Kitabı oku: «Das Naturforscherschiff», sayfa 28
Es war ein malerischer, unvergeßlicher Anblick, die vielen schaukelnden Fahrzeuge mit den Gestalten der braunen, nackten Wilden, die auf- und abtauchenden Köpfe, die Fackeln in wirbelnde Rauchsäulen gehüllt und als Hintergrund des Bildes die düsteren, hohen Felsmauern, unter deren Schatten das Dorf seine Hütten barg. Alles dieses scharf umrissen vom Helldunkel der Tropennacht, zuweilen grellrot angehaucht im Fackellicht, zuweilen silbern umsäumt im matten Glanz der Sterne, gewährte ein Gesamtbild, dessen poetische Schönheit die Herzen der Weißen entzückte. Sie verließen erst nach stundenlangem Schauen und mit den letzten Alfuren die Bai, konnten sich aber nicht entschließen, den dargebotenen gerösteten Trepang zu kosten, sondern warfen heimlich die widerwärtige Speise beiseite und begnügten sich mit ihren vom Schiff gebrachten Vorräten, worauf dann die Wolldecken ausgebreitet und zu später Stunde die Ruhe gesucht wurde. Holm zählte die Häupter seiner kleinen Schar, alle sechzehn waren vorhanden! Zwei Matrosen erhielten die erste Wache; das Verbot, sich in die Alfurenhäuser zu begeben, wurde nachdrücklichst wiederholt und den Leuten gesagt, daß sie sich gerade hier unter den wildesten, am wenigsten zivilisierten Bewohnern der ganzen Insel befänden; dann suchte jeder zu schlafen.
Franz und jener junge Matrose, der am Morgen die Alfuren verspottet, lagen zufällig hart nebeneinander. Nachdem alles still geworden, stieß der Hamburger leise gegen den Arm seines Genossen. »Schlafen Sie, Herr Gottfried?«
»Nein – was ist los?« » Pst! Nichts, gar nichts, wecken Sie doch nur den Doktor und Ihren anderen Lehrer nicht auf, die tun ja, als ob die gelben Kerle hier herum Menschenfresser wären. Wissen Sie, ich möchte gar zu gern das Innere eines solchen Alfurenhauses sehen! – was ist denn auch weiter dabei, und wen geht es an, ich trage meine eigene Haut zu Markt.«
Franz schüttelte den Kopf. »Lassen Sie sich dazu nicht verleiten, Hartmann,« warnte er. »Die Sache könnte ihnen doch gefährlicher werden, als Sie denken, und überdies ist wahrhaftig der Aufenthalt in einem solchen Familienhause nichts weniger als angenehm. Schreckliche Luft, Ungeziefer, Kindergeschrei und Hahnenkämpfe, das ist das Bild einer Nacht unter diesen Dächern; ich habe es auf Borneo kennen gelernt.«
Der Matrose schien nicht überzeugt. »Man kann aber doch seinen Spaß haben,« versetzte er. »Ich möchte hinein.«
»Das dürfen Sie nicht, Hartmann, und Sie tun es auch nicht.«
Der Matrose lachte. »Hm, schwören Sie nicht darauf, junger Herr. Ich hatte übrigens gehofft, daß gerade Sie heimlich mit mir gehen würden.«
Franz errötete bis unter die Haarwurzeln. Also man hielt ihn jedes tollen Unternehmens ohne weiteres für fähig.
»Gute Nacht, Hartmann,« sagte er etwas kurz. »Ich möchte schlafen.«
Dabei drehte er dem jungen Menschen den Rücken und bekümmerte sich nicht weiter um ihn. Daß der Bursche in ihm den Teilnehmer einer Unklugheit vermutet, beleidigte seinen Stolz. Aber wahrhaftig, in Zukunft sollte das anders werden.
Erst sehr spät schlief er ein; die wachthabenden Matrosen saßen rauchend und leise plaudernd in halbliegender, bequemer Stellung im Gras, die laue stille Luft wirkte fast betäubend, ringsumher störte kein Laut die Ruhe. Auch jenes Flüstern der Blaujacken drehte sich um die Vorsicht, welche der Steuermann und Holm den Leuten so dringend empfohlen hatten. »Narretei,« sagte der eine, »es ist lächerlich, hier zu sitzen und zu wachen. Die Kerle denken an keine Feindseligkeiten, sie waren ja ganz höflich, brachten uns sogar die vertrakten Würmer zum Essen! Aber weil vor einem halben Jahrhundert einmal ein Mord passiert ist, muß man am Lande über Stock und Stein klettern und darf nachher nicht einmal schlafen.« Ein herzhaftes Gähnen schloß den Satz, der andere legte sich etwas bequemer, übersah die ganze Reihe der Schlummernden, brummte Unverständliches aber offenbar wenig Schmeichelhaftes in den Bart, und dann schwieg auch diese Unterhaltung.
Es war alles still wie in einer Welt ohne lebende, atmende Wesen.
Am andern Morgen erwachte Holm, nachdem die Sonne schon hoch am Himmel stand. Sein erster Blick suchte die Wachen, – sie lagen lang ausgestreckt im Gras und schnarchten vernehmlich, Holm lächelte; die Leute mußten schon geschlafen haben, ehe sie ihre Kameraden wecken und von diesen abgelöst werden sollten, wenigstens bemerkte er kein Zeichen, das die Nähe eines wachenden Menschen verkündet hätte. Alles schlief den festen Schlaf der Jugend und Ermüdung.
Aber mochten sie doch! Es war nichts passiert, die Gefahr glücklich vorübergegangen, der ganze Tag bis zum Abend, wo in der Einfahrt die Boote ihre Passagiere erwarteten, konnte noch zum Ausflug in die Umgebung auf der anderen Seite verwendet werden.
Holm richtete sich höher auf. Wieder wie am gestrigen Abend zählte er, heimlich besorgt, immer im Bann von Papa Witts schauerlichem Erlebnis, halb ohne Absicht; aber er zählte maschinenmäßig – eins, zwei, drei, – nun, wo steckte denn der sechzehnte?
Er überzeugte sich, daß der Doktor und die Knaben unversehrt an seiner Seite lagen, und etwas ruhiger geworden zahlte er nochmals. Der sechzehnte fehlte.
Jetzt stand er auf, sein lauter Zuruf weckte die übrigen, er, wollte eben fragen, welcher von den Leuten vermißt werde, als sein Blick im Hintergrunde des Lagers die Stelle streifte, wo alles Gepäck aufgehäuft worden war. Dort unter dem Felsen hatte es gelegen, die Waffen, die Vorräte; aber jetzt befand sich auf dem ganzen Gebiet des Nachtquartiers davon auch kein einziges Stück mehr. Was nicht die Reisenden an ihrem Körper getragen hatten, das war fort.
»Herr des Himmels, – unsere Gewehre!«
Holm fühlte, wie es ihm kalt über den Rücken herablief. »Still!« rief er mit lauter Stimme. »Still! Wer ist der Mann, welcher in unserer Zahl fehlt?« Sekunden genügten, um festzustellen, daß es Hartmann sei, den die kleine Expedition vermißte. Franz erzählte erbleichend, was er mit ihm während der Nacht gesprochen.
Eine unbeschreibliche Aufregung und Erbitterung hatte sich aller Gemüter bemächtigt. Nach rechts und links schallte der Name des Verschwundenen durch die stille Morgenluft, die Matrosen verwünschten den Schlaf, der sie überfallen, Holm war stumm vor Schmerz und Zorn, der Doktor trieb wiederholt zum Aufbruch und Franz und sein Bruder verlangten energisch jetzt am hellen Tage die Durchsuchung der Alfurenhäuser.
Rua-Roa nahm die Spur des verlorenen Leichtmatrosen da auf, wo er während der Nacht gelegen, und verfolgte sie über Gras und Blumen hinweg mit dem Instinkt des Wilden bis hinab zum Dorfe, wo vor der Tür des einen Pfahlbaues jedes kleinste Merkmal endete. Es erschien unzweifelhaft, daß der junge Mensch hier seinen Tod gefunden.
»Vielleicht halten sie ihn nur gefangen, um ein Lösegeld zu erpressen,« meinte einer der Männer. »Wir sollten doch nachsehen!«
»Damit sie uns mit unseren eigenen Gewehren erschießen? – Ohne Waffen können wir gar nichts ausrichten.«
»Ich möchte mich selbst ohrfeigen,« rief der Matrose. »Wären mir nicht die Augen zugefallen, so hätten wenigstens die Kugelbüchsen nicht gestohlen werden können.«
Holm suchte ihn zu trösten. »Darüber beruhigen Sie sich, Schwarz,« sagte er. »An eine Gefangenschaft des armen, jungen Menschen, an Wiederfinden und Lösegeld ist nicht zu denken. Hätten wir alle Waffen der Welt, so könnten uns dieselben das geraubte Leben nicht zurückgeben. Nur finden und ehrlich begraben möchte ich den Ermordeten.«
»Sollten auch wir eine kopflose Leiche an Bord bringen, Karl?« fragte Franz.
Der junge Gelehrte wandte sich ab. »Er wurde gewarnt,« sagte er seufzend. »Weshalb suchte er im Ungehorsam eine Art von Ehrgeiz?«
Franz sah stumm über das Meer hinaus. Der arme Schelm hatte so fröhlich dreingeschaut, sein lebensfrisches Bild stand so klar vor der Seele des Knaben, – er fühlte, wie Träne um Träne über die Wangen herabrollte. Dies Ereignis machte auf ihn einen Eindruck, stärker und erschütternder als alle früheren. »So laß uns suchen,« ermahnte er endlich. »Laß uns wenigstens den toten Körper finden.«
Es wurde nun eine Kette gebildet und rings im Halbkreise das Waldgebiet durchforscht; kein Gebüsch, keine Niederung blieb unbeachtet, aber nichts war zu finden, bis am späten Mittag der Malagasche eine Stelle entdeckte, an der er stehen blieb. »Hier ist in der letzten Nacht die Erde aufgegraben worden,« sagte er. »Das Gras und das Moos wachsen nicht, sie sind nur lose in den Boden gesteckt.«
Er lockerte mit der Hand den Pflanzenwuchs, unter welchem sich sogleich die frisch umbrochene Erde deutlich zeigte, und wo schon nach geringer Mühe, in einer Tiefe von kaum sechs Zoll, die Leiche des unglücklichen jungen Menschen gefunden wurde, – kopflos wie man erwartet hatte.
Schweigend umstanden alle das offene Grab, besonders Franz war tief im Herzen erschüttert. Noch immer hörte er den Toten sagen: »Ich hatte gerade gehofft, daß Sie heimlich mit mir gehen würden!« —
O wie inbrünstig dankte er dem Himmel, hier nicht nachgegeben zu haben; wie demütig gestand er dem eigenen Bewußtsein, daß nur der Mangel an Neugier, nicht aber ruhige Überlegung ihn zurückgehalten. Hätte er nicht auf Borneo das Innere eines, solchen Familienhauses genügend kennen gelernt, wer weiß, ob nicht die Versuchung auch ihn überwältigt haben würde. Es war ein stilles, aber festes Versprechen, das er an diesem Grabe sich selbst leistete.
»Auf!« ermahnte der Doktor. »Hüllt die Leiche in unsere Wolldecken, Kinder, und tragt sie abwechselnd, damit wenigstens ein ehrliches Seemannsbegräbnis dem Armen zu teil werde. Ich übernehme es, zuerst an Bord zu gehen und dort unsere Freunde vorzubereiten.«
Vier Matrosen nahmen den Körper ihres Kameraden, banden ihn mit ihren Riemen an ein paar derbe Stangen und trugen ihn so schweigend, in unheimlicher Stille, gefolgt von den übrigen, bis zur Bucht am Strande. Keiner dachte an Essen, obwohl ihnen seit dem gestrigen Abend nichts mehr zu teil geworden war; keiner dachte an eine Bestrafung der hinterlistigen Alfuren, die sich heute morgen alle sorgfältig versteckt gehalten hatten, oder an die verlorenen Waffen; – sie beeilten sich nur, so schnell als möglich das Gebiet des tückischen Stammes zu verlassen und atmeten voll Erleichterung auf, als ihnen durch das Buschwerk des Strandes der Ozean blau und friedlich entgegenschimmerte.
Der Dampfer lag hart an der Küste, und auf dem Verdeck stand der Steuermann, – er musterte wie in Gedanken verloren das felsige Ufer. Erst als ein lautes »Schiff Ahoi!« der Matrosen sein Ohr traf, fuhr er zusammen. Schon die nächste unwillkürliche Handbewegung zeigte den Schrecken, welcher ihn durchbebte.
Das abstoßende Boot brachte den Alten selbst, und da war es denn der Doktor, welcher ihm entgegenging, um in schonender Weise das Unglück zu berichten. Papa Witt schüttelte den Kopf. »Ich weiß es schon,« sagte er, »ich wußte es, seit wir in den malaiischen Archipel kamen. Bin nicht hier gewesen seit jener Unglücksnacht, hab‘s immer vermieden, obgleich ich tausendmal im Traum diese scharfe Ecke und die unruhigen schwarzen Wellen am äußersten Vorsprung sah, – aber daß es geschehen würde, wußte ich. Solch ein Vorgefühl täuscht nicht. Na, nun sagen Sie mir nur, wer es ist; Hartmann, nicht wahr, Herr Doktor?«
»Konnte es mir denken,« fuhr er fort, »gerade er war der helläugigste, frischeste Bursche unter allen, ihn trieb die kecke Lebenslust ins Verderben, wie damals meinen Kameraden. – Steigen Sie nur ein, Herr Doktor, das große Boot soll die Leiche holen.«
Er hatte dem alten Theologen zu keiner Antwort Zeit gelassen, hatte auf dem Gesicht desselben die Richtigkeit seiner Vermutung schon gelesen und drängte ihn jetzt in das kleine Fahrzeug hinein. So kam es, daß der Doktor auch den Kapitän vorbereiten konnte, ehe nach einer Viertelstunde das große Boot die Leiche mit den übrigen Reisegenossen wieder an Bord brachte.
Von den Alfuren zeigte sich auch jetzt kein einziger; sie mochten, ihrem eigenen wilden und rachsüchtigen Denken nach, wohl annehmen, daß jetzt die Weißen ihre Kanonenkugeln in das Dorf hineinschicken würden, und waren alle landeinwärts in die Wälder geflohen. Natürlich aber geschah dergleichen nicht; das Schiff verließ die Küste, und erst als der letzte Streifen Landes dem Auge entschwunden war, versenkten die Kameraden auf hoher See den Leichnam des Vorwitzigen, der so kecklich seinem Übermute die Zügel schießen ließ und vielleicht die schrecklichsten Martern erlitten hatte, ehe ihn der Tod aus den Händen der Alfuren erlöste. Noch einmal grüßte, langsam hinauf und herab gleitend, Deutschlands Flagge vom Mast den toten Sohn der Vaterstadt, noch einmal sahen die Genossen zurück zu der Stelle, wo die Celebessee den kopflosen Leichnam verschlungen – dann drehte sich der Eisenrumpf, und das Schiff steuerte den Inseln Australiens entgegen, zunächst der kleinen, wenig bekannten Nightinsel zu, wo ein friedliebender, harmloser Papuastamm auf allerunterster Stufe, fast im Zustand der Tierheit, leben oder besser vegetieren sollte.
Dreizehntes Kapitel
Die »Schatzkammer der Naturforscher«. Die Nightinsel. Das Beuteltier. Die Papuas und ihr Lager. Jagdbeute. Der Rüsselpapagei und der Leierschwanz. Der Doktor in der Felsspalte. Der Atlasvogel. Der Taucher und die Sepie. Nach Sidney. Ins Innere. Die Australneger und die Schafherden. Die Känguruhjagd. Känguruhbraten. Rua-Roa und die Buschotter. Der lachende Hans. Der Wombat. Der Verrat der Australneger. Gerettet und fast verschmachtet. Das Manna. Wohl aufgehoben bei deutschen Landsleuten.
Wie wohltuend berührte nach der brennenden Hitze in der Celebessee die immer frischer und frischer werdende Kühle jede Stirn! Jetzt ging es mit gleichem Schritt über Australien bis zur antarktischen Barriere, und die beiden Knaben freuten sich schon im voraus des Schnees, mit dem sie nach so langer Entbehrung wieder Ball spielen wollten. Es war höchst komisch, welche Mühe sie sich gaben, dem Malagaschen begreiflich zu machen, was Schnee sei. »Gefrorenes Wasser,« sagte Hans, »kleine zarte, sechseckige Sterne.«
»Der Übergang zwischen Wasser und Eis,« setzte Franz hinzu.
Rua-Noa schüttelte immer wieder den Kopf. »Aber was ist denn gefroren?« fragte er.
Da winkte ihm der Koch, eben jener gemütliche Sohn Hammonias, der auf Ceylon den Singhalesinnen Pfannkuchen buk. »Komm mal heran, Gelber! Sieh, mein Sohn, hier ist Butter, die ich eben geschmolzen habe. Sie fließt wie Wasser, nicht wahr? Das tat die Hitze, weißt du; wenn ich sie aber wieder kalt stelle, läuft sie zusammen und wird ein Klumpen. Das macht das Wasser ebenso, und dieser Klumpen heißt Eis, – wenn‘s sehr kalt ist nämlich. Und kalt sein, mein Junge, das heißt, wenn man eine bläuliche Nasenspitze hat und Kribbeln in den Fingern.«
Und jetzt hatte Rua-Roa begriffen! Also eine Temperatur, die das Wasser erstarren ließ! – Er wandte sich kopfschüttelnd zu seinen Erziehern. »Wenn es nur keine Fabel ist von diesem Lande,« sagte er bedenklich. »Ich kann schwören, daß auf Madagaskar nie Eis getroffen wurde.«
Ein helles Gelächter klang über das Schiff dahin, und eine Extrastunde Geographie war die Folge. Jetzt wurde übrigens der junge Hova in den verschiedenen Lehrfächern schon so fest, daß er hübsch lesen und erträglich schreiben konnte; nur wenn so ganz Unerwartetes ihn aus der Bahn warf, griff seine Phantasie unwillkürlich zurück zu den Verhältnissen und Anschauungen der Heimat, als dem einzig Sicheren, was er besaß. Holm errettete ihn aus der verlegenen Situation, indem er die anderen darauf hinwies, wie schwer es sei, sich von etwas Ungesehenem einen Begriff zu machen; dann brachte er das Gespräch auf die Nightinsel, der nun das Schiff entgegensteuerte. »Kapitän, waren Sie früher schon einmal dort?«
Der Gefragte nickte. »Das ist die Kannibalengegend,« antwortete er, » freilich nicht die Nightinsel selbst, aber doch die Gruppe, zu der sie gehört. Ich habe einmal hier Schiffbruch gelitten und mit dreißig Mann gegen über hundert Wilde gefochten, bis ein Schiff vorbeikam und durch seine Kanonen die Neger in die Flucht schlug. Zwei von uns, die unglücklicherweise vom Hauptquartier abgeschnitten worden waren, ließen ihr Leben am Bratspieß der Wilden, – wir fanden später die abgenagten, verkohlten Überreste.«
»Sollte uns denn dergleichen auf der Nightinsel nicht geschehen können?« fragte schaudernd der alte Theologe.
»Unter keiner Bedingung. Da leben die Matadamas, eine Horde gutmütiger Geschöpfe, die sich durch nichts von harmlosen Tierarten unterscheiden, die keine Kleider oder Gesetze, kein Oberhaupt, keine Wohnung oder Ehe, ja nicht einmal eine Arbeit kennen; sie laufen nackt umher, stellen sich beim Regen unter einen Baum, schlafen ein, wo sie müde werden, und essen, was sie finden; Feuer dagegen unterhalten sie der Kälte wegen immer und sind auch sehr geschickt in allem, was das Leben auf dem Wasser betrifft.«
»Bewohnt denn dies Naturvölkchen die Insel ganz allein?«
Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Das treffen Sie nirgends,« antwortete er. »Ist eine Insel überhaupt groß genug, um Menschen zu ernähren, so hausen auch auf ihr zwei Stämme, die einander hassen und bekämpfen. Auf Nighteiland leben außer den Makadamas noch die Echaus, weshalb Kriege, bei denen man sich gegenseitig mit langen Spießen zu durchbohren sucht, hier gar nichts Seltenes sind. Auch die Frauen kämpfen, diese aber bedienen sich schwerer Holzblöcke, welche eine der anderen auf den Kopf schlägt.«
»Sehr einladend!« lachte Holm. »Wir werden also Gelegenheit finden, ganz neue Menschen und Verhältnisse kennen zu lernen.« »Wollen wir vorher nach Timor anlaufen?« fragte Franz.
»Nochmals zu den Alfuren? – Ich danke, nein.«
»Aber jenes kleine Koralleneiland, an dem die Wogen hoch aufschäumen, möchte ich inspizieren,« sagte Holm, »es kann uns der Besuch desselben höchstens einen halben Tag aufhalten. Ich hoffe dort ziemlich reiche Beute, gerade in diesem Meere zu machen.«
Das Schiff drehte bei, dann wurde ein Boot ausgesetzt und die Naturforscher erreichten das Innere der Koralleninsel von der brandungsfreien Seite aus. Ein stiller, ruhiger Salzwassersee bildete das Innere der Insel. Während sich an den Korallenriffen die Woge in furchtbarer Brandung brach, herrschte hier Ruhe und Frieden, und in dem klaren Wasser lebte eine eigene Tierwelt ihr vergnügtes Stillleben. Papageifische zermalmten mit ihren harten Kiefern die Korallenzweige. Schnecken aller Art weideten förmlich die Korallenfelder ab, indem sie die weichen Tiere erwischten, welche aus ihrem harten Kalkbau hervorkamen, um auf Nahrung zu lauern. Seesterne, Seeigel und Haarsterne mit nach unten gerichtetem Munde belebten den See, in dem die von Holm vermuteten Holothurien sich ebenfalls in reicher Anzahl und mannigfaltigen Arten vorfanden. Sie alle ließen es sich wohl sein unter dem Schutze des Korallenriffes, das sie vor der Vernichtung durch die Wellen des Meeres bewahrte, indem es einen festen Wall, gleichsam eine Schanze gegen das anstürmende Meer bildete.
»Hier in diesem glasklaren See wollen wir das seltsame Wesen der Seewalzen beobachten,« sagte Holm, »und dann nach Herzenslust fischen. Seht hier die violette Seewalze, wer hat Lust, sie zu ergreifen?«
Kaum hatte Holm die Frage getan, als auch schon Hans sich niederbeugte und die lange Seewalze mit festem Griff der Hand umklammerte. Nun aber ereignete sich etwas sehr Seltsames.
Kaum bemerkte die Seewalze, daß ein Feind sie gepackt hielt, als sie sich krampfhaft zusammenzog und durch den Mund ihre sämtlichen Eingeweide ausspie. Hans kümmerte sich jedoch nicht darum, daß das Tier ihn mit seinem klebrigen, anhaftenden Inhalt besudelt hatte, sondern suchte seine Beute aufs Trockene zu bringen, aber dies Vorhaben wurde ihm von dem Tiere gründlich vereitelt, denn es schnürte sich ein und teilte sich in mehrere Enden, als wenn es eine Wurst wäre, die der Metzger durch Abdrehen in mehrere Teile zerteilt hätte. Nur ein Stückchen Haut behielt er in der Hand. »Sieh einer doch solche Bosheit,« rief er, »das Tier vierteilt sich selbst, um der Gefangenschaft zu entgehen.«
»Es schnürt sich ab bis auf den Kopfteil,« sagte Holm. »Dort liegt ein ringförmiger Nerv, und so lange dieser unzerlegt bleibt, ist es der Seewalze möglich, wieder nachzuwachsen. Die Zerstörung durch freiwillige Abschnürung geht bei einigen Arten so weit, daß noch kein Naturforscher sich rühmen konnte, ein vollständiges Exemplar aus dem Meere heraufgeholt zu haben.«
»Aber warum übt es solche Selbstverstümmlung aus?« fragte Hans.
»Diese Abschnürung ist ein wunderbares Auskunftsmittel, um bei der gänzlichen Widerstandslosigkeit gegen Angriff und Verfolgung wenigstens das Leben zu retten. Selbst im Rachen eines gierigen Räubers vermag die Seewalze sich in zwei Hälften zu teilen, deren eine sie als wertlos dem Feinde überläßt, während das Kopfende das Meer zu erreichen sucht, um auf dem Grunde desselben einen Ruheplatz zum Neuwachstum und Ersatz des preisgegebenen Körpers zu suchen. Selbstwillige Zerstörung und rasches Wiederherstellungsvermögen sind es, die bei der Seewalze die Verrichtung eigentlicher Verteidigungsorgane höherer Tiere ersetzen.«
»Wir wollen uns jedoch durch dieses Gebaren der Seewalzen nicht beirren lassen, sondern so viele Bruchstücke derselben zu erlangen suchen, wie nur möglich, denn die übrigbleibende Haut liefert dem Mikroskopiker das Material zu Präparaten, die jedes Auge erfreuen.«
Es wurde nun eifrig Jagd auf Seewalzen gemacht, und die Stücke, welche nach der freiwilligen Vierteilung übrig blieben, wanderten nach Holms Anleitung in den Spiritusbehälter. Holm versprach den Knaben, während der nächsten Fahrt auf dem Schiffe ihnen die Wunder der Holothurienhaut unter dem Mikroskop zu zeigen.
Von den Papageifischen, die sich durch die Eigentümlichkeit ihres Gebisses ebensowohl auszeichnen als durch die Farbenpracht ihrer Schuppen, wurden mehrere Exemplare gefangen. Die Tiere, welche weder den Menschen noch das Netz kannten, waren mit leichter Mühe zu erlangen.
Holm fand an einer Stelle die rote Orgelkoralle, bei der die kalkigen Wohnungen der Einzeltiere als schlanke Röhren wie die Orgelpfeifen neben einander stehen. Auch die elegante Seefeder sowie der Neptunsfächer wurden erbeutet, zierliche Korallenstöcke, die sich ausnahmen wie Hutfedern oder wie riesige Fächer von bräunlicher, rötlicher und gelber Farbe.
Der Ausflug nach diesem kleinen Koralleneilande war ein überaus lohnender gewesen. »Wir wollen diesem Punkte im Ozean einen Namen geben,« schlug Hans vor. »Was meint ihr, wenn wir ihn »die Schatzkammer der Naturforscher« nennen.
Alle waren damit einverstanden, und als sie wieder an Bord waren, trug der Kapitän das Inselchen und seinen Namen in die Seekarte ein.
Das Schiff setzte seine Fahrt fort, bis endlich nach kaum drei Wochen die kleine, wenig bekannte Insel an der Nordküste Australiens erreicht war. Viele gefährliche Klippen starrten himmelhoch und von Brandungen umtobt den Seefahrern entgegen, viele stille Baien, anmutig in flaches, grünes Land verlaufend, schienen aber auch zur Einkehr zu locken, und als das Schiff langsam zwischen den Korallenfelsen hindurchlief, zeigten sich auch schon gleich beim ersten Erblicken des Innern die Bewohner vom Stamme der Papuas. Kleine, gedrungene Gestalten, die Weiber von ungeheurer Häßlichkeit, die Männer mit dick aufliegenden Stammesnarben geschmückt, rot und weiß angemalt, im Haar den gelben, dick mit Tran ausgestrichenen Ocker, beide Geschlechter aber bis auf den zerfaserten Grasgürtel der Frauen ganz wie Gott sie erschaffen, so standen die Wilden scharenweise am Ufer, vielleicht hoffend, daß das Schiff stranden und ihnen seine Eisenteile zum Verbrauch überlassen solle, jedenfalls aber ohne irgend eine böse Absicht, etwa einer Rinderherde gleich, die ahnungslos den Fremden an sich herankommen läßt, ihn kaum beachtend, gleichgültig und ruhig.
Hätten nicht diese schwarzen, schauderhaft beklecksten Gestalten deutlich den entlegenen Weltteil verraten, so würden sich unsere jungen Freunde nach Europa zurückversetzt geglaubt haben. Hohe, schlanke Nadelhölzer, besonders die prächtige Kaurifichte, spendeten kühlen Schatten, das Gewirre des Unterholzes und der Schlinggewächse fehlte gänzlich, den Boden bedeckte üppiges Gras, und aus seiner grünen Fülle hervor sah das bescheidene, deutsche Maßliebchen. Auch die parkartige Ähnlichkeit der Hölzer unter einander, die gleichmäßigen Stämme und die Einförmigkeit des ganzen Pflanzenwuchses erinnerten lebhaft an deutsche, stille Wälder mit ihrem Sonnenschein und ihrem tiefen, nur zuweilen durch Vogelstimmen unterbrochenen Frieden. Die Vogelwelt freilich bot wieder ganz fremde und noch dazu neue Erscheinungen, nämlich Strauße so klein wie Truthühner, aus Erdlöchern hervorsehend und schnell in dieselben zurückschlüpfend, Papageien und schöne Reiher, die an den Uferklippen ihrer Beute harrten.
Das Gesamtbild trug den Charakter des ländlichen Stilllebens. Als die Weißen ausgeschifft waren, kamen ihnen die Wilden vertraulich entgegen und betasteten sowohl ihre Anzüge als auch ihre Gesichter, wie um sich zu überzeugen, daß lebende Wesen dahinter steckten; sie lachten laut und ahmten nicht selten den Gang, die Haltung oder gar die Worte ihrer plötzlich erschienenen Gäste nach, was jedenfalls auf gänzliche Unbekanntschaft mit der weißen Menschenrasse schließen ließ. Ebenso vergeblich war es, ihnen in englischer Sprache irgend etwas zu sagen, sie verstanden davon keine Silbe, sondern lachten wie Kinder, denen das Fremde Spaß macht; viele von ihnen sprangen auch sogleich in das Wasser und versuchten es, den Dampfer zu erklettern, andere eilten zu ihren Booten und umfuhren das Schiff; nirgends aber trafen sie Vorkehrungen, den Weißen irgend etwas anzubieten; in dieser Beziehung standen sie offenbar ganz auf der niedrigsten menschlichen Stufe.
»Wir wollen doch die Insel durchwandern,« erklärte Holm, »unsere Zelte und Lebensmittel auf den Rücken nehmen und wie die Köhlerkinder des Märchens Zeichen in die Bäume hauen, um später den Rückweg wiederzufinden. Es ist gerade angenehm warm, der Boden nicht durch Hindernisse versperrt, die Tierwelt ungefährlich; also laßt uns sehen, ob denn tatsächlich keine feste Hütten vorhanden sind.«
Es wurde ein deutsches Lied angestimmt; im kräftigen Chor durchhallte das »Freiheit, die ich meine« den australischen Wald, und gefolgt von einer Menge schwarzer, arg bemalter und tätowierter Gestalten zogen unsere Freunde im hellsten Sonnenschein dahin, vergeblich ein Dorf oder eine Niederlassung suchend, vergeblich nach genießbaren Baumfrüchten ausspähend, vergeblich hinter jeder neuen Lichtung, jedem Busch oder Fluß bebaute Felder erwartend. Nur Fichten und Fichten, dazwischen der amerikanische Hickory, schönblühende Myrthaceen, Kasuarinen, sowie der Gummibaum mit seinen steifen, lederartigen, glanzlosen Blättern; aber nie Fruchtbäume. Am Boden blühten viele schöne Blumen, doch waren sie geruchlos und von großer Einförmigkeit der Erscheinung, den Tropen gegenüber geradezu ärmlich.
Dieser helle, lichte, sonnendurchschienene Wald wechselte stellenweise mit dem berüchtigten, australischen »Busch«, einer Wildnis von Dornen, Akazien, großen Immortellen und Protaceen, auf deren Boden kein Halm sproßte, die dagegen aber bewohnt waren und zwar von verschiedenen, meist unbedeutenden Tiergattungen, namentlich den Dingos (wilden Hunden) und den zahllosen größeren oder kleineren Beuteltieren, marderähnlichen Geschöpfen mit langem, buschigen Schwanz und dem bekannten, an der Unterseite des Körpers liegenden Hautbeutel, worin die Weibchen ihre Jungen tragen, bis dieselben ausgewachsen sind, und wohin diese selbst dann noch zurückkehren, wenn ihnen während ihrer ersten Jugend draußen irgend eine Gefahr droht.
Die behenden Tiere zeigten sich nie im Freien, sondern lugten aus den Erdlöchern der Buschpartieen vorsichtig herauf, um dann eben so schnell wieder zu verschwinden; sie ohne Hunde zu jagen, war ganz unmöglich. Holm postierte bei einer dieser Höhlen die jungen Leute so, daß ihnen das flüchtende Beuteltier jedenfalls zu Schuß kommen mußte; dann begann er selbst mit Hilfe des Malagaschen den Erdhügel oberhalb der Wohnung durch Axtschläge und Spatenstiche abzuräumen, während ein Trupp Wilder daneben stand und neugierig beobachtete, was die Weißen taten.
Zuweilen zeigte ein leises Geräusch unter der Erde, daß die Tiere höchst wahrscheinlich schon in Unruhe gerieten, daß ihnen vielleicht bröckelndes Gestein auf den Kopf fiel oder die Wahl zwischen Flucht und Tod ihren erschreckenden Einfluß ausübte; dann geschah etwas, worüber alle Weißen lachten, bis ihnen der Atem versagte. Das Männchen des Beuteltieres, der marderähnliche Rotschwanzbeutler, schoß mit einem plötzlichen, gewaltigen Sprung aus dem Eingang hervor; schon mochte er glauben, sich durch seine kecke Tat der Gefahr glücklich entzogen zu haben, als im selben Augenblick zwei Schüsse krachten und der schlanke, aufbäumende Körper sterbend zu Boden stürzte, – außer ihm, den die Kugeln durchbohrten, waren aber auch alle Wilden wie ein Haufen Kartenmännchen hingefallen und zumeist auf das Gesicht. Höchst wahrscheinlich hatten sie die Büchsen für Stöcke gehalten und waren bei dem doppelten Knall dermaßen erschrocken, daß ihr bißchen Nachdenken sie vollständig im Stich ließ, ja, daß sie die dämonischen Mächte ihrer dunklen, halbverworrenen Vorstellungen verkörpert vor sich zu sehen glaubten.
Es war komisch und bedauernswert zugleich, diese hingestreckten schwarzen Gestalten zu beobachten, wie sie, weit mehr Tier als Mensch, so hilflos dalagen, aller vernünftigen Vorstellung bar, außer sich vor Angst unter dem Eindruck eines Büchsenschusses; der Doktor ging von einem zum andern, sprach hier deutsch und dort jenes fabelhafte Etwas, das er englisch nannte; er versuchte auch, die rotbemalten Schultern aufzuheben und riskierte endlich sogar einen zornigen Befehl, aber das alles half nichts, bis Holm vorschlug, es mit einem andern Verfahren zu probieren. »Zeigen Sie einmal die Knöpfe und Metallringe, welche wir mitgebracht haben, Doktor,« riet er.
Und das half über Erwarten. Der alte Herr setzte sich auf eine Erhöhung des Weges, in seiner Hand glänzten allerlei Spielereien, womit in zivilisierten Ländern kleine Kinder belustigt werden, – und siehe da, Kopf nach Kopf tauchten aus dem Gras die schwarzen Gesichter herauf. Hier erhob sich vorsichtig eine Gestalt, deren Ocker und Mennig den Boden klumpenmeise färbte, hier rang sich ein Laut des Entzückens von den schnalzenden Lippen einer Frau, dort flüsterten Kinder, unfähig, dem erwachten Verlangen zu widerstehen.