Kitabı oku: «Das Naturforscherschiff», sayfa 16
Die gesammelten Schnecken wurden mitten auf den Tisch geschüttet, alle setzten sich um denselben, auch der Doktor, der eine Pfeife angezündet hatte, um den üblen Geruch der bereits faulenden Meertiere zu mildern. Holm nahm nun eine der Schnecken und zeigte den Knaben, wie man mit einem krummen kleinen Haken aus Eisen im stande sei, den weichen Körper der Schnecken aus ihrem Gehäuse herauszuziehen, wozu freilich Geduld und Geschicklichkeit gehörte, denn er saß oft sehr fest in den engen Windungen der Schale. Sobald der Schneckenkörper frei dalag, machte Holm mit einem scharfen Messer, dem sogenannten Skalpell, einen Einschnitt in den vorderen Teil desselben und konnte dann nach einigem Suchen mittels einer seinen Pinzette einen länglichen, ziemlich zähen Gegenstand herausziehen – die gewünschte Zunge. Nachdem dieselbe in einer kleinen, mit Spiritus gefüllten Schale abgespült worden war, wurde sie in ein Stückchen Papier gewickelt und in das mittlerweile gereinigte und ausgespülte Schneckenhaus gesteckt, das ebenfalls in Papier gewickelt wurde. So kamen denn stets die wichtigsten Teile, Schneckenhaus und Schneckenzunge, zusammen, und eine Verwechselung konnte später nicht möglich sein.
Als sie unter den Schnecken ein schönes Exemplar der Purpurschnecke fanden, sagte Holm: »Nun werde ich euch eine sehr schöne Zunge unter dem Mikroskop zeigen.« Er legte die dem Schneckenkörper entnommene Zunge auf den uns bereits bekannten Objektträger, brachte einen Tropfen Wasser auf dieselbe und bedeckte sie mit einem Deckgläschen, das er sanft preßte, um die Zunge etwas breit zu drücken. Die Knaben waren erstaunt, als sie bei einer zweihundertfachen Vergrößerung die spitzen Zähne dieser Zunge erblickten und die Regelmäßigkeit wahrnahmen, mit welcher dieselben sich aneinander reihen. Um ihnen den Unterschied zwischen den einzelnen Formen zu zeigen, präparierte Holm in gleicher Weise die Zunge einer Strandschnecke (Litorina). Hier waren die Zähne weniger spitz, dagegen rundlicher geformt als bei der Purpurschnecke, aus der bereits die Phöniker den blauroten Farbstoff gewannen, mit dem sie die berühmten Purpurgewänder färbten.
Da die Zunge der Strandschnecke in natura um vieles größer war, als die Zunge der kleineren Purpurschnecke, so mußte bei gleicher Vergrößerung das mikroskopische Bild derselben auch bedeutend umfangreicher erscheinen.
Nachdem die Schnecken in der angegebenen Weise präpariert, eingewickelt und fest in eine Kiste gepackt und auf einem Zettel die Fundorte bemerkt worden waren, versah Holm das Kollo mit der Adresse, und bei nächster Gelegenheit konnten diese Schätze abgesandt werden.
»Ein wahres Glück, daß diese Arbeit vorüber ist,« meinte der Doktor, »meine Geruchsnerven haben kein besonderes Gaudium daran gehabt.«
»Unsere Nasen haben sich bald daran gewöhnt,« rief Franz. »Einem Naturforscher darf es auf solche Kleinigkeiten nicht ankommen.«
Nun galt es, die Seesterne und Seeigel zu konservieren. Aus dem Raum wurden große Glashafen mit eingeschliffenem, breiten Stöpsel gebracht, in denen sich Baumwolle in Gestalt von Watte befand. Diese wurde herausgenommen, dann schichtete Holm abwechselnd Watte und Seeigel in dem Glashafen auf, damit die Geschöpfe mit ihren zerbrechlichen Stacheln, die oft den Durchmesser des Rumpfes um das vierfache übertrafen, unbeschädigt blieben. Als dies geschehen, füllte er den Hafen mit starkem Spiritus, setzte den Stöpsel ein und verband denselben mit angefeuchteter Blase, um das Verdampfen des Spiritus zu verhüten. In derselben Weise wurde mit den Seesternen und den vielen Krabben- und Krebsarten verfahren.
»Aha,« sagte Hans, »nun begreife ich auch, warum der Affe teilweise Rum erhielt, denn ohne diese Vorsichtsmaßregel hätten wir nicht genügend Spiritus gehabt, und diese prachtvollen Naturalien wären uns verdorben.«
»Man kann eben nicht haushälterisch genug mit solchen Dingen sein, die in der Wildnis gar nicht zu erlangen sind,« entgegnete Holm. »Unsere Reise würde nur zur Hälfte ihren Zweck erfüllen, wenn wir nicht im stande wären, die gesammelten Seltenheiten zu konservieren.«
Holm zeigte den Knaben die merkwürdigen Greiffüße der Seeigel unter dem Mikroskop. Diese Füßchen gleichen kleinen, inwendig gezähnten Dreizacken und sitzen auf der kugelförmigen Oberfläche der Seeigel in großer Anzahl. Faßt nun ein solcher Greiffuß ein winzig kleines lebendes Wesen, so gibt er es seinem Kollegen, der es wieder weiter gibt, wie ein Eimer in der Kette der Löschmannschaften von Hand zu Hand geht, bis es von Fuß zu Fuß nach dem an der Unterseite des Tieres liegenden Mund gelangt, in den es als gute Beute spaziert. Man kennt von den Seeigeln über 200 lebende Arten und gegen 1500 Arten versteinerter aus früheren Perioden unserer Erde. Oft werden dieselben im Sande, namentlich aber in der Kreide gefunden.
Aus der großen Riesenmuschel, der Tridacee, wurde der weiche Körper ausgelöst, wie eine Auster aus ihrer Schale. Da sie fest und unzerbrechlich war, wurde sie im Raum der »Hammonia« festgestaut, wie jedes andere Kollo; ihretwegen brauchte sich niemand Sorge zu machen.
Siebentes Kapitel
Nach Ceylon. Im Urwalde. Die Elefantentränke. Der Überfall des Tigers. Die Tempelruinen. Das Dorf der Singhalesen. Die jungen Tiger und die Ziegenamme. Ratten und Schlangen. Singhalesischer Pfannkuchen. Das Diamantfeld.
Die Reise nach Ceylon wurde schnell und glücklich beendet; man fuhr am Hafen von Galle und an dem von Kolombo vorüber bis zur äußersten Nordspitze, die freilich nur eine Landung im Boot gestattete. Dafür versprach aber auch der gänzliche Mangel an Kultur und an irgend einem gebahnten Wege die beste Jagdbeute. Vor der Hand mußte man sich ohne Führer behelfen; die Küste war flach und stark mit Sandsteinstrecken versetzt, dazwischen aber lagen schöne, fruchtbare Täler und ragende Wälder, in denen Palmen von unglaublicher Höhe und zu vielen Tausenden alles andere gleichsam als nebensächlich erscheinen ließen. Stämme von dreißig bis vierzig Meter waren die unbedeutendsten und bildeten das, was in einem deutschen Walde Unterholz heißt, hier noch mit einer Fülle von Sträuchern und Ranken jeder Ausdehnung um den Platz streitend.
Da keine Pferde zu haben waren, marschierte der kleine Zug auf Schusters Rappen in die grüne Wildnis hinein. Jeder Mann hatte seine Wolldecke, seinen Leinensack mit Lebensmitteln, Korbflasche, Pulverhorn, Schrotbeutel und Messer bei sich, und war außerdem mit mancherlei Kleinigkeiten zum Verschenken, mit etwas Branntwein und ein paar kleinen Taschenpistolen, sowie mit Feuerzeug und Wachskerzen versehen. Der Doktor, Holm, zwei Matrosen, die Knaben und Rua-Roa bildeten einen wohlausgerüsteten Entdeckungszug. Sie wollten womöglich die Insel quer durchschneiden, zuerst das Tiefland kennen lernen und dann die Gebirgspartie. Etwa vier bis sechs Wochen waren für diese Reise in Aussicht genommen.
Schon gleich nachdem die ersten tausend Schritte zurückgelegt, entfaltete sich das bunteste, einheimische Tierleben. Auf den unscheinbaren Blüten der Zimtpflanze wiegten sich große, ganz weiße Schmetterlinge; Papageien und Nashornvögel bevölkerten das Dickicht, schlanke Genettkatzen glitten wie Schatten in einiger Entfernung vorüber, und Stachelschweine in beträchtlicher Anzahl lagen faul zusammengerollt unter Blumen. Es waren dies die echten, in Deutschland fehlenden mit den schöngefärbten, großen Stacheln, die auch in allen Häfen der Insel von den Eingebornen zum Verkauf ausgeboten werden; unsere Freunde töteten daher sogleich zwei der schönsten Exemplare, Um sich ihrer Stacheln zu bemächtigen; die Jagd nahm so recht frei und unbeschränkt wieder ihren Anfang; alle Herzen schlugen froher, die Gefahr schärfte alle Sinne und lockte mit geheimnisvollem Zauber.
Es ist äußerst angenehm, sich nach bestandenem Abenteuer schwelgend in Sicherheit und Fülle aller Naturreize ausruhen zu dürfen, aber dennoch hat auch der Kampf um neue Güter, neue Genüsse sein unendlich Verführerisches. Wer nichts einsetzt, der kennt auch nicht das Hochgefühl des Sieges, wer nicht mit Mühe errang, der erfährt nie die echte Freude des Besitzes. —
Auf jedem Schritt wurden Schätze entdeckt, und als man sich zum ersten, durch manche frischgepflückte Frucht noch verschönerten Mahl ins Grüne setzte, da schmeckte allen die gewohnte derbe Schiffskost wie etwas ausgesucht Feines. Würziger Hauch wehte über all diese Blütenpracht dahin, Vögel sangen in den Zweigen und große Käfer schlüpften durch das Gras. »Nur entsetzlich viel kriechende Tiere scheint es zu geben,« meinte Franz, » ich fühle das Krabbeln am ganzen Körper.«
»Ich auch!« rief der Doktor. »Aber merkwürdig, in der Luft fliegt nichts.«
»Die Bestien stechen!« mischten sich jetzt zugleich Holm und Hans in diese delikate Unterhaltung. »Ich glaube, auf meinem Rücken allein sitzt ein ganzes Schock.«
Rua-Roa griff unter die weiten Falten seiner Leinenjacke und brachte dann die fünf Finger ziemlich durchnäßt wieder hervor. »Blut!« sagte er voll Erstaunen.
Alle andern waren bereits beschäftigt, Stiefel und Röcke abzuwerfen; das Brennen in der Haut wurde unerträglich, das Krabbeln wie von tausend kleinen Füßchen reizte ärger als der stärkste Schmerz. Nachdem Franz die Schulter entblößt, zeigten sich nicht weniger als Hunderte von ganz dünnen, an Größe einer länglichen Wanze gleichenden, schwarzbraunen Würmern; alle diese häßlichen Geschöpfe hingen am Körper des Knaben wie – Blutegel! was sie tatsächlich auch waren. Sobald einer gewaltsam entfernt wurde, quoll das Blut aus der Wunde.
Holm lachte. »Rückwärts! Rückwärts, Don Rodrigo!« rief er lustig, »hier heißt es Fersengeld geben, hier hilft nur das Hasenpanier zum Siege. Nehmt alles, was wir besitzen, und laßt uns aus dem Gebiet der Sandegel so schnell als nur möglich dort hinab an das Ufer flüchten. Die schwarzen Gesellen leben, wo sie einmal sind, zu Myriaden, abschütteln kann man sie nicht.«
»Am besten ist es, wir baden uns,« rief Franz. »Das Brennen macht ganz ungeduldig.«
»Und wie die Dinger anschwellen! sie saugen uns leer, wenn wir es gestatten.«
Die ganze kleine Gesellschaft machte sich auf und trug Lebensmittel und Gepäck zum Flußufer, wo Holm den Boden, nachdem er ihn untersucht hatte, für frei erklärte. Und dann umspülte das frische Wasser die brennenden Hautwunden, während jedesmal drei von den Männern Wache hielten, und drei die festgeklammerten Egel zum Ertrinken zwangen. Das war ein Aderlaß in aller Form, sogar die Hemden mußten gewaschen und zum Trocknen auf die nächsten Büsche gehängt werden; dennoch erregte das kleine Abenteuer auch allgemeine Heiterkeit, es bildete den Anfang zu neuen Erlebnissen; daher mußte es mit in den Kauf genommen werden, wenn selbst ein wenig Blut geflossen war. An den Ufern zeigten sich scharenweise die schönen roten Flamingos; Hasen eilten mit den bekannten langen Sätzen über das Flachland dahin, weiße Kakadus wiegten sich auf den Palmen, überall lagen Kokosnüsse reif am Boden, Pfefferpflanzen kletterten von Stamm zu Stamm. Undurchdringliche Dickichte zwangen die Wanderer zum Umkehren. Hierher mochten nur selten Menschen gekommen sein, keine Spur eines Weges ließ sich erkennen, nichts deutete auf die Nähe einer Ansiedelung, mehr als einmal dagegen drang das ferne Brüllen des Tigers zu den Ohren der Weißen, oder stampfte im Galopp eine Büffelherde vorüber, aufgescheucht durch das Erscheinen menschlicher Wesen in ihren Weidegebieten, Hunderte an der Zahl, ziemlich klein und gedrungen, aber von wildem, bösartigem Aussehen. Die Jäger gingen solchen herankommenden Herden aus dem Wege, um nicht angegriffen zu werden; einen der Nachzügler aber schossen sie aus dem Hinterhalt und schnitten einen tüchtigen Braten ab, der abends am mitgebrachten Spieß geröstet werden sollte. An einer passenden Stelle, wo überhängende Zweige ein dichtes Dach bildeten, wo eine Quelle sprudelte und der Rücken durch eine Felswand gedeckt war, wurde Halt gemacht. Zelte von Leinen, bequem und ohne Regelmäßigkeit zwischen den Bäumen ausgespannt, ein von Kriechtieren gesäuberter Boden und ein paar Wolldecken gaben unter dem milden Himmel ein prächtiges Nachtlager, während vor den Zelten ein Feuer hell und behaglich aufloderte. Das Büffelfleisch wurde am Spieße gebraten, frische Früchte gepflückt und dann ein Nachtessen eingenommen, so köstlich wie nur Jäger im grünen Walde es kennen. Der Rücken war gedeckt, ein feindlicher Angriff nicht möglich, ohne im voraus bemerkt zu werden; das Wetter hatte sich von heißer Mittagsglut zu linder Wärme herabgestimmt, Mücken spielten in der klaren Luft, und auf den Zweigen saßen große, rote Papageien, die neugierig mit schiefgehaltenen Köpfen herabsahen. Jene große Gattung, deren Rücken in Purpur und Blau schimmert, wechselte mit dem schneeweißen Kakadu und dem kleineren, rosa überhauchten Verwandten; Gesellschaftsvögel flatterten dazwischen, und auch den schönen Nashornvogel von der Westküste Afrikas sahen die Reisenden hier wieder. Nur die Affen fehlten, und dadurch ging ein großer Teil der sonst gewohnten Unterhaltung verloren.
Franz und ein Matrose hatten den ersten Teil der Nachtwache übernommen, die anderen schliefen in den Zelten. Fast Tageshelle lag auf der Umgebung, in weitem Blau schimmerten die Sterne, lächelnd sah der Vollmond herab auf das farbenprangende Landschaftsbild; leise flüsternd unterhielten sich der Matrose und der Knabe von Hamburg, ihrer beiderseitigen Heimat, – da knisterte es seitwärts in den Zweigen, so daß die Aufmerksamkeit der jungen Leute erregt wurde. Was würden sie sehen? – Einen Tiger? – Wilde?
Aber nein. Es waren die zierlichen, schöngefleckten Axishirsche, welche hier in ganzen Trupps an die Quelle kamen, um zu trinken. Schlank wie Rehe, mit großen sprechenden Augen, das Geweih zurückgeworfen, zeigten sie sich dem überraschten Blick, ebensowenig furchtsam wie die Papageien, ebensowenig gewöhnt, Menschen in ihren Wäldern zu sehen wie diese. Fast bis auf sechs oder zehn Schritte kamen sie heran, kleine Kälbchen liefen neben den Müttern, ein Bock mit mächtigem Geweih schien der Anführer des Zuges zu sein.
»Wir wollen nicht schießen, Maat,« raunte Franz. »Fleisch für morgen ist ja noch genug vorhanden, – es wäre schade um die hübschen Tiere.«
»Hm, hm, junger Herr, da ist nur eins zu bedenken!«
»Und das wäre?« forschte der Knabe.
»Wenn nun diese Stelle hier am Wasser ein Trinkplatz ist? Wenn noch mehr und vielleicht nicht so harmlose Tiere herkämen?«
Noch während er sprach, erdröhnte von fern die Erde, als wenn eine reitende Batterie darüber hinwegeilte. Ein heller, trompetenartiger Ton klang durch die Luft, Zweige brachen und knackten, von der anderen Seite des schmalen Wasserarmes her kamen aus dem Walddunkel graue Riesengestalten hervor, ungeheure Kolosse trabten heran, dazwischen kleinere bis herab zu kaum dreitägigen und neugeborenen Rüsselträgern. Etwa dreißig Elefanten standen am Quell und löschten ihren Durst.
Die Axishirsche nahmen von dieser Nachbarschaft keinerlei Notiz, sie lagerten sich vielmehr in ungestörter Ruhe am Uferrand, die Jungen tranken nach Herzenslust an den Zitzen der Mütter, und die Alten benagten spielend, in der Fülle des Gebotenen schwelgend, die üppigen Grasspitzen ringsumher oder die blütenschweren Ranken, welche von den Bäumen herabhingen.
Franz kroch lautlos in das Zelt und weckte die anderen. Ein zugleich so friedliches und so großartiges Bild wurde dem Blick vielleicht nicht zum zweitenmale geboten, eine Herde von Elefanten sah man nicht alle Tage.
Rua-Roa schien bei dem Anblick der Kolosse im ersten Schrecken entfliehen zu wollen. Er ließ sich gar nicht überzeugen, daß die trompetenden Dickhäuter ohne Menschenfleisch zufrieden sein könnten, und etwas wie eine Erinnerung an Angatsch den Bösen und alle seine Tücke zog wieder durch das halbzivilisierte Gemüt. »Schieße nicht!« bat er beklommen, »schieße nicht. Wer weiß, was sie im Schilde führen?«
Holm lachte. »Hast du die Bilder von Elefanten, welche wir dir gezeigt, gänzlich wieder vergessen, Junge? Glaubst du, daß uns der Anblick dieser Tiere überrascht?«
Der Malagasche errötete. »Aber du könntest doch den großen Körper nicht fortbringen, Herr, auch wenn du ihn getötet hättest,« versetzte er ängstlich.
Holm schwankte. »Einen dieser prachtvollen Stoßzähne würde ich doch außerordentlich gern erbeuten! – was meinst du, Franz?« »Wir schleichen bis zu den drei Tamarindenstämmen, Karl, da! zu denen, die ganz dicht neben einander stehen,« flüsterte eiligst der Knabe. »Es kann uns in dies Versteck kein Elefant nachkommen, – die anderen mögen auf Bäume klettern.«
»Ich will mit Ihnen,« nickte der Matrose. »Ihr Gedanke ist gut.«
Als der Malagasche sah, daß keine Gegenrede den Jagdeifer der Weißen erschüttern konnte, nahm er schnell seine Kugelbüchse und kroch durch das Unterholz den Vorangegangenen nach, während der Doktor und Hans in einiger Entfernung Posto faßten, um nötigenfalls den wütenden Riesen von anderer Seite bekämpfen zu können. Der zweite Matrose blieb vor den Zelten im Anschlag liegen.
Die Axishirsche hatten ihre schönen, schlanken Köpfe gedreht und horchend einen Augenblick lang Miene gemacht zu entfliehen, dann aber, als sie niemand sahen, kehrte die frühere Ruhe zurück; ein leichter Wind strich spielend über ihre Stirnen dahin, sie schnupperten sorgfältig, – nichts Verdächtiges störte den Frieden ringsumher.
Holm und Franz drangen vor bis an die Gruppe von Arekapalmen und Tamarinden. Hier inmitten von wenigstens zehn Stämmen waren sie gegen den Zorn der Elefanten vollkommen geschützt.
Rua-Roa fühlte sich etwas beklommen; er tastete unruhig wie in halber Zerstreutheit an derjenigen Stelle seiner Brust, wo früher die schützenden Amulette zu hängen pflegten. Sein Blick durchdrang spähend die grünen, blütengeschmückten Umgebungen.
»Der da!« raunte Holm, »der große, rechts von den beiden Kälbern. Die Zähne sind wahre Prachtexemplare.«
Er legte an, schon zuckte der Finger zum Drücker des Gewehres, da berührte die Hand des Malagaschen seinen Arm. »Ein Kopf, Herr, ein gelbes Tier! – siehst du nicht dort die funkelnden Augen?«
Holm ließ das Gewehr sinken. »Gelb?« fragte er rasch, »wo denn? – Ach, bei Gott, ein Tiger!«
Gleich einem Blitz schoß die Raubkatze im Sprunge über das Gebüsch dahin. Wenigstens sechs Meter durchmaßen die geschmeidigen Glieder, der lange Schweif flog hinter ihm durch die Luft, ein mißtönendes Geschrei erschreckte die Tierwelt ringsumher. Gleich Schatten waren die Hirsche entflohen, kreischend und flatternd verbargen sich die Papageien im Gezweig. Der Tiger hatte ein junges Elefantenkalb zum Opfer ausersehen, sein plötzlicher Überfall warf das wehrlose Tier zu Boden, er biß mit den gewaltigen Zähnen in die Kehle des Halberstickten, jammervolles Klagegeschrei erfüllte die Luft, Ströme von Blut rannen über das Gras dahin.
Die alten Elefanten schienen indessen keineswegs gesonnen, den Räuber ihres Kleinen ungestraft entkommen zu lassen. Ihr Gebrüll widerhallte an den fernen Bergwänden, wütende Angriffe mit dem Rüssel hoben in diesem Augenblicke den Tiger hoch in die Luft empor, um ihn am Boden zu zerschmettern, im nächsten hatte er sich durch sein scharfes Gebiß befreit und hing jetzt als der Stärkere buchstäblich mit den Zähnen im Fleische eines Elefanten. Dieser ungleiche Kampf des Einen gegen so viele konnte indessen nicht von langer Dauer sein. Der Tiger wehrte sich wie ein Verzweifelter, auch sein Blut floß, die rote Zunge hing lechzend aus dem Rachen hervor, der Schweif peitschte den Boden, heiser und immer heiserer klang das wütende Gebrüll. Die Elefanten traten ihn, ihre Stoßzähne bohrten sich in seinen Leib, sie warfen ihn von einer Stelle zur anderen und wichen dann selbst schäumend vor Wut zurück, wenn ihre empfindlichen, weichen Rüssel die Kraft seiner Bisse fühlten.
Besonders den großen, alten Elefanten, ein Männchen mit gewaltigem Kopfe, hatte er bös zugerichtet. Der Koloß zeigte zerfetzte Ohren, aus dem Rüssel waren große Stücke Fleisch gerissen und an manchen Orten hing die Haut, von den Pranken der Raubkatze erfaßt, in Lappen herab. Das Tier brüllte vor Schmerz, die ganze mächtige Gestalt schwankte, der Kopf triefte von Blut, aber dafür wurde ihm auch die Genugtuung, seinen Feind jetzt völlig besiegt zu sehen. Der Tiger lag, zum formlosen Klumpen zertreten, unter den Füßen der grauen Kolosse; er atmete nicht mehr, das schöne Fell war bis zur Unkenntlichkeit besudelt und zerstampft, alle Rippen zerbrochen und der Kopf zerquetscht.
Neben seinen verstümmelten Überresten lagen die des getöteten Elefantenkalbes, und nach allem Toben, allem Kampf der letzten Viertelstunde war es traurig zu sehen, wie sich die Mutter des kleinen Geschöpfes bemühte, es wieder in das Leben zurückzurufen. Sie beroch und betrachtete es, versuchte mit dem Rüssel seinen Kopf aufzuheben und emporzuziehen. Als alles vergeblich war, stieß das Tier mit zurückgelegtem Kopfe ein erschütterndes Klagegeschrei in die Luft hinaus, so ganz anders wie das Wutgebrüll der Männchen, so trostlos und gramvoll, daß es die Herzen der zuhörenden Männer rührte. Diese beraubte Mutter schrie nach ihrem Kinde, alle verstanden den Ton, alle gönnten es dem Tiger, daß er für seine Untat bestraft morden war.
»Und doch hat auch er vielleicht Junge im Nest, denen er Futter zutragen wollte,« sagte endlich wie in Beantwortung seiner eigenen Gedanken der junge Gelehrte. »Krieg ist das Losungswort der Tierwelt, eine Gattung immer die Bekämpferin der anderen. – Jetzt aber wollen wir, als die vornehmsten, mit den stärksten Waffen versehenen Räuber, doch dem alten Herrn da den Garaus machen. Der Tiger hat uns bestens vorgearbeitet.«
Er zielte nochmals, und die schwere Kugel drang dem Elefanten in das Auge, um ihn auf der Stelle zu töten. Die Erde dröhnte, als er fiel.
»Ah! – die beiden Stoßzähne hätten wir sicher.«
Holm wollte sogleich aus dem Versteck hervortreten und sich seiner Beute bemächtigen, aber der Matrose warnte ihn vor der bekannten Hinterlist der Elefanten, weshalb er wartete, bis sich die großen Tiere, erschreckt durch mehrere ihnen zugesandte Schüsse, endlich entfernt hatten. Die Walstatt selbst bot einen furchtbaren Anblick. Überall war die Erde fußtief aufgewühlt, Lachen von gerinnendem Blut füllten die tieferen Stellen, Gebüsche und schwächere Baumstämme lagen zertreten, Ranken zerrissen und Blumen geknickt. Dazwischen die zermalmten Tierleichen, – so fanden Holm und Franz das Gesamtbild, als sie mit den anderen kamen, um die Stoßzähne des großen Elefanten herauszubrechen. Das Handbeil des Matrosen leistete dabei die besten Dienste, es gelang über alles Erwarten gut, und schon waren die Jäger im Begriff, den Rückweg zu ihren Zelten anzutreten, als von einiger Entfernung her ein leises Wimmern oder Pfeifen die nächtliche Stille durchdrang. Es hörte sich an, als weine ein kleines eigensinniges Kind, oder wie Katzengeschrei.
Alle horchten. Da klang es nochmals. Ein größeres Tier konnte es unmöglich sein.
Die ganze Gesellschaft ging dem Schall nach. Im Widerspruch mit den Gewohnheiten wilder Geschöpfe verstärkte sich bei dem Näherkommen der Männer das Wimmern, es tönte deutlicher und immer deutlicher, bis zuletzt Franz als der erste im Zuge seitwärts vom Wege ein Nest aus dürren Halmen entdeckte und darin zwei junge Tiger, die, kaum größer als Ratten, vielleicht erst seit dem gestrigen Tage lebten und sich ängstlich verkrochen, als der Knabe in ihren Schlupfwinkel sah. Bei der ersten Berührung versuchten die zahnlosen Mäulchen zu beißen.
»Richtig so wie ich mir dachte,« nickte Holm. »Die säugende Mutter hat es, vom Hunger getrieben, gewagt, das Elefantenkalb inmitten seiner Herde anzugreifen und ist dabei der Übermacht erlegen. Was fangen wir an mit diesen kleinen Schreihälsen?«
»Totschlagen!« entschied der Doktor. »Sie können dann keinesfalls mehr schaden.«
»Es ist auch barmherziger, sie auf einen Schlag zu töten als dem langsamen Verhungern auszusetzen,« meinte der gutmütige Hans.
»Ich will euch etwas sagen,« rief Franz. »Morgen müssen uns doch höchstwahrscheinlich Eingeborne begegnen, denen zeigen wir das Nest. Halberwachsene Tiger werden von den Hamburger und Londoner Tierhändlern bis zu tausend Talern bezahlt.«
»Topp!« versetzte Holm. »Das klingt vernünftig. Selbst zum Ausstopfen sind die Dinger noch zu klein, – wir können für unsere Zwecke nichts damit anfangen.«
Die Richtung und Entfernung von der Quelle wurde nun genau festgestellt, die Elefantenzähne wie Gewehre geschultert und der Rückweg angetreten. Holm und Rua-Roa bezogen die Wache, später von Hans und dem zweiten Matrosen abgelöst, und kein weiteres Ereignis störte den Schlaf, der bis zum hellen Morgen dauerte.
Der Rest des Büffelfleisches wurde gebraten, um zu jeder Zeit und an jedem Orte verzehrt werden zu können, die Zelte abgebrochen, und nun ging es weiter durch den Wald dahin; unermeßliche Strecken von Tiefland mit Kokosbäumen dicht besetzt, Hochebenen voll der schönsten Palmen, Kaffeefelder, Zimtfelder, Massen von Kardamomen, von Eben- und Sapanholz, ebenso wieder der Brotbaum, der Dschambu- und Kaschubaum, alles wechselte in erdrückender, sogar Afrikas Üppigkeit übertreffender Fülle. An einer Stelle mitten im dichten Walde, von tausend Ranken und blühenden Flechten überzogen, harrte der Reisenden ein unerwarteter Anblick. Neben und unter den schlanken Palmenstämmen erhoben sich die grünbewachsenen Ruinen einer ehemaligen Stadt, Steinmauern, deren letzte Bruchstücke hier dem Zahn der Zeit Trotz boten, die vielleicht vor vielen Jahrhunderten einer wohlhabenden und gebildeten Bevölkerung als Wohnsitz gedient hatten. Holm jubelte, obwohl dieser Fund weniger in das naturwissenschaftliche als vielmehr in das kulturhistorische Gebiet hineingehörte. Da waren uralte Treppenstufen aus Granit, gebrochene Säulen, Pfeiler, an denen selbst die Jahrhunderte mit ihren Stürmen und Regenfluten nicht zu rütteln vermocht hatten, und als die Reisenden weiter vordrangen, in der Mitte dieser versunkenen, uralten Stadt ein ausgemauerter Teich, oder doch die Steinfassung eines solchen, wenn auch das Wasser längst versiegt sein mochte. Über alle diese Zeugen einer toten, großartigen Vergangenheit aber wob die Gegenwart ihren grünen, blütengestickten Schleier. Wo einst ein Tempel gestanden, da sandte von tausend Ästen die Tamarinde ihre erquickende Frucht der Hand des Wanderers entgegen; wo sich müde Menschen zur Ruhe gebettet, da hob die schöne malabarische Ziege spähend vom Nest ihre Hörner, und unter den Stufen der gewundenen Treppen hausten Moschusratten, die bei der Annäherung von Fremden eilends in ihre Löcher schlüpften, deren zwei oder drei aber doch erlegt wurden, um sie den übrigen Schätzen dieser Reise zuzugesellen. Auch ein junger Bock mußte das Leben hingeben und gleich an Ort und Stelle als Braten dienen. Die Steinstufen boten einen vorzüglichen Herd, Feuer war bald entzündet, und in der Blechpfanne schmorte und brodelte es. Holm mit den Knaben suchte nach Früchten, wobei wieder eine neue Entdeckung gemacht wurde. Ein einsamer uralter Feigenbaum, der »Bo«, wie ihn die Eingebornen nennen, hoch und von mächtiger Breite, überschattete einen steinernen, nur noch als Ruine dastehenden Tempel der ehemaligen Buddhisten; seine Blätter waren gleich denen der Pappel in beständigem Zittern begriffen, eine Art von Altar befand sich im Innern, und das Ganze lag malerisch im Halbschatten verhüllt. Hoch oben sangen Vogelstimmen ein helles Jubellied, der Wind spielte in den Zweigen, die zutraulichen Ziegen weideten überall auf den Abhängen, und unten im Tale stieg der Rauch des Herdfeuers wirbelnd zu den Wolken empor.
»Hier haben vor tausend Jahren indische Weise gelehrt und geherrscht,« sagte beinahe feierlich der junge Naturforscher, »jeder dieser Steine gibt Zeugnis von einer großen, reichen Vergangenheit, – heute gehört das Gebiet den Raubtieren, und seine Einwohner sind Wilde.«
»Ob wir doch endlich welche sehen werden?« rief Franz.
Der Wunsch sollte sehr bald in Erfüllung gehen. Als die kleine Gruppe auf Steinblöcken und Stufen um das Feuer herum Platz genommen und den Braten zerlegt hatte, teilten sich plötzlich in einiger Entfernung die Büsche, und braungelbe hübsche Gesichter sahen hervor. Auf allen diesen Zügen lag Verstand und Gutmütigkeit zugleich, das Haar hing schwarz und seidenartig lang über die breiten, kräftigen Schultern herab, weiße Mützen saßen keck auf den Köpfen, und die Spitzen mehrerer Eisenwaffen schimmerten durch das Grün.
Im ersten Augenblick erschraken unsere Freunde oder faßten doch maschinenmäßig nach ihren Gewehren. Man konnte ja immerhin nicht im voraus wissen, wie die dunkeln Gestalten den Besuch aufnehmen würden. Holm erhob sich und ging ihnen entgegen, ebenso schnell und noch schneller tauchten die Wilden zurück in das Grün; erst als er einen lauten Zuruf in den Wald hineinschickte, erschienen hier und da einige der dunklen Gesichter und als auch die übrigen Weißen aufstanden und mit ausgestreckten Händen näher traten, da kamen die Gestalten ganz zum Vorschein. Weiße Mütze, Jacke und eine Art von kurzer Schürze, alles aus feinem, leichtem Gewebe gefertigt, so zeigten sich ohne die geringste Bekleidung der Beine oder Füße die Singhalesen, wenigstens sechzehn bis zwanzig an der Zahl, sämtlich bewaffnet, aber mit den friedlichsten Gebärden die Europäer begrüßend. Mehrere unter ihnen verstanden die englische Sprache, es ließ sich also ohne Mühe eine Unterhaltung anknüpfen, und bald hatten sich die Weißen und Braunen bunt durcheinander in das Moos gelagert; nur fünf von den Farbigen waren in einiger Entfernung stehen geblieben, als gehörten sie nicht zu den anderen.
»Rufe deine Freunde, Tippov,« wandte sich Holm an den Häuptling, nachdem er dessen Namen erfahren und seinen Rang kennen gelernt hatte. »Weshalb sind die Leute so scheu?«
Der Singhalese schüttelte den Kopf. »Diese Männer sind meine Sklaven, Sahib, sie dürfen nicht sitzen, so lange ich gegenwärtig bin, sie können auch das Mahl nicht mit mir teilen und dürfen nur antworten, wenn ich frage.«
Der Doktor näherte sich dem Häuptling. »Aber du gestattest heute einmal eine Ausnahme, nicht wahr, mein werter Tippov?« fragte er. »Diese Armen, die du Sklaven nennst, sind nicht minder Gottes Geschöpfe wie du selbst, überhaupt kann nie ein Mensch dem anderen wie eine Sache oder ein Tier gehören.«