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Kitabı oku: «Das Naturforscherschiff», sayfa 24

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Elftes Kapitel

Die Nacht bei den Dajaks. Die Schädeltrophäen. Totenfeier. Blutrache. Das Ende der Führer.

Nach einigen Tagen kam das erste Dajaksdorf den Reisenden zu Gesicht. Bassar und Torio versicherten, daß die Kopfjäger niemals Europäer angreifen, sondern immer nur Malaien; unsere Freunde hatten dasselbe auch schon in der Stadt gehört, und so fanden sie denn keinen Grund, den übereinstimmenden Berichten aller hier ansässigen Leute zu mißtrauen, vielmehr folgten sie ohne Bedenken den Führern in das Tal, wo der räuberische Stamm wohnte. Das ganze Dorf der Dajaks bestand aus einem einzigen, etwa zweihundert Meter langen und vierzig Meter breiten Bambusschuppen mit einem spitz zulaufenden Dach aus Palmenblättern. Dieser Bau wurde getragen von fünf Meter hohen Stämmen und hatte überall Strickleitern, die man des Nachts heraufzog; er stand so hoch über dem Erdboden, daß ein beladener Wagen darunter hätte hinwegfahren können. Fenster und Türen fehlten gänzlich, dafür flatterten überall hübsche Matten, und aus den offenen Löchern sahen braune, neugierige Gesichter hervor. Die meisten dieser Leute mochten nie in ihrem Leben weiße Menschen gesehen haben, andere dagegen gaben in ihrer Sprache Erklärungen; sie gestikulierten äußerst lebhaft und kamen in Sprüngen die Leitern herunter, nicht selten, um mit scheuen Fingern die Fremdlinge zu betasten und durcheinander zu schnattern wie eine Schar Gänse. Gegen die Malaien zeigten sie sich äußerst furchtsam und unterwürfig, alle Fragen, welche diese stellten, wurden diensteifrig beantwortet.

Endlich erschien an der vorderen Eingangstür ein Mann, dessen Lendenschurz und Glieder mit Messingplatten, Schildern, Ringen und Glocken derartig behängen waren, daß er bei jedem Schritt wie ein Schlittenpferd klirrte und klingelte; das war der »Liau« oder Priester des Stammes, und dieser gewaltige Machthaber lud in Abwesenheit des »Panglima« oder Fürsten die Fremden ein, das sonderbare Wohnungsdorf zu besuchen und als ihr Haus zu betrachten. Nachdem die Malaien namens der Weißen gebührenden Dank gesagt und angemessene Bezahlung versprochen hatten, wurde das Gebäude erstiegen. Der ganzen unübersehbaren Länge nach war es in zwei Hälften geteilt, deren vordere die Unverheirateten, die Gäste und – das Federvieh einnahmen, wogegen die hintere, für Einzelwohnungen bestimmt, den Familien als Aufenthalt diente. Ein rings umschlossener türloser Raum, der »Lomang«, etwa von der Größe eines mittelmäßigen Zimmers, mußte als Wohn- und Schlafgemach sowie als Küche ausreichen, ob auch noch so viele kleine, völlig nackte Dajaks die braune Mutter umsprangen und außer dem gemeinsamen Blätterlager weiter gar kein Gerät mehr Unterkunft erlangen konnte. Dergleichen gab es überhaupt außerordentlich wenig. Matten, Körbe, Waffen und ein paar Kochtöpfe, das war alles, was die Weißen sahen. Der vordere Raum starrte von Schmutz, den besonders die Hühner und Tauben verbreiteten, er bildete ein schreckliches Durcheinander von Federvieh, Futter, umgestürzten Saufnäpfen und aufgestapelten Waffen, während es ihm an Bewohnern gänzlich mangelte. Der Stamm war ausgezogen, um in weiter Entfernung vom eigenen Wohnsitz einen Raub an Lebensmitteln und womöglich Gold oder Diamanten zu vollführen, Frauen und Kinder lebten daher augenblicklich unter dem Schutze des »Liau« und der »Bliangs« oder Priesterinnen, mehrerer jungen Mädchen, die bei den Dajaks etwa das sind, was wir barmherzige Schwestern oder Diakonissen nennen; sie Pflegen die Kranken, waschen die Gestorbenen und haben neben dem Liau allein das Recht, den Naturgeistern Gebete vorzutragen; sie allein kennen auch die Schöpfungsgeschichte der Welt, wie sie im Dajaksbewußtsein lebt, und werden um dieser Kenntnis willen verehrt wie Heilige.

Auch ihre Wohnung, offen wie alle, durchspähten die neugierigen Blicke der jungen Leute. Die Bliangs, sechs an der Zahl, trugen Jacken und bis kaum an die Kniee reichende enge Röcke von blauem selbstgewebten Baumwollenstoff mit weißen und roten Streifen, Kopftücher aus rotem Gewebe, reich mit Goldfäden durchwirkt, und halbmondförmige Ohrringe; außerdem Schnüre von großen schwarzen und weißen Perlen und aufgereihten Muscheln, wo immer sich dieselben anbringen ließen. Diese Bliangs nahmen, obwohl sie von den Fremden aufs artigste begrüßt wurden, doch ihrerseits keine Veranlassung, die gebotene Aufmerksamkeit zu erwidern; sie saßen im Kreise auf bunten Matten und rauchten Opium, ohne dabei ein einziges Wort zu sprechen.

Dies Zimmer wurde schnell verlassen. »Ein wahres Glück, daß man hier zu Lande kein Fensterglas kennt,« meinte Hans. »Hätte nicht zu dem angenehmen Heimwesen der Hühner und der rauchenden jungen Damen die Luft beständig von allen Seiten freien Zutritt, dann möchte es in solchem Dorfe unter Dach und Fach schon sehr bald anfangen, unerträglich zu werden.«

»Mehr von diesen Wohnungen wollen wir nicht besehen,« erklärte Holm. »Draußen im grünen Walde ist es besser. Aber, lieber Himmel,« fügte er plötzlich hinzu, – »was haben wir denn da?«

Seine Hand deutete auf einen wahrhaft greulichen Schmuck, welcher über dem Eingang des nächsten Familienzimmers angebracht war und von dort herab den Kommenden entgegengrinste. Wenigstens zwanzig bis dreißig am Hals abgeschnittene Menschenköpfe hingen auf Pflöcken, wie etwa bei zivilisierten Völkern die Jäger ihre erlegten Hirschgeweihe aufzuhängen pflegen; einige waren gänzlich Skelette, andere mochten in irgend einer Weise präpariert sein, so daß sie aussahen wie Mumien; langes und kurzes Haar hing von diesen Schädeln herunter; man erkannte hier einen Krieger, dort eine alte, eisgraue Frau, und selbst junge Mädchen und Kinder fehlten nicht. Durch die Haare aller dieser Opfer flog und flüsterte der Wind, ja bei jedem etwas stärkeren Stoße schaukelten und baumelten die Köpfe, daß es unheimlich klapperte wie von totem Holz.

Bassar legte die Hand auf seinen Arm. »Die Dajaks sind Kopfjäger,« sagte er in englischer Sprache. »Keiner unter ihnen darf heiraten und einen eigenen Herd besitzen, ehe er nicht wenigstens einen Kopf selbst vom Rumpfe getrennt hat; keiner kann die Würde des Panglima erreichen, der nicht hundert Köpfe über seiner Tür hängen hat. Sehen Sie nur dort die Wohnung des Häuptlings!«

Dem Gemach der Bliangs gegenüber lag die Königshütte des Dorfes. Hier waren alle Matten mit Gold durchflochten, Sklavinnen kauerten in großer Zahl auf dem Fußboden, der ganze Raum war bedeutend breiter, und auf einem Mattenhaufen saß rauchend die Königin; – über der Tür prangten nicht weniger als hundertundfünfzig Köpfe.

Der alte Theologe stand starr. »Dieser Greuel!« rief er. »Ob da nicht Steine und Wände predigen müßten! Es ist himmelschreiend.«

»So abscheulich dieser Schmuck auch ist,« sagte Holm, »so wollen wir doch nicht unterlassen, diese Stätten entsetzlichen Heidentums photographisch aufzunehmen, sie werden zu den traurigen Ansichten der Bergwerke ein Seitenstück bilden, das eindringlicher als Worte Zeugnis von dem verwahrlosten Volke der paradiesischen Insel ablegt. Vielleicht erweckt ihr Anblick in dem Herzen glaubensvoller Männer das Verlangen, den armen Heiden die milden Sitten des Christentums aufs neue entgegenzubringen, wenn auch bis jetzt weder Missionare noch Kaufleute einen entscheidenden Einfluß haben ausüben können; man kennt nicht einmal annähernd die Verhältnisse des Innern, wohin auch wir nicht gelangen werden; – es wäre umsonst, diesen Heiden, die nur in den Naturereignissen feindliche Gewalten anerkennen, überhaupt irgend eine Moral predigen zu wollen. Wir haben nun das Dorf gesehen, also laßt uns vor demselben unsere Hängematten aufschlagen.«

Torio und Bassar schüttelten die Köpfe. »Das geht nicht, Herr, die Dajaks würden es als große Beleidigung ansehen. Es ist einmal Sitte, im Vorderraum jedes Dorfhauses die Gäste unterzubringen, – länger als eine Nacht bleiben wir ja ohnedies nicht.«

»Aber wenn wir nun gleich auf der Stelle weiter reisen!« rief ärgerlich der Doktor.

Die Malaien hielten ihre Weigerungen aufrecht. »Das sei ganz unmöglich,« beharrten sie.

Holm wechselte mit den Reisegenossen ein heimliches Zeichen. Trauen konnte man den Gelben nie vollständig; sie hier zu reizen oder gegen ihre Absichten irgend etwas durchsetzen zu wollen, schien nicht ratsam. »Schlafen wir also, da es nicht anders sein kann, eine Nacht auf derselben Streu mit Hühnern und Tauben,« sagte er. »Es gab ja am Ende schon schlimmere Stunden als diese. Vor der Hand tut freilich ein Imbiß am meisten not.«

Bassar lieh gegen Geld und gute Worte von der nächsten Dajaksfrau einiges Kochgeschirr, ein Feuer wurde entzündet und die Reste des Hirschfleisches gebraten, dazu Reis, das einzige tägliche Nahrungsmittel der Malaien. Man ließ die umstehenden, neugierig blickenden Kinder mitessen, verteilte kleine Münzen und brachte schließlich das Gepäck in einen bestimmten Winkel, wo Bassars jüngster Sohn als Wachhabender zurückblieb; dann wurde ein Ausflug in die Umgebung unternommen. Schlechtbestellte Felder in der Nähe des Dorfes trugen allerlei Gemüse, Reis, die Kalampanfrucht, aus der die Eingebornen Öl Pressen, sowie in ganzen, kleinen Wäldern die Gomutupalme, welche den Zucker liefert, es weideten Ziegen an allen Abhängen, und zahme und wilde Vögel waren in reicher Anzahl vorhanden.

Nachdem das sämtliche Reisegepäck, Decken und Vorräte zu Hause gelassen worden, war der Spaziergang hinaus in den Wald um so angenehmer. In der balsamischen Luft wiegten sich Schmetterlinge von neun Zoll Flügelweite, Tiere wie sie die Reisenden nie gesehen hatten, kohlschwarz und samtartig glänzend, mit einem breiten, anmutig gebogenen Goldstreifen quer über beide Flügel, mit grünen federartigen Flecken und einem purpurnen Halskragen, sowie mattweißen, schmalen Saum rings um den ganzen Körper. Auch blaue, gelbe und ganz hellrote Arten waren vorhanden, alle riesig groß und in solcher Anzahl, daß sie sich unschwer fangen ließen; Käfer und Fliegen, Mücken, wilde Bienen, Erdwürmer von Fußlänge und mehr als Zolldicke, Spinnen und Hunderte von kleinen verschiedenen Geschöpfen der Insektenwelt belebten den Kelch jeder Blume, die Falten jedes Blattes. Die meisten dieser Tierchen verbreiteten einen seinen Wohlgeruch, der sich bei jeder Berührung verstärkte, – auch eine Erscheinung, welche sonst noch nirgends beobachtet worden war.

Zuweilen brachen die jungen Leute irgend ein großes, tellerförmiges oder wie ein breites Schwert gestaltetes Blatt und besahen aus der Nähe diese azurblauen, weißen oder tiefroten Geschöpfchen, beobachteten die seine Schattierung ihrer Flügeldecken und den hauchartigen Wohlgeruch, bis dann der Käfer plötzlich die bläulichen Schwingen hob und davonhuschte, eine Flut von Duft zurücklassend, in der nächsten Sekunde verschwunden unter Hunderten seiner Gattung, die überall schwirrten und wie glänzende Funken die Luft durchsegelten.

Die Botanisierkapseln und Spiritusbehälter waren schon bis an den Rand gefüllt, ehe noch der Marsch die Dauer einer halben Stunde erreicht hatte; man brauchte hier tatsächlich nur die Hand auszustrecken, um das Gewünschte zu erlangen.

Die Malaien verfolgten seit mehreren Minuten aufmerksam eine Reihe von Spuren, die sich an geknickten Büschen und niedergetretenen Blumen und Gräsern bemerkbar machten; es mußten größere Tiere, mehrere an der Zahl, hier durchgedrungen sein und zwar erst ganz kürzlich, denn die gebrochenen Blumen hatten noch keine Zeit gehabt zu verwelken, das Gras lag abgerissen, aber grün und frisch am Boden. Jetzt schien es auch, als töne aus geringer Entfernung ein wohlbekanntes, nicht eben sehr melodisches Grunzen den Horchenden entgegen, – alle sahen einander an. »Wildschweine?« fragte Franz.

Torio nickte. »Sie graben Wurzeln,« versetzte er. » Ganz in der Nähe wird sich das Feld befinden, wo die Herde ihre Lieblingsnahrung entdeckt hat. Schweine sind hier in Unzahl vorhanden, da die eingebornen Dajaks nur Reis und Gemüse essen, dem Überhandnehmen der Tiere also durchaus nicht entgegentreten; – wir müssen ihnen hinter dem Wind beizukommen suchen.«

Einer nach dem andern schlichen die Männer mit den geladenen Kugelbüchsen in den Händen durch das dichte Unterholz, immer dem Schall nach, bis sie, wie die Malaien vorausgesagt hatten, eine etwas weniger bewachsene Stelle antrafen, wo unter den Bäumen dreißig bis vierzig Schweine eifrigst mit ihren Rüsseln das Grün des Bodens aufwühlten und aus der fettigen, mergelhaltigen Erde apfelgroße Früchte herausholten, welche dort zu sechs bis zehn gleichsam in Nestern bei einander wuchsen. Ganz schwarz und einen knoblauchartigen Geruch verbreitend, gehörten jedenfalls diese Wurzeln zu den bekannten Trüffeln; Holm beschloß sie noch näher zu untersuchen, in diesem Augenblick richtete sich jedoch seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Schweine, welche bei ihren schwarzen Borsten und dem plumpen Kopf einen ganz weißen Bart trugen. Sie schienen durch Jagd nie belästigt zu werden, waren keineswegs scheu und ließen die Männer nahe an ihren Weideplatz herankommen. Alte, große Keiler rissen mit den Stoßzähnen die Erde auf, daß Gras und Ranken hoch umherflogen, Bachen mit zwölf bis vierzehn Ferkeln lagen, gemütlich grunzend, im Schatten und ließen ihre Kleinen trinken; auch einige schwarze Tapire mit den spitzen Schnauzen nahmen an der Mahlzeit teil, bis ein Schuß aus Torios Kugelbüchse plötzlich dem Familienleben unter den Bäumen ein Ende machte. Die Herde drängte und schrie in eiliger Flucht durch einander, mehrere Schüsse aus den Gewehren der Weißen streckten ihre Opfer nieder, und als endlich der Kampfplatz leer war, hatten fünf Ferkel und ein junger Eber das Dasein eingebüßt; die Tapire dagegen waren zum Ärger der Schützen glücklich davongekommen.

Da es hier wenig Raubtiere gab, ließen die Führer das erlegte Wild bis zu ihrer Rückkunft liegen, und weiter ging die Wanderung in den Wald hinein. Hier gelang es, mit der Vogelflinte einen schönen, männlichen Paradiesvogel vom Baum zu holen, ebenso eine Zibetkatze, die Holm auszustopfen gedachte, und mehrere schöngezeichnete Amseln mit dunkelroter Brust. Ein Leopard sprang einmal hart vor den Füßen der Reisenden vom Baum herab, aber erlegt wurde er nicht, obwohl ihm auf das gute Glück hin mehrere Kugeln nachgesandt wurden; ganze Rudel der großen, schlanken Pferdehirsche, von einem auf einer Anhöhe stehenden alten Bock bewacht, grasten an den Ufern breiter zu Tal fallender Flüsse, erhielten aber bei der ersten Annäherung der Weißen von dem Führer einen Warnungsruf und verschwanden mit ihm, ehe noch ans Schießen gedacht werden konnte. Scheu wie ihr ganzes Geschlecht, flohen sie die Nähe des Menschen, obgleich auch auf ihr Leben hier wenig Jagd gemacht wurde. Nur bei besonders festlichen Gelegenheiten essen die Dajaks Fleisch, sie sind an den Reis als einzige Nahrung gewöhnt und geben sich nicht die Mühe Wild zu erjagen und zuzubereiten.

Es dämmerte bereits, als die erlegten Schweine aufgeladen wurden und nun die Gefangenschaft im Hühnerloch, wie Franz erbost bemerkte, ihren Anfang nehmen mußte. Vorerst freilich loderte ein mächtiges Feuer empor, zwei Ferkel steckten am Spieß, und fette Bissen wanderten in die Händchen der naschhaften braunen Kinder; dann erkletterten unsere Freunde die Leiter, welche hinter ihnen von den wenigen im Dorfe zurückgebliebenen Männern heraufgezogen wurde, und das Lager aus Matten und Palmblättern empfing sein Opfer.

Rechts in der nächsten Nähe sangen die sechs Bliangs in eintönigen Weisen, Hirn und Nerven ermüdend, die Totenklage für eine an demselben Tage gestorbene junge Frau; überall ertönte das herzhafte Geschrei kleiner Kinder und die Beschwichtigungsmittel der Mütter, das Gurren mehrerer hundert Tauben und die rastlosen Kampfrufe der Hähne, deren Gemahlinnen glücklicherweise die Gewohnheit ihres Geschlechtes, mit dem Untergang der Sonne zu verstummen, auch hier auf Borneo festhielten. Draußen schrieen die Papageien, jagten sich in den Bäumen die Affen und quakten die Frösche – es war eine Nacht, die selbst den geduldigsten Sterblichen aus der Fassung bringen konnte.

Heimlich machte sich aus den Falten und Tiefen des Blätterlagers eine feindliche Armee auf die Beine und marschierte im Geschwindschritt gegen den Feind. Wohin der Finger traf, da begegnete ihm jener kleinste, springende Vertreter des rüsseltragenden Geschlechtes, wohin sich das Haupt zur Ruhe bettete, da scheuchte es ein plötzlicher, scharfer Stich wieder auf, wohin die Gedanken eilten, da schreckte das Durcheinander von Tönen wieder in die unliebsame Gegenwart zurück; besonders ein großer, bunter Hahn von streitlustigem Aussehen, einen Fuß trotzig erhoben, den Kopf lauernd seitwärts geneigt und das Auge vor Bosheit funkelnd, erregte am meisten den Ärger der jungen Leute.

Rührte einer von ihnen Hand oder Fuß, dann hielt sich der Kammträger verpflichtet, mittels eines schallenden, langgedehnten Kikeriki diesen Hausfriedensbruch zu rächen, und sofort stimmten sämtliche Genossen in den Schlachtruf ein, wobei noch als besonderer Übelstand hinzukam, daß jedesmal ein anderer benachbarter Hahn diese Herausforderung als an sich gerichtet aufnahm und durch Heranfliegen das Duell eröffnete. Dieser alte Bursche, zerzaust und seiner Federn in mancher heißen Schlacht beraubt, mußte sich stark erkältet haben, denn er brachte es bei den Antworten, welche er gab, nur bis zu einem heiseren »Kück!« – Dann schien seine Stimme zu versagen, und die Handlung trat an Stelle aller Neckereien. Gerade über den Köpfen der Gesellschaft sprangen die beiden Hähne gegen einander auf, zogen sich an den Schnäbeln gegenseitig so gewaltsam, daß nicht selten der Alte jählings auf das Blätterlager herabfiel, und schlugen sich mit den Flügeln, bis die unten Liegenden verzweiflungsvoll aufsprangen, um Staub und Federteilchen aus den Augen zu reiben.

»Soll ich ihn umbringen?« fragte Franz, auf den hübschen, streitlustigen Hahn deutend, »der verrückte Kerl hält uns die ganze Nacht in Atem.«

Die Hand des Doktors hielt ihn zurück. »Franz, vergißt du, daß hart neben uns unter demselben Dache eine Leiche liegt?« fragte er halblaut.

»Das ist wahr! – Still, du Schreihals.«

Ein Schlag mit dem Taschentuche verscheuchte den älteren Hahn in geziemende Entfernung, während der bunte lauernd auf dem Posten blieb und vor den Brutkörben seiner Damen Wache hielt; der Vogelkampf ruhte einen Augenblick, aber die Quälereien der Insekten dauerten fort, und der Gesang vom Totenzimmer her zerriß die Gehörorgane.

»Dewata-dugingang! – Dewata-dugiugang!« – Fast ohne Abwechselung, sich immer wiederholend, sangen die sechs Mädchen mit gedämpfter Stimme diese Silben, die in ihrer steten Folge ebensowohl ermüdend als aufregend wirkten, bis endlich Holm vorschlug, diese Stelle des langgestreckten Lagers zu verlassen und einige hundert Schritte weiter Erholung zu suchen. Sowohl der entsetzliche Totengesang als auch die Trompetenklänge des Hahnes mußten dort weniger empfindlich einwirken, man konnte vielleicht doch schlafen oder wenigstens die Augen schließen und ruhig daliegen. Der junge Gelehrte verband damit heimlich noch einen besonderen Zweck. Ihm war das Benehmen Bassars schon längst auffallend gewesen, er glaubte zu wissen, gleichsam zu fühlen, daß unausgesprochene Absichten den Alten zu dieser Expedition veranlaßt hatten, daß er irgend etwas im Schilde führte. Ihn zu beobachten schien daher höchst notwendig.

Und wirklich, als an dieser geschützteren Stelle einiger Schlaf auf die müden Augen sich herabsenkte, als alles ruhte, da sollte sich der gehegte Verdacht bestätigen. Bassar richtete vorsichtig den Oberkörper vom Lager auf, er sah umher, und nachdem ihn dieser Rundblick überzeugte, daß die Weißen schliefen, da wechselte er mit seinem Bruder ein kaum wahrnehmbares Zeichen und glitt auf leisen Sohlen hinüber in die jenseits des breiten Vorderraumes liegenden Familienwohnungen.

Was konnte er dort wollen? – Es waren nur Frauen anwesend.

Holm verbrachte mit geschlossenen Augen, regungslos horchend, eine qualvolle Viertelstunde. Die brennende Wachskerze qualmte und tropfte, allerlei fernes und näheres Geräusch traf das Ohr des jungen Mannes, der endlich, getrieben von folternder Ungeduld, den Kopf zur Seite drehte, um nur die Augen öffnen und in das hohle, dunkle Innere des Raumes hinaussehen zu können. Torio und die Söhne Bassars lagen ruhig, letztere schliefen sogar ganz fest; drüben im Frauengemache hinter den Matten tönten flüsternde Stimmen, leise Schritte wurden auf dem knarrenden, schwankenden Boden bemerkbar, – immer noch kam der Malaie nicht zurück.

In einem Augenblick drängte es den jungen Mann, die Genossen zu wecken und so schnell als möglich zu den Waffen zu greifen, schon schwebte auf seinen Lippen der Ruf »Verrat! Verrat!« – dann aber fiel ihm wieder ein, daß ja doch noch nichts erwiesen sei, und daß vielleicht erst die ausgesprochene Beleidigung Feindschaft erregen konnte, – er wartete noch, obgleich ihm das Herz gegen die Rippen pochte, als habe er selbst ein Verbrechen begangen.

Endlich erschien der Malaie. Sein verschmitztes Gesicht trug den Ausdruck größter Zufriedenheit, er legte sich neben seinen Bruder auf die Streu und sprach lange und eifrig mit ihm; offenbar hatte er von den Frauen der Dajaks eine Nachricht erhalten, die ihn sehr befriedigte und die also mit den Weißen in keinem Zusammenhang stehen konnte. Holm atmete auf, aber er selbst schlief doch nicht eher, bis Bassars Atemzüge bewiesen, daß er wenigstens für den Augenblick durchaus keine verbrecherischen Absichten hegen könne. Irgend etwas ging vor, irgend etwas wurde heimlich geplant, davon war Holm überzeugt; er wollte also die Gelben unausgesetzt beobachten, namentlich dann, wenn irgend ein anderer Dajaksstamm erreicht war.

Den Rest der Nacht schliefen alle; die Malaien hatten schon das Frühstück fertig, als die Weißen herauskamen und die Nachwehen der schlechtverbrachten Ruhestunden in dem Anblick der dampfenden Kaffeekanne vergaßen. Diesmal hatte man die edlen braunen Bohnen vom Schiff in die Wildnis mitgenommen, Zucker und Milch gaben die Frauen, und so gelang es bestens, den kräftigenden Trank herzustellen. Eben wollte Franz die Lippen öffnen, um vom Aufbruch zu sprechen, als ein sonderbarer Zug seine Blicke fesselte. Voran gingen, in ihren klingendsten Putz gehüllt, der Liau und drei Bliangs, dann folgten vier Männer, die auf Bambusstäben eine Leiche trugen, ohne Zweifel die der jungen Frau, der die schauerliche Totenklage dieser Nacht gegolten; den Beschluß machten drei weitere Bliangs.

Wieder murmelte es von allen Lippen »Dewata-dugingang! Dewata-dugingang.«

»Ob das eine Beerdigung wird?« raunte Hans. – »Wie unzart, nicht einmal das Gesicht der Leiche zu verhüllen.«

»Wir wollen mitgehen,« ermunterte Franz. »Laßt uns doch die Sache mit ansehen!«

Holm fragte die Malaien, ob das erlaubt sei, und diese antworteten äußerst bezeichnend: »Wir nehmen unsere Waffen mit! Es sind ja keine Männer da.«

Und so folgte man aus anständiger Entfernung dem Leichenzuge, aber nicht etwa auf ein freies Feld hinaus, sondern mitten in den dichtesten Wald. Da wurde unter einigen breitästigen Bäumen Halt gemacht, die Leiche mit der Bahre zu Boden gesetzt, und nun begann eine seltsame, ganz stumme Szene. Die Männer – lauter Sklaven – zogen sich auf einen Wink des Liau etwas zurück, die Leiche erhielt ihren Platz inmitten eines geschlossenen Kreises, der mit einem Stock auf dem Moos bezeichnet war; dann vollführten die Bliangs und der Liau einen Tanz, bei dem jedes für sich den Körper wie Kautschuk verdrehte, sich hintenüber und vornüber beugte, die Haare zerzauste und die Arme in die Luft warf. Die Putzgegenstände rasselten und klapperten; immer toller, immer rasender wurde der Tanz, bis eine nach der anderen, die Bliangs und der Liau, atemlos wie vom Schlag gerührt zu Boden sanken. Damit war die Vorfeier beendet. Jetzt kamen die Sklaven, beluden sich mit Bahre und Leiche und fingen an, den nächststehenden Baum zu erklettern. Es war ein schauerlicher Anblick, so vom Rücken der braunen Gesellen das Totenantlitz dann und wann zwischen den Bäumen erscheinen zu sehen! Rings Blüten und Früchte an einem Zweig, flatternde Schmetterlinge und purpurrote Singvögel, rings Schönheit und reiches, üppiges Leben, – dazwischen, wie eine Mahnung an die Vergänglichkeit alles Irdischen, das fahlbleiche Gesicht mit dem gramvollen Zug um die Lippen, – die herabhängenden kleinen Hände.

»Gott im Himmel,« fragte Hans, »was wollen denn die Leute mit der Toten da oben im Baumwipfel?«

Die Malaien wußten es wohl, und bald sahen es auch die Weißen. Auf der höchsten Höhe, über den letzten Zweigen wurde die Bahre befestigt und so die Leiche den Raubvögeln zum Zerfleischen preisgegeben. Nachdem die Hanfseile gehörige Sicherheit verhießen, stiegen die Sklaven wieder zur Erde, wo sich bei ihrem Anblick Liau und Bliangs wunderbar schnell von der früheren Ohnmacht erholten und in das Dorf zurückkehrten. Schon jetzt verriet ein Krächzen über den Wipfeln, daß die geflügelten Räuber ihre Beute in Empfang genommen hatten.

»Das Skelett wird späterhin beerdigt,« erläuterte Bassar, »aber nicht eher, bis alles Fleisch verzehrt ist, so will es die Sitte. Andere Stämme verbrennen ihre Toten, ebenso gibt es einige, die sie durch Räuchern mit bestimmten, nur dem Liau bekannten Kräutern zu Mumien dörren und verwahren. Diese Art der Bestattung ist die häufigste.«

Der Doktor schüttelte den Kopf, als ihn Holm am Arm fortzog. »Ist es denn nicht empörend, da oben die Tote unter den Fängen der Geier zu wissen?« fragte er.

»Sie fühlt‘s ja nicht!« begütigte der junge Gelehrte. »Und dann – mir hat der Gedanke an das Grab mehr Schrecken als der eines so schnellen Zerfallens in tropischer Luft. Kommen Sie, – ob hoch oben im freien Blau oder tief unter dem Boden, – zu Erde wird, was von ihr stammt, nach Gottes Gesetz überall. Wenn mich etwas empört hat, so war es der tolle Tanz um die Leiche herum. Heda, Bassar, sagen Sie uns doch, ob nun im Dorfe noch eine Fortsetzung der Feier stattfindet?«

Der Malaie nickte. Er selbst war, wie alle ansässigen Glieder seines Volkes, Mohammedaner und hielt sich daher über das Heidentum der Dajaks hoch erhaben. »Diesen Leichenschmaus sollten Sie aber lieber nicht mit ansehen,« riet er, »das ist ein greuliches Gelage, bei dem die Bliangs und der Liau so viel Opium rauchen und Tuach-Katan (Arrak) trinken, bis sie in Raserei verfallen und dem leichtgläubigen Volke vorspiegeln, daß die Götter, nur ihnen sichtbar, mit am Tische säßen. Sie schreien, bekommen Krämpfe und Verzückungen, kurz es wird ein arger Skandal.«

»Den wir nicht mit ansehen wollen!« erklärte Holm. »Besser in den grünen Wald hinaus, als zu solch einem Gaukelspiel, von dessen Lügeninhalt seine Vertreter ganz genaue Kenntnis haben. Lassen Sie uns nur schnell noch etwas Geld verteilen und unsere Sachen aufpacken, dann geht‘s fort. Sie kennen ja die Richtung, welche wir einschlagen müssen?«

Bassar nickte. »Zunächst ist es doch den Herren daran gelegen, einen wandernden Stamm in seiner Häßlichkeit zu sehen, nicht wahr? Nun, für diesen Zweck müssen wir am Flusse hinunter in das Tal zwischen jenen Gebirgszügen gehen. Da werden die Mankeian.«

Wieder sah Holm in den falschen Zügen jenes Aufblitzen, das Lauern und den glühenden Haß, der so oft darin auftauchte. Ob Bassar bei den Angehörigen der Mankeian irgend einen Feind hatte, den er herausfordern wollte?

Sie verstanden einander offenbar alle fünf, die Männer mit den niederen, umbuschten Stirnen und dem verschmitzten Aussehen; Holm hätte nicht eingewilligt, gerade die Mankeian zu besuchen, wenn nur das Verbot durchführbar gewesen wäre; aber wie sollte er in der unbekannten Wildnis irgend einen Pfad bezeichnen, wie einen Stamm von dem anderen unterscheiden? – Zu aller Sicherheit nahm er den Malaien beiseite. »Gestehen Sie mir‘s, Bassar, bei den Mankeian haben Sie irgend einen alten Streit auszufechten, irgend einen Handel, den Sie uns verschweigen! – es lebt unter diesem Stamm ein Mann, dessen erbitterter Feind Sie sind?«

Bassar hob die Hand zum Himmel. »Bei Allah und seinem Propheten,« sagte er in feierlichem Tone, »die Mankeian sind meine Freunde. Der Stamm kommt zuweilen an die Küste und tauscht Edelsteine oder Gold gegen Kleider und Schmucksachen, ich kenne den König sowie viele Männer aus dem wandernden Volke, – ein Feind ist nicht darunter.«

Das wurde mit jenem überzeugenden Tone vollkommenster Wahrheit gesagt, das schien eine bestimmte, unwiderlegliche Tatsache; Holm konnte also nur einwilligen, den Zug anzutreten, im stillen aber dachte er einmal über das andere »du lügst doch! unausgesprochen, verdreht und umschrieben vielleicht, – Lüge ist‘s doch!«

Dies Bewußtsein trug nicht dazu bei, die Stimmung, in welcher er sich befand, zu verbessern; erst als das Dorf weit hinter der kleinen Schar zurückgeblieben war und dadurch die letzten, noch halb und halb schwebenden Fragen erledigt, da tat wie immer im Leben die vollendete Tatsache das Ihrige, um ihn ruhiger werden zu lassen. Nur langsam drang der Zug vor in die grüne Wildnis, einesteils der gehäuften Hindernisse und anderseits der brennenden Hitze wegen; alle Weißen hatten auf den Rat der Führer im Nacken eine herabhängendes Stück Leinen nach Art unserer Kohlenträger befestigt, die Strohhüte mit breiten Rändern beschatteten das Gesicht, und hoch heraufgehende Stiefel erlaubten den Weg über das dichte Rankengeflecht mit seinen zahllosen kriechenden, stechenden und zum Teil giftigen Bewohnern. So üppig wie hier war ihnen der Pflanzenwuchs nirgends entgegengetreten, dafür aber auch das Durchdringen desselben nirgends so schwer gewesen; Affen, in ungeheurer Anzahl und zu ganzen Gesellschaften vereinigt, bevölkerten die Bäume, Paradiesvögel hüpften, auf Java so selten, hier von Zweig zu Zweig, große Orang-Utangs, mit Baumästen bewaffnet, versuchten es, den Eindringlingen ihre entlegene waldige Heimat streitig zu machen und konnten nur durch ein paar Büchsenschüsse zur Umkehr bewogen werden. »Haben die Mankeian nur einen Weideplatz?« fragte wie zufällig Holm.

»Mehr als hundert,« versetzte unbefangen der Malaie, »wir können daher ganz sicher sein, wenigstens einen anzutreffen. Morgen oder übermorgen sind wir da.«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
670 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain