Kitabı oku: «Übertragung und Gegenübertragung im therapeutischen Prozess»

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Der Autor

Dipl.-Psych. Siegfried Bettighofer ist Psychoanalytiker (DPG), Dozent, Lehranalytiker und Supervisor bei der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse MAP e. V. (DGPT) und arbeitet in eigener Praxis in Augsburg.

Siegfried Bettighofer

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6., überarbeitete Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-040688-9

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pdf: ISBN 978-3-17-040689-6

epub: ISBN 978-3-17-040690-2

Inhalt

1  Vorwort

2  1 Die hilfreiche Beziehung in der Psychoanalyse

3  2 Das ursprüngliche Übertragungskonzept

4  2.1 Übertragung als Störung der Realitätswahrnehmung

5  2.2 Übertragung als Regression

6  2.3 Übertragung als Verschiebung

7  2.4 Übertragung als Projektion

8  2.5 Übertragung als einseitiger Vorgang – der Analytiker als passive Projektionsfläche?

9  3 Ansätze zu einem erweiterten Konzept von Übertragung und Gegenübertragung

10  3.1 Die Subjektivität des Analytikers

11  3.1.1 Beobachten ist das Herstellen von Bedeutungen

12  3.1.2 Die Person des Analytikers

13  3.1.3 Der Therapeut und seine Werthaltungen und Konzepte

14  3.2 Übertragung – die Aktivierung innerer Schemata des Patienten

15  3.2.1 Die Beschaffenheit der inneren Schemata

16  3.2.2 Entstehung der inneren Schemata – der Einfluss der Säuglings- und Kleinkindforschung

17  3.2.3 Strukturelle Regression

18  3.2.4 Transgenerationale Weitervermittlung innerer Schemata

19  3.2.5 Die Aktualisierung der generalisierten Interaktionsschemata in der therapeutischen Beziehung

20  3.3 Die Interaktion zwischen Therapeut und Patient

21  3.3.1 Der Einfluss des Analytikers auf die Übertragung

22  3.3.1.1 Die Einladung des Patienten zum Dialog und die Antwortbereitschaft des Therapeuten

23  3.3.1.2 Vom spiegelnden zum aktiven Analytiker

24  3.3.1.3 Der aktive Anteil des Analytikers an der Entwicklung der therapeutischen Beziehung

25  3.3.1.4 Die therapeutische Beziehung als zirkulärer Prozess

26  3.3.1.5 Die Eigenübertragung des Analytikers

27  3.3.1.6 Agieren und Mitagieren der Übertragung

28  3.3.1.7 Übertragungswiderstand und Gegenübertragungswiderstand – Von der Psychodynamik zur Interaktion des Widerstandes

29  3.3.2 Die latente szenische Übertragungs-Gegenübertragungs-Beziehung – die reale Inszenierung des Traumas in der therapeutischen Beziehung

30  3.3.2.1 Die direkte Antwort in der Gegenübertragung

31  3.3.2.2 Die latente Übertragung als Inszenierung

32  3.3.2.3 Exkurs: Zur Theorie des therapeutischen Veränderungsprozesses

33  3.3.2.4 Die Wahrnehmung des Analytikers durch den Patienten und das Bedürfnis nach Beziehungsdefinition

34  3.4 Die therapeutische Situation als Kommunikationssystem

35  3.4.1 Exkurs: Einige Ergebnisse aus der Psychotherapieforschung – die nonverbale Angleichung zwischen Therapeut und Patient

36  3.4.2 Unbewusste Interaktionsregeln zwischen Therapeut und Patient

37  3.5 Übertragung und genuine Objektbeziehung

38  4 Psychoanalyse als Beziehungskonflikttherapie

39  4.1 Der Analytiker als neues Objekt

40  4.2 Zwei Grunddimensionen der therapeutischen Beziehung – der Analytiker als Umwelt und als Objekt

41  4.2.1 Der Analytiker als Umwelt

42  4.2.1.1 Empathie als entwicklungsfördernde Hintergrundbedingung

43  4.2.1.2 Brüche in der therapeutischen Beziehung

44  4.2.2 Der Analytiker als Objekt

45  4.2.3 Das Verhältnis von Hintergrundbeziehung und objektaler Übertragung

46  4.3 Widerstand

47  4.3.1 Angst vor Retraumatisierung – Ist jeder Widerstand auch ein Übertragungswiderstand?

48  4.3.2 Der Beitrag des Analytikers zur Überwindung von Widerständen – Widerstandsanalyse als interpersonelles Geschehen

49  4.3.3 Die Bedeutung von Deutungen

50  4.3.4 Die Deutung der Aktualgenese eines Übertragungswiderstands im Hier und Jetzt

51  4.4 Die Aktualgenese im Hier und Jetzt der Übertragung

52  4.4.1 Die frühe und direkte Übertragungsanalyse

53  4.4.1.1 Aktives Aufgreifen von Übertragungsanspielungen und -auslösern

54  4.4.1.2 Die Verarbeitung von Übertragungsauslösern durch den Patienten

55  4.4.2 In der Übertragung bleiben – in der Übertragung halten

56  4.4.2.1 Probeweise Übernahme der Projektionen des Patienten

57  4.4.2.2 Mitagieren der zugewiesenen Rolle – Arbeit in der Übertragung

58  4.4.2.3 Klärung von Enactments in der Übertragung

59  4.4.3 Lassen sich Inszenierungen durch die direkte Übertragungsanalyse verhindern?

60  4.5 Abstinenz – Gibt es nützliche Aspekte des Agierens?

61  4.5.1 Der Mut zur Authentizität: Die natürliche Affektivität und die spontane Geste des Therapeuten

62  4.5.2 Ein intersubjektiver Neutralitätsbegriff – Neutralität durch reflektiertes Mitagieren

63  4.5.3 Inszenierung und Mitteilung der Gegenübertragung

64  4.6 Analyse der Gegenübertragung

65  Literatur

66  Stichwortverzeichnis

67  Personenverzeichnis

Vorwort

Psychoanalytiker1 haben hohe Ansprüche an sich und an die Qualität ihrer therapeutischen Arbeit. Dagegen ist sicherlich nichts einzuwenden, jedoch kann ich mich des Verdachts nicht erwehren, dass mancherorts nach wie vor Anzeichen einer selbstidealisierenden Überschätzung in den Reihen der Psychoanalyse zu erkennen sind. Demgegenüber gesteht der prominente nordamerikanische Psychoanalytiker Gill (1997) in seinem Spätwerk mit leisem Bedauern ein, dass andere psychotherapeutische Methoden mit weniger zeitlichem und finanziellem Aufwand dieselben Effekte erzielen könnten, also effizienter sind als die Psychoanalyse, wobei er allerdings nicht primär die Verhaltenstherapie meint, sondern sich auf alle psychodynamischen Verfahren bezieht. In der Öffentlichkeit verdichtet sich während der letzten Jahre ein zunehmend kritisches Bewusstsein unserer Arbeit gegenüber. Die analytische Behandlung steht also auf dem Prüfstand, sie wird kritisch hinterfragt. Es reicht in dieser Situation nicht mehr, sich in den analytischen Elfenbeinturm zurückzuziehen und sich mit der Wiederholung einiger Dogmen und Lehrsätze zu verteidigen bzw. ihre vermeintliche Überlegenheit herbeizureden.

In dieser brisanten Situation ist etwas anderes nötig: Die Psychoanalyse muss sich der fachübergreifenden Diskussion öffnen und ihre behandlungstechnischen Konzepte und Modelle einer kritischen Reflexion unter aktuellen Gesichtspunkten unterziehen. Sie muss auch ihren Anspruch, eine fundierte und wirksame Form der Psychotherapie zu sein, durch eine realistische Einschätzung und den empirischen Nachweis ihrer Wirksamkeit erst wieder unter Beweis stellen.

Die vorliegende Arbeit entstand unter dem Eindruck, dass es auch in analytischen Behandlungen immer wieder zu erheblichen Stillständen, zu negativen Verläufen oder zum Abbruch von Therapien durch Patienten kommt. Dies wurde über viele Jahre hinweg tabuisiert oder einseitig den Patienten angelastet. Obwohl davon ausgegangen werden kann, dass Psychoanalytiker bei ihrer Arbeit verantwortlich handeln und über die nach wie vor längste und intensivste psychotherapeutische Ausbildung verfügen, kommt es auch in analytischen Behandlungen – häufiger als gemeinhin angenommen – zu negativen Prozessen und destruktiven Entwicklungen in der Therapeut-Patient-Beziehung. Diese können im ungünstigsten Fall zu einer massiven Schädigung des Patienten führen. Die meisten Formen der gestörten Beziehung zwischen Therapeut und Patient verlaufen wenig spektakulär und fallen wegen ihrer Subtilität gar nicht sofort auf, wodurch allerdings ihre Destruktivität nicht geringer wird.

In der Psychoanalyse besteht inzwischen ein zunehmender Konsens darüber, dass die verbale Deutung und Einsicht nicht die wesentlichen therapeutischen Wirkfaktoren sind. Auch das Entstehen einer als hilfreich empfundenen Beziehung zwischen Analytiker und Patientin entscheidet wesentlich über den Erfolg oder Misserfolg einer Analyse. Dabei kommt insbesondere der Arbeit mit Übertragung und Gegenübertragung eine zentrale Bedeutung zu, denn in schwierigen Fällen hängt der Behandlungserfolg entscheidend davon ab, inwieweit die Therapeutin mit ihrer Gegenübertragung konstruktiv umgehen kann.

In Übereinstimmung mit Gill (1982) ist es auch mein Eindruck, dass trotz der zentralen Stellung, die die Übertragungsanalyse in der Behandlungstheorie einnimmt, die praktische Arbeit mit Übertragungsprozessen noch weit hinter der Theorie herhinkt und sich Schwierigkeiten in der konkreten Umsetzung zeigen. Hier versuche ich, in meiner Arbeit anzusetzen, indem ich nach der Darstellung des klassischen Übertragungsbegriffes einzelne Aspekte, die während der letzten Jahre allmählich größere Aktualität erlangt haben, im Einzelnen beschreibe.

Zunächst wird das klassische objektivistische Behandlungsparadigma einer Kritik unterzogen und auf die Subjektivität aller Beobachtungen und Einschätzungen, die der Analytiker vornimmt, verwiesen. Das Schema-Konzept wird verwendet, um die sich entfaltende Übertragung des Patienten als die Aktivierung bestimmter innerer Schemata zu beschreiben, die einerseits als Niederschläge von frühkindlichen Interaktionserfahrungen im Patienten abrufbar sind, jedoch auch durch die Person des Analytikers und sein Interaktionsangebot aktualisiert werden. Deshalb kommt der Interaktion zwischen Therapeut und Patient auch eine sehr zentrale Bedeutung zu, weil, wie im nächsten Kapitel beschrieben wird, die Entfaltung der Übertragung immer ein interaktioneller Vorgang ist: eine Ko-Kreation, bei dem beide Interaktionspartner sich sehr subtil aufeinander einstellen und sich gegenseitig anpassen und so in einem zirkulären Prozess die jeweils spezifische Form der Übertragung herstellen. Dabei wird stets der Einfluss des Therapeuten und das Vorliegen möglicher Eigenübertragungen seinerseits besonders berücksichtigt, da die Person des Analytikers mit ihrem eigenen Einfluss auf den analytischen Prozess in der fachlichen Diskussion durch den Einfluss der intersubjektiven Wende zunehmend in den Fokus gekommen ist.

Große Bedeutung hat das Konzept der latenten Übertragung, das beschreibt, wie sich in jeder Therapeut-Patient-Beziehung unvermeidlich unbewusste Interaktionsmuster einschleichen, die in einen Handlungsdialog zwischen beiden münden, durch den im Sinne des Wiederholungszwanges eine traumatische frühe Modellszene oder Beziehungskonstellation sich unbemerkt, jedoch in der realen Interaktion als Inszenierung bzw. Enactment wiederholt. In groben Fällen führen solche Konstellationen zu drastischen Missverständnissen, zum destruktiven Mitagieren des Therapeuten und zu negativen Verläufen. Oft bleiben solche Inszenierungen neurotischer Muster unbemerkt und fallen dann nur im Rahmen von Supervisionen auf, die gerade deshalb für unsere Arbeit besonders wichtig sind.

In einem letzten Teil der vorliegenden Arbeit wird die moderne psychoanalytische Therapie als eine entwicklungsorientierte Beziehungskonflikttherapie konzeptualisiert und es werden einige Möglichkeiten aufgezeigt, wie im Hier und Jetzt der aktuellen therapeutischen Beziehung konkret mit Übertragungsprozessen gearbeitet werden kann. Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade in diesem Punkt neuere Strömungen der Psychoanalyse Vorgehensweisen entwickelt haben, wie sie in sehr ähnlicher Form bereits von der Selbstpsychologie verwendet werden.

Meine Hoffnung beim Schreiben dieser Arbeit war es, die äußerst komplexen Prozesse in der therapeutischen Beziehung angemessen zu beschreiben, auf wenig beachtete Aspekte hinzuweisen und so die Aufmerksamkeit für solche Vorgänge zu schärfen. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass immer mehr Psychoanalytiker und Therapeuten anderer Schulrichtungen die nötige kritische Ehrlichkeit sich selbst, den Patienten und ihren Kollegen gegenüber aufbringen. Ihre Patienten würden es ihnen danken und sie selbst könnten bei Ihrer therapeutischen Arbeit authentisch, natürlich und lebendig bleiben. Dreiundzwanzig Jahre nach dem Erscheinen der ersten Auflage habe ich zahlreiche Stellen, die nicht mehr zeitgemäß waren, stark verändert bzw. gestrichen. Da die Gegenübertragung in der fachlichen Öffentlichkeit inzwischen einen enormen Stellenwert einnimmt, habe ich mich entschlossen, ein kurzes Kapitel über den Umgang mit der Gegenübertragung hinzuzufügen.


Augsburg, im Herbst 2021Siegfried Bettighofer

1 Mir ist bewusst, dass Psychotherapie inzwischen immer mehr von Therapeutinnen ausgeübt wird und dass die überwiegende Anzahl der Patienten nach wie vor Frauen sind. Dennoch möchte ich auf eine gendergerechte Schreibweise verzichten und lasse die früher übliche maskuline Form stehen, um die Lesbarkeit des Textes nicht zu erschweren. Es sind trotz der Verwendung der männlichen Form selbstverständlich alle gemeint.

1 Die hilfreiche Beziehung in der Psychoanalyse

Das wichtigste Anliegen der empirischen Psychotherapieforschung war es immer, die Effektivität von Psychotherapie nachzuweisen. Zugleich ging es um die Untersuchung der Wirksamkeit verschiedener Therapiemethoden im Hinblick auf die spezifische Störung und die Patientenpersönlichkeit. Diese Fragestellung wurde bald erweitert, und so ging man im Rahmen von Prozessuntersuchungen der Frage nach, warum Psychotherapie eigentlich wirkt und welches die entscheidenden Faktoren sind, auf denen diese Wirksamkeit beruht.

Whitehorn und Betz (1960) konnten als erste hinsichtlich der Effektivität in der Behandlung von schizophrenen oder neurotischen Patienten zwei globale Therapeutentypen A und B unterscheiden. Nun waren es nicht mehr vorwiegend Patientenvariablen oder Merkmale der jeweiligen Therapiemethode, denen das Interesse der Forscher galt. Der Schwerpunkt verlagerte sich jetzt zunehmend auf die Untersuchung der Persönlichkeit des Therapeuten, deren Bedeutung für günstige Behandlungsverläufe allmählich erkannt wurde (Beutler et al. 1995). Diese Untersuchung einzelner Merkmale der Therapeutenpersönlichkeit war ein bedeutender Fortschritt hin zu einer differenzierteren Betrachtungsweise des therapeutischen Prozesses; sie war jedoch spätestens nach der großen Literaturübersicht von Beutler et al. (1995, s. a. Kächele 1992) in dieser Form nicht mehr zu halten.

Insbesondere seit den Untersuchungen von Luborsky (1976, 1985) gilt die hilfreiche therapeutische Beziehung als der grundlegende und übergeordnete therapeutische Wirkfaktor, der weitaus mehr als einzelne Patienten-, Therapeuten- oder Methodenmerkmale über Erfolg oder Misserfolg von Behandlungen entscheidet (Kächele 1992, 2007, Orlinsky et al. 1995, Rudolf 1991). Es geht dabei im Wesentlichen um die Fähigkeit des Therapeuten, sich auf den jeweiligen Patienten einzustellen und zu ihm eine Beziehung aufzubauen, die dieser als therapeutisch hilfreich empfindet. Auf der Basis dieser Befunde konnte es nicht mehr als ausreichend angesehen werden, nur bestimmte als therapeutisch relevant geltende Interventionsstrategien wie beispielsweise Empathie, Kongruenz oder das Geben von Deutungen einzusetzen. Denn es kommt immer darauf an, dass auch der Patient ein bestimmtes Therapeutenverhalten als für sich und seine Entwicklung hilfreich empfindet. Obwohl das sehr eng mit der Störung und der Persönlichkeit des Patienten sowie mit bestimmten Merkmalen der Therapeutenpersönlichkeit zusammenhängt, kommt hier doch der Faktor der Interaktion zwischen beiden bestimmend hinzu. Ob eine hilfreiche und »heilende« (Frick 1996) Beziehung zwischen Therapeut und Patient entsteht, ist im Wesentlichen das Resultat eines interaktiven Prozesses zwischen ihnen (Luborsky et al. 1985).

Neuere Metaanalysen haben ergeben, dass bezüglich der therapeutischen Effektivität »einige Therapeuten relativ unabhängig von der Behandlungsausrichtung bessere Ergebnisse als andere erzielen« (Wampold et al. 2018, S. 229). Manchen Therapeuten gelingt es auch, über verschiedene Störungsbilder hinweg konstant gute Ergebnisse zu erzielen. Es stellt sich die Frage, was diese erfolgreichen Therapeuten anders als machen die weniger erfolgreichen. Vielfach wurde empirisch bestätigt, dass die unterschiedliche Wirksamkeit von Therapeuten nichts mit der Therapiemethode zu tun hat, sondern mit der Fähigkeit des Therapeuten, mit den Patienten eine »therapeutische Allianz« (Gumz et al. 2018, Flückiger et al. 2015, Flückiger 2021) zu bilden. Die Psychotherapieforscher Wampold et al. (2015) fanden, »dass Therapeuten, die besser in der Lage sind, Allianzen mit Patienten zu formen, mit ihren Patienten zu besseren Ergebnissen in der Therapie kommen als andere Therapeuten« (S. 304). Zudem ist die Fähigkeit, über den gesamten Therapieprozess hinweg ein tragfähiges Arbeitsbündnis aufrechtzuhalten, von entscheidender Bedeutung. Diejenigen Therapeuten scheinen effektiver zu sein, die tragfähige Allianzen mit allen, auch mit schwierigen Patienten bilden und das tragfähige Arbeitsbündnis über die gesamte Therapie hinweg aufrecht halten können (a. a. O., S. 243, Wöller 2016). Sie schaffen es, Patienten länger in der Therapie zu halten und haben auch gute »interpersonelle Fähigkeiten, die insbesondere in schwierigen Therapiesituationen relevant sind« (Altmann et al. 2020, S. 445). Begriffe wie die therapeutische Allianz, die hilfreiche Beziehung oder das analytische Konzept des Arbeitsbündnisses (Greenson 1982a) stammen zwar aus verschiedenen Bereichen, sie beziehen sich jedoch alle auf etwas sehr ähnliches, nämlich einerseits auf das Bestehen einer emotionalen Bindung und andererseits auf eine mehr oder weniger explizite Einigung hinsichtlich der Ziele, Erwartungen und Vorgehensweisen in der Therapie.

In diesem Zusammenhang weist die Psychotherapieforschung der letzten Jahre eindeutig nach, dass dabei die interpersonelle Kompetenz des Therapeuten der entscheidende Faktor ist, der es ihm ermöglicht, auch mit schwierigen therapeutischen Situationen konstruktiv umzugehen. Diese interpersonelle und kommunikative Kompetenz (Buchholz 2017) erwies sich auch als der entscheidende Prädiktor für den Therapieerfolg (Hermer 2012, Körner 2013) und ist unabhängig von der praktizierten Therapiemethode (Gumz 2020). Auch Lambert (2010) fand einen großen Einfluss hilfreicher zwischenmenschlicher Fähigkeiten, die es dem Therapeuten erlauben, auch schwierige Beziehungssituationen gut zu bewältigen. Für Strupp (1989) »ist die größte Herausforderung, der der Therapeut gegenüber steht, die geschickte Handhabung des Enactments, das ihn häufig in die Defensive treibt und Langeweile, Irritation, Ärger und Feindseligkeit hervorruft und ihn unter Druck setzt, sodass er sich auf eine Art verhält, die mit seiner Haltung als einfühlsamer Zuhörer und Erklärender nicht vereinbar ist« (S. 719, zit. n. Schore 2003, S. 126). Die Ergebnisse von Willutzki et al. (2013) zeigen ebenfalls, dass »das interpersonelle Funktionsniveau und interpersonale Merkmale einschließlich der nonverbalen Kommunikation innerhalb der Sitzungen am wichtigsten zu sein« (S. 431) scheinen.

Die Psychoanalyse als therapeutische Behandlungsmethode hat sich seit ihren Anfängen intensiv mit der Frage befasst, wie eine hilfreiche Beziehung zwischen Therapeut und Patient hergestellt und über den gesamten therapeutischen Prozess hinweg aufrechterhalten werden kann. Sie hat dem Aspekt der therapeutischen Beziehung immer schon einen zentralen Stellenwert eingeräumt. So hat Freud mit seinen Empfehlungen (1913), dem Patienten »Zeit zu lassen« (S. 473), einen »moralisierenden« (S. 474) Standpunkt zu vermeiden und stattdessen den Standpunkt »der Einfühlung« (S. 474) einzunehmen, eine Grundhaltung und eine Art des Zuhörens beschrieben, die für die Entwicklung einer hilfreichen Beziehung eine unverzichtbare Grundbedingung ist und die heute allgemein als einer der wesentlichen therapeutischen Wirkfaktoren gilt. Will (2010) beschreibt aus unserer heutigen Perspektive diejenigen psychoanalytischen Kompetenzen, die für die Gestaltung und Aufrechterhaltung einer konstruktiven Beziehung zum Patienten notwendig sind.

Auch anderen psychotherapeutischen Methoden ist daran gelegen, einen hilfreichen Kontakt zum Patienten herzustellen. In der Gesprächspsychotherapie (Biermann-Ratjen, Eckert, Schwartz 1997) geht man davon aus, dass die durch Empathie getragene Grundbeziehung, die der Therapeut zum Patienten herstellt, von diesem im Sinne eines guten Objekts introjiziert und somit zur Grundlage für eine positivere Einstellung zu sich selbst wird.

In der Verhaltenstherapie wurde die positive therapeutische Beziehung über lange Zeit rein instrumentell als positiver Verstärker eingesetzt. Erst neuere Entwicklungen verfolgen einen differenzierteren Umgang mit der Beziehung zwischen Therapeut und Patient (Sachse 2006). Grawe (1995) hält es für eine wichtige Voraussetzung wirksamer psychotherapeutischer Arbeit, dass im Rahmen der sog. »Problemaktualisierung« (S. 136) die pathologischen Beziehungsmuster und neurotischen inneren Schemata des Patienten in der Beziehung zum Therapeuten aktualisiert werden, und kommt damit dem analytischen Übertragungsbegriff ziemlich nahe. Die Aufgabe des Therapeuten sieht sie infolgedessen darin, sich gezielt um eine »komplementäre« (Grawe et al., 1994, S. 782) oder bedürfnisorientierte Beziehungsgestaltung (Caspar 2015) zu bemühen, die dem Patienten hinsichtlich der »wichtigsten erschlossenen positiven Ziele des Patienten« (Grawe et al., S. 782) eine neue und korrektive Erfahrung vermittelt.

Damit bleibt sie letztlich bei einem instrumentellen Gebrauch der therapeutischen Beziehung und vertritt einen direktiven Ansatz, wie er in ähnlicher Form auch schon in der Geschichte der Psychoanalyse von Alexander und French (1946) beschrieben worden war, der allerdings als manipulativ galt und deshalb umstritten war – aus zeitgenössischer Sicht möglicherweise zu Unrecht (Melcher 2013, Walter 2010).

Im Gegensatz dazu besteht der originäre und emanzipatorische Beitrag der Psychoanalyse zur Gestaltung einer hilfreichen Beziehung zwischen Therapeut und Patient nicht in der gezielten Beeinflussung, sondern in der Reflexion und im Verstehen dessen, was in der Begegnung zwischen ihnen geschieht und über den Vorgang der Externalisierung innerer Konflikte in Szene gesetzt wird. Grawe et al. (1994) und Caspar (2015) bewegen sich noch in einem relativ engen Übertragungsbegriff, in dem die Persönlichkeit des Therapeuten völlig ausgespart bleibt und nur dem zielgerichteten instrumentellen Einsatz dient. Sie gehen auch nicht darauf ein, inwiefern und auf welche Art die Arbeit mit der Gegenübertragung und ihre Reflexion im konkreten therapeutischen Vorgehen einbezogen wird.

Diese Sichtweise wird der Komplexität der therapeutischen Beziehung nicht gerecht, denn sie übersieht, dass schon die sog. reale Beziehung zwischen dem Therapeuten und seinem Patienten, also die Art, wie der Therapeut das Setting gestaltet und wie dies der Patienten erlebt, von den beidseitigen Übertragungsprojektionen beeinflusst wird. Diese Faktoren der realen Beziehung bekommen durch die Übertragung bereits eine unbewusste Bedeutung und werden vom Patienten auf der Basis seiner verinnerlichten Objekterfahrungen interpretiert.

Aus diesem Grund ist es für die Aufrechterhaltung einer hilfreichen Beziehung unabdingbar, von Anfang an auf die Dynamik von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen zu achten. Nur deren ständige Reflexion und der konstruktive Umgang mit ihnen kann gewährleisten, dass die positive emotionale Bindung und auch die kooperative Arbeitsbeziehung, also die therapeutische Allianz, erhalten bleiben und kritische Therapiephasen gemeinsam konstruktiv bewältigt werden können (Gumz 2012, 2020). Ein tragfähiges Arbeitsbündnis scheint auch die notwendigen, guten Voraussetzungen dafür zu schaffen, Übertragungsprozesse direkt anzusprechen und insbesondere negative Gefühle dem Therapeuten gegenüber zu bearbeiten (Benecke 2017, Greenson 1982a).

Gerade hier liegt einer der Schwerpunkte der modernen Psychoanalyse. Hinsichtlich der Bedeutung, die der Übertragung wie auch der Gegenübertragung beigemessen wird, hat sich während der letzten Jahre ein tiefgreifender Wandel vollzogen (Benecke 2017, Bettighofer 2001, 2003, 2007, 2014, 2015, Bohleber et al. 2013, Bohleber 2018, Cooper 2010, Dreyer 2017, Ferro 2003, , Jacobs 1999, Körner 2018, Krutzenbichler 2019, Maroda 2004, Mertens 2015, Oelsner 2013, Renik 2006, , Stork 2020, Thomä 2001, Wallerstein 1998, Walter 2019). Der traditionelle objektivistische Übertragungsbegriff, der zunächst im folgenden Abschnitt umrissen werden soll, wurde zunehmend erweitert um eine konstruktivistische und eine interaktionelle Komponente, sodass Übertragung und Gegenübertragung nun als eine »funktionale Einheit« (Kemper 1969) oder als eine »Einheit im Widerspruch« (Körner 1990) gesehen werden können.

In der modernen psychoanalytischen Behandlungstechnik hat sich der Schwerpunkt dementsprechend etwas verlagert. War früher eher die genetische Rekonstruktion der neurotisierenden Kindheitssituation und die rationale Einsicht in die unbewussten Konflikte der zentrale Kern der analytischen Behandlung, so steht heute gleichberechtigt die Aktualgenese des Erlebens in der therapeutischen Beziehung daneben, die Frage also, inwiefern das Erleben des Patienten mit dem Therapeuten zusammenhängt und eine Reaktion auf ihn sein könnte. Die Psychoanalyse hat sich so während der letzten Jahre zu einer »Beziehungsanalyse« (Bauriedl 1994) entwickelt, in der die Beziehungssituation zwischen Analytiker und Patient zum Fokus wurde und die im Hier und Jetzt abgebildeten Konflikte gezielt bearbeitet werden (Bettighofer 2007). Die intersubjektiven und relationalen Ansätze in der Psychoanalyse (Altmeyer und Thomä 2006, Benjamin 2007, Jaenicke 2006, 2010, 2014, Mitchell 2005, Orange 2004) bewegen sich alle im Rahmen einer konsequenten Zwei-Personen-Psychologie (Bettighofer 2014) und beruhen auf einem interaktionellen Verständnis der therapeutischen Beziehung, das ich hier in seinen einzelnen Komponenten darstellen werde.

2 Das ursprüngliche Übertragungskonzept

Die Grundlogik des ursprünglichen Übertragungsbegriffes lässt sich leicht mit einem einfachen Fallbeispiel aus dem Lehrbuch von Greenson (1975) erläutern:

Bei der Durcharbeitung einer libidinösen ödipalen Vaterübertragung beschreibt die Patientin auf die Aufforderung des Analytikers hin ihre Fantasien, von ihm geliebt, geküsst und penetriert zu werden. Nach einer Pause fährt sie fort: »Ein komisches Detail ist mir eingefallen, als ich dies alles beschrieb. Ihr Gesicht war unrasiert und Ihr Bart hat mich im Gesicht gekratzt. Das ist seltsam, Sie scheinen immer glatt rasiert zu sein« (a. a. O., S. 312). Beim Nachdenken fielen Greenson bestimmte Zusammenhänge aus der Kindheit der Patientin auf und er fragt: »Wer hat Sie immer mit dem Bart gekratzt, als Sie ein kleines Mädchen waren?« Daraufhin schreit die Patientin fast: »Mein Stiefvater, mein Stiefvater, er pflegte mich mit Genuß zu quälen, in dem er sein Gesicht an meinem rieb […]«. (a.a., O., S. 312)

Greenson hat zur Erläuterung seiner Darstellung der Übertragung sicherlich bewusst ein sehr einfaches Beispiel gewählt, aber es trifft dennoch exakt den Kern des ursprünglichen Übertragungsbegriffes. Der Analytiker als klar und eindeutig abgegrenzter Beobachter hält aufgrund seiner objektiven Erkenntnis der Realität die Fantasie der Patientin, dass er einen Bart habe, für unangemessen, da er offenbar zu dieser Zeit keinen Bart getragen hatte. In dieser Unangemessenheit der fantasierten Wahrnehmung liegt das zentrale Kriterium für das Vorliegen einer Übertragung, die dann auch konsequent hinsichtlich ihrer infantilen Vorlage bearbeitet wird.

2.1 Übertragung als Störung der Realitätswahrnehmung

Übertragung im traditionellen und auch heute noch etwas erweiterten Sinne führt also zu einer Verkennung der Realität. Im Beispiel von Greenson kann der Wahrheitsgehalt der Wahrnehmung und ihre Verzerrung aufgrund des leicht beobachtbaren Faktums problemlos erkannt werden. In den meisten Übertragungsfantasien, denen wir bei Patienten begegnen, ist diese Eindeutigkeit jedoch nicht oder nur ansatzweise gegeben.

2.2 Übertragung als Regression

Die durch die Übertragungsfantasie gestörte Wahrnehmung der Realität beruht auf einer Regression der Patientin. Ihr Ich wie auch das gerade aktualisierte Objektbeziehungsniveau bewegen sich auf einer kindlichen Ebene. Es findet also eine zeitliche und strukturelle Regression statt, wodurch kindliche und archaische und insofern auch undifferenziertere und eher unbewusste Erlebnisweisen, Fantasien und Affekte vorherrschen. Diese Regression kann mehr oder weniger weite Bereiche von Ich, Es und Über-Ich einbeziehen. Während bei den meisten neurotischen Störungen nur eine partielle und somit potenziell ichdystone und bearbeitbare Regression vorliegt, erfasst diese Regression in einer Psychose weite Teile des Ichs und der Gesamtpersönlichkeit, sodass ein völliger Bruch im Verhältnis zur Realität stattfindet.

2.3 Übertragung als Verschiebung

Der Hauptmechanismus, auf dem die Übertragung beruht, ist die Verschiebung. Dabei werden Erfahrungen vom ursprünglichen Objekt auf ein anderes, z. B. den Analytiker verschoben, d. h., es werden energetische Besetzungen von einer inneren Objektrepräsentanz auf eine andere verlagert. Die Verschiebung ist einer der zentralen Abwehrmechanismen und wurde schon von Freud (1900) als ein Hauptmechanismus der Traumarbeit beschrieben. Auch in der Fallgeschichte vom kleinen Hans diente ihm die Verschiebung dazu, dessen Angst vor Pferden zu erklären, die »ursprünglich gar nicht den Pferden galt, sondern sekundär auf sie transponiert wurde« (Freud 1909, S. 286) und sich unbewusst auf den Vater bezog. Damals gebrauchte Freud beide Begriffe, Projektion und Verschiebung, um ein und denselben Sachverhalt zu benennen.

Übertragung galt in diesem Konzept als Abwehr, als Schutz des Ichs vor dem Erinnern der pathogenen frühen Objektbeziehungen. Der Patient überträgt dabei seine frühen Objekterfahrungen auf den Analytiker und wiederholt sie in der Beziehung mit ihm, anstatt sie als Erinnerung zu reproduzieren. Dieses Agieren galt als Widerstand. Es hat sehr lange gedauert, bis der Begriff des Agierens etwas von seinem negativen Bedeutungsgehalt verloren hatte (Gill 1982). Erst seit wenigen Jahren wird das Agieren nicht mehr als Widerstand gegen den Fortschritt, sondern als ein natürlicher und konstruktiver Vorgang betrachtet (Bohleber et al. 2013, Streeck 2004).

Das behandlungstechnische Vorgehen bestand darin, dem Patienten die Unangemessenheit seiner Reaktion aufzuzeigen und sie über genetische Deutungen auf die ursprünglichen kindlichen Erfahrungen zurückzuführen, wie es Greenson (1975) im oben angeführten Beispiel illustriert. Die Übertragung diente dazu, Gefühlsreaktionen aus den Symptomen zu locken und sie auf die Person des Analytikers zu verschieben, um sie dann auf die »eigentlichen« Ursachen zurückführen zu können, deren Rekonstruktion lange Zeit als der wesentliche therapeutische Wirkfaktor angesehen wurde. Nach Freud (1912) sollte der analytische Sieg auf dem Felde der Übertragung (S. 374) gewonnen werden. Wie Freud wirklich gearbeitet hat, können wir heute trotz interessanter Arbeiten über Freuds Arbeitsweise (Cremerius 1981, May 2015, Roazen 1999) und trotz historischer Berichte von Analysanden (Blanton 1975, Pohlen 2006, Wortis 1994) nicht mehr definitiv wissen. Aus der Untersuchung von Zeugnissen über Freuds Behandlungstechnik schließt Cremerius (1981) jedoch, dass Freud in seinem praktischen Vorgehen der Übertragung vermutlich keinen sonderlich großen Stellenwert eingeräumt hat (s. a. Leitner 2001) und mit Übertragungsprozessen sehr unbefangen und eher unreflektiert oder aber rational erklärend (Koellreuter 2009) umgegangen ist.

2.4 Übertragung als Projektion

Freud beschrieb die Projektion als Abwehrmechanismus, bei dem innere Anteile auf andere Personen projiziert und im Außen wahrgenommen werden. Melanie Klein (1972) erweiterte ihn zum Begriff der projektiven Identifikation, der dann in einer Weiterentwicklung von Money-Kyrle (1956) und Bion (1990, 1984) als archaischer Kommunikationsvorgang begriffen wurde (s. a. Gilch-Geberzahn 1994, Jimenez 1992, Kernberg 1989, Mertens 1991, Ogden 1988, Porder 1991, Schore 2003). Dabei werden unbewusste und wegen ihres starken Affektgehaltes unerträgliche Anteile des eigenen Selbst auf das andere Objekt verlagert und im Falle der reinen Projektion bei einem relativ gut strukturierten Patienten als ein Gedanke über den anderen wahrgenommen. Bei Patienten mit ichstrukturellen Störungen nimmt dieser Vorgang mehr die Form einer projektiven Identifikation an. Hier besteht die Gefahr eines destruktiven Gegenübertragungsagierens aufseiten des Therapeuten, da er die projizierten und (durch subtile nonverbale Signale des Patienten) induzierten Anteile des Patienten als intensive eigene Gefühle und Handlungsimpulse verspürt (Götzmann und Holzapfel 2003, Kernberg 1988a, Streeck 2009). Mit derartigen »Stimmungsübertragungen« und »interagierten Affekten« befasst sich auch die Arbeit von Herdieckerhoff (1988), in der dieser kommunikative Vorgang bei der Stimmungsinduktion näher untersucht wird. Aus neurobiologischer Sicht spielen bei diesem Vorgang der Gefühlsansteckung und dem Erzeugen von Gefühlen im Analytiker sicherlich auch die Spiegelneuronen im Frontalhirn eine große Rolle (Bauer 2015). Diese kommunikativen Mikroprozesse wurden von Streeck (2004) und Krause (2006) auf der Basis von videounterstützten Interaktionsanalysen und von Buchholz (2019) mithilfe von Diskursanalysen therapeutischer Dialoge eingehender untersucht.

2.5 Übertragung als einseitiger Vorgang – der Analytiker als passive Projektionsfläche?

Zu einer Beschreibung weiterer Kennzeichen der ursprünglichen Übertragungsarbeit soll im Folgenden ein sehr detaillierter Fallbericht von Wurmser (1988) herangezogen werden, wobei notgedrungen viele wichtige Details weggelassen werden müssen.

Eine zu Beginn der Analyse 45-jährige Patientin hatte auf ihren Analytiker u. a. eine negative Vaterübertragung entwickelt. Sie fühlte sich als Mädchen von ihrem Vater oft lächerlich gemacht und drehte nun in der Analyse den Spieß um, wurde vom passiven Opfer zum aktiven Täter, indem sie den Analytiker und die Analyse permanent entwertete und verspottete und auch nur ein 30 % geringeres Honorar zu zahlen fähig und bereit war. Der Analytiker war damit einverstanden und erkannte erst spät in der Analyse, dass er damit begonnen hatte, eine grundlegende Spaltung im Leben der Patientin mitzuagieren. Während lange Zeit nur der Ehemann der Patientin wusste, dass sie durchaus vermögend waren, waren andererseits nur dem Analytiker die häufigen außerehelichen sexuellen Affären der Patientin bekannt. Sie habe es immer so gehalten, dass niemand die ganze Wahrheit wisse, führte so ein unehrliches Leben und habe ihr wirkliches Selbst aus Angst, von den Eltern verstoßen zu werden, immer verleugnet.

Beispiel für Wurmsers Übertragungsarbeit (1988, S. 306): »Sie kam auf ihren jetzigen Geliebten zu sprechen und bemerkte beiläufig, dass er vier oder fünf Monate jünger sei als sie: Auf meine Frage kam es heraus, dass es sieben Monate waren. Ich wies auf ihr Spielen mit den Zahlen hin, gleich wie in Bezug auf die Finanzen. ›Ich lasse Sie unbestimmt‹, bestätigte sie, ›als ob dies etwas Liebenswertes und Charmantes wäre, nicht rechnen zu können. Meine Mutter tut dasselbe. […] Ich dachte immer, welche Lügnerin meine Mutter war. Ich hab’s so an ihr gehasst, und doch tu ich’s nun selber. Ich schäme mich über den Teil in mir.‹ ›Und Sie versuchten, auch mich zu Beginn heute nochmals dafür zugewinnen [sic], dieses Stück mitzuspielen, in der Frage nach einem Aufschub der Vollbezahlung; und wie Sie ja auch lange damit Erfolg gehabt haben, mich damit einzubeziehen, indem ich damit einig war. Als ich es jedoch erkannte, was vorging, habe ich es noch eine Weile weiter angenommen, damit wir Gelegenheit hatten, es herauszuarbeiten, was es bedeute.‹ ›Ich verstehe es ja auch jetzt noch nicht. Ich soll doch besser noch nicht den vollen Preis zahlen. Wir würden der Einsicht verlustig gehen, wenn ich jetzt einwilligte.‹ ›Es wäre eher darauf angelegt, dass Sie auch mich durch die Herausforderung als enttäuschenden und geldgierigen Vater überführen könnten.‹ ›Ich möchte eher die Meinung behalten, dass Sie darüberstehen.‹ ›Und doch mich zum Gegenteil provozieren.‹ ›Ich hatte einen Mann geheiratet, der das Gegenteil dieses Ideals war, jemand, der sehr am Geld interessiert war.‹ ›Wie er ja auch die Analyse nur bei stark reduziertem Preis zugelassen hat, obwohl er die richtige Finanzlage kannte.‹ ›Er hätte es gar nicht anders erlaubt, das ist wahr.‹ ›So wurde es von Anfang an so inszeniert, ohne dass Sie sich darüber ganz im klaren [sic] waren, dass ich übervorteilt wurde. Und die Fiktion, dass Sie unbemittelt waren und sich nichts leisten könnten, war nicht mehr aufrechtzuerhalten, als Sie selbst diesen Sommer die Finanzverwaltung übernahmen.‹ […] ›Es frappiert mich, welch Doppelspiel sich da ergeben hat. Auf der einen Seite wusste Ihr Mann die eine Hälfte der Geschichte nicht, die ich wusste – nämlich, Ihre außerehelichen Beziehungen – und darin wurde er zum Narren gehalten. Andererseits kannte er die korrekte Geldsituation, die mir unbekannt geblieben war und worin ich zum Narren gehalten wurde. Sie bemerken den Parallelismus.‹ ›Wie können Sie noch mit mir arbeiten? Sie müssen ein großes Ressentiment haben.‹ ›Als ob ein Chirurg nicht mehr operieren könnte, nachdem der Patient sich erbrochen hat. Gerade dies führt uns doch zum Kern der Neurose.‹«

Zwei Sitzungen später: »Die folgende Stunde […] begann sie mit Klagen über ihr gegenwärtiges Verhältnis. […] Letzte Nacht habe sie die ganze Gewalt ihres Hohnes auf ihn losgelassen, ihre ganze entfesselte sexuelle Eifersucht. Nachher fühlte sie sich dann schrecklich: ›Ich bohrte in ihm, wann und wie er Geschlechtsverkehr mit seiner Frau habe, vor mir oder nach mir.‹ Sie klagte über ihre hässliche Streitsucht und schämte sich darüber, wie sie sich benommen hatte. ›Soll ichs abbrechen? Soll ich weitermachen? All das Reden hier ist nutzlos; ich habe genug davon. Die Gefühle werden dadurch nicht aufgelöst. Es hilft mir nichts, dass ich so etwas wiederhole. Es ist alles ein Agieren.‹ ›Von einem Geheimnis.‹ […] ›Sogar gegenüber meinem Geliebten. Es ist nicht die gleiche Leidenschaft, wie mit dem vorherigen Geliebten.‹ ›Oder Ihre Absage der Stunde gestern, damit Sie die Zeit mit ihm verbringen können.‹ ›Oh, ich habe gedacht, Sie seien weg? Nicht? Wirklich nicht? Das hätte mir gepasst. Es ist typisch dafür, was ich tue.‹ ›Sie spielten es in der Wirklichkeit aus – als Schutz gegen die Erinnerung an etwas, das, wie ich vermute, sich ebenfalls in der Wirklichkeit abgespielt haben muss.‹ ›Als Spiegelbild oder in veränderter Form? Da geht wirklich etwas Seltsames mit Geheimnissen vor. Gestern abend [sic] war ich dabei, wie mein Freund mit seiner Frau daheim telefonierte. Wir hatten die zwei Tage miteinander verbracht. Nun schilderte er ihr, wie er in Philadelphia Unterredungen geführt habe. […] Ich hörte ihm zu, wie er log und log. Ich schaute vor mir selber schäbig aus – dass er so heucheln könne und ich selbst daran teilnahm!‹ […] ›Wenn ich höre, was Sie berichten, die wiederholte In-Szene-Setzung eines bestimmten Vorganges, frage ich mich, ob Sie nicht ein Geheimnis sexueller Art Ihres Vaters oder Ihrer Mutter entdeckt haben mögen, und zwar in Wirklichkeit. […] Und doch weist alles in diese Richtung, und zwar als Wiederholung in der Gegenwart. Das Doppelgeheimnis mit Ihrem Mann und mir, das Spiel mit Ihrer Chefin, und nun das Doppelspiel gestern abend [sic].‹ ›Das ist eine gute Theorie,‹ sagte sie gönnerisch. ›Ich muß sehr jung gewesen sein. Vielleicht las ich draußen im Auto.‹«(S. 309f.)

Wurmser unterscheidet hier zwischen dem Analytiker als Subjekt und der Patientin als Objekt der Behandlung. Die Patientin entfaltet quasi naturgemäß die in ihr angelegte innere Objektwelt in der therapeutischen Beziehung und es entsteht so die für sie typische Übertragung. Ein interaktioneller Vorgang im Sinne der gegenseitigen Beeinflussung und beidseitig bedingter Mitgestaltung der entstehenden Übertragung wird von Wurmser nicht berücksichtigt. Der Beitrag des Analytikers beschränkt sich in seiner Schilderung auf sein Einverständnis bezüglich des verringerten Honorars. Da Wurmser das ausschließlich als einen Faktor der realen Beziehung zwischen beiden ansieht und er weder seine eigene Motivation noch die der Patientin eingehender hinsichtlich ihrer psychodynamischen und ihrer aktuellen Bedeutung in der therapeutischen Beziehung reflektiert, bleibt die darauf aufgebaute Reinszenierung der Patientin lange unbekannt. So wird zwar berichtet, welche Rolle dieses Entgegenkommen in der Übertragung spielte, die aktuelle Reaktion der Patientin darauf wird jedoch offensichtlich nicht frühzeitig in den Prozess einbezogen. So hätte z. B. gefragt und bearbeitet werden können, wie die Patientin diese Freundlichkeit empfindet. Der ganze Komplex der bewussten und vorbewussten Wahrnehmung des Analytikers durch die Patientin bleibt somit ausgespart und wird nicht in den therapeutischen Prozess einbezogen.

Gerade solche Settingfaktoren enthalten jedoch oft eine wichtige, sich in der aktuellen Therapeut-Patient-Beziehung entfaltende psychodynamische Bedeutung, worauf Langs (1989) schon eindrücklich hingewiesen hat.

Wurmser lässt seine eigene Gegenübertragung weitgehend aus dem Spiel und erwähnt sie nur insofern, als er sich vom Spott der Patientin, den er nur selten »konfrontiert« (1988, S. 308) habe, gelegentlich »zu sarkastisch-ärgerlichen Bemerkungen« (a.a.O.) reizen ließ. Diese betrachtet er zwar als technische Fehler, er unterlässt es jedoch, diese durch sein gegenaggressives Mithandeln aktuell entstandene Situation als szenische Wiederholung zu sehen und aktiv in die Bearbeitung einzubeziehen. Er hätte z. B. der Patientin explizit erklären können, dass es ihr gelungen sei, ihn zu diesem Verhalten zu bewegen, und er könnte systematisch darauf eingehen, wie die Patientin diese Reaktion des Analytikers und die gesamte Situation jetzt wahrnahm.

Der hochinteressante Bericht von Wurmser konzentriert sich auf die Psychodynamik der Patientin, deren Entstehung in der Kindheit und die Übertragung auf den Analytiker. Möglicherweise liegt es auch an dieser Zielsetzung, dass er auf einige hier diskutierte Punkte nicht eigens eingeht. Zu seiner insgesamt linearen Betrachtung der Gegenübertragung als Reaktion auf die Übertragung der Patientin und zur fehlenden Reflexion der gegenseitigen interaktionellen Beeinflussung passt es jedoch, dass er zwar beschreibt, wie er den sehr verletzenden und schwer erträglichen Stolz der Patientin immer wieder in seine Deutungen einbezieht, dessen Widerstands- und Wiederholungsaspekt als Schutz des wahren Selbst auch erkennt, ihn aber in der Übertragung erst ganz am Schluss etwas aufweichen kann, worauf die Patientin allerdings bald die Behandlung abbricht. Er fragt sich nie, warum er diesen Stolz so selten konfrontiert hat, und erwähnt mit keiner Silbe, wie er die drastische Honorarminderung selbst erlebt hat, insbesondere als ihm nach einigen Jahren dieser (mit Unterbrechungen) neunjährigen Behandlung die recht gute Vermögenslage der Patientin bekannt wurde.

So entgeht der Wahrnehmung von Wurmser möglicherweise die genaue Kenntnis seines Involviertseins in den gegenseitigen Prozess, in dem er nicht nur Beobachter, Container und Deuter, sondern auch ein durch das interaktionelle Feld Beeinflusster ist.

Langs (1989) beschreibt in seiner Arbeit über die Angst des Therapeuten vor validen, d. h. sich direkt auf die Übertragung beziehenden Deutungen, eine Behandlung, in der die gut gemeinte Honorarverminderung zum unbewussten Bestandteil einer therapeutischen Szene wurde, in der der Patient neben der Erleichterung auch eine masochistische Demütigung erlebte. Es kam zu einer monatelangen Stagnation des therapeutischen Prozesses, weil die Therapeutin aus eigener Angst die Bearbeitung der konkreten Wahrnehmungen des Patienten in der analytischen Situation vernachlässigt hatte. Sie war zum unbewusst mithandelnden Teil der pathologischen Übertragungsszene geworden, nicht deshalb, weil sie entgegenkommend und eine gute Mutter sein oder eine korrigierende emotionale Erfahrung vermitteln wollte, sondern deswegen, weil die dadurch entstandene tatsächliche Beziehung zwischen beiden nicht konkret reflektiert und in den Deutungsprozess einbezogen wurde.

Der Begriff des Gegenübertragungswiderstandes kommt in der Beschreibung von Wurmser ebenso wenig vor wie in der langjährigen Theorie und Technik der psychoanalytischen Behandlung, ausgenommen einige Arbeiten aus den letzten Jahren (z. B. Blankenburg-Winterberg 1988, Ehrenberg 1985, Ermann 1984 und 1987, Storck 2020). Der langanhaltende Übertragungswiderstand der Patientin in Form einer Abwertung der analytischen Arbeit wird von Wurmser als Verkehrung der Beziehung zu ihrem Vater ins Aktive und als Abwehr von Scham gesehen. Er wird somit rein individualistisch konzipiert, seine Quelle ist also ausschließlich die Persönlichkeit der Patientin. Dass auch im Analytiker, insbesondere bei einer derart lang anhaltenden schwierigen Situation, Widerstände entstehen können bzw. müssen, und dass solche Gegenübertragungswiderstände den Widerstand aufseiten der Patientin aufrechterhalten können und es in besonderen Fällen sogar zu einer Übertragungs-Gegenübertragungs-Kollusion kommen kann, wurde in der traditionellen Literatur wie auch bei Wurmser noch nicht berücksichtigt.

Wurmser verfolgt deutlich eine andere, sehr gebräuchliche Zielrichtung. Manchmal zu sehr theoriegeleitet, greift er Übertragungsgefühle und andere Assoziationen der Patientin auf und verknüpft sie etwas gewaltsam zu Deutungen und genetischen Rekonstruktionen, für die jedoch meines Erachtens das vorliegende Beweismaterial nicht ausreicht und die dem Erleben der Patientin so fern sind, dass sie darauf zunächst nur mit Widerstand reagiert, der aber nicht bearbeitet wird. Diesen Widerstand als Kriterium für die Richtigkeit der Rekonstruktionen anzusehen, entspräche zwar einer analytischen Tradition, wäre jedoch meines Erachtens ein Ausdruck eines analen, um Macht orientierten Agierens, bei dem die Reaktion der Patientin nicht ernstgenommen wird. Wurmser beginnt eher zurückhaltend: »Wenn ich höre, was Sie berichten […], frage ich mich, ob Sie nicht ein Geheimnis sexueller Art Ihres Vaters oder Ihrer Mutter entdeckt haben mögen, und zwar in Wirklichkeit« (1988, S. 309). Es bleibt letztlich unklar, wie er zu dieser schwerwiegenden Rekonstruktion kommt. Auch wenn die Patientin in ihrer Reaktion konzediert, es sei »durchaus möglich, dass ich meinen Vater mit jemandem gehört oder gesehen habe« (a. a. O., S. 310), geht sie doch sofort in den Widerstand, indem sie diese potenzielle Wahrnehmung verharmlost und als ihr eigenes Missverständnis abtut. In den darauf folgenden Interaktionen ist es beeindruckend, mit welch einer Entschiedenheit Wurmser der Patientin überaus gekonnt und nahtlos nachweist, dass sie ihren Vater »tatsächlich bei einem Akt der Untreue« (a. a. O., S. 310) entdeckt habe. Er gebraucht dabei ein übliches Vorgehen, indem er versucht, die unbewussten Hintergründe der Assoziationen zu verstehen und sie der Patientin zu deuten. Er verliert jedoch den Kontakt dazu, wie sie selbst diese Zusammenhänge erlebt.

Letztlich gibt sie angesichts der gewaltigen Deutungskompetenz des Analytikers nach, zunächst noch herablassend, indem sie zugesteht, das sei »eine gute Theorie« (a. a. O., S. 310), sich aber dann doch zunehmend damit identifizierend. Ihre Aussage in der nächsten Stunde: »Wir haben etwas sehr Plausibles konstruiert, aber es lässt mich noch baumeln« könnte darauf hinweisen, dass es bis dahin eher zu einem intellektualisierten Nachvollzug der Deutungen gekommen ist. Immerhin spüre sie aber eine instinktive zustimmende Resonanz (a. a. O., S. 311). Wir können nicht wissen, ob diese Deutung zu einer wirklichen emotionalen und mutativen Einsicht geführt hat. Es wäre auch denkbar, dass sich die Patientin wieder einmal einer übermächtigen Vaterfigur unterworfen und sich i. S. eines falschen Selbst verhalten hat, wofür sie sogar noch bewundert wurde. Denn »um von ihren Eltern geliebt zu werden, musste sie deren Mythen und deren Wahrnehmungen der Realität annehmen« (a.a.O.,, S. 313). In diesem Falle hätte Wurmser auf einer unbewussten und »latenten« Ebene (Bettighofer 1994, Katz 1998) ihre pathologische Beziehungsform mitgestaltet. Wurmser fügt noch hinzu, dass die Patientin zwar nun voll gezahlt habe, sie »verwirklichte aber ihren ursprünglichen Vorsatz recht unvermittelt, nämlich die Analyse im Sommer […] abzubrechen« (Wurmser 1988, S. 312).

Vielleicht hatte sie diesen Entschluss gefasst, weil sie ihren tiefen Gefühlen von Schmerz, Scham und Verlassenheit bedrohlich nahegekommen war. Vielleicht aber auch, weil sie sich von ihm nicht verstanden gefühlt hatte oder vor dem übermächtigen Vater-Analytiker fliehen musste.

Für den Stil, mit dem Wurmser die Übertragungsanalyse durchführt, ist der anfangs oben zitierte Ausschnitt möglicherweise nicht typisch. In dieser Sequenz verweilt er im Vergleich zu anderen Sequenzen relativ lange in der gegenwärtigen Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Häufig macht er von einer Übertragungsreaktion einen eher instrumentellen Gebrauch, z. B. um daran eine genetische Deutung anschließen zu können. Es ist erkennbar, dass die Suche nach Einsichten in psychodynamische und genetische Zusammenhänge im Dort und Damals einen deutlichen Vorrang vor der Bearbeitung von Vorgängen im Hier und Jetzt der therapeutischen Beziehung hat.

Fallschilderungen wie diese suggerieren den Eindruck einer objektiven Klarheit und Eindeutigkeit, die bei genauerem Hinsehen in keiner Hinsicht gegeben ist und die schon von Argelander (1979) in seiner Arbeit über die kognitive Verarbeitung und Organisation des therapeutischen Geschehens im Analytiker kritisch reflektiert worden ist. Unter Bezugnahme auf die folgende kurze Fallvignette von Moeller (1976) nennt er einige in dieser Darstellung implizierten und damals nie reflektierten Gesichtspunkte:

Der Patient beginnt die Stunde und redet und redet. Lebhafte und farbige Szenen. Trotz der scheinbaren Lebendigkeit und Affektivität kann ich mich nicht richtig konzentrieren, auch nicht richtig auf ihn einstellen. Ich schweife selbst ab. Mir wird dann klar, dass ich hier keine Beziehung herstellen kann. Ich verstehe jetzt, dass sich der Patient vor der Aufnahme einer Beziehung zu mir scheuen muss. Unter dem quasi korrekten analytischen Verhalten, nämlich seinen freien Assoziationen folgend, wehrt der Patient die (homosexuell getönte) Bindung zu mir ab. Ich meine, dass es sich hier um eine Gegenübertragungsreaktion handelt. Der Patient induziert sie in mir. Ich nehme damit Aspekte seines Selbst wahr. (Moeller 1976, S. 148)

Das Beispiel ist paradigmatisch, weil jeder Analytiker diese Sprache versteht und sie auch gebraucht, ohne sich darüber klar zu werden, wieviele Stufen der Erkenntnis er zusammenfassend überspringt. […] Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die implizit dargestellten Formen von Interaktion, Kommunikation, Übertragungsvorgänge, Folgerungen und begriffliche Erläuterungen, in einen kognitiv organisierten Zusammenhang gehören, dessen funktionelle Bezüge, die sich in Erlebnissen, Handeln, Nachdenken, Erkennen usw. äußern, in einer selbstverständlichen Aussage zusammengefasst werden, ohne sich über diese Prozesse Rechenschaft abzulegen. Sie sind in die Professionalisierung so selbstverständlich eingegangen, dass ein Problembewusstsein für sie kaum noch existiert. (Argelander 1979, S. 12/13)

Moeller arbeitet hier noch mit einem spezifischen Gegenübertragungsbegriff, der »Lackmustheorie« der Gegenübertragung (König 1993), indem er von seiner Gegenübertragung einen direkten instrumentellen diagnostischen Gebrauch macht. So nimmt er an, dass sich der Patient aus Angst vor Homoerotik vor einer Beziehungsaufnahme scheut und die Bindung zu ihm abwehrt. Diese diagnostische Folgerung muss nicht unbedingt falsch sein, sie übersieht jedoch die Seite des Analytikers und die Möglichkeit, dass die Übertragung des Patienten auch eine Reaktion auf die Person und das Verhalten des Analytikers sein könnte. So bleibt er letztlich dem damals vorherrschenden instrumentellen Gegenübertragungsbegriff verhaftet, der auf Paula Heimann (1996/1950) zurückgeht, wonach der Analytiker die intrapsychischen Vorgänge des Patienten in sich aufnimmt und sich in seiner Gegenübertragung ausschließlich die Übertragung des Patienten widerspiegelt. Die Gegenübertragung war für Heimann (1996/1950) eine reine »Schöpfung« des Patienten. Eine irgendwie geartete Eigenbeteiligung des Analytikers wie auch ein interaktives Zusammenwirken zwischen beiden wurde hier noch nicht konzeptualisiert. Von dieser einseitigen Sichtweise hat sich Heimann selbst erst 1978 distanziert (zit. n. Stirn 2002, S. 50).

3 Ansätze zu einem erweiterten Konzept von Übertragung und Gegenübertragung
3.1 Die Subjektivität des Analytikers

Den hier im Folgenden dargestellten Ansichten geht es darum, die klassische analytische Konzeptualisierung von Übertragung als einseitig zu erkennen und Ergänzungen anzubieten, die der wirklichen Situation der therapeutischen Beziehung mehr entsprechen.

Den klassischen behandlungstechnischen Theorien liegt ein Konzept der analytischen Situation zugrunde, das die Interaktion zwischen Patient und Therapeut nur sehr einseitig und unvollständig erfasst. Rangell (1954) verwendete zur Beschreibung der Position des Analytikers die Metapher eines Tennisspieles, bei dem der Analytiker »wie ein Schiedsrichter« (S. 741) am Spielfeldrand sitzt und den Spieler beobachtet, gerade soweit von ihm entfernt, dass er vom »magnetischen Feld« (S. 741) seines Patienten noch berührt wird, sich aber nicht in eine Interaktion mit ihm hineinziehen lässt. Als objektiver Beobachter betrachtet er also vom Spielfeldrand aus bzw. hinter der Couch das Geschehen auf dem Spielfeld und beurteilt es nach seinen eigenen objektiven Kriterien. Eine direkte auch ihn beeinflussende Interaktion wird in dieser Konzeptualisierung für geringfügig gehalten und deshalb auch nicht eigens berücksichtigt. Um die »maximale Entwicklung« (Greenson, 1975, S. 201) der Übertragungsneurose zu fördern, »wird sich der Psychoanalytiker große Mühe geben, die Übertragungssituation abzusichern und jede Beeinträchtigung zu verhindern.« Insbesondere »jedes Eindringen der persönlichen Eigenschaften und Wertmaßstäbe des Analytikers wird als Faktor erkannt, der die Reichweite der Übertragungsneurose des Patienten beschränken könnte« (S. 201).

Wesentlich früher hatte schon Ferenczi (1982a) mit enthusiastischen Worten beschrieben, dass mit der Einführung der Lehranalyse »die Bedeutsamkeit der persönlichen Note des Analytikers« (S. 382) immer mehr schwinde. »Jeder, der gründlich analysiert wurde, der seine unvermeidlichen Schwächen und Charaktereigenheiten voll zu erkennen und beherrschen gelernt hat, wird bei der Betrachtung und Behandlung desselben psychischen Untersuchungsobjekts unvermeidlich zu denselben objektiven Feststellungen gelangen und logischerweise dieselben taktischen und technischen Maßnahmen ergreifen« (S. 328).

Meistens jedoch waren sich die Analytiker darüber im Klaren, dass ein Eindringen persönlicher Werthaltungen nie ganz zu vermeiden ist. Lange nachdem am Berliner Institut die Analytiker zum Gruß nicht die Hand reichten und den Ehering auszogen, um die Übertragung des Patienten nicht zu kontaminieren, ist die Diskussion des persönlichen Einflusses des Analytikers noch keineswegs beendet, sondern gerade auch während der letzten Jahre von großer Aktualität (Jänicke 2010, 2014). Die Frage, wie z. B. mit Geschenken, Wünschen, Fragen oder auch nur mit Weihnachtskarten umgegangen werden kann, ruft immer wieder große subjektive Unsicherheit bei den KollegInnen hervor und ist insofern heute noch genauso aktuell wie vor Jahren, als Klauber (1980, S. 82) seine Arbeit über »einige wenig beschriebene Elemente der psychoanalytischen Beziehung und ihre therapeutischen Implikationen« veröffentlicht hat.

3.1.1 Beobachten ist das Herstellen von Bedeutungen

Seit den 1990er Jahren lässt sich in der Psychologie wie auch in der Psychoanalyse eine deutliche Tendenz erkennen, im Hinblick auf die Möglichkeit objektiver Erkenntnis immer mehr von einem positivistischen Ansatz abzuweichen und stattdessen von einem sozialkonstruktivistischen Ansatz auszugehen (Gergen 1985, 2002), der in der amerikanischen Psychoanalyse am eindeutigsten von Hoffman (1991, 1998, 2006) vertreten wird. So wurde es jahrzehntelang kaum in Zweifel gezogen, dass der Analytiker vor dem Hintergrund seiner Beobachtungen und Gedanken über den Patienten die entsprechenden Deutungen gab, zu denen er mithilfe seiner theoretischen Hintergrundsannahmen gelangt war. Er wurde stets als getrennter und unabhängiger Beobachter des Patienten gesehen mit der Implikation, dass ihm sein eigener Erkenntnisprozess (Argelander 1979, Haubl und Mertens 1996, Mertens und Haubl 1996, Mertens 2009) die Möglichkeit zur Unterscheidung gibt, was in den Fantasien und im Verhalten des Patienten unangemessen sein könnte und somit als Übertragung gelten kann.

Die Wirklichkeit der therapeutischen Begegnung ist jedoch weitaus komplexer und komplizierter. Der im klassischen Konzept eingenommene klare und eindeutige Standpunkt des Analytikers ist bei genauerer Betrachtung ein Kunstprodukt, das zwar unsere alltägliche Arbeit erleichtert und deshalb auch nicht einfach überflüssig ist und aufgegeben werden muss.

Der sozialkonstruktivistische Ansatz (Herold 1995, Hoffman 2006) geht davon aus, dass weder der Analytiker noch der Patient in der Lage sind, eine a priori gegebene und von ihnen unabhängige und vorgefundene Wirklichkeit zu erkennen. Vielmehr wird diese Wirklichkeit durch die Wahrnehmung eigentlich erst konstruiert. Eine objektive Erkenntnis ist deshalb nicht möglich, weil jede Erkenntnis schon das Produkt eines äußerst komplexen neurobiologischen und kognitionspsychologischen Informationsverarbeitungsprozesses ist.

So sind in der therapeutischen Situation der Analytiker wie auch der Patient bemüht, auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen, ihrer Kenntnisse und den von daher abgeleiteten Erwartungen ihre jeweiligen Eindrücke und Bilder voneinander zu einem sinnvollen Bild zusammenzufügen. Eine objektive Erkenntnis im Sinne des Erkennens eines objektiven und vom Analytiker unabhängigen Sachverhalts gibt es auch in der therapeutischen Situation nicht. Auch objektive Fakten wie z. B. das äußere Erscheinungsbild von Patient und Therapeut, das analytische Setting, Honorarfragen etc. werden eingeordnet und bekommen damit einen subjektiven Bedeutungsgehalt in der Übertragung.

Wenn Therapeut und Patient zusammentreffen, entspricht diese Begegnung zunächst also eher der Situation, die der Psychologe Alex Bavelas in seinen Noncontingent-Reward-Experimenten künstlich hergestellt hat (zit. n. Watzlawick 1985, S. 13, Kasten). Analytiker und Patient finden sich vielfältigen Informationen, äußeren Eindrücken und inneren Erfahrungen ausgesetzt, die sie notwendigerweise strukturieren und ordnen müssen, um sich orientieren zu können. Das Bedürfnis, das Wahrgenommene zu strukturieren und nach bekannten Mustern zu ordnen, kann mit Fosshage (1994) als eine anthropologische Grundkonstante angesehen werden, ohne die Orientierung und ein der jeweiligen Situation angepasstes Verhalten nicht möglich wären.

Bei den sogenannten Noncontingent-Reward-Experimenten handelt es sich um Tests, in denen kein Zusammenhang zwischen der Leistung der Versuchspersonen und deren Bewertung durch den Versuchsleiter besteht, was aber die Versuchsperson selbst nicht weiß.

In einem von vielen derartigen Experimenten, die der Psychologe Alex Bavelas vor Jahren an der Stanford-Universität durchführte (leider aber nicht veröffentlichte), wird der Versuchsperson eine lange Reihe von Zahlenpaaren vorgelesen (zum Beispiel »31 und 80«).

Nach Nennung jedes Zahlenpaars hat die Versuchsperson anzugeben, ob diese beiden Zahlen »zusammenpassen« oder nicht. Auf die nie ausbleibende, verblüffte Frage, in welchem Sinne denn diese Zahlen »passen« sollen, antwortet der Versuchsleiter nur, dass die Aufgabe eben im Entdecken der Regeln dieses Zusammenpassens liegt. Damit wird der Eindruck erweckt, es handle sich um eines der üblichen »Versuch- und Irrtum«-Experimente. Die Versuchsperson beginnt also zunächst mit wahllos gegebenen »Passt«- oder »Passt nicht«-Antworten und erhält vom Versuchsleiter natürlich zunächst fast ausschließlich »falsch« als Bewertung der Antworten. Langsam aber »bessert« sich die Leistung der Versuchsperson, und die Richtigerklärungen ihrer Antworten nehmen zu. Es kommt so zur Ausbildung einer Hypothese, die sich im weiteren Verlaufe als zwar nicht vollkommen richtig, aber doch immer verlässlicher erweist.

Was die Versuchsperson – wie erwähnt – nicht weiß, ist, dass zwischen ihren Antworten und den Reaktionen des Versuchsleiters keinerlei unmittelbarer Zusammenhang besteht. Der Versuchsleiter gibt die Richtigerklärungen der Antworten vielmehr aufgrund der ansteigenden Hälfte einer Gauß’schen Kurve, das heißt, zuerst sehr selten und dann mit immer größerer Häufigkeit. Dies aber erschafft in der Versuchsperson eine Auffassung von der »Wirklichkeit« der den Zahlenpaaren zugrundeliegenden Ordnung, die so hartnäckig sein kann, dass an ihr auch dann festgehalten wird, wenn der Versuchsleiter ihr schließlich erklärt, dass seine Reaktionen nichtkontingent waren. Gelegentlich nimmt die Versuchsperson sogar an, eine Regelmäßigkeit entdeckt zu haben, die dem Versuchsleiter entgangen ist.

Die Versuchsperson hat also im wahren Sinne des Wortes eine Wirklichkeit erfunden, von der sie mit Recht annimmt, sie gefunden zu haben. Der Grund für diese Überzeugung liegt darin, dass das so konstruierte Bild der Wirklichkeit in die Gegebenheiten der Testsituation passt, was nur bedeutet, dass es mit diesen Gegebenheiten nicht in Widerspruch steht. Es bedeutet aber keineswegs, dass das Bild daher auch stimmt, das heißt, dass es die den Zahlenpaaren (vermeintliche) zugrundeliegende Ordnung in ihrem So-Sein richtig wiedergibt. Denn welche Beziehung auch immer die Versuchsperson zwischen den Zahlen »herausfindet«, kommt deswegen auch nicht im Entferntesten an ein Erkennen der tatsächlichen Versuchsanordnung heran, da in dieser von Anfang an keine solche Beziehung besteht.

Von Glasersfeld (1981), ein Vertreter des sog. radikalen Konstruktivismus, schreibt in diesem Sinne:

Wissen wird vom lebendigen Organismus aufgebaut, um den an und für sich formlosen Fluss des Erlebens soweit wie möglich in wiederholbare Erlebnisse und relativ verlässliche Beziehungen zwischen diesen zu ordnen. Die Möglichkeiten, so eine Ordnung zu konstruieren, werden stets durch die vorhergehenden Schritte in der Konstruktion bestimmt. (S. 37)

Der entscheidende Mangel in bisherigen analytischen Konzeptionen bestand darin, dass die konstruierte Erfahrung, zumindest aufseiten des Analytikers, für eine relativ objektive Abbildung der Wirklichkeit des Patienten gehalten wurde – der wissende Analytiker: »Diese, die Grandiosität befeuernde Haltung prägt bis heute die Beziehungsgestaltung in psychoanalytischen Behandlungen« (Krutzenbichler 2019, S. 221). Dagegen wurden die Erfahrungen des Patienten in der therapeutischen Situation immer schon als Projektion innerer Erlebnismuster und somit nur als bedingt objektiv angesehen.

Beobachtung wird also von vorhandenen Hintergrundmustern gesteuert und führt zu Ergebnissen, die diesen Mustern bereits inhärent sind und wie im Wiederholungszwang dieses zugrundeliegende Ordnungsschema bestätigen und verstärken können. Das konnte auch schon der Sozialpsychologe Rosenhan (1973) in einer bekannten Untersuchung zeigen, in der sich gesunde Mitarbeiter von ihm in psychiatrische Kliniken einweisen ließen und angaben, dass sie Stimmen hörten und Behandlung bräuchten. Bald nach Aufnahme gaben sie an, keine Symptome mehr zu haben und verhielten sich wieder normal. Die ihnen anhaftende Diagnose »Schizophrenie« hatte jedoch zur Folge, dass auch die in einer normalen Umgebung angemessenen Verhaltensweisen bei diesen Pseudopatienten als Bestätigung für die ursprüngliche Krankheitsdiagnose gewertet wurden. Dass keiner von diesen Pseudopatienten als Simulant erkannt wurde, zeigt auf eine drastische Weise, welch geringe Informationen schon ausreichen, um eine globale Wahrnehmungseinstellung mit den entsprechenden Erwartungen zu schaffen. Diese Wahrnehmungseinstellung beeinflusst wiederum erheblich, wie die darauf folgenden Beobachtungen interpretiert werden. Diese so konstruierten Wahrnehmungen werden dann als vorgefundene »Wirklichkeit« verstanden.

Das Bedürfnis des Menschen, seine Erfahrungen zu organisieren und sinnvolle Bedeutungszusammenhänge zu suchen, ist geradezu überwältigend. Wie aus der Wahrnehmungspsychologie schon lange bekannt ist, beginnt dieser Prozess bei der Erkennung relativ einfacher Zeichen, wobei auch hier schon ein komplexes Zusammenwirken vieler Nervenzellen erforderlich ist. Offensichtlich sind unser Nervensystem und die Gehirnzellen so konstruiert, dass schon auf dieser noch relativ niedrigen Ebene Organisierungs- und Mustererkennungsprozesse ablaufen. So wird z. B. ein und dasselbe jeweils in der Mitte stehende Muster ( Abb. 1) ganz in Abhängigkeit von dem jeweiligen Kontext, in dem es vorkommt, unterschiedlich gedeutet.


Abb. 1: Kontextabhängigkeit der wahrgenommenen Bedeutung (aus: Kebeck 1994, S. 69)

3.1.2 Die Person des Analytikers

Diese einfache Darstellung ( Abb. 1) entspricht der Situation des Analytikers, wenn er mit einem Patienten zusammen ist und aus der Fülle der Informationen sinnvolle Zusammenhänge zu erkennen versucht. Das mittlere Zeichen ( Abb. 1) bekommt seine Bedeutung durch seinen Kontext. Auch der Therapeut befindet sich während seiner Arbeit unter dem Einfluss von vielfältigen Kontextbedingungen. Dazu zählen seine eigene Persönlichkeit sowie die Person des Patienten, ebenso auch die Beziehung, die sich zwischen beiden vor dem Hintergrund psychoanalytischer Rahmenbedingungen (Schneider-Lehmann und Abeken 2001, Bleger 1993, Körner 1995) entwickelt.

In Zeiten von distanzierter Abstinenz war es Thomä (1981, 2007), der mit Gill (1982) forderte, die Illusion von der Passivität des Analytikers, also dass dessen Person und Verhalten keinen Einfluss habe, aufzugeben und zu erkennen, dass selbst der Versuch, passiv, neutral und abstinent zu bleiben, eine Handlung ist, die einen Einfluss auf den Patienten und seine Übertragung hat. Das kommunikationstheoretische Axiom, dass man »nicht nicht kommunizieren« könne (Watzlawick et al. 1969), weist darauf hin, dass selbst das Bemühen des Analytikers um Neutralität eine Handlung ist, die einen Effekt auf den Patienten hat und dessen Übertragung hat.

3.1.3 Der Therapeut und seine Werthaltungen und Konzepte

Die Person des Analytikers als Kontextbedingung einzuführen bedeutet zuzugestehen, dass seine Erkenntnisleistung wesentlich von seiner eigenen Persönlichkeit geprägt wird Demnach stellen theoretisches Wissen und Arbeitsmodelle, kognitive Aktivität, empathisches Mitgehen und eigene Selbst- und Lebenserfahrung den Hintergrund bzw. den inneren Kontext für die Arbeit des Analytikers dar (König 2010). Aus diesen Quellen bezieht er seine Ideen, mit deren Hilfe er im Material des Patienten nach sinnvollen Zusammenhängen suchen kann (Cooper 1996, König 1996).

Ein weitgehend vernachlässigter Faktor sind seine Werthaltungen und die impliziten theoretischen Vorstellungen, die sein therapeutisches Vorgehen lenken. Die Therapeuten sind mit diesen stark identifiziert, sodass viele Werthaltungen ichsynton sind und sich daher einer gezielten Reflexion entziehen. So wird die Einstellung eines Therapeuten zu Partnerschaft und Trennung sowie seine eigene Lebenserfahrung erheblich bestimmen, welche Deutungslinien er bei einer mit ihrem Ehemann sehr unzufriedenen Patientin verfolgen wird und wie er sich bei ihr einen therapeutischen Fortschritt vorstellt (Cooper 1996). Er wird ihr dies auch durch subtile Signale vermitteln.

Viele Werthaltungen beziehen sich auch auf die Regeln der analytischen Technik, die lange Zeit nicht mehr hinterfragt wurden. So kann man inzwischen auch ein ehemals als sinnvoll betrachtetes Konzept wie das der therapeutischen Ich-Spaltung dahingehend kritisch reflektieren, ob es nicht auch dazu dienen könnte, die manchmal heftige Emotionalität des Patienten einzudämmen. Körner (1989) weist darauf hin, dass Sterba (1934) dieses Konzept in einer schwierigen Behandlungssituation entwickelt hat. Sterba sah sich von den intensiven Liebesgefühlen einer Patientin überwältigt und versuchte, sich über dieses Konzept eine »Insel der Betrachtung vom Agieren« (Sterba 1934, S. 72, zit. n. Körner 1989, S. 389) zu verschaffen, um Raum für die Bewältigung der heftigen Emotionen zu haben. Von dieser Entstehungsgeschichte abstrahiert, wurde die Fähigkeit zur therapeutischen Ich-Spaltung dekontextualisiert und dadurch einer weiteren Reflexion entzogen. Mithilfe dieses Konzepts entscheiden aber auch heute noch Analytiker über die Eignung eines Patienten für die analytische Behandlung.

In der analytischen Standardtechnik wie auch in den psychodynamischen Behandlungsverfahren gibt es einige implizite Wertentscheidungen dieser Art, die die Arbeitsweise des Therapeuten und seine Deutungen steuern (Kutter et al. 1998) und reflektiert werden müssten.

In einer Arbeit zu einer Ethik der psychoanalytischen Technik zeigt auch Treurniet (1996) sehr eindrücklich, dass sich solche impliziten Wertentscheidungen oft über eine lange Zeit halten können, sich jedoch gerade während der letzten Jahre in einem intensiven Reflexionsprozess befinden.

So sind heute nur noch wenige Analytiker der Meinung, dass die Begriffe von Abstinenz, Neutralität und Spiegelhaltung in der ursprünglich vertretenen Form in der Lage sind, die damit gemeinten Haltungen und Prozesse auch nur annähernd zu erfassen (Privitera 2013).

In weiten Kreisen der Psychoanalyse lässt sich eine Tendenz zur De-Idealisierung der Psychoanalyse und ihrer Konzepte und Theorien (Aron & Starr 2013, Cooper 1993, Jaenicke 2006, Renik 2006) feststellen. Auch die angestrebten hohen Behandlungsziele unterliegen allein schon durch den Einfluss der Krankenkassenregelung einer allmählichen Veränderung. Heilungsideale wie das sog. Durchanalysiertsein, das Erreichen von Ganzheit, Reife, Individuation, Selbstverwirklichung und Autonomie werden zunehmend als Ideale erkannt, die letztlich unerreichbare Utopien bleiben. Blomeyer (1989) stellt diesen »Reifungsphantasien« die »praktische Zielsetzung« als realistische Alternative gegenüber, wo es nicht mehr um Heilung und die darin oft implizierte Fantasie eines harmonischen und relativ konfliktfreien Lebens gehe. Zugleich findet auch ein Abbau der irrationalen Idealisierung des Analytikers als Person statt, indem auch von seiner Fehlbarkeit (Cooper 1993), seiner Verwundbarkeit (Pflichthofer 2007) und von seiner Angst (Walter 2015, Zwiebel 2007) gesprochen wird.

Dieser allmähliche Wertewandel hat weitreichende Konsequenzen auch für die Behandlungstechnik, wie an folgendem Beispiel kurz dargestellt werden soll.

Eine Patientin die an einer schweren schizoiden Beziehungsstörung gelitten hatte, war nach zweijähriger Analyse soweit, dass sie eine Partnerschaft eingehen konnte. Sie lernte einen Mann kennen, zu dem sie die Beziehung trotz weiterbestehender innerer Konflikte dauerhaft aufrechterhalten konnte, womit sie recht zufrieden war. Das kann einerseits als ein schöner Erfolg für die Patientin und die gemeinsame Arbeit mit der Analytikerin bewertet werden. Mit gleichem Recht könnte man andererseits auch behaupten, dass es sich hier vielleicht doch nur um das Ausagieren einer positiven oder negativen Übertragung, also um einen Widerstand, handelt. In einem solchen Dilemma befinden sich Psychotherapeuten sehr häufig. Da beide Argumentationen für sich genommen richtig sein können, ist es letztlich immer auch eine Frage der persönlichen Gewichtung des Psychoanalytikers, hier eher den Reifungs- oder den Abwehraspekt zur Leitlinie seines Vorgehens zu machen.

Werte und theoretische Konzepte

Große Abweichungen in der Sichtweise und der zugehörigen Behandlungstechnik ergeben sich naturgemäß bei Vertretern verschiedener psychoanalytischer Strömungen, die ein- und dasselbe Phänomen entsprechend ihren eigenen Theorien unter Umständen ganz verschieden deuten.

So geht Melanie Klein von der These einer angeborenen Aggression aus, die das Kind auf die Mutter projiziert, die dadurch zur verfolgenden bösen Mutter wird. In Anlehnung an diese These empfiehlt Kernberg (1993) bei der Behandlung von Borderline-Patienten, schon früh die Aggression des Patienten zu deuten. So fasst er das Misstrauen des Patienten schon beim ersten Kontakt als Hinweis dafür auf, dass dieser seine abgespaltene Aggression auf den Therapeuten projiziert und diesen deshalb als bedrohlich erlebt. In einer anderen Situation empfiehlt er folgende Deutung: »Sie haben immer leiser gesprochen, obwohl ich Sie wiederholt darauf aufmerksam gemacht habe, dass ich Sie nicht verstehen kann. Das passt zu meinem Eindruck, dass Sie wütend auf mich sind« (Kernberg 1993, S.101). Sowohl das Misstrauen als auch die leise Sprechweise des Patienten könnten auch anders interpretiert werden , z. B. als Anzeichen einer klassischen Übertragung. Für die Behandlungstechnik von Kernberg ist entscheidend, dass er sich insbesondere in seinen ersten großen Werken der Theorie M. Kleins anschließt und von einem erhöhten Aggressionspotenzial des Kindes ausgeht, das die guten und liebevollen Beziehungsanteile zur Mutter zu zerstören droht und deswegen abgespalten bleiben muss. Inwieweit dieses erhöhte Aggressionspotenzial eher von traumatischen familiären Situationen herrührt, wird meines Wissens von Kernberg zwar inzwischen registriert, in seiner theoretischen Konzeptualisierung jedoch nicht genügend berücksichtigt. Diese theoretische Konzeption ist die Grundlage für Kernbergs eher konfrontative Behandlungstechnik bei Borderline-Störungen.

Eine alternative Konzeptualisierung von Aggression und ihren Entstehungsbedingungen vertreten demgegenüber die Selbstpsychologen (Milch 2001), nach deren Vorstellungen Aggressivität kein Trieb, sondern primär die Folge von traumatisierenden Erfahrungen ist. Die Entwicklung der Selbstpsychologie im Anschluss an die grundlegenden Arbeiten von Kohut (1976, 1979) führte demnach auch zu einer grundlegenden Änderung im therapeutischen Vorgehen. Die Idealisierung des Analytikers durch den Patienten wurde von triebtheoretischer und ich-psychologischer Seite (s. Greenson 1975, S. 353) als Abwehr gesehen, die dem Patienten als Widerstand und als Störung des Realitätssinns gedeutet wurde. Er wurde auf die »darunter liegende Feindseligkeit« hingewiesen und wurde damit konfrontiert, dass er seine Idealisierung und seine Wünsche an die ideale Mutter aufgeben und sich damit abfinden müsse, dass es diese ideale Mutter nicht gebe. Schon Kohut (1976) erwähnt bezüglich der Gegenübertragung die »häufig anzutreffende Neigung des Analytikers, auf die narzisstischen Fixierungen des Analysanden mit gereizter Ungeduld zu reagieren« (S. 255) und zu schnell mit genetischen und dynamischen Deutungen zu reagieren, indem etwa gleich nach einer idealisierten Person der Kindheit geforscht oder hinter der Idealisierung eine abgewehrte feindselige Neigung vermutet wird. Idealisierung und Größenselbst sind für ihn keine pathologischen Strukturen wie für Kernberg, sondern kindliche Strukturbildungen, die sich durch Fixierungen nicht entwickeln konnten und deren Entfaltung er in der Übertragung mit empathischer Einfühlung fördert und damit über eine umwandelnde Verinnerlichung zur konstruktiveren Strukturbildung im Bereich des Selbst beiträgt (Lachmann 2010).

Werte, theoretische Konzepte und Behandlungstechnik

Die Psychoanalytikerin Bennett Simon (1993) hatte die Gelegenheit, ihre Analyse bei vier verschiedenen Analytikern zu machen. Alle vier gehörten dem Mainstream der nordamerikanischen Psychoanalyse an und waren in klassischer Analyse ausgebildet. Ihrem Bericht zufolge waren diese Analytiker hinsichtlich ihrer Persönlichkeiten und ihres Arbeitsstiles sehr verschieden. Sie wurden von ihr auch sehr unterschiedlich erlebt, was sich auch in den therapeutischen Veränderungen niederschlug. So zeigte sich z. B. eine wesentliche Differenz darin, ob vorwiegend in der Übertragung gearbeitet oder eher die Zusammenhänge außerhalb der Übertragung gedeutet wurden. Auch hinsichtlich der Traumbearbeitung, der Rekonstruktion der Kindheit, der Erwähnung politischer Ereignisse und auch der Selbstoffenbarung des Analytikers verhielten sich die vier Analytiker höchst variabel und in einem jeweils sehr persönlichen Stil.

Auch Klauber (1976) berichtete schon von einem Patienten, der ohne eigenes Verschulden drei verschiedene Analytiker gehabt hatte und diese Erfahrung folgendermaßen kommentierte: »Es ist außerordentlich lehrreich, auf welchen persönlichen Gewohnheiten von unsereinem der einzelne Analytiker besonders herumreitet« (S. 151).

Streeck (1986) hat diese Fragestellung in einem kleinen wissenschaftlichen Projekt systematischer untersucht. Dazu wurde ein Ausschnitt des Verbatim-Protokolls einer psychoanalytischen Sitzung angefertigt und drei Lehranalytikern vorgelegt. Diese stimmten in wesentlichen theoretischen und technischen Grundpositionen überein und sollten sich voneinander unabhängig über die in diesem Abschnitt zum Tragen kommenden Konflikte des Patienten und den Verlauf äußern. Zusätzlich sollten sie auch noch einen eigenen Interventionsvorschlag machen. Wer Fallkonferenzen über Patienten kennt, ist sicher nicht überrascht über die verschiedenen Gesichtspunkte, die bei der Kommentierung durch die drei Analytiker herausgearbeitet wurden. Hinsichtlich des technischen Vorgehens gab es sogar zwei diametral unterschiedliche Standpunkte. Zwei von ihnen stimmten in etwa darin überein, dass der Patient das Bedürfnis nach Angenommensein zum Ausdruck bringe. Deshalb schlug einer von ihnen vor, eher früh und öfters zu intervenieren und den Patienten mit kleinen Äußerungen empathisch anzuregen und zu begleiten, um »die Sache ins Laufen« (S. 105) zu bringen. Der dritte hingegen sah in diesem Stundenprotokoll eher einen analen Ambivalenzkonflikt wirken und würde es daher vorziehen, abzuwarten und zu schweigen, um die Spannung anwachsen zu lassen, »damit der Patient seine Kritik und seinen Ärger noch deutlicher spüren könne« (S. 105).

Es wurde in dieser Untersuchung sehr deutlich, dass sogar theoretisch identische behandlungstechnische Konzepte in der Praxis sehr unterschiedlich umgesetzt wurden. Es wäre deshalb nach Streeck (1986) sehr wünschenswert, nicht nur in allgemeiner und in Theoriesprache über komplexe Sachverhalte zu reden, sondern über die tatsächliche Vielfältigkeit der Erfahrungen und über die diesen zugrundeliegenden Hintergrundannahmen zu debattieren.

So hatte der der Selbstpsychologie nahestehende nordamerikanische Psychoanalytiker Fosshage klinisches Material über eine Behandlung zur Kommentierung an Analytiker verschiedener Schulrichtungen gegeben. Exemplarisch schieden sich die Geister an einem sog. »Cadillac-Vorfall«. Fosshage hatte auf die Frage einer Patientin, ob der vor der Praxis stehende Cadillac ihm gehöre, direkt verneinend reagiert und war insofern von der analytischen Standardtechnik abgewichen (Fosshage 1990, S. 605). Er betont ausdrücklich, dass er die Frage auch dann, wenn das Auto ihm tatsächlich gehört hätte, direkt beantwortet hätte, weil er vor dem Hintergrund der aktuellen Übertragungssituation die Ausdrucksfähigkeit der Patientin fördern und nicht entmutigen wollte und weil er der Analyse von Kritik und Wut den Vorrang einräumte und dies nicht vermeiden wollte.

Von seinen Mitdiskutanten bekam Fosshage zahlreiche sehr kontroverse Stellungnahmen. Burland und Mitchell hielten seine Reaktion für ein Gegenübertragungsagieren mit dem Ziel, sich selbst als gutes Objekt zu erhalten und die Konfrontation mit der negativen Übertragung zu umgehen. Aber gerade die weitere Äußerung von Anteilen einer negativen Übertragung hatte Fosshage ja wiederum durch sein Vorgehen fördern wollen und dieses seiner Ansicht nach auch erreicht. Curtis war der Meinung, dass Fosshage irrtümlicherweise die narzisstische Verletzbarkeit der Patientin in den Vordergrund seiner Betrachtung gerückt habe. Deshalb habe er ihre narzisstische Abwehr der Idealisierung verstärkt, anstatt sie mit ihrer Wut zu konfrontieren. Fosshage betont ausdrücklich, dass er nicht die Vermeidung der kritischen Gefühle im Sinn hatte. Die anschließenden Reaktionen und Äußerungen der Patientin hätten auch deutlich gemacht, dass er sie mit seinem Vorgehen erst ermutigt habe, ihre kritischen Gedanken über den Analytiker etwas angstfreier zu äußern (Fosshage 1990, S. 606f.).

Die entscheidende Frage in einer solchen Situation ist laut Fosshage, welches Vorgehen dem Fortgang der Therapie und der Entwicklung des Patienten eher nützt. Diese Entscheidung ist sehr einleuchtend und kann auch heute als Leitlinie für Interventionen dienen. Immer mehr Analytiker sind heute abgekommen von einem rein an Regeln orientierten Vorgehen und geben an, sich wesentlich flexibler und der jeweiligen Situation angemessen zu verhalten. Sie betonen, dass z. B. die Beantwortung einer Frage davon abhänge, in welcher Übertragungssituation sie gestellt werde. Das wiederum setzt jedoch eine sehr schnelle Einschätzung der therapeutischen Situation, der aktuellen Übertragungssituation und der Psychodynamik des Patienten voraus. Auch dafür liegen jedoch keine klaren Kriterien vor, auf die der Therapeut zurückgreifen könnte. Deshalb setzen gerade an diesem Punkt die verschiedenen Konstruktionsversuche der einzelnen Analytiker an. Zudem wird dann auf der Basis des jeweiligen theoretischen Hintergrundes sehr unterschiedlich beurteilt, was dem Patienten in dieser speziellen Situation helfen könnte. Bacal (1985) führt den Begriff der »optimalen Antwortbereitschaft« ein, in der er die Verantwortung des Analytikers dafür sieht, die vom Patienten in der jeweiligen Situation benötigte Intervention zu geben. Allerdings liegt es wiederum allein im subjektiven Ermessen des Analytikers, was er in einer gegebenen Situation als »optimal« ansieht, ob er z. B. bei einem stark regredierten Patienten eine Deutung für erforderlich und ausreichend hält oder ob er sich dafür entscheidet, ihm einen Finger oder seine Hand als Halt zu geben, wie das Kohut bei einer Patientin (1981, zit. n. Bacal 1985, S. 215) und offensichtlich auch Freud bei Marie Bonaparte (Bacal 1985, S. 215) getan hatten. Um zwischen Frustration und reiner Übertragungsbefriedigung für die optimale und die emotionale Präsenz des Analytikers vermittelnde Antwort zu sorgen, hat Melanie Klein ihrer Patientin Eva Rosenfeld (1966) sogar ein Glas Sherry während der Sitzung gegeben (zit. n. Bacal 1985, S. 215).

Die Brisanz der oben zitierten »optimalen« therapeutischen Maßnahmen zeigt sich auch darin, dass sie nur im relativ privaten Rahmen und in biografischen Zusammenhängen preisgegeben, in der öffentlichen behandlungstechnischen Diskussion jedoch immer noch verleugnet werden oder ihnen bestenfalls ein Ausnahmecharakter zugestanden wird. So hat keiner der oben genannten Autoren (Freud, M. Klein, Kohut) mit Ausnahme von Balint (1973) über diese Maßnahmen berichtet und sie hinsichtlich des therapeutischen Umgangs mit Patienten in regressiven Zuständen reflektiert oder zur fachöffentlichen Diskussion gestellt. Durch dieses Abdrängen ins rein Private und die öffentliche Verleugnung von Interventionen, die aus dem üblichen Regelkanon fallen, konnte sich deren behandlungstechnische Relevanz nicht entfalten. Nur so war es möglich, dass jahrzehntelang an den überzogenen klassischen Konzepten von Anonymität, Abstinenz und Neutralität festgehalten werden konnte, obwohl sie der analytischen Situation nicht mehr angemessen waren und in der Praxis offensichtlich oft nicht eingehalten und sogar für destruktiv gehalten wurden (Mitscherlich-Nielsen 1988).

Eine zunehmende Anzahl von Analytikern ist bereit, die ubiquitäre Geltung der konstruktivistischen Erkenntnistheorie anzuerkennen und eine Behandlungstheorie zu entwickeln, die dem Aspekt der »interpretativen Fehlbarkeit« des Analytikers (Cooper 1993, S. 95, 2010) Rechnung trägt und infolgedessen eine offenere Diskussion von Behandlungen möglich macht (Brodbeck 1993, Cooper 1993, Fosshage 1994, Goldberg 1994, Greenberg 1995, Hoffman 1991 u. 1998, Levine 1994, Mertens 1991, Zwiebel 2007).

Hoffman (1991, 1998) und Wallerstein (1998) verwenden in diesem Zusammenhang einen Begriff des Wissenschaftshistorikers Kuhn (1973) und sprechen sogar von einem Paradigmenwechsel. Sie betonen dabei ausdrücklich, dass damit nicht der Wechsel von der Trieb- zur Objektbeziehungstheorie gemeint sei, sondern der viel grundlegendere Fortschritt vom positivistischen zum konstruktivistischen Modell, von einer Ein- zu einer wirklichen Zwei-Personen-Psychologie (Bettighofer 2014), der sich darin zeigt, die therapeutische Situation als grundsätzlich interaktionell zu konzeptualisieren. Beide Achsen, Trieb- vs. Objektbeziehungsmodell und positivistische vs. konstruktivistische Sichtweise sind voneinander unabhängig und dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Das bedeutet, dass einerseits Triebpsychologie nicht gleichbedeutend ist mit positivistisch und andererseits Objektbeziehungspsychologie nicht mit konstruktivistisch gleichgesetzt werden darf. Die objektpsychologischen Ansätze von M. Klein und Kernberg implizieren z. B. einen klassischen positivistischen Ein-Personen-Ansatz und auch Kohuts Konzeption ist diesem noch weitgehend verpflichtet. Erst seine Schüler Stolorow, Brandchaft und Atwood (1987) entwickelten im Rahmen ihrer Intersubjektivitätstheorie einen konsequenten Zwei-Personen-Ansatz, in dem sie systemische und konstruktivistische Modelle integrieren.

Die allgemeine Annahme des konstruktivistischen Modells ist, dass das Verständnis des Therapeuten immer Resultat einer aktiven Erkenntnissuche ist, die sich in einem interpersonalen (Sullivan 1953) und intersubjektiven Feld (Jaenicke 2006, 2010, 2014, Mitchell 2003, Orange et al. 2001, Orange 2004) abspielt und dadurch beeinflusst und ausgerichtet wird, wie sich Eisenspäne nach den Energien eines Magnetfeldes ausrichten. »Konstruktivistisch« bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass unsere Gedanken, Schlussfolgerungen und Intuitionen einfach falsch sind. Allerdings sind es unsere eigenen interpretativen Konstruktionen und sind insofern rein subjektiv, obwohl sie natürlich die Wahrnehmung von Fakten beinhalten. D. h. man muss über Beobachtungen und Deutungen reden im Sinne von Annahmen und Hypothesen und sich über ihren Charakter als Hypothesen bewusst sein. Der wesentliche Punkt ist also, dass wir uns der relativen Objektivität bzw. der Subjektivität unserer Erkenntnisprozesse stets bewusst sind und ihr Eingebundensein in einen intersubjektiven Kontext stets anerkennen und berücksichtigen sollten (Ferro 2003). Die Wirklichkeit in der therapeutischen Situation, also das, was Therapeut und Patient wahrnehmen und erleben, ist eine dialogische Konstruktion einer gemeinsamen Wirklichkeit (Sandweg 2015). Die zeitgenössischen Ansätze wie die Intersubjektivitätstheorie (Jaenicke 2006, Orange et al. 2001, Stolorow et al. 1987), systemische Modelle auf der Basis der Säuglings- und Bindungsforschung (Beebe und Lachmann 2004, Stern 2004, Stern et al. 2012) und die relationale Psychoanalyse (Kuntzke 2011, Mitchell 2005, Ringstrom 2007, Sassenfeld 2012) werden diesen Kriterien bereits gerecht.

3.2 Übertragung – die Aktivierung innerer Schemata des Patienten

Der Vorgang der Übertragung beinhaltet im Kern die Annahme, dass der Patient nicht eine vorgefundene objektive Wirklichkeit erkennt, sondern dass er in wesentlichen Punkten seine eigene Innenwelt projiziert und wahrnimmt.

Mehr noch als der Analytiker befindet sich der Patient am Anfang der Behandlung in einer Situation, die dadurch für ihn sehr schwierig ist, weil die üblichen Diskursregeln für den Alltagsdialog nicht mehr gelten (Flader et al. 1982). Sie ist deshalb für den Patienten verunsichernd, weil er keine andere ihm bekannte Erfahrung direkt auf die therapeutische Situation anwenden kann. Der Analytiker verhält sich weder wie ein Arzt noch gleicht sein Verhalten demjenigen einer anderen dem Patienten bekannten Autorität. Der Patient sieht sich gezwungen, nach Hinweisen und Signalen zu suchen, die für ihn bekannt sind und auch solchen Beobachtungen einen Sinn zu geben, die er aufgrund seiner bisherigen Erfahrung nicht kennt. Dieser Organisierungsvorgang (Fosshage 1995, Herold 1995, Stolorow et al. 1987), durch den der Patient mithilfe seiner erlernten inneren Schemata die gegenwärtige Situation einzuordnen und ihr einen Sinn zu geben versucht, wurde von Piaget (1966) im Hinblick auf die kognitive Entwicklung als Assimilation beschrieben und von Wachtel (1980) zur Beschreibung der Prozesse in der Übertragung verwendet (s. a. Fischer 1996, Thomä und Kächele 2010).

Im Prozess der Organisierung seiner Erfahrung konstruiert der Patient seine Wahrnehmungen vom Analytiker und der Situation und nimmt Einschätzungen und Bedeutungszuschreibungen vor (Abend 1993, Levine 1994). Durch die aktualisierten inneren Erlebnisschemata (Gillett 1996) befindet er sich im Zustand einer selektiven Wahrnehmungseinstellung und Erwartungshaltung (Beebe und Lachmann 2004, Herold 1995), die ihn für bestimmte Hinweisreize des Therapeuten besonders empfänglich und für andere wiederum weniger zugänglich macht. Auf diese Weise entstehen die Feinstrukturen der globalen Übertragungen (z. B. Vater, Mutter, Geschwister, Über-Ich, Es etc.), die am besten als Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster beschrieben werden können und in Einstellungen, Haltungen, Absichten, Erwartungen etc. zu erkennen sind (Gill 1993). Ihre Aktualisierung nimmt häufig eine spezifische Wahrnehmung bezüglich der Person des Therapeuten als Übertragungsauslöser zum Anlass, um die herum das jeweils aktivierte Interpretationsmuster aufgebaut wird (Smith 1990). Behandlungstechnisch sollten diese Wahrnehmungen, soweit sie eine erkennbar reale Gegebenheit betreffen, auch bestätigt werden (Hübner 2011, Thomä 2001).

Im zweiten Vorgespräch für eine analytische Psychotherapie entsteht eine Gesprächspause, in der die junge Patientin für kurze Zeit nachdenklich und zunehmend verunsichert vor sich hinschaut. Es liegt eine deutliche Spannung in der Luft und der Analytiker spürt einen Druck, ihr etwas zur Spannungslinderung zu sagen oder einen Rat zu geben. Als sich ihr Gesichtsausdruck etwas verändert und der Analytiker etwas später fragt, was denn in ihr vorgehe, sagt sie: »Ich weiß nicht genau, was Sie mir damit sagen wollten. Vielleicht wollten Sie mir sagen, dass ich das nicht machen darf.« Es war deutlich, dass die interpretativen Hinweise des Therapeuten für diese Patientin zu wenig greifbar waren. Zwar suchte sie nicht gerade aktiv eine Verhaltensanweisung oder Kritik, sie war jedoch auf eine derartige Reaktion des Analytikers eingestellt. Daraufhin angesprochen, kam ihre Antwort: »Vielleicht kommt das daher, dass mir immer gesagt worden ist, was ich machen muss oder nicht tun darf, bei meinem Vater kenne ich nichts anderes.«

Diese Patientin hat in ihrer Erwartungshaltung minimale Hinweise im Verhalten des Therapeuten dafür benutzt, ein für ihr Leben typisches Szenario herzustellen. Sie hatte einerseits befürchtet, der Analytiker würde sich genauso verhalten wie sie es von ihrem Vater gewohnt ist und hatte gleichzeitig die zaghafte Hoffnung, er würde sie annehmender und gleichberechtigter behandeln als dieser. Hier sind die beiden Pole erkennbar, die dem Wiederholungszwang und möglicherweise jeder Übertragung zugrunde liegen. Der Angst vor der Wiederholung der traumatischen Erfahrung, also der eigentlichen objektalen Übertragung, steht die unbewusste Hoffnung auf eine neue positive Erfahrung mit dem Therapeuten als Entwicklungsobjekt (Emde 2011, Mertens 2011, Tähkä 1993, Walter 2019) gegenüber oder zumindest die Sehnsucht nach dem Angebot einer Beziehungserfahrung, die günstigere Bedingungen für die Bewältigung einer bisher unlösbaren Konfliktsituation schafft (Control-Mastery-Theorie von Weiss und Sampson 1986, Weiss 1990, Thomä und Kächele 2007).

Die dargestellte Auffassung betrachtet die Übertragung nicht primär und prinzipiell als eine Störung der Realitätswahrnehmung infolge eines Projektions- oder eines sonstigen Abwehrvorganges. Sie sieht darin vielmehr die typische Art, in der ein Patient sein individuelles Erleben gestaltet und wie er sich selbst, seine Beziehungsobjekte und die Beziehung zwischen sich und dem anderen erlebt (Erazo 1997). Die partielle Realitätsverzerrung ist die Folge, nicht aber der Kern einer Übertragungsreaktion.

Übertragung ist also keine pathologische Reaktion, sondern sie ist der Ausdruck und die Wirkung einer ubiquitären natürlichen menschlichen Tendenz, die dem Überleben in einer überaus komplexen Umwelt dient. Die jeweilige inhaltliche Ausgestaltung eines inneren Schemas kann allerdings mehr oder weniger adäquat und konstruktiv im Sinne des sozialen Überlebens sein.

Schon vor langer Zeit hatte der Psychiater Sullivan in seiner interpersonalen Theorie der Psychiatrie den Begriff des Musters gebraucht (Sullivan 1953, S. 409), um die Ursache für sich wiederholende Erfahrungen zu benennen. Während Fosshage (1994) und Stolorow et al. (1987) dieses Konzept im Rahmen der Selbstpsychologie vertreten, favorisiert auch Thomä die Möglichkeit, die Übertragungsdisposition als Schema oder Klischee zu sehen (Thomä 1991, S. 426).

Schemata bestimmen die Auswahl dessen, was wir wahrnehmen und nach welchen Kategorien wir unsere Wahrnehmungen organisieren. Gleichzeitig werden die der Wahrnehmung zugrundeliegenden Schemata mit jedem Wahrnehmungsakt durch das Wahrgenommene angereichert, differenziert, modifiziert, da die objektiv gegebene Umweltinformation mehr oder auch anderes enthält als nur das, was wir mit unseren bestehenden Schemata an die Umgebung herantragen. Ein Teil der Umgebungsinformation lässt sich in die bestehenden Schemata einfügen: Sie wird an die Schemata assimiliert. Dadurch werden die bestehenden Schemata allmählich angereichert. In dem Maße, in dem die Umweltinformation sich nicht an die bestehenden Schemata assimilieren lässt, müssen die Schemata sich an die Umgebung akkommodieren […]. Im Vorgang der Akkommodation werden die Schemata differenziert oder neue Schemata herausgebildet. Gelingt es dem Individuum nicht, seine Schemata an die tatsächliche Umgebungsinformation anzupassen, so muss ein Teil dieser Information aus der Wahrnehmung ausgeblendet werden, oder er wird im Sinne der bestehenden Schemata, d. h. objektiv ›verzerrt‹ wahrgenommen. (Grawe et al. 1994, S. 758)

»Akkommodation« bezeichnet nach Piaget den Vorgang, in dem die bisher entwickelten und bestehenden inneren Strukturen durch neue und nicht erwartete Erfahrungen verändert werden. Übertragung ist somit der dialektische Prozess zwischen Assimilation und Akkommodation, in dessen Verlauf die inneren Schemata zunächst die Erfahrungen in der Beziehung zum Analytiker strukturieren und dadurch im Laufe der »realistischen« Begegnung (Bräutigam 1988) mit dem Therapeuten der Bearbeitung zugänglich werden und eine Korrektur erfahren. Die Introjektion dieser Erfahrung mit dem Analytiker als einem neuen Objekt verändert und differenziert das auf ihn übertragene innere Schema, das sich auf diese Weise an die neue Umwelt akkommodiert, also etwas Neues aufnimmt und sich dadurch verändert. Eine Voraussetzung für die konstruktive Veränderung eines Schemas ist allerdings, dass sich die am Therapeuten als einem neuen Objekt gemachten Erfahrungen als hinreichend bekannt und vertraut erweisen, sich jedoch auch ausreichend von der ursprünglichen traumatischen Erfahrung unterscheiden. Fischer spricht hier in Anlehnung an Piaget von einer »optimalen Differenz« (1996, 2000, S. 174) zwischen der negativen Übertragungserwartung und einer positiven therapeutischen Beziehung. Grimmer (2006) weist in seinem Beziehungskonzept der Kreditierung darauf hin, dass dem Patienten im Rahmen einer positiven therapeutischen Beziehung nicht nur Mut gemacht werden soll, sondern dass auch das dosierte und gezielte »Zumuten« von Konfrontation und zeitweiliger Verunsicherung im Sinne einer optimalen Frustration (Kohut 1976) Bestandteil einer bewältigungs- und ressourcenorientierten analytischen Beziehungsgestaltung sein muss.

Auch Weiss und Sampson (1986) gehen in ihrer Control-Mastery-Theorie des therapeutischen Prozesses davon aus, dass der Patient sich mit spezifischen unbewussten Plänen in die therapeutische Beziehung einlässt, den Therapeuten in bestimmte Situationen bringt und ihn dadurch testet, ob dieser seine neurotischen Erwartungen bestätigt oder nicht. Das geschieht in der Hoffnung, dass der Analytiker mit dem konflikthaften Material anders umgehen kann als die Personen seiner Vergangenheit. Sie gründen also ihre Behandlungstechnik implizit auf die Annahme innerer Schemata, die bewirken, dass der Patient mit spezifischen Befürchtungen, Erwartungen und unbewussten Plänen in die analytische Situation kommt und die dort gemachten Wahrnehmungen entsprechend diesen unbewussten Schemata organisiert (Andreas et al. 2019).

Die Psyche als System

Die logische Struktur, die im Falle eines misslingenden therapeutischen Dialoges, etwa wenn der Therapeut die Tests des Patienten nicht besteht, zu einer Retraumatisierung im Sinne des Wiederholungszwangs führt, entspricht den Vorgängen in einem geschlossenen System, in dem zirkuläre rückbezügliche Prozesse ablaufen. »Die zirkuläre Organisation impliziert somit die Voraussage, dass eine Interaktion, die einmal stattgefunden hat, wiederum stattfinden wird« (Maturana 1985, S. 36).

In einem operational geschlossenen System (Luhmann 1992) stehen dessen strukturelle Bestandteile und Funktionen in einem solchen Verhältnis zueinander, dass dadurch ebendiese Strukturen aufrechterhalten und immer wieder reproduziert werden. Es findet ein permanenter selbstbezüglicher Rückkopplungsprozess zwischen den einzelnen Elementen statt, indem ein strukturelles Element einen Prozess in Gang setzt, durch den dieses Element wiederum erzeugt wird. Der von der Biologie und der Neurophysiologie ausgehende Erkenntnistheoretiker Maturana (1985) verwendet zur Kennzeichnung dieser Dynamik den Begriff der Autopoiese, um den grundsätzlichen Wirkungsmechanismus innerhalb eines geschlossenen Systems zu beschreiben. So assimiliert z. B. eine Nervenzelle ihre biochemische Umwelt auf eine für sie typische Weise, mit der sie sich selbst immer wieder reproduziert und ihre Identität als Nervenzelle aufrechterhält und neu schaffen kann.

Das Ergebnis der autopoietischen Arbeit ist somit weitgehend mit dem Ausgangszustand identisch. Dabei kreieren die strukturellen Bestandteile der Zelle die Zellwand, die ihrerseits wiederum die Voraussetzung dafür schafft, dass der Stoffwechsel der Zelle stattfinden kann (Simon 1995). Ich halte es für naheliegend, diese Position mit der Psychoanalyse zu verbinden und die Psyche als ein System zu betrachten, das sich im Sinne dieser autopoietischen Prozesse bis zu einem gewissen Ausmaß selbst reproduziert, d. h., dass immer wieder dieselben Erfahrungs- und Interaktionsmuster und dieselben interpersonellen Erfahrungen auftreten (Brocher und Sies 1986, Kemper 1992).

3.2.1 Die Beschaffenheit der inneren Schemata

Die hier postulierten inneren Schemata sind Bestandteil der inneren Strukturen, die in der Psychoanalyse als innere Repräsentanzen bezeichnet werden. Ursprünglich wurde von Objekt- und Subjektrepräsentanzen, also von inneren Bildern von den Mitmenschen und von sich selbst (Jacobsen 1964) gesprochen. Die Interaktion zwischen Subjekt und Objekt wurde dabei, wenigstens in der theoretischen Konzeptualisierung, völlig außer Acht gelassen. Man sprach so z. B. von Introjektionen der Mutter ins Über-Ich oder von reiferen Identifikationen mit der Mutter im Sinne einer Aufnahme mütterlicher Aspekte ins eigene Ich oder Über-Ich. Unter dem zunehmenden Einfluss von Objektbeziehungstheorien musste diese individualistische Sicht jedoch schließlich korrigiert werden. So sprach man davon, dass nicht nur Aspekte der Beziehungsobjekte introjiziert werden, sondern dass es vor allem auch die Interaktionserfahrungen mit diesen Objekten sind, die verinnerlicht werden und die psychischen Strukturen bilden (Kernberg 1988b, Stern 1994).

In einer frühen Rezeption der Kleinkindforschung gehen Sandler und Sandler (1978) in einer Arbeit über die Entwicklung der Objektbeziehungen ebenfalls über die ursprüngliche Theorie hinaus, indem sie postulieren, dass nicht nur von Wünschen und anderen Es-Inhalten gesprochen werden kann. Vielmehr beinhaltet jeder Wunsch neben einer Selbstrepräsentation auch eine Objektrepräsentanz und ein Bild der interaktionellen Beziehung zwischen diesen beiden: »Der Wunsch enthält die Repräsentation einer Objektbeziehung« (Sandler und Sandler 1978, S. 290). Kernberg (1988b) formuliert diese Erkenntnis aus und erweitert damit die ichpsychologische Trieb-Abwehr-Theorie, indem er schreibt: »Unbewusste intrapsychische Konflikte sind niemals nur einfache Konflikte zwischen Impuls und Abwehr; vielmehr findet der Triebabkömmling in einer primitiven Objektbeziehung Ausdruck (einer bestimmten Einheit der Selbst- und Objektrepräsentanz), und auch die Abwehr spiegelt sich in einer bestimmten verinnerlichten Objektbeziehung. Der Konflikt besteht zwischen diesen intrapsychischen Strukturen« (S. 175). Sowohl das Bedürfnis wie auch die Über-Ich-geleitete Abwehr sind in dieser Sicht somit eingebettet in den interpersonellen Kontext, in dem sie entstanden sind (Kahlenberg 2010).

3.2.2 Entstehung der inneren Schemata – der Einfluss der Säuglings- und Kleinkindforschung

Die moderne Kleinkindforschung hat unser Verständnis von der Entstehung der inneren Repräsentanzen und Schemata ein großes Stück vorangebracht. So sprach Bowlby (1980) bereits von inneren »Arbeitsmodellen« (S. 146), die aufgrund der Bindungserfahrungen des Kleinkindes entstehen, »die die Hauptmerkmale der Welt um es herum und die seiner selbst als Handelndem in ihr repräsentieren« (S. 146). Diese inneren Arbeitsmodelle bestimmen seine Erwartungen hinsichtlich der Reaktionen des Anderen und bedingen seine Handlungspläne.

Durch die Rezeption der Säuglingsforschung (Dornes 1997, 2000, Beebe und Lachmann 2004) und den Versuch, auch die Erkenntnisse der Bindungstheorie (Fonagy 2001, Grossmann und Grossmann 2004) für die Weiterentwicklung der Psychoanalyse fruchtbar zu machen, kam es zu einer Reihe weiterer Begriffsbildungen mit dem Ziel, den Vorgang der intrapsychischen Repräsentation dessen, was ein Kind erlebt, exakter zu erfassen. So entsprechen Fosshages (1994) »developmental configurations« (S. 277) weitestgehend dem, was Lichtenberg (1991) mit den »affektiven Wahrnehmungs- und Handlungsmustern« (S. 85) meint, die sich auf der Basis »angeborener und rasch erlernter Schemapräferenzen« (S. 85) entwickeln. Buchholz (1988) spricht von »internalisierten Beziehungsmodellen«, die als »invariante Muster« (S. 287) im Unbewussten abgelagert werden und kommt damit Daniel Stern (1994) sehr nahe, der diese relativ stabilen Repräsentationen von Beziehungsmustern sehr treffend als »representations of interactions that have been generalized (RIGs)«, also als generalisierte Interaktionsrepräsentanzen bezeichnet hat. Zelnick und Buchholz (1991) ziehen zur Definition der inneren Repräsentanzen den Begriff der »unbewußten interaktionalen Organisationsstrukturen« (S. 842) vor.

Die Entwicklung der inneren Schemata nach D. Stern

Den bisher differenziertesten Beitrag zur Entwicklung der inneren Repräsentanzen hat meines Wissens Daniel Stern (1994, 1995) in seinen Arbeiten über die Repräsentation von Beziehungsmustern geliefert. Im Gegensatz zu den vorher genannten Autoren unterscheidet Stern (1995) zwischen dem formalen und dem inhaltlichen Aufbau der Repräsentanzen, wobei sich der inhaltliche Aspekt nicht auf die Struktur, sondern auf den spezifischen Bedeutungsgehalt einer Introjektion bezieht.

Die internalisierten Interaktionseinheiten haben nach Stern (1995) eine hierarchische Struktur. Der formale Aufbau der Bildung eines inneren Schemas beginnt nach Stern mit der kleinsten Einheit einer Interaktion, einer kurzen einzelnen Interaktion zwischen Mutter und Kind, dem sog. »L-Moment« (L = lived) (Stern 1995, S. 197), der sich täglich oft wiederholt und direkt im Gedächtnis abgebildet wird. Das Kind lächelt z. B. die Mutter an, und sie lächelt zurück. Dieser gelebte Moment wird als eigene begrenzte Interaktionserfahrung vom Säugling aufgenommen. Hier handelt es sich noch nicht um eine Repräsentanz, sondern nur um die Speicherung einer tatsächlichen gelebten Erfahrung, »eine einzelne Erinnerungsspur an ein gelebtes Moment« (S. 199).

Größere Einheiten von Interaktionserfahrungen, die aus einer Sequenz von einzelnen Mikrointeraktionen, den L-Momenten bestehen, bezeichnet Stern als »L-Szenarios« (S. 208), d. h. gelebte und direkt im Gedächtnis aufbewahrte Interaktionseinheiten.

Ein Beispiel

Das acht Monate alte Kind krabbelt von der Mutter weg und freudig auf eine Wasserpfütze zu. Kurz davor hält es an, dreht sich zur Mutter um und schaut sie etwas ambivalent, halb lächelnd und halb prüfend an. Sie lächelt ermutigend zurück, worauf das Kind lustvoll und ohne Hemmung weiter in die Pfütze krabbelt.

Die direkte Gedächtnis- bzw. Erinnerungsspur solcher L-Momente und L-Szenarios nennt Stern »M-Moment« und »M-Szenario« (M = memory), um deutlich zwischen der tatsächlichen Interaktion und der inneren Aufnahme als Erinnerungsspur zu unterscheiden. Gerade bei den M-Szenarios, die ja schon komplexere Interaktionseinheiten sind, die so ins Gedächtnis eingehen, wie sie subjektiv erfahren werden, ist die Verzerrung einer Wahrnehmung durch den jeweiligen affektiven Zustand des Säuglings durchaus schon möglich.

Als nächste Stufe im hierarchischen Aufbau eines inneren Schemas folgt darauf die eigentliche innere Repräsentation der erlebten Interaktionserfahrungen. Aus wiederholten Einzelerfahrungen, den M-Momenten und M-Szenarios, bildet das Kind allmählich ein inneres Bild von einer bestimmten Situation, gewissermaßen einen Entwurf von einer interaktionellen Szene, indem es die immer gleichbleibenden invarianten Merkmale dieser Interaktion erkennt, sie abstrahiert und eine Vorstellung von ihrem typischen Ablauf ausbildet. Diese inneren Modelle, die kognitive und affektive Elemente sowie Handlungsentwürfe enthalten, helfen dem Kind, sich in seiner Umwelt zusehends besser zurechtzufinden, indem es aus dem bisher Erlebten eine Vorstellung davon bildet, was in einer spezifischen Situation zu erwarten ist (Beebe und Lachmann 2004).

Die ausgebildeten inneren Repräsentationen dienen dem Kind dazu, jede neue Erfahrung im Sinne eines Mustererkennungsprozesses gemäß den bisherigen inneren Bildern nach Bekanntem abzusuchen, sie zu assimilieren und das innere Schema unter Umständen zu erweitern.

Auf dieser Ebene geht es ausschließlich um innere Verarbeitungsprozesse, die den Charakter von autopoietischen Selbstorganisationsprozessen haben und denen insofern eine eigene Dynamik innewohnt, als sie immer komplexer und von der realen Erfahrung unabhängiger werden, diese jedoch im Sinne dieser inneren Schemata verarbeiten. Es finden Generalisierungen statt, die zu einer fortschreitenden Kategorisierung von Erfahrungen führen. Diese generalisierten Interaktionserfahrungen wurden von Stern (1994) als RIGs bezeichnet.

Um die Entstehungsweise solcher Interaktionsmuster zu verdeutlichen, führt Stern (1995) ein Experiment von Mark Strauss (1979) an, in dem die Bildung eines visuellen Gesichtsmusters verfolgt werden kann. Einer Gruppe von zehn Monate alten Säuglingen wurden mehrere schematische Zeichnungen eines menschlichen Gesichts gezeigt. »Jedes Gesicht war unterschiedlich in Größe und Stellung der Augen oder der Ohren oder der Länge der Nase. Am Ende der Serie wurden die Säuglinge getestet, welche Zeichnung sie als die gesamte Serie ›repräsentierend‹ auswählten, d. h. welche ihnen am wenigsten fremd bzw. am vertrautesten schien. Sie wählten eine Zeichnung aus, die sie noch nicht gesehen hatten, die aber den mathematischen Durchschnitt aller Merkmalsgrößenstellungen darstellte, die sie vorher gesehen hatten. Bei der Beobachtung der Bild-Serie vollzogen die Säuglinge offenbar einen fortlaufenden Prozeß der Durchschnittsbildung und gelangten so zu einem Prototyp, durch den die gesamte Sequenz gut ›repräsentiert‹ wurde – obwohl das ausgewählte Bild in der ursprünglich gezeigten Serie gar nicht enthalten war« (Stern 1995, S. 202f.). Auf diese Weise bildet nach Stern der Säugling die R-Momente und R-Szenarios.

Bowlbys Konzept des inneren Arbeitsmodells lässt sich ohne Schwierigkeiten in die Auffassung von Stern integrieren. Ein inneres Arbeitsmodell ist demnach eine um einen spezifischen Inhalt gruppierte Repräsentationseinheit, die sich aus verschiedenen gelebten Momenten und Szenarios und den entsprechenden generalisierten Repräsentanzen zusammensetzt. So müssen für unterschiedliche Motivationssysteme und für die einzelnen Entwicklungsphasen spezifische innere Arbeitsmodelle postuliert werden. Was Bowlby und seine Mitarbeiter bezüglich Bindung und Bindungstypen erforscht haben (Bowlby 1980, Ainsworth et al. 1978, Grossmann et al. 1989, Grossmann und Grossmann 2004, Spangler und Zimmermann 1995), müsste analog auch für die weiteren von Lichtenberg (1989, 1991) postulierten Motivationssysteme erarbeitet werden (physiologischen Bedürfnisse, Selbstbehauptung und Exploration, Rückzug und Aversion sowie sinnliches Vergnügen und Sexualität).

Aus der bisherigen Beschreibung der Schemaentstehung geht hervor, dass es sich schon auf der untersten Ebene der M-Szenarios um Erinnerungsspuren handelt, in denen die subjektiv erlebten Interaktionssequenzen festgehalten werden. Insbesondere bei der Weiterverarbeitung zu generalisierten Interaktionsmustern bzw. Repräsentanzen gibt es reichlich Möglichkeiten, Verzerrungen in die Welt der inneren Repräsentanzen bzw. der verinnerlichten Objektbeziehungen zu bringen. Auch Stern (1995) beansprucht nicht, dass sich in diesen internalisierten Interaktionsmustern eine direkte und einfache Abbildung des tatsächlich Erlebten darstellt. Allerdings hat die Kleinkindforschung in der Psychoanalyse zu einer wichtigen Korrektur geführt. Man hat nach heftigen Kontroversen dadurch gelernt, nicht mehr ausschließlich die fantasierte Erinnerung zu berücksichtigen, sondern sehr viel genauer auf die tatsächlichen Interaktionen zu achten, die äußerst subtil zwischen Kind und Eltern stattfinden, und ist nun eher bereit, in Kindheitserinnerungen den realen interaktionellen Kern anzuerkennen, um den sich dann mithilfe der komplexen Fantasietätigkeit eine »Narration« (Spence 1982), also eine erzählbare Geschichte (Retzer 1994) herausbildet hat. Auf diese Kontroverse zwischen analytischer Trieb-/Ich-Psychologie und Säuglingsforschung (s. Arlow 1991, Reed 1995) kann hier jedoch nicht näher eingegangen werden.

Auch das von Lichtenberg (1989, 2005) eingeführte Konzept der »Modellszene« dient vor allem dazu, die Verstehensarbeit des Analytikers zu erleichtern und zu konkretisieren. Es meint nicht, dass die in der Übertragung entstehende Szene ein wahrheitsgetreues und quasi fotografisches Abbild einer real erlebten kindlichen Szene ist. Der Begriff der »Modellszene« ist unspezifischer als Sterns Begriff der »RIGs«, da er sich auf die subjektive Erfahrung einer Kindheitsszene bezieht und im Gegensatz zu Stern (1995) nicht zu differenzieren versucht zwischen tatsächlich erlebten Interaktionsmomenten und deren innerer Repräsentation als RIG.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein inneres Erlebnisschema , dem eine internalisierte Interaktionsfigur zugrunde liegt, ein bestimmtes in dieser Erfahrung erlebtes Gefühl und gleichzeitig ein kognitives Bild von der Beziehungsperson umfasst. Ein Kind entwickelt allerdings erst relativ spät in der Entwicklung die Fähigkeit zur Mentalisierung (Dornes 2004, Fonagy et al. 2004, Fonagy 2009, Klöpper 2005) und zur reiferen Affektregulierung. Erst auf dieser Basis ist das Kind in der Lage, komplexere Vorstellungen von sich selbst und den Anderen zu entwickeln (Köhler 2006). Das jeweilige Bild von sich selbst im Rahmen einer Interaktion, also der Selbstanteil der inneren Repräsentanz (Kernberg 1988b, Sandler 1978)beinhaltet vor dem Erreichen dieser höheren Entwicklungsstufe nicht die Wahrnehmung des eigenen Verhaltens und die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme. Wenn die Eltern sich den Bedürfnissen des Kindes entsprechend verhalten (Lichtenberg 1989), fühlt sich das Kind in seiner Art angenommen, geschätzt und geliebt. Für eine sehr lange Zeit ist es das Wesentliche für das Kind, ob es angenommen wird oder nicht, ob es geliebt oder zurückgewiesen wird und ob es sich in seinen Erfahrungen bestätigt fühlt. Zu einem wesentlichen Teil besteht der Inhalt der Selbstrepräsentanzen, also das Selbstbild und das Selbstwertgefühl, aus diesen durch die Eltern vermittelten Bedeutungen. Erlebt das Kind die Eltern als ablehnend, so ist es noch nicht in der Lage, die zugrundeliegende Interaktion symbolisch zu repräsentieren, das Verhalten der Eltern und das eigene Verhalten getrennt zu erfassen, wie es später möglich wäre, sondern es fühlt sich einfach ungeliebt und hält sich selbst für böse, da eine Trennung und Differenzierung zwischen Selbst und Objekt noch nicht möglich ist. Im günstigen Fall fühlt es sich zufrieden, sicher, in seiner Person bestätigt und hat in dieser Situation ein positives Bild von sich und ein gutes Gefühl für sich. »Das Erleben, das die eigene Subjektivität in der inneren Welt eines Anderen existiert und positive Resonanz findet, ermöglicht die Wahrnehmung der eigenen Einzigartigkeit« (Kahlenberg 2010, S. 70). Das Selbsterleben ist also ein Abbild von intersubjektiven Beziehungserfahrungen.

3.2.3 Strukturelle Regression

Bei einer Regression handelt es sich nicht einfach nur um eine chronologische Rückkehr zu früheren Objekt- und Subjektbildern, die auf den Analytiker übertragen werden und dort zu einem »Irrtum in der Zeit« (Greenson 1975, S. 163) und dadurch zu einer verzerrten Wahrnehmung führen. So wie die inneren Repräsentanzen oder Schemata aufgebaut sind, besteht der strukturelle Aspekt der Regression vielmehr in einer Aktivierung von früheren und primitiveren Denk- und Erlebnisstrukturen (Ermann 1996). Denn die inneren Schemata enthalten ganz unterschiedliche Ebenen der Abstraktion, der Integration und der Verarbeitung durch Symbolisierungs- und Gedächtnisprozesse, die zudem den verschiedenen Lebensaltern entstammen und die jeweiligen altersgemäßen Verarbeitungsmodi repräsentieren. So kann in der Übertragung bei einem strukturell gefestigten neurotischen Patienten z. B. eine relativ hohe Verarbeitungsform eines RIGs aktualisiert werden, wohingegen Borderline-Patienten eher dazu neigen, auch die frühen Vorformen der RIGs, also gelebte Momente und direkte im Gedächtnis gespeicherte interaktionelle Erfahrungen, zu aktivieren, die traumatischen Charakter hatten. Auf dieser strukturell sehr tiefen Regressionsebene sind es praktisch einfache unverarbeitete Erinnerungen mit intensiven affektiven Begleitreaktionen ohne symbolische Verarbeitung und noch vor der Entwicklung einer ausreichenden Mentalisierungsfähigkeit (Dornes 2004, Fonagy 2009), sodass deren Aktualisierung sehr schnell und affektiv intensiv sein kann und den Therapeuten deshalb ebenso stark emotional anspricht und einbezieht. Dadurch können heftige Affekte und Handlungsimpulse in der Gegenübertragung entstehen, die ein deutlicher Hinweis auf eine strukturelle oder traumatische Störung beim Patienten sind (Barwinsky 2014, Rosenfeld 1987).

3.2.4 Transgenerationale Weitervermittlung innerer Schemata

Innere Schemata, Arbeitsmodelle oder RIGs zeigen interessanterweise auch eine ausgeprägte Konstanz über die Generationsgrenzen hinweg. So konnten beispielsweise hinsichtlich des Bindungsverhaltens hochsignifikante Zusammenhänge gefunden werden zwischen der Feinfühligkeit der Mutter für die Signale ihres Kindes und ihren eigenen internalisierten Elternbildern. Mütter, die über positive Bindungserfahrungen mit ihren eigenen Müttern berichteten oder wenigstens die Bereitschaft hatten, eigene bindungsrelevante, wenn auch negative Erfahrungen zu überdenken, hatten ein feineres Gespür für die Bindungsbedürfnisse ihres Kindes als solche Mütter, die ihre Eltern einfach entwerteten, sie einseitig idealisierten oder nur wenige Erinnerungen an ihre Kinderzeit hatten. Bei Kindern derjenigen Mütter, die die Erfahrung einer sicheren Bindung und somit diesbezüglich ein überwiegend positives mütterliches Introjekt hatten, ließ sich ebenfalls überwiegend ein sicheres Bindungsmuster ihren Kindern gegenüber feststellen (Grossmann et al. 1988, Grossmann und Grossmann 2004, Levine et al. 1991, Steele und Steele 1995). Auch Fonagy und seiner Arbeitsgruppe (Fonagy et al. 1993) war es aufgrund von Elterninterviews über deren eigene Kindheitserfahrungen möglich, die Bindungsqualität, die deren Kinder entwickeln würden, richtig vorherzusagen. Dabei wurden die Gespräche mit diesen Eltern selbstverständlich vor der Geburt der später untersuchten Kinder durchgeführt (ausführliche Zusammenfassungen bei Fonagy 2003, Spangler et al. 1995, Grossmann und Grossmann 2004).

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03 eylül 2025
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352 s. 4 illüstrasyon
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9783170406902
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