Kitabı oku: «Wechselbad und Scherbenhaufen», sayfa 5
Es gab mir einen Stich. Von einer Kreuzfahrt hatte Gabriel auf öfters gelabert.
„Na, das ist doch prima.“ Ich stieß einen Schwall Rauch in die Luft und trat gegen den leeren Blumenkübel, denn zum Bepflanzen war ich noch nicht gekommen.
Dieser Sack. Wann hörte es endlich auf, wehzutun? Wann erinnerten mich lächerliche Kleinigkeiten nicht mehr an ihn und unsere „Beziehung“?
„Ja, mal gucken. Nicht mehr lange bis zur Silberhochzeit, vielleicht fahren wir dann einfach weg. Ich habe keinen Bock auf dieses Tohuwabohu mit Feier, Geschenken und Gästen.“
„Hätte ich auch nicht.“
„Wann kommst du denn mal wieder vorbei? Wir vermissen unser Küken“, sagte Ruth. Ich seufzte. Ich hatte sie über Silke kennengelernt, denn mein Ex-Mann war ein Cousin von ihr. Sie hatte mich zu einem „Sauf- und Quatschabend“ mit ihren Freundinnen in der Kneipe mitgenommen. Alle anderen waren um die zehn Jahre älter als ich und manchmal bekam ich Ratschläge, die ich nicht brauchte. Oder wollte.
„Na ja, ich bräuchte einen neuen Haarschnitt“, gab ich zu.
„Dann komm doch Samstag, wenn du kannst. Ich wärme dir den Stuhl vor.“
„Könnte ich eigentlich machen. Es wäre wirklich nötig bei mir. Ich binde mit mittlerweile schon einen Zopf.“
„Du liebe Güte!“
„Weißt du was? Ich bin gegen zehn bei euch, wenn euch das passt.“
„Komm, wann du willst. Jens ist wie gesagt nicht da.“
„Was? Auch nicht am Wochenende?“
„Das wäre zu weit zu fahren. Den Stress will ich ihm nicht antun. Er hat auch nichts davon gesagt, also habe ich gar nicht erst gefragt. Wenn’s ihn nicht nach Hause zieht ...“
„Nun ja, bei den Benzinpreisen ist es wahrscheinlich vernünftig. Wer weiß, wie lange er Freitag noch gearbeitet hat. Dann kommt er spätabends nach Hause und muss Sonntagnachmittag wieder los, davon habt ihr doch nichts“, tröstete ich.
„Ja, genau. Außerdem sind wir seit tausend Jahren verheiratet, da ist seine Sehnsucht nicht mehr so groß. Ist ja auch nicht schlimm. Ich vermisse ihn zwar wahnsinnig, aber vielleicht tut uns das mal ganz gut. Er schreibt jedenfalls wieder etwas intimere Nachrichten. Nicht mehr nur so sachliches Zeug. Gestern hat er tatsächlich einen Kuss-Smiley hinter seine Nachricht gehängt.“
„Wow. Beeindruckend“, erwiderte ich trocken und drückte meinen Zigarettenstummel im Blumenkasten aus. Dann ging ich rein.
„Ja, der Hammer, was? Also, dann bis Samstag um zehn. Bring Brötchen mit, ich warte mit dem Frühstück, bis du da bist.“
„Alles klar. Bis dann, Figaro.“
Ruth lachte und legte auf.
Ich legte das Telefon beiseite und stand grübelnd in meinem Wohnzimmer. Das große Bild mit der riesigen Orchidee über der kleinen Couch munterte mich immer wieder auf. Auch Gabriel hatte es bewundert.
„Endlich eine Frau mit gutem Geschmack!“
Anscheinend hatte Nicole keinen. Jedenfalls nicht bei Männern.
„Was schicken, was schicken“, murmelte ich und setzte mich mit meinem Tablet auf die Couch. Dann kam mir ein Gedankenblitz und ich tippte eine Weile, rief Webseiten auf, verwarf einige und ließ drei offen. Dann gab ich bei zwei Gabriels Adresse an. Auf der Dritten die von Nicole.
Dann legte ich mein Tablet vergnügt beiseite, schaute mir im Fernsehen „der Rosenkrieg an“ und stellte mir vor, Michael Douglas wäre Gabriel. Bei manchen Szenen musste ich hämisch lachen, es tat richtig gut.
Noch schöner war der Gedanke, dass Gabriel in wenigen Tagen ein großes Infopaket zum Thema Erektionsprobleme und einen Flyer mit dem Titel „meldepflichtige Geschlechtskrankheiten“ erhalten würde.
Und Nicole bekam von einer Plattform, die gebrauchte DVDs verkaufte, die Filme „Boomerang“ mit Eddie Murphy, „fröhliche Ostern“ mit Jean-Paul Belmondo und eine Neuverfilmung von „Casanova“.
Wenn es da bei Nicole nicht klingelte, wusste ich auch nicht mehr weiter. Die gebrauchten Filme kosteten mich sechzehn Euro, aber das war es mir wert.
Ich stellte mir Gabriels dummes Gesicht vor und schlief an diesem Abend zufrieden ein.
Ruth: Die Entdeckung
Es regnete und ich langweilte mich gelinde gesagt furchtbar. Der Kaminofen brannte und ich hatte eine CD von Enya in den Player geschoben. Normalerweise war dies das perfekte Ambiente für ein gutes Buch und die Couch. Aber dafür war ich nicht in Stimmung.
Lisas Probleme machten mir Kopfschmerzen. Ich wollte nicht, dass sie weiterhin jeden Monat da hinfuhr. Irgendwann erwischte der Saukerl sie, und dann bekam sie auch noch eine Anzeige.
Lisa war immer sehr direkt, manchmal auch knallhart. Aber in ihr drinnen sah es ganz anders aus. Sie hatte so geschwärmt von ihrem Gabriel, während wir komplett vom Glauben abfielen. Was wollte sie denn in ihrem Alter mit einem Kerl über sechzig?
Aber sie strahlte über das ganze Gesicht, war glücklich. Rauchte viel weniger. Alle hatten befürchtet, dass der große Absturz kommen würde. Und leider hatten wir recht behalten.
„Was will die mit dem, der kriegt doch bestimmt schon keinen mehr hoch“, hatte Jens gesagt.
„Wohl doch. Sonst würde sie nicht strahlen wie ein Honigkuchenpferd“, meinte ich und wunderte mich. In fünf Jahren war Jens ja schließlich auch sechzig. Ob er noch einen hochbekam, konnte ich am allerwenigsten beurteilen. Es lief ja nichts mehr im Bett.
Dass Lisa so litt, tat mir weh. Vielleicht konnte ich ja etwas finden, das sie ihm schicken konnte. Das ersparte ihr wenigstens eine dieser Weltreisen.
Ich ging also in Jens` Arbeitszimmer und stellte seinen Computer an. Ich benutzte den eigentlich nie. Aber vielleicht musste ich etwas für Lisa ausdrucken. Außerdem konnte ich dann auch gleich Staub wischen.
Das tat ich auch und räumte auf. Der Papierkorb lief über, es lagen kleine Zettelchen herum und ein Haufen von Broschüren. Ich war schon ewig nicht mehr hier drinnen gewesen.
Ich setzte mich in Jens‘ bequemen Chefsessel und suchte nach Rachemöglichkeiten. Aber viel fand ich nicht und was ich fand, war zu gemein. Und strafbar. Oder aber nicht durchführbar. Wie sollte Lisa den Kerl denn eifersüchtig machen, wenn sie ihn nicht mehr erreichte?
Ich schloss den Browser nach ein paar Minuten wieder. Aber wenn ich schon hier war, konnte ich meine E-Mails kontrollieren.
Ich öffnete das Abrufprogramm für unsere E-Mailkonten. Ich hatte nicht viel, nur einen Link von Silke für ihr neues Video. Aber bei Jens hatte sich einiges angesammelt. Hoffentlich nichts Dringendes, was das Geschäft betraf. Die Mails bekam er zwar auf sein Smartphone, aber er hatte tagsüber nicht so viel Zeit.
Ich sah in seinen Posteingang. Tatsächlich war da eine Mail vom Finanzamt, darum musste er sich gleich kümmern, wenn er nach Hause kam. Und noch mehr, meistens von Firmen, die ihm Werkzeug, Nägel, Schrauben und Teile verkaufen wollten. Auch das musste er selbst ansehen.
Gegen Ende war eine komische Nachricht. Ich dachte im ersten Augenblick, es wäre Spam und hätte sie fast gelöscht.
Im Betreff stand: Du hast eine neue Bewertung für deinen Bericht erhalten.
Ich öffnete die Mail. Klimperte mit den Augen. Das musste doch ein Missverständnis sein?
„Hallo Jens9966, du hast eine neue Bewertung für deinen Bericht über Hani, PLZ-Bereich 51, erhalten. Log dich gleich ein, um sie zu sehen! Viel Spaß weiterhin wünscht dir dein Hurizontal-Team.“
Hurizontal? War das ein Tippfehler, oder ... aber horizontal wäre nicht unbedingt besser gewesen! Mit zittrigen Fingern klickte ich auf den Link.
Der Browser öffnete eine Seite. Testberichte über Prostituierte, und darüber Anzeigen mit praktisch nackten Damen mit Details über ihre Dienstleistungen. Fassungslos las ich den Bericht.
„Hi, liebe Hengste. Gestern war ich wieder mal im Charmeur und habe mich dort ganz gut amüsiert. Die fünfzig Euro Eintritt waren angemessen. Saunalandschaft, Pool, Bar und ziemlich gutes Essen. Alles auch sehr sauber. Habe mich erst einmal geduscht, gestärkt und mir dann die Mädels angeschaut. Hani aus Jamaica, wenn`s denn stimmt, war meine erste Wahl.
Hübsches Gesicht mit braunen Mandelaugen. Sehr schöner, draller Körper mit Riesenhupen. Eine halbe Stunde kostet bei ihr sechzig Euro, Aufpreis für Spezielles. Sie hat mir erst einmal so richtig schön die Eier gelutscht, bevor ich sie dann Doggy Style genommen habe. Küssen macht sie nur bei Sympathie, aber ich knutsche sowieso nur mit Lena. Hani war eine schöne Abwechslung für zwischendurch, aber nichts gegen Lena. Hani hat einen supertollen Arsch, den ich ausgiebig bewundern konnte.
Sie hat mich dann noch ordentlich geritten, bis ich kam. Nach einer Pause ging es dann erst einmal auf Spanisch weiter, dann Missionarsstellung bis zum Schuss. Sehr empfehlenswert. Morgen werde ich mich wieder bei Lena ankuscheln und Sonntag noch einen Frühschoppen, äh Frühpoppen im Charmeur einlegen, bevor ich wieder zu meiner Alten fahre. Montage ist doch was Schönes.
Bis bald dann, der Jens9966.“
Der Boden öffnete sich, und ich stürzte in einen Abgrund.
Maren: Rache ist bitter
Nach dem Ausbruch beim Abendessen hatte ich am nächsten Tag ausgiebig den Blinker benutzt. Ich war danach etwas erschrocken. Ich kannte diese Art Sex nicht. Ich war regelrecht aggressiv gewesen und hatte Jörg bestiegen und geritten, bis ich zweimal hintereinander kam.
Danach war das Gift in mir fort, und er warf mich ab und nahm mich von hinten. Mit der einen Hand drückte er meinen Kopf nach unten, mit der anderen klatschte er mir auf den Hintern. Hart.
Rücksichtslos stieß er heftig in mich hinein. Es dauerte nicht lange, bis ich ein drittes Mal kam. Nach meiner Wut hatte er mich unterworfen, autoritär, demütigend. Und ich hatte es genossen wie noch nie.
„Na warte, jetzt geb ich’s dir“, hatte er gekeucht, und ich war abgegangen wie eine Rakete.
Danach schämte ich mich kurz. Es gab keinen Mann, der je so mit mir umgesprungen wäre. Und jetzt wusste dieser Kerl, den ich kaum kannte, was mich vor Lust zum Schreien brachte.
Aber er war danach ganz normal. Wir lagen nebeneinander und unterhielten uns über ganz banale Dinge.
Er wollte noch nicht einmal wissen, wieso ich es so sehr und auf die harte Tour gebraucht hatte. So wie die Flittchen in Tims Computer. Auf einmal musste ich lachen.
„Was ist?“, fragte Jörg verdutzt.
„Hast du zufällig eine Salatgurke da?“
Er runzelte die Stirn, sah, dass ich es nicht ernst meinte, und grinste.
„Wenn du eine willst, fahre ich schnell in den Supermarkt.“
„Nein, lass mal“, kicherte ich und verzog das Gesicht.
„Leider muss ich jetzt los“, sagte Jörg.
„Ja, ich auch.“
„Nächsten Mittwoch wieder?“ Er stieg in seine Hose.
„Ja, gern.“ Ich stand ebenfalls aus dem Bett auf und zog mich an. Ich musste mich beeilen, denn Jörg strahlte Ungeduld aus. Er hatte es eilig. Hinter mir schloss er ab und ging zu seinem Auto. Ich zu meinem.
Er winkte mir noch zu und fuhr davon.
Wir trafen uns jetzt seit Monaten. Ich spürte, dass es ihm bald langweilig werden würde. Wir hatten es auf verschiedenste Arten getan und waren komischerweise immer wieder auf die harte, demütigende Art zurückgekommen. Es war am befriedigendsten für uns beide. Niemand von uns wollte etwas Liebevolles vom anderen.
Ich war seitdem wieder besser gelaunt. Es gab etwas, worauf ich mich freuen konnte. Und gut für mein Selbstbewusstsein war es auch. Die Männer guckten wieder. Ich strahlte es aus, ich fühlte mich begehrt. Sexy.
Tim hatte nur bemerkt, dass ich jetzt endlich wieder „besser drauf“ war. Über den Streit gesprochen hatten wir nicht. Er schob alles auf meine Wechseljahre, so war es für ihn am einfachsten. Meine Chefin hatte mich untersucht und meine Hormondosis angepasst. Seitdem schlief ich besser und im Grunde hatte ich keinerlei Beschwerden mehr. Auch mein schlechtes Gewissen war fort. Was ich von Jörg bekam, das konnte mir Tim nicht bieten. Er sah mich ja sowieso nicht mehr an. Zusammen ausgegangen waren wir auch ewig nicht mehr und mir war es inzwischen egal, dass er seine komplette Freizeit im Keller verbrachte.
Was mich betraf, war ich nicht mehr verheiratet. Ich war Teil einer Zweckgemeinschaft. Und wenn mein Mann mich nicht mehr wollte, andere taten es.
Ich liebte die Mittwochnachmittage. Nachdem mich Jörg hart rangenommen hatte, fuhr ich körperlich erschöpft und zutiefst befriedigt einkaufen und danach nach Hause. Meistens war ich für mich, so wie auch heute.
Amelie war mit Freundinnen nach Paderborn gefahren. Ich hatte ihr noch hundert Euro extra zugesteckt. Wenigstens sie hatte sich für ihre Respektlosigkeit an dem Abend entschuldigt. Jetzt konnte ich mir einen schönen Tag machen. Und sie auch.
Kaum hatte ich die Lebensmittel weggeräumt, klingelte das Telefon.
„Hey, Ruth. Was gibt`s?“
„Ich hatte schon zweimal angerufen, aber du warst wohl noch unterwegs?“
„Ja. Kann ja mal passieren.“
„Sicher.“
„Ist was? Du klingst komisch.“
„Ach ... na ja ...“ Erschüttert hörte ich, dass sie weinte.
„Ruth, was ist denn?“, fragte ich alarmiert.
„Du würdest es nie glauben, aber ... ach, ist das eine Scheiße.“ Nun schluchzte sie. Mein Blutdruck stieg.
„Ruth, rede mit mir! Ist einer der Jungs krank? Ist Tim was passiert? Oder Stefan?“ Berlin war immerhin eine Großstadt mit beachtlicher Kriminalität.
„Nein, das nicht. Ich ... ich ...“
„Du bist ja völlig von der Rolle. Soll ich vorbeikommen?“
„An deinem freien Nachmittag?“
„Na und?“
„Also, es wäre lieb von dir“, schniefte sie.
„Gib mir eine halbe Stunde.“ Zum Dorf waren es zwar nur zehn Minuten, aber ich musste wenigstens noch ein Knäckebrot essen.
Ruth sah total verheult aus, als sie mir die Tür öffnete. Das Make-up war völlig verschmiert, der Mascara verlaufen. Zum ersten Mal erschien sie mir alt. Die Haut sah schlaff aus und die Falten an den Mundwinkeln hatten sich vertieft. Auch rechts und links der Nase sah ich zum ersten Mal diese Linien. Es musste wirklich etwas sehr Schlimmes passiert sein.
Ich nahm sie erst einmal in den Arm. Hoffentlich konnte sie Jörg nicht an mir riechen, denn zum Duschen war ich ja noch nicht gekommen.
„Komm rein.“ Ihre Stimme klang müde, verschnupft und heiser.
Sie ging vor mir her ins Wohnzimmer und ich sah, dass ihre Schultern herunterhingen und sie gebeugt ging wie eine alte Frau.
In ihrem altmodischen, aber total gemütlichen Wohnzimmer setzten wir uns auf die Ledercouch und kuschelten uns unter dicke Decken, wie wir es seit Jahren taten, wenn es kalt war.
„Der Kaminofen ist gerade erst an ... ich hatte gar nicht gemerkt, wie kalt es geworden war.“
„Macht doch nix, Ruth.“
„Ich habe stundenlang hier gesessen und nichts mitgekriegt.“
„Was ist denn nur passiert?“ Dankbar nahm ich ein Glas Cola entgegen.
„Tja ... Jens betrügt mich.“
„Wa... Jens?! Nie im Leben!“, rief ich und donnerte das Glas auf den Tisch, neben den Untersetzer.
„Du musst dich irren!“
Ruth schüttelte traurig den Kopf.
„Er geht in den Puff.“
„Das kann nicht sein! Wer erzählt so was? Das hat sich jemand ausgedacht, um euch zu schaden!“
„Nein. Ich habe es in seinem Computer gesehen. Er ... er hat darüber Berichte geschrieben. In so einem Forum für Freier. Und ... und es ist ganz grässlich, was er da geschrieben hat.“ Sie brach in Tränen aus. Auch meine Augen wurden feucht.
Tim würde es nie so erschüttern, wenn er von Jörg wüsste, schoss es mir durch den Kopf.
„Was hat er denn geschrieben“, fragte ich beklommen. Ruth schien mit sich zu hadern.
„Nun ja ... ich möchte es eigentlich keinem zeigen. Es ist so demütigend ...“
„Wenn du es nicht zeigen willst, ist das schon okay, wirklich. Aber demütigend kann es doch nicht für dich sein, nur für ihn. Er hat doch die Scheiße gebaut.“
„Es ist vielleicht besser, wenn du es siehst. Wenn es die anderen erfahren, werden sie doch nur sagen, dass ich ihm verzeihen soll. Dass es nicht schlimm ist, wenn ein Mann nach so vielen Jahren mal in den Puff geht. Aber wenn ihr wüsstet, würdet ihr das nicht denken.“
„Er war öfters da?“
„Seit Jahren. Ich habe mir sein Passwort per E-Mail zuschicken lassen. Jetzt kann ich auf alle seine Beiträge zugreifen. Es ... also, ich habe einen davon ausgedruckt. Der ist am schlimmsten.“ Sie zog ein Blatt Papier unter einer Zeitschrift hervor, die auf dem Tisch lag. Sie reichte es mir. Das Papier zitterte.
Ich nahm es und las.
„Hallo Leute. Interessante Frage. Ja, warum gehe ich in den Puff und zu Huren? Ich bin seit fast fünfundzwanzig Jahren mit derselben Frau verheiratet. Wir haben erwachsene Kinder. Nach der langen Zeit sieht eine Frau einfach nicht mehr so aus wie früher. Ab vierzig geht da einiges den Bach runter. Dehnungsstreifen, Falten, Hängetitten.
Da möchte ich ab und zu einfach mal straffes, geiles junges Fleisch in den Armen halten. Für mich ist das kein Betrug. Meine Frau weiß nichts davon und ich komme immer fröhlich nach Hause. Sie hat ein schönes Leben und alles, was sie braucht. Wir streiten überhaupt nicht mehr. Ich bin ausgepowert und ausgeglichen, wenn ich heimkomme. Also haben wir beide etwas davon!“
„Schrecklich“, murmelte ich. Kein Wunder, dass Ruth sich gedemütigt fühlte! Ihr kullerten weitere Tränen die Wangen herunter.
„Ich hätte das jedem zugetraut, aber niemals Jens“, flüsterte ich. Ruth nickte.
„Ich auch nicht. Und dass er mich so sieht, das wusste ich nicht. Ich habe so viel abgenommen und mich so schick gemacht ...“
„Das hast du! Du siehst super aus! Auch deine Klamotten und die Haare!“
„Und ich mache Gymnastik und dachte, ich wäre wieder viel straffer als früher. Anscheinend bin ich die Einzige von uns beiden, die so denkt. Er muss mich ja für abstoßend halten!“ Sie schluchzte.
„Wie kann er nur so von mir schreiben? So respektlos und gemein? Ich kann doch nichts dafür, dass ich älter werde!“
„Er ist doch auch kein Adonis mehr!“, rief ich empört und warf das Stück Papier auf den Tisch, als klebe die Pest daran. „Meint er denn, er sähe toll aus mit dem schütter werdenden Haar und dem Bauchansatz?“
„Männer altern eben anders“, erwiderte Ruth bitter. „Oder hast du vergessen, wie viele Kerle in Jens` Alter bei euch in der Praxis aufschlagen? Mit ihren jungen, schwangeren Freundinnen? Hast du das schon einmal umgekehrt erlebt?“
„Nein, natürlich nicht“, murmelte ich. Ein hässlicher Gedanke schoss mir durch den Kopf, und ich riss die Augen vor Entsetzen weit auf.
„Maren? Alles okay?“, fragte Ruth.
„Oh, mein Gott! Was, wenn Tim mich auch so sieht? Dass ich ihm zu alt geworden bin?“
„Ach wo. Du warst nie dick, bei dir hängt doch nix.“
„Cellulitis habe ich ein bisschen. Und Falten auch. Und die Brüste werden mit den Jahren zu Pessimisten, die lassen alle irgendwann den Kopf hängen.“
„Geht Tim denn nicht mehr mit dir in die Kiste?“, schniefte Ruth.
„Nein. Keiner von uns versucht etwas in der Richtung.“
„Das ist übel. Sehr übel.“
„Er ... er guckt im Internet Pornos“, gestand ich nach einer Weile. Das Blut stieg mir heiß in die Wangen. Ruth blieb der Mund offen stehen.
„Was?! Sind die alle völlig bekloppt? Was ist das, die Midlife Crisis?“
„Das habe ich mich auch schon gefragt.“
„Wie lange denn schon?“
„Das weiß ich nicht genau. Gesehen habe ich es vor ein paar Monaten.“
„So lange trägst du das schon mit dir herum?“
„Ich habe mich geschämt ... ähnlich wie du.“
„Weil wir unsere Männer nicht mehr scharfmachen und sie sich anders behelfen“, knurrte Ruth. „Und dafür schämen wir uns! Die sollten sich schämen, nicht wir! Und uns belügen sie, so was von hinterhältig ist das!“
„Dann sollten wir uns rächen.“
„So wie Lisa? Ach nee, lass mal.“
„Nein, nicht so ein kindischer Mist. Lass mich überlegen.“
Beide dachten wir angestrengt nach. Ruth stand nach einer Weile auf, machte uns eine Kanne Pfefferminztee und stellte eine Packung Kekse auf den Tisch.
„Du isst wieder Kekse?“, fragte ich überrascht. Ruth schüttelte den Kopf.
„Ich habe immer eine Packung für Besuch im Haus. Wenn ich mal Appetit habe, kaufe ich mir Gummibärchen oder so etwas. Die haben viel weniger Kalorien. Aber mir ist momentan nicht nach Essen zumute.“
„Verständlich. Oh Mann, wie viel Geld Jens wohl bei seinen Exkursionen verschwendet hat?“
Ruth stiegen wieder Tränen in die Augen.
„Viel. Sehr viel.“
„Dann sollte er von dem Puff ja ein Dankesschreiben kriegen“, knurrte ich. Ruth starrte mich an. Ich starrte zurück.
„Geniale Idee!“
„Wir setzen was auf! Los, mach den Computer an!“
„Der ist noch an. Ich habe ihn eben nicht ausgeschaltet. Ich war viel zu, ich weiß nicht. Weggetreten. Geschockt. Ich musste erst einmal raus da.“
„Ja, kein Wunder. Komm, wir machen was fertig, drucken es aus und schicken es ihm zu.“ Ich stand auf und legte die Decke beiseite. Zögernd kam Ruth mit. Sie ging so vorsichtig in Jens` Büro, als ob darin ein Axtmörder lauerte. Sie öffnete mir noch das Schreibprogramm und minimierte die offene Seite dieses Forums. Aber ich hatte den Namen noch erhaschen können.
„Okay, aber den Browser brauchen wir noch. Es soll ja echt aussehen, also muss ich die Adresse von dem Laden haben.“
Gehorsam öffnete Ruth den Browser wieder.
„Der Laden heißt ‚Charmeur‘“, murmelte Ruth verbittert. Ich schnaubte verächtlich durch die Nase, tippte den Namen in das Suchfeld und fand eine ansprechend gestaltete Homepage mit Bildern von den Bereichen. Leider auch von den Mädels. Ich wollte nicht darauf klicken, aber Ruth beugte sich wortlos über mich, zog mir die Maus weg und tat es.
„Hani, die hat er gehabt“, flüsterte sie und wandte sich ab.
Ich starrte auf das hübsche Gesicht mit dem verführerischen Lächeln. Langes, schwarzes Haar bis zur Taille. Sie trug ein Oberteil aus silbrigen Fäden, einen Tanga und sonst nichts. Ziemlich rundlich war sie, fand ich. Die Brüste machten auch einen recht pompösen Eindruck. Das enge Oberteil konnte sie kaum stemmen.
Hani lehnte an der Bar, die Ellenbogen auf den Tresen gestützt, sodass die riesigen Brüste noch mehr nach außen gedrückt wurden. Es war ein befremdliches Gefühl zu wissen, dass Jens in ihr drin gewesen war. Wie musste es erst für Ruth sein.
„Tut mir leid, Ruth.“
Sie nickte nur. Aus den Augenwinkeln konnte ich sie zittern sehen. Wenn du sehen könntest, was du bei deiner Frau angerichtet hast, Jens, dachte ich wütend. Ich suchte das Impressum der Homepage heraus und fand dort die Adresse. Der Inhaber war doch tatsächlich eine Frau. Eine Verräterin am eigenen Geschlecht. Das murmelte ich vor mich hin, aber Ruth schüttelte gleich den Kopf.
„Das ist für die nur ein Geschäft. Sie hat Jens ja nicht gezwungen, sich da zu vergnügen.“ Nun gut, das stimmte.
Die nächsten zwei Stunden verfassten wir einen sehr echt aussehenden Brief und eine Urkunde. Die Vorlage dafür fanden wir im Web.
„Sehr geehrter Herr Eberharth,
wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass unsere Damen übereingekommen sind, Ihnen für Ihre Großzügigkeit, Freundlichkeit und nicht zuletzt Standfestigkeit den Titel des ‚Schwanz des Monats‘ zu verleihen. Anbei finden Sie die Urkunde, die wir natürlich gleich in unserem Haus aufgehängt haben, direkt an der Rezeption.
Herzlichen Glückwunsch!
Ihr Team vom Charmeur
P.S.: Hani freut sich schon darauf, Sie wiederzusehen.“
Die Urkunde hatte einen geschnörkelten Rand aus lauter ineinander verschlungenen Penissen.
Oben prangte in großen Buchstaben in einem Halbkreis „Schwanz des Monats“. Darunter hatten wir ein Bild von Jens platziert, das Ruth vor ein paar Monaten bei uns gemacht hatte, ohne dass er es merkte.
Es war eine Großaufnahme seines lächelnden Gesichts. Den Hintergrund konnte man nicht erkennen.
Darunter stand: „Herrn Jens Eberharth, verliehen für außergewöhnliche Leistungen.“ Ich versprach Ruth, in der Stadt feinstes Büttenpapier sowie einen Rahmen zu besorgen. Wir kamen überein, dass wir die gerahmte Urkunde und den Brief per Post verschicken würden, damit alles schön echt aussah.
„Das mache ich jetzt gleich noch. Damit es rechtzeitig ankommt.“
„Es ist schon recht spät. Verhungert deine Familie nicht?“ Typisch Ruth. Die gute Seele war immer besorgt um andere, egal wie dreckig es ihr ging.
„Die können sich auch mal eine Pizza bestellen oder so. Sollen sie doch mal sehen, wie es ist, wenn das Muttertier nicht da ist!“
„Hm...“
„Ach, Ruth. Komm doch mit! Wenn es dir nicht gut geht, solltest du nicht so alleine sein. Tim geht sowieso in den Keller, den sehe ich den ganzen Abend nicht mehr wieder. Der stört uns nicht.“
„Lieb gemeint, aber ich bleibe lieber hier.“
„Dass du hier sitzt und grübelst und weinst, ist mir gar nicht recht.“
„Da muss ich jetzt durch. Es geht mir schon besser, wirklich. Das Schreiben und die Urkunde haben mich aufgeheitert.“
Wie lange wohl, dachte ich. Aber ich konnte sie ja nicht zwingen.
„Na gut. Etwas erinnert es aber schon an das, was Lisa so macht. Aber was soll`s, verdient haben unsere beiden Dödel das. Denk dir bitte etwas für Tim aus“, bat ich. So war sie wenigstens abgelenkt.
„Mache ich. Schreib mir bitte noch, wie der Pornoladen da heißt.“
„Woher soll ich das wissen?“
„Finde es irgendwie raus. Ich habe da nämlich schon eine grobe Idee.“
„Okay. Ich bringe schnell das Paket zur Post und dann gucke ich mal nach.“ Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Ich komme morgen wieder vorbei.“
„Morgen? Da musst du doch bis mindestens halb sieben arbeiten. Lass es lieber, du kannst mich gerne anrufen.“
„Okay, vielleicht habe ich dann auch schon etwas rausgefunden.“
Ich sah sie im Rückspiegel winken. Sie tat mir so leid. Ich hatte wenigstens Jörg. Aber was hatte Ruth?