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Kitabı oku: «Das Naturforscherschiff», sayfa 14

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Sechstes Kapitel

Nach Mauritius. Naturwissenschaftliche Übungen an Bord. Rua-Roas Gipsabguß. Die Vogelinsel. Fregattvogel und Tölpel. Zur Fouquéinsel. Die Nacht auf dem Riff. Korallenfischerei. Der Hai. Der Blutschwur. Auf dem Bambu-Pik.

Während das Schiff durch den Kanal von Mozambique zurückdampfte, um nach der kleinen Felseninsel Mauritius zu steuern, welche, als sie den Franzosen gehörte, den Namen Isle de France führte, jetzt aber, seit sie im Jahre 1810 von den Briten erobert wurde, wieder ihren ursprünglichen Namen trägt, den sie zu Ehren des Kommandanten der niederländischen Seemacht, Moritz von Nassau, erhalten hatte, gab es in der Kajütte mancherlei für die jungen Naturforscher zu tun.

Franz hatte schon den Wunsch ausgesprochen, das genaue Abbild von einem der Stammesgenossen Rua-Roas zu besitzen, um daheim den Freunden zeigen zu können, wie die Ungeheuer in Menschengestalt aussehen, in deren Gewalt sie sich befunden hatten. Holm sagte, daß unter so gefährlichen Umständen, wie die jüngst durchlebten, es schwer halten würde, die mißtrauischen Wilden zu bewegen, dem Zeichner oder dem Photographen still zu sitzen, weil sie alles Fremdartige für Zauberei hielten. »Es wird uns aber gelingen, auch milder gesinnte Wilde zu treffen und diese werden wir nicht nur später photographieren, sondern, damit wir die genaue Form ihres Antlitzes erhalten, auch in Gips abgießen.«

»Aha,« sagte Franz, »nun weiß ich auch, weshalb Sie sich den Gips nachkommen ließen, Sie wollen die Wilden abformen.«

»Um dem Forscher Material zu liefern, an dem er die feineren Rassenunterschiede der Wilden studieren kann,« erwiderte Holm, »und damit ihr mit dieser Operation genau vertraut werdet, wollen wir die freie Zeit benutzen, die Eigenschaften des Gipses und seine Handhabung kennen zu lernen.«

Holm öffnete eine der Blechdosen, in der sich ein weißes Mehl befand – der gebrannte Gips. »Dieser gebrannte Gips,« erklärte Holm, »ist schwefelsaurer Kalk, dem durch Erhitzen das in ihm vorhandene Wasser ausgetrieben wurde. Fügen wir dem entwässerten Gips wiederum Wasser zu, so verbindet er sich mit demselben zu einer festen Masse, die nach dem Trocknen hart wird. Diese Eigenschaft macht den Gips zu einem wertvollen Material, sowohl um Gegenstände abzuformen, als auch plastische Figuren aus demselben herzustellen. Franz, bitte den Koch um einige große Tassen, wir wollen ungesäumt an die Arbeit gehen.« Franz tat, wie ihm gesagt war, Hans holte Wasser und Holm suchte einen Taler hervor, der das Bildnis des deutschen Kaisers in besonders schöner Prägung zeigte.

Zunächst nun rieb er die Münze mit einem Tropfen Öl ein, um das Ankleben des Gipses an derselben zu verhindern, worauf er sie mit einem drei Zentimeter hohem Rande von Schreibpapier umgab, dessen loses Ende er mit Gummi arabikum festklebte. Franz war nicht wenig stolz darauf, das so wichtige Klebmittel selbst geerntet zu haben, wenn auch die spitzen Stacheln des Schotendorns seine Hände nicht wenig zerkratzt hatten. Auch der Papierrand wurde mittels eines Pinsels mit einer kleinen Menge Öl getränkt. Dann rührte Holm etwa einen Eßlöffel voll Gips in einer Tasse rasch mit soviel Wasser an, daß ein nicht zu dünner Brei entstand, und goß denselben auf die Münze, welche derart auf dem Tische lag, daß sie selbst den Boden, der Papierstreif aber den Rand einer Schachtel bildete.

Nach etwa fünf Minuten war der Gipsbrei bereits erstarrt. Der Papierrand wurde vorsichtig abgenommen, worauf die erhärtete Gipsmasse auch von der Münze getrennt werden konnte. Mit allen, selbst den feinsten Einzelheiten war die nach oben liegende Seite der Münze in dem Gipse abgeformt, nur mit dem Unterschiede, daß die Erhöhungen der Münze in der Gipsmasse vertieft zum Vorschein kamen.

Die Knaben freuten sich über den wohlgelungenen Versuch. Holm trug Hans auf, den erhaltenen Abguß dem Koch zu bringen, daß er denselben auf eine nicht zu warme Stelle des Herdes legen möge, damit er gehörig austrockne. Dann ließ er Franz und Hans ebenfalls Abgüsse von der Münze machen, was ihnen, da sie gut aufgemerkt hatten, auch vortrefflich gelang. Rua-Roa sah verwundert zu und konnte nicht klar darüber werden, was die Weißen für sonderbare Dinge vornahmen. Holm aber sagte auf deutsch: »Du sollst nicht lange im Unklaren bleiben, mein Junge, nachher geht es dir, wenn auch nicht an den Kragen, so doch an dein gelbes Menschengesicht.« Als die vorhin hergestellte Form auf dem Herde trocken geworden war, tränkte Holm sie mit etwas Öl und umgab sie ebenso wie vorher die Münze mit einem Rande von Papier. Dann goß er frischen Gipsbrei hinein, wartete bis derselbe festgeworden und konnte dann die beiden Gipsstücke leicht voneinander ablösen. Das zweite Gipsstück zeigte nun ein genaues Abbild der ursprünglichen Münze, das Bildnis des Kaisers, die Umschrift und alle feinen Zeichen derselben. Die erste Form nannte er die Hohlform, die zweite den Abguß. Den Knaben war nun klar, daß wenn man einen Gegenstand plastisch in Gipsabgüssen vervielfältigen will, vor allen Dingen zuerst eine Hohlform hergestellt werden muß. Nachdem die Knaben gelernt hatten, wie der Gips zu behandeln sei, sagte Holm zu Rua-Roa: »Nun kommst du daran, mein Teuerster, lege dich da einmal auf den Fußboden.« Rua-Roa tat wie ihm gesagt wurde, denn bis jetzt hatten die Weißen ihm keinerlei Leides getan, er hatte volles Vertrauen zu ihnen.

Dann stellte Holm aus einem großen Tonklumpen durch Rollen auf einem Brette eine große, lange Wurst her, die er dem auf der Erde Liegenden so um das Gesicht herum legte, als wollte er ihm ein Zahntuch aus Lehm umbinden. »Dieser Tonwulst soll das Herabfließen des Gipsbreies verhüten,« sagte Holm, »und damit derselbe sich nicht in Rua-Roas Augenbrauen festsetzt, bedecken wir dieselben mit seinem, ölgetränkten Seidenpapier.«

»Aber erstickt Rua-Roa nicht, wenn wir ihm das ganze Gesicht voll Gips gießen?« fragte Franz.

»Wir befestigen ihm mit etwas Lehm in jedem Nasenloch einen Strohhalm,« erwiderte Holm, »dadurch kann er hinreichend atmen. Das haben sich vor ihm schon manche Wilde gefallen lassen müssen, und er wird auch nicht der letzte sein, zumal der ganze Vorgang keine fünf Minuten währt,« Rua-Roa ließ sich geduldig das Seidenpapier auf die Augenbrauen und anderen Stirnhaare legen, auch gegen das Einölen des Gesichtes machte er keine Einwendungen. Als Holm ihm aber die Strohhalme in die Nase befestigen wollte, sprang er auf und weinte. Das war ihm zu viel. Keine Bitten konnten ihn bewegen sich wieder niederzulegen, er glaubte, daß man ihn umbringen wolle. »Doktor,« rief Holm, »reden Sie ihm zu, er hat ja selbst gesagt, daß er Ihr Sklave sein wollte. Spielen Sie einmal den Plantagenhalter und brauchen Sie Ihre Autorität.« Doktor Bolten lächelte milde und ging auf Rua-Roa zu. »Mein Sohn,« sagte er, »der mutige Knabe hat dich aus dem Rachen des Krokodils gerettet und war in Lebensgefahr deinethalb, wie wir alle. Kannst du glauben, daß deine Erretter dir Schaden zufügen wollen? Sieh, wir verlangen nur einen kleinen Dienst von dir, du wirst doch eine geringe Unannehmlichkeit ertragen können, um deinem Dank Ausdruck zu geben, von dem du in so beredten Worten gesprochen. Nicht Worte machen den Dank, sondern die Tat.«

Rua-Roa hörte auf zu weinen. Er sah zu komisch aus mit dem vom Lehm eingerahmten Gesichte und den Tränen, die von der eingeölten Haut herunterliefen, wie das Wasser von den fettigen Federn einer Ente. Dann legte er sich ergeben auf den Rücken und wartete der schrecklichen Dinge, die da kommen sollten. »Schließe die Augen und den Mund, atme langsam durch die Strohhalme,« rief ihm Holm zu, der in einer großen Schüssel den erforderlichen Gipsbrei anrührte. »Und nun nicht gemuckt, freundlich gelächelt, damit du später nicht als Heulmeier in Gips erscheinst.« Bei diesen Worten schüttete Holm den bereits im Erstarren begriffenen Gips auf das Gesicht Rua-Roas, der sich wirklich Mühe gab zu lächeln. »Halte dich ruhig, mein Junge,« ermutigte Holm den Daliegenden, der eine unförmliche Maske von Gipsbrei vor seinem Gesichte hatte, »und schnaube mir nicht zu sehr. Es ist dein eigener Schade, wenn die Hohlform von deinem ehrenwerten Antlitz nicht gelingt, denn dann, mein Lieber, mußt du noch einmal daran. – So,« rief Holm, »der Gips ist bereits erhärtet.« Er entfernte zuerst die Strohhalme, dann lüftete er die Gipsmaske bald an der einen Seite, bald an der anderen, um sie allmählich zu lockern, und hob sie behutsam von dem Antlitz Rua-Roas ab.

Rua-Roa tat einen tiefen Atemzug und sprang auf. Holm überzeugte sich, daß die Hohlform vorzüglich gelungen sei, und sagte: »Du sollst schön bedankt sein für dein ruhiges Verhalten, Ruachen. Jetzt gehe nur mit Franz zum Koch, daß derselbe dir lauwarmes Wasser und Seife gibt, um dir Lehm und Öl abzuwaschen.« Rua-Roa sprang fröhlich von dannen, von Franz begleitet. Während der Gelbe sich von den letzten Spuren der glücklich überstandenen Tragödie befreite, ging Franz an seinen Reisekoffer, dem er ein schönes Taschenmesser entnahm. Dieses schenkte er Rua-Roa, der kaum ein Wort des Dankes finden konnte, aber dem jungen Weißen die Hand treu und ehrlich drückte.

Am nächsten Tage wurde aus der Hohlform ein Abguß gemacht und Rua-Roas Antlitz präsentierte sich, wenn auch mit geschlossenen Augen, so doch, wie es ja auch nicht anders sein konnte, naturgetreu und ähnlich.

»Ein Apollokopf ist es nicht,« meinte Holm, »aber es ist das Gesicht eines treuen, guten Menschen, er hat sogar versucht freundlich zu lächeln, wie ich ihm sagte.«

»Schade daß der Abguß so weiß aussteht,« sagte Hans, »ich hätte Lust ihn farbig anzumalen, dann würde er unserm neuen Kameraden erst recht ähnlich sehen. Aber woher sollen wir soviel Farbe nehmen, der Tuschkasten würde darauf gehen.«

Auch hier wußte Holm wieder Rat. »Der Schiffszimmermann wird Farben haben, mit denen er die einzelnen Teile des Schiffes anzustreichen pflegt. Wir gebrauchen ja nur Gelbweiß für die Haut, Rot für die Lippen und Schwarz für die Haare.«

Der Zimmermann war glücklicherweise im Besitz des Gewünschten. Holm mischte die Farben und Hans malte den Gipsabguß, während Rua-Roa Modell sitzen mußte, damit die Farben auch mit dem Originale übereinstimmten. In einer halben Stunde war das Werk vollendet. Als Rua-Roa die kolorierte Gipsmaske sah, erschrak er. »Ach – Malagasche!« rief er und wollte fliehen. »Laufe nur nicht vor dir selbst weg,« lachte Holm, und nur mit Mühe konnten sie den Wilden dazu bringen, sein eigenes Abbild schließlich in die Hand zu nehmen und sich zu überzeugen, daß es kein lebendes Wesen sei, was er hielt. Die Matrosen bewunderten dies Kunstwerk, und einige wünschten, sie möchten auch so abgegossen werden. Holm aber sagte, daß sie photographiert werden sollten, sobald die Gelegenheit günstig wäre, das Abgipsen sei für die Wilden. Franz wandte jedoch ein Bedenken gegen diese Prozedur ein. »Wenn schon Rua-Roa sich so sehr sträubte, werden dann auch die Wilden sich hergeben, die uns lange nicht so freundlich gesinnt sind wie jener?« fragte er. – »Nur mit reichen Geschenken wird es uns gelingen, ein lebendes Modell zu gewinnen,« antwortete Holm, »und dann auch nur schwierig. Ihr könnt hieraus ermessen, welche Mühe und welche Energie dazu gehört, das Material für den Forscher in genügender Reichhaltigkeit zusammenzutragen, und wenn ihr später einmal wieder ein ethnographisches Museum besucht und solche Gipsabgüsse seht, dann werdet ihr nicht achtlos vorüber gehen, sondern daran denken, daß an jeden Kopf sich ein Kampf knüpft, wenn auch nur der friedliche der Überredung.« »Mit der nächsten Post schicken wir Rua-Roas Abguß nach Hamburg,« sagte Franz, »damit sie dort sehen, wie der gute Bursche ausschaut, der uns das Leben retten half.«

»Und den ersten Wilden, der sich mir anvertraut, werde ich abgipsen,« rief Hans. »Ihr sollt sehen, ich werde meine Sache schon gut machen.«

Am Nachmittage wurde an einer kleinen öden Insel angelegt, die nur von Fregattvögeln, Albatrosarten und Tölpeln bewohnt war, auf die Jagd gemacht werden sollte.

In großen, bis über die Kniee hinaufreichenden Seestiefeln, mit Waffen und Proviant versehen, machten sich die Knaben in Holms und einiger Matrosen Begleitung auf den Weg, während der alte Geistliche dieser Unternehmung fernblieb. Gefahren gab es nicht zu überstehen, wohl aber mußte man unausgesetzt klettern, und das überließ er denn doch lieber den jüngeren Beinen.

Durch Röhricht und Schilf, über Klippen und Vorsprünge, durch flache Seeen ging es dahin, Rua-Roa und Franz immer voran und hinter ihnen die übrigen, mit Einschluß des Kapitäns, dem es Vergnügen machte, eine kleine auf diesen wüsten Inseln häufige Taubenart zu schießen. Die anderen verfolgten freilich interessantere Zwecke, sie fingen und erschlugen oder schossen vom Nest weg die Vögel, welche ihnen kaum aus dem Wege hüpften, sondern ganz zutraulich sitzen blieben, da sie ja in den Menschen noch keine Feinde kannten. Ein Kauffahrteischiff kommt selten in diese entlegenen Gegenden, viel weniger ein Postdampfer; die riesigen Anwohner des Meeres nisten also und brüten von Geschlecht zu Geschlecht in ungestörter Ruhe, nur sehr selten von dem Besuch des Naturforschers überrascht und um einige Glieder ihrer ausgedehnten Familie ärmer gemacht. Weiße, bis zu reichlich drei Meter Flugbreite haltende Albatrosse, ihre jüngeren braunen Sprößlinge, die großen Fregattvögel und in Scharen die grauen Tölpel, so saß es und watschelte, so flatterte und flog es zwischen den Klippen, wie wenn die wüste, vielleicht kaum den Flächeninhalt eines Marktplatzes besitzende Insel ein zoologischer Garten wäre, wo man künstlich gezähmte, fremde Tiere ungestört von Angesicht zu Angesicht bewundern kann; aus allen Löchern kamen Raubmöwen und Sturmtaucher hervor; auf jeder Klippe krochen riesige, graue Krabben, die hier von dem leben, was die Vögel als Beute ihren Jungen zutragen, und die in der Nähe eines solchen Nestes förmlich auf der Lauer liegen. Im tiefsten Grunde der Insel brüteten allemal zu Tausenden die Pinguine, deren scharfe Schnabelhiebe zuweilen, wenn sie an den derben Stiefeln abglitten, ein schallendes Gelächter, wenn sie dagegen eine unvorsichtig herabhängende Hand trafen, einen Schmerzensschrei hervorriefen. Die Tiere blieben ruhig sitzen, wollten aber eine Annäherung ihrerseits nicht gestatten und verteidigten daher die Nester, auf denen sie hockten, mit solcher Entschlossenheit, daß mancher Umweg dieser starken Schnäbel wegen gemacht werden mußte. Eier und erlegte Tiere aller Gattungen waren stets die Ausbeute solcher Streifzüge, die freilich nicht immer ohne Unfall verliefen und einmal sogar das Leben der jungen Abenteurer ernstlich bedrohten. Ein plötzlicher Sturm drängte das Schiff von den Ufern der Klippe zurück, die Brandung ging haushoch, das Boot zerschellte in tausend Splitter, und Wind und Wasser fegten wie rasende Kobolde über den einsamen Fleck im rings sich dehnenden Ozean dahin. Ganze Sturzseen schlugen über den äußern Rand, Legionen von Tropfen regneten herab, und das donnerähnliche Geräusch des Sturmes verschlang jeden Laut. In Scharen wiegten sich Fregattvögel und Albatrosse, des Tobens froh, in der bewegten Luft; flügelschlagend kämpften sie gegen das empörte Element, rings umher entfaltete sich die Tätigkeit aller dieser meergewohnten Geschöpfe mit verdoppelter Stärke; nur die Menschen standen ratlos neben einander im Schutze eines Felsstückes, sie allein hatten zu fürchten, daß dem Schiffe ein Schaden geschehe, und daß sie dann in dieser grauenvollen Wildnis ohne irgend ein Lebensmittel, ohne Baum oder Feuer, dem qualvollsten Untergang verfallen würden, – Stunden vergingen, die Mastspitzen der »Hammonia« verschwanden am Horizont, die ganze Insel triefte, und selbst das harte Schiffsbrot in den Taschen war aufgeweicht und zu Brei verwandelt; dann aber sprang der Wind nach anderer Richtung über, seine Wut ließ nach, und vor Sonnenuntergang sahen die unfreiwillig Verbannten das Schiff, dessen Kanone ihnen von Viertelstunde zu Viertelstunde einen Gruß gespendet, im fernen Blau wieder auftauchen. Papa Witt schickte sechs Matrosen mit einem Boote ans Ufer, und nach beschwerlicher Überfahrt, bei der jedoch die Jagdbeute glücklich geborgen wurde, hatten alle das rettende Deck wieder erreicht. Dennoch aber war damit der Krieg gegen die Vogelwelt keineswegs als beendet anzusehen. Zahllose große Vögel verfolgten, nach Abfällen spähend, das Schiff, namentlich Albatrosse, auf die dann die Matrosen Jagd machten, indem sie an langer Leine einen Angelhaken, in Fleisch versteckt, dem Dampfer nachschwimmen ließen. Die Vögel stürzten sich auf den ersehnten Bissen, verschlangen ihn und flogen nun in Todesangst, bang flügelschlagend, so weit es die Schnur gestattete, bis die glücklichen Jäger ihre Beute ohne alle Mühe heranzogen. Doktor Bolten erwirkte indessen sehr bald bei dem Kapitän ein Verbot dieser grausamen Belustigung, welche keinerlei ernsten Zweck hatte, sondern nur als Zeitvertreib diente. Das Fleisch des Albatros ist ungenießbar, seine Federn nicht zu brauchen; also mochten die großen, schönen Tiere leben, wo sie niemand schadeten, im Gegenteil vielleicht das Auge des Schiffers im Einerlei der Meeresfläche angenehm berührten.

Die Angeln wurden daher entfernt, und die Albatrosse blieben unbehelligt, ebenso die Tölpel, welche sich oft ganz dreist auf das Schiff setzten und sogar mit den Händen berühren ließen. Die dummen, grauen Tiere waren bei all ihrer Geistlosigkeit doch sehr schlaue Fischer, und immer, wenn sie irgend ein schwimmendes Geschöpf, Qualle oder Flossenträger, gefangen hatten, zeigte sich‘s, weshalb die Fregattvögel so beharrlich in ihrer Nähe blieben. Der Tölpel ist der Leibeigene des Fregattvogels, er fängt die Beute, und jener verspeist sie.

Die Knaben saßen unter dem Sonnensegel des Verdecks und beobachteten das beständig wechselnde Spiel. In der Nähe des Schiffs, hart über dem Wasser, schwebten mit vorgestrecktem Halse die grau und schwarz gesprenkelten, etwa an Größe einem starken Raben gleichenden Tölpel und wußten geschickt unter der beweglichen blauen Oberfläche des Meeres die auftauchenden Fische zu entdecken. Sie schossen hinab und brachten, nie ihr Ziel verfehlend, den zappelnden Flossenträger im Schnabel mit sich herauf, aber schon ehe noch die Segelstange oder der Mast, wo sie ihren Raub zu verzehren dachten, halbwegs erreicht war, fielen die bedeutend größeren Fregattvögel über sie her, preßten ihnen die Kehle zusammen und nahmen den gefangenen Fisch dem eigentlichen Räuber siegreich wieder ab.

Einmal fiel solch ein kämpfendes Paar, in einander verbissen, plötzlich durch die Segel weg auf das Verdeck, und nun entstand eine höchst ergötzliche Szene. Aus einer der Seitenkojen im Matrosenraum sprang Murr, der große, schwarze Schiffskater, plötzlich mit Tigersprüngen hervor und blieb fauchend dicht neben den Ringern auf den Hinterfüßen sitzen. Seine von Zeit zu Zeit in die Luft schlagende Pfote, seine funkelnden Augen und das gereizte Knurren bewiesen nur zu deutlich, wie gern er über die beiden großen Vögel hergefallen wäre, aber die heftigen Flügelschläge, die scharfen Schnabelhiebe des Fregattvogels mochten ihn doch in respektvoller Entfernung halten, während ihrerseits die kämpfenden Segler der Lüfte von dem gefahrdrohenden Feind in ihm keine Ahnung hatten, sondern unbekümmert mit lautem Krächzen den eigenen Streit fortsetzten. Der Tölpel hielt beharrlich den gefangenen Fisch im Schnabel, wußte sich aber so zu drehen, daß es dem Fregattvogel nicht gelang, seinen Hals zu umklammern, obwohl ihn die scharfen Fänge desselben unerbittlich gepackt hielten.

Die riesigen Flügel, bald weit ausgebreitet, bald fest an den Körper gelegt, peitschten das Deck, herausgerissene Federn wirbelten in der Luft umher, und Blutstropfen färbten den Boden, – der Fisch hatte bereits zu leben aufgehört, aber immer noch währte der Kampf, als endlich die lachenden, mit gespannter Aufmerksamkeit den Vorgang beobachtenden Knaben ihren jungen Hova-Freund herbeiriefen. »Rua-Roa! komm her, komm her, sieh die Katze, – es ist um sich die Seiten zu halten.«

Der Malagasche kam schleunigst herbeigesprungen, sobald aber seinem suchenden Blick Murr, der wohlgenährte Rattenvertilger, begegnete, fiel er vor Schreck auf die Kniee und hob beide Hände zum Himmel empor. »Zannaar!« rief er in Todesangst, »Zannaar! Darafif, großer Riese, steht uns bei! Angatsch der Böse, der Mörder und Betrüger, hat seinen Diener auf das unglückliche Schiff geschickt!«

Zufällig machte in diesem Augenblick Murr den bekannten hohen Buckel, sein langer Schweif fegte im Halbkreis unruhig das Deck, die grünschillernden Augen leuchteten vor Kampflust, er ersah den günstigen Moment, in welchem der Fregattvogel außerstande war, sich mit seinem Schnabel zu verteidigen, und stürzte sich geräuschlos nach Tigerart urplötzlich auf die Streitenden. Ein kurzer, schriller Schrei – dann hatte der große Vogel zu leben aufgehört; der Tölpel dagegen saß geduckt, dumm glotzend und sich schüttelnd auf den Brettern. Als ihm niemand mehr die Beute streitig machte, ergriff er seinen Fisch und verschlang ihn mit gierigem Ruck.

Der Malagasche betete fortwährend in der Hova-Sprache zu allen möglichen guten Geistern um Erlösung vom Übel; keine Macht der Erde hätte ihn bewegen können, den sieghaften Kater zu streicheln, und selbst als die beiden andern Knaben das taten, schauderte er sichtlich. Auf ganz Madagaskar sei kein solches Tier zu finden, erklärte er, es müsse ein böser Geist sein.

Doktor Bolten wehrte den Knaben, als sie ihren jungen Freund zwingen wollten, sich mit Murr, dem Schnurrenden, Behäbigen, auf vertrauten Fuß zu stellen. Er hatte den religiösen und geschichtlichen Unterricht, welchen er dem ehemaligen Sklaven erteilte, so eingerichtet, daß der Geisterglaube ganz von selbst dem besseren Erkennen weichen mußte; jeden äußeren Zwang erklärte er für schädlich. Der Kater lief frei im ganzen Schiff herum, aber man ließ es scheinbar unbemerkt, wenn Rua-Roa mit wahrhaften Seiltänzerkunststückchen der Begegnung des Schwarzen auswich; seine Freunde überließen es der Zeit, ihn von dieser kleinen törichten Furcht zu heilen, namentlich da der Gelbe in jeder Beziehung achtbar und liebenswürdig auftrat, sich seinen Wohltätern dankbar bewies und im Lernen die besten Fortschritte machte.

Besonders mit den beiden aus Afrika herübergebrachten Affen hatte er sich in das glücklichste Einvernehmen zu setzen gewußt. Wickelschwanz und Schwarznase schienen für den jungen Farbigen eine besondere Zuneigung zu hegen; sie saßen auf seinen Schultern, fraßen aus seiner Hand und gehorchten ihm auf das erste Wort, den Widerwillen ihres Bezähmers gegen Murr in jeder Weise teilend. Der faule Kater erhielt von den flinken Händen mehr als eine Ohrfeige, und wenn zuweilen bei stillem Wetter der Schwarze und die beiden Affen sich im Takelwerk jagten, dann klang erbittertes Prusten, Schreien und Miauen über das Deck hin, bis meistens der Kater urplötzlich herabfiel und sich schleunigst unter den Kojen der Mannschaft verkroch.

Die beiden Tanraks dagegen sollten nicht lange zur Unterhaltung der Knaben dienen. Nachdem die letzten auf den öden Inseln gesammelten Würmer verzehrt waren, weigerten sich die Tierchen, irgend eine andere Nahrung zu nehmen, und starben ehe noch die Insel Mauritius erreicht wurde. Die Tiere wanderten zu dem Affen in den Spiritus und wurden mit allen übrigen gesammelten Gegenständen von Port St. Louis, der Hauptstadt der Insel, nach Hamburg geschickt.

Das Schiff verließ indessen nach sehr kurzem Aufenthalt diesen Hafen und setzte die Reise bis zur Fouqué-Insel fort. Erst da wurde Anker geworfen.

»Auf Mauritius haben wir für unseren besonderen Zweck keinen günstigen Boden,« erklärte Holm, »das Tierleben der Insel ist arm, ursprüngliche Bewohner, also einen eingebornen Stamm hat sie gar nicht, es führen Landstraßen von einem Ende zum andern; kurz, Hoffnung auf naturwissenschaftliche Entdeckungen oder interessante Abenteuer ist nicht vorhanden. Die kleine Fouqué-Insel muß uns entschädigen.«

»Später machen Sie dann noch einen Spaziergang auf den Bambu-Pik,« schaltete der Kapitän ein, »jedenfalls verlohnt die Aussicht dieser Mühe, nebenbei aber begegnen Ihnen doch auch vielleicht einige Eidechsenarten, indische Meerkatzen und viele schöne Pflanzen.«

»Wollen sehen!« nickte Holm. »Erst zur Fouqué-Insel.«

Und so warf denn der Dampfer in stiller Bucht seine Anker aus. Unübersehbar dehnte sich vor den Blicken der Reisenden das Korallenriff, welches die ganze Insel Mauritius wie ein Gürtel umgibt und von den weißen Brandungswellen des Meeres bei hoher Flut fast völlig überschäumt wird. Daran lehnt sich, flach und ohne einen einzigen Baum den glühenden Sonnenstrahlen preisgegeben, ein kleines, unbewohntes Eiland, dessen ragender Leuchtturm den Schiffen als Warnungszeichen dient. Es war gleichsam eine Fortsetzung des Riffes, dessen oberste platte, von den Wogen geglättete Fläche zur Ebbezeit einen vorsichtigen Spaziergang recht wohl gestattete, zugleich aber wurde auf seinen Strand alles das geworfen, was die brandenden Wellen an toten und lebenden Bewohnern des Meeres mit gewaltiger Kraft emporhoben, und was späterhin, bei dem schnellen Sinken derselben, von tausend Zacken und Riffen festgehalten, den Rückweg in das heimische Element nicht mehr fand.

Es war Ebbe, als das große Boot die Reisenden zur Fouqué-Insel brachte. Im Schatten des Leuchtturms wurde ein Zelt aufgeschlagen, frische Früchte und Lebensmittel von Mauritius herübergeschafft und Haken und Netze, sowie einige Eimer aus dem Schiff mitgenommen. Die Flut brauste heran, nachdem kaum die nötigsten Vorarbeiten beendet waren. Haushoch, in kurzen Pausen, schlugen weißgekrönte, wie flüssiges Silber schäumende Wellen gegen das Riff, ein Donnern und Grollen, ein Zischen und Klatschen wie es die Reisenden nie vorher gehört, erfüllte rings die Luft; Tausende von fliegenden Fischen erhoben sich, flutgetragen, blau und violett schillernd im Sonnengold, mit Schaumperlen übergossen in jeder Woge; große Quallen zeigten ihre Ungestalt; Fische mit dem Gesicht und der Brust eines wohlgenährten, runden Vogels, mit Taubenaugen, aber derben drohenden Zähnen, wiegten sich in der Wassermenge, bunte Velellen, Krebse mit langen Scheren und Wasserschlangen tauchten auf und ab. Stunden vergingen, ehe dies wechselnde Spiel mit dem Eintritt der Ebbe endete, aber doch schien es jedem der Anwesenden, als habe er erst seit wenigen unzulänglichen Augenblicken den Ozean in dieser seiner großartigen Pracht bewundert, doch wurde die letzte am Fuße des Riffs zerfließende Welle wie ein scheidender Freund bedauert.

Jetzt galt es, die schlüpfrigen Stellen abzusuchen und von den aufgefundenen Tieren die schönsten Exemplare einzusammeln. »Immer nur einige von der gleichen Gattung,« hatte Holm ermahnt, »es soll kein Tier, das für unsere Sammlungen taugt, übersehen, aber auch keines aus bloßem Mutwillen getötet werden.«

Rua-Roa zeigte sich beim Hinausgehen auf den schlüpfrigen, vielleicht fünfzig Fuß hohen und ebenso breiten Damm im Anfang etwas zaghaft. Löcher und Fugen, Risse und Spalten überall; hier ein klarer Teich, in dem das Seewasser schäumte und brodelte; hier eine Kluft, die mühsam übersprungen werden mußte und dort sogar eine plötzliche Teilung des Weges, drei oder vier schmale Pfade, kaum fußbreit, zackig, von Schleim überzogen, – so zeigte sich das Riff, dessen Gefüge erst viel tiefer nach unten sich zur dichten, von keinem Spalte mehr durchlöcherten Mauer verstärkte. Hier oben in den jüngsten Korallenschichten war alles Berg und Tal, alles von Poren zersetzt, von den Gängen und Höhlen unzähliger Wassergeschöpfe wie ein Bergwerk untergraben.

Franz hüpfte, ohne sich viel nach Beute umzusehen, über den schlüpfrigen Weg dahin. Rechts das Meer, links ein stiller blauer Wasserstreif und dann die malerischen, von üppigem Baumwuchs bestandenen Ufer der Insel Mauritus – so bot sich dem staunenden Blick ein Bild der höchsten, blendendsten Naturschönheit. Der Wald da drüben schien ein seltsam doppelter; erst unten das Dickicht, von Ranken und Blumen durchflochten; dann die stolzen, himmelanstrebenden Palmenstämme mit ihren schönen, federartigen Kronen, die Kampeschen und Agaven, der nie fehlende Bambus und die breitästige Tamarinde. Während so im Verein von Formen und Farben die Pracht des Ufers den Sinn bewältigte, fesselte auf jedem einzelnen Schritt Neues, Niegesehenes die Blicke. Seeigel, Seesterne, Schnecken und Seewalzen, alles krabbelte, schwamm oder glitt über- und durcheinander. Besonders die schönen Seeanemonen, welche fest auf den Gesteinen saßen, erregten Holms Aufmerksamkeit; er nahm sie sorgfältig, jede Berührung vermeidend, mit einem großen Holzlöffel aus den Lachen heraus und setzte sie in einen Eimer, den zu diesem Zweck der Koch hatte liefern müssen. Um sie zu erhalten und lebend dem zoologischen Garten in Hamburg zuzuführen, schlug er mehrere Stücke des Korallenriffes ab, die dann in einem größeren Behälter den seltsamen Halbtieren zum Anklammern dienen sollten; mittels täglicher Zuführung von frischem Seewasser dachte er sie wohlerhalten über den Ozean zu bringen. Hier waren alle Arten vertreten, die purpurnen, gelben, violetten und ganz weißen; ferner die Seesterne, deren Formen sich am besten mit sogenannten Kotillonorden vergleichen lassen, bald rund und strahlenbildend, bald wie Schleifen, dann wie Perlenschnüre oder wie eine gelbe, in der Mitte gebundene Garbe, – die Seespinnen in ihren verschiedenen, alle am Lande lebenden Arten weit überragenden Größen, die hübschen roten Ringelwürmer mit dem federgleichen Häubchen und endlich das Heer der Krebse, die nun freilich ohne Erbarmen samt und sonders in einen Eimer wanderten, um folgenden Tages das Mittagsmahl verschönern zu helfen. Junge Einsiedlerkrebse trugen noch das Schneckenhaus, in welchem sie bis zur Ausbildung der Scheren ihren Hinterkörper zu verbergen pflegen, auf dem Rücken; die alten dagegen setzten selbst jetzt noch, wo sie im Riff hilflos hängen geblieben waren, ihre erbitterten Kämpfe fort und wurden zuweilen paarweise mit in einander verschlungenen Scheren eingefangen. Gold- und Silberfische, Papageienfische, in allen Farben schillernd, und zahllose Schnecken krochen zwischen den Spalten; auch eine andere Art von Geschöpfen, das baumartige Pflanzentier fehlte nicht; Glasschwämme und der gemeine Badeschwamm, irgendwo vom Grunde durch überlegene Stärke losgerissen, hatten sich an einer spitzen Klippe gefangen und fielen jetzt den emsigen Forschern zur Beute; braune und grüne Algen, unter anderen der bekannte Seetang, lagen zu ganzen Haufen über einander geschichtet und dienten den Wasserkäfern als Schlupfwinkel; auch die große weiße, nach innen rötliche Muschel wurde in den Fugen des Gesteins entdeckt und mußte in den Sack, welchen Holm trug, mit hinein wandern, obwohl sie ihn fast gänzlich ausfüllte und die Last zu einer sehr schweren machte. Stunden waren vergangen, ehe man an den Rückzug dachte; ein lüsterner Hai mit greulichem Rachen schwamm hart neben dem Riff im Meer hin und her, vielleicht in unbestimmter Ahnung die kommende Flut erwartend und sich des nahen Raubes freuend; die Sonne stand schon tief am Horizont, der Wind wehte frischer und die Kräfte der Suchenden bedurften der Stärkung, – noch eine halbe Stunde, dann kam die Flut, dann war alles, worauf jetzt die Füße so sicher standen, von blauem Gischt überschäumt. Schon hob sich im Grunde die See unmerklich gegen den Wall, schon tönte als Verkünder des donnerähnlichen Tobens ein leichtes Brausen und mahnte zum Rückzug.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
670 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain