeignete Strukturen, in welchen Flüchtlinge aus Libyen untergebracht werden können. […] Das Land kann höchstens 50 Personen unterbringen.“306 Kurze Zeit später sank diese Zahl weiter auf 20 bis 30 Personen, obwohl laut Landessozialplan 2007 bis 2009 mehr Plätze für Flüchtlinge geschaffen wurden. Die Landesregierung betrachtete es offensichtlich nach wie vor nicht als ihre Aufgabe, Menschen aufzunehmen, die Hilfe und Sicherheit in einem für sie fremden Land suchten. Vielmehr wurden die Zuweisung und die Aufnahme von geflüchteten Personen als Bürde oder als Zumutung wahrgenommen, die einem kleinen und speziellen Land wie Südtirol auferlegt würde. Ernstgemeinte Gastfreundschaft oder Hilfsbereitschaft, bei der das tragische Schicksal von Menschen und nicht eigene Interessen im Vordergrund standen, zeigten sich im politischen Diskurs nur selten und lediglich bei den Grünen.
Darüber hinaus hatte die abwehrende Haltung gegenüber Geflüchteten zur Folge, dass besonders auf Seiten der Freiheitlichen die Forderung nach mehr Autonomie und Recht auf Mitbestimmung in der Flüchtlingsfrage laut wurde. Begründet hatte die Partei ihre Forderung mit der Andersartigkeit Südtirols:
„In der Flüchtlingspolitik braucht es in Südtirol eine andere Denkart als in einem großen Staat. Ein Minderheitenland wie wir es sind darf kein Flüchtlingsland sein […]. Ein Minderheitenland muss in der Einwanderungsfrage primäre Gesetzgebung haben, damit wir die Zuwanderung selbst steuern können. So wie es jetzt geschieht, handelt es sich bei der Zuwanderung um eine Unterwanderung der deutschen und ladinischen Volksgruppe und das kann nicht sein!“307
Die Sorge, dass sich der ethnische Proporz in Südtirol durch die Eingliederung ausländischer Bürgerinnen und Bürger zugunsten der italienischen Sprachgruppe verschieben könnte, weil sich „ein guter Teil der Einwanderer und Flüchtlinge […] längerfristig der italienischen Volksgruppezugehörig erklärt“308, lag nicht zuletzt in der historisch versuchten Italianisierung Südtirols begründet. Vor allem Zugehörige des rechten Parteienspektrums sahen in der vermuteten Integration der Flüchtlinge in die italienische Sprachgruppe eine Gefahr für die Existenz der deutschen und ladinischen Bevölkerung. Aber nicht nur die Freiheitlichen und die Süd-Tiroler Freiheit, sondern auch die Südtiroler Volkspartei äußerte immer wieder ähnliche Bedenken.
Des Weiteren warnten die Freiheitlichen vor einer Islamisierung Südtirols sowie vor der Einreise von Islamisten in Südtirol. Die Partei schreckte auch davor nicht zurück, einen Beschlussantrag zu diesem Thema einzureichen, in dem folgendes gelesen werden konnte:
„Die schleichende Islamisierung Europas schleicht unaufhaltsam voran. Auch Südtirol wird davon immer stärker betroffen. […] Es ist zu befürchten, dass mit den sich abzeichnenden Flüchtlingsströmen aus Nordafrika auch weitere Islamisten nach Europa kommen und es grenzt an Blauäugigkeit, einfach darauf zu hoffen, dass in Nordafrika jetzt automatisch demokratische Staaten entstehen werden.“309
In Anbetracht der Tatsache, dass im Jahr 2011 nicht mehr als 2,5 Prozent der Südtiroler Gesamtbevölkerung Muslim*innen waren und lediglich 196 nordafrikanische Asylbewerber*innen in Südtirol untergebracht wurden, hatten diese Ängste keine ernsthafte Grundlage.310 Dass die Panikmache jedoch ihre Wirkung in der Bevölkerung nicht verfehlte, zeigt der Brandanschlag auf die Flüchtlingsunterkunft in Vintl (Fischerhaus) im Mai 2011.311
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.