Kitabı oku: «Wechselbad und Scherbenhaufen», sayfa 6

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Silke: Auf dem Prüfstand

Zwar war ich nicht Lisa, aber ich fühlte mich von ihr inspiriert. Nachdem die aufdringliche Tussi am Nebentisch nicht mit ihrer Glotzerei aufhörte und mich immer wieder abschätzend musterte und blöd dabei grinste, reichte es mir.

Es war mittlerweile schon nach halb zehn und Flori wollte nach Hause, aber ich verwickelte ihn in Gespräche, bis die Tussi aufstand, sehr nahe an unserem Tisch vorbeiging und auf der Toilette verschwand. Sofort sprang ich auf.

„Geh doch bitte schon mal bezahlen.“ Verblüfft erhob sich Flori und ging zum Tresen.

Ich stahl mich zum Tisch der Tussi, auf dem noch ihr Teller mit gedämpftem Gemüse und Reis stand, nahm die scharfe Soße aus dem kleinen Gestell, und löffelte ihr ordentlich was unter den Reis und unter die Sojasoße, die sie sich auf das Gemüse gegossen hatte. Ich dachte kurz nach und rührte ihr eine weitere Portion von dem roten Zeug in ihr Bier. Ich sah mich um. Werktags unter der Woche war hier nicht viel los. Niemand hatte etwas gesehen.

Nun hastete ich zu Florian rüber, der schon an der Garderobe war. Ich ließ mir beim Anziehen der Jacke viel Zeit. Endlich kam Tussilein aus der Toilette und ging zu ihrem Tisch zurück. Sie warf einen frustrierten Blick zu unserem herüber und verengte etwas verärgert die Augen, denn ich hatte die Serviette auf meinem Teller zusammengeknüllt und in der Mitte einen verdrehten Zipfel stehenlassen, der in ihre Richtung zeigte. Es sah aus wie ein Stinkefinger.

Sie nahm ihre Gabel und den Löffel und begann, weiter zu essen. Sie tat es nicht lang. Weit riss sie die Augen auf und ihre Hand flog zu ihrem frisch rot umrandeten Mund. Tränen rannen ihr über die Wangen und sie grapschte nach ihrem Bier.

Sie schüttete es mit einem Zug herunter und fing schon bald zu röcheln an. Florian war meinem Blick gefolgt und brach in Gelächter aus. Ich nahm seine Hand und zog ihn aus dem Lokal. Wir sahen noch, wie die Tussi verzweifelt mit den Armen ruderte, um die Aufmerksamkeit eines Kellners zu erhaschen.

Wir rannten zum Auto, warfen uns hinein, Florian startete den Motor, und wir fuhren davon.

„Hast du die rote Birne von der gesehen? Das wird ihr eine Lehre sein“, lachte ich.

Florian grinste.

„Ich hoffe, sie zeigt dich nicht wegen Körperverletzung an.“

„Wie denn? Sie könnte doch selbst das Zeug in ihr Essen getan haben. Zeugen gibt es nicht, ich habe aufgepasst.“

„Trotzdem werden wir uns hier länger nicht mehr blicken lassen. Nur zur Sicherheit.“

„Hm.“

Florian schien trotz seines Amüsements etwas befremdet. Konnte er denn nicht verstehen, wie demütigend das Verhalten dieser Kuh für mich gewesen war?

„Ich werde sie Drachenlady nennen. So wie sie gerade Feuer spuckt“, sagte ich. Florian bog zu unserem Dörfchen ab.

„Na ja, den Titel hättest du aber auch verdient“, erwiderte er kritisch und gab Gas.

Zwei Wochen später saß ich bei meiner Hausärztin. Es war nicht besser, sondern immer schlimmer geworden. Nachts bekam ich vor vier Uhr morgens kein Auge mehr zu. Uralte Geschichten kamen mir in den Kopf, über die ich nachgrübelte.

Ich war müde, wenn ich ins Bett ging. Aber der Kopf blieb einfach wach. Keine Entspannungsmethode nützte etwas. So konnte es nicht weitergehen, sagte Florian und schickte mich zum Arzt. Nun bekam ich das Endergebnis nach langen Untersuchungen, von denen das Belastungs-EKG die Schlimmste gewesen war. So mit halb nacktem Oberkörper auf dem Fahrrad, die ganzen Speckrollen unübersehbar, der Blick der Arzthelferin hatte Bände gesprochen. Furchtbar peinlich.

„So, Frau Perschke, dann wollen wir mal sehen.“

Die Ärztin kam herein und ließ sich in ihrem Chefsessel nieder. Auf dem PC drückte sie ein paar Tasten und überflog die Ergebnisse.

„Wir haben jetzt alles getestet, das hat viel Geld gekostet. Ihre Lunge ist in Ordnung. Sie sind zwar etwas kurzatmig, aber organisch ist alles völlig normal. Ihr Herz ist auch unauffällig. Vielleicht sollten Sie etwas Sport machen, damit Sie wieder besser die Treppen hochkommen. Das würde auch gegen die Kurzatmigkeit helfen.“

Meine Hausärztin war schon an die sechzig, aber schlank und sportlich. Sie sah mich streng an.

„Ich habe eine ganze Menge Bewegung“, wandte ich scheu ein.

„Warum haben Sie dann in ein paar Monaten so viel zugenommen?“

Ich zuckte mit den Achseln.

„Das wüsste ich auch gerne“, erwiderte ich. Sie schüttelte wieder den Kopf.

„Sie machen sich etwas vor. Man wird nicht einfach so dick. Ich schreibe Ihnen jetzt ein Asthmaspray auf, das können Sie benutzen, wenn Sie Probleme beim Atmen haben. Einfach vor Belastung einen oder zwei Sprühstöße einatmen. Treten Sie sich selbst etwas in den Hintern und machen Sie Sport. Dann geht es Ihnen bald besser. Organisch sind Sie gesund.“

Sie krickelte ein paar unleserliche Kringel auf ein Rezept und drückte es mir energisch in die Hand. Ich verließ die Praxis wie ein begossener Pudel.

Ein Asthmaspray? Was sollte ich denn damit? Ich hatte doch gar kein Asthma? Konnte man das denn einfach so nehmen, auch ohne Asthma zu haben? Und warum ich so kurzatmig war, wusste ich immer noch nicht. Vor ein paar Monaten war ich es jedenfalls noch nicht gewesen, und jetzt war ich auf einmal unsportlich?

Flori bog mit seinem Auto um die Ecke. Er hatte beim Baumarkt noch ein paar Sachen kaufen wollen, bevor er mich abholte. Eigentlich hatte er bei der Besprechung dabei sein wollen, aber wenn Flori erst einmal im Baumarkt war ... Ich stieg ein und knallte die Tür zu.

„Nanu? Habe ich die Show verpasst?“

„Aber so was von. Du wirst es nicht glauben, alle meine Probleme sind auf Unsportlichkeit zurückzuführen.“

„Ach? Na, dann gehen wir ab jetzt jeden Morgen joggen. Was denkst du?“ Er strahlte mich an. Ich wurde böse.

„Na, das ist ja die Lösung für all meine Probleme, oder? Dass ich jeden Tag mehrfach die Treppen hoch- und wieder herunterlaufe, den Garten mache, putze und dergleichen, ist für euch Männer ja nix. Dabei bewege ich mich jetzt viel mehr als früher! Was habe ich schon großartig in meiner Wohnung gemacht? Die war viel kleiner als das Haus! Und einen Garten hatte ich auch nicht, falls du dich erinnerst“, fauchte ich empört. Flori blinzelte verdattert.

„Hey, ruhig Blut! Ich wollte dir nur helfen! Wenn die Ärztin sagt...“

„Die hat keine Ahnung. Wieso kann ich wegen Unsportlichkeit nachts nicht schlafen, obwohl ich hundemüde bin? Das ist doch Blödsinn! Hier, die hat mir ein Asthmaspray verschrieben, dann kriege ich besser Luft.“

„Ein Asthmaspray? Aber du hast doch gar kein...“

„Eben!“

„Das ist ja Quatsch.“ Er schaute auf seine Uhr und stellte den Blinker ab.

„Wo fährst du hin?“

„Zu deiner Frauenärztin. Vielleicht hat die mehr Ahnung.“

„Oh. Na wenn du meinst ...“

Ich war inzwischen so weit, dass ich dachte, niemand könne mir helfen.

„Hey, Silke! Was machst du denn hier?“ Maren sah noch schicker aus als gewöhnlich. Das Make-up schien mir auffälliger als sonst, aber es war gut gewählt. Zu ihren braunen Locken passte der bräunliche Lippenstift viel besser, und die Frisur fand ich auch super. Es war so ein „Messy Bun“, ein unordentlicher Dutt, aus dem ein paar Strähnchen heraushingen. Ein weißes Seidentuch hatte sie irgendwie mit eingearbeitet und sie trug silberne Ohrringe, besetzt mit Strass. Ging die etwa gleich nach der Arbeit in die Oper?

„Hi, Maren. Hättest du baldmöglichst einen Termin für mich? Mir geht’s echt dreckig, und meine Hausärztin weiß nicht, was es ist.“

Maren sah sich um. Nur eine Patientin saß direkt vor dem Behandlungszimmer.

„Es hat eine Patientin für Viertel vor elf abgesagt“, raunte sie. „Den Termin könntest du haben. Aber etwas warten musst du trotzdem.“

„Das wäre super! Ist ja nur eine halbe Stunde.“

„Ja, das wird wahrscheinlich auch pünktlich klappen. Hast du deine Gesundheitskarte dabei?“

„Ja, sicher.“ Ich reichte sie ihr. Als sie sie nahm, wehte ein Hauch ihres Parfüms zu mir herüber. Maren war immer gut gekleidet, aber heute hatte sie noch einen draufgesetzt und duftete nach etwas Teurem. Ich schämte mich, weil ich verschwitzt und abgehetzt war und nur ein labberiges T-Shirt und eine Jeans trug. Make-up hatte ich auch keins aufgetragen.

„Dann setz dich noch etwas ins Wartezimmer.“

Ich tat es und schickte Flori eine Nachricht, dass er noch eine Stunde in den Baumarkt fahren könnte, wenn er wollte.

Noch zwei Frauen waren vor mir dran. Seufzend nahm ich mir eine Zeitung.

Eine gute Stunde später klagte ich der Ärztin mein Leid. Sie schüttelte über das Asthmaspray den Kopf und schickte mich ins Labor, wo Maren mir Blut abzapfte.

„Komm Montag um kurz nach eins noch mal rein“, sagte sie und klebte mir ein Pflaster auf den Einstich.

„Gegen eins sind wir hier fertig, und sie kann das Ergebnis mit dir besprechen.“

„Alles klar. Ich hoffe nur, es kommt etwas dabei heraus.“

„Mach dir keine Sorgen.“

„Das sagst du so. Hast du mit Ruth gesprochen? Ich habe ihr mehrere Nachrichten geschrieben, aber es kam keine Antwort.“

„Ach, du kennst doch Ruth. Die hat es nicht so mit moderner Kommunikation“, erwiderte Maren etwas zu beiläufig.

„Dann werde ich sie mal anrufen“, brummte ich.

„Tu das. Bis dann!“ Maren eilte aus dem Raum. Da war wohl etwas im Busch. Maren und Ruth standen sich nahe, aber sie kannten sich auch schon länger. Ich sollte es wohl nicht wissen.

Flori saß im Wartezimmer und schien erleichtert, dass wir endlich nach Hause konnten.

Lisa: Surprise

Es war eine anstrengende Woche gewesen, aber die Arbeit tat mir gut. Langsam ging es mir anscheinend besser, denn wenn ich jetzt an der Rezeption vorbeiging, sah ich nicht mehr Nicole und Gabriel dort stehen.

Ja, na gut, natürlich überkam mich noch mehrmals täglich Liebeskummer, aber meistens war ich zu abgelenkt.

Es war Freitag geworden und der Feierabend nahte. Zum Glück übernahm die Nachsorge für die Frauen, die über Nacht bleiben mussten, eine andere Klinik.

So hatte ich das Wochenende frei.

Durch den Feierabendverkehr quälte ich mich zum Supermarkt und kaufte ein. Zuhause stellte ich gerade meine Joghurts in den Kühlschrank, als es an der Tür klingelte. Ob das noch die Post war? Aber für gewöhnlich wurden Pakete beim Nachbarn abgegeben. Der wohnte im Erdgeschoss und war schwer begeistert davon, die Poststelle des ganzen Hauses zu sein.

Ich öffnete die Tür und hob die Hand hoch zur Gegensprechanlage, aber sie erstarrte. Der Besucher war nicht unten an der Haustür, sondern stand schon oben bei mir. Es war Gabriel, der schelmisch grinste.

„Was ... äh ... wie ...“

„Surprise, Surprise!“, lachte er.

Mir zuckte ein heißer Blitz durch den Körper, als ich sein lächelndes Gesicht sah. Ja, es war alt und teilweise verlebt, aber es war immer noch mein Gabriel, mein attraktiver Charmeur, mein Seelenverwandter. Mein Herz machte einen Sprung, bevor mir einfiel, dass er ja gar nicht mein Gabriel war.

„Willst du mich nicht reinlassen? Ich bin über vier Stunden durch die Gegend gegurkt, nachdem ich feststellen musste, dass in deiner alten Wohnung jemand anderes wohnt.“

„Wie ... wie hast du mich denn gefunden?“

„Das Einwohnermeldeamt war noch offen.“

„Oh ...“

„Und? Darf ich reinkommen?“ Er hob beschwichtigend die Hände, als er mein Zögern bemerkte.

„Ich weiß, ich weiß, ich habe mich ewig nicht mehr gemeldet, und das tut mir auch total leid, wirklich. Du kannst dir nicht vorstellen, was für Probleme es bei der Produktion gab. Dann wurde ich mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus gebracht, es war ein einziges Chaos.“

Mein Verstand brüllte mich an, die Tür vor der grinsenden Visage zuzuschlagen, aber ich hörte auf mein schwaches, doofes Herz und trat beiseite. Er kam herein. Er wirkte so fit und schick wie eh und je. Ein dunkles Seidenhemd unter einem weißen Jackett und schwarze Jeans. Anziehen konnte sich der Knabe wirklich.

„Schön hast du es dir wieder gemacht. Ach, das Bild mit der Orchidee hast du auch noch, super. Aber die Wohnung ist etwas kleiner, oder? Wieso bist du denn weggezogen?“

„Ach, der Job hier ist besser“, stammelte ich. Mein Hirn weigerte sich, zu begreifen, dass Gabriel wieder da war.

„Soso. Aber wieso hast du mir denn nichts gesagt, hm?“ Er wedelte streng mit dem Zeigefinger.

„Du hast dich nicht gemeldet...“

„Ja, leider. Aber der Stress, der Stress! Ich bin dann immer schlecht gelaunt, das kann ich doch nicht an meiner Süßen auslassen?“ Er kam näher und strich mir zärtlich über die Wange. Es ging mir durch und durch. Aber ich verschränkte die Arme vor der Brust und trat einen Schritt zurück.

„Was ist mit Nicole?“, fauchte ich. Das Strahlen in seinem Gesicht erlosch.

„Woher kennst du denn Nicole?“, fragte er verblüfft. In seinen Augen stand Alarm.

„Das ist keine Antwort! Du hast eine Freundin, und ich bin doch nur eine Bumsnudel für dich!“, rief ich. Leider traten mir Tränen in die Augen. Ich hasste es, vor Männern zu weinen. Sie hielten mich dann für schwach.

Er verdrehte die Augen theatralisch gen Himmel und hob resigniert die Hände.

„Nicole ist meine Schwester! Sie wohnt im Moment bei mir. Ihr Mann hat sie vor einem halben Jahr nach siebzehn Jahren Ehe einfach verlassen. Sie ist depressiv geworden und hatte Schlaftabletten geschluckt. Es geht ihr aber schon besser. In ein paar Monaten wird sie ausziehen.“

Ich riss die Augen überrascht auf. Seine Schwester? Sofort stand mir die liebevolle Szene in der Klinik wieder vor Augen: Die Umarmung, der Kuss auf die – ja, stimmte ja! – die Stirn, nicht den Mund! So hätte man auch seine Schwester in Empfang nehmen können, nicht nur die Ehefrau oder Freundin!

Er verfolgte aufmerksam, welche Emotionen über mein Gesicht huschten. Mein Zorn wich der Scham. Mir fielen auf einmal all die Streiche ein, die ich den beiden gespielt hatte. Und – Oh mein Gott! Die DVDs! Ich presste die Finger gegen meine Schläfen und rieb sie heftig. Jetzt hatte diese arme, verlassene und schwer depressive Frau auch noch Filme über untreue Männer bekommen!

Gabriel kam zu mir und legte die Arme um mich.

„Dummes Schätzchen, dummes, dummes Schätzchen“, murmelte er liebevoll. Ihn endlich wieder zu spüren, zu riechen ...

Ich zitterte und lehnte mich an ihn.

Ruth: Pralinen und Pizza

„Sehr geehrter Herr Schubert,

Sie haben unsere Plattform JerkdeGherk.com in Anspruch genommen. Leider haben Sie es versäumt, die fälligen Gebühren in Höhe von 374 € zu entrichten.

Wir bitten Sie daher, den fälligen Betrag sofort und ohne Abzug auf unser Konto zu überweisen.

Sollten Sie unserer Aufforderung bis zum 01.10.2019 nicht nachgekommen sein, sehen wir uns gezwungen, unseren Anwalt einzuschalten.

Mit freundlichen Grüßen

Manfred Müller, JerkdeGherk Media“

Maren, die doch vorbeigekommen war, warf den Kopf in den Nacken und prustete los.

„Das ist genial! Der wird schön blöd gucken! Welche IBAN ist denn das?“

„Die vom Tierheim. Falls er drauf reinfällt, tut er wenigstens etwas Gutes“, erwiderte ich lächelnd. Auch wenn Lächeln mir noch schwerfiel.

Maren lachte immer noch. Sie trug ein schwarzes Oberteil mit Schnürung. Viel Busen hatte sie nicht, aber trotzdem sah sie wieder klasse aus.

„Deine Haare hast du super hingekriegt. Aber seit wann trägst du hochhackige Schuhe zur Arbeit? Tun dir da nicht die Füße weh?“, forschte ich und nippte an meinem Wein.

„Die habe ich nach der Arbeit wieder angezogen. Danke für das Kompliment. Das Haar so zu tragen ist wirklich praktisch. Aber wenn ich einen neuen Schnitt brauche, komme ich natürlich zu dir.“

„So ein Dutt ist klassisch. Lass deine Haare doch ruhig wachsen, du bekommst irgendwie immer eine gute Frisur hin.“

„Mal sehen. Im Moment bin ich zufrieden.“

„Trotz der Sache mit dem Keller?“

„Man gewöhnt sich dran. Ich kann im Fernsehen gucken, was ich will. Im Grunde sehen wir uns nur noch zu den Mahlzeiten. Seine Sticheleien stören mich gar nicht mehr. Er ist mir egal geworden.“

„Das klingt aber gar nicht gut.“

„Was soll man machen.“

„Darüber reden?“

„Das bringt doch sowieso nichts. Jetzt gerade ist es mir wirklich egal.“

„Na gut ... möchtest du was essen?“

„Was hast du denn da?“

„Wir könnten eine Pizza bestellen.“

„Ein großer Salat mit geriebenem Käse und Schinken wäre mir lieber. Mit Joghurt-Kräuter-Dressing.“

Ich bestellte ihr den und mir selbst eine Schinkenpizza mit doppelt Käse und einen Becher Eis. Maren blinzelte.

„Ist das nicht, na ja, ein bisschen viel?“

„Ich gebe dir vom Eis was ab.“

„Na gut, aber trotzdem.“

„Maren, ich habe seit zwei Tagen fast nichts mehr gegessen vor Heulerei. Mir hängt der Magen in den Kniekehlen!“

„Entschuldige, du hast ja recht. So, wo waren wir, ach ja! Der tolle Brief an Tim.“

„Wenn du willst, schicke ich den verschlossenen Umschlag zu Stefan nach Berlin, und er wirft ihn dort in den Briefkasten. So ein Poststempel aus Berlin wirkt gleich viel echter, findest du nicht?“

„Ruth! Du bist ein Genie!“

„Kaum. Aber danke.“

„Was sagst du Stefan denn? Doch nicht etwa...“

„Ach wo, wo denkst du hin? Ich behaupte einfach, es wäre ein Streich. Der fragt nicht nach, dafür kenne ich ihn.“

„Okay, gut. Wie geht es dir denn?“

„Na ja. Ich heule noch viel. Und mir graust es davor, dass er Sonntag wiederkommt. Dieser Saukerl.“

Ich erschrak selbst vor der Wut in meiner Stimme. Maren nickte unbeeindruckt.

„Saukerl nenne ich Tim inzwischen auch. Oder habe es vielmehr eine Zeit lang. Jetzt nenne ich ihn nur noch Wichsfrosch.“

„Schlimm“, murmelte ich. Aber ich beneidete Maren. Nicht nur, dass sie so attraktiv war, sondern auch darum, dass sie mit der Sache so souverän umging. Geheult schien sie jedenfalls nicht zu haben. Außerdem hatte sie es tatsächlich besser. Ihr Tim ging nicht zu Nutten und betrog sie auch nicht wirklich körperlich. Tim machte nur eine Faust.

Wie sehr ich mir wünschte, Jens täte das Gleiche.

„Jeden Tag“, murmelte ich, „jeden Tag diese bohrende Frage. Ist er heute wieder bei dieser Lena, die er sogar küsst. Oder im Charmeur. Oder einem anderen Puff.“

„Ich könnte das überhaupt nicht ertragen“, seufzte Maren, beugte sich vor und tätschelte meinen Arm.

„Wirst du ihn verlassen?“

Ich schrak hoch.

„Verlassen? Aber wo soll ich denn hin?“

Maren schien leicht verärgert.

„Du könntest dir eine Wohnung nehmen und wieder als Friseurin arbeiten. Tu doch nicht so, als müsstest du dir das bieten lassen!“

„Ach, und du? Wieso bist du denn noch bei Tim?“

„Wir haben eine Tochter.“

„Die ist fast erwachsen!“

„Ich weiß. Ich denke schon darüber nach, wie es weitergehen könnte. Aber mir geht es nicht mehr schlecht mit dem Wissen, was er da unten macht. Soll er ihn sich doch lang ziehen. Aber du? Was Jens macht, ist eiskalter Betrug. Und das ohne schlechtes Gewissen!“

„Er sieht es gar nicht so, befürchte ich.“

„Dann macht er ganz fest die Augen zu. Er belügt dich ja, schon das ist Betrug. Und dann die Sache an sich ... bäh!“

„Bäh, da sagst du was. Ich werde den jedenfalls nie wieder küssen! Ich weiß ja ... wo sein Mund so war.“

In Marens Gesicht stand das pure Entsetzen.

„Du meinst...“

„Wir wollen gleich essen und werden das jetzt schön vergessen.“

„Wääääh!“

„Ja. Nun ja.“ Wieder stieg mir das Blut in die Wangen. Ich hatte inzwischen alle Testberichte gelesen, auch alle Nachrichten an und von Jens. In einer hatte er Lenas Adresse weitergegeben.

„Aber nur an dich, Kumpel. Ich behalte Lena am liebsten für mich.“ In anderen hatten Huren ihn angeschrieben und ihre Dienste angeboten. Und das ohne jede Beschönigung. Mir war so übel geworden wie noch nie. Und die Antworten von Jens waren noch ekelerregender, völlig unverblümt, direkt und ungehobelt. Ich kannte diesen Mann nicht.

Die letzten Tage waren schlimm gewesen. Nachts bekam ich kaum ein Auge zu. Heute Morgen war Frau Salinsky gekommen, zum Glück erst um elf.

„Sie sehen ja furchtbar aus, Frau Eberharth. Geht es Ihnen nicht gut?“

„Ich bekomme wohl eine Erkältung“, hatte ich gemurmelt und die alte Dame zum Stuhl gebracht, wo ich ihre Dauerwelle vorbereitete. Ich schwatzte mit ihr über Alltägliches, die neusten Nachrichten. Aber ihre alten, weisen Augen waren die ganze Zeit auf mein Gesicht gerichtet. Nachher, beim Bezahlen, legte sie mir sanft eine Hand auf den Arm.

„Niemand kann eine Frau so sehr verletzen, wie der eigene Ehemann. Glauben Sie mir, ich habe das alles schon hinter mir. Trotzdem vermisse ich meinen Otto jeden Tag.“

Sie tätschelte meinen Arm und fügte hinzu:

„Gott hat uns Frauen die Fähigkeit gegeben, zu verzeihen. Immer wieder. Aber wenn er es zu weit getrieben hat, ziehen Sie ihm ruhig auch mal eins über! Nur vergessen Sie dabei nicht, wie sehr er Ihnen fehlen würde, wenn er für immer fort wäre.“

Ich blieb verdattert an der Tür stehen, und vergaß sogar, ihr in den Mantel zu helfen.

Als sie gegangen war, hastete ich zum Spiegel. Sah man es mir etwa so sehr an? Gut, dass ich nicht geschlafen hatte, das war unübersehbar. Auch die Traurigkeit in meinen Augen. Eigentlich konnte das ja auch nur Liebeskummer bedeuten. Uns ging es finanziell und gesundheitlich gut. Bis auf diese Skelette, die in allen ehelichen Kleiderschränken zu stecken schienen.

Selbst Maren und Tim haderten mit dem Alltag und Frau Salinsky war es auch nicht gut ergangen, wovon ich heute zum ersten Mal etwas gehört hatte. Der Dorfklatsch drehte sich nie um sie und ihre Familie.

Silke fiel mir ein. Maik hatte ihr damals das Herz gebrochen. Maik war ein ruhiger, netter Mann gewesen. Auch attraktiv, nur sah man nichts davon. Er trug karierte Flanellhemden, Socken in Sandalen, hatte einen langweiligen Haarschnitt und alte, fleckige Jacken und Hosen in Braun und Grau. Eine echte graue Maus.

Dann brachte Silke ihn zu mir und kaufte ihm ein paar tolle Klamotten. Von da an fiel er auch anderen Frauen auf und nach einer Weile ließ er Silke kurz vor der Hochzeit für eine andere sitzen. Sie hatte das nur schlecht verkraftet.

Nun war sie mit Florian zusammen und wir alle hofften, dass er tatsächlich so ein netter Kerl war, wie er zu sein schien.

Aber jetzt, wo mein eigener Ehemann unter seiner loyalen Fassade auch nur ein Schwein war, bekam ich Zweifel. Waren die etwa alle so?

Ich hätte meine Mimik gerne irgendwie unter Kontrolle gebracht, aber gut verstellen konnte ich mich nicht. Maren schien darin ein Meister zu sein. Der sah man gar nichts an.

Ein paar Minuten später erschien Kurt, ein Mitglied unserer „Moppelchen“ auf einen schnellen Trockenschnitt. Er bemängelte sofort, dass ich am Tag zuvor nicht beim Volleyball erschienen war.

„Ich hatte Migräne“, murmelte ich und legte ihm den Umhang um. Er schien überrascht.

„Heute nicht ganz so kurz, bitte. Du und Migräne? Soll ich dann nicht lieber an einem anderen Tag wiederkommen?“ Ängstlich strich er sich durch die Haare. „Die werden sowieso immer weniger. Nicht, dass du dich jetzt nicht konzentrieren kannst und mir ein Ohr abschneidest.“

„Du hast ja noch eins!“

„Aber wie hält dann die Brille?“

„Vincent van Gogh hatte auch nur ein Ohr“, gab ich zurück und schnippelte drauflos.

„Schon, aber das hatte er sich selbst abgesäbelt!“

„Wer weiß? Vielleicht hatte seine Friseurin auch Migräne. Jetzt nimm deine Hände da weg, du Feigling.“

Er ergab sich in sein Schicksal. Kurt war so ein lustiger Typ. Ob er wohl auch ...? Man merkte es einem Mann ja nicht an. Ich jedenfalls nicht!

Erleichtert zahlte Kurt seine zehn Euro und zog beidohrig von dannen. Sofort kam die dunkle Wolke zurück und die Herzrhythmusstörungen setzten wieder ein. Wo war Jens gerade und was machte er ...?

Tagsüber ging es einigermaßen, da musste er ja arbeiten. Aber wenn der Feierabend nahte, spielte mein Kopfkino eine Sondervorstellung nach der anderen.

Ich war zutiefst erleichtert, als mich Frau Jähnick anrief und absagte. So konnte ich einkaufen fahren und vielleicht etwas spazieren gehen.

Im Supermarkt legte ich mir eine große Schachtel Pralinen in den Wagen und beachtete die Stimme in meinem Kopf nicht, die lauernd fragte: Was machst du da, Ruth?

Wieder zu Hause, müde nach einem Spaziergang am Flüsschen entlang, lief ich meinem Schwiegerpapa in die Arme. Er hielt die Gartenschere in der Hand und war auf dem Weg, die Buchsbäume zu beschneiden.

„Na endlich sehe ich dich mal. Ruth, was ist denn? Seit Tagen igelst du dich im Haus ein. Und du siehst total fertig aus.“

Ich sah ihn an. Die Ähnlichkeit mit Jens schnitt mir ins Herz. So ungefähr würde er aussehen, wenn er in das Alter seines Vaters kam. Und ich würde ihn immer noch lieben. Tränen stiegen mir in die Augen, und ich wandte mich ab.

„Ruth ...? Rede mit mir. Hat Jens wieder Mist gebaut?“

„Wieder?“ Ich drehte mich erschrocken zu ihm um und studierte seine Augen. „Hat er das etwa früher auch schon gemacht?“

„Was hat er denn verbockt? Er hat früher öfter Quatsch gemacht und Unsinn geredet, da habt ihr euch zu Recht gestritten. Manchmal fehlte ihm die Mutter, glaube ich. Deswegen hatte er bisweilen nicht genug Verständnis für deine Seite. Das habe ich ihm dann unter vier Augen auch immer gesagt. Offiziell halte ich mich aber aus eurer Beziehung weiterhin raus. Es sei denn, er hätte richtig Mist gebaut, dann bekommt er es mit mir zu tun. So ein liebes Mädel wie dich kriegt man nicht an jeder Straßenecke.“

„Aber genau da kann man danach suchen“, murmelte ich und eilte an ihm vorbei ins Haus. Ich sah aus den Augenwinkeln noch sein verständnisloses Gesicht, dann schloss ich schnell die Tür.

Nachdem ich alles fortgeräumt und eine alte Jogginghose angezogen hatte, holte ich mir ein Glas kalte Milch, machte den Kaminofen an, und legte mich mit der Schachtel Pralinen auf die Couch.

Abends war dann Maren gekommen und nun warteten wir auf die Pizza. Leider riss sie mit einigen Fragen und Bemerkungen die Wunde noch weiter auf. Ich wollte heute, so gut es ging, Lena, Hani und all die anderen vergessen.

Die Pizza und der Salat kamen. Das Eis schob ich in den Gefrierschrank und stellte Maren ihren Salat hin.

Wahrscheinlich wäre das für mich auch die bessere Wahl gewesen. Aber heute nicht, dachte ich.

„Also, Ruth. Was wirst du nun tun?“, fragte Maren und goss sich Dressing über ihren Salat, in dem sie wählerisch herumstocherte. Mit angewiderter Miene pikte sie ihre Gabel in die paar Scheiben Salatgurke, die darin waren, und legte sie beiseite.

Ich viertelte meine Pizza und balancierte ein Stück zum Mund.

„Weiß nicht“, mampfte ich.

„So? Du musst doch darüber nachgedacht haben.“

„Ich bin ungefähr so weit wie du.“

„Du guckst also schon ganz unverbindlich nach Wohnungen?“

Ich ließ meine Pizza sinken und starrte Maren an.

„Was, das tust du?“

„Bisher nur bei so einer Suchmaschine im Internet. Aber es ist gut, zu wissen, auf was man sich einstellen müsste. Wenn man es dann tatsächlich tut.“

„Meinst du nicht, dass du erst einmal mit Tim reden solltest? Pornos gucken doch alle Männer!“

„Das ist es ja nicht einmal. Es ist die Art und Weise, wie er mit mir umgeht. Respektlos, irgendwie. Ich fühle mich nicht mehr von ihm als Frau wahrgenommen. Und seine doofen Sprüche und diese Gleichgültigkeit ... das macht mich am meisten fertig.“

„Vielleicht solltest du öfters mal nicht zu Hause sein. Damit er merkt...“

„Ach, das ist es ja! Er merkt es eben nicht!“, rief sie, und ich zuckte zusammen.

„Ob ich nun da bin oder nicht, den juckt das nicht. Er mosert höchstens rum, dass nix zum Essen auf dem Tisch steht. Gestern kam ich nach Hause und er meinte, wenn ich schon nicht da bin, soll ich Bescheid geben, damit er weiß, dass er zur Pommesbude muss. Er fragte ja nicht mal, wo ich gewesen bin. Amelie war auch unterwegs. Ob ich da bin, ha. Das merken die nur daran, dass kein Essen da ist oder die frische Wäsche knapp wird.“

„Das ist mies“, murmelte ich und griff zum dritten Viertel. Maren warf einen schrägen Blick auf das fettige Stück in meiner Hand. Aber sie sagte nichts.

„Tja, das ist eine blöde Situation“, murmelte ich nach einer Weile. Sie hob die Schultern.

„Wahrscheinlich kommt jede längere Beziehung mal an diesen Punkt. Oder fast. Ein Zurück kann es nur geben, wenn beide das merken und was ändern wollen. Ich sehe bei unseren Männern nichts davon. Vor allem deiner hat es sich so richtig bequem gemacht.“

„Na, deiner aber auch.“

„Schon, aber deiner hält sich einfach nebenher einen Harem und kommt dann zu dir nach Hause und spielt den guten Ehemann. Das ist doch widerlich.“

„Das schon. Aber deiner spielt in seiner Fantasie auch mit anderen rum.“

„Er tut aber nicht so, als wäre alles in Butter. Na ja, im Grunde ist für beide Männer alles in Butter. Die in den Arsch Gekniffenen sind doch wir.“

„Ja. Das stimmt.“

Ich brachte den Pappkarton und Marens Plastikbehälter in die Küche. Aufräumen konnte ich auch morgen noch.

Oder irgendwann.

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