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Kitabı oku: «Das Naturforscherschiff», sayfa 19

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Holm nickte stumm. Er hielt es für unnötig, jetzt dem braunen Halbwilden zu widersprechen, aber dennoch stand der Entschluß, das beabsichtigte Blutbad um jeden Preis zu hintertreiben, in ihm vollkommen fest. Das »Wie« mußte der Augenblick entscheiden.

Die Fackeln erloschen; im letzten Tagesschein wurde gegessen und getrunken und dann die Ruhe gesucht. Von den Negern war weit und breit keine Spur zu sehen.

Der Donner krachte, Blitze durchzuckten die dunkle Luft, ganze Fluten warmen Regens ergossen sich. Es hätte den unter dem natürlichen Wetterdach Gelagerten ganz behaglich zu Mute sein können, wäre nur nicht der Gedanke an die Schwarzen immer wieder als Störenfried in den Vordergrund getreten. Aber wer konnte denn behaupten, daß sie wirklich in der Nähe waren?

Eintönig rauschte es herab, und eintönig sang in den Laubkronen der Wind; man schloß die Augen, um sich vom Blitz nicht blenden zu lassen; man lebte seinen eigenen Gedanken und spann sich hinein in Traumfäden, die halb Wirklichkeit, halb Phantasiegebilde waren. Stunden vergingen, die Weißen schliefen, draußen am Eingang aber wachten und spähten die Singhalesen.

Tippoo war der Vorderste. Sein Gesicht lag auf dem Arm, er horchte! und als wieder der schwefelgelbe Schein aus den Wolken herabschoß, tauchte sein Blick bis tief in den gegenüberliegenden Waldesschatten. Nein, nein, er hat sich nicht geirrt, dort unter den Bäumen regten sich Hunderte von schwarzen Gliedern; es drang im Schutz der Dunkelheit langsam vor, – jetzt waren sie da, die Veddas, die Verhaßten.

Seine Hand glitt über die Gesichter der Weißen, seine Lippen berührten fast ihre Ohren. »Auf! auf! – Seid still, wenn euch euer Leben lieb ist!«

Holm hatte sich am schnellsten aufgerafft. »Häuptling,« sagte er, »bleib bei uns. Laß deine Leute die Schwarzen hierher locken und dann habe ich dir einen Vorschlag zu machen.«

»Welchen?« fragte hastig der Singhalese.

»Davon später,« entschied Holm. – »Ach, sie kommen!« Wie eine Herde brüllender Teufel stürzten sich die Schwarzen in den Felspfad, welcher zur Höhle führte. Während die bei weitem größere Hälfte der Singhalesen versteckt blieb, entfloh die kleinere auf des Häuptlings Anordnung in das Innere den Negern voran, so daß diese bei dem Schein des Blitzes die weißen Gestalten verschwinden sahen und ihnen mit dem Geheul des höchsten Triumphes nachsetzten. Sie wußten ja, wie sehr ihre Anzahl den Gegnern überlegen war.

Dunkle Massen wälzten sich bergauf, die Höhle konnte viele Hunderte von Menschen fassen; mehr und immer mehr nackte schwarze Körper drängten nach, nun mußten alle im Innern des Berges sein, sie schrieen und jauchzten, heulten und brüllten wie Wahnwitzige.

Jetzt glaubte ihr Unverstand die Singhalesen wehrlos und zitternd im finsteren Winkel zusammengepfropft, jetzt hielten sie sich für die Herren des Schlachtfeldes und begannen ihren Siegestanz, noch ehe ein Tropfen Blut geflossen war. Nahe vor dem Versteck der Weißen am Ausgang der Höhle trieben sie ihre unsinnigen Sprünge, kreischten und warfen die Arme in die Luft, hüpften wie Tollhäusler auf einem Beine hin und her. —

Holms Rechte legte sich mit festem Griff um den Arm des Häuptlings. »Tippoo,« sagte er leise, »willst du Geld verdienen? – viel Geld?«

Das Wort hatte für den schlauen Gelben einen wahren Zauberklang. »Womit?« fragte er kaum hörbar, atemlos vor Begier, »womit, Herr?«

»Indem du deinen Leuten befiehlst, sich einzeln, verstohlen aus dem Bereich dieser rasenden Teufel zu Weichen und uns in einiger Entfernung an einer bestimmten Stelle zu treffen, Häuptling. Wir fliehen voraus, – dann haben die Neger im Dunkel unsere Spur verloren. Ich will kein Blutvergießen, Tippoo, hörst du, ich will es nicht. Fünfhundert Rupien sind dein, wenn du tust, was ich verlange.«

Der Häuptling kämpfte einen schweren Kampf zwischen Ehrgeiz und Habsucht. Fünfhundert Rupien waren eine große Summe, aber dennoch, dennoch, – die Veddas besiegt zu haben, galt noch mehr.

»Herr,« ächzte er unschlüssig, »wenn uns die Schwarzen verfolgen und finden sollten, wäre der Ausgang unsicher, hier dagegen haben wir den Sieg in Händen.« Er sprach noch, als plötzlich bei dem Schein eines Blitzes ein völlig unerwarteter Anblick sich zeigte und der ganzen Sachlage ein verändertes Antlitz gab. Drinnen in der Schlucht tobte der Höllenlärm der siegestrunkenen Schar, und draußen vor derselben, den Versteckten so nahe als den Schwarzen, funkelten glühende Katzenaugen durch die Nacht, dehnten sich scheckige Glieder und lechzten blutrote Zungen. Zwei große Leoparden streiften mit ihrem heißen Atem die Stirnen der Weißen.

»Tippoo, ich beschwöre dich, gib nach! An diesen Wächtern vorüber können uns die Neger nicht schnell genug verfolgen.«

Der Singhalese schwankte nicht länger. Ein paar Worte, seinem nächsten Sklaven zugeraunt, genügten, diesen zu verständigen; der Mann verschwand schattengleich und ebenso schnell huschten die übrigen den Weg durch die Felsen voran in den Wald hinab. Zwei Minuten später hielt das Dunkel unter den Bäumen die ganze kleine Gesellschaft in seinem Schutz, während die Singhalesen, immer einer nach dem anderen, laufend folgten. Als der letzte zu den Seinigen gestoßen war, verwandelte sich da oben im Berge das satanische Triumphgeheul in die Laute des höchsten Erschreckens. Wahrscheinlich hatten die Leoparden einen plötzlichen Angriff ausgeführt.

Tippoo seufzte. »Schade,« sagte er, »schade, die Gelegenheit war so günstig.«

»Auf,« ermahnte Holm, »auf Häuptling, wir müssen eilen.«

Der ganze Zug setzte sich in Bewegung, erst langsam, des tiefen Dunkels wegen, dann, als dichte Gebüsche den Rückweg deckten, im Schein von dreißig Fackeln so schnell als nur möglich. Gegen Morgen war jede Gefahr, welche von seiten der Schwarzen gedroht hatte, geschwunden.

»Ich möchte ihr Erstaunen gesehen haben,« lachte Franz. »Wie sie wohl suchten und suchten und sich hundertmal an allen Felsecken stießen, gewiß glauben sie jetzt an Zauberei.«

»Natürlich. Da sie fast niemals Weiße sehen, halten sie dieselben ohnehin für Wesen, die mit den bösen Mächten in Verbindung stehen. Eins weiß ich gewiß, daß sie nämlich jetzt wie gehetzte Hasen in ihr Dorf zurückflüchten. Schade, schade, wir hätten einen ganzen Stamm ausrotten können.«

Holm lächelte und nickte mit den Augen dem Doktor, der eben seiner höchsten Entrüstung Worte geben wollte. »Du sollst es nicht bereuen, dich unseren Wünschen gefügt zu haben, Häuptling,« sagte er, »wir werden dir den versprochenen Lohn unverkürzt auszahlen und außerdem auch noch einen anderweitigen für deinen Geldbeutel sehr ersprießlichen Vorschlag machen. Freilich im Augenblick ist uns nichts so nötig als Schlaf.«

Das erkannten alle, und im Schatten hoher Tamarinden und Arekapalmen, eingesungen vom Chor der buntgefiederten Waldbewohner, schlummerten sie diesmal dem Sonnenaufgang entgegen, obwohl freilich aus den regenschweren Zweigen bei jedem Windstoß ganze Schauer von Tropfen herabrauschten und stellenweise alle Kleider durchnäßten. Das konnte nicht nachteilig sein, Luft und Wasser waren warm, der Wind schaukelte die Hängematten wie auf hoher See, die Gefahr lag hinter den kecken Abenteurern, – sie schliefen bis Mittag, während die Singhalesen längst ein Feuer mit vieler Mühe entzündet hatten und daran ihre durchnäßten Kleider trockneten.

Nach einem erfrischenden Bade wurde die Reise fortgesetzt und das Dorf auf den Bäumen in einigen Tagen glücklich wieder erreicht. Hier kam nun Holms Vorschlag zur Sprache. Er wollte die beiden Matrosen, welche unterdessen eine wahre Küchenrevolution unter den Frauen veranlaßt hatten, in Begleitung einiger Sklaven zum Schiff zurückschicken und den Kapitän auffordern, ohne seine flüchtigen Passagiere nach dem Hafen von Galle zu steuern und dieselben erst da wieder an Bord zu nehmen. »Du, Freund Tippoo,« setzte er hinzu, »bringst uns mit einem guten Gefolge nach diesem Hafenplatz und bekommst dort dein Geld. Ich möchte einmal mit eigenen Augen sehen, wie sich auf einer und derselben Insel Schritt um Schritt die tiefste Vertiertheit des Menschengeschlechts in europäische Kultur verwandelt. Bist du einverstanden, Tippoo?«

Der Singhalese nickte, und so machten sich denn die beiden Teerjacken in Begleitung mehrerer Sklaven, schmerzlich betrauert von der weiblichen Bewohnerschaft des Dorfes, an einem schönen Morgen auf den Weg, während die Herren mit dem Häuptling und einer Schar dienstbarer Geister den Marsch in der Richtung auf Galle antraten. Madame Tippoo und ihre Kleinen hatten reichliche Geschenke erhalten; von dem ganzen sauberen, gastlichen Dorfe ward ein freundschaftlicher Abschied genommen, und sowohl Schakale als auch die jungen, inzwischen tüchtig herangewachsenen Tiger und ein wildes Pfauenpärchen in Käfigen von Bambusgeflecht den Sklaven auf den Rücken geschnallt. Allen denen übrigens, die den Zug zu den Veddas mitgemacht, verabreichten Holm und der Doktor ein anständiges Geschenk, – Tippoo erlaubte gnädigst, daß sie es annehmen durften.

Und so wurde von Dorf zu Dorf der Weg durch das paradiesisch schöne Land zurückgelegt; erst einzeln, dann immer zahlreicher erhoben sich aus dem Grün der Wälder die stattlichen Kaffee- und Zimtpflanzungen; es erschienen Wirtshäuser, europäische Speisen, weiße Menschen und endlich zwischen Kolombo und Galle schaukelnd im gemächlichen Trott des Viergespanns ein Omnibus. Die Knaben wollten sich bei diesem Anblick ausschütten vor Lachen. Da wo sie noch so kürzlich mit Tigern und wilden Menschen gekämpft, ein Omnibus wie auf dem Pflaster von Hamburg! – Sie rasteten nicht, bis das Gefährt in Beschlag genommen war, und bis Weiße und Wilde, Raubtiere und kreischende Pfauen sehr zum Erstaunen der Bewohner von Galle auf dem Vierspänner dahergerasselt kamen.

Vorüber an Häusern ohne Fensterscheiben und feste Dächer, vorüber an Menschen von allen Farben, Negern, Chinesen, Weißen, Indoarabern, Malabaren und Singhalesen, bis hinaus zum Hafen. Da lag schon die »Hammonia« vor Anker, da begrüßte Papa Witt mit ein paar tüchtigen Böllerschüssen die Ausreißer, da fanden sich Briefe von Hamburg und da dehnte man so recht nach Herzenslust die Glieder in bequemen Betten wieder aus.

Tippoo wurde von dem Kapitän mit allen Ehren empfangen. Man gab ihm auf dem Schiffe ein Gastmahl, an dem die Offiziere aller im Hafen liegenden hamburgischen Fahrzeuge teilnahmen. Er aß auch bei dieser Gelegenheit keinen Braten und trank keinen Wein, aber man sah, wie sich sein Häuptlingsstolz geschmeichelt fühlte, wie er erhobenen Hauptes durch die Straßen ging, als wolle er sagen: »Seht, ich bin der, dem zu Ehren die Weißen ein rauschendes Fest veranstalteten.«

Nach einem herzlichen, beinahe innigen Abschied von dem Manne, der auf einem Baum wie ein Vogel wohnte, der ein Wilder war und doch ein so redliches, ehrenhaftes Herz besaß, nachdem Tiere und Briefe mit dem Postdampfer abgesandt und die Haufen von Blumen, Pflanzen, Insekten und Strandgeschöpfen, welche man gesammelt, erst vorläufig untergebracht waren, lichtete das Schiff die Anker und steuerte den Sundainseln zu.

Neuntes Kapitel

Nach Java. Das Totental. Die Flammen des Moro Avi. Der Gewittersturm. Die Höhle des Verrats. Das Tigerpaar. Wieder unter Menschen. Der Feuer- und Schlammberg. Zurück zur »Hammonia«. Die Strafe der Gelben.

»Kapitän,« meinte Holm eines Morgens, während der Dampfer den Sundainseln zusteuerte, »Kapitän, ich hätte Ihnen einen Vorschlag zu machen.«

»So lassen Sie hören, mein Bester.«

»Ich möchte, ehe wir später nach Australien gehen, noch – bis zur südlichen Barriere vordringen.«

»Daß dich!« rief voll Erstaunen der Alte. »Weiter nichts?«

»Nein Kapitän, weiter nichts. Das Geheimnis des Südpols mag immerhin noch unentdeckt bleiben, aber bis an das Packeis wollte ich doch gern kommen. Wir brauchen auch die Tiefseegeschöpfe der kalten Regionen, wir möchten Walfische und Robben, Eisberge und die Brandung der unzugänglichen Macdonaldinseln kennen lernen. Ein paar Monate werden es ja tun.«

»Gewiß,« nickte der Kapitän. »Kleine tausend Meilen, was will das sagen?«

Alles lachte. Daß sich aber der gutmütige Führer dieser Expedition nicht sträuben würde, die allen Seeleuten so außerordentlich unliebsame Tour nach dem Südpolarkreise wirklich zu unternehmen, wußten sie trotzdem. Die Knaben entwarfen bereits lange Listen solcher Gegenstände, welche für die Tage des Frostes und Schneefalles unerläßlich waren, nämlich große Mäntel aus Schaffellen, Pelzstiefel und Pelzmützen, Fußdecken und ein Käfig für die beiden Affen, denen das Spiel im Tauwerk doch leicht zu ungemütlich werden könnte. Das alles sollte in der nächsten Hafenstadt gekauft werden, ebenso Harpunen und solche Vorräte, die durch außerordentlich hohe Kältegrade nicht leiden. »Es muß köstlich sein, einmal wieder nach Herzenslust zu frieren,« meinte Franz. »Wenn ich Schnee fallen sehe, dann – könnte es mich überrumpeln wie Heimweh.«

»Nicht wahr, zu Hause ist‘s doch am besten?«

»Möchtest du denn immer auf Reisen bleiben, immer fremd am fremden Orte, ohne eine Heimstätte, die dir gehört, Karl?« »Gewiß nicht, mein lieber Junge. Andere Gegenden haben vielleicht hohe Reize, aber die Heimat hat doch den höchsten. Für den Grönländer sowohl wie für den Tropenbewohner.«

»Ob man sich aber nicht wieder hinaus sehnen wird in die bunte Ferne, Karl, ob man, nachdem an Auge und Geist die Schönheit aller Länder vorübergezogen, noch wieder ruhig in Hamburg im engen Kontor sitzen und – Profit und Schaden gegen einander abwägen kann?«

Holm lächelte. »Ich hoffe es,« antwortete er nur.

Damit war die Unterhaltung beendet, namentlich weil man mit dem Schleppnetz fischen und die Tiefe untersuchen wollte. Was an bereits eingefangenen Krebsen und genießbaren Flossenträgern mit herauf kam, das wanderte in die Küche, alles andere dagegen wurde präpariert und verpackt, die Würmer, Schnecken, Quallen und die hübschen Anemonen, ebenso einige seltene Fische und einmal sogar eine kleine Wasserschildkröte, deren Art Holm völlig unbekannt war.

So zog die »Hammonia« wochenlang durch den blauen Indischen Ozean dahin, erst südlich von Sumatra, dann längs der Küste von Java nach Norden.

Als der Hafen von Surabaja nach glücklicher Fahrt erreicht war, wurden Pferde gemietet und unter Begleitung von Malaien die neue Reise angetreten. Da hier die Eingebornen an den Verkehr mit Europäern vollständig gewöhnt und nirgends mehr wild waren, so gestaltete sich alles leichter, obwohl freilich Kapitän und Steuermann den Ausziehenden rieten, vor dem treulosen, hinterlistigen Charakter der Malaien auf ihrer Hut zu sein. »Sie sind sämtlich falsch wie Galgenholz, die gelben Kerle,« sagte Papa Witt. »Ihren Profit kennen sie wie Juden, und Gewissen haben sie nicht mehr, als ein schlitzäugiger Chinese, – nun hüten Sie sich vor Schaden.«

Die Summe, welche der Anführer der kleinen Schar als Bezahlung empfangen sollte, wurde verabredet, ein Teil davon als Handgeld gegeben, und dann begann der Ritt durch weite Ebenen, in denen Reis, Mais, Indigo, Tabak und Baumwolle üppig gediehen. Alle diese Felder waren nett und sauber gehalten, die Wege gut im Stande, künstliche Kanäle hindurchgeleitet und von wilden Tieren keine Spur zu erblicken. Am interessantesten erschienen die Wohnhäuser der Malaien. Rund wie Bienenkörbe aus Bambus und einer anderthalb Meter langen Grasart, Alang-Alang genannt, künstlich geflochten, standen sie auf Pfählen 1¾ Meter hoch über dem Erdboden und waren ganz regelrecht von Zimmerleuten erbaut. Die Pfähle steckten in einer Entfernung von 1½ Meter im Boden und bildeten einen Kreis im Durchmesser von 10 Meter, während die Wand selbst vielleicht 3 Meter Höhe hatte. Das Dach wurde von drei Balken getragen und zeigte einen hübschen, wie eine Veranda gestalteten Vorbau, in dem jedesmal mehrere Vogelkäfige hingen, sowie ein eng bevölkerter Bienenkorb, dessen stachellose Insassen die Javanesen mit Wachs und Honig versorgen. Den Fußboden dieser nur für Verheiratete gebräuchlichen Wohnungen fanden die Reisenden in Ermangelung von Betten auf eigentümliche Art hergestellt. Zuerst grobe Feldsteine auf starken Bambusstäben, dann feinere Steine, endlich Kies und ganz oben gespaltene Bambusstäbe, die ihre platte Seite nach außen kehrten. Der Fußboden war also dicht und bequem, viel besser als ihn unsere Freunde irgendwo in den Dörfern der Eingebornen auf Ceylon bemerkt; auch befand sich des häufigen Regens wegen die Feuerstelle inmitten jeder Wohnung. Für Unverheiratete war ein größeres derartiges Haus, abgesondert von den übrigen, hergestellt.

Alle diese kleinen, gelben, beweglichen Menschen mit wenig schönen Gesichtern und struppigem, grobem Haar, schienen sorglos in den Tag hinein zu leben, ihre Arbeiten möglichst oberflächlich und träge zu bewerkstelligen und den Besuch der Fremden in ihren Dörfern sehr gern zu sehen. Von der zurückhaltenden Würde der Singhalesen, von ihrem religiösen Gefühl und ihrem Stolz war nichts zu entdecken, vielmehr boten alle, selbst die Kinder, den Weißen dieses oder jenes zum Kauf an, umdrängten sie und ließen nicht ab, bis ihr Besuch im Schauspielhause für denselben Abend zugesagt war. Die jungen Leute trauten ihren Ohren kaum. Ein Schauspiel unter den Wilden auf Java! Das übertraf allerdings die kühnsten Erwartungen. Mit gespanntem Interesse nahmen alle ihre Plätze in der großen, leicht und luftig erbauten, für die Wandertruppe auf dem Dorfmarkt errichteten Bude: die seltenen Gäste bezahlten hier zwar ihre Plätze verhältnismäßig höher als im teuersten europäischen Opernhause, aber dafür bot sich auch etwas nie Gesehenes, wobei nur die Gehörsnerven empfindlich litten. Die Musik war nämlich nichts mehr und nichts weniger als ein Höllenlärm, wobei der Gamelang (ein Glockenspiel) noch außerdem durch die beständige Wiederholung desselben Tones wahrhaft betäubend wirkte. Als das Schauspiel begann, jubelten und lachten, schrieen und jauchzten alle Zuschauer laut durch einander, so daß aus den Tönen rings umher ein Gewirr, Tosen und Brausen entstand, in dem jede Einzelheit verloren ging. Freilich hätten die Europäer ohnehin dem Gange des Stückes nicht folgen können, da ihnen das Verständnis der javanischen Sprache gänzlich fehlte, aber dennoch gehörte eine tüchtige Gesundheit dazu, um dies »Vergnügen« ohne Schaden zu ertragen. Der Doktor klopfte auf Holms Schulter, seine Bewegungen sagten deutlich: »Ich bin einem Schlaganfalle nahe, lassen Sie mich hinaus!« und Holm telegraphierte zurück: »Gehen Sie allein! ich stehe in der Brandung und werde aushalten.«

Dann verschwand der alte Herr, die Knaben stimmten mit der ganzen Heiterkeit ihres glücklichen Alters in den Jubel und Trubel mit ein, nur Rua-Roas Gesicht wurde länger und immer länger. Er begriff nicht, was da vorging, er hielt die Szene für Wirklichkeit und wollte durchaus einem von Panthern und Tigern verfolgten Eingebornen zu Hilfe eilen, was natürlich den Frohsinn der übrigen nicht weniger steigerte. Auf der Bühne wurde indessen der Spektakel immer ärger. Ein Held im vollsten einheimischen Putz, klirrend von Blech, Messing, Perlen und Schnallen, bunt von Malerei, mit grimmigen Gebärden und laut brüllendem Tone, besiegte alle möglichen Ungeheuer, während ein zitterndes, flüchtendes Mädchen bald auf die Kniee fiel, bald sang und einen sonderbaren Tanz vollführte; andere Gestalten flogen dazwischen, ein Zweikampf fand statt, wobei der Besiegte in wirklicher Wirklichkeit durchgebläuet wurde, und zuletzt schloß das Ganze mit einem Tanz, bei welchem die Schauspieler jeder nach seinem Belieben ohne Takt oder Ordnung nur wilde Sprünge und Lärm vollführten.

Als sich unsere Freunde draußen wiedersahen, als ihnen vom Lagerplatz her der Doktor mit teilnehmendem Gesicht entgegenkam, da lachten alle, daß ihnen die Seiten weh taten. Einmal in einem Javanesentheater und nie wieder! Sie hatten sämtlich das Gefühl, als stehe eine Mühle, deren Rauschen und Dröhnen bis dahin ihre Nerven betäubt, jetzt plötzlich still.

»Kinder, genießt erst ein wenig,« ermahnte der alte Herr, »die Nüchternheit der landesüblichen Speisen wird euer Blut bestens abkühlen. Reis ohne Fett oder Gewürz und ein trockener Fisch, das ist alles, was sich auftreiben ließ.«

Man erstand gegen teuren Preis von den Eingebornen dazu einige Kokosnüsse, und dann nach beendetem Mahle wurde die Nachtruhe gesucht. Franz und Holm lagen in der Nähe der offenen Tür auf ihrem Mattenlager, als plötzlich der Knabe die Schulter seines Lehrers berührte. »Du, Karl, ich bitte dich, hier fliegt alles, was anderswo auf vier Beinen läuft. Sieh doch einmal dorthin, ein Hund – große Frösche, alles segelt durch die Luft.«

Die beiden jungen Leute sahen vor ihren Augen ein Bild sich entrollen, das allerdings seltsam genug war. An den Zweigen hingen Tiere von nicht völlig einem halben Meter Länge und mit dunkelbraunem, dicht behaartem Körper, der in eine vollständige Hundeschnauze auslief. Hundeohren, Hundestirn und große gutmütige Hundeaugen, alles vereinte sich, um die Täuschung zu vollenden; erst der schwarze mantelartige Hutschirm über dem ganzen Körper, die Flugbreite von wenigstens 1¾ Meter verrieten die Fledermaus, deren riesigstes Exemplar, der Kalong oder fliegende Hund, hier massenhaft vorkam. Rechts und links schossen die großen Tiere durch die Luft, an allen Fruchtbäumen in den Gärten hingen ihre langen Krallen; kein Zweig, keine Sorte blieb unbenascht. Die sonderbaren Tiere mußten sehr friedlicher, zahmer Natur sein, da sie sich so in die unmittelbare Nähe der menschlichen Wohnungen wagten.

»Ob ich schieße?« zögerte Holm. »Haben möchte ich ein solches Exemplar um jeden Preis, aber man weiß nicht, wie die Sache aufgenommen wird.«

»Hm, – im Freien darf man am Ende doch schießen.«

Nach kurzem Besinnen kletterte der junge Gelehrte zur Tür hinaus und wollte eben hinter einer Palme Posto fassen, als, wie aus dem Boden gewachsen, mehrere Eingeborne vor ihm standen. »Was wünschest du, Herr?« hieß es.

Holm blieb ganz gelassen. »Einen Kalong zu schießen,« versetzte er. »Weiter nichts.«

»Dann lege dich nur ruhig wieder schlafen, Herr. In allen Hütten leben zahme Kalongs, du kannst sie kaufen.«

»Desto besser. Gute Nacht, mein Freund!«

Und Holm schwang sich in die treppenlose Tür wieder hinein. »Siehst du,« raunte er, »wir werden bewacht. Umsonst gibt es hier nichts, auch keine Jagdfreiheit, wie mir scheint; die Eingebornen betrachten uns wie ihre gute Beute.«

Er legte sich wieder hin, heimlich geärgert von den vielen, die Fruchtbäume nach Herzenslust plündernden Kalongs, die er nicht schießen durfte; endlich aber lachte er doch mit dem Knaben und zwar über die großen Frösche, welche zahlreich unter den Bäumen einher flogen. Zwischen den Zehen befand sich eine Haut, und der ganze Körper war zur dreifachen Größe aufgebläht; unten gelb, oben grün mit schwarzen Schwimmhäuten, segelte das unförmliche Geschöpf wie ein Pfeil durch die Luft, während eine kleine Eichhörnchenart lustig von einem Baume zum anderen hüpfte und sich die Nüsse schmecken ließ. Kleinere Fledermäuse schwirrten zu Tausenden umher.

Allmählich kam der Schlaf und verwischte im bunten Durcheinander des Traums die verschiedenen wechselnden Bilder dieses Tages; es ruhte sich bequem auf den weichen Matten, und unsere Freunde erwachten erst wieder, als die Sonne hoch am Himmel stand.

Jetzt überzeugte sich Holm von dem Vorhandensein zahlreicher gezähmter Kalongs; er kaufte daher vorerst noch keinen derselben, sondern beschloß diesen Handel bis zum Rückwege hinauszuschieben. Es galt heute, eine der Gifthöhlen Javas zu besehen. Während des ganzen Tages ritten die Weißen mit ihren Begleitern über schattenlose, meilenweit gedehnte Grasflächen, auf welchen ihnen Spuren von Rhinozerossen, Hirschen und Wildschweinen begegneten; dann kam eine dürre, felsige Gegend; himmelhohe Abhänge, grünbewachsene, von den wundervollsten, farbenprächtigsten Vögeln belebt, erhoben sich zu beiden Seiten des steinigen, abschüssigen Weges; Papageien, Pfauen, Turteltauben, der wilde Hahn, der Ziegenmelker, der Reisdieb, der Manuk Kasu, ein entzückend singender, kleiner Vogel, und endlich die Schwalbe, welche jene berühmten eßbaren Nester baut, alle flatterten und flogen, hüpften und standen unter den schönbelaubten Bäumen verschiedenster Art, inmitten zahlloser blühender Orchideen und anderer wuchernder Zierpflanzen. Die Krone von allen aber bildete der Königsparadiesvogel. Sechs Zoll lang, mit tiefpurpurnem Gefieder, einem breiten, grüngoldenen Querband auf den Flügeln, grünen Seiten, grüner Brustbinde und weißem Bauche, erschien er den Reisenden einigemale auf flüchtige Sekunden und in ziemlicher Entfernung, dann war er davongeflogen, ehe noch ein Schuß ihn ereilen konnte. Das Gefieder blitzte im Sonnenlichte wie mit Edelsteinen übersäet; besonders die spiralförmig gewundene Schwanzfeder war von überraschender Schönheit.

»Der Manukodiata,« sagten die Eingebornen, deren Pfeile ebenso rasch und ebenso vergeblich angelegt wurden, wie die Gewehre der Weißen, »seine Federn machen hieb- und schußfest in allen Schlachten.«

Dadurch war denn das seltene Erscheinen des Vogels genügend erklärt. Wenn ihn die Eingebornen als Federbusch auf dem Kopfe tragen, so mußte wohl seine Ausrottung schnell genug von statten gehen. Die unschönen Weibchen zeigten sich häufiger. – Noch mehrere andere Spielarten derselben Gattung wurden wahrgenommen: der rote und der stolze Paradiesvogel, aber keine war zu erlangen; ebenso Schmetterlinge vom schönsten, prächtigsten Farbenspiel und der karmoisinrote Pirol. Weiterhin durch die Ebenen jagten stampfend Herden von wilden Stieren, hoch hinauf in das ewige Blau ragten die Felsgipfel und südlich kosende, von Blumendüften erfüllte Luft fächelte die Stirnen. Es war eine Erholung für alle Sinne, nach dem meilenweiten Ritt durch das Alanggras, jetzt in dieser wundervollen Umgebung Auge und Ohr schwelgen, die angespannten Kräfte träge ruhen zu lassen. Bisweilen wurde der Weg zwischen den hohen, oft von Staubbächen überrieselten Gebirgswänden so eng, daß die Pferde eins hinter dem andern gehen mußten; weicher Halbschatten, linde, wohltuende Dämmerung lag dann auf der blühenden Landschaft. Häufig fanden sie an den Zweigen der Büsche jene seltsam gestaltete Gespenstschrecke, welche die dornfüßige genannt wird, und deren Vorkommen bis jetzt nur auf Java beobachtet wurde. Das mit stummelhaften Flügeln ausgerüstete Weibchen derselben wird bei einem Leibesdurchmesser von etwa einem Zentimeter gegen zweiunddreißig Zentimeter lang und besitzt eine braungraue Farbe. Den Kopf kann dieses Tier in eine tiefe Ausbeugung der vorgestreckten Vorderbeine legen und sieht dann in der Nähe einem dürren Aste zum Verwechseln ähnlich. Diese Ähnlichkeit des Tieres mit dem Orte, an welchem es sich aufzuhalten pflegt, findet sich bei den Kerbtieren nicht selten und ist als ein Schutzmittel zu betrachten, das die Natur auch diesen ihren Kindern verliehen hat, um sie vor den Augen der Feinde zu verbergen. Bei Nacht verzehren sie die Blätter des Unterholzes, bei Tage dagegen ruhen sie von ihrer nächtlichen Arbeit aus und können nur dann leicht erkannt werden, wenn sie vorwärts kriechen. Man hat die Gespenstschrecken auch wandernde Äste genannt. Holm war erfreut, diese seltene und seltsame Art vorzufinden, und da sich günstige Gelegenheit bot, wurden viele Exemplare derselben gesammelt, um teils trocken aufgespießt und mit Tabaksaft vergiftet, teils in Spiritus aufbewahrt zu werden. Die Vogelwelt war auf das reichste vertreten. Goldglänzende Pfauen schlugen ihr Rad, vom Nest lockte das Turteltäubchen und auf blumengeschmückten Ranken wiegte sich die buntgefiederte Schar. Ein kleiner, scheuer Hirsch, der Kantschil, erschien auf unnahbarer schwindelnder Klippe; ein Affe lugte aus verborgenem Schlupfwinkel hervor; vom Baume warf mit wütenden Gebärden der graue Manjet-Affe die reifen Früchte den Vorüberreitenden nach, und aus dem Felsspalt zischte die pantherartig gefleckte, wilde Katze. Überall reges Leben der Wildnis, überall Tiere und der Krieg des einen Geschöpfes gegen das andere; hier Termiten, die geschäftig bauten, dort das Schuppentier, welches die eben fertigen Wohnungen zerstörte und die kleinen braunrändigen Baumeister zu Hunderten verspeiste; dazu auf allen Bäumen, in allen Höhlen und Spalten Fledermäuse ohne Zahl. Der Blick irrte von Schönheit zu Schönheit, von Reiz zu Reiz, hier lagen ganze Beete blühender Orchideen, dort brauste ein Gebirgsbach durch die Schlucht; hier senkte sich das Tal zur tiefen dunklen Mulde, dort führte der Weg über zackige, scharf am Abgrunde dahingleitende Bahnen.

Hinauf, immer weiter hinauf in den rauschenden Hochwald, stundenweit empor, bis die Nacht kam und zum Ausruhen zwang. Affen in ganzen Scharen bevölkerten die Bäume, Stier und Nashorn brüllten in den Ebenen, Schlangen krochen durch das Gras, neugierige Eidechsen wagten sich ganz in die Nähe des Lagers, und schöne Stachelschweine wurden ohne viele Mühe eingefangen. Am nächsten Morgen ging es weiter, immer bergan, bis allmählich die Landschaft ihren Blütenglanz und ihr Tierleben verlor. Große Adler traten an Stelle der Pfauen und des Pirol, Bergziegen weideten das spärlicher gewordene Grün, und einmal erhob sich aus dem Gestrüpp fast vor den Füßen der Pferde ein großer Königstiger. Noch ehe einer der Männer schießen konnte, war er mit ungeheurem Satz hinter den nächsten Gebüschen verschwunden; nur sein wütendes Brüllen schallte über die Umgebung dahin. Ein einzelner Mann, selbst zu Pferde, wäre von der gereizten Bestie in Stücke zerrissen worden; der größeren Anzahl gegenüber wagte sie keinen Angriff.

Einer der Führer deutete hinauf in die Luft, wo sich auf halber Höhe des Berges eine Art Lücke, eine Unterbrechung der glatten Wand zeigt. »Das ist Pakaraman, das Totental!« sagte er feierlich.

»Da oben auf der Höhe?«

»Ja. In einer Stunde werden wir dort sein. Gefahr ist um diese Zeit nicht dabei.«

»Wie kommt es,« sagte Franz, »daß das Totental nicht immer seine tödliche Wirkung auf die Besucher ausübt?«

»Dieses Tal,« antwortete Holm, »liegt in unmittelbarer Nähe von Vulkanen, und in demselben sammelt sich von Zeit zu Zeit Kohlensäure an, welche von vielen Vulkanen fast ununterbrochen ausgehaucht wird. Diese Kohlensäure – ihr kennt sie alle als das perlende Gas, welches in dem bekannten Selterswasser enthalten ist – wirkt eingeatmet auf die Lungen als tödliches Gift. Wenn nun kein Luftzug sich regt und die vulkanischen Ausdünstungen sehr heftig sind, so sammelt sich im Grunde der trichterförmigen Schlucht so viel Kohlensäure an, daß der Besuch derselben gefährlich wird. Wenn dagegen die Ausströmung des Gases sich vermindert und ein starker Wind in die Schlucht dringt, so kann dieselbe ohne schlimme Folgen betreten werden. Übrigens,« fuhr er fort, »gibt es auch in Europa eine Grotte, deren Boden etwa ein bis zwei Fuß hoch mit Kohlensäure bedeckt ist, die, weil ihr spezifisches Gewicht das der atmosphärischen Luft an Schwere übertrifft, sich nur unten aufhält.«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
670 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain