Kitabı oku: «Der Krüppel»
Arthur Conan Doyle
Der Krüppel
Saga
Der KrüppelCopyright © 1893, 2019 Arthur Conan Doyle und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726372229
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Der Krüppel.
Einige Monate nach meiner Hochzeit sass ich an einem Sommerabend noch zu später Stunde auf, rauchte eine Pfeife und nickte gelegentlich über dem Roman ein, den ich lesen wollte; es lag ein sehr anstrengendes Tagewerk hinter mir. Meine Frau hatte sich schon zur Ruhe begeben, und auch die Dienstmädchen waren hinauf in ihre Kammer gegangen; ich hatte gehört, wie sie die Hausthür schlossen. Eben stand ich vom Lehnstuhl auf und begann die Asche aus meiner Pseife zu klopfen, als plötzlich die Glocke ertönte.
Ich sah nach der Uhr; es war dreiviertel auf zwölf. So spät konnte kein Besuch mehr kommen, also wollte man mich zu einem Kranken holen, und von Nachtruhe war keine Rede mehr. Mit verdriesslicher Miene stieg ich die Treppe hinunter und schloss auf. Zu meiner Verwunderung fand ich Sherlock Holmes draussen vor der Thüre stehen.
„Ah, du bist’s, Watson,“ sagte er. „Ich komme spät, aber ich hoffte, dich noch munter zu finden.“
„Bitte, tritt näher, lieber Freund.“
„Du warst überrascht, mich zu sehen — kein Wunder — angenehm überrascht, vermutlich. Hm, du rauchst also noch immer dieselbe Sorte wie früher als Junggeselle. Die flockige Asche auf deinem Aermel lässt sich nicht verkennen. Dass du gewohnt gewesen bist, eine Uniform zu tragen, sieht man dir auf den ersten Blick an, Watson; du wirst auch nie für einen Zivilisten von reinem Wasser gelten, bis du dir nicht abgewöhnst, das Taschentuch im Rockärmel. zu tragen. — Kannst du mich heute nacht beherbergen?“
„Mit Vergnügen.“
„Du hast mir einmal gesagt, dass bei euch immer ein Bett für einen Gast bereit steht, und ich sehe, dass ihr jetzt keinen Logierbesuch habt. Es hängt nur ein Hut am Ständer.“
„Ich freue mich sehr, wenn du bleiben willst.“
„Besten Dank; ich darf wohl diesen leeren Riegel für meine Kopfbedeckung benützen. — Bedauere, dass du einen Arbeiter im Haus gehabt hast; das bedeutet nichts Gutes. Hoffentlich war das Abflussrohr nicht schadhaft.“
„Nein, die Gasleitung.“
„Ach so! Der Mann hat den Abdruck von zwei Nägeln in seiner Stiefelsohle auf dem Linoleum zurückgelassen, das Licht fiel gerade darauf. — Nein danke — gegessen habe ich schon auf dem Bahnhof, aber eine Pfeife würde ich noch gern mit dir rauchen.“
Ich reichte ihm meinen Tabaksbeutel; er setzte sich mir gegenüber und paffte eine Weile schweigend fort. Da ich wohl wusste, dass ihn nur ein wichtiges Geschäft um diese Stunde noch zu mir führen konnte, wartete ich es geduldig ab, bis er die Rede darauf brachte.
„Du hast jetzt gerade viel Arbeit in deinem ärztlichen Beruf, wie ich sehe,“ sagte er, mich mit scharfem Blicke musternd.
„Ja, ich bin heute sehr beschäftigt gewesen,“ erwiderte ich; „aber woher du das wissen kannst, ist mir unbegreiflich.“
Holmes lächelte wohlgefällig. „Ich kenne ja deine Gewohnheiten, mein lieber Watson. Wenn du nur eine kurze Runde zu machen hast, gehst du zu Fusse, bei einer langen fährst du. Da ich nun sehe, dass deine Stiefel zwar gebraucht, aber nicht schmutzig sind, hast du jetzt jedenfalls so viel zu thun, dass du dir eine Droschke gestattest.“
„Vortrefflich,“ rief ich.
„Ureinfach,“ sagte er. „Dies ist nur ein Beispiel davon, wie leicht man durch Schlussfolgerung zu Ergebnissen gelangen kann, die den Hörer überraschen, wenn man diesen oder jenen kleinen Umstand, der vielleicht die Grundlage des Ganzen bildet, für sich behält. Auf ähnliche Weise verfährst du auch, mein lieber Junge, bei der Aufzeichnung deiner kleinen Skizzen und erhältst dadurch den Leser in Spannung. Ich befinde mich augenblicklich in genau derselben Lage wie deine Leser, denn ich halte verschiedene Fäden der seltsamsten Begebenheit in Händen, über die sich je ein Mensch den Kopf zerbrochen hat, und doch fehlen mir ein paar Verbindungsglieder zur klaren Begründung des Ganzen. Aber ich muss sie haben, Watson, ich werde sie schon noch bekommen!“ Seine Augen funkelten, und ein leises Rot färbte ihm die hageren Wangen. Auf einen kurzen Moment hob sich der Schleier, der sein Inneres sonst verhüllte, und liess sein leidenschaftlich erregbares Gefühl durchblicken. Als ich ihn aber wieder ansah, waren seine Züge bereits so starr und regungslos, wie die einer indianischen Rothaut, ein Gesichtsausdruck, dem man es zuzuschreiben hatte, dass viele in ihm mehr eine Maschine als einen Menschen sahen.
„Das Problem kommt mir nicht uninteressant vor,“ sagte er, „manche Einzelheiten sind sogar recht aussergewöhnlich. Ich habe mir schon Einsicht in die Sache verschafft und glaube der Lösung ganz nahe gerückt zu sein. Wenn du mir bei dem letzten Schritt behilflich sein wolltest, würdest du mir einen grossen Dienst leisten.“
„Von Herzen gern.“
„Könntest du wohl morgen mit mir nach Aldershot kommen?“
„O ja; Jackson wird gewiss meine Praxis übernehmen.“
„Dann wollen wir mit dem Zug 11.10 von der Station Waterloo abfahren.“
„Das lässt sich einrichten.“
„Wenn du nicht müde bist, möchte ich dir gleich jetzt alles berichten, was geschehen ist und was noch zu thun übrig bleibt.“
„Ehe du kamst, war ich sehr schläfrig, aber ich bin wieder ganz munter geworden.“
„Ich will mich so kurz wie möglich fassen und dir nur das Wesentlichste erzählen. Vielleicht hast du auch schon etwas über den Fall gelesen. Es handelt sich um den Tod des Obersten Barclay vom 117. Regiment in Aldershot — er soll ermordet worden sein.“
„Davon habe ich nichts gehört.“
„Das Ereignis ist erst zwei Tage alt und hat sich noch nicht in weitere Kreise verbreitet; es verhält sich damit folgendermassen:
„Die 117er sind, wie du weisst, eins der berühmtesten irischen Regimenter, das sowohl im Krimkrieg wie beim indischen Aufstand Wunder der Tapferkeit vollbracht und sich auch seither bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet hat. Bis letzten Montag wurde es von James Barclay, einem wackeren alten Krieger, befehligt. Ursprünglich als Gemeiner eingetreten, war er wegen seines im indischen Aufstand, bewiesenen Mutes zum Offizier befördert worden und stand zuletzt an der Spitze des nämlichen Regiments, in dem er einst die Muskete getragen.
„Oberst Barclay hatte als Unteroffizier geheiratet. Der Mädchenname seiner Frau war Nancy Devoy; ihr Vater war früher Feldwebel im selben Korps gewesen. Natürlich konnte es nicht ohne einige kleine Reibereien abgehen, als die jungen Eheleute (denn sie waren beide noch jung) nach Barclays Rangerhöhung ihre neue gesellschaftliche Stellung einnahmen. Doch scheinen sich beide rasch in die veränderten Verhältnisse gefunden zu haben, und Frau Oberst Barclay soll bei den Damen des Regiments ebenso beliebt gewesen sein, wie ihr Gatte unter seinen Kameraden. Ich will noch erwähnen, dass sie eine sehr schöne Frau war, noch jetzt, nach einer mehr als dreissigjährigen Ehe, ist sie eine ganz auffallende Erscheinung.
„Oberst Barclays häusliches Leben scheint durchaus glücklich gewesen zu sein; Major Murphy, dem ich die Kenntnis der meisten Thatsachen verdanke, sagt mir, es sei nie etwas von Misshelligkeiten zwischen den Gatten verlautet; doch glaubt man im allgemeinen, dass die grössere Liebe auf Barclays Seite war. Er konnte seine Unruhe kaum bezähmen, wenn er auch nur einen Tag lang von seiner Frau fern sein musste. Sie dagegen, obgleich ihm treu und ergeben, trug ihre Zärtlichkeit weit weniger zur Schau. Doch galten sie im ganzen Regiment für das Muster eines Ehepaares, und in ihren Beziehungen zu einander lag nichts, was die Welt auf das Trauerspiel vorbereiten konnte, welches sich zugetragen hat.
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